Ein Herbstmorgen dämmerte herauf, Gerom kniete auf dem schmalen Pfad
einer Waldlichtung zwischen Himbeersträuchern, mit einem erlegten
Rehbock beschäftigt. Das Tier blutete aus dem Maul, und der leblose Kopf
mit den gebrochenen Augen schlenkerte hin und her unter den Hantierungen
des Jägers und verstreute die Blutstropfen. Die vom Nebel dämmrige
Morgenluft befeuchtete die Büsche und das Gras, Geroms grauer Bart war
so naß wie seine Hände und das Fell des Rehs. Eine feine Wolke dampfte
an der Stelle empor, wo die beiden in der kühlen Morgenluft weilten, und
Geroms Gesicht hatte einen düsteren Ausdruck von Entschlossenheit, der
es stark und schön erscheinen ließ. Im Gebüsch kam ein Vogel an; er ließ
sich nieder, flog aber sogleich wieder davon, als habe das tote Waldtier
ihn erschreckt, das Reis der Himbeere schwankte leicht von seiner
Berührung, und ins Gras fielen Tropfen.
Als Gerom von seiner Hantierung einen Augenblick aufschaute, sah er auf
dem Pfad im Morgennebel Fridlin stehn.
So ungewiß die Umrisse dieser Gestalt sich aus dem grauen Dunst hoben,
so wenig ließ seine Haltung einen Zweifel über die Absichten zu, die ihn
an seinem Platz hielten. Gerom drehte sich langsam herum, ohne sich von
den Knien zu erheben, und wandte sich Fridlin voll zu, wobei er die
blutige Hand an die Stirn hob, um den Blick zu sichern. Seine Ruhe und
die Vorsicht seiner Bewegung erinnerte an ein Raubtier, das über seiner
Beute den Feind prüft, und das im Bewußtsein seines Rechtes oder seiner
Kraft handelt, nur seine Augen sahen besorgt und zornig drein, wie wohl
einer dreinschaun mag, der gefahrbringende Befugnisse in der Verwaltung
eines Unmündigen vermutet.
So geschah es, daß es eine Weile totenstill in der Waldlichtung blieb,
die nach Osten geöffnet war, so daß man den herannahenden Morgen im
weißen Licht über der Ebene im Nebel schimmern sah. Gerom machte eine
unwirsche Bewegung mit der Hand: »Geh deiner Wege«, sagte er barsch,
aber noch ehe er Fridlins Antwort recht verstanden hatte, empfand er aus
dem Ton seiner Stimme, daß ihm Gefahr drohte, und er reckte sich
ingrimmig auf, zog den Nacken ein, und seine Hände ballten sich zu
Fäusten, deren eine das blutige Messer hielt, er blieb aber noch auf den
Knien am Boden. Fridlin sagte beinahe leise, aber böse und entschieden:
»Laß den Bock und die Büchse, wo sie liegen, und geh du.«
Gerom verstand nur so viel, daß dieser Bursche, der Anje nachstellte und
dem er sein Haus verwiesen hatte, ihm kraft seines Amtes zu drohn wagte.
Ein geduldetes Unrecht verwandelt sich im Bewußtsein bald in ein Recht,
so daß Gerom um so heißer in Zorn geriet, als er sich in einem längst
erwiesenen Anspruch beeinträchtigt sah und kein Schuldbewußtsein
empfand. Fridlin war um einige große Schritte näher getreten, nun
erkannte Gerom den Haß, der das Gesicht seines Gegners entstellte. Ach,
du bist es, dachte er, als sähe er einen ganz neuen Menschen vor sich.
Darüber schwand seine Sorge, da es galt sich zu bewähren, er lachte aber
nur herausfordernd auf, wandte sich ab und beugte sich wieder über das
erbeutete Tier. Da erklang Fridlins Stimme in tödlicher Gereiztheit und
fast geschluchzt:
»Du kannst von deiner Gewohnheit zu morden nicht lassen, Alter, aber
jetzt ist es genug. Deine Waffe und das Wild sind mein, dafür behalt
deine Schande und dein Kind, das aus ihr gekommen ist, und dein Leben,
wenn du magst.«
»Leg dein Spielzeug fort, Bursche«, antwortete Gerom langsam, aber mit
ruhiger Stimme, die die dunkle Ahnung von einer nahenden Wandlung
bewegte. Aber diese Betroffenheit war nur von kurzer Dauer, es befiel
ihn darüber ein Grimm, der wie mit roten Nebeln seine Blicke
verschleierte.
»Glaubst du, junger Hund, ich fürchtete dich?« fragte er und erhob sich
wie ein Bär vom Grund; im Gesträuch, dicht neben ihm, lehnte seine
Jagdbüchse. Er machte den Schritt dorthin in einem ungelenken Satz und
in halb gebückter Haltung, in scheinbarer Unsicherheit, und sein rasch
und plump bewegter Körper bot auf diese Art ein schwer zu sicherndes
Ziel für den Gegner. Mit grimmigem Aufschrei ergriff er wie mit einem
Schlag seine Büchse, als ob er sie mit der Hand zerschmettern wollte.
Die mit großer Gewandtheit gepaarte Wildheit dieser Bewegung schüchterte
selbst Fridlin ein, obgleich es in seinem Willen lag, daß Gerom sich
seiner Waffe bemächtigen sollte.
Als jener nun in gebückter Haltung herumschnellte, feuerte Fridlin von
seinem ruhigen und aufrechten Stand aus seine Waffe ab, die mit einer
Kugel geladen war, und durchschoß Geroms Brust. Der alte Mann sank mit
einer täppischen Bewegung zu Boden, wobei er das Gewehr fahren lassen
mußte, um seinen Körper zu stützen, und der Ausdruck seines Gesichts war
darüber einen Augenblick voll Verlegenheit, als schämte er sich und als
unterdrückte er ein eiliges Wort der Erklärung. Aber dann riß ihn ein
wütender Lebenswille zusammen, und er raffte sich steil auf die Knie
empor, ließ sein Blut aus dem Mund rinnen, wie es wollte, und hob die
Jagdbüchse gegen Fridlin.
Der junge Mensch war mit zwei raschen Schritten hinzugesprungen und
stand nun dicht vor dem tödlich verwundeten Mann. Zwei weitaufgerissene
blaue Augen, aus denen eine unwirkliche Lebenshelligkeit flackerte,
bemächtigten sich seiner in furchtbarer Anklage. Das Blut, das aus den
Mundwinkeln troff, entfärbte sich in dem grauen Bart, zog dunkle
Rinnsale herein und klebte die Haare an das Tuch des Rocks, dabei sank
der große Kopf herab und arbeitete sich, nach rechts und links wankend,
mühselig wieder empor, wobei Gerom das Blut zu schlucken sich bemühte.
Als er nach einer krampfhaften Bemühung Halt gewann, richtete er die
Büchse ohne Schwanken auf Fridlin, ließ sie aber plötzlich mit einem
schweren Lächeln sinken und schüttelte den Kopf. Er hatte neben dem
jungen Menschen, der bewegungslos dastand und sein Teil zu erwarten
schien, die Waldferne im Nebel gesehn, die sich unter den Bäumen im
Morgenwind gelichtet hatte. Es strahlte ihm friedsam auf diesem Wege
entgegen, ein freundlicher Schein von Genügen und geduldigem Glück, und
was den Rest seines Lebens hindurch seine Stillung gewesen war, überwand
ihn in diesem furchtbaren Augenblick zu einem guten Beschluß.
»Armer Hund«, sagte er mit einem Gurgeln in der ersterbenden Stimme zu
Fridlin, ließ die Jagdbüchse ins Gras fallen und ergab sich seinem
Schicksal, indem er sich sinken ließ und sich beinahe demütig an den
Erdboden drückte. Er legte die große Hand, die einst Angelika geschirmt
und getragen hatte, die später ihren Geliebten erwürgt und die viel
später auf Anjes Haar geruht hatte, auf die Wunde seiner lebendigen
Brust und ließ den Tod herannahn, wie er wollte.
Fridlin beugte sich in fassungslosem Entsetzen vor. Nun, da Gerom dem
Tod sein Recht ließ, begriff er, daß er ihn heraufbeschworen hatte und
daß er selbst lebte. Seinem zerstörten Gemüt drängte sich ungewollt der
Wunsch auf, von seiner Verpflichtung zu reden, es klang närrisch und
armselig, als er zu stammeln begann: »Du hättest das Wild lassen sollen,
Alter ...« Er verstummte und schluchzte trocken auf. Mit seiner
Erkenntnis, daß nun in dieser Waldlichtung ein anderer seine Herrschaft
angetreten hatte, überflutete das würgende Graun vor diesem Allmächtigen
seinen Geist; mit einem Aufschrei aus dem Grund seiner armen gequälten
Seele sprang er auf und lief davon, ohne zu erkennen, daß er es tat,
ohne zu wissen, wohin es ihn trieb. Unter den Bäumen, an die er stieß,
schrie er: »Das Anjekind ist an dem Unheil schuld, das Anjekind ...«
Gerom vernahm nichts von diesen Worten, er wurde sich nach einer Weile,
bevor seine Sinne sich ganz umdunkelten, dessen bewußt, daß er nun
allein war, und daß er nicht mehr die Kräfte hatte, um sich
heimschleppen zu können. Seine Brust war durchschossen, ihm war, als
drängte die Morgenluft bis in die Kammern seines Herzens, erkühlend,
ausleerend. Seine Gedanken reihten sich um das Letzte, was er erblickte,
das war ein merkwürdig großer Zweig, der sich über seinen Augen im
weißlichen All gemächlich hin und her bewegte. In diesem weißlichen
Licht des Alls schwebte auch er selber, und sein Körper wurde ihm
leicht, als ob nun die Erde, die er im verschlossenen Gemüt auf seine
Art ertragen hatte, begänne ihn zu tragen. Seine erleichterten Gedanken
zogen ruhig durch sein Leben, dessen große Ereignisse sie zu verschmähn
schienen, wie auch das Durchlittene, das sein Dasein reich gemacht
hatte, so daß es war, als ob ein guter Geist ihm den Abschied vom
irdischen Dasein leicht machen wollte, dessen Inhalt die Schmerzen sind
und nicht das Genossene. Wie dunkle Felsen liegen sie im durchmessenen
Tal. Aber der befreiende Strom, der dem Sterbenden durch die Sinne zog,
setzte sich aus lichten Gestalten zusammen, die mit wunschlosem Lächeln
herangaukelten. Er erblickte den Fluß mit seinem Holzsteg, an dem er als
Knabe gefischt hatte, und die grüne Schilfwand des Ufers wurde vom
Wasser bestrichen, das die langen Gräser am Grund ins Schwanken brachte,
so daß es aussah, als schwämmen sie wehmütig gegen die Strömung. Er sah
ein Bildnis in nüchternen Farben, eine Mutter Gottes mit einem Kinde
darstellend, das an der Wand seines Kerkers gehangen hatte, und an
dessen Holzrahmen von unbekannter Hand Buchstaben in ein kleines Herz
eingezeichnet waren. Angelika ordnete Blumen in ein gläsernes Gefäß ein,
für dessen Gebrauch als Blumenbehälter man die Stiele kurz schneiden
mußte, sie lächelte auf ihre geheimnisvolle Art, die ins Unerreichbare
hinüberführte. Er sah dabei ununterbrochen, wie sich das dunkle Grau des
Zweiges über ihm im weißlichen All bewegte, und unterschied die Blätter
und verfolgte ihre geduldigen und langsamen Bewegungen in der nebligen
Morgenluft.
Plötzlich dachte er an Anje, das Kind, und begann sich auf dem Boden hin
und her zu werfen, so daß das Blut aus seiner Brust das niedergedrückte
Gras seines kalten Betts färbte. Seine Bewegungen waren nur noch schwach
und langsam, nur ihre weit ausholende Geste, wie er die Arme warf und
wie ihm die Stirn an den Boden schlug, verrieten seine innere Bewegung
und die Größe seiner Angst. Zuletzt tauchte aus den finsteren Wolken,
die sich über ihn dahinwälzten, wie eine beleuchtete Insel aus schwarzer
Meerfläche, das Bewußtsein auf, daß er Anje auf der Treppe begegnet war
und daß sie an seinem Hals gehangen hatte.
Nun war ihm, als käme Anje aus dem dämmrigen Braun und Grün der
Waldferne dahergeschritten, und sie legte ihre Hände auf seine Stirn. Es
war der Morgenwind, der es tat. Anje beugte sich über ihn und lächelte
froh, dies war die Sonne, die den Nebel aus der Lichtung vertrieben
hatte und strahlend in den frischen Wald schien. Anje legte Geroms Haupt
zurecht, daß es Ruhe haben sollte, und preßte dann ihre Hand fest auf
sein Herz, damit es nun stillstehen sollte. Es war der Tod, der es tat.