Das verwerfliche Schwein

Hubert Feuchtedengel, -- Neuromanist und die zweiundvierzigtausend Mark

seiner Erbschaft verfressend, aussaufend, drauf vier Jahre verheiratet,

bis ihn seine Frau verstößt, weil er nur wöchentlich einmal anschwimmt

zum Verschnarchen, Verschnaufen und zu einem Reinigungsbad, dann

Mediziner auf Pump und Stipendien sechzehn lange Semester, bis das

goldene Staatsexamen reift, achtunddreißig Jahr und nicht wenige Monate

alt, -- bringt es so weit, daß er Medizinalpraktikant in einem

lothringischen Bezirkskrankenhäuschen wird. Inzwischen hat sich bei ihm

ein exquisiter Fimmel etabliert.

Er sieht am grauen Morgen einen Bandwurm klar vor seinen geistigen

Augen, mit unzähligen regsamen, windenden Gliedern, eierlegend,

eierstreuend, eierregnend; in einem Bad kleiner tropfenartiger Eier

bewegt sich das Vieh stolz, zieht hin. Dann erhebt sich der Beobachter

vom Bett, steigt gedankenvoll zu einem Romanisten aufs Zimmer; sprechen

braucht er nicht; der andere weiß schon: der Bandwurm ist da. Als keiner

gefunden wird von einem älteren Zechgenossen, verschwindet Hubert nach

Greifswald, erscheint nach Jahren wieder in Süddeutschland als

selbstdenkender Mediziner. Jetzt weiß er: er hat keinen Bandwurm; was

man vor Augen sieht am frühen Morgen, ist kein Bandwurm sondern

Blutandrang. Und im lothringischen Hospital gelangt er zu der

abschließenden wissenschaftlichen Überzeugung, daß es sich bei ihm um

Sepsis, um Blutvergiftung handelt, beschränkt auf den Kopf; zweifellos

um einen Fimmel, aber auf Sepsis beruhend.

Sein Assistenzarzt heißt Werner Strick. Das ist ein Gewaltmensch.

Feuchtedengel imponiert ihm nicht, aber sie sind Duzbrüder. Neben dem

rotgesichtigen hochwüchsigen Strick, der bei der Visite mit Sporen

steigt, die zutrauliche gutmütige beleibte Gestalt seines

Medizinalpraktikanten, Krankenjournale vor der kurzen Stülpnase, drüber

her auf die Betten glotzend, dampfend vor Eifer.

Nach zwei Monaten konsultiert im schwarzen Gehrock nachmittags ein halb

fünf Uhr vor der Stationsvisite Feuchtedengel seinen Chef wegen

Hirnsepsis. Erklärt sofort, zahlen zu wollen, will wie ein gewöhnlicher

Patient behandelt werden. Strick zieht sich die Stiefel an, wobei ihm

sein Patient hilft, nimmt den erregten Besucher unter den Arm, setzt ihn

im weißgestrichenen Untersuchungszimmer auf einen Eisenstuhl. »Zunge

heraus!« »Aufstehen, Fußspitzen zusammen, Augen zu!« »Augen zu!«

»Romberg negativ.« Zieht die schweren braunen Vorhänge zu, steckt hinter

Feuchtedengels Rücken die Küchenlampe an, spiegelt seine Augen. Nichts

zu finden. »Schlaf dich aus, Kerl. Geh nach Hause, Kerl!«

Nach drei Wochen schwimmt Hubert wieder an im schwarzen

bauchumspannenden Gehrock. Sein Chef schmeißt ihm zwei Sporenstiefel vor

die Beine. Hubert knaut, ist gedrückt, stellt die Stiefel auf, bleibt

demütig an der Tür. Die Krücke des Spazierstockes fliegt gegen ihn. Drei

Tage ist er Luft für seinen Herrn.

Schneevoller Winter. Silvesternacht. Sie versöhnen sich im jubelnden

Bahnhofslokal. Frühmorgens fünf ziehen sie aufrecht aus der Wirtschaft

die Neubrückenstraße herunter durch die Kapellenstraße. Feuchtedengel

kann seine Überzeugung nicht zurückhalten. Also die Medizin, sagt er,

entwickelt sich, aber schwach; es gibt eine umschriebene lokalisierte

Sepsis; man kann sie haben, man kann sie lange Zeit haben. Werner Strick

hat seinen Paletot im Bahnhof liegen lassen, geht in einer Flauschjacke,

trägt die Reitpeitsche. Er schickt den Schwaben nach der Bahn; als er

den Paletot hat, der Dicke ihn wieder demütig angafft, gerät er in

Stinkwut über Hubert Feuchtedengel, seinen Medizinalpraktikanten. Haut

ihm den steifen Hut ein, spuckt auf das schwarze Brückengeländer,

schimpft vor sich. Wie sie weiter marschieren, flucht Strick. Er habe

genug von der Sache. Beißt auf seine Zigarre: »Du Schwein. Du

verwerfliches Schwein. Du bist ja ein ganz verwerfliches Schwein. Jetzt

aber, jetzt sollst du was sehen. Jetzt kommst du mit. Jetzt hast du

deine Sepsis und wirst behandelt. Verstehst du, Kerl?«

Feuchtedengel ist einverstanden, seine Augen tränen vor Entzücken, er

ist vor Rührung nicht imstande, den Hut auszubeulen. »Kerl,« flucht

Strick weiter, kaut an seinem kalten Stengel, »Kerl, Kerl, dich werden

wir kriegen.« Klirrt mit den Sporen, stubbst am Kino den Plakatständer

um.

Im Doktorzimmer, mit der Linken Licht knipsend, schubbst der

Assistenzarzt den Barhäuptigen gegen die Chaiselongue, streift sich die

Ärmel auf. Der Dicke unsicher: »Ziehst du nicht den Mantel aus? Wollen

wir die Schwester wecken?«

»Nun legst dich hin und hälst die Goschen, Luder damisches.« Strick

raucht krampfhaft, schluckt, sucht im Arzneischrank.

»Kriegst eins reingefuhrwerkt,« giftet er seinen Schüler an, »daß du

platzst. Kollargol, für deine kreuzdämliche Sepsis. Wieviel willst du

denn?«

»Fünf Gramm,« lächelte der glückliche Hubert; beschaut schmunzelnd seine

geschwollenen Armvenen.

»Nimm den Arm runter, ist noch nicht so weit. Fünf Gramm kannst ins

Gesicht kriegen von mir. Fünfzehn krieste. Zwanzig, wenn du nicht 's

Maul gleich zumachst. Spuck dir rein, du verwerfliches Subjekt.«

Werner Strick vom Schrank weg, bürstet, wäscht sich im Paletot in den

mächtigen Operationsschüsseln. Sein schwarzer Hut schwankt bei der

wuchtigen Tätigkeit. Geheimnisvoll von hinten Feuchtedengel, aus

himmelnden Äuglein zu seinem Chef: »Fünfundzwanzig Gramm. Ich vertrag

es. Ehrenwort. Viel muß man bei mir geben. Über die Maximaldose.«

Verächtlich schweigt der Chef. Das Sublimat spritzt, über die Schüssel

hinweg springt der Hut. Der Schwabe rückt an, will gebückt unten den Hut

fassen, kriegt von der Seite einen Tritt in die Weiche.

Massig steht mit der großen Zwanziggrammspritze aus Glas der qualmende

Mensch vor dem rotbäckigen Medizinalpraktikanten, der auf dem

Untersuchungsstuhl sitzt, den linken bloßen Arm, mit Gummi abgeschnürt,

triumphierend hinstreckend. Hubert bebt vor Freude, läßt sich nichts

merken. Dreht den Kopf von Strick ab gegen die Wand. »Das schöne Bild«,

schwabbelt er schämig, »in der Klosterküche. _The monastery kitchen_,

_cuisine de monastère_. Soviel Mönche und bloß ein Kalb.«

Blaubart und Miss Ilsebill · 第 5 / 19 题