Zwölftes Kapitel

Ein Herbstmorgen dämmerte herauf, Gerom kniete auf dem schmalen Pfad

einer Waldlichtung zwischen Himbeersträuchern, mit einem erlegten

Rehbock beschäftigt. Das Tier blutete aus dem Maul, und der leblose Kopf

mit den gebrochenen Augen schlenkerte hin und her unter den Hantierungen

des Jägers und verstreute die Blutstropfen. Die vom Nebel dämmrige

Morgenluft befeuchtete die Büsche und das Gras, Geroms grauer Bart war

so naß wie seine Hände und das Fell des Rehs. Eine feine Wolke dampfte

an der Stelle empor, wo die beiden in der kühlen Morgenluft weilten, und

Geroms Gesicht hatte einen düsteren Ausdruck von Entschlossenheit, der

es stark und schön erscheinen ließ. Im Gebüsch kam ein Vogel an; er ließ

sich nieder, flog aber sogleich wieder davon, als habe das tote Waldtier

ihn erschreckt, das Reis der Himbeere schwankte leicht von seiner

Berührung, und ins Gras fielen Tropfen.

Als Gerom von seiner Hantierung einen Augenblick aufschaute, sah er auf

dem Pfad im Morgennebel Fridlin stehn.

So ungewiß die Umrisse dieser Gestalt sich aus dem grauen Dunst hoben,

so wenig ließ seine Haltung einen Zweifel über die Absichten zu, die ihn

an seinem Platz hielten. Gerom drehte sich langsam herum, ohne sich von

den Knien zu erheben, und wandte sich Fridlin voll zu, wobei er die

blutige Hand an die Stirn hob, um den Blick zu sichern. Seine Ruhe und

die Vorsicht seiner Bewegung erinnerte an ein Raubtier, das über seiner

Beute den Feind prüft, und das im Bewußtsein seines Rechtes oder seiner

Kraft handelt, nur seine Augen sahen besorgt und zornig drein, wie wohl

einer dreinschaun mag, der gefahrbringende Befugnisse in der Verwaltung

eines Unmündigen vermutet.

So geschah es, daß es eine Weile totenstill in der Waldlichtung blieb,

die nach Osten geöffnet war, so daß man den herannahenden Morgen im

weißen Licht über der Ebene im Nebel schimmern sah. Gerom machte eine

unwirsche Bewegung mit der Hand: »Geh deiner Wege«, sagte er barsch,

aber noch ehe er Fridlins Antwort recht verstanden hatte, empfand er aus

dem Ton seiner Stimme, daß ihm Gefahr drohte, und er reckte sich

ingrimmig auf, zog den Nacken ein, und seine Hände ballten sich zu

Fäusten, deren eine das blutige Messer hielt, er blieb aber noch auf den

Knien am Boden. Fridlin sagte beinahe leise, aber böse und entschieden:

»Laß den Bock und die Büchse, wo sie liegen, und geh du.«

Gerom verstand nur so viel, daß dieser Bursche, der Anje nachstellte und

dem er sein Haus verwiesen hatte, ihm kraft seines Amtes zu drohn wagte.

Ein geduldetes Unrecht verwandelt sich im Bewußtsein bald in ein Recht,

so daß Gerom um so heißer in Zorn geriet, als er sich in einem längst

erwiesenen Anspruch beeinträchtigt sah und kein Schuldbewußtsein

empfand. Fridlin war um einige große Schritte näher getreten, nun

erkannte Gerom den Haß, der das Gesicht seines Gegners entstellte. Ach,

du bist es, dachte er, als sähe er einen ganz neuen Menschen vor sich.

Darüber schwand seine Sorge, da es galt sich zu bewähren, er lachte aber

nur herausfordernd auf, wandte sich ab und beugte sich wieder über das

erbeutete Tier. Da erklang Fridlins Stimme in tödlicher Gereiztheit und

fast geschluchzt:

»Du kannst von deiner Gewohnheit zu morden nicht lassen, Alter, aber

jetzt ist es genug. Deine Waffe und das Wild sind mein, dafür behalt

deine Schande und dein Kind, das aus ihr gekommen ist, und dein Leben,

wenn du magst.«

»Leg dein Spielzeug fort, Bursche«, antwortete Gerom langsam, aber mit

ruhiger Stimme, die die dunkle Ahnung von einer nahenden Wandlung

bewegte. Aber diese Betroffenheit war nur von kurzer Dauer, es befiel

ihn darüber ein Grimm, der wie mit roten Nebeln seine Blicke

verschleierte.

»Glaubst du, junger Hund, ich fürchtete dich?« fragte er und erhob sich

wie ein Bär vom Grund; im Gesträuch, dicht neben ihm, lehnte seine

Jagdbüchse. Er machte den Schritt dorthin in einem ungelenken Satz und

in halb gebückter Haltung, in scheinbarer Unsicherheit, und sein rasch

und plump bewegter Körper bot auf diese Art ein schwer zu sicherndes

Ziel für den Gegner. Mit grimmigem Aufschrei ergriff er wie mit einem

Schlag seine Büchse, als ob er sie mit der Hand zerschmettern wollte.

Die mit großer Gewandtheit gepaarte Wildheit dieser Bewegung schüchterte

selbst Fridlin ein, obgleich es in seinem Willen lag, daß Gerom sich

seiner Waffe bemächtigen sollte.

Als jener nun in gebückter Haltung herumschnellte, feuerte Fridlin von

seinem ruhigen und aufrechten Stand aus seine Waffe ab, die mit einer

Kugel geladen war, und durchschoß Geroms Brust. Der alte Mann sank mit

einer täppischen Bewegung zu Boden, wobei er das Gewehr fahren lassen

mußte, um seinen Körper zu stützen, und der Ausdruck seines Gesichts war

darüber einen Augenblick voll Verlegenheit, als schämte er sich und als

unterdrückte er ein eiliges Wort der Erklärung. Aber dann riß ihn ein

wütender Lebenswille zusammen, und er raffte sich steil auf die Knie

empor, ließ sein Blut aus dem Mund rinnen, wie es wollte, und hob die

Jagdbüchse gegen Fridlin.

Der junge Mensch war mit zwei raschen Schritten hinzugesprungen und

stand nun dicht vor dem tödlich verwundeten Mann. Zwei weitaufgerissene

blaue Augen, aus denen eine unwirkliche Lebenshelligkeit flackerte,

bemächtigten sich seiner in furchtbarer Anklage. Das Blut, das aus den

Mundwinkeln troff, entfärbte sich in dem grauen Bart, zog dunkle

Rinnsale herein und klebte die Haare an das Tuch des Rocks, dabei sank

der große Kopf herab und arbeitete sich, nach rechts und links wankend,

mühselig wieder empor, wobei Gerom das Blut zu schlucken sich bemühte.

Als er nach einer krampfhaften Bemühung Halt gewann, richtete er die

Büchse ohne Schwanken auf Fridlin, ließ sie aber plötzlich mit einem

schweren Lächeln sinken und schüttelte den Kopf. Er hatte neben dem

jungen Menschen, der bewegungslos dastand und sein Teil zu erwarten

schien, die Waldferne im Nebel gesehn, die sich unter den Bäumen im

Morgenwind gelichtet hatte. Es strahlte ihm friedsam auf diesem Wege

entgegen, ein freundlicher Schein von Genügen und geduldigem Glück, und

was den Rest seines Lebens hindurch seine Stillung gewesen war, überwand

ihn in diesem furchtbaren Augenblick zu einem guten Beschluß.

»Armer Hund«, sagte er mit einem Gurgeln in der ersterbenden Stimme zu

Fridlin, ließ die Jagdbüchse ins Gras fallen und ergab sich seinem

Schicksal, indem er sich sinken ließ und sich beinahe demütig an den

Erdboden drückte. Er legte die große Hand, die einst Angelika geschirmt

und getragen hatte, die später ihren Geliebten erwürgt und die viel

später auf Anjes Haar geruht hatte, auf die Wunde seiner lebendigen

Brust und ließ den Tod herannahn, wie er wollte.

Fridlin beugte sich in fassungslosem Entsetzen vor. Nun, da Gerom dem

Tod sein Recht ließ, begriff er, daß er ihn heraufbeschworen hatte und

daß er selbst lebte. Seinem zerstörten Gemüt drängte sich ungewollt der

Wunsch auf, von seiner Verpflichtung zu reden, es klang närrisch und

armselig, als er zu stammeln begann: »Du hättest das Wild lassen sollen,

Alter ...« Er verstummte und schluchzte trocken auf. Mit seiner

Erkenntnis, daß nun in dieser Waldlichtung ein anderer seine Herrschaft

angetreten hatte, überflutete das würgende Graun vor diesem Allmächtigen

seinen Geist; mit einem Aufschrei aus dem Grund seiner armen gequälten

Seele sprang er auf und lief davon, ohne zu erkennen, daß er es tat,

ohne zu wissen, wohin es ihn trieb. Unter den Bäumen, an die er stieß,

schrie er: »Das Anjekind ist an dem Unheil schuld, das Anjekind ...«

Gerom vernahm nichts von diesen Worten, er wurde sich nach einer Weile,

bevor seine Sinne sich ganz umdunkelten, dessen bewußt, daß er nun

allein war, und daß er nicht mehr die Kräfte hatte, um sich

heimschleppen zu können. Seine Brust war durchschossen, ihm war, als

drängte die Morgenluft bis in die Kammern seines Herzens, erkühlend,

ausleerend. Seine Gedanken reihten sich um das Letzte, was er erblickte,

das war ein merkwürdig großer Zweig, der sich über seinen Augen im

weißlichen All gemächlich hin und her bewegte. In diesem weißlichen

Licht des Alls schwebte auch er selber, und sein Körper wurde ihm

leicht, als ob nun die Erde, die er im verschlossenen Gemüt auf seine

Art ertragen hatte, begänne ihn zu tragen. Seine erleichterten Gedanken

zogen ruhig durch sein Leben, dessen große Ereignisse sie zu verschmähn

schienen, wie auch das Durchlittene, das sein Dasein reich gemacht

hatte, so daß es war, als ob ein guter Geist ihm den Abschied vom

irdischen Dasein leicht machen wollte, dessen Inhalt die Schmerzen sind

und nicht das Genossene. Wie dunkle Felsen liegen sie im durchmessenen

Tal. Aber der befreiende Strom, der dem Sterbenden durch die Sinne zog,

setzte sich aus lichten Gestalten zusammen, die mit wunschlosem Lächeln

herangaukelten. Er erblickte den Fluß mit seinem Holzsteg, an dem er als

Knabe gefischt hatte, und die grüne Schilfwand des Ufers wurde vom

Wasser bestrichen, das die langen Gräser am Grund ins Schwanken brachte,

so daß es aussah, als schwämmen sie wehmütig gegen die Strömung. Er sah

ein Bildnis in nüchternen Farben, eine Mutter Gottes mit einem Kinde

darstellend, das an der Wand seines Kerkers gehangen hatte, und an

dessen Holzrahmen von unbekannter Hand Buchstaben in ein kleines Herz

eingezeichnet waren. Angelika ordnete Blumen in ein gläsernes Gefäß ein,

für dessen Gebrauch als Blumenbehälter man die Stiele kurz schneiden

mußte, sie lächelte auf ihre geheimnisvolle Art, die ins Unerreichbare

hinüberführte. Er sah dabei ununterbrochen, wie sich das dunkle Grau des

Zweiges über ihm im weißlichen All bewegte, und unterschied die Blätter

und verfolgte ihre geduldigen und langsamen Bewegungen in der nebligen

Morgenluft.

Plötzlich dachte er an Anje, das Kind, und begann sich auf dem Boden hin

und her zu werfen, so daß das Blut aus seiner Brust das niedergedrückte

Gras seines kalten Betts färbte. Seine Bewegungen waren nur noch schwach

und langsam, nur ihre weit ausholende Geste, wie er die Arme warf und

wie ihm die Stirn an den Boden schlug, verrieten seine innere Bewegung

und die Größe seiner Angst. Zuletzt tauchte aus den finsteren Wolken,

die sich über ihn dahinwälzten, wie eine beleuchtete Insel aus schwarzer

Meerfläche, das Bewußtsein auf, daß er Anje auf der Treppe begegnet war

und daß sie an seinem Hals gehangen hatte.

Nun war ihm, als käme Anje aus dem dämmrigen Braun und Grün der

Waldferne dahergeschritten, und sie legte ihre Hände auf seine Stirn. Es

war der Morgenwind, der es tat. Anje beugte sich über ihn und lächelte

froh, dies war die Sonne, die den Nebel aus der Lichtung vertrieben

hatte und strahlend in den frischen Wald schien. Anje legte Geroms Haupt

zurecht, daß es Ruhe haben sollte, und preßte dann ihre Hand fest auf

sein Herz, damit es nun stillstehen sollte. Es war der Tod, der es tat.

Das Anjekind: Eine Erzählung · 第 15 / 20 题