Wenn Hirte, der große gelbe Hund, durch die veränderten
Lebensbedingungen auch gezwungen war, einen guten Teil seiner
Erfahrungen als überflüssig zu betrachten, so gab er deshalb seinen
Eifer nicht auf, den Ansprüchen gerecht zu werden, die man an ihn
stellte. Er hatte bald herausgebracht, daß es im Grunde Anje war, die
seiner bedurfte, und da dieser Hinweis auf seine Verpflichtungen mit
seiner Neigung zusammenfiel, ergab er sich Anje mit der ganzen
Ausschließlichkeit seines Wesens. Er schlief an ihrem Lager, wo immer
das Kind sich zur Ruhe niederlegte, erwachte mit jedem Seufzer, der der
kleinen von Träumen bedrängten Brust entwich, und horchte auf das Ticken
des Regens, oder das Rascheln der nächtlichen Tiere im Laub. Schon ein
Nachtfalter, der sich am Glas der Scheiben stieß, weckte ihn auf. Wenn
Anje sich im Schlaf bewegte oder sich auf die andere Seite bettete,
benutzte er die Gelegenheit, sich selbst ein wenig zu regen oder zu
gähnen, was bisweilen notwendig war, aber er würde es nicht gewagt
haben, wenn seine kleine Herrin ruhig schlief.
Des Morgens begegneten Anjes erwachende Augen dem braunen Goldglanz der
seinen, er saß in respektvoller Entfernung auf dem Boden, hatte sein
Maul etwas geöffnet, und seine Brauen bewegten sich erwartungsvoll und
freundlich. Überhaupt war Hirtes Heiterkeit von großer Beständigkeit,
immer lag sein Frohsinn im glücklichen Streit mit der Schwermut seiner
tierhaften Befangenheit.
Die kleine Anje nahm, wie alles, was ihr begegnete, so auch Hirtes
ergebene Liebe wie ein selbstverständliches Gut entgegen. Die Sonne über
dem Bach und über den vielerlei Pflanzen des Waldes und des Moors, die
Lieder der Vögel und der Schimmer des Mondes hinter dem Laubdach der
Bäume, waren so schlicht und wahr ihr Eigentum, wie das Leben ihrer
kleinen braunen Hände und das göttliche Geschick ihrer Augen. Sie nahm
die Güter der Erde an, wie nur Kinder sie nehmen können, und ihr
irdischer und himmlischer Gott, der Herr über alles, was sie umgab, war
ihr Vater. Sie kannte keinen Zweifel an seiner Macht und an seiner Güte
und liebte ihn in der schrankenlosen Hingabe, wie sie entstehn kann,
wenn ein junges Gemüt Stunde für Stunde eine Liebe empfindet, in deren
herbe Verschlossenheit kein Schrecknis des Alltags fällt, die
unberührbar und unerwiesen bleibt, die keine Beweise zu liefern scheint,
als einzig den verschwiegenen Gram ihrer irdischen Gebundenheit, in
einem heiligen Abstand.
Denn Geroms Herz war wahrhaft gebrochen, und er hatte die Kraft zur
Hingabe für seine Erdenzeit verloren. So entströmte ihm scheinbar die
Fülle seiner Liebeskraft in heimatloser Allmacht, denn so wenig er in
der Lage war, ein zweites Mal zu vertraun, so wenig konnte er seine
Kraft zu jener Gemeinschaft verleugnen, die die Liebe in die Welt
bringt.
Es war wunderbar genug, daß Anje ihn nicht fürchtete, denn sein Gesicht
verfinstere sich um so mehr, je mehr sie ihm ihre Liebe zeigte oder
darbot. Aber der Eifer der kleinen Anje ermüdete darüber nicht, ihre
Zärtlichkeit wuchs, und ihr kindliches Tun nahm überhand an demütiger
Weisheit der Liebe. Einmal legte er Anje seine Hand aufs Haar, in einer
Müdigkeit ohne Gedanken, aber er erschrak darüber, wie furchtbar die
Wirkung war. Das kleine Mädchen erschauerte und sank mit Zittern an
seinen Knien nieder, die blasse Wange gegen seinen groben Stiefel
gepreßt, wagte nicht sich zu rühren und sagte kein Wort. Es war, als
verginge sie in einer Ohnmacht, ihr Glück ertragen zu können. Gerom
erbebte und brüllte fast:
»Steh auf! Was ist geschehen?! Steh auf!«
Sie erhob sich und lächelte, ihre Lippen waren beinahe weiß. Sie
verstand den Zorn ihres Vaters und begriff, daß es erschüttern mußte, so
viel gegeben zu haben, wie er es getan hatte. Gerom ging mit großen
Schritten hinaus.
Er würde wohl auf seine finstre und überlegene Art gelächelt haben, wenn
Onne ihm erzählt hätte, Anje sei das eigenwilligste und trotzigste Kind,
daß sich denken ließe. Aber die Alte hütete sich wohl, auch wollte Gerom
von niemandem etwas über sein Kind hören. Sie begriff das Verlangen nach
Liebe, das in dem kleinen Herzen Anjes brannte, und schirmte es heimlich
auf ihre Art.
Einmal hatte Anje die Nacht in Onnes Hütte zugebracht, wie es oft
geschah, aber diesmal mußte Gerom es ein erstes Mal gewahr geworden
sein. Da Onne es mit dem Schlafen wie ihre Hühner hielt, sich mit der
Sonne niederlegte und sich im ersten Morgengrauen erhob, so ließ sie das
Kind noch ruhen, als das Licht sie aufweckte. Da sah sie nach etwa einer
Stunde beim Beerensuchen Gerom durch den Wald kommen, er brach im Lauf
durch das Unterholz in der Richtung auf ihre Hütte zu, wie ein Bär
stürmte er dahin, er schnitt die Wege ab und achtete nicht darauf, daß
das Buschwerk sein graues Haar verwüstete, und seine Blicke waren vor
Angst erstarrt. Als er Onne entdeckte, hielt er plötzlich inne, ging
langsam, strich über seine Schläfen, und die Alte sah ihn in seinen Bart
lächeln, als er bei ihr war, wie sie ihn nie hatte lächeln sehn.
»Was ist geschehn?«, fragte sie. Die rote Morgensonne schien durch die
betauten Büsche in den Wald, und es tropfte von den Blättern.
»Was soll geschehn sein?«, fragte Gerom düster und schaute auf das
dichte Moos des Waldbodens, er atmete schwer, aber er stellte die Frage
nicht, die sein Gemüt zerdrückte. Onnes welkes, altes Herz wärmte sich
in der Glut dieser Liebe, denn obgleich sie längst begriffen hatte, was
Gerom in den Wald trieb, sagte sie ihm noch nicht, wo sein Kind war. Als
er es erfuhr, brummte er wie nebenhin: »Anje ... mag sie schlafen, wo
sie will.« Aber von dieser Stunde an war Onne niemals wieder in
Besorgnis, die Liebe des kleinen Mädchens zu ihrem Vater möchte sich
jemals in Bitterkeit verkehren.
Aber so sicherlich für gewöhnlich die Neigung eines jungen Gemüts in
Zärtlichkeit aufblüht, so eigenartig war es, daß Anjes Verlangen danach
sich nicht auf Hirte übertrug. Eigentlich hatte Hirte es beinahe
schlecht bei ihr, wenn er auch unter keiner Bosheit oder Willkür zu
leiden hatte, aber sein deutlich zur Schau getragenes Begehr nach
sinnfälligen Beweisen von Gunst fand keine Beachtung. Anje streichelte
ihn sehr selten, und nur dann, wenn er sich irgendwie verdient gemacht
hatte, oder wenn sie an alles andere und nur nicht an ihn dachte. Das
mußte ertragen werden, aber daß er schwer daran trug, sah man seinen
Augen an, wenn sie sich von untenher zu Anje emporrichteten, den Wulst
der Brauen ein wenig mithoben und sich in ihrer schweigsamen Sprache um
den Willen der gebannten Seele mühten. Nur wenn sie miteinander einen
schmalen Waldpfad beschritten, rieb er zuweilen seinen Kopf an Anjes
braunem Knie, das wurde aber in der Hauptsache nur deshalb geduldet,
weil es verständlich war, daß gern beide den Pfad benutzen, und weil
Hirte nicht voranlaufen sollte und nicht hinterhertrotten mochte.
Eine Aufgabe, die Hirte sehr wichtig einschätzte und der er mit großer
Gewissenhaftigkeit oblag, war das Bewachen der Kleider beim Baden im
Gurdelbach. In solchen Augenblicken erschien ihm der Sinn seines Daseins
erfüllt, er wurde vor Ernst beinahe traurig und fast hochmütig vor
Stolz. Um Hirtes Wesensart ganz würdigen zu können, mußte man ihn an
diesem Posten gesehen haben, dessen Bedeutung ihm in keiner Weise
dadurch geschmälert wurde, daß Anjes ganze Kleidung aus einem grauen
Leinenkittel und einem Gürtel bestand und daß niemals jemand den Wald
betrat. Aber in solchen Augenblicken war das Kittelchen in Hirtes Augen
so gut wie ein Purpurmantel, und hinter jedem Busch vermutete er
Landstreicher oder Straßenräuber.
Wenn alles still blieb, blinzelte er durch das Schilf nach Anjes gelbem
Haar und horchte auf das heitere Plätschern des Wassers. Man mußte beim
Lauschen den Kopf schräg halten und wenn möglich für kurz die Blicke in
eine andere Richtung schicken, damit einem nichts entging. Der Kittel
war noch da.
Dann, wenn Anje ihr Bad beendet hatte und im Gras in der Sonne lag,
durfte Hirte baden. Er ging ein wenig abseits ins Wasser, weil dort die
Frösche noch nicht aufgestört waren, und man beobachten konnte, wie sie
mit einem langen Satz flüchteten. Dies tat Hirte wohl, weil es seine
Autorität erwies und ihn belustigte. Es erschien ihm außerordentlich
erstaunlich, daß man diese Tiere immer erst dann erblickte, wenn es zu
spät war, sie zu erwischen, und daß man sie niemals im Wasser
wiederfand. Allerdings machte Hirte nur noch scheinbar den Versuch, sie
zu schnappen, es hatte seinen Grund darin, daß es ihm vor Jahren einmal
gelungen war.
Dann kam die Stunde im Ufergrün, wo sie nebeneinander in der Sonne
trocknen mußten. Es war herrlich, mit müden und glücklichen Blicken das
Schilf im sanften Wind bewegt zu sehn und das Blinken der Sonne vom
Wasser her mit in seine Träume zu nehmen. Alles verwandelte sich in ein
warmes Glück, das in goldgrünem Schimmer über die Erde zog. Der Himmel
kam herab, und der Boden wurde leicht, wie auch der Körper und die
Gedanken. Alle Gestalten verwandelten sich zu lichten Dingen und kehrten
frei in die Geheimnisse des Bluts ein, dessen Pochen zu verstummen
schien. Die Regungen der Luft wurden vernehmlich, wie ein Brausen aus
der Höhe, die Stimmen der Insekten und das Flüstern der Blätter ließen
sich verstehn, und das Licht schien zu erklingen. --
Je mehr Anje heranwuchs, um so weiter dehnte sie langsam ihre Streifzüge
in die Wildnis der Einöde aus. Ein Weg scheint kleiner zu werden, je
länger man ihn kennt, und Anjes Mut wuchs mit ihrer Selbständigkeit und
ihrer Kraft, auch war Verlaß auf Hirte, der immer dabei sein wollte,
wenn eine Entdeckungsfahrt unternommen wurde. Anje kannte nun die fahlen
Birkenbestände im Sumpfland, unter denen die Farne zwischen gestürzten
Stämmen im Modergrund wuchsen, sie kannte die schwarzen Seen im
Moorland, die in der leblosen Ebene lagen, und an deren toten Ufern
nichts grünte als ein scharfes Gras und im Hochsommer gelbe oder
violette Blumen, deren gedrängte Blüten an einem saftigen Stengel saßen,
und die vereinzelt, wie Wahrzeichen der Gefahr, im Sumpfboden hockten.
Gegen Osten zogen sich mit Weiden bestandene Gründe hin, deren Ende
niemand zu kennen schien, und gegen Süden der schwarze Tannenwald,
dessen Bäume so dicht standen, daß kein Sonnenstrahl bis auf den braunen
Nadelteppich fand. Nur die Abendsonne schien spät durch die hängenden
Zweige hinein, zwischen die Stämme am Boden und trug himmlische Wunder
voll dunkler Glut in seine Totenstille. --
Einmal war Anje mit Hirte in diesem Wald so weit vorgedrungen, daß sie
an der Landstraße anlangte, die ihn durchschnitt. Es war die alte
Heerstraße, die von der Dachenau hinüber ins Gorchinger Land führte. Ein
schmaler Graben trennte ihre Wagenspuren vom Tannenwald, an dessen Rand
sich im Schutz der tiefen Zweige Anje und Hirte ein Versteck bereitet
hatten, von dem aus sie den Gang der Welt und den Verlauf des großen
Lebens beobachteten und Erfahrungen von Bedeutung sammelten.
Die Landstraße war vernachlässigt und wurde fast niemals mehr benutzt,
sie war bewachsen, und nur ihre zwei Furchen von den Rädern der Wagen
kennzeichneten ihre fast vergessene Bestimmung. Es kamen sehr selten
Gefährte vorüber und nur hier und da ein Landmann oder ein
Wanderbursche, vielleicht der Flurschütze oder sein Gehilfe oder ein
Tagelöhner, der sein Kalb auf den Gorchinger Markt trieb, aber diese
Ereignisse waren für Anje von großer Bedeutung. Mit Herzklopfen sah sie
schon von fern, im Dämmerlicht der Straßenbirken, ein bewegliches
Pünktchen nahn und in den Tannenwald kommen, und ihr Herz schlug hart
und langsam, wenn endlich ein Mensch daherkam und vorüberzog. Sie
verdankte ihrem geduldigen Eifer eine wichtige Errungenschaft ihrer
Kindertage, es war die Kunst des Singens. Eines Morgens war ein Wagen
dahergekommen, den sie schon von weitem knarren hörten, und sie hatten
laufen müssen, Hirte und sie, um rechtzeitig bei ihrem Versteck mit ihm
zusammenzutreffen. Es war ein schwerer Wagen, der von zwei gefleckten
Pferden gezogen wurde und mit grauem Tuch überspannt war. Der Fuhrmann
schritt nebenher, er hatte seine gelbe Peitsche geschultert und sang.
Die kleine Anje sah mit großen Augen durch die Tannennadeln und zitterte
vor Glück. Die mächtige Männerstimme scholl laut und traurig durch den
Morgen, es war Anje, als wäre alles Vertraute umher plötzlich verändert,
der Himmel, die grünen Tannenwipfel darin, ihre eigenen Hände und Hirtes
freundlicher Blick. Sie wußte nicht, wie ihr geschah, und gab sich
hilflos den Segnungen der feierlichen Kraft hin, die ihr Herz bestürmte.
Sie versuchte zu verstehn, was der fremde Mann sang, eine beklemmend
traurige Erinnerung an ihre frühste Kindheit stieg dunkel, mit lichten
Gestalten, aus ihrer Seele empor.
»Hirte,« sagte sie, »hörst du?«
Hirte veränderte die Stellung seiner Ohren und sah Anje an.
Sie schüttelte den Kopf und schob ihn fort, da er die Befangenheit
seiner Herrin zu benutzen suchte, um seine schwarze Schnauze in ihre
Hand zu bohren. Da verstand er, daß Großes vor sich ging, und saß still
und aufrecht.
Der Gesang verhallte in der Ferne, und als der Morgen wieder still war
und nur die Häher riefen und aus der Birkenniederung der Kuckuck,
versuchte Anje zu singen.
Hirte sprang auf und geriet in Verlegenheit, aber er mußte sich nun im
Laufe der kommenden Zeit bemühn, eine Stellung zu diesen seltsamen,
langgezogenen Tönen zu finden, die ohne Sinn der Worte und von
bedeutungsvollen Bewegungen der Hände begleitet, aus der Schattenwildnis
der Einöde zum Himmel emporklangen. Anje sang mit tiefer Kinderstimme,
wie das Wasser durch den Moorgrund zog und wie die Pflanzen sich gegen
das Licht drängten, sie erlöste die Klage der Stummen um sich her,
lernte vom Wind und vom Regen und legte in die wortlose Klage ihres
Liedes den Sinn der geduldigen Natur auf ihre Art. Sie bildete die Worte
für ihre Lieder selbst, und es klang aus der feuchten Kühle in den
Sonnenschein hinaus, ausklingend auf »öh« und »euh« in unbegreiflich
inbrünstiger Schwermut. Sie rief den Abend herbei und begrüßte die
dahinziehenden Wolken, sie beantwortete die verschleierten Stimmen aus
den Nebelgründen und dankte dem Mond.
Bald gab es in Gorching ein neues Wunder des Moors, das man
abergläubisch mit den Geheimnissen der schaffenden Natur verband, und
das als das Wahrzeichen für die Erfüllung von Hoffnungen oder für das
Eintreffen von Befürchtungen galt: »Das Anjekind singt im Moor.«