Viertes Kapitel

Anjes Leben war glücklich. Sie bewegte sich unter den vielerlei

Lebewesen der Moorebene und des Waldes wie unter wohlwollenden

Gefährten, sie kannte die Pflanzen und wußte, wann ihre Knospen

aufbrachen, ob sie des Nachts ihre Kelche schlossen und welcherlei

Insekten sie besuchten. Sie fühlte den Regen kommen, bevor noch die

Kühle oder der Schatten ihn verrieten, und sah am Zug der Wolken, ob der

Wind wechseln und woher er kommen würde. Die Tiere und die Wolkenbilder

am Horizont verrieten ihr die Ereignisse der Natur, von den Bienen

erfuhr sie die Stunde, in der ein Unwetter hereinbrechen würde, und die

Vögel warnten sie im Walddunkel, wenn sie schlief. Sie wußte, ob der

Laut, den ein Tier gab, Freude, Schmerz oder Angst verriet, ob die

Geschöpfe der Fluren einander warnten oder lockten, ihre Gewohnheiten

verkündeten ihr die Anzeichen der Tagesstunden, bis spät in die Nacht

hinein.

Anje hörte an den Regungen der Kreaturen, wann die Sonne unterging. Sie

lag mit geschlossenen Augen am Wasserrand des Moorsees, das Gesicht in

den Händen und die Hände im Gras. Sie wußte, daß die Sonne im Westen

schon tief stand, und lauschte. Dann fühlte sie die unhörbaren

Bewegungen, in denen das Wasser, Tiere, Pflanzen und Wind wie mit leisem

Aufseufzen sich der Nacht ergaben, wenn der Rand des glühenden

Sonnenballs versank.

Da ihre Sinne Gemeinschaft mit den Sinnen der Lebendigen der Natur

hatten, so wertete sie die Wohltaten ihres freien Tags nach den

Ansprüchen ihrer stummen Lebensgefährten. Hirte hörte sie seltsame Dinge

sagen, und es wurde ihm mancherlei erklärt, von dem er, bei all seiner

Bescheidenheit, eine überlegene Meinung bewahrte. Anje erzählte ihm vom

klugen Licht, das alle Wege fand, und vom Wasser, das niemand verändern

könnte, die Luft ängstigte sich vor den Wetterwolken und sprang in den

Wald, und der Himmel war bald nah, bald fern.

Anje hatte große Furcht vor allen Geräuschen, die nicht dem

selbsttätigen Leben der Geschöpfe entsprangen, die Stille der Natur war

das Element ihres Friedens, in ihr atmete und ruhte ihre kleine Seele.

Als sie einst zum erstenmal hörte, wie ihr Vater einen Ast zersägte,

weinte sie mit dem schreienden Baum. Erst viel später begriff sie die

scheinbaren Grausamkeiten, die sich mit der Erhaltung des Lebens

verbinden. Sie hatte lange den Marder gehaßt, der die Nester der Vögel

zerstörte und ihre Brut vertilgte, bis sie einst im Hochwald eine vom

Sturm gefällte Buche fand, in deren Stamm ein Marderpaar sein Heim in

einem verlassenen Eichhornbau errichtet hatte. Dort beobachtete sie, wie

der Marder seinen Jungen, die vor Furcht und Hunger jämmerlich klagten,

Nahrung brachte, und sie sah, daß es ein nackter Vogel war, den er ihnen

zutrug. Da begriff Anje zum erstenmal, daß die Natur des Mitleids und

der Hilfe des Menschen nicht bedurfte, was man ihr hinzuzufügen glaubte,

nahm man ihr gewiß an anderer Stelle. Anje empfand sich als zu klein, um

zu wissen, was zu tun notwendig war, dessen war nur ihr Vater mächtig.

Aber sie herrschte im Wald und war ihrer Kräfte froh, die mit ihrer

Andacht wuchsen. Sie beobachtete die Ranken der Schlinggewächse, wie sie

sich geduldig drehten und im Wachsen nach einem Halt tasteten. Darüber

erkannte sie, daß ihre eigenen Augen wohlgeschickter waren, aber sie

half den Pflanzen nicht, sondern ließ ihnen ihr Wesen. Die Bäume, die

großen und kleinen, blieben ihr Leben lang an dem Ort stehen, der sie

hervorgebracht hatte, immer traf der Westwind die gleichen Blätter

zuerst, und immer dieselben Äste empfingen im Wipfel die Morgenglut.

Anje aber konnte schreiten, wohin sie wollte, sie konnte den Schein der

Sonne empfangen oder sich im Schatten bergen. Im heimlichen Glück ihrer

Kräfte versank ihr Blick oft im Gedanken an die Geduld der Bäume, die

schön und erhaben waren und denen nichts mangelte. Sie versuchte wohl

eine Weile wie ein Baum zu leben, stellte sich klein und feierlich

zwischen die großen Freunde und bildete mit ihnen den Wald. Aber sie

vergaß ihre ernsten Pflichten schon bei einem Schmetterling oder bei

irgendeinem Gedanken, der herangaukelte, wie jener.

Zu ihrer größten Freude gehörte es, auf den Moorwiesen der Arbeit der

Insekten zuzuschaun, dem Eifer der Bienen, dem Spiel der Schmetterlinge

oder den Beschäftigungen der Käfer. Sie machte mit ihnen den sonnigen

Weg von einer Blume zur anderen und bebte vor Glück, wenn sie mit einer

Biene ein rotes oder blaues Blumenhaus betrat. Das farbige Licht der

duftenden Halle schlug auch über ihr zusammen, sie begriff die

Seligkeit, so licht zu hausen. Die kleineren Blumen neigten sich an

ihren Stielen, wenn ein geflügeltes Tier ankam, und so verband sich oft

ein gelindes Schaukeln mit ihrem sorglosen Tun. Trafen sich zwei in der

gleichen Blüte, so ließen sie einander vorüber, ohne sich zu stören, das

kam, weil der Reichtum an Blumen unermeßlich war.

Die kleine Anje liebte den Ausblick in das ebene Land. In der Weite

erhoben sich die Kuppeln der Bäume vereinzelt oder in Gruppen, die das

Blau der Ferne geheimnisvoll zusammenschloß und verkleinerte. Das bunte

Bild des Landes unter dem Himmelsblau weitete ihr Herz in unsagbaren

Ahnungen von zukünftigem Geschehn. Gegen Süden verschloß das schwarze

Band des Föhrenwaldes die Welt. Dorthin zogen am Abend die Krähen,

deren Flug man am längsten mit den Blicken folgen konnte.

Am meisten aber liebte Anje den Wind, der vom kaum vernehmbaren Flüstern

bis zur brausenden Musik anwachsen konnte, und der ihr das Leben der

Natur verherrlichte. Sie kannte seine Stimme in der Ebene und eilte über

das Feld seinem freien Singen entgegen, das ihre Arme in sinnloser

Freude emporriß. Er beherrschte den Himmel und lenkte den Gang der

Wolkenzüge, die er in grauen Massen über die Erde dahintrieb oder der

Sonne entgegen, in deren Wärme die weißen im Blau zergingen. Er bediente

sich der Baumkronen, um sein Brausen, das bis zum donnernden Getöse

anschwellen konnte, vernehmen zu lassen, und diesem Anschwellen lauschte

ihr Blut mit jauchzendem Erbeben. Wenn er sich zu seiner Gewalt erhob,

so befreite er die Sinne von den Gedanken und beflügelte die Seele, die

sich ihm vertraute, wie das Laub des Erdbodens oder wie der Staub der

Wege. Der Wind rief die Ahnung von einer Vollendung wach, die in keiner

Stille zu finden war.

Er drang wie das Licht überall hin, und niemand entging seinen

Berührungen, die Leben weckten. Er konnte klagen und Trauer verbreiten,

bald schmeichelte er, bald drohte er, es war um so seltsamer, als man

seine Kraft kannte, und man verstand ihn nur, wenn man bedachte, daß er

ein Kind war. Oft kam er im Dunkeln der Sommernacht ins Zimmer, man

fühlte ihn auf der warmen Stirn, und er brachte den Schlaf, wenn er die

Augenlider berührte, weil darüber das Blut kühl und glücklich wurde.

Oft zog Anje im Traum mit ihm hinaus, sie kühlten das Wasser für den

Morgen, schaukelten die Zweige der Büsche und kamen aus dem Wald in die

Ebene. Dort zogen sie unter den Sternen hin über die Moorseen, im

Dunkeln. Nach solcher Fahrt blieb ihr die Erinnerung zurück, als ob sie

den Wind erblickt hätte, den noch niemand gesehen hatte, aber sie wurde

sich keiner Einsamkeit bewußt.

Das Anjekind: Eine Erzählung · 第 7 / 20 题