Zehntes Kapitel

Der Herbst kam langsam über die Landschaften der Einöde wie ein

schwermütiger Entschluß Gottes, aber es gab noch sommerlich durchwärmte

Tage von großer Klarheit und in den Gründen des Einödmoors zögerte der

Sommer mit seinem Abschied.

Die alte Onne saß eines Tages in der Morgensonne am Ufer des Gurdelbachs

gegen einen Birkenstamm gestützt im Todesschatten ihrer versunkenen

Zeit, den Bedrängnissen des irdischen Lebens entrückt. Sie lächelte vor

sich hin und die unbekümmerte Natur nahm die neue Ruhe geduldig an.

Onnes Gesicht war nun ganz zusammengesunken, es sah über dem an die

Brust gezogenen Arm den Erdboden an, dem es glich, und die andere

herabhängende Hand berührte das Waldlaub. An diesem Platz am Bach, nahe

der Landstraße, hatte ihr Leben sich beschlossen, das vor langer Zeit

in anderen Gegenden begonnen hatte, und das sie unter Menschenangst und

-hoffnung in die Verlassenheit der Alternden geleitet hatte, bis in den

Frieden des Alters. Wie ein Wunder leuchtete über der verbrauchten Hülle

ihres Geistes ein zufriedenes Lächeln, als sei ihr mit ihrer Trennung

vom irdischen Gut die Erfüllung einer großen Pflicht gelungen.

Anje schlief an diesem Morgen noch in Onnes Hütte im Laub am Herd, und

Hirte ging durch die Büsche vor dem Haus und betrachtete die Beeren der

Ebereschen, die wie ein roter Schatten rings um die Stämme herum auf dem

Boden lagen. Hirte war sichtlich gealtert, sein Gang hatte bisweilen

etwas Schleppendes, und er schlief in den Morgenstunden nicht mehr

recht, wie es alten Leuten oft geht, die des Morgens immer zuerst auf

den Plätzen umhergehen oder vor den Häusern in der Frühsonne sitzen.

Der Blätterfall beschäftigte ihn, die welken Sommergäste kamen

unauffällig von ihren hohen Sitzen herab, schaukelten rötlich oder gelb

durch die stille Luft, aber am Boden ließen sich keine Bewegungen mehr

feststellen, so aufmerksam man ihren letzten Weg auch bis zu Ende

verfolgte. Hirte konnte sich nicht mehr entschließen, sie auf ihrem Weg

zu fangen, wie er es in seiner Jugend getan hatte, er sah ihnen zu und

dachte darüber nach, daß es in jedem Jahr das gleiche Schauspiel gab. Er

sah in den Wald hinein, soweit er es noch konnte, aber im Nebel ließ

sich wenig erkennen, man mußte abwarten, bis das Licht an Kraft

zugenommen hatte.

Er wußte, daß Onne am Abend nicht nach Hause gekommen war, aber irgend

etwas beunruhigte ihn mehr und mehr; hätte Anje nicht so fest

geschlafen, würde er seinem Gelüste nachgekommen sein, seiner seltsamen

Traurigkeit in leisem Heulen Ausdruck zu geben.

Er ging an die Tür der Hütte und sah vorsichtig von der Schwelle aus

hinein. Etwas Sonnenrot drang in den Raum und legte sich feierlich auf

die verräucherten Gesimse, so daß die beiden Kupferkessel ein stilles

Glühn begannen. Anje schlief immer noch. Ihr Haar lag hell im braunen

Laub und die eine Hand ruhte auf ihrem Herzen, die andere lag unter

ihrer heißen Wange, und das Gesicht sah ernst und beschäftigt aus. Hirte

begriff, wie wichtig der Schlaf war, hielt den Kopf schräg und dachte an

Anje. Schließlich war sie alles, was er hatte. Andere Hunde lebten in

Dörfern, begleiteten Reiter oder bewachten Fuhrwerke, zwischen den

Rädern oder vom Bock aus. Nicht daß Hirte den Wunsch nach Anschluß an

seinesgleichen gehabt hätte, aber man sah doch allerlei und verglich die

Pflichten. Je länger er Anje betrachtete, um so freundlicher erschien

ihm sein Geschick, das Überfluß an Glücksgütern hatte, und er wedelte in

Gedanken und ging wieder hinaus, es mußte abgewartet werden, ob Anje

bald erwachte.

Draußen befiel ihn wieder diese seltsame Beunruhigung, es drängte ihn in

den Wald, er wußte nicht wohin. Er ließ den Morgenwind um seine schwarze

Nase streifen und atmete die Luft stoßweise ein. Ohne es recht zu

wollen, brach er in langgezogenes Heulen aus, in dem er seine eigene

Stimme kaum wiedererkannte. Als er sich umwandte, stand Anje in der Tür,

in der Morgensonne, rieb sich die Augen und griff dann mit beiden Händen

in ihr Haar, ihr Körper atmete Kraft und Frische aus, und ihre grauen

Augen leuchteten wie aus eigenen Lichtgründen.

Sie schritt rasch zum Brunnen und der Klang des hölzernen

Pumpenschwengels vermischte sich mit dem Sprudeln des fallenden Wassers.

Hirte war es gewohnt, daß er nicht beachtet wurde, und schaute andächtig

zu, wie Anje sich wusch, aber die heimliche Besorgnis quälte ihn und er

ging mit sich zu Rate, ob er nicht Anje aufmerksam machen müsse, daß ein

Geheimnis den Wald erfüllte.

Da Anje gewohnt war, beim Erwachen Onne nicht mehr vorzufinden, bemerkte

sie erst am Herd, daß die Alte die Nacht nicht in der Hütte zugebracht

hatte, sie sah nachdenklich hinaus und dann haftete ihr Blick am Boden.

Die Nächte waren kühl und lang. Besorgt betrachtete sie den Hund und

entsann sich seiner Stimme, die sie geweckt hatte. Sie legte ihr blondes

Haar rasch zusammen, teilte ihr Brot mit Hirte, und gleich darauf gingen

beide miteinander durch das nasse Gras, bis die Waldschatten sie

aufnahmen. Das leere Haus blieb still zurück, und die Morgenluft drang

durch die offene Tür in den Raum, in dem das vergessene Feuer langsam

erlosch. --

Als Anje die alte Onne in ihrer eingesunkenen Lage am Bach fand, wagte

sie nicht, sich ihr zu nähern, ihr war, als ob ein kühler Windzug ihre

Stirn streifte, und aus dieser Ruhe sah es sie wie mit dunklen Augen an.

Sie umschlang einen Baumstamm mit dem Arm und beugte sich in einem

Zustand von unbeschreiblicher Angst vor. Sie wollte rufen, aber ihre

Stimme war lautlos geworden. Hirte stand zitternd neben ihr und sog die

Luft mit kläglichem Winseln ein. Aber ihre Liebe trieb sie hinzu, sie

schlich bebend heran, langsam und Schritt für Schritt; ihre Bedrängnis

war so groß, daß es ihr erschien, als klänge die Luft in einem

schmerzenden Sausen. Endlich war sie ganz nah bei der Ruhenden angelangt

und legte atemlos die Spitzen ihrer Finger auf Onnes Hand. Die welken

Finger im Laub rückten ein wenig beiseit und waren so kalt wie das

Tauwasser der Pflanzen, die geöffneten Augen hatten kein Licht mehr.

Da löste sich Anjes Stimme zu einem Klagegeschrei, das den ganzen Wald

erfüllte. Hirte sprang auf und verkroch sich winselnd im Gebüsch. Anje

wurde von einem Entsetzen gerüttelt, das nicht seinesgleichen unter den

Gefühlen der Menschen hat, sie entäußerte sich ihres ganzen Selbst in

dieser Klage, die kaum etwas Menschliches hatte und die Hilflosigkeit

der Verdammten zum Himmel emportrug. Die leere Finsternis des Todes

überströmte und begrub ihre Sinne und das Bewußtsein jener furchtbaren

Menschenohnmacht, die die Glaubenden befällt, wenn Gottes Angesicht sich

abwendet, und die nur starke Naturen in ihrer höllischen Bedrohung

kennen.

Endlich richtete sie sich wie aus einer Betäubung auf, und der ganze

Wald war tot. Ein furchtbares Schweigen umfing sie, und ihr war, als

hätten alle Lebendigen des Waldes ihre Sinne verloren, die den ihren

geglichen hatten. Mit herabhängenden Armen stand Anje verlassen da und

weinte laut. Sie sah durch den Flor ihrer Tränen auf Onne herab, und die

entwürdigende Qual einer tiefen Schuld zerriß ihr Gemüt immer aufs neue.

So fand ihr Vater sie endlich, eingeschlafen, den Kopf in den Schoß der

toten Onne gebettet und den Arm um ihren Hals geschlungen, er hob sie

wortlos auf und trug sie heim, als gäbe es keine andere Heilung.

* * * * *

Nun war es nacht, als Anje auf ihrem Bett erwachte, und der Mond schien

ins Zimmer, sie erhob sich und ging durch das stille Haus. Ihr Vater

war fort, in seiner Stube lag auf dem Bett Onne aufgebahrt und hielt in

den zusammengelegten Händen kleine Blumen, die emporstanden, als ob sie

eingepflanzt seien. Die Fenster waren weit geöffnet und draußen zog die

Nacht vorüber.

Anje setzte sich auf einen Stuhl neben das Totenbett. Der Mond schien

auf Onnes geschlossene Lider, die sehr tief in das Gesicht eingesunken

waren. Jetzt war es wieder Nacht, und nachts gab es für Anje keine

fremden Menschen. Sie ahnte, wie die Erde sich unaufhörlich bewegte,

entgegen dem Stern Merkur, den Onne ihr gezeigt hatte, und dachte:

Du, andere, ich, mit euch allen mache ich die herrliche Reise, Tag und

Nacht, Nacht und Tag.

Das Anjekind: Eine Erzählung · 第 13 / 20 题