Eines Nachts erwachte Anje und sah im Mondlicht ihren Vater aus der
Haustüre treten und den Himmel mustern. Er trug eine Jagdbüchse in der
hängenden Hand und ein Gewand, das ihn verjüngte und zugleich
entstellte. Hirte versuchte sich anzuschließen, aber er wurde
gleichgültig zurückgewiesen. Gerom schritt durch die Tannenbestände, am
Holzschuppen vorüber, den Niederungen des Gurdelbachs zu. Nur Anje
kannte, außer ihm, diesen Pfad, der für andere unzugänglich war, denn er
führte durch Sümpfe am Ufer eines Altwassers hin, man mußte über
gesunkene Baumstämme klettern und genau wissen über welche, da manche
von ihnen nachgaben und sanken.
Anje kannte keine Furcht um ihren Vater, aber sie schaute nachdenklich
in das Mondlicht hinaus, das ruhig, wie Schnee, auf dem niedrigen
Teerdach des Holzschuppens lag. Im Wald schimmerte es zwischen den
hohen Stämmen und wandelte ihre Größe in machtvolle Bedeutung um. In
blaugrauen Kuppeln schimmerte die feuchte Ferne, und ein Geruch von Teer
und Fäulnis schaukelte bald wärmer, bald kühler durch die Monddämmerung
heran. Ab und zu fiel ein Tropfen in das welke Bodenlaub.
Anje dachte an die große Welt, die außerhalb ihrer Stille im Wald, in
den Fernen war. »Um das weiße Schloß flogen in der Abendsonne die
Schwalben, es lag auf ebenem Gefilde, frei im weiten Land ...« Ihre
Gedanken beschäftigten sich ohne Verlangen mit den Dingen, die es außer
ihrer Waldheimat geben mußte, sie fühlte sich glücklich in der
Gewißheit, daß der Wandel der Menschen auf Erden reich und mannigfach
war. Sie holte ihr Buch herbei und ließ den Mond in seine Seiten
scheinen, ihre Augen ruhten ernst auf den Zeilen, die die unbekannten
Güter bargen und bewahrten; geheimnisvoll schwieg das Buch, wie draußen
der Wald.
Am Tage war Fridlin bei ihrem Vater gewesen. Sie hatte in den
vergangenen Wochen den jungen Mann oft im Walde getroffen, aber niemals
mit ihm gesprochen, obgleich sie fühlte, daß er es wollte. Er störte
sie und raubte ihr ihre Ruhe, aber sie verriet ihn nicht an ihren Vater.
Nun war er gekommen. Anfänglich klang nur seine Stimme, aufgeregt und
abgerissen, als müßte er um jedes Wort kämpfen, dann sprach ihr Vater,
und Fridlin schwieg, eingeschüchtert durch die derbe, harte Antwort. Sie
sah ihn hinausstürmen durch den Wald und wußte, daß er nicht wieder zu
ihrem Vater kommen würde.
Am Abend sah ihr Vater sie an. Alle Freude umnachtete sich ihr in der
Traurigkeit, die ihr in einem raschen Blick begegnete. In diesem Blick,
den Gerom nicht hatte sehen lassen wollen, kam die erste Ahnung des
Abschieds zu ihr in einer Bedrängnis von unendlicher Hoffnungslosigkeit.
Ihr war zum erstenmal in ihrem Leben, als ob es Gewalten auf der Erde
gäbe, denen keine Menschenkraft gewachsen ist, und sie mußte an den Tod
denken. Und doch lag im Gesicht ihres Vaters der Schein einer heimlichen
Gewißheit. Er sprach nicht mit ihr, obgleich sie es erwartet hatte, aber
da ihr gleichgültig war, was Fridlin gewollt haben konnte, wenn er nur
ihrem Vater kein Leid zugetragen hatte, fragte sie nicht und gab sich
zufrieden. Sie empfand, daß jene Traurigkeit, die aus seinen Augen ihr
Herz überströmt hatte, nicht durch Geschehnisse über ihn gekommen war,
die Menschen ändern können, sondern daß sie ein Teil des Lebens war und
auch ihrer wartete. Dem Ereignis des Tages aber galt das heimliche
Lächeln.
Da hörte sie aus der Nachtferne vom Weidensumpf her einen Schuß fallen
und gleich darauf einen zweiten. Es wehte sacht unter den Sternen her,
als atmete der Wald im Schlaf, dann vernahm sie Tritte im Laub, die der
Schreitende zu dämpfen suchte. Anje maß gelassen die Entfernung und die
Richtung und trat langsam aus dem Mondlicht ins Zimmer zurück. Sie
kannte die Schritte und Bewegungen des Herannahenden nicht, der noch
verborgen war.
Nach einer Weile trat Fridlin aus dem Wald in den Mondschein hinaus.
»Anje,« rief er, »Anje Gerom, hör mich an!«
Hirte schlug an und arbeitete aufgeregt an der Tür. Mit einem trotzigen
Ruck griff Fridlin an den Hirschfänger.
»Anje,« rief er, »hör mich! Bist du im Haus, Anje?«
Er sprach mit heißer Stimme, die voller Verzweiflung erklang, es blieb
ganz ruhig umher und im Haus, bis sich draußen die rauhe Stimme wieder
erhob, bald verwundert, bald böse und wild. Es kam keine Antwort, denn
Anje war an die Tür hinuntergeschlichen, um Hirte zu beruhigen, sie saß
neben ihm im dunklen Haus auf der Schwelle zu Geroms Wohnraum und
streichelte den gelben Kopf des Hundes.
»Du mußt still sein, Hirte, der Mann vor dem Haus wird uns nichts Böses
zufügen, er geht bald wieder fort.«
Sie hielt ihre Hand in einen schmalen Streifen Mondlicht, der durch ein
kleines Fenster über der Tür in die Hausdiele sank. Hirte knurrte und
sah Anje nicht an, es war seine Meinung, daß sie von diesen Dingen nicht
soviel verstand wie er, und gegen Wachsamkeit sollte man besser nicht
einschreiten.
Da die Fenster ihres Schlafraums und auch ihre Tür offen standen, hörte
sie immer noch die Stimme vor dem Haus. Wenn es eine Weile still
geblieben war, so glaubte sie, der Fremde sei fort, aber immer begann
sein Rufen von neuem, langsam stieg in Anjes Herzen Angst um ihn empor,
denn ihr Vater konnte zurückkommen. Da entschloß sie sich endlich, es
ihm zu sagen, öffnete die Tür und zog sie vorsichtig hinter sich zu,
damit Hirte im Haus blieb.
Fridlin trat vor ihr zurück, wie vor einer Erscheinung, Schritt für
Schritt und mit entsetzten Augen. Es war, als ertrüge er nach so langem
Harren die Erfüllung seines Verlangens nicht mehr, er hielt seine Hand
ausgestreckt von sich ab und wankte.
»Geh fort, eh mein Vater zurückkommt«, sagte Anje.
Er war auf seine Knie niedergesunken in das Gras, im Schatten, und
bewegte sich, als ob er mit jemandem kämpfte, aber nun sprang er
plötzlich auf und stürmte auf Anje zu, wie ein Geblendeter gegen einen
Lichtschein.
»Bist du es -- oh, du bist es wirklich? Hörst du, daß du mit mir kommen
sollst!? Du hast mich mit dem Stein verwundet ...«
»Nein«, sagte Anje, »ich bleibe hier.«
»Ach mein Herz!« rief er. Seine Stimme überschlug sich, so wild
bedrängte sein Schmerz ihn, er schlug mit der Faust an seine Brust, daß
es dröhnte. Er war voll Ungeschick und konnte seine Sinne nicht
meistern, denn die Ruhlosigkeit der vergangenen Wochen hatte ihn
verwirrt und entkräftet. »Weißt du denn nicht,« keuchte er und
schüttelte seine Fäuste, »weißt du nicht, was hier brennt? Wie ich dich
gesucht habe! Wo ist dein Herz!? Ich rufe im Wald und das Echo klingt,
aber du ...«
Er vermochte nicht weiterzusprechen, eine große Mutlosigkeit dämpfte den
Zorn seiner Verzweiflung nieder, hilflos hob er den Blick und sah empor,
gegen ihren ruhigen Sinn fand er keine Waffen. Sie stand da in ihrem
grauen Kittel gegen die dunkle Wand der Nacht, und der Mond glänzte in
ihrem Haar. Ein kindliches Bedauern war der einzige Ausdruck, der
verriet, daß sie ihn hörte, aber er gab keine Gewißheit ihrer Teilnahme.
Ein Schwindel seiner Ohnmacht überwältigte Fridlin, und er schlug die
Hände vor sein Gesicht.
»So ist es Gerom, dein Vater ...«, schrie er plötzlich heiser und reckte
sich auf, mit schwerem Atem, aber Anje war fort, und das Haus lag ruhig
im Mondschein.
Sie saß wieder im Dunkeln der Hausdiele neben Hirte, lehnte sich gegen
ihre Gewohnheit an ihn, und hörte ihr Herz pochen. Eine feindliche
Unruhe peinigte ihr Gemüt, in ratlosem Unfrieden sah sie das Licht vom
Mond, und ihre Gedanken vermochten nicht mehr, als mit dem Klopfen
ihres Herzens immer den gleichen Weg der dumpfen Angst zu machen, den
das Herz eilte.
Fridlin hatte sich draußen abgekehrt, einen Augenblick starrte er
vorgebeugt in jene Richtung hinüber, in der die Schüsse gefallen waren,
er kämpfte mit sich um einen Entschluß, aber es schien ihm keine
Befreiung aus der Tat zu kommen, die er plante. Düster wandte er sich um
und schritt fort, durch die Hoffnungslosigkeit niedergebeugt, die die
Stürme des Verlangens so schnell in eine öde Ruhe verwandeln kann.
Er begriff nicht, daß sein Leben nun mit dem herannahenden Tag beginnen
sollte, wie es mit dieser Nacht geendet hatte. »Das Anjekind hat ihm
gesungen«, sagten sie. Er lächelte und schöpfte mit der Hand die Tropfen
von den Blättern, um seine Stirn zu kühlen, sein Büchsenlauf streifte
das Laub und verfing sich im Geäst. Der Mond verschleierte sich, und die
dunkle Waldstille füllte sich mit drohenden Gestalten.
In seiner Ratlosigkeit war Fridlin zum Pfarrer gegangen, dort hoffte er
sicher zu sein, daß das angstvolle und mitleidige Lächeln ihn nicht
peinigen würde, dem sein Gesicht begegnete, wo immer er sich zeigte,
aber er war ohne Trost fortgeeilt, und die Unsicherheit des Pfarrers
kränkte seinen Stolz. Er entsann sich kaum noch, was ihn dorthin
getrieben hatte, vielleicht nur sein Wunsch, einen Menschen zu finden,
der unbefangen mit ihm besprach, ob Gerom ihm sein Kind geben würde, und
wie man es anstellen sollte, sich beiden auf rechtliche Art zu nähern.
Aber der Pfarrer wich ihm aus, er lenkte das Gespräch ab, als
befürchtete er, daß es galt, ihn selbst zu erforschen, denn er gedachte
seines eigenen Mißgeschicks in der Einöde. Endlich riet er Fridlin, sich
Gedanken aus dem Kopf zu schlagen, die nicht von Vernunft geleitet und
nicht redlich seien.
Der Morgen nahte über der Ebene. Fridlin hatte den Waldrand erreicht und
sah den Nebel gegen Osten in einem Lichtschein schwimmen, der nicht mehr
vom Mond kam. Dies war die dritte Nacht, die er nicht schlief; was
Wunder, daß der Förster ihn mißbilligend ansah und kein freundliches
Wort mehr fand. Zu Anfang hatte er ihn grob gewarnt: »Laß gehn, was
nicht dein ist. Glaub mir, Bursche, der Wald läßt sich das Herz nicht
verwunden, er gibt zögernd her, was sein ist, und niemand beraubt ihn
ungestraft. Unsereins muß wissen, was recht ist, sonst taugt er nicht
zum Weidwerk.« Das war noch wohlgemeint gewesen und hatte fast Trost
gespendet, man fühlte den Ernst hindurch, an dem man teilhaben sollte,
aber seit kurzem lächelte der Alte höhnisch unter seinem Bart, kaum
merklich, und wandte sich verächtlich ab, statt zu sprechen. Nur einmal
hatte er zur Abendstunde noch gleichmütig gemeint: »Fridlin, es gibt
Wälder mit mehr Sonne, als sie der Einödwald hat; tu dich um, euch
Jungen ist die Welt nach außen hin weit und nach innen eng. Geh, rat ich
dir.«
Fridlin hatte sich am Waldrand auf einen gesunkenen Föhrenstamm gesetzt.
»Das geht nicht mehr,« antwortete er laut der Stimme seiner Erinnerung,
»wohin ich mich schlage, Förster, ich muß durch die Einöde gehn, um Anje
zu Gesicht zu bekommen. Soll ich hier zugrunde gehn, so mag es geschehn,
draußen sterb' ich gewißlich dahin.« --
Er erschrak furchtbar, als sich neben ihm eine Gestalt erhob, sie stand
feierlich im Grund und reckte den Arm aus. Es war eine entlaubte Weide,
die in der Nebeldämmerung stand. Es erschien Fridlin, als käme das Licht
sprungweise und heimtückisch. Ihn fror, aber er verharrte in seiner
hockenden Stellung im Morgendunst und fühlte seine Augenlider naß und
kalt werden. Nach einer Weile ertrug er es nicht mehr, dem Walddunkel
seinen Rücken zuzukehren, es beschlich und belauerte ihn in der
Dämmerung.
»Ich werde krank«, sagte er, lächelte bescheiden und atmete tief auf.
Ein Wasserhuhn schnarrte bekümmert im Schilf, die Sonne hob sich langsam
und rot in den Schleiern der Nebel, und ringsumher begann ein eifriges
Tropfenticken. Da erhob sich Fridlin und sah sich um, er wußte nur
ungewiß, wo er sich befand, die ebene Landschaft hatte nur geringe
Merkmale, nach denen man sich richten konnte.
Nach einer Weile stieß er auf die alte Dachenauische Fahrstraße nach
Gorching und traf Onne unter den Tannen; sie musterte ihn aufmerksam,
gedankenlos blieb er neben ihr stehn.
Ja, es sei wahr, antwortete er auf ihre Frage, der Dienst ließe ihm
wenig Ruhe. Onne sagte:
»In den Dachenauer Wäldern gibt es genug zu beachten, was tust du nachts
in der Einöde? Drüben gibt es Nacht genug, verstehst du?«
Fridlin verstand. Er wurde zornig und sagte erbost:
»Gesindel gibt es überall.«
Onne nickte vor sich hin, als ob diese Tatsache ihr zu denken gäbe, dann
meinte sie freundlich:
»O der Grünschnabel, wie er das Herz versteckt, und es bricht ihm doch
so jammervoll aus den Augen. Du«, fuhr sie plötzlich in verändertem Tone
fort, »hör auf mich, und bleib mir in der Dachenau. Aus deinem Gesicht
spricht nichts Gutes mehr ...« Sie kam ihm ganz nah und sah ihm,
gebückt, unter seine Augen; aus ihrem roten Kopftuch schaute das winzige
braune Gesicht in tausend Fältchen hervor, und das Lebenslicht ihrer
Augen schien alt und still.
Fridlin war zu unglücklich, um zornig bleiben zu können. Erstaunt
blickte er auf die Alte nieder, die ihn einschüchterte, er hatte immer
nur gleichgültige Worte mit ihr gewechselt, was wußte sie denn, und was
wollte sie von ihm? Aber als der Ausdruck ihres Gesichts sich langsam in
ein Lächeln verkehrte, das nicht spöttisch oder boshaft war, packte es
ihn plötzlich angesichts dieser alten befreiten Frau, die den
Bedrängnissen des Lebens für immer enthoben war.
»Du solltest nicht schelten«, sagte er hilflos und lehnte sich an einen
Baumstamm. Seine Übermüdung und seine Verzweiflung überwältigten ihn,
und er fing an zu weinen, ohne daß sein Gesicht sich bewegte, seine
Hände hingen herab.
»Setz dich nieder ins Gras, Fridlin«, sagte Onne, als merkte sie nichts.
Wer keine Tränen weinen kann, der fühlt sie oft bei anderen kommen, ehe
sie das Auge benetzen. Sie sprach nicht über das, was Fridlin bewegte,
sondern hockte sich neben den jungen Menschen auf den Waldboden und
sprach von den Wäldern und von den Wanderburschen, die durchs Land
zogen.
Onne wußte längst, um was es sich handelte, aber sie wußte auch, daß man
seine Tränen zuweilen bei einem Menschen weinen muß, der sie nicht
sieht. Fridlin war ihr lieb. Zu Anfang hatte sie geglaubt, er spüre
Gerom nach, aber dann hatte sie bald herausgebracht, daß das Anjekind
schuld an diesem Unfrieden war. Da Anje nicht mit ihr über solche Dinge
sprach, mußte sie selbst sehn, was sich anspann und wie es auslief. Das
Mißgeschick des Pfarrers hatte sie erst in Gorching erfahren, in dem
Aberglauben, dem er hatte begegnen wollen, war seine Gemeinde durch sein
Erlebnis aufs neue bestärkt worden. Nun sagte sie unvermittelt zu
Fridlin:
»Schlag dir das Anjekind aus dem Sinn.«
Fridlin fuhr erschrocken auf, denn die Stimme knarrte fast böse, und ihm
war eben noch zu Sinn gewesen, als ob sie ihn tröstete. Sein Trotz
erstickte ihm, als er Onne ansah, er fragte sie nur schüchtern, ob Anje
mit ihr über ihn gesprochen hätte. Onnes welke Hand mit den dünnen
braunen Fingern wischte seine Worte aus der Morgenluft, sie blinzelte in
die rote Sonne hinein.
»Söhnchen,« sagte sie, »mein Söhnchen, heb dir dein Leben auf. Was soll
denn das Anjekind gesagt haben? Was uns keine Antwort gibt, wird darüber
nicht häßlich, sieh um dich, wer antwortet dir? Was ich sagen kann,
verstehst du nicht, was du verstehst, willst du nicht hören. Ihr
Menschen wandert auf Wegen, wohin die Stimme des Anjekinds nicht kommt.«
Aus ihrem zerfallenen Antlitz brach ein Glanz von Genügen, so daß es
war, als müsse die Natur umher erschüttert aufhorchen, um zu erforschen,
was diese Augen in ihr gesehn hatten. Fridlin starrte mit bitterem Mund
auf seine Hände.
Nach einer Weile musterte Onne, sich nähernd, sein mageres Gesicht, das
unter ermüdeten Zügen eine entschlossene Wildheit hatte. Sie kannte
diesen beinahe verschlafenen Zug um die Augen herum und das leicht
getrübte Blau der Augen selbst, deren Blicke solange anteillos
erscheinen konnten, bis jählings die aufflammende Leidenschaft sie
weckte. Onne wußte wohl, wie leer das Herz und wie taub das Blut hinter
den klaren wohlbestellten Augen sein kann, deren sauberen Blick die
meisten Menschen lieben.
»Alle geben denselben Ratschlag«, sagte Fridlin dumpf. »Meint ihr denn,
ich sei ohne Vernunft? Aber was hilft mir eure Einsicht.«
Onne blinzelte hinüber, es schien, als wünschte sich Fridlin nicht
einmal, daß man ihm Glauben schenken möchte, er sprach seine Worte
leblos in den ungewissen Wind. Da verstand sie, daß es zu spät für
Ratschläge war.
»Anjekind ...«, sagte sie, legte ihre welken Hände ineinander und sah in
die lautlose Natur, als habe sie sich an ihre Herrlichkeit gewandt.
Fridlin litt nach einer Weile unter Onnes Schweigen; als er forschend
auf sie hinblickte, von der Stille geängstigt, erschien sie ihm
greisenhafter als zuvor und abgekehrt von allem, was sie zusammengeführt
hatte.
»Wie meintest du deine Worte, Mütterchen?«, fragte er unruhig. »Hat es
mit Geroms Kind eine Bewandtnis, die unselig macht?«
Aber Onne antwortete ihm nicht mehr, ihr Gesicht war nicht zu
erforschen, erloschen neigte es sich zu Boden, und der Morgenwind und
das Licht, die ihr Spiel in den Büschen trieben, lockten sein Herz, um
es aufs neue seinem Ungemach zu überlassen.