»Fünfundzwanzig,« stöhnt Hubert, kann es sich nicht versagen, bettelnd
den Arm des andern zu berühren.
Spießt sich die Kanüle in die strotzende Vene, der Stempel der Spritze
sinkt, die dicke schwärzlichbraune Flüssigkeit vermindert sich.
Hubert, eisern den Unterarm auf die Lehne drückend, knurrt, brüllt,
schreit von innen heraus, gräbt seine Stimme aus der Tiefe der Brust,
windet Gesäß, Rumpf, Schultern auf dem Stuhl, zieht das Gesicht lang,
reißt die Lider hoch, die Stirn voller Querfalten. Der Arm ist ein Tier,
das sich in ihn verbissen hat; er will weg davon. Keucht: »Mehr, mehr,
Werner, gib nicht nach, laß nicht nach.« Seine Füße treten mit den
Spitzen den Boden.
»Fünfzehn, du hältst das Maul, achtzehn, neunzehn, kommst nicht weg,
Junge, zwanzig, noch lange nicht, zweiundzwanzig; jawohl,
vierundzwanzig. Da wären wir.«
Dreht ihm den Rücken; bläst, geht an die Wasserleitung. Ein Trampeln
hinter ihm beginnt.
Hohes, tönendes Luftziehen, Sekunden Stille, dumpfes Krachen,
Hinklatschen, Poltern, Bersten, Splittern, Stille. Stille.
Über den weißen Steinfliesen schwarz und ungefüg das quadratisch
geschwollene, baumlange Untier, der Dickwanst, bäuchlings hingestreckt,
die Stuhllehne zerquetscht unter der Brust, ein Stuhlbein von unten
aufragend zwischen den Knien wie ein schräger Fahnenmast.
»Der Lump!« triumphierend Strick am Wasser, schlägt sich den Schenkel
mit der nassen Handfläche, »fünfundzwanzig Gramm! Hab' ich gesagt!
Dreißig! Warum nicht vierzig! -- Häh, verruchtes Subjekt. Hähä.« Stampft
näher: »Häh, die Zunge! Streck' die Zunge raus, Kerl!«
Der bewegt sich nicht.
Brüllend schüttelt Strick mit Lachsalven den Körper: »Die Zunge raus.
Biste tot, dann biste tot.« Zieht sich den Paletot aus. Der Körper
bewegt die Finger; die Knie krümmen sich, das Stuhlbein wackelt leicht.
Strick zieht sich wieder den Paletot an, schüttet die Sublimatschüssel
aus, schleudert Wassermassen aus zwei vollen Schüsseln gegen den
Hinterkopf des Körpers quer durch den Raum.
Das Stuhlbein bleibt stehen.
Der Wasserstrahl braust in den Behälter. Schüssel auf Schüssel wirft
immer zorniger Strick über den Körper. Wutglühend schmeißt er Schüssel
samt überschwappendem Wasser gegen die schwarze ungerührte Masse: »Da
hast du den ganzen Salat. Das halbe Meer! Am besten, man buddelt dich
gleich ein.«
Leitung abgestellt, Licht ausgedreht, Strick trampst türeschmetternd auf
sein Zimmer.
Wie er sich das Nachthemd überziehen will, kommt es die Treppe schwer
und langsam gegangen, stellt sich an seine Tür, klopft dumpf. Strick
schnarcht im Halbschlaf: »Herein,« legt sich zurück.
Über die Schwelle schlurrt aus dem dunklen Vorraum in das morgenlich
graue Zimmer eine schräg nach hinten türmende, kopfsenkende,
wassertriefende Gestalt; hinter ihr, sie am Rockkragen stützend, eine
andere.
Stehen auf dem Bettvorleger, stumm.
»Werner,« murmelt nach einer Weile die schiefe schwankende Masse.
»Herein,« schnarcht der; reißt die Augen auf, weil ihn etwas Kaltes,
Nasses anfaßt. Dann richtet er sich langsam in die Höhe.
»Wer ist denn das?«
»Werner,« murmelt der vordere, »ich bin in den Fluß gefallen von der
Brücke, ich konnte nicht gleich mitkommen. Du hast nicht gehört, wie ich
dich rief.«
»Was bist du, Mensch?«
»Ich bin in den Fluß gefallen, wie ich deinen Paletot holte. Ich habe
immer gerufen.«
»Dann gib mir meinen Paletot her, du Kerl; wo hast du ihn?«
»Ich hab' ihn nicht.«
Strick ringt verzweifelt die Hände: »Na siehste! Bist du nicht
versoffen, du elendes Geschöpf, hat dich das Kollargol nicht umgebracht,
was soll ich mit dir machen?« Überwältigt schreit er: »Raus, raus,
septisches Vieh. Ich schlafe.«
»Werner, du sollst mir den Arm verbinden.«
»Wer ist denn das hinter dir?«