Es soll damit begonnen werden, die Geschichte von Anjes Vater zu
erzählen, deren grausames Ende den am Leben gebrochenen Mann veranlaßte,
das einsame Moorland aufzusuchen, das Anjes Heimat geworden ist.
Nicht weit von der Stelle entfernt, wo der Gurdelbach aus der Einöde
tritt und sein ruhiges Wasser, das in den dunklen Moorgründen, die es
durchfließt, wie von Trauer und Schwermut erfüllt worden ist, liegt das
Dorf Gorching. Gegen Norden erstreckt sich weit jene Moorlandschaft, die
die Einöde genannt wird und die als unzugängig und verwildert gilt. In
Gorching war Anjes Vater, der Jakob Vinzenz Gerom hieß, trotz seiner
Jugend einer der angesehensten Bauern. Nicht allein sein Hof war einer
der einträglichsten, sondern seine alteingesessene Familie war geachtet
und reich. Er hatte das Anwesen früh und allein geerbt und gut
bewirtschaftet, so daß er als wohlbestellt und glücklich von manchem
beneidet worden wäre, wenn nicht ein schwermütiger Hang zum Grübeln sein
Leben verdunkelt hätte, wie auch eine Unduldsamkeit fast jeder
Menschengemeinschaft, die in furchtbaren Jähzorn ausarten konnte. Da die
Ausbrüche solcher Wesensart den schlichten Naturen seiner Umgebung
unvoraussehbar erschienen, wurde er mehr und mehr gemieden, und es
verbreiteten sich Meinungen über die Beschaffenheit seiner Seele, die
dazu angetan waren, ihm mehr und mehr das Vertrauen seiner Mitbewohner
zu entziehen. Das altbewährte Gesinde und die Tagelöhner seines Hofes,
worunter manche ihn schon als Kind gekannt hatten, teilten diese
Abneigung der Nachbarn nicht, wohl aber übertrug die Zurückhaltung der
Dorfbewohner sich langsam auch auf sie.
Im Anwesen Vinzenz Geroms ging es ruhiger zu, als auf den anderen Höfen,
nicht nur, daß er ein umsichtiger und geschickter Mann war, auch seine
Gehilfen in den Scheunen und auf den Äckern dienten ihm in einer Art
andächtiger Scheu und viel ergebener, als es der Fall gewesen wäre,
wenn Gerom auch nur einige jener argen Charakterzüge gehabt hätte, die
ihm nachgesagt wurden, denn die Vorbedingung zu einer Ergebenheit, die
den Dienenden nicht entwürdigen soll, ist die Gerechtigkeit des Herrn.
Gerom war fünfunddreißig Jahre alt, als die dänische Malerin Angelika
Lett nach Gorching kam. Ein städtischer Reisewagen hielt unter der
großen Linde, die vor dem einzigen Gasthaus des Dorfes stand, und die
ermüdeten Pferde tauchten ihre dunklen Mäuler bedächtig und gierig in
das klare Quellwasser des Steinbeckens im Lindenschatten. Man nahm die
Fremde befangen und zurückhaltend auf, sie mietete zwei helle Zimmer im
Gasthof, und der Kutscher und der Hausknecht schleppten ihr zahlreiches
und buntes Gepäck in die Hausdiele. Es war nicht ein einziger größerer
Koffer darunter, sondern es bestand aus lauter kleineren Päckchen und
Schachteln, die, vom Kreisrund bis zu unförmigen kleinen Ballen, alle
Formen aufzuweisen hatten, die irgend denkbar waren. Die junge Dame
stand auf den Steinstufen, überzählte alles sorgfältig und lachte den
Dorfkindern zu, die, die Morgensonne im hellen Haar und die erstaunten
Seelchen auf den offenen Lippen, einen schweigsamen Halbkreis unter der
Linde bildeten.
Es hätte wohl niemand von dieser Fremden gesagt, daß sie schön sei, aber
ihre Erscheinung gehörte zu jenen seltsamen Frauenwundern, bei denen
diese so wichtige und entscheidende Frage durch ein unbestimmbares Etwas
aufgehoben wird. Man könnte es vielleicht einen so getreulichen Abglanz
ihrer Seele in allem Körperlichen ihres Wesens nennen, daß darüber jede
besondere Wertung einzelner Züge oder Bewegungen aufgehoben zu sein
schien. Man müßte es der Wärme des Lichts vergleichen oder der
heimlichen Wohltat des Windes, bei welchen niemand der äußeren
Wahrzeichen bedarf, um die himmlische Zugehörigkeit ihrer Wesen zu
verspüren.
Angelika war klein von Figur und nach dem Urteil der meisten etwa
dreißig Jahre alt. Sie hob das Mißtrauen und die Besorgnisse der
Dorfbewohner, die den Besuch Fremder nicht gewohnt waren, durch große
Sicherheit ihres Auftretens und durch eine Selbständigkeit ihrer
Handlungsweise auf, die bei aller Zurückhaltung etwas Wohltuendes
hatte. Kaspar und Friedel Lindner, die beiden Knaben eines Tagelöhners,
wurden ihre Freunde und trugen ihr ihre Staffelei und den Farbenkasten
ins Moorgelände. Sie schleppten das leichte Gerüst zu zweien wie eine
kleine Trittleiter, und ihre braunen nackten Beinchen stießen
abwechselnd an das blanke Holz des schönen Kastens mit seinen blinkenden
Schlössern. Angelikas Sommerhut, groß wie ein Schirm, warf seinen runden
Schatten voraus, und lange Zeit waren Kaspar und Friedel durch dieses
Amt die berühmtesten Knaben in Gorching.
Eines Morgens schickte das junge Mädchen die Knaben bei einem Hof
außerhalb des Dorfes mit dem Malgerät ins Gasthaus zurück und blieb vor
den Ringmauern und dem hohen Tor der Einfahrt stehen. War sie denn hier
noch niemals vorübergekommen, daß sie diese Schönheit nicht früher
gesehn hatte? Sie schaute die Birkenallee zurück, die schlecht gepflegte
Landstraße zog sich unruhig und doch friedlich über die kaum merklichen
Hügel des Geländes dahin, und an ihrem Ende sah man den Turm der
Gorchinger Kirche. Die Straße war bewachsen, und nur die beiden Furten,
die von den Rädern der Wagen stammten, gaben ihr ihr melancholisches
Gepräge, jenen seltenen Reiz des Berührbaren im Unberührten, und
zugleich jene Zeitlosigkeit, die nur solchen Menschenwerken anhaftet,
die ihr Wesen durch die Jahrhunderte nicht verändern. Der lichte
Birkenschatten verschleierte den stillen Zug der Furchen in diesem Bild.
Angelika betrachtete nun die Einfahrt zu jenem Hof, bei dem sie
haltgemacht hatte, genauer. Die Jahre hatten das glorreiche Werk ihres
Ausgleichs nahezu vollendet und den Steinen der Ringmauern jene Farben
und jenes Schimmern verliehen, die nur sie geben können. Hin und wieder
brach aus der grünen Gartenwelt, die die Mauer verbarg, ein Rankennetz
von wildem Wein durch einen Spalt, oder über ihre Ziegelborde leuchteten
die weißen Teller des blühenden Holunders aus dunklen Kuppeln über das
Erdgrau dieser ehrwürdigen Wälle. Einzelne große Tannen wirkten beinahe
ganz schwarz; zur Rechten, wo die Mauer nach hinten einbog, lag unter
Weiden ein großer Teich.
Angelika trat langsam durch den Torbogen in den inneren Hof ein, an
dessen Ende das große Bauernhaus lag, das den Eindruck eines alten
Herrenhauses machte; es war einstöckig und mit Ziegeln gedeckt, die
Terrasse war zur Rechten und zur Linken von Akazien umstanden, und auf
dem großen, wohlgepflegten Rasenplatz saßen weiße Tauben in der Sonne.
Die Wirtschaftsgebäude und Scheunen zur Linken waren schneeweiß getüncht
und mit Stroh gedeckt, sie zogen sich, wie es Angelika erschien, noch
weit zur Seite hin, wie es zur Rechten der dunkle Garten tat, der durch
einen Bretterzaun vom Hofplatz getrennt war.
Das Wohnhaus fesselte die junge Malerin am meisten; es war von jener
schlichten Schönheit, die nur die edle Einfalt der Zweckmäßigkeit und
die Menschenerfahrung der Jahrhunderte geben können. Aus seinem Bereich
schien alle Willkür des vergänglichen Zeitgeschmacks verbannt, streng
und erhaben stand es in seiner freien Klarheit auf dem Erdgrund, und
eine unbestimmbare Traurigkeit ging von ihm aus.
Aus einer der Scheunenausfahrten wurde ein Landwagen geschafft, der
nicht eben sonderlich vornehm, aber von großer Gediegenheit zu sein
schien, die Knechte wuschen mit Schwämmen die gelben Räder, und ein
Bursche führte die Pferde hinter dem Stall hervor. Ein wenig beiseit
stand ein großer, ernster Mann, der schweigsam ihrem Treiben zusah, sein
dunkles Haupt- und Barthaar wirkte beinahe ganz schwarz, seine
aufmerksamen Augen hatten bei ihrer verschonten Klarheit etwas
grüblerisch Benommenes, man war versucht, es träumerisch zu nennen, wenn
solch ein Wort nicht allem an der starken und trotzigen Erscheinung
widersprochen hätte.
Es war Vinzenz Gerom, der dort auf seinem Hof stand, und an diesem
Morgen lernte Angelika ihn kennen.
Er soll auf sie zugetreten sein, als er sie erblickt hatte, mit einer
ganz eigenen Bestimmtheit. Er ergriff ihre Hand zur Begrüßung, ohne zu
lächeln, mit einem harten, beinahe verstockten Griff, und hielt sie
fest. Die Leute, die ihn heimlich beobachteten, sollen den Eindruck
gehabt haben, als sei Angelika eine alte Bekannte von ihm, aber es ist
nicht der Fall gewesen, obgleich auch sein tiefes Aufatmen etwas von der
Befreitheit nach einer langen Erwartung der Trennung gehabt haben mag.
Sie lächelte neugierig und befangen, aber ohne Herablassung über diesen
jungen Landmann, dessen hilflose Gastfreundlichkeit sie fesselte, und so
war Gerom der erste in Gorching, der Angelika von einer neuen Seite
kennenlernte, denn sie begegnete ihm mit einem kindlichen Frohsinn, der
die Strenge ihres klugen Verhaltens in Arglosigkeit und Lieblichkeit
verkehrte.
Es geschah dann, daß Angelika einige Tage nach dieser Begegnung in das
Landhaus Geroms einzog, der ihr die Zimmer des rechten Flügels
einräumte, drei hohe, altmodisch hergerichtete Räume, in deren erstem
ein dunkler Kamin aus blinkenden Kacheln stand. Die Fenster lagen tief
und teilweise verhüllt von grünen Ranken, die nun mit geheimnisvollem
Flüstern das Licht und die Stimmen des großen Sommers einließen.
Es ging scheinbar eine entscheidende Wandlung im Wesen Vinzenz Geroms
vor sich, im Grunde entfalteten sich nur die verborgenen Kräfte seiner
Seele unter dem wehmütigen und kindhaften Lächeln des Mädchens, das in
seinem Hause und Herzen zu Gast gekommen war. Angelikas Lächeln, von dem
es erschien, als bräche es durch heiße Schleier einer verborgenen
Traurigkeit, hatte jene überwindende Forderung des Frauenwesens, der
das Gemüt des Mannes in Verlangen oder in Taten zu folgen gezwungen ist.
In solchem Frauenlächeln naht den Sinnen die Anklage der
Menschenunschuld, die um der Liebe willen zerstört zu werden scheint,
und die auch immer zerstört wird, wenn die Liebe nicht darüber wacht,
darum ist es, als ob dieses wehmütige Lächeln einer gefährdeten Unschuld
Liebe heraufbeschwöre, wie eine edle Handlung die Ergriffenheit der
Barmherzigen.
Nach außen hin erschien Gerom beinahe finsterer und verschlossener als
zuvor, vielleicht weil er wußte, daß man ihm sein Handeln übel nachsah,
und weil er fühlte, daß er es vor anderen so wenig zu erklären oder zu
rechtfertigen in der Lage war, wie anfänglich vor sich selbst. Angelika
wurde seine Schutzbefohlene. Oft erschien es ihm kaum ausdenkbar, daß
sie den Ansturm des Lebens ohne seine Hilfe jemals hatte bestehn können.
Er sprach mit niemandem über sie und duldete kaum, daß in seiner
Gegenwart ein Wort über sie fiel.
Die hilflose Art, in der der einsame und einfache Mann seine zärtliche
Neigung kundtat oder verbarg, nahm auch den Gleichmütigsten die Kraft
zum Spott. Es war, als hütete er an der Schwelle der Erdennacht ein
Licht, das ihm der Vater im Himmel zum Herzen seines Menschendaseins
gesandt hatte. Sein Handeln war von jener Scheu, wie nur die Regungen
einer großen Liebe sie kennen, und von der Zartheit, die dem Mann so
wohl ansteht, der seiner Kraft so gewiß ist, daß er sie nicht durch
Rauheit zu erweisen wünscht. Oft sah man die Beiden an ruhigen und
klaren Abenden nebeneinander durch die Felder gehn, deren Ähren hoch
standen und das braune Gold wiegten, das die herabgesunkene Sonne im
Westen über dem Land zurückgelassen hatte. Nein, es war kein Zweifel, er
hatte seinen Arm schützend um sie gelegt, und ihr blonder Kopf ruhte an
seiner Schulter. Sie erschien klein in ihrem einfachen weißen Kleid,
hilflos und traurig, bis plötzlich ihr Lachen weich und wie aus voller,
tiefer Freude kommend erscholl. So war es schwer zu wissen, was beiden
geschah, aber da die Menschen selten mehr in andere zu legen verstehn,
als ihr eigenes Gemüt enthält, so entstanden böse und häßliche Gerüchte
neben Erstaunen oder Rührung.
Als schon der Sommer zur Neige ging, kamen Gerom eines Abends durch den
Großknecht Gerüchte zu Ohren, die ihn erbleichen ließen. Er ging vom
Hofe fort, ohne seinen Hut, so wie er stand, wortlos hinaus auf die
Landstraße, bis er den Pfarrhof von Gorching erreicht hatte, wo er
kundtat, daß er sich mit Angelika Lett zu vermählen gedächte, und darum
bat, daß dies den Ortsbewohnern bekanntgegeben würde.
Dies hat sich so zugetragen, wie es berichtet wird, und es ist allen
unbegreiflich und geheimnisvoll erschienen, denn Vinzenz Gerom war ein
einfacher Mann, und obgleich sein Geschlecht alteingesessen war und
hohes Ansehen genoß, war doch der Unterschied der beiden Liebenden in
Stand und Lebensgewohnheiten sehr groß, und von der Fremden wußte
niemand mehr als ihren Namen. Nur eins ist sicher, und es wird vielen
eine vollgültige Erklärung sein, Vinzenz Gerom war ein eigenwilliger und
selbständiger Charakter und ein Mann von Gefühlskräften und natürlicher
Klugheit. Alles übrige bleibt zwischen zwei Menschen eine Frage der
Lebensbetrachtung und der äußeren Verhältnisse, Gebiete, auf welchen
Charaktere sich leicht einander fügen lernen, und es unterliegt keinem
Zweifel, daß Angelika mit der weisen Anmut ihres Anspruchs die heimliche
Erzieherin ihres Freundes gewesen ist. Es gelang ihr mühelos, dem
stolzen Mann ihre Wünsche und Hoffnungen als seinen eigenen Anspruch
hinzustellen und sein Herz ohne Falsch mit Behutsamkeit in die
Bewußtseinswelt seines Werts zu heben.
Es war sicher, irgend etwas behielt Angelikas Wesen für sich, es war
eine verborgene Welt des Empfindens und der Gedanken, die sie nicht
teilen wollte oder konnte. Aber es erschien Gerom nicht als ein Recht,
das ihm vorenthalten wurde, weil Angelikas traurige Versunkenheit, mit
der sie seine schüchternen Fragen zuweilen abwehrte, ihm heilig war. Wie
leicht lassen sich die Geheimnisse einer klugen und verschwiegenen Frau
der Wesensart ihres Geschlechts als Tugend zurechnen, wenn das Vertrauen
einer großen Liebe alles kleine Forschen verhindert.
So war es gewiß keine ernstliche Sorge, die zuweilen Geroms Stirn
umwölkte, sondern eine heimliche Angst, die aus dem Dunkel der
Vergangenheit Angelikas emporstieg. Er fühlte, daß niemals etwas
geschehn sein konnte, was den Wert des Mädchens herabgesetzt hatte,
aber ihm war oft, als seien jene Geschehnisse um so gefahrvoller und
furchterregender, je mehr sie den Wert dieser jungen Frau erhöht haben
mochten. Wie viele Untugenden, die ihr Freude bereitet hätten, wäre er
nicht willens gewesen, ihr zu vergeben; er fürchtete vielmehr, daß es
eine große Tugend sein könnte, die ihr Leid gebracht hatte.
Zu den äußeren Anlässen solcher Besorgnisse gehörten die Briefe, die
Angelika absandte und empfing, allerdings selten erhielt und selten
abschickte. Oft vergingen Monate, und Gerom litt mit ihr unter der
aufreibenden Qual ihrer Erwartung, über die niemand sprach. Die
schmerzliche Erlösung, die endlich ein kurzer Brief brachte, zerteilte
Geroms dunkles Herzensreich in zwei Teile, er schritt umher wie ein
fröhlicher Kranker. Aber er fragte niemals, denn er konnte sich nicht so
tief entwürdigen, etwas in Angelikas Leben für schöner und größer zu
halten, als das, was sie ihm gab.
An einem klaren Abend des Spätsommers wurde Angelika von einem
Dorfjungen in den Gorchinger Rasthof geholt, es sei ein Fremder
angekommen. Die junge Frau ging sogleich mit starren Augen und
hängendem Köpfchen in einem eigenartigen Schritt, der ganz neu an ihr
erschien, der etwas vom Traumwandeln hatte und zugleich etwas gewaltsam
Unbekümmertes. Sie verabschiedete sich von niemand, Gerom war zu Pferd
auf den Feldern.
Was geschehn ist, weiß niemand, es blieb allen in Gorching verborgen.
Man hörte heftige und verhaltene Worte in dem Zimmer des fremden Mannes,
unterdrücktes Schluchzen und auch einmal ein leidenschaftliches Wimmern,
das die Magd für heimliches Lachen hielt. Angelika kam spät zurück, sie
war über die Landstraße gelaufen, klein und weiß, durch die
hereinbrechende Nacht, zwischen den beiden weißlichen Meeren dahin, die
der Abendnebel auf den Wiesen bildete. Der Großknecht ließ sie ein,
während die Hunde wie toll an ihren Ketten rissen und die Stille weit
umher mit ihrem wütenden Bellen erfüllten.
Mit dem Kommen des fremden Mannes, der Angelika kein Fremder war,
erschien ihr die Sicherheit und Ordnung der Welt zerstört, wenn sie
nicht alles diesen Händen anvertraute, die sie einst erhoben und
erniedrigt hatten, geschlagen und geliebkost, entwürdigt und geheilt.
Sie schlief in der Nacht nicht, mit wehmütigem Lächeln gedachte sie der
Freiheit, die sie in diesen Sommermonaten zu erringen geglaubt hatte. Es
gibt einen Zustand erschöpfter Leidenskraft, der wie Gelassenheit und
Ruhe erscheinen kann, es ist der Zeitpunkt, an dem die Kräfte des Lebens
und die Kräfte des Todes einander die Wage halten, über den Trümmern des
eigenen Willens.
Am Morgen sah Gerom sie in unruhvoller Besorgnis lange an. »Du bist
blaß, Angelika, du bist sehr blaß«, sagte er. Er ritt gleich darauf
schweigend fort. So weiß er es, dachte sie. Gegen Mittag kam der Bote
aus dem Gasthof.
Ich will versuchen zu warten, dachte Angelika, vielleicht ist am Abend
der ganze Tag vergangen und ich bin nicht zu ihm hinübergegangen. Gerom
kam nicht. Sie saß im Schatten der Holunderbank am Teich und sah die
Sonne hinter die Pappeln sinken, von Ast zu Ast schien sie
niederzuklimmen, und als sie sich rötlich färbte, weinte die junge Frau
vor Schwäche und Angst und Liebesleid und lief nach Gorching hinüber,
quer über die gemähten Roggenfelder, wie ein verlassenes Kind.
Unterwegs blieb sie einmal stehn, ballte ihre kleine, feste Hand und
schüttelte die Faust nach Geroms Hof hinüber. »Du kannst nicht helfen«,
schrie sie laut. »Du bist ein Schwächling bei all deiner Kraft, deiner
Güte ...« Sie ließ sich nieder und weinte. Bestaubt und todmüde, mit
entstelltem Angesicht, langte sie im Gasthof an.
Nun paßten sie zueinander, der Fremde und Angelika, die nun, wie er,
verwildert und bleich zu den Ausgestoßenen der Irdischen zu gehören
schien. Es war unfaßlich, wie rasch die Nähe dieses Mannes ihr ganzes
Wesen verändert zu haben schien, im Grunde hatte er es nur gelöst,
soviel ist gewiß, denn es war sein Eigentum. Ihr Gesicht wirkte geradezu
häßlich für alle Augen, die sie früher gesehen hatten. Aber es war eine
eigenartige Häßlichkeit, eine Häßlichkeit von göttlichem Ursprung, der
schützende Erdenmantel über den himmlischen Geheimnissen des Lebendigen.
Sie fand ihn nicht zornig und hart wie gestern, sondern traurig,
vielleicht kniete sie deshalb vor ihm, während sie sprach. Wenn er sich
zu ihr niederbeugte, wenn seine Lider sich senkten, sah man, wie schön
sein blasses Gesicht war, das im Unbelebten der Tagesstunden ermattet
und kränklich aussah. Ihre Haare vermischten sich, ihre feuchten Hände
und ihr Atem voll Glut und Unfrieden.
»Ach,« antwortete er ihrem Geständnis mit seinem klugen und traurigen
Lächeln, »ein Kind trägst du von ihm, von ihm trägst du ein Kind,
Anje ...«
»Wenn ich ein Kind von dir geboren hätte,« sagte sie fest, »so würde ich
um des Kindes willen die Kraft gehabt haben, bei Gerom zu bleiben. Ich
wäre nicht über die Felder gelaufen ...«
Er sah sie an, vielleicht verstand er sie nicht gleich, aber dann
drückte er sie so an sich, daß sie leise aufschrie.
Sie fragte aber doch: »Liebster, und daß es nun so ist, ich meine, daß
ich sein Kind trage, quält dich das nicht? Gerom würde dich töten, wenn
du nur deine Hand auf meine Haare legtest.«
»Ihm gehören auch nicht einmal diese Haare«, sagte er liebevoll und
sicher, und strich sie ihr von den Schläfen, legte sie hart an das
ungeduldige Köpfchen, so daß er es ganz in seinen beiden Händen hielt,
und betrachtete so ihr Gesicht.
»Ich komme niemals, niemals von dir frei, Anje.«
»Ich hätte so gern gelebt«, sagte sie deutlich.
Es mußte wohl der Gedanke an die Hoffnungen seines eigenen Lebens sein,
der ihm plötzlich die Stirn umwölkte. Er ließ sie los. Seine Augen
fragten sie etwas, es mußte eine Frage sein, deren Bedeutung oft
zwischen ihnen gebrannt hatte, denn sie verstand ihn und rief
schmerzvoll:
»Ich weiß es nicht, ich weiß nicht, wie es werden soll! Ich kann meinen
armen Leib von dir fortschleppen, aber ich kann meine Seele nicht von
deiner reißen.« Und darauf legte sie ihm plötzlich die Hände auf die
Schultern, sah ihn heiß und mit ihrem ganzen Blut und Wesen an und
fragte mit einem schrecklichen und süßen Lächeln: »Nicht wahr, ich töte
dich, nicht wahr? Sag', wodurch töte ich dich, sag' es mir doch ...«
Und so sagte sie es ihm, indem sie ihn so fragte.
Nach einer Weile wurde die Türklinke niedergedrückt und, da die Tür
verschlossen war, wurde es eine kleine Weile still. In diesem kurzen
Augenblick sah Anje ihren Geliebten an, es war ihr Abschied von ihm. Er
fühlte es, ohne es zu wissen. Dann erschütterte ein furchtbares Krachen
die abendliche Stille des Hauses, und Anje fing ganz heimlich und
kindlich zu lachen an.
Erst als Gerom im Zimmer stand, erhob sich der Fremde langsam.
»Ich hätte Ihnen auch geöffnet«, sagte er gelassen, aber so kalt, daß
die Herausforderung in seinen Worten deutlich seine tiefe Anteilnahme
verriet, die er nicht verbergen wollte. Gerom stand dicht an der Tür,
als ob er den Ausgang decken wollte, und der starke Mann zitterte, wie
ein Baum, dessen Wurzeln von eisernen Äxten zerschnitten werden. Jetzt,
da der Fremde sprach, wandte er sich ihm zu und von Angelika ab, die
ruhig, mit herabhängenden Armen, dastand. Sie war ihm unaussprechlich
hilflos erschienen, er empfand die große Stille ihrer Seele nicht, deren
Armut und Gerechtigkeit sich irdisch nicht mehr erweisen wollte noch
konnte. Als ihr Geliebter sich erhob und vor Gerom stand, zitterte sie
vor Freude in dem Bewußtsein, daß die Kraft seines Wesens bis an die
Pforten eines ewigen Reichs triumphieren würde. Und nun mochte kommen
was wollte.
Gerom sprach nicht. In Angelikas Herzen wuchs eine Angst empor, die ihr
alles zu verdunkeln drohte. Der kleine niedrige Raum lag im Abendlicht,
Gerom schien nicht hineinzupassen, er sah wie ein Riese aus und erschien
ihr um so furchtbarer, als sie den Ausdruck seines Gesichts nicht
unterscheiden konnte.
»Wenn Sie mit mir sprechen wollen ...« sagte der Fremde. Es erschien,
als dächte er an ganz andere Dinge. Angelika wußte, wer der Stärkere
war.
Da sagte Gerom mit dunkler Stimme zu ihr:
»Steh auf! Geh heim! Geh gleich heim!«
Obgleich sie seine Stimme nicht erkannte, antwortete sie ihm beinahe in
gewohnter Weise:
»So -- --, so Gerom, kann ich doch nicht gehn.«
Er stöhnte dumpf auf. Wenn es nur hell gewesen wäre. Sie sah fragend zu
ihrem Geliebten hinüber. Er nickte:
»Ja, geh heim.« Und dann sagte er zu Gerom:
»Wir wollen hinausgehn, wir können ja draußen reden, wenn Sie wollen.«
Er schritt ruhig voran, und der andere folgte ihm wie ein breiter,
bedrohlicher Schatten.
Angelika langte in Geroms Hof an, als es längst Nacht war. Eine alte
Magd war vor dem Kamin eingeschlafen, in dem in diesen Spätsommernächten
schon Holzscheite glommen. Sie hockte als ein lebloses Kleiderbündel im
Winkel, die welke Wange unter dem grauen Haar, an einen Holzpfosten des
Geländers gelehnt und notdürftig auf ihren Arm gestützt.
Angelika stand vor ihr und sah die kleinen lebhaften Flämmchen an, die
über die verglimmenden Scheite huschten. Sie sprangen unversehens auf
und erloschen wieder, waren von bläulicher Färbung und von einer
kränklichen Hast. Ihr Widerschein spiegelte sich in den Kacheln und gab
dem Raum sein dürftiges, unruhiges Licht. Die sinkende Mondsichel stand
draußen über den Moorgründen der Haide, über der Einöde mit ihrem
verschwiegenen Gurdelbach. Man sah sein fahles Licht durch die
bewegungslosen Vorhänge der Fenster scheinen, an denen die traurige
Nacht vorüberzog. So war das Licht im Zimmer unbestimmbar und voller
Ungewißheit, die stummen Gegenstände wirkten bedeutungsvoll und
lebendig.
Die junge Frau erkannte den Rahmen des Bildes, das Geroms Vater
darstellte; sie glaubte die heimliche Qual der Augen zu erkennen,
diesen düsteren und trotzigen Drang nach dem Licht der Erkenntnis, der
auch Geroms Blicke bezeichnete. Die Standuhr tickte nicht, es mußte
vergessen worden sein, sie aufzuziehen.
Der Mond draußen verlor langsam seinen Schein, der Morgen kündigte sich
an, das Feuer im Kamin war nun völlig erloschen, und die Alte war auf
den Teppich niedergesunken, auf dem sie ruhig schlief. Man hörte ihre
Atemzüge nicht, und draußen und drinnen war es totenstill, da die
Geschöpfe der Nacht zur Ruhe gegangen waren und die Vögel noch
schliefen. Dann kam ein unhörbarer Wind auf, der das herannahende Licht
ankündigte. Die Stimmen der Wasservögel aus dem Moor wurden laut, und
die Blätter bewegten sich neben dem Fenster. Es rieselte hoch oben in
der Spitze einer Pappel, als ob es regnete, und das Zimmer wurde grau.
Dies ist Angelikas Lebensnacht und ihr Daseinsmorgen gewesen, der ihr
den Geschmack des Abschieds von irdischem Sein und Gut in die Seele
trug, sie verharrte in tiefem Schweigen, dachte keine Gedanken und
empfand keine Gefühle. Sie empfand nur ihr armes, abgekehrtes
Menschenwesen und den gewaltigen Gang des lebendigen Lebens, das an ihr
dahinzog wie lautloser Wind an einem Stein.
Dann kamen Schritte heran, sie klangen erst gedämpft und fern und dann
immer eindringlicher in der blauen Luft der Dämmerung draußen; nun
tönten sie schwer unter ihren Fenstern, und ein gebeugter Schatten
schleppte sich vorüber, glitt auch über sie hin und wurde ihr zur großen
dunklen Gestalt, als nun die Tür sich öffnete. Sie wußte noch, daß ein
Hund draußen vor seiner Hütte sich erhoben haben mußte, denn sie entsann
sich deutlich beim Beginn des Kommenden des Klirrens einer Kette.
Es war Gerom. Eigentlich wußte sie alles, schon ehe sie ihn recht sah,
denn seine Tat begleitete ihn wie eine drückende Finsternis. Er sprach
nicht, er ging schwer und scheinbar sehr ermattet auf und nieder, wobei
er schaukelte und bald den Kopf hängen ließ, bald nickte, oder die Arme
schwenkte, aber nicht im Takt seiner Schritte.
Endlich blieb er dicht vor Angelika stehn, so dicht, daß sie
zurückgetreten wäre, wenn sie es gekonnt hätte. Da nun das blasse
Morgenlicht in sein Gesicht fiel, sah sie, wie entstellt es war, und
empfand nichts mehr als eine furchtbare Angst.
»Gerom!,« schrie sie auf und sank nieder, »erbarme dich, tu mir kein
Leid, um des Heilands willen, Gerom, tu mir kein Leid!«
Und während sie schrie und flehte, und während ihre Hände krampfhaft am
groben Tuch seines Rocks tasteten und griffen, war ihr, als verhöhnte
irgend etwas im Grund ihrer Seele sie selbst und ihr armseliges Tun.
Dabei kam ihr deutlich zum Bewußtsein, wie naß sein Gewand war.
Es schien, als ob Geroms Gedanken erst durch ihren Jammer zu dem geführt
wurden, was sie befürchtete. Ich werde sie schlagen, dachte er, ich
werde sie so schlagen, als wollte ich mit der Faust bis ans Herz
dringen.
»O, höre mich an, sieh mich an, Gerom, ich habe nicht gewußt, was ich
getan hab'.«
Gott weiß es, warum sie es getan hat, dachte er. Sie ist ein Weib, Gott
weiß es ...
Und dann atmete er tief auf und sagte mit schweren Lippen:
»Draußen ...«, stockte wieder und faltete dann seine großen Hände.
»Was willst du tun,« schrie die junge Frau mit lautem Weinen auf, »was
soll ich tun?!«
»Du,« sagte er rasch, »du -- bist ja ein Kind ... geh hinaus, glätte
sein Haar, wasch ihm das Blut aus seinen Augen und leg seine Hände
zusammen ...«
Nun war es, als habe er jenen Faustschlag, der bis an ihr Herz dringen
sollte, mit seiner ganzen Kraft geführt, Angelika sank ohne ein Wort zu
Boden und blieb still liegen. Eine ihrer kleinen weißen Hände lag
gekrümmt mit dem Rücken nach unten an seinem Stiefel.
Gerom sah auf sie nieder und hob sie nach einer Weile behutsam und
vorsichtig auf. Er ging so zart dabei zu Werke, als stünde ihm die ganze
Fülle seiner Liebe zu Gebote, und sein Gesicht war voller Rührung. Als
er sie hinaustrug, sagte er zu ihr, als verstünde sie ihn: »Ja, er ist
tot. Er hat mich, grade so wie du, um sein Leben angefleht. -- Ich
werde dir kein Leid antun, du Kleine. Ach Ihr ... könnt nicht leben und
könnt nicht sterben.«