Ungefähr sechs Jahre nach diesen Ereignissen wurde Vinzenz Gerom aus
seiner Kerkerhaft entlassen. Angelika war gestorben, irgendwo in einer
jener kleinen Provinzstädte, wie sie in solcher Verlassenheit und Stille
nur Dänemark aufzuweisen hat. Sie hatte ein Mädchen geboren, das auf den
Namen Angelika Gerom getauft worden war.
Vinzenz Gerom kam eines Tages, es war an einem Sonntag und die Glocken
läuteten, zu Fuß nach Gorching zurück. Er würde wohl von niemandem
erkannt worden sein, wenn man ihn nicht auf seinem Hof erblickt hätte.
Sein Haar war ergraut, und er trug einen langen blauen Mantel, der seine
Gestalt, die gebeugt einherschritt, seltsam entstellte und ihm den
Anschein eines weltabgekehrten Sonderlings verlieh. Nur sein Schritt
hatte an Festigkeit nicht verloren, und seine Augen, in ihrer
versonnenen Glut, waren ungebrochen und ungetrübt.
Er bekümmerte sich wenig um die Wirtschaftsberichte, die ihm von seinen
Verwandten vorgelegt wurden; der Hof war schlecht bestellt worden,
soviel war gewiß. Er hatte Angelikas Tod im dritten Jahre seiner
Einkerkerung erfahren, aber keine Erlaubnis erhalten, die Tote noch
einmal zu sehn. Nun gab man ihm auf dem Amt in Gorching einen Brief von
seiner verstorbenen Frau, den er stumm nahm und lange nicht aufbrach. Es
schien, als gewänne sein Wunsch Gewalt in ihm, diese Zeilen zu
vernichten, ohne daß er seinem Herzen die letzten irdischen Grüße der
Frau vergönnte, die er geliebt und getötet hatte. Der Gedanke an sein
Kind, von dessen Dasein er wußte, veranlaßte ihn endlich, das Schreiben
zu lesen.
Es mußte in den letzten Lebensstunden der jungen Frau verfaßt worden
sein, denn die Schriftzüge waren unsicher, und sie hatte keinen Wert auf
Sorgfalt gelegt. Sie hatte einen beliebigen kleinen Zettel für diese
Worte genommen; einen Augenblick überkam Gerom eine Regung von Erbarmen,
und zugleich wurde ihm schmerzlich klar, daß dies der erste und
zugleich der letzte Brief war, den er von seinem Weibe erhalten hatte.
Der Brief enthielt folgende Worte:
An Vinzenz Gerom.
Ich muß sterben. Ich kann nicht mehr darüber sprechen, was du
mir in meinem Leben gewesen bist, vielleicht würde ich auch nicht
das Richtige sagen können, es sollen meine Hoffnungen und meine
ungewisse Angst mit mir in der Nacht vergehen, die über mich
hereinbricht. Ich danke dir für die Lebensbarmherzigkeit, die ich
für kurze Zeit in deiner geduldigen Liebe gefunden habe, ich danke
dir für Anje, mein Kind, oh ich möchte dir danken ohne Ende. Ich
will, daß du sie nach meinem Tode und nach deiner Gefangenschaft zu
dir nimmst, höre mich an, ich will es. Ich fürchte nicht um sie, und
weder dein Zorn noch deine Bitterkeit schrecken mich ab, mein Kind
in deine Hände zu befehlen, denn ich weiß, daß du einmal in deinem
Leben Verlangen nach einem Menschen tragen wirst, dem du verzeihen
kannst, was die Menschen dir zugefügt haben.
Angelika.
Nachdem der verlassene Mann diese Worte gelesen hatte, sank ihm das
Haupt auf die Brust, und der Zettel fiel ihm aus der herabhängenden
Hand, ihm ward langsam in aufdämmernden Gewißheiten mehr und mehr zu
Sinn, als sei Angelika niemals sein Eigentum gewesen. Seine von
Bitternis gehüteten Träume hatten sich in der Hoffnung gewiegt, daß
jener verhängnisvolle Vorfall, der ihn um sein irdisches Glück gebracht
hatte, eine Irrung des Herzens dieser seltsamen Frau gewesen war. Er
hatte sich wieder und wieder klar gemacht, daß im Grunde ihre Liebe ihm
gehören müsse, denn er konnte nicht glauben, daß die zärtlichen Gebärden
einer so stürmischen Hingabe, wie sie Angelika in seinen Armen geschehn
war, der Erinnerung und der Trauer um Vergangenes angehören sollten.
Aber nun fühlte er, daß aus diesen Zeilen weder Liebe noch Leidenschaft
sprachen, denn beide fassen ihr Wesen nicht in solche Worte des Danks,
hinter denen sich das eigne Leid verbirgt; und wie konnte eine Mutter
ihrem Manne für ein Kind danken, da es doch sein Kind war? So schloß sie
ihn mit diesen Abschiedsworten zuletzt noch aus jener Gemeinschaft aus,
die ihn allein hätte versöhnen können, und sie verwandelte sein
Zugehörigkeitsgefühl der Bitterkeit in das Entsetzen der Verlassenheit.
Ich bin in Wahrheit ein Mörder, dachte er. Bisher habe ich geglaubt, ein
gewalttätiger Hüter meines Rechts gewesen zu sein, aber nun hat diese
Tote mir durch ihr Vermächtnis den Frieden meines Daseins zertrümmert.
Was soll ich ihrem Kinde verzeihn? Nur den Unedlen ist es eine
Genugtuung, vergeben zu können.
So beschloß Gerom, den Wunsch der Toten nicht zu erfüllen, und sein Kind
in der Fremde heranwachsen zu lassen; aber seine Liebe war stärker als
sein Entschluß. Er empfand in der Qual seines Zwiespalts dunkel, daß
irgendwo eine Gerechtigkeit in jener Vergebung leuchten müsse, die
Angelika gemeint hatte, der einfältige Ausgleich zum Bestand, der in den
großen Absichten der Natur verborgen ist. Als er endlich den Brief
verfaßte, der sein Kind zu ihm rufen sollte, zitterten seine Hände und
seine Lippen, und die neue Demütigung, die seine Liebe ihm auferlegte,
überwältigte ihn zu Tränen, die über sein unbewegliches Gesicht in den
ergrauten Bart tropften.
* * * * *
Als die kleine Anje anlangte, nahm Gerom sie zwischen seine großen Hände
und hielt sie von sich ab, um sie zu betrachten. Er war nicht froh und
nicht traurig, sein Gemüt schien kaum bewegt. Vergrämt forschte er in
dem blassen Kindergesicht und strich endlich zögernd über das helle
Haar. Da legte das von der weiten Reise ermüdete und geängstigte Kind
hilfesuchend seinen Arm um den rauhen Hals des Vaters und schmiegte die
Wange an seine Schulter. --
Gerom verkaufte seinen Hof und sein Land und erwarb an Stelle seines
reichen und erträglichen Besitzes einen großen Landstrich der Einöde,
den die Gemeinde ihm ohne Bedenken abtrat. Dort ließ er in den dichten
Niederungen des Sumpflands auf einer Hebung des Lands, die der Wald
getrocknet hatte, ein grobes Blockhaus errichten, versah sich mit allem,
was ein Einsiedlerleben möglich machte, nahm eines Tages sein Kind an
die Hand und schritt langsam und feierlich durch das Frühlingsland
seiner neuen Heimat entgegen. Nur Hirte begleitete die beiden, das war
ein großer, häßlicher Hund mit gelbem Zottelhaar und einer schwarzen
Schnauze, zu dessen Pflege niemals etwas unternommen worden war. Sein
Kopf hatte eine überraschende Ähnlichkeit mit dem eines Affen, und seine
hellbraunen Augen, die einen warmen Goldglanz ausstrahlten, lagen tief
unter den Stirnfalten und waren das Gutmütigste der Welt.
Wie Anje in der Einöde heranwuchs, wußte sich niemand recht zu erklären,
hätte die alte Onne, die am Waldrand des Moors lebte, sich nicht
zuweilen des Kindes angenommen, so wäre die kleine Menschenblüte
vielleicht in der rauhen Traurigkeit verkümmert, in die Gerom sein
düsteres Dasein hüllte. Er mied die Menschen in einem Haß, den Jahr um
Jahr seine Einsamkeit in ihm befestigte, man ließ ihn in Furcht und
Mitleid gewähren und vergaß ihn langsam. Als einmal um des Kindes willen
zu ihm gesandt wurde, kam der alte Lehrer am Abend, vor Schrecken
zitternd, aus dem Moor zurück, es seien dort draußen Wunder geschehen,
das Land blühte, aber Gerom sei ein Tier geworden. Anje habe er nicht zu
Gesicht bekommen, aber der Alte habe gedroht, Gorching in Brand zu
stecken, wenn man ihm sein Kind nähme.
Die alte Onne wohnte am Moorrand in einer Torfhütte. In vergangenen
Zeiten hatte sie den Fuhrleuten, die von der Dachenau hinüber ins
Gorchinger Land wollten, das Mittagessen bereitet. Sie bewahrte
Speisevorräte und Getränke in ihrem Keller, es gab Unterkunft bei ihr,
wenn es sein mußte, und jedenfalls immer Rast. Ihr kleines Haus lag zwei
Stunden von Gorching entfernt am Rand der Einöde und war so von Weiden,
Birken und Kiefern verborgen im Dickicht, daß es im Sommer niemand fand,
der nicht darum wußte, nur der blaue Rauch, der vom Holzdach aufstieg,
verriet es zuweilen.
Wie alt Onne war, wußte niemand, sie hatte längst die Jahre erreicht,
nach denen man nicht mehr fragt. In solch hohem Alter tritt bisweilen
ein Zustand ein, der vom Tod nicht mehr erreichbar erscheint, es gibt
Menschen, die der Tod vergißt. Die Urenkel sehen solch ein Väterchen
oder Mütterlein laufen und wissen, daß schon ihre Eltern sie nicht
anders gekannt haben. Sie können nicht sterben, gut, so leben sie denn,
und bisweilen mit unverständlicher Geistesfrische und wie in einer neuen
Jugend der Seele.
Wenn man Onne auf einem Moorpfad begegnete, ohne sie zu kennen, konnte
man lange darüber in Zweifel sein, was man vor sich hatte, etwas
Unförmiges in grauer und brauner Tönung, in Farben, die sich der
Umgebung angepaßt hatten, nahte sich in holperigen Sprüngen, übereifrig
und doch langsam. Endlich erkannte man mühsam einen weißen Scheitel,
unter dem eine lange braune Nase herabhing, die Schultern und die
Krümmung des Rückens überragten ihn, und die Knie der Schreitenden
schienen ihn bald rechts, bald links beinahe zu berühren.
Die Alte ging einmal in der Woche nach Gorching, wo sie Waldbeeren oder
Pilze verkaufte, Holz oder Torf. Sie bediente sich eines kleinen Wagens,
der ursprünglich ein Kinderwagen gewesen sein mochte, und dessen vier
Räder alle von verschiedener Größe waren, es schien so, als habe sich
der Wagen im Lauf der Jahre den Bewegungen seiner Besitzerin angepaßt.
Die Landleute nannten Onne »die Sackziege«. Wenn im Abendrot gegen den
Horizont die merkwürdig ruhlos bewegte Masse der Alten und ihres Wagens
sich aus dem Dorf bewegte, um langsam im Dunst der feuchten Niederungen
zu entschwinden, so wußte man, daß es ein Freitag gewesen war.
Onne war es übrigens, die Gerom mit allem versah, dessen er an
Lebensmitteln aus Gorching bedurfte, und so kam es, daß sie Anje kennen
lernte. Die alte Frau war keineswegs lächerlich oder einfältig, wie
diejenigen sie schelten mochten, die sie nur vom Schauen her kannten
oder nach den Lästerungen ihrer Gegner. Denn Onne hatte in der Tat
Freunde und Feinde, deren Regungen für und gegen sie, sich bis zur Liebe
oder bis zum Haß gesteigert hatten; danach ist die Bedeutsamkeit eines
Menschen sicherer einzuschätzen, als nach kleinen Einzelzügen oder aus
guten oder schlechten Eigenschaften. So gehörte sie auch durchaus nicht
zu jener Sorte alter Waldweiblein, die sich durch Hexensprüche oder
Wahrsagen beim Gesindel der Menschen in Respekt halten, sondern wenn
einmal ein Mensch zu ihr kam, um ihre Hilfe zu erbitten, so war es eher
dann, wenn er sein Schicksal verwinden, als wenn er es erfahren wollte.
So war die Scheu, die man vor ihr empfand, und die Achtung, die sie bei
manchen auslöste, nicht eine Folge der Urteilslosigkeit ihrer Umgebung,
sondern sie kamen, wie alle wahrhaft geheimnisvollen Einwirkungen, aus
dem Wert ihres Herzens.
Obgleich man sie selten mit einem andern Menschen zusammen sah, als mit
Gerom, und obgleich sie schweigsam und spöttisch war, ging ihr Einfluß
weit, und es galt als ein Zeichen besonderer Bekräftigung, wenn einer
Meinung hinzugefügt wurde: Onne hat es gesagt. So hieß es, der letzte
Pfarrer von Gorching habe ihretwegen sein Amt niederlegen müssen,
niemand wußte recht, weshalb eigentlich, aber jeder glaubte es. Er war
ein junger lebensfroher Mann gewesen, der diesen Schicksalsschlag nicht
allzu hart genommen und der Einsamkeit des Landes ohne Schmerz entsagt
hatte. Es war ihm ein böser Zufall mit einer Bauerntochter geschehn, der
ihm nicht verziehen wurde, obgleich sein Weib fast immer krank war. Aber
manche wunderten sich sehr, als er am Tage seiner Abreise mit
bittersüßem Lächeln dem Ortsvorsteher zum Abschied sagte: »Unter Euch
Gerechten gibt es nur drei Weltbürger, die hausen im Moor.« Da der
Ortsvorsteher zwar ein reicher Bauer war, aber sonst alle Eigenschaften
hatte, die die Obrigkeit der Dörfer zuweilen auszeichnet, so dachte er
für die Zukunft nicht sonderlich achtungsvoll über solche Leute, wie
etwa der Pfarrer sie unter »Weltbürgern« verstanden haben mochte.
Onne sagte zu Gerom: »Der Pfarrer hätte bleiben sollen, er war ein guter
Mensch, aber wie soll man einen Fuchs festhalten, wenn er mit dem
Schwanz voranläuft?«
Es war übrigens ungemein schwer, Onne zu verstehen, man brauchte sehr
lange dazu, bis man es gelernt hatte, und da dann noch die Schwierigkeit
hinzukam, das Verstandene auch begreifen zu müssen, so gehörten nur sehr
wenige in Gorching oder im Dachenauischen zu diesen Erwählten. Sie
sprudelte ihre Worte zunächst heraus, schien sie dann wieder einzufangen
und begann eine Weile mit ihren Kiefern darauf zu kauen, dann zischte
sie sie durch eine große Zahnlücke nach links, dort mußte man aufpassen,
denn nun waren sie am verständlichsten.
Niemand hatte es besser gelernt, als Anje, das Kind. Onne hatte ihr
wunderbarerweise vom ersten Augenblick an Vertrauen eingeflößt, und die
Zuneigung war im Laufe der Jahre zu einer großen Liebe geworden. Onne
verstand das einsame und scheinbar verwilderte Kind, dem niemand Liebe
erwies, denn Gerom verbarg sein Herz bis zur Schwermut. Onne wußte, daß
Menschen von selbständigen Kräften der Empfindung sich in ihrer Jugend
nicht durch Beständigkeit oder Gleichmaß der Herzensregungen
auszeichnen. Sie verstand Anjes Wildheit und die an Trauer grenzende
Weichheit, mit der sie abwechselte, und liebte an dem kleinen Mädchen
den hilflosen Unbestand der Empfänglichen.
Sie hatte zuweilen den Versuch gemacht, Anje mit unter Menschen zu
nehmen, aber Gerom wollte es nicht, und als sie das Kind einmal heimlich
zu überreden trachtete, stieß sie auf Widerstand. Da ergab sich die
kluge alte Frau und überließ Anje dem Walten der großen Wälder, dem
beständigen Wechsel der Jahreszeiten, dem geduldigen Land und den
himmlischen Botschaften des Windes.