Vierzehntes Kapitel

Zwei Tage nach diesen Ereignissen erhielt das Forsthaus der Dachenau

einen ungewöhnlichen Besuch; es war Hirte, der in einem traurigen

Zustand vor der Gartentür anlangte und hineinzukommen versuchte. Die

Jagdhunde des Försters erschwerten ihm sein Vorhaben nach Kräften und im

besten Glauben, ihren Verpflichtungen nachzukommen, so daß Hirte

gezwungen war, sich bis zur Ankunft eines Menschen im Gebüsch zu

verbergen, wo er sich in das welke Laub legte und wartete. Er leckte den

weißen Reif von den braunen, gekrümmten Blättern, weil er durstig war,

und zitterte vor Hunger und Kälte, denn in dieser Nacht waren die ersten

Fröste niedergegangen, und schon den ganzen Morgen über rauschte, wie

ein bunter Regen, überall das Laubwerk zu Boden.

Als der Förster erschien, wagte Hirte sich aus seinem Versteck hervor,

und wie er es erhofft hatte, wurden die beiden Jagdhunde sogleich

zurückgerufen, als sie ihn durch ihren Zorn verrieten. Der Förster trat

hinzu und zog die Brauen hoch, als seine Blicke über den armen Hirte

hinglitten, dessen Zustand bejammernswert war. Er schien sich kaum auf

den Beinen halten zu können, und sein nasses ruppiges Fell sah aus, als

ob es zerfetzt und durchlöchert wäre. Aber Hirte schämte sich seines

Zustands nicht, er nahm auch keine Nahrung an, obgleich er so von

Kräften war, daß ihm das Laufen Mühe machte. Er war glücklich, einen

Menschen gefunden zu haben, und mit seinen nachdenklichen Augen, die nie

anders als traurig dreinschauen konnten, lief er ein Stückchen in den

Wald, kehrte um, suchte die Blicke des Försters und verschwand wieder im

Wald.

Da nahm der alte Mann mit ernstem Gesicht seine Jagdbüchse über die

Schulter, schloß seine eigenen Hunde im Hofe an und folgte Hirte. Auf

dem langen Weg, der bald durch unsicheres Gelände, bald durch Wald und

Erlendickicht führte, überkam den Förster eine immer größere Besorgnis,

die sich langsam zur Angst steigerte, je unermüdlicher Hirte zur Eile

anzutreiben schien. Das häßliche Tier, dessen Eifer mit seiner letzten

Körperkraft rang, rührte ihn so tief, daß er mit einer ganz ungewohnten

Bewegung kämpfte. Als der Hund wieder bei ihm anlangte, beugte er sich

nieder und klopfte liebevoll den mageren Rücken und streichelte den

unschönen Kopf, der seine Gedanken nicht verraten konnte und unter dem

ein Herz aus verborgenen Gründen her ein unerforschbares Liebeslicht in

die matten Augen schickte. Sie hatten nun die alte Landstraße längst

überschritten.

»Hirte,« sagte er, »Hirte, was ist denn geschehen?«

Das Tier entzog sich seiner Liebkosung ohne Erkenntlichkeit und eilte

wieder voraus. Oft, wenn ein Hindernis dem Alten den Weg erschwerte,

stand Hirte drüben und sah aufmerksam zu. Er bändigte seine Ungeduld,

und es erschien fast, als riete er zur Vorsicht.

Der Förster wußte, daß Fridlin nun schon die zweite Nacht nicht in die

Dachenau zurückgekehrt war, und wenn er nicht erbittert auf den jungen

Menschen gewesen wäre, so hätte er sicher Nachforschungen anstellen

lassen. Vor ihm verschwand Hirte in einer Lichtung zwischen

Himbeerbüschen und kam nicht mehr zurück. Der Alte schüttelte den Kopf

und stolperte eilig über den unebenen Grund voran, dieser Ort lag wohl

eine Stunde von Geroms Blockhaus entfernt. Da sah er die großen, dunklen

Flecke durch das Gezweig, zwei, drei, und zwischen ihnen bewegte sich

der braune Hirte, um sich dann niederzulegen.

Der alte Mann reckte die Arme gegen das Bild aus, das sich ihm darbot.

»In meinen alten Tagen soll ich es sehen ...«, stammelte er und stand

still da, als wäre die unbeschreibliche Erstarrung auch über ihn

gekommen, die über den stillen Menschen vor ihm lag. Aus einem Busch,

dicht zu seiner Seite, sahen ihn trüb und hell die gebrochenen Augen

seines jungen Gehilfen aus einem weißen Gesicht an. Der Kopf war

zurückgeworfen und hatte keinen Halt, er hing leblos nieder, mit Reif

auf der Stirn, und diese ihres Lebens beraubten Augen spiegelten den

großen leeren Himmel, der sich grau und kalt, wie eine letzte Hoffnung,

über der verlassenen Erde ausspannte. Aus der Brust des Toten starrte

der Knauf eines Jagdmessers, der aus Hirschhorn geschnitzt war, und

rätselhaft zärtlich ruhte die erkaltete Hand daneben, wie die blutlosen

Hände der Märtyrer in Verzücktheit das erleuchtete Herz der Brust zu

schützen scheinen.

Dem Toten gegenüber erkannte er die derbe Gestalt des Einsiedlers Gerom

an dem großen grauen Bart, der die halbe Brust verdeckte. Auch Gerom war

tot, seine Augen waren geschlossen, und der Reif der Nacht glitzerte auf

den Lidern, wie er auf den Halmen und Steinen umher und auf den welken

Blättern glitzerte. An seine Seite geschmiegt lag sein Kind. Anjes Arm

war von unten her um den Hals ihres Vaters geschlungen, so daß sein

Haupt an ihrer Schulter ruhte, und sie hatte ihre Wange an seine

gepreßt. In einer Gebärde von Frömmigkeit, die hilflos und

unaussprechlich liebreich war, war ihr nur dürftig bekleideter Körper an

den seinen angedrückt, sie deckte ihn spärlich mit ihren zarten

Gliedern, und der Ausdruck ihres Gesichts war von abweisender

Bitterkeit.

Da sah der Förster, der sich bisher nicht zu rühren gewagt hatte, daß

ein kaum spürbarer, feiner Hauch aus ihrem Mund in die kalte Morgenluft

emporstieg, und von wilder Freude und Angst emporgerissen, stieß er

einen rauhen Schrei aus, der so unbeherrscht war wie sein jäher Sprung

zu den Beiden hinüber.

»Kleine!« rief er. »Anje! Anjekind!«

Sie rührte sich nicht. Es erschien ihm nur, als ob ihr Arm, der den

Vater hielt, eine schwache Regung zeigte, in der er sich fester um den

erstarrten Hals legte. Da warf der Zitternde seinen groben Rock ab, riß

sein Tuch vom Hals und hob das Mädchen behutsam vom nassen Boden auf. Er

schien alles andere um sich her vergessen zu haben, und das Grauen, das

von den Toten ausging, berührte ihn nicht mehr, vor Freude bebend hüllte

er Anje in das derbe Tuch seines Rocks. Wie kühl und leicht ihr

schlanker Körper war. Seine Augen gingen ihm vor Erbarmen über, als er

die erstarrten Glieder des Kindes an ihren leblosen Körper legte. So hob

er sie auf seine Arme und eilte mit großen Schritten davon, seine Last

so fest an sich pressend, wie ihre zarte Gestalt es ihm zu erlauben

schien, und den warmen Hauch seines Mundes auf dem nassen bleichen

Angesicht an seiner Brust.

So sah er im Davoneilen nicht, daß Hirte sich erhob und Miene machte,

ihm zu folgen, aber er hatte nicht die Kraft dazu. Er machte ein paar

Schritte, zögerte und sah den Beiden nach, die bald zwischen den

Baumstämmen verschwunden waren. Die braunen Augen unter den Stirnfalten

sahen Anje nach, solange er noch eine Bewegung in der Ferne wahrnahm,

dann kehrte er um, legte sich neben Gerom auf den Boden, den großen Kopf

auf den Vorderfüßen, und schloß die Augen.

* * * * *

Anje hatte von aller Fürsorge der erschütterten Menschen, die sie in ihr

Haus aufnahmen, nichts empfunden. Die beiden kalten Nächte und ein

langer, grauer Tag, die sie wie in einem Zustand der Betäubung mit ihren

Schmerzen zugebracht hatte, waren stärker gewesen als der ohnmächtige

Widerstand ihrer Seele, die keine andere menschliche Zuflucht kannte als

das Herz ihres Vaters. --

Nun erwachte sie in der ruhigen Nacht und schlug ihre Augen auf. Sie

erblickte ein großes, fremdes Zimmer, das in sanftem Licht erglänzte,

aber sie erkannte nicht, daß es Licht vom Mond war. Sie lag in einem

breiten Bett, dessen Leinen duftete, und man hatte ihr ein weißes Kleid

angezogen, das ihr kühl und schwer erschien, aber so rein wie Schnee.

Alles umher, wie auch der Atem ihrer Brust, war unendlich leicht und

frei, sie glaubte zu träumen und versuchte sich zu besinnen. Aber durch

ihr Gemüt zog nur der geheimnisvolle Beginn ihres kleinen Buchs, als

erinnerte ihre Hoffnung sich. »Um das weiße Schloß flogen in der

Abendsonne die Schwalben, es lag auf ebenem Gefilde, frei im weiten

Land ...«

Durch das unverhangene Fenster sank der Mondschein so hell in den

stillen Raum, daß Anje an der Wand zwei Bilder erkannte, die Begebnisse

auf der Jagd darstellten, eilende Menschen, gefleckte Hunde und einen

sinkenden Hirsch, der am Rande des Wassers in die Knie gebrochen war.

Dazwischen hing das Bildwerk eines Mannes, der mit ausgebreiteten Armen

an zwei Balken schwebte, die ein Kreuz bildeten, sein Kopf hing zwischen

den Schultern herab und trug einen rauhen Kranz, der seine Stirn

verwundet hatte. Anje versuchte sich aufzurichten, aber auch so erkannte

sie mit Erschrecken, daß die Hände und Füße des Mannes mit Nägeln an das

Holz geschlagen waren. Das Blut troff dunkel daran nieder, und sein

gemarterter Leib wand sich, wie in großen Schmerzen, zur Seite.

Anje begriff nicht, was dies Bildnis großer Menschengrausamkeit in

diesem Raum bedeuten sollte, ein kaltes Entsetzen schüttelte sie

barmherzig in ihr Fieber zurück, aus dem sie kaum erwacht war, und die

aus einem finsteren Reich auftauchende Ahnung an eine große Traurigkeit,

die sie nicht hatte ertragen können. Ihre Sinne versanken aufs neue in

die Dämmerung des Schlafs, und lautlos brach die gnädige Nacht über sie

herein.

Aber es träumte sie, daß die Tür sich öffnete und Onne über die Schwelle

trat, um sie zu fragen, ob sie in den Wald zurückwollte. Sie sprang

jubelnd auf, und der Sonnenschein begegnete ihnen, das Glitzern des

Morgens an den Pflanzen und das Rauschen der Bäume im Wind. Mit seligem

Eifer eilte sie voran, der blaue Himmel erstrahlte im grünen

Waldfrieden, und das Wasser des Gurdelbachs zog, bald feierlich, bald

leise plätschernd, über dunklen Grund. Am Ufer schaukelte das Schilf,

von dessen geneigten Blättern die Libellen sich in die durchschienene

Luft erhoben, und der Kuckuck rief aus den Birkengründen. Sie trug

wieder ihren grauen Kittel, und die warme Herrlichkeit ihrer

Kinderfreiheit umfing sie.

Aber da sank, wie eine uralte Erinnerung der Erde, die Liebesangst in

ihr Herz, sie wandte sich an Onne und fragte schüchtern:

»Führst du mich zum Vater?«

Onne erhob ihren Stock und neigte sich ein wenig vor, und auch Anje

senkte den Kopf und lauschte, denn sie fühlte, daß etwas geschehen

sollte. Da vernahm sie aus der Ferne die Axtschläge ihres Vaters im

Wald, und warf jauchzend ihre Arme empor. Sie stürmte ihrem Vater durch

die grüne Sonnenherrlichkeit entgegen.

Als die besorgten Menschen mit dem hereinbrechenden Tag in das Zimmer

kamen, in welchem Anje schlief, war das Kind gestorben. Auf seinem

Angesicht lag ein Lächeln von solcher Glückseligkeit, daß alle, die es

sahen, hinausgingen und weinten.

_Ende_

Das Anjekind: Eine Erzählung · 第 18 / 20 题