Da sagte Onne: »Oh, du gesegnetes Kind.«

Mit der Erinnerung an diese Worte der alten Frau kam Anje der Gedanke an

die Nacht, die für Onne unaufhörlich herrschte. Sie schritt langsam

weiter durch das Schilf, das flüsterte, wenn sie es berührte, und oft

glänzte ein Sonnenblick durch das bunte Laub nieder, in ihren blonden

Haaren auf. Anje gab ihrer plötzlichen Traurigkeit nach und weinte, ohne

ihr Gesicht zu verhüllen, sie schämte sich ihrer Tränen nicht vor der

Erde, die die Wiege des Todes und des Lebens zugleich ist. Dem Mädchen

war zumut, als wäre es mit einem heimlichen, wohltuenden Stolz

verbunden, zu wissen, wie schwer die Erde oft zu ertragen ist.

* * * * *

Fridlin verbrachte diesen Tag ruhlos im Wald. Ohne Nahrung und zu Tode

ermüdet, schweifte er in der Einöde umher, bald dieser, bald jener

seiner planlosen Eingebungen gehorchend, aber ohne zu einem vernünftigen

Entschluß kommen zu können, bis ihn im Dickicht ein Schlaf überwältigte,

der einer Ohnmacht gleichkam. Im Traum führte er seine Absichten aus,

bald die eine, bald die andere, er stand vor dem Förster und beichtete

ihm das Geschehene, sorgsam bemüht, Gerom ins Unrecht zu setzen und den

Zwang von Pflicht und Selbsterhaltung darzustellen, der ihn getrieben

hatte zu töten. Gegen dieses Lächeln des Försters, das ihn als Antwort

traf, mußte es doch einen Einwand geben; woher wollte jener wissen oder

erweisen, was zu dieser Tat geführt hatte? Dann wieder suchte er im Wald

Anje, die er nun vom Zwang des väterlichen Willens befreit glaubte, und

fand sie im Grund jener aus Grün und Braun gewebten Tiefe der Waldferne

allein. Er eilte auf sie zu, und seine frohe Gewißheit, ihr nicht nur

alles erklären zu können, sondern auch ihre verzeihende und tröstende

Liebe zu finden, beflügelte seine Schritte. Aber die unhaltbare Ferne

entrückte ihm und mit ihr Anje, wie einst in Wirklichkeit, wenn er

hoffte, sie erreicht zu haben. Ihre Spur blieb im Licht und in der

Stille auf wunderbare Art zurück, zugleich ungreifbar und klar

geschieden, überall dem Vertrauten zugehörig und doch fremd, wie eine

Spur im Schnee.

Im Verlauf seines tiefen und doch ruhlosen Schlafs nahm es an finstern

Mächten zu, die ihn mehr und mehr zu bedrängen begannen. Sie waren ohne

greifbare Gestalt und nahten in gewaltigen Ballen heran, die sich

geräuschlos in furchtbarer Allmacht über ihn dahinwälzten. Es gab kein

Entrinnen, da die herannahenden Nächte, die kreisenden schwarzen Wolken

vergleichbar waren und das ganze All umfaßten, doch Raum auf seiner

Brust fanden, der sie zu entwachsen schienen und die sie zugleich

begruben. Als er von seinem eigenen Stöhnen erwachte, war es Nacht, er

riß die Augen auf und starrte um sich, ohne sich zurechtfinden zu

können. Seinen verfinsterten Sinnen war anfänglich nicht mehr erkennbar,

als daß jene düsteren Ballen, die ihn begruben, sich über ihm, in einem

merkwürdig weißen Licht verschwimmend, still angesammelt hatten. Es

waren die Baumkronen, unter denen er geschlafen hatte, im schrägen Licht

des Mondes, der aufgegangen war.

Er sprang jählings empor und stürmte mit vorgereckten Armen zwischen den

schwarzen Stämmen dahin, als gälte es, der Gefangenschaft der Bäume zu

entrinnen, einem unsicheren Lichtschein entgegen, der schwach in der

Ferne glomm. Dort flimmerte das ungewisse Himmelslicht an den Erlbüschen

und Weiden, an deren Wurzeln es sich in Wasserlachen spiegelte, im

Schwarzen und totenstill. Diese Ruhe lockte Fridlins fieberndes Blut,

sie versprach ihm Kühle und das Ende seiner Qual, die er kaum noch

erkannte, deren Wesen er in den Zerrüttungen seiner Sinne ahnte, wie

Schlafende eine herannahende Gefahr im Traum. Scheinbar schüchtern und

zweifelnd trat er bedächtig hinzu und sah das schwarze Wasser an. Sein

Spiegelbild bewegte sich darin, er fuhr voll Entsetzen zurück und reckte

die Hände nach unten hin gegen den morastigen Hauch aus, der dem

Moorwasser entströmte und dem tausendjährigen Schlamm.

In der kahlen Gabelung eines Weidenstumpfs über dem feuchten Grund

hockte ein graues Tier mit dem Gesicht eines kleinen alten Menschen. Es

war weich und farblos, mit breiten Schultern, in denen der Kopf

sanftmütig schaukelte. Das Gesicht lächelte mit matten Augen und

freundlich, und die Hände hingen schwächlich an den halb erhobenen Armen

nieder. Fridlin kannte dies Fabelwesen, das er zu erblicken glaubte, aus

seiner Kinderzeit her und wußte, daß es beim Herannahen bedrängter

Menschen für gewöhnlich flüchtete, um sich abwartend in die Gabelung

einer anderen Weide zu setzen. Es drückte die Köpfe ertrinkender

Menschen nieder, die in den Sumpf geraten waren.

Im Grunde zog es den Verlorenen in seiner Schreckensnacht zu einer

anderen Stätte hin, es war eine schmerzvolle Sucht, die als drängendes

Unterbewußtsein von Augenblick zu Augenblick an Macht über ihn gewann.

Als er diesem Drang endlich nachgab, lichteten sich die Verfinsterungen

seines Gemüts ein wenig, als ob sich mit seinem Gehorsam gegen dieses

Verlangen eine Erleichterung seiner Sinne verbände. Er fand die

Waldlichtung in kurzer Zeit, in der Geroms Leiche im Mondschein lag.

Dort erkannte er beim zögernden Hinzuschleichen zuerst nur eine dunkle,

unförmige Masse am Boden zwischen den Himbeersträuchern und versuchte

auf den Zehenspitzen und mit stockendem Atem, hinter den Büschen

stehend, die Formen des Körpers zu unterscheiden. Seine Vorsicht hatte

etwas sonderbar Kleinliches, er vermied die nassen Zweige und achtete

sorgsam darauf, kein Geräusch hervorzurufen.

Neben dem Toten, mitten im vollen Mond, saß das Anjekind mit gefalteten

Händen.

So hell das sinkende Gestirn immer noch schien, gab das nächtliche Licht

ihrer Gestalt doch etwas Unwirkliches, sie erschien in ihrer geraden

stillen Haltung wie eine zur Hälfte versunkene Statue, besonders weil

der Mond von hinten her auf ihren Körper schien und das eintönige dunkle

Grau ihrer Erscheinung in hellere Umrisse legte. Da ihr Haar gelöst war,

sah ihr Haupt in dieser Beleuchtung ungewöhnlich groß aus, es ruhte fast

unförmig, wie ein Tierkopf, auf den schmalen, lieblichen Schultern. Von

ihnen abwärts sanken die Linien der hängenden Arme gerade nieder, von

bleichem Licht eingerahmt, regungslos und doch von eindringlicher

Lebendigkeit. Fridlin erkannte lange nicht, worauf ihre Blicke gerichtet

waren, bis er, erstarrend vor Entsetzen, gewahr wurde, daß sie ihn

ansah.

Ihn befiel der Zweifel, ob er jemals von diesem Wesen etwas gewollt

hatte, das dort hockte und ihn mit seinen Blicken beherrschte. Was war

von ihr seiner armen Menschenhoffnung verbunden gewesen? Im Fieber

durchmaß sein Geist die Wegstrecke seines Lebens, die von der ersten

Begegnung im Sommergrün am Gurdelbach bis zu diesem nächtlichen

Waldplatz führte. Seine Sinne trieben ihn durch ein Chaos von unklaren

Vorstellungen dahin, wie aufgescheuchte Vögel durch staubigen Wind

getrieben werden, der ein herannahendes Ungewitter verkündet. Mit einer

übergroßen Ermüdung zugleich befiel ihn eine Kindertraurigkeit, so daß

er hätte still und in Rührung über sich selbst vor sich hinweinen

können. Er sagte laut:

»Ich bin unschuldig.«

Da erhob Anje sich rasch, es erschien deutlich so, als ob sie es in

einem fröhlichen Eifer täte; jetzt war sie es wieder selbst, wie ehedem,

Fridlin erkannte sie besser, als sie nun auf ihn zukam und mit der Hand

die Zweige der Sträucher zur Seite bog. Sie legte ihm den Arm um den

Nacken, so daß er im höchsten Erstaunen seinen Kopf etwas zurückbiegen

mußte, um sie ansehen zu können. Sein Mund öffnete sich etwas, und seine

aufgerissenen Augen starrten in Anjes bleiches Gesicht. Sie schmiegte

ihren Körper leicht an den seinen, so daß ihn ein rätselhafter Schauer

für einen Augenblick aus seinem Erstaunen zog, er empfand die weiche

Schmiegsamkeit dieses Körpers und einen Hauch, dem Geruch welkender

Blumen vergleichbar, der aus ihrem offenen Haar stieg. Dann sah er

ihren Mund, der mit geöffneten Lippen in einer wehmütigen Verzerrung

lächelte, und begriff, wie durch einen lauten Zuruf gewarnt, seinen Tod.

In der jähen abwehrenden Bewegung, die er mit einem leidenschaftlichen

Ruck machte, traf es ihn. Er sah noch, daß Anjes Kopf durch sein

Aufschrecken zurückgeworfen wurde und hatte die Empfindung, als hätte

ihre kleine Faust fest und aufgeregt in der Nähe des Herzens gegen seine

Brust geschlagen. Erst beim nächsten Atemzug begriff er, was ihm

geschehen war und sah hinab: merkwürdig plump und unwirklich hockte der

Griff des Jagdmessers ihm aufrecht am Rock, und nun ergriff es eisig das

Herz seines Lebens, zog ihn in einen süßlichen Taumel von Ohnmacht

hinein und schmerzvoll zu Boden nieder. Er starb rasch, weil sein Herz

durchstochen war, und unter Anjes Augen, einen betroffenen Widerspruch

und eine Frage in seinem übermüdeten Gesicht, ohne die Qual des Todes im

Bewußtsein gekostet zu haben. --

Der Mond sank tiefer herab, und die Waldungen der Einöde umdunkelten

sich mehr und mehr. Der Wind trieb nasse Nebelschwaden aus den Gründen

der Sümpfe in die Lichtung, jene Dünste, die den beklemmenden Geruch

wie von Teer und alter Erdnässe mit sich bringen, wie sie dem späten

Herbstland entsteigen. Nur die schweren Umrisse der Baumgruppen, die den

Augen am nächsten waren, blieben noch eine Weile kenntlich, während

schon nach einer kleinen Entfernung die fahlen Nachtschleier alles in

der einförmigen Ebene in eine unerforschliche Ausgeglichenheit betteten.

Die kreisende Erde setzte unermüdlich ihre Reise fort, mit den toten,

den lebendigen und den heraufdrängenden Wesen der Natur.

Das Anjekind: Eine Erzählung · 第 17 / 20 题