Anje schritt in der Frische des Herbstmorgens, an jenem Tage, dessen
Beginn Geroms Augen noch empfunden hatten, durch den Wald. Sie wählte
den Weg, der im Schilf des Gurdelbachs entlang in die Weiden führte,
bald an Tannen vorüber, bald am Altwasser dahin.
Ein Zweig mit roten Beeren hing in der Morgensonne über dem Wasser, das
Leuchten der herrlichen Farbe im Sonnenschein zog Anjes Blick an, sie
blieb stehn und betrachtete die begrünten Ufer, über deren Pflanzen die
unschuldige Müdigkeit des Herbstes lag. Hier, im Frischen, schien der
Sommer noch nicht verdrängt, und doch kündigte der Wandel der Zeit sich
an, man fühlte ihn an der Art des Lichts, am Geruch der Luft und an
dieser glückvollen Müdigkeit, in der die Pflanzen, die ihr Wachstum
längst beendet hatten, sich neigten über das dahinziehende Wasser. Die
Bäume und Büsche bildeten hier eine natürliche Laube, die über dem Bach
gegen die Sonne geöffnet war, so daß Anje in der Walddämmerung stand und
dies strahlende bunte Blätterhaus mit seinem glitzernden Boden
bewunderte. Ihr Glück war so groß, als sähe sie dies alles zum ersten
Mal, vielleicht war es das herrliche Rot der kleinen Beeren über der
Flut, das ihr das Bild der Natur so wunderbar erneuerte. Es schien, als
läge über den Pflanzen am Ufer die Erinnerung an das leidenschaftliche
Blühn des Frühlings, an die Gestilltheit und Fülle des warmen Sommers,
und ein Abglanz des Friedens, der ihrer im nahenden Winter harrte, und
die kleine Anje begriff über ihrer Freude an beidem, am Sein und Ruhn,
daß das Leben und der Tod nur Zeichen einer beständigen Herrlichkeit
sein mußten, die höher als ihr Erkennen war. Sie hatte einst durch Onne
vom Dasein Gottes erfahren, als vom Schöpfer der Welt und als vom
Herzschlag der lebendigen Natur.
Sein Dasein war ihr selbstverständlich erschienen, wie das Dasein ihres
leiblichen Vaters, ihr Herz kannte noch keinen Zweifel, weil es keine
Schuld kannte, und weil sie der Schöpferkraft Gottes auch ihr Dasein
verdankte, so wie es war. Ihr Vertrauen zu Gott zeigte sich in der
Dankbarkeit, in der sie seine Welt bewohnte, und ihr Glaube erwies sich
in ihrer Freude daran.
Als die alte Onne, bekümmert durch ihre Lebensmüdigkeit, Anje einmal von
der Schuld der Menschheit gegen Gott gesprochen hatte, war aus Anjes
Kindermund die seltsame Antwort gekommen:
»So wird Gott die Schuld gutmachen.«
Aus den Augen der alten Frau brach ein Leuchten, dem plötzlich Tränen
folgten, die es verlöschten, aber unverwandt blieben die Augen auf Anjes
Angesicht haften, wie im Bann einer wunderbaren Erscheinung, und mit
bebender Stimme rief Onne:
»Er ist gekommen und hat es getan!«
»Warum weinst du?« fragte Anje.