Siebentes Kapitel

Es war an einem Herbstmorgen, als der Pfarrer von Gorching ins Moorland

hinabschritt, um die Leute dort zu besuchen, die zu seiner Gemeinde

gehörten. »Meine drei Heiden«, sagte er. Er kannte Geroms Geschichte,

und ihm war viel Widerspruchsvolles über Anje zu Ohren gekommen. Es ging

ihm, wie es Leuten seiner Art und seines Berufs leicht zu ergehen

pflegt, er vermutete hinter unverständlichen Dingen das Wirken des

Bösen, und seine Meinung war, daß das Gute und das klar Verständliche

immer das gleiche sein müßten und Hand in Hand gingen. Er selber schien

einen Teil dieser einfachen Erkenntnis darzustellen, denn seinem

schlichten Sinn ordnete sich die Welt nur in solchen Begriffen, die er

mit seinen Handlungen in Einklang zu bringen vermochte. Dabei war er ein

Mann von Klugheit und Nachdenklichkeit und glücklich genug, für die

erste dieser Eigenschaften nicht zu viele Gedanken und für die zweite

nicht zuviel Verstand zu besitzen. Das mochte ein Grund dafür gewesen

sein, daß er sich geduldig in das vergessene Dorf Gorching senden ließ.

Man hatte ihn auf seinem städtischen Posten nicht brauchen können, weil

er nicht in der Lage gewesen war, den Menschen gegenüber jene Strenge

aufzubringen, die als heilsam gilt.

Auf seinem einsamen Weg in die Einöde gestand er sich ein, daß es eine

heimliche Scheu gewesen war, die ihn bisher davon abgehalten hatte,

Gerom zu besuchen, aber je länger er in Gorching weilte, um so mehr

empfand er, daß eine bedeutungsvolle Einwirkung aus dem Moorland her auf

den Gemütern lastete. Ihm war es oft erschienen, als erhöbe sich mit dem

Dunst der Abende aus dem Sumpf der Einöde auf grauen Schwingen das

Gespenst des Aberglaubens und schliche in die Hütten und Herzen seiner

Menschen. Je mehr man es ihm zu verbergen trachtete, um so mehr

beschäftigte es ihn. Was hatte mit dem Seufzer eines Verscheidenden, an

dessen Schmerzensbett er gesessen, das Anjekind zu tun? Und was hatte

Elsbetha bei der alten Onne zu schaffen, als ihr Mißgeschick widerfuhr

und sich in Gorching niemand ihrer annahm? Seinen Fragen wich man aus,

und seine Ermahnungen stießen auf einen Trotz, aus dessen Grund die

verschwiegene Überlegenheit der Verstocktheit sah.

Da es ein Freitag war, an dem er sich auf den Weg gemacht hatte, so kam

es, daß er nach einer guten Weile der alten Onne begegnete, die hinter

ihrem Wagen her nach Gorching humpelte. Er redete sie an, und ihm wurde

über ihrem Anblick heiter zumut, aber er verstand ihre kargen Antworten

kaum. Als er nach Gerom fragte, lachte sie ihn an, drückte sich noch

mehr zusammen, als die Jahre sie ohnehin eingepreßt hatten, und öffnete

ihren Mund, so daß ihr einer schöner Zahn, auf den sie sehr stolz war,

aus den dunklen Landschaften ihrer Kiefern funkelte. Er solle nicht

gehn, so viel ließ sich verstehn. Da der junge Pfarrer merkte, daß sie

wohl begriff, was er selbst sagte, begleitete er sie ein Stückchen Wegs

zurück, wobei er hilfsbereit ihren Wagen ergriff, um ihn zu schieben;

aber Onne brauchte den Wagen als Stütze, und er mußte ihn ihr

zurückgeben. Dabei dachte er, nicht eben gesicherter in seinen

Absichten: So kann es uns bei den Wohltaten ergehen, die wir zu erweisen

glauben.

Aber dann sprach er liebevoll und mit großem Ernst zu ihr; die heimliche

Beschämung, die er empfand, wenn er ihr eingeschrumpftes Gesicht sah,

das kaum noch einem Menschenantlitz glich, ließ sich durch den

beglückenden Eifer seiner Überzeugung verdrängen. Dann wieder mußte er

sich sagen: Ist sie dem Vater im Himmel nicht näher als du?

Nun blieb sie stehn und antwortete ihm etwas, der Pfarrer beugte sich zu

ihr nieder, denn es verlangte ihn sehr danach zu wissen, welchen

Widerhall seine wohlmeinenden Worte in ihr weckten. Es war ihr wichtig,

sich verständlich zu machen, so viel war sicher. Nach langer Mühe hatte

er sie verstanden. Ob er Pilze brauchen könnte ...

Die Birken warfen schon ihr empfindsames Laub ab, es sank durch den

Sonnenschein in die Gräben nieder, die sich nach dem letzten Regen zu

beiden Seiten der Straße gebildet hatten, spiegelte sich im Fallen und

ruhte im unbewegten Schwarz des Wassers vom Sommerwind aus. Das Moorland

wurde immer öder, als nun der Pfarrer weiterschritt, die Steppen hatten

sich gelbbraun gefärbt, von einem warmen Kupferton untermischt, gegen

den die weißen Birkenstämme schimmerten. Mit niedrigem Gebüsch, das im

Dunst lag, begann in der Ferne das verwilderte Waldland der Einöde. Die

Welt erschien unermeßlich groß und verlassen.

Es begegnete ihm niemand mehr. Ratlos stand er endlich vor der

Sumpfwildnis der Einöde, nirgends war ein Pfad zu sehen, das Buschwerk,

die Erlen und Birken standen im seichten Wasser, das Schilf sirrte leise

im Wind, und mit jedem Schritt wurde das Dickicht undurchdringlicher. Er

erblickte Schlingpflanzen, die er niemals gesehn hatte, und im

Moorwasser blühten immer noch kleine weiße Blumen mit zarten Stielen.

Umgesunkene Stämme vermoderten zu warmem Schutt, der glomm und duftete,

und nichts rührte sich als der Luftzug über dem Wasser. Wild und traurig

hauchte es ihm entgegen und wies ihn ab; er atmete auf, als er nach

einer Weile wieder auf dem gesicherten Boden der Landstraße in der Sonne

stand.

Um seiner Erleichterung willen befiel ihn ein Gefühl von Beschämung, er

begriff nicht, daß die Atemzüge der unberührten Natur ihm Entsetzen

einzuflößen vermochten. Als er wohl eine halbe Stunde lang am Moorrande

der Einöde dahingeschritten war, erspähte er eine Lichtung jenseits des

kleinen Bachs, der träge am Rand seiner Straße floß, und er sah in einem

Weidengebüsch drei behauene Fichtenbalken, die eine Brücke bildeten.

Jenseits lief eine schmale Wagenspur durch das Gras, und ein wenig

weiter war deutlich ein Waldpfad erkenntlich. Der Pfarrer erinnerte sich

Onnes Gefährts, diesen Weg mußte sie gekommen sein, und er beschloß ihm

nachzugehn.

Die Sonne, die nun verhangen war, hatte ihren Höhepunkt am Himmel

erreicht, so daß es gegen Mittag sein mochte. Geroms Ansiedlung lag eine

Stunde vom Weg entfernt, und der Pfarrer hoffte, sie in diesem Zeitraum

erreichen zu können. Der Waldpfad wand sich durch Dickicht und über

Sümpfe dahin, zuweilen hart am Rand eines Flusses durchs Schilf, dies

mußte der Gurdelbach sein. Onnes Behausung lag schon hinter ihm, sie war

ihm entgangen, wie den meisten, die das Moor betraten, ehe der Herbst es

gelichtet hatte.

Dem Schreitenden war zumut, als dränge er mehr und mehr in die Bereiche

einer ganz neuen Welt vor. So mag es von Ursprung her auf der Erde

gewesen sein, dachte er. Es bedrängte ihn eine Scheu, die ihm zuweilen

den freien Atem benahm, und er fürchtete sich vor dem Geräusch seiner

Schritte. Der Weg führte über eine morsche Holzbrücke, die ohne Geländer

und grob gefügt war, jenseits in einen Tannenwald. Im roten Dämmerlicht

zwischen den alten Stämmen, die sehr dicht standen, vernahm er auf dem

Nadelteppich den Klang seines Fußes nicht mehr. Es war totenstill umher,

auf dem Boden wuchs kein Hälmchen, alles schien in der Grabesruhe

erstorben zu sein, die herrschte. Hier und dort hatte ein scharlachrot

leuchtender Pilz sich aus dem Nadelteppich erhoben. Es kam ein

Birkenwald, dessen weißliches Moderlicht unwirklich glomm nach der

dunklen Versunkenheit der Tannennacht. Ihm kam dieser Schein wie jenes

tote Leuchten vor, das er aus seiner Knabenzeit kannte, wenn er, lange

im Sonnenschein liegend, die Augen geschlossen hatte und sie dann

öffnete. Der Boden war hügelig und voller Sumpflöcher, weiße Stämme, die

umgesunken waren, faulten im Grund, der fahle Silberhauch dieser

Waldferne betörte das Auge, er wirkte bald nah, bald unerreichbar fern.

Da lauschte er beklommen auf, die Einöde erklang. Er begriff nicht, was

ihm zu Ohren drang, und ein jähes Entsetzen ließ sein Blut stocken; er

griff an sein Herz, und ein Zittern kam ihn an. Es tönte melancholisch

und in wortlosen, beinahe tierhaften Klagelauten auf und schloß weich

und trauervoll in einem langgezogenen, unaussprechlich holden Versinken

der Klänge in Wind und Weite und Dämmergrün.

»Was ist das, was ich höre?« stammelte er und fühlte, daß seine Lippen

kalt und leblos wurden. Er verstand nicht, was ihn an diesen gesungenen

Tönen so mächtig ergriff, diese Klage kam fremdartig heran, menschlich

und doch wie aus Bereichen des Unbewußten, aus dunkler Ferne und doch

vertraut.

Da sah er am Ufer des Gurdelbachs ein Mädchen sitzen, sie war es, die

gesungen hatte, ein unscheinbares Geschöpf, beinahe noch ein Kind, mit

hellem Haar und in einem grauen Kittel. Als er auf sie zutrat, sah sie

ihn an, ohne mehr zu rühren als den Kopf, den sie ihm langsam zuwandte.

Anje Gerom konnte es nicht sein. Er stand noch im Bann des seltsamen

Singsangs, den er eben gehört hatte, und sein Blut gaukelte ihm törichte

Bilder vor. Anje Gerom ist ein großes Mädchen im weißen Gewand, mit

langem Blondhaar und einem feierlichen Schritt, dachte er. Sie ist

schlank und würdig, die Rehe flüchten nicht, wenn sie einherschreitet,

und ihre milden Augen streun Frieden aus, wie der Mai Blumen. Jedoch

dies dort ist eine kleine Wildkatze, sie schaut mich an, als dächte sie

an ihre Krallen, und sie ist häßlich, weiß Gott, recht häßlich ist sie.

Ihre tiefe Stimme klang ihm im Blut nach. Es ist das Kind eines

Torfstechers, dachte er unsicher, und plötzlich zog es ihm durch den

Sinn: die Sonne scheint, sei gepriesen, Vater im Himmel.

Er trat auf das Kind zu.

»Ich möchte das Haus Vinzenz Geroms finden, wer bist du, Kind? Sieh mich

an.«

Das Gesicht des Mädchens, das nun nah vor ihm am Hang kauerte, blieb

ruhig und unberührt. Was konnte dem Pfarrer daran gelegen sein, es zu

würdigen? Menschen, deren Einfluß wahrhaft bedeutungsvoll werden kann,

fallen uns für gewöhnlich nicht sonderlich auf, weil die Gebärde der

ruhenden Kraft in den meisten Fällen arglos ist.

»Ich möchte Geroms Haus finden,« begann er etwas unsicher von neuem,

»kannst du mich führen?«

Das Mädchen betrachtete ihn eine Weile stumm und sagte dann einfach:

»Ja.«

Er setzte sich ihr gegenüber, kaum daß er es gewollt hatte, nun war es

geschehn und mochte so bleiben. Das Wasser zog mit leisem Rauschen

dahin, es flimmerte durch das Schilf, das sich nicht bewegte, die Bäume

standen auf stillem Grund, ließen den Duft des Waldes aus und den

gedämpften Sonnenschein ein. Das Mädchen ließ sein Handeln zu und

betrachtete ihn ohne Neugierde, wie es ihm schien, und ohne Scheu; aber

alles umher, wie auch sie selbst, ließ ihn eigenartig allein. Er sah

sich um, als suchte er nach irgendeinem Beistand, endlich fragte er sie,

wer sie sei, und sie antwortete ihm:

»Ich bin Anje, Geroms Kind.«

Ihr gelbes Haar war heller als der feine Ton ihres Gesichts, es wirkte

fast grell und schien ein wenig rauh, obgleich es im Licht glänzte, man

hätte mit der Hand darüber hinfahren müssen, um es zu prüfen. Ihre

Stirn war niedrig und die Augen lagen etwas schräg, als hätten die

zarten Backenknochen, die deutlich sichtbar waren, sie in den äußeren

Winkeln um ein kleines emporgedrängt. Was machte ihr Gesicht so rührend

hilflos? Sicher nicht der breite Mund oder die kindliche Nase, die

beinahe etwas frech wirkte, nein, es waren die Linien ihrer Wangen und

das kleine Kinn.

Eigentlich ist sie häßlich, sagte sich der Pfarrer finster, aber man muß

trachten, ihr Liebes zu erweisen, sie wird dankbar dafür sein. Der

zierliche Körper ...

Er hielt in seiner Betrachtung jählings inne, verwirrte sich und

stammelte in großem Ungeschick, es wäre Zeit, es sei gut, gleich

aufzubrechen, denn der Weg wäre recht lang. Dabei verfiel er in einen

derben und väterlichen Ton, dessen er sich zugleich schämte.

Es blieb feierlich still im Wald, Anje hatte ihre Haltung geändert, er

sah ihre bloßen Füße im Moos. Er selbst war aufgestanden und hatte sich

an den Stamm einer Birke gelehnt. Mit gerunzelter Stirn, und scheinbar

ernst mit sich selbst beschäftigt, sah er forschend in die Waldferne,

aber seine große Hand verwirrte sich an seiner Halsbinde und an seiner

Stirn.

»So komm denn nun ...«, sagte er streng.

Ein kleiner Ast fiel aus dem Baum nieder, unter dem die beiden warteten,

er sank auf eine bemooste Stelle des Waldbodens, um dort für immer

liegenzubleiben, geduldig zog das Wasser seinen Weg und die Sonne sah es

an.

Es war dem jungen Pfarrer von nun an, als führte ein fremder Wille ihn

geheimnisvoll durch ein unbekanntes Reich. Er entsann sich später der

Ereignisse, die nun eintraten, wie man an die unbegreifliche Klarheit

eines Traumbilds zurückdenkt, und doch ist alles einfach und

verständlich gewesen; sein Gang durch die Schwüle des Walddickichts, der

Ruf der Sumpfvögel und Anjes weicher Tritt. Er hatte sich über ihren

Eifer gefreut und über die besonnene Sicherheit ihres Tuns. Sie ging

immer vor ihm her und sprach nicht, bald sah er ihre Gestalt in den

gelbgrünen Rutennetzen der Weidenbüsche, dann glitt sie zwischen dunklen

Stämmen dahin, unverständlich hell in der Schattendämmerung des großen

Walddoms, den Glanz des gedämpften Sonnenscheins in ihren Haaren. Aber

mehr und mehr war ihm, als gelte es, Unnennbares zu verstehen und dem

Herzen zuzuführen, ein quälendes Unbehagen in seiner Brust nahm

überhand, und ihm erschien es, als kämpfte sein Herz in ziellosem

Drängen vor unsichtbaren Hindernissen um verlorene Rechte.

»Führst du mich zu deinem Vater?«, fragte er einmal beinahe bescheiden,

sie gingen nun schon viel länger als eine Stunde. Sie sah sich um, blieb

stehn und ließ ihre Augen in seinen ruhn, ein lebendiges Rätsel tat sich

ihm stumm in unschuldigem Glanz auf.

»Nun?«, fragte er überfreundlich und griff fast täppisch zu, »wollen wir

Hand in Hand gehen?« Sie war ihm schon wieder um vieles voraus. »An

diesem schönen Tag ...«, fügte er noch hinzu, und fast wäre er über eine

der Baumwurzeln gestolpert, die wie Schlangenleiber aus dem weichen

Boden quollen und in die Farne krochen. Nein, dazu war sie schon viel zu

groß. Als er nach einer Weile auf besserem Boden ein wenig aufatmete,

ging er ernstlich mit sich zu Rate, auf welche Art für die Erziehung

dieses Mädchens etwas getan werden könnte.

Aber als im Sumpfgelände, nach einer langen, vielfach verschlungenen

Bahn, sein Fuß in den feuchten Boden einsank und er, mit beiden Armen

die Zweige der Lärchen und das Buschwerk zerteilend, mühsam durch das

schilfartige Gras dahintappte, war Anje plötzlich verschwunden. Er rief

laut ihren Namen, aber er erhielt keine Antwort und fand sich nicht mehr

zurecht.

Erst am Mittag des kommenden Tages gelang es ihm, sich mit großer Mühe

und zu Tode erschöpft nach Gorching zurückzufinden; die Nacht, die er in

Angst und Unfrieden allein in der Wildnis verbringen mußte, ließ einen

Schatten ihrer Finsternis in seinem Gemüt zurück. Erst viel später in

seinem Leben, als längst das Anjekind nicht mehr sang, lernte er ein

karges Lächeln bei der Erinnerung an diese Begegnung, aber dieses

Lächeln war von jener Wehmut, mit der die Natur die Menschen trösten

kann, deren Gemüt sie den Ausweg zu Klarheit und Vollendung

verschließt.

Das Anjekind: Eine Erzählung · 第 10 / 20 题