Drittes Kapitel

Wenn Hirte, der große gelbe Hund, durch die veränderten

Lebensbedingungen auch gezwungen war, einen guten Teil seiner

Erfahrungen als überflüssig zu betrachten, so gab er deshalb seinen

Eifer nicht auf, den Ansprüchen gerecht zu werden, die man an ihn

stellte. Er hatte bald herausgebracht, daß es im Grunde Anje war, die

seiner bedurfte, und da dieser Hinweis auf seine Verpflichtungen mit

seiner Neigung zusammenfiel, ergab er sich Anje mit der ganzen

Ausschließlichkeit seines Wesens. Er schlief an ihrem Lager, wo immer

das Kind sich zur Ruhe niederlegte, erwachte mit jedem Seufzer, der der

kleinen von Träumen bedrängten Brust entwich, und horchte auf das Ticken

des Regens, oder das Rascheln der nächtlichen Tiere im Laub. Schon ein

Nachtfalter, der sich am Glas der Scheiben stieß, weckte ihn auf. Wenn

Anje sich im Schlaf bewegte oder sich auf die andere Seite bettete,

benutzte er die Gelegenheit, sich selbst ein wenig zu regen oder zu

gähnen, was bisweilen notwendig war, aber er würde es nicht gewagt

haben, wenn seine kleine Herrin ruhig schlief.

Des Morgens begegneten Anjes erwachende Augen dem braunen Goldglanz der

seinen, er saß in respektvoller Entfernung auf dem Boden, hatte sein

Maul etwas geöffnet, und seine Brauen bewegten sich erwartungsvoll und

freundlich. Überhaupt war Hirtes Heiterkeit von großer Beständigkeit,

immer lag sein Frohsinn im glücklichen Streit mit der Schwermut seiner

tierhaften Befangenheit.

Die kleine Anje nahm, wie alles, was ihr begegnete, so auch Hirtes

ergebene Liebe wie ein selbstverständliches Gut entgegen. Die Sonne über

dem Bach und über den vielerlei Pflanzen des Waldes und des Moors, die

Lieder der Vögel und der Schimmer des Mondes hinter dem Laubdach der

Bäume, waren so schlicht und wahr ihr Eigentum, wie das Leben ihrer

kleinen braunen Hände und das göttliche Geschick ihrer Augen. Sie nahm

die Güter der Erde an, wie nur Kinder sie nehmen können, und ihr

irdischer und himmlischer Gott, der Herr über alles, was sie umgab, war

ihr Vater. Sie kannte keinen Zweifel an seiner Macht und an seiner Güte

und liebte ihn in der schrankenlosen Hingabe, wie sie entstehn kann,

wenn ein junges Gemüt Stunde für Stunde eine Liebe empfindet, in deren

herbe Verschlossenheit kein Schrecknis des Alltags fällt, die

unberührbar und unerwiesen bleibt, die keine Beweise zu liefern scheint,

als einzig den verschwiegenen Gram ihrer irdischen Gebundenheit, in

einem heiligen Abstand.

Denn Geroms Herz war wahrhaft gebrochen, und er hatte die Kraft zur

Hingabe für seine Erdenzeit verloren. So entströmte ihm scheinbar die

Fülle seiner Liebeskraft in heimatloser Allmacht, denn so wenig er in

der Lage war, ein zweites Mal zu vertraun, so wenig konnte er seine

Kraft zu jener Gemeinschaft verleugnen, die die Liebe in die Welt

bringt.

Es war wunderbar genug, daß Anje ihn nicht fürchtete, denn sein Gesicht

verfinstere sich um so mehr, je mehr sie ihm ihre Liebe zeigte oder

darbot. Aber der Eifer der kleinen Anje ermüdete darüber nicht, ihre

Zärtlichkeit wuchs, und ihr kindliches Tun nahm überhand an demütiger

Weisheit der Liebe. Einmal legte er Anje seine Hand aufs Haar, in einer

Müdigkeit ohne Gedanken, aber er erschrak darüber, wie furchtbar die

Wirkung war. Das kleine Mädchen erschauerte und sank mit Zittern an

seinen Knien nieder, die blasse Wange gegen seinen groben Stiefel

gepreßt, wagte nicht sich zu rühren und sagte kein Wort. Es war, als

verginge sie in einer Ohnmacht, ihr Glück ertragen zu können. Gerom

erbebte und brüllte fast:

»Steh auf! Was ist geschehen?! Steh auf!«

Sie erhob sich und lächelte, ihre Lippen waren beinahe weiß. Sie

verstand den Zorn ihres Vaters und begriff, daß es erschüttern mußte, so

viel gegeben zu haben, wie er es getan hatte. Gerom ging mit großen

Schritten hinaus.

Er würde wohl auf seine finstre und überlegene Art gelächelt haben, wenn

Onne ihm erzählt hätte, Anje sei das eigenwilligste und trotzigste Kind,

daß sich denken ließe. Aber die Alte hütete sich wohl, auch wollte Gerom

von niemandem etwas über sein Kind hören. Sie begriff das Verlangen nach

Liebe, das in dem kleinen Herzen Anjes brannte, und schirmte es heimlich

auf ihre Art.

Einmal hatte Anje die Nacht in Onnes Hütte zugebracht, wie es oft

geschah, aber diesmal mußte Gerom es ein erstes Mal gewahr geworden

sein. Da Onne es mit dem Schlafen wie ihre Hühner hielt, sich mit der

Sonne niederlegte und sich im ersten Morgengrauen erhob, so ließ sie das

Kind noch ruhen, als das Licht sie aufweckte. Da sah sie nach etwa einer

Stunde beim Beerensuchen Gerom durch den Wald kommen, er brach im Lauf

durch das Unterholz in der Richtung auf ihre Hütte zu, wie ein Bär

stürmte er dahin, er schnitt die Wege ab und achtete nicht darauf, daß

das Buschwerk sein graues Haar verwüstete, und seine Blicke waren vor

Angst erstarrt. Als er Onne entdeckte, hielt er plötzlich inne, ging

langsam, strich über seine Schläfen, und die Alte sah ihn in seinen Bart

lächeln, als er bei ihr war, wie sie ihn nie hatte lächeln sehn.

»Was ist geschehn?«, fragte sie. Die rote Morgensonne schien durch die

betauten Büsche in den Wald, und es tropfte von den Blättern.

»Was soll geschehn sein?«, fragte Gerom düster und schaute auf das

dichte Moos des Waldbodens, er atmete schwer, aber er stellte die Frage

nicht, die sein Gemüt zerdrückte. Onnes welkes, altes Herz wärmte sich

in der Glut dieser Liebe, denn obgleich sie längst begriffen hatte, was

Gerom in den Wald trieb, sagte sie ihm noch nicht, wo sein Kind war. Als

er es erfuhr, brummte er wie nebenhin: »Anje ... mag sie schlafen, wo

sie will.« Aber von dieser Stunde an war Onne niemals wieder in

Besorgnis, die Liebe des kleinen Mädchens zu ihrem Vater möchte sich

jemals in Bitterkeit verkehren.

Aber so sicherlich für gewöhnlich die Neigung eines jungen Gemüts in

Zärtlichkeit aufblüht, so eigenartig war es, daß Anjes Verlangen danach

sich nicht auf Hirte übertrug. Eigentlich hatte Hirte es beinahe

schlecht bei ihr, wenn er auch unter keiner Bosheit oder Willkür zu

leiden hatte, aber sein deutlich zur Schau getragenes Begehr nach

sinnfälligen Beweisen von Gunst fand keine Beachtung. Anje streichelte

ihn sehr selten, und nur dann, wenn er sich irgendwie verdient gemacht

hatte, oder wenn sie an alles andere und nur nicht an ihn dachte. Das

mußte ertragen werden, aber daß er schwer daran trug, sah man seinen

Augen an, wenn sie sich von untenher zu Anje emporrichteten, den Wulst

der Brauen ein wenig mithoben und sich in ihrer schweigsamen Sprache um

den Willen der gebannten Seele mühten. Nur wenn sie miteinander einen

schmalen Waldpfad beschritten, rieb er zuweilen seinen Kopf an Anjes

braunem Knie, das wurde aber in der Hauptsache nur deshalb geduldet,

weil es verständlich war, daß gern beide den Pfad benutzen, und weil

Hirte nicht voranlaufen sollte und nicht hinterhertrotten mochte.

Eine Aufgabe, die Hirte sehr wichtig einschätzte und der er mit großer

Gewissenhaftigkeit oblag, war das Bewachen der Kleider beim Baden im

Gurdelbach. In solchen Augenblicken erschien ihm der Sinn seines Daseins

erfüllt, er wurde vor Ernst beinahe traurig und fast hochmütig vor

Stolz. Um Hirtes Wesensart ganz würdigen zu können, mußte man ihn an

diesem Posten gesehen haben, dessen Bedeutung ihm in keiner Weise

dadurch geschmälert wurde, daß Anjes ganze Kleidung aus einem grauen

Leinenkittel und einem Gürtel bestand und daß niemals jemand den Wald

betrat. Aber in solchen Augenblicken war das Kittelchen in Hirtes Augen

so gut wie ein Purpurmantel, und hinter jedem Busch vermutete er

Landstreicher oder Straßenräuber.

Wenn alles still blieb, blinzelte er durch das Schilf nach Anjes gelbem

Haar und horchte auf das heitere Plätschern des Wassers. Man mußte beim

Lauschen den Kopf schräg halten und wenn möglich für kurz die Blicke in

eine andere Richtung schicken, damit einem nichts entging. Der Kittel

war noch da.

Dann, wenn Anje ihr Bad beendet hatte und im Gras in der Sonne lag,

durfte Hirte baden. Er ging ein wenig abseits ins Wasser, weil dort die

Frösche noch nicht aufgestört waren, und man beobachten konnte, wie sie

mit einem langen Satz flüchteten. Dies tat Hirte wohl, weil es seine

Autorität erwies und ihn belustigte. Es erschien ihm außerordentlich

erstaunlich, daß man diese Tiere immer erst dann erblickte, wenn es zu

spät war, sie zu erwischen, und daß man sie niemals im Wasser

wiederfand. Allerdings machte Hirte nur noch scheinbar den Versuch, sie

zu schnappen, es hatte seinen Grund darin, daß es ihm vor Jahren einmal

gelungen war.

Dann kam die Stunde im Ufergrün, wo sie nebeneinander in der Sonne

trocknen mußten. Es war herrlich, mit müden und glücklichen Blicken das

Schilf im sanften Wind bewegt zu sehn und das Blinken der Sonne vom

Wasser her mit in seine Träume zu nehmen. Alles verwandelte sich in ein

warmes Glück, das in goldgrünem Schimmer über die Erde zog. Der Himmel

kam herab, und der Boden wurde leicht, wie auch der Körper und die

Gedanken. Alle Gestalten verwandelten sich zu lichten Dingen und kehrten

frei in die Geheimnisse des Bluts ein, dessen Pochen zu verstummen

schien. Die Regungen der Luft wurden vernehmlich, wie ein Brausen aus

der Höhe, die Stimmen der Insekten und das Flüstern der Blätter ließen

sich verstehn, und das Licht schien zu erklingen. --

Je mehr Anje heranwuchs, um so weiter dehnte sie langsam ihre Streifzüge

in die Wildnis der Einöde aus. Ein Weg scheint kleiner zu werden, je

länger man ihn kennt, und Anjes Mut wuchs mit ihrer Selbständigkeit und

ihrer Kraft, auch war Verlaß auf Hirte, der immer dabei sein wollte,

wenn eine Entdeckungsfahrt unternommen wurde. Anje kannte nun die fahlen

Birkenbestände im Sumpfland, unter denen die Farne zwischen gestürzten

Stämmen im Modergrund wuchsen, sie kannte die schwarzen Seen im

Moorland, die in der leblosen Ebene lagen, und an deren toten Ufern

nichts grünte als ein scharfes Gras und im Hochsommer gelbe oder

violette Blumen, deren gedrängte Blüten an einem saftigen Stengel saßen,

und die vereinzelt, wie Wahrzeichen der Gefahr, im Sumpfboden hockten.

Gegen Osten zogen sich mit Weiden bestandene Gründe hin, deren Ende

niemand zu kennen schien, und gegen Süden der schwarze Tannenwald,

dessen Bäume so dicht standen, daß kein Sonnenstrahl bis auf den braunen

Nadelteppich fand. Nur die Abendsonne schien spät durch die hängenden

Zweige hinein, zwischen die Stämme am Boden und trug himmlische Wunder

voll dunkler Glut in seine Totenstille. --

Einmal war Anje mit Hirte in diesem Wald so weit vorgedrungen, daß sie

an der Landstraße anlangte, die ihn durchschnitt. Es war die alte

Heerstraße, die von der Dachenau hinüber ins Gorchinger Land führte. Ein

schmaler Graben trennte ihre Wagenspuren vom Tannenwald, an dessen Rand

sich im Schutz der tiefen Zweige Anje und Hirte ein Versteck bereitet

hatten, von dem aus sie den Gang der Welt und den Verlauf des großen

Lebens beobachteten und Erfahrungen von Bedeutung sammelten.

Die Landstraße war vernachlässigt und wurde fast niemals mehr benutzt,

sie war bewachsen, und nur ihre zwei Furchen von den Rädern der Wagen

kennzeichneten ihre fast vergessene Bestimmung. Es kamen sehr selten

Gefährte vorüber und nur hier und da ein Landmann oder ein

Wanderbursche, vielleicht der Flurschütze oder sein Gehilfe oder ein

Tagelöhner, der sein Kalb auf den Gorchinger Markt trieb, aber diese

Ereignisse waren für Anje von großer Bedeutung. Mit Herzklopfen sah sie

schon von fern, im Dämmerlicht der Straßenbirken, ein bewegliches

Pünktchen nahn und in den Tannenwald kommen, und ihr Herz schlug hart

und langsam, wenn endlich ein Mensch daherkam und vorüberzog. Sie

verdankte ihrem geduldigen Eifer eine wichtige Errungenschaft ihrer

Kindertage, es war die Kunst des Singens. Eines Morgens war ein Wagen

dahergekommen, den sie schon von weitem knarren hörten, und sie hatten

laufen müssen, Hirte und sie, um rechtzeitig bei ihrem Versteck mit ihm

zusammenzutreffen. Es war ein schwerer Wagen, der von zwei gefleckten

Pferden gezogen wurde und mit grauem Tuch überspannt war. Der Fuhrmann

schritt nebenher, er hatte seine gelbe Peitsche geschultert und sang.

Die kleine Anje sah mit großen Augen durch die Tannennadeln und zitterte

vor Glück. Die mächtige Männerstimme scholl laut und traurig durch den

Morgen, es war Anje, als wäre alles Vertraute umher plötzlich verändert,

der Himmel, die grünen Tannenwipfel darin, ihre eigenen Hände und Hirtes

freundlicher Blick. Sie wußte nicht, wie ihr geschah, und gab sich

hilflos den Segnungen der feierlichen Kraft hin, die ihr Herz bestürmte.

Sie versuchte zu verstehn, was der fremde Mann sang, eine beklemmend

traurige Erinnerung an ihre frühste Kindheit stieg dunkel, mit lichten

Gestalten, aus ihrer Seele empor.

»Hirte,« sagte sie, »hörst du?«

Hirte veränderte die Stellung seiner Ohren und sah Anje an.

Sie schüttelte den Kopf und schob ihn fort, da er die Befangenheit

seiner Herrin zu benutzen suchte, um seine schwarze Schnauze in ihre

Hand zu bohren. Da verstand er, daß Großes vor sich ging, und saß still

und aufrecht.

Der Gesang verhallte in der Ferne, und als der Morgen wieder still war

und nur die Häher riefen und aus der Birkenniederung der Kuckuck,

versuchte Anje zu singen.

Hirte sprang auf und geriet in Verlegenheit, aber er mußte sich nun im

Laufe der kommenden Zeit bemühn, eine Stellung zu diesen seltsamen,

langgezogenen Tönen zu finden, die ohne Sinn der Worte und von

bedeutungsvollen Bewegungen der Hände begleitet, aus der Schattenwildnis

der Einöde zum Himmel emporklangen. Anje sang mit tiefer Kinderstimme,

wie das Wasser durch den Moorgrund zog und wie die Pflanzen sich gegen

das Licht drängten, sie erlöste die Klage der Stummen um sich her,

lernte vom Wind und vom Regen und legte in die wortlose Klage ihres

Liedes den Sinn der geduldigen Natur auf ihre Art. Sie bildete die Worte

für ihre Lieder selbst, und es klang aus der feuchten Kühle in den

Sonnenschein hinaus, ausklingend auf »öh« und »euh« in unbegreiflich

inbrünstiger Schwermut. Sie rief den Abend herbei und begrüßte die

dahinziehenden Wolken, sie beantwortete die verschleierten Stimmen aus

den Nebelgründen und dankte dem Mond.

Bald gab es in Gorching ein neues Wunder des Moors, das man

abergläubisch mit den Geheimnissen der schaffenden Natur verband, und

das als das Wahrzeichen für die Erfüllung von Hoffnungen oder für das

Eintreffen von Befürchtungen galt: »Das Anjekind singt im Moor.«

Das Anjekind: Eine Erzählung · 第 6 / 20 题