Wenn im Sommerwind der Wald erbrauste, erhob sich Hirte, rückte den
plumpen Kopf vor und knurrte. Seine Augen suchten im Unsicheren der
bewegten Gründe, und oft drängte er sich an Anje und verriet Furcht. Das
Mädchen wußte, daß der Wald von unsichtbaren Gestalten bevölkert war und
verstand Hirtes Angst. Wie viele Menschen, die unter der Willkür
erzittern, die in den Unbilden der Witterung lauert, und die zugleich in
ihrem Unterhalt von der Gnade der Natur abhängen, glaubte auch Anje
daran, daß die geheimnisvollen Mächte der Natur in unsichtbaren
Gestalten einhergingen. Im ruhigen Sonnenschein hielten sie sich
verborgen, aber sie erwachten und erhoben sich mit dem Sturm, mit der
Dämmerung und mit dem Nebel. Sie waren je nach ihrer Art und Berufung
dem Menschen freundlich oder feindlich gesinnt, und man tat gut daran,
sie nicht zu erzürnen. Sie rächten ihren Unwillen an allen Wesen, die in
ihre Gewalt gerieten, oder sie befreiten die Bedrängten, nach ihrem
Willen. Es gab Orte, die deutlich von ihrem Aufenthalt Zeugnis ablegten,
und wer klug war, vermied es sorgsam, sie zu betreten. Sie hetzten das
Wild, das ihre Heimstätten entweiht hatte, in die Schlingen der
Wilderer, scheuchten die Sumpfvögel in verhängnisvollen Augenblicken aus
ihren Schlupfwinkeln auf, so daß sie sich durch ihr Geschrei den Jägern
verrieten, oder sie lockten Fremde durch ihre Nachtlichter vom Wege ab
in die Wirrnis des Dickichts oder ins Moor.
Anjes Augen hatten sich an das geheimnisvolle Wesen dieser Lichter
gewöhnt, die von den Nachtgeistern plötzlich in ein Stückchen moderndes
Holz oder in ein Glühwürmchen verwandelt werden konnten. Sie wußte, daß
dieser tote Glanz ungewohnte Augen über seine Nähe oder Entfernung
täuschen konnte, sie hatte erfahren, daß solch ein Lichtlein den Blicken
oft als Schein in weiter Ferne am Waldsaum oder im Sumpfgrund erscheinen
konnte, während es doch in Wahrheit dicht vor den getäuschten Blicken
totenstill in einem Busch hing.
Aber sie selbst fürchtete die Geister der unberührten Natur nicht, da
sie ihr Reich kannte und nach ihrem Willen lebte, sie hatte ihre
heimlichen Mittel gegen ihre Willkür und erkennbare Wahrzeichen ihres
Schutzes, zu denen das Feuer gehörte. Oft blieb sie nachts am Rand des
Tannenwalds, im weißlichen Birkenhain oder in den Weiden der
Niederungen. An solchen Orten hatte sie kleine Feuerplätze errichtet,
dürres Holz angesammelt, oder im Dickicht eine Laubwand gegen den
Nachtwind oder gegen den Mondschein geflochten, denn der Mond durfte
Schlafenden nicht auf ihre Lider scheinen, weil sie sonst am kommenden
Tage Träumen nachhingen und die Welt ihrer Vorstellungen sich mit der
Wirklichkeit vermischte.
Wenn sie dort in der hereinbrechenden Nacht ihr Feuer hütete, hörte sie
die Stimmen der Tiere, die des Nachts leben, sie wechselten mit dem Gang
der Stunden und verstummten gegen Mitternacht. Dann kam die ruhigste
Stunde und endlich langsam das Licht. Dieser Wechsel der Nacht zum
Morgen hatte die größte Gewalt über Anjes Seele, es gab nichts für sie
in der Welt, was sie andächtiger stimmte, und er erfüllte ihr Wesen mit
einer feierlichen Traurigkeit. Ihr war zu Mut, als müßte ihr Herz in
zwei Teile zerbrechen, als hinge es dem Scheidenden nach und verlangte
zugleich mit derselben Stärke des Bluts nach dem Kommenden. Sie wurde
sich in solcher Stunde dessen bewußt, daß sie als Mensch allein ihr
irdisches Leben verbrachte, und hätte darüber in Tränen ausbrechen
können, wie erfüllt von Herrlichkeit dieses Leben war. Nur in dieser
Ergriffenheit überkam sie zuweilen auch der Gedanke an den Tod ihres
Leibes. Sie legte ihre harte kleine Hand, die vom Tau kalt war, auf die
Stelle ihrer Brust, unter der ihr Herz klopfte, und versuchte zu
begreifen, daß der Augenblick kommen sollte, an dem dies Pochen endete,
und an dem nur andere noch diese Glieder, die Hand und Füße, die ihr
gehörten, bewegen und betasten konnten. Der Gedanke, daß ihr Leib dann
dem Willen anderer überliefert sein sollte, füllte sie mit Schrecken,
sie beschloß, im Wald zu sterben, in unauffindbaren Gründen des
Dickichts unter Ranken und braunem Laub.
Nach solchen Gedanken konnte sie den Tau von ihren Augenlidern
streifen, so still hatte sie dagesessen und so erstarrt hatten ihre
Blicke auf einem einzigen Punkt am Boden geruht. Oft war es ein
Tannenzapfen gewesen oder ein Farrenbüschel, und wenn sie am Tag, mitten
im Sonnenschein, ihre Augen schloß, erschien ihr dieser Gegenstand so
deutlich, daß sie glaubte ihn greifen zu können. Er trug noch die Spuren
ihrer Gedanken wie ein dämmriges Kleid und legte seine Schleier über das
tiefe Grau ihrer Augen. --
Es war noch früh, als Anje an einem Sommermorgen durch die nassen
Waldfarren den Niederungen des Gurdelbachs zuschritt, um zu baden. Als
sie in das Bereich des Schilfes trat, mußte sie vorsichtiger gehen, von
den grünen Halmen erhoben sich träge große Libellen mit schwarzblauen
Flügeln, es war so still in der Sonne, daß man das Rascheln ihrer Flügel
hören konnte. Wo der Birkenhain bis an das Ufer trat, machte der Fluß
eine scharfe Wendung, die Böschung war unterspült und der helle
Kiesgrund leuchtete durch das klare Wasser. Anje schlug einen losen
Knoten in ihr gelbes Haar, warf ihren grauen Kittel ab, der nur bis an
die Knie reichte, und trat langsam, Schritt für Schritt in die kühle
Flut. Eine Schlange wurde durch Anjes Kommen im Moordunkel der Böschung
aufgeschreckt, anfangs versuchte sie den überhängenden Uferrand zu
erreichen, kehrte dann aber um und schwamm über den Fluß. Die Strömung
trieb sie ein wenig ab, ihre gelassenen Bewegungen im Wasser zogen die
Blicke an, Anje betrachtete das Tier aufmerksam und ohne Furcht, bis es
ihren Augen entschwunden war. Dann ließ sie sich langsam rücklings
niedersinken, als vertraute sie sich den Armen Gottes an. Das Wasser
schlug für einen Augenblick über ihr zusammen, und als sie wieder
emportauchte und es aus ihren Haaren schüttelte, erschien ihr die Welt
zu einer neuen Klarheit wiedergeboren, der blaue Himmel strahlte bis an
den Grund ihres eilenden Herzens, der Wald schimmerte in Sonnenruhe, und
jede neue Welle trug eine Fülle von Frische und Licht. Die Berührungen
des Windes erweckten im Blut die fröhlichen Gewißheiten einer
Geborgenheit im lebendigen Erdengut.
Als das Mädchen sich nach einer Weile erhob und ins flachere Wasser
trat, um ihr Haar zum Trocknen der Sonne hinzuhalten, sah sie einen
Menschen zwischen den Birken stehn. Er war noch etwa zwanzig Schritte
vom Ufer entfernt, die Farrenkräuter und das Schilf verdeckten ihn ihren
Blicken bis an seine Knie. Seine Hände waren etwas erhoben, er schien
wie erstarrt, der Ausdruck seines jungen Gesichts war von qualvoller
Spannung, von der sich schüchtern der Glanz eines großen Entzückens
abhob.
Nun, da er sich von Anje entdeckt sah, verwandelte sich der Ausdruck
seines Gesichts in Unsicherheit und Befangenheit, er hob den Arm und
rief etwas. Es klang wie eine Bitte um Verzeihung, Anje verstand ihn
nicht, sie empfand auch nicht, daß alles am Gebaren dieses Fremden davon
sprach, daß er nicht zu glauben wagte, was sich seinen Blicken darbot.
Er starrte das Mädchen immer noch voll Angst und Hoffnung an und begriff
diese Ruhe ohne Scheu nicht, in der sie ihn mit unverwandtem Blick
beobachtete. Es erschien ihm, als habe er ein Tier des Waldes
aufgestört, das zwischen Schreck und Furcht verharrte, um im nächsten
Augenblick in blinder Flucht durch die Büsche zu brechen.
Aber es geschah etwas ganz anderes, als er sich einen Schritt näher
wagte, gewahrte er, wie das Mädchen sich ohne ein Wort der Abwehr und
ohne eine Gebärde der Furcht langsam niederbückte. Dann sah er ihren
Körper in einer Bewegung von herrlicher Freiheit jählings erhoben,
gestrafft und vorgebeugt, und ein großer Kieselstein prallte dicht neben
ihm mit lautem Schall an den Stamm einer Birke. Und ehe er sich recht
besann und die Gesinnung ermaß, die hinter dieser Haltung sein möchte,
traf ein zweiter, faustgroßer Stein seine Schulter. Es war ihm, als wäre
der furchtbare Schmerz, der ihn fast niederwarf, aus einem blitzenden
Sprühn, aus goldenem Licht eines beschützten Hauptes und aus silbernem
Glitzern eines gepanzerten Körpers zu ihm gesandt worden, er schrie laut
auf und taumelte ein paar Schritte voran. Er verstand seine eigenen
Worte nicht, die Wut und Begierde und tödlichen Schreck verrieten. »Wer
macht so grobe Scherze, die das Leben gefährden«, schrie er. Er begriff
nicht, daß die festen Züge vor ihm weder Scham noch Furcht verrieten und
auch nicht einen Schein jener Besorgnis, die er erwartete und die ihn
ermutigt hätte. Im Gesichte des Mädchens las er einzig den Wunsch, mit
dem Stein zu treffen, den sie gelassen, beinahe behaglich, in ihrer
braunen Hand wog.
Dieser Stein traf ihn im Winkel seines Auges, zwischen der Schläfe und
dem Backenknochen. Er sank lautlos, ohne noch eine Bewegung zu machen,
mit dem Gesicht in die Farrenkräuter.
Anje ging langsam, aber ohne Zögern, durch das Schilf auf den Gefallenen
zu. An ihrem Körper rann das Wasser glitzernd nieder und blinkte auf in
dieser Halbsonne, wie sie unter dem Laub der Birken herrscht. Die
Schattenschleier gaben dem Licht einen unwirklichen Schein, Anjes nasses
Haar lag wie Gold auf ihrer Schulter. Diese Goldlichter huschten über
ihren ganzen Körper hin und hüllten ihn ein.
Der Fremde lag totenstill im Farren. Eine kleine Spinne kroch hastig
über seine Schulter, und die Hand lag breit gespreizt auf einem
Moospolster. Anje sah nun, daß er ein Gewehr trug und einen Hirschfänger
am Gürtel. Um das Gesicht zu sehn, mußte sie seinen Kopf wenden, und sie
tat es vorsichtig und neugierig. Die Wunde entstellte sein Gesicht, das
ihr ebenmäßig, aber wesenlos erschien, sie ließ seine Haare beinahe
verächtlich los, als der erloschene Blick aus den halbgeschlossenen
Augen ihr begegnete. Da sie Blut von der Schläfe rinnen sah,
durchsuchte sie seine Taschen nach einem Tuch, und als sie es gefunden
hatte, verband sie den Besinnungslosen mit Sorgfalt, wie sie es bei
ihrem Vater gesehn, wenn seine rauhe Arbeit ihm Schaden getan hatte.
Dann holte sie ihren Kittel, bekleidete sich und trat gelassen den
Heimweg an.
* * * * *
So kam Anje in Fridlins Leben. Er drängte sich ihr mit dem gedankenlosen
Eigensinn seiner Jugend seit diesem Tage auf und vergaß sie um so
weniger, als er nicht begriff, wie leicht er ihr verzeihen konnte. In
der Försterei, in der er bedienstet war, erhielt er damals bald
Auskunft, der Förster selbst lachte belustigt, aber ein wenig
verächtlich, und nahm sich später den jungen Menschen für ein besonderes
Gespräch beiseite, und die Mitteilungen, die dabei gemacht worden sind,
mußten sehr ernster Natur gewesen sein, denn sie stimmten Fridlin für
lange Zeit nachdenklich.
In der Küche wußten die Mägde später weit besser Bescheid, der junge
Mann hörte mißmutig zu, aber er konnte sich nichts entgehen lassen,
obgleich er die Torheiten verachtete, die über Gerom und sein Kind im
Lande in Umlauf waren.
»Was wollt ihr denn,« sagte er mürrisch, »sie wird ein Mädchen sein, wie
alle anderen.«
Fridlin lehnte im Türrahmen, im grünen Lindenlicht, das durch den Hof
auf die sauberen Geräte der Küche sank und auf die nackten Arme der
hantierenden Frauen.
»Du mußt es ja erfahren haben,« gab die junge Magd zur Antwort und sah
Fridlin besorgt und aufmerksam an, »geh nicht mehr hin, so viel sag'
ich.« Und sie lachte und sah auf die Beule in seinem Gesicht, die ihn
entstellte.
Was er beim Förster, seinem Dienstherrn, gehört hatte, war ihm
bedeutungsvoller. Gerom wilderte. Er stand schon seit lange im Verdacht,
und wenn Fridlin bisher nicht darüber unterrichtet worden war, so war es
mit Vorbedacht unterblieben, da der Alte den unbesonnenen Eifer des
Burschen mißachtete. Er kannte Gerom und wußte, daß mit ihm nicht zu
scherzen war, daß er niemand fürchtete und daß ihm sein eigenes Leben
gering galt. Er selbst hatte bisher kaum mehr getan, als dieses Gelüste
des verwilderten Mannes, wie Gerom ihm erschien, nach Möglichkeit in
Grenzen zu halten, denn er wußte wohl, daß Gerom kein Gewerbe aus seinem
Raube machte, sondern daß er um der Gefahr und Freiheit willen jagte,
die die Jagd, wie sonst kaum etwas, mit sich bringt.
Es kam hinzu, daß Gerom den Wildbestand nicht unvernünftig gefährdete,
sondern sinnvoll und mit dem Anstand des gerechten Weidmanns vorging; so
viel ließ sich leicht feststellen. Und deshalb liebte der Förster, der
ein guter Jäger war, Gerom mit Bewunderung und Neid verbunden. Gerom war
ihm an Geduld überlegen und nicht weniger in seinen Kenntnissen der
Waldwelt, und da alle Gewerbe, deren ursprüngliche Ausübung sich mit den
Darbietungen der Natur verbindet, Edelmut und Großzügigkeit bewahren, so
duldete der Förster Geroms Treiben, beinahe ohne daß dieser Schritt
gegen sein Pflichtbewußtsein ihn im Gewissen bedrängte. Es kam jenes
Gefühl hinzu, das alle Herzen im Lande bewegte, soweit Gerom und sein
Schicksal bekannt waren, daß dem Manne vom Leben bitteres Unrecht
geschehen sei und daß er freiwillig eine Strafe, über die menschliche
Gerechtigkeit hinaus, zu verbüßen schien.