Am neuen Tag weckten die rötlichen Strahlen der Sonne Anje, sie schlug
ihre Augen auf, ohne sich zu regen, sie war in einem einzigen Augenblick
wach und sich ihres Daseins ohne Benommenheit bewußt, aber sie rührte
sich nicht, sondern blieb still so liegen, wie sie erwacht war, die eine
Hand auf ihrem Herzen und die andere unter dem Kopf. Der Morgen zog in
ihre Augen ein, mit dem kühlen Wind von den beschienenen Waldwipfeln und
der Frische der Wiesen. Das rote Licht an der Wand rührte sich still,
wie es draußen die Zweige der Bäume vor ihrem geöffneten Fenster taten,
und Hirte schlief an der Türschwelle.
Anje dachte an das traurige Gesicht Fridlins. Nicht an ihn selbst, und
kaum an das, was ihn um ihretwillen bewegen mochte, noch was seine
Ansprüche vor ihr sein könnten, sondern sie sah nur das bleiche,
abgemagerte Angesicht eines Menschen vor sich und dachte tief betroffen
und bekümmert darüber nach, daß in der Welt Kräfte herrschen müßten, die
solche Entstellung in die Züge der Menschen bringen konnten.
Es drängte sie, bald hinauszukommen in ihr vertrautes Land, fast empfand
sie eine Befürchtung, dort möchte sich mancherlei verändert haben. Hirte
erwachte durch ihre rasche Bewegung, erhob sich vorsichtig und reckte
sich, wobei er Anje ansah.
»Hirte, bleib hier«, sagte sie und schritt eilig die Treppe nieder.
Unten stand die Stubentür weit geöffnet, und die Sonne schien ins Haus.
Gerom war fort, er mußte nur ganz kurze Zeit geschlafen haben, denn er
kam von seinen nächtlichen Streifzügen für gewöhnlich erst in der
Morgendämmerung heim. Er hatte Anje Milch neben das große Brot auf den
Küchentisch gestellt und einige rotwangige Sommeräpfel, die noch naß vom
Tau waren. Anje trank nur die Milch, ihre Augen trennten sich nicht vom
Sonnenglanz, die Äpfel nahm sie nicht, aber sie legte sie beiseite,
damit ihr Vater nicht glauben möchte, sie habe seine Gabe verschmäht,
wenn er am Mittag vor ihr zurückkehrte.
Die Frische des Sommermorgens legte sich kühl auf Anjes Augen und Hände,
sie belebte das Blut, das vom gesunden Schlaf noch müde war und vertrieb
die bösen Gedanken. Im Gebüsch sang mit feiner Stimme eine Meise ihr
helles Lied, Anje blieb stehn, sah empor zu dem kleinen Tier und atmete
mit ihm die herrliche Luft und die unendliche Fülle des Lichts ein.
Als sie wieder dahinschritt, legten die Tropfen von den Gräsern sich auf
ihre nackten Füße und der Tau der Sträucher badete ihre Stirn, die
Pflanzen gaben ihr von der Überfülle ihrer Frische, stumm und freigebig,
aus ihrem lebendigen Glück. Als das Buschwerk sich lichtete und die
großen Stämme sich vom stillen Grund erhoben, breitete Anje ihre Arme
aus und rief die Bäume. Es kam sie im Dahinschreiten ein Taumeln an,
ihre junge Kraft wiegte und trug sie, so daß sie dahinzog wie die Vögel
durch die Luft oder wie die Fische durch ihr klares Wasser. Sie preßte
ihre Hände auf die Stelle ihrer Brust, unter der ihr Herz schlug, und
neigte sich, wie durch die Fülle des Lichts trunken gemacht, gegen die
strahlende Morgensonne, wie sie es von den Zweigen und Blumen im ersten
Wind gesehen hatte, der sich erhob, wenn die Sonne aufging. Das Lächeln,
das ihr kindliches Angesicht verklärte, war von unaussprechlicher
Traurigkeit, wie das Übermaß der Freude sie der Seele gibt.
Hier wuchs im Walde dichtes Moos, auf dessen dunkelgrünem Teppich die
Füße lautlos schritten und sanft gebettet wurden, und über ihr regten
sich die Wipfel unvernehmbar, die Blätter berührten einander oben in
ihrer freien Höhe, von der sie das Land überschauten.
Als Anje an die Moortümpel der Altwasser kam, sah sie im Sumpf eine
Giftschlange, die sich behaglich aus ihrem feuchten Versteck zu einem
beschienenen Erdflecken wand, der schon von der Sonne erwärmt worden
war. Das Mädchen verharrte lautlos auf ihrem Stand, in ihre hellen Augen
kam ein kaltes Licht, und ihr Gesicht zeichnete sich nun durch
entschlossene Härte aus. Dabei beobachtete sie die gelassenen Windungen
des gefährlichen Tiers mit gespannter Aufmerksamkeit. Es war seltsam
ergreifend zu betrachten, wie der nachgeschobene Teil des biegsamen
Körpers genau den Weg des vorangeglittenen Teils einhielt, so daß er wie
auf seiner eigenen Spur verschwand und so, daß seine Bewegungen in der
reglosen Umgebung kaum auffielen. Als das schön gezeichnete Tier den Ort
gewählt hatte, der ihm willkommen war, rollte es sich gemächlich langsam
zusammen. Der böse Kopf mit der spielenden Zunge hob sich blinzelnd
gegen das warme Licht, als prüfe es seine goldene Wohltat in feinem
Genuß, und dann ruhte ein rundes, zackig geschmücktes Ornament am Boden,
kaum von der Erdfarbe unterschieden und im Spiel des Sonnenlichts
geschützt.
Mit dem Ausdruck einer koboldhaften Bosheit im Gesicht zog Anje sich
langsam in den Schatten zurück, umschlich einen Schlehnbusch, um zur
Böschung des Wassers zu gelangen, und löste vorsichtig zwei Steine aus
dem Ufergrund. Dann warf sie ihren Kittel ab und wickelte ihn plump und
fest um ihre linke Hand, preßte damit den einen Stein an ihre Brust und
hob den anderen mit der rechten. So schlich sie langsam wieder hinzu und
faßte ihre Gegnerin fest ins Auge, es funkelte böse aus den grauen
Lichtgründen unter den feinen Brauen. Als sie so dicht herangelangt war,
daß nur noch drei Schritte sie von der Schlange trennten, wandte das
Tier mit einer kaum merkbaren Bewegung das platte Köpfchen und sah Anje
an. Die winzigen Äuglein waren von überraschender Wachheit, aufmerksam
und wild, wie auch die Augen ihrer Gegnerin. Es war ein Augenblick voll
mächtiger Anspannung und Anje wußte, daß sie nun keine Bewegung mehr
machen durfte. Aber sie fürchtete sich nicht, sondern ihre Sorge war
nur, die Feindin möchte ihr entgehen, so empfand sie auch ihren
ungeschützten Körper nur als von jeder Hemmung befreit und glühte vor
Gier, den tödlichen Wurf zu tun. Leise wog sie den Stein, aber ohne zu
zielen, denn sie wußte gut, daß die Augen ihrem Arm nur Dienste
leisteten und daß die geschwungene Hand ihr eigenes Geschick hatte.
Ihr Stein traf das gedämpfte, zackige Bunt in der Mitte, und nach dem
dumpfen Aufschlag begann ein lautloses Wälzen in einem rasch und
schmerzhaft gewundenen Knäuel. Das tödlich verwundete Tier bewegte sich
nicht mehr vom Fleck, es erschien, als suchte es in Todeswindungen einen
Weg zu sich selbst, als trachtete es sterbensgierig danach sich in den
Abgrund seiner eigenen Schmerzen zu wühlen.
Anje war einen Schritt näher getreten, hatte ihren Kittel fortgeworfen
und sich auf die Zehen erhoben. Unter den gewölbten Brauen senkten sich
ihre hellen Augenlider und ließen den Blick durch einen winzigen Spalt
zu der sterbenden Gegnerin nieder. Dabei hielt sie die Arme starr an den
Körper gepreßt, nur die bewegten Finger schienen, weit abgespreizt,
entfliehen zu wollen, und verrieten ihre innere Erregtheit. Sie drückte
ihre Knie dabei fest aneinander und ihre Lippen spielten im grausigen
und süßen Takt einer Sinnenfreude, die an der Grenze der Bewußtlosigkeit
flackerte.
Der Morgensonnenschein, bewegt durch die Blätter der Zweige, in denen er
einen Teil seines goldenen Glanzes hängen ließ, spielte in fühllosem
Frohsinn auf Anjes schimmernden Schultern und über den letzten Regungen
der sterbenden Schlange. Da rief ein Häher im nahen Busch und schoß mit
wenig Flügelschlägen über das Wasser des Gurdelbachs in die Birken. Anje
fuhr empor, wie aus dem Bann eines heißen Traums erwacht und ihre
erschrockenen Augen folgten dem Vogel. Sie atmete tief auf und lächelte
hilflos.
Da sah sie drüben am Ufer, dicht vor einer Krümmung des Bachs, Onne
unter den Bäumen, ihr rotes Kopftuch bewegte sich nahe über dem Boden
langsam voran. Anjes Angesicht hellte sich auf, sie schlüpfte rasch in
ihren Kittel, hob die Hände an den Mund und mit ihrer seltsam tiefen
Kinderstimme begann sie ihr Lied an den Morgenwind:
Du kommst über die Wiesen
zu mir in mein Haar,
Der Tau fällt nieder;
nun kommt die Sonne!
Drüben richtete Onne sich mühsam auf, sie suchte mit einer Hand Halt an
einem Baum und schützte mit der anderen ihre alten Augen. Ihr welkes
Gesicht erstrahlte, aber ehe sie noch eine Antwort geben konnte,
rauschte das Bachwasser sprühend auf, so daß der Sonnenschein über der
Flut, wie in hellem Schrecken, glitzernd emporsprang, und Anje stand vor
ihr und lachte glücklich.