Und als wir dann größer wurden, waren die Leiden und Freuden, die uns

miteinander verbanden, ernsterer Art. Wie wir mitunter in Streit

gerieten! Bisweilen, wenn eigennützige Interessen uns trennten, stieg

Mißtrauen und Eifersucht auf und brachte einen Riß in unsre

Freundschaft; und als die Tschota Rani zwischen uns trat, sah es so aus,

als ob dieser Riß nie wieder heilen würde. Aber es zeigte sich immer,

daß die heilenden Kräfte am Grunde stärker waren als die Wunden an der

Oberfläche.

So ist von Kindheit an bis heute eine innige Freundschaft zwischen uns

emporgewachsen, deren dichtbelaubte Zweige sich über jedes Zimmer, jede

Veranda, jede Terrasse dieses großen Hauses breiten. Als ich sah, wie

die Bara Rani sich bereit machte, mit all ihrer Habe dies unser Haus zu

verlassen, da fühlte ich, wie es an allen Banden, die uns

zusammenhielten, bis in die äußersten Enden schmerzhaft zerrte.

Ich wußte wohl den Grund, warum sie sich entschlossen hatte, dem

Unbekannten zuzutreiben und alle jene Bande zu zerschneiden, die sie mit

den täglichen Gewohnheiten an das Haus knüpften, das sie nie einen Tag

verlassen, nachdem sie es mit neun Jahren zuerst betreten hatte. Und

doch wollte sie diesen wahren Grund nicht über ihre Lippen kommen

lassen, sondern verbarg ihn lieber hinter andern, nichtigen Vorwänden.

Ich war der einzige, der ihr von allen Verwandten auf der Welt geblieben

war, und die arme unglückliche, verwitwete und kinderlose Frau hegte

diese Verwandtschaft mit aller Zärtlichkeit, die sie in ihrem Herzen

aufgespeichert hatte. Wie tief sie unsre beabsichtigte Trennung

empfunden hatte, fühlte ich erst, als ich zwischen ihren umhergestreuten

Koffern und Bündeln stand.

Ich erkannte mit einem Blick, daß die kleinen Zwistigkeiten wegen

Geldangelegenheiten, die sie oft mit Bimala hatte, nicht niederm

Eigennutz entsprangen, sondern sie fühlte, daß diese andere Frau, die

von Gott weiß woher kam, ihre Ansprüche an den einzigen Verwandten, der

ihr geblieben war, zurückdrängte und das Band zwischen ihm und ihr

lockerte! Sie war bei jedem Schritt verletzt worden und hatte doch kein

Recht, sich zu beklagen.

Und Bimala? Auch sie fühlte, daß die Ansprüche der Bara Rani an mich

sich nicht nur auf unsre Verwandtschaft gründeten, sondern ihren

tieferen Grund hatten, und sie war eifersüchtig auf dies Verhältnis

zwischen uns, das in unsre Kindheit zurückreichte.

Nun schlug mein Herz heftig gegen die Tür meiner Brust. Ich sank auf

einen der Koffer nieder und sagte: »Ach, Schwester Rani, wie glücklich

wäre ich, wenn die alten Zeiten, wo wir uns zuerst in diesem unserm

alten Hause sahen, wiederkehren wollten!«

»Nein, lieber Bruder,« erwiderte sie mit einem Seufzer, »ich möchte mein

Leben nicht noch einmal leben, -- nicht als Frau! Laß das, was ich zu

tragen gehabt habe, nur mit dieser einen Existenz zu Ende sein! Ich

könnte es nicht noch einmal ertragen.«

Ich sagte zu ihr: »Die Freiheit, zu der wir durch Leid gelangen, ist

größer als das Leid.«

»Das mag bei euch Männern so sein. Die Freiheit ist für euch. Aber wir

Frauen möchten andere fesseln oder möchten noch lieber selbst von ihnen

gefesselt werden. Nein, nein, Bruder, du wirst dich aus unsern Netzen

nicht losmachen können. Wenn du denn deine Flügel ausbreiten und

wegfliegen mußt, so mußt du mich mit dir nehmen; wir wollen nicht

zurückbleiben. Darum habe ich all dies schwere Gepäck zusammengetragen.

Man darf euch Männer nicht mit zu leichter Ladung laufen lassen.«

»Ich fühle das Gewicht deiner Worte,« sagte ich lachend, »und wenn wir

Männer nicht über die Lasten, die ihr uns auferlegt, klagen, so

geschieht es, weil ihr Frauen uns so freigebig belohnt für das, was ihr

uns zu tragen gebt.«

»Ihr tragt es,« sagte sie, »weil die Last aus so vielen kleinen Dingen

besteht. Immer, wenn ihr eins davon zurückweisen wollt, so führt es zu

seinen Gunsten an, daß es so leicht ist. Und so drücken wir euch mit all

den leichten Dingen zu Boden... Wann reisen wir ab?«

»Der Zug fährt heute abend um halb zwölf. Wir haben reichlich Zeit.«

»Nun sei ein einziges Mal in deinem Leben artig und höre auf das, was

ich sage! Schlaf dich heute nachmittag ordentlich aus! Du weißt, du

kannst im Zuge nie schlafen. Du bist so herunter, daß du jeden

Augenblick zusammenklappen kannst. Komm, nimm erst dein Bad.«

Als wir nach meinem Zimmer gingen, kam Khema, das Mädchen, herauf. Sie

zupfte verlegen an ihrem Schleier und sagte in leisem, entschuldigendem

Ton, daß der Polizei-Inspektor mit einem Gefangenen gekommen sei und den

Maharadscha zu sprechen wünsche.

»Ist der Maharadscha ein Dieb oder ein Räuber,« fuhr die Bara Rani auf,

»daß die Polizei beständig hinter ihm her sein muß? Geh und sag' dem

Inspektor, daß der Maharadscha beim Baden ist!«

»Laß mich nur mal sehen, was los ist,« bat ich. »Es kann etwas

Dringendes sein.«

»Nein, nein,« beharrte meine Schwägerin. »Unsre Tschota Rani hat gestern

abend eine Unmenge Kuchen gebacken. Ich werde dem Inspektor ein paar

schicken, damit er ruhig bleibt, bis du fertig bist.« Damit schob sie

mich in mein Zimmer und schloß die Tür hinter mir zu.

Ich hatte nicht die Kraft, mich solcher Tyrannei zu widersetzen, -- sie

ist so selten in dieser Welt. Mochte der Inspektor sich die Zeit mit

Kuchenessen vertreiben. Was machte es, wenn die Pflicht einmal ruhte?

Die Polizei war diese letzten Tage eifrig am Werke gewesen, bald diesen,

bald jenen zu verhaften. Jeden Tag wurde irgendein Unschuldiger zur

Erheiterung der Angestellten in mein Geschäftszimmer geführt. Ich

vermutete, daß sie jetzt wieder so ein unglückliches Opfer

herangeschleppt hatten. Aber warum sollte der Inspektor allein sich an

Kuchen gütlich tun? Das war nicht in der Ordnung. Ich stieß heftig gegen

die Tür.

»Wenn du toll werden willst, gieß dir schnell etwas Wasser über den Kopf

-- das wird dich abkühlen,« sagte meine Schwägerin vom Korridor aus.

»Schicke Kuchen für zwei hinunter«, rief ich. »Der, den man als Dieb

eingebracht hat, verdient sie vielleicht noch mehr. Laß ihm eine

tüchtige Portion geben!«

Ich beeilte mich mit meinem Bad. Als ich herauskam, saß Bimala draußen

vor der Tür auf dem Boden[43]. War es möglich, daß dies meine alte

stolze, verwöhnte Bimala war?

Welche Gunst konnte sie erbitten wollen, als sie da so vor meiner Tür

saß? Als ich stutzte und stehenblieb, stand sie auf und sagte leise mit

niedergeschlagenen Augen: »Ich möchte dich sprechen.«

»So komm herein«, sagte ich.

»Aber hast du gerade etwas Besonderes vor?«

»Ja, aber das macht nichts. Ich möchte hören ...«

»Nein, besorge das erst! Wir sprechen dann heute mittag, wenn du

gegessen hast.«

Ich ging in mein Zimmer, wo der Polizei-Inspektor seinen Teller ganz

leer gegessen hatte.

Aber sein Begleiter war noch mit Essen beschäftigt.

»Halloh!« rief ich überrascht aus. »Du, Amulja?«

»Ja, ich«, sagte Amulja, den Mund voll Kuchen. »Das war ein richtiger

Festschmaus. Und wenn's Ihnen recht ist, nehme ich den Rest mit.« Damit

band er die übrigen Kuchen in sein Taschentuch.

»Was bedeutet dies?« fragte ich, mit einem erstaunten Blick auf den

Inspektor.

Der Mann lachte. »Wir sind in bezug auf den Dieb noch ebenso klug,«

sagte er, »inzwischen wird das Geheimnis des Diebstahls immer dunkler.«

Damit zog er ein eingewickeltes Bündel hervor, das sich, als er es

aufband, als ein Päckchen Banknoten entpuppte. »Hier, Maharadscha,«

sagte der Inspektor, »sind Ihre sechstausend Rupien.«

»Wo hat man sie gefunden?«

»In Amulja Babus Händen. Er kam gestern abend zu Ihrem Verwalter in

Tschakna und sagte ihm, daß das Geld sich gefunden habe. Der Verwalter

war anscheinend in noch größerer Bestürzung über die Wiedererlangung des

Geldes, als er über den Raub gewesen war. Er fürchtete, man könne ihn im

Verdacht haben, erst die Banknoten beiseite gebracht und nun, aus Angst,

daß es herauskäme, sich dies Ammenmärchen ausgedacht zu haben. Er bat

Amulja, noch etwas zu warten, er wolle ihm eine Erfrischung bringen,

und kam geradeswegs zum Polizeiamt. Ich brach sofort auf, nahm Amulja

mit mir und habe den ganzen Morgen versucht, etwas aus ihm

herauszubringen. Er will nicht sagen, wo er das Geld bekommen hat. Ich

warnte ihn, er würde solange in Haft bleiben, bis er es sagte. In dem

Fall, meinte er, würde er lügen müssen. Gut, sagte ich, das solle er nur

tun. Dann sagte er aus, er habe das Geld unter einem Busch gefunden. Ich

machte darauf ihn aufmerksam, daß das Lügen so leicht nicht sei. Unter

welchem Busch er es denn gefunden habe? Und an welchem Ort? Was hatte er

da zu tun? -- Über das alles würde er seine Aussagen machen müssen.

›Seien Sie unbesorgt,‹ sagte er, ›ich habe ja noch Zeit genug, mir das

alles auszudenken.‹«

»Aber, Inspektor,« sagte ich, »warum belästigen Sie einen achtbaren

jungen Menschen wie Amulja Babu?«

»Ich habe nicht den Wunsch, ihn zu belästigen«, sagte der Inspektor. »Er

ist nicht nur aus guter Familie, sondern noch dazu der Sohn meines

Schulfreundes, Nibaran Babu. Ich will Ihnen genau sagen, Maharadscha,

wie die Sache liegt. Amulja kennt den Dieb, aber will ihn schützen,

indem er den Verdacht auf sich lenkt. Solche Bravourstückchen sehen ihm

gerade ähnlich. Ich will Ihnen mal was sagen, junger Mann,« wandte er

sich an Amulja, »ich war auch einmal achtzehn und Student in Ripon

College. Ich wäre beinahe ins Gefängnis gekommen, weil ich versuchte,

einen Droschkenkutscher gegen einen Polizisten in Schutz zu nehmen. Ich

kam mit genauer Not davon.«

»Maharadscha,« fuhr er dann zu mir gewandt fort, »der wirkliche Dieb

wird nun wahrscheinlich entkommen, aber ich glaube, ich weiß, wer hinter

der ganzen Sache steckt.«

»Wer denn?« fragte ich.

»Jener Verwalter, im Einverständnis mit dem Wächter Kasim.«

Als der Inspektor endlich fortgegangen war, nachdem er mir seine

Hypothese lang und breit auseinandergesetzt hatte, sagte ich zu Amulja:

»Wenn du mir sagst, wer das Geld genommen hat, verspreche ich dir, daß

niemandem ein Leid geschehen soll.«

»Ich habe es getan«, sagte er.

»Aber wie ist es möglich? Wie war denn das mit der ganzen Schar

bewaffneter Männer?...«

»Das war ich, ganz allein!«

Was Amulja mir nun erzählte, war in der Tat eine seltsame Geschichte.

Der Verwalter war gerade mit seinem Abendbrot fertig und dabei, sich auf

der Veranda den Mund zu spülen. Es war ziemlich dunkel. Amulja hatte in

jeder Tasche einen Revolver, von denen einer mit Platzpatronen, der

andre mit Kugeln geladen war. Vor dem Gesicht hatte er eine Maske. Er

hielt dem Verwalter plötzlich eine Blendlaterne vors Gesicht und gab

einen blinden Schuß ab. Der Mann fiel in Ohnmacht. Ein paar von den

Wächtern, die dienstfrei waren, kamen herzugelaufen, aber sobald Amulja

auch auf sie einen blinden Schuß abgab, verloren sie keine Zeit, sich in

Sicherheit zu bringen. Dann kam Kasim, der Dienst hatte, mit einem

dicken Knüppel herbeigestürzt. Diesmal feuerte Amulja einen scharfen

Schuß ab, wobei er nach Kasims Beinen zielte, und als dieser fühlte, daß

er getroffen war, brach er zusammen und fiel zu Boden. Amulja zwang dann

den zitternden Verwalter, der inzwischen zur Besinnung gekommen war, den

Geldschrank zu öffnen und ihm 6000 Rupien einzuhändigen. Darauf nahm er

eins von den Dienstpferden, galoppierte ein paar Meilen, ließ dann das

Pferd frei laufen und kam ruhig zu Fuß hierher zurück.

»Was veranlaßte dich zu diesem Streich, Amulja?« fragte ich.

»Ich hatte einen sehr gewichtigen Grund, Maharadscha«, erwiderte er.

»Aber warum versuchtest du denn, das Geld zurückzugeben?«

»Rufen Sie sie, auf deren Befehl ich es tat! In ihrer Gegenwart werde

ich alles bekennen.«

»Und wer ist ›sie‹?«

»Meine Schwester, die Tschota Rani!«

Ich ließ Bimala rufen. Sie kam zögernd, barfuß, den Kopf in einen weißen

Schal gehüllt. Ich hatte meine Bima nie so gesehen. Es war, als ob sie

sich in Morgenlicht gehüllt hätte.

Amulja warf sich vor ihr nieder und berührte ehrfurchtsvoll ihre Füße.

Als er sich dann erhob, sagte er: »Ihr Befehl ist ausgeführt,

Schwester. Das Geld ist zurückgegeben.«

»Du hast mich gerettet, mein kleiner Bruder«, sagte Bima.

»Ich habe immer Ihr Bild vor Augen gehabt und keine einzige Lüge

gesagt«, fuhr Amulja fort. »Mein Losungswort Bande Mataram habe ich zu

Ihren Füßen auf immer von mir geworfen. Ich habe auch schon meine

Belohnung bekommen, Ihren prasad, sobald ich in den Palast kam.«

Bima sah ihn bei seinen letzten Worten verständnislos an. Amulja zog

sein Taschentuch hervor, band es auf und zeigte ihr die Kuchen. »Ich

habe sie nicht alle gegessen«, sagte er. »Diese habe ich noch

aufbewahrt, damit Sie sie mir selbst vorlegen.«

Ich sah, daß ich hier überflüssig war und ging aus dem Zimmer. Ich

konnte predigen, soviel ich wollte, so sagte ich mir, zum Lohn für meine

Mühe verbrannte man mein Bild. Es war mir noch nicht gelungen, eine

einzige Seele vom Pfade des Verderbens zurückzubringen. Wer die Gabe

hat, kann es durch einen bloßen Wink. Meine Worte haben nicht diese

unauslöschliche Wirkung. Ich bin keine Flamme, sondern nur eine

schwarze, ausgebrannte Kohle. Ich kann keine Lampe anzünden. Mein Leben

zeigt es, -- meine Lampen bleiben alle unangezündet.

XVI

Ich kehrte langsam nach den innern Gemächern zurück. Unwillkürlich

lenkte ich meine Schritte nach dem Zimmer der Bara Rani. Ich hatte das

unwiderstehliche Bedürfnis, zu fühlen, daß dies mein Leben imstande

gewesen war, auf einer andern Lebensharfe eine Saite anzuschlagen, die

mir mit vollem, warmem Ton antwortete. Man kann die Erfüllung seines

Daseins nicht in sich selber finden, man muß sie draußen suchen.

Als ich an das Zimmer meiner Schwägerin kam, trat sie heraus und sagte:

»Ich fürchtete, du würdest dich schon wieder so lange aufhalten. Doch

ich habe dein Mittagessen schon bestellt, sobald ich dich kommen hörte.

Es wird sogleich gebracht.«

»Inzwischen will ich dein Geld aus meinem Schrank holen, damit ich es

bereit habe.«

Als wir nach meinem Zimmer gingen, fragte sie mich, ob der

Polizei-Inspektor irgendwelche Nachricht über den Raubüberfall gebracht

hätte. Ich hatte keine rechte Neigung, ihr eingehend zu berichten, wie

das Geld zurückgebracht worden sei, und antwortete ausweichend: »Ja,

sie machen viel Wesens von der Geschichte.«

Als ich in mein Ankleidezimmer kam und mein Schlüsselbund herausnahm,

war der Schlüssel zum Geldschrank nicht an dem Ring. Wie konnte ich nur

so blödsinnig zerstreut sein! Erst heute morgen hatte ich alle möglichen

Koffer und Schränke geöffnet und gar nicht bemerkt, daß dieser Schlüssel

fehlte.

»Was ist denn mit deinem Schlüssel passiert?« fragte meine Schwägerin.

Ich konnte es ihr nicht sagen und fuhr fort, eine Tasche um die andere

zu durchsuchen. Immer wieder suchte ich an denselben Stellen. Es wurde

uns beiden klar, daß der Schlüssel nicht verlegt sein könne. Jemand

mußte ihn vom Ring abgenommen haben. Wer konnte das sein? Wer hatte denn

sonst noch in dies Zimmer kommen können?

»Sorge dich nicht weiter darum«, sagte sie zu mir. »Iß erst zu Mittag!

Die Tschota Rani muß ihn selbst an sich genommen haben, als sie sah, wie

zerstreut du immer bist.«

Ich war innerlich jedoch sehr unruhig. Bima hatte nie einen von meinen

Schlüsseln genommen, ohne es mir zu sagen. Beim Mittagessen war sie

nicht zugegen; sie war damit beschäftigt, Amulja in ihrem Zimmer zu

bewirten. Meine Schwägerin wollte sie rufen lassen, aber ich bat sie, es

nicht zu tun.

Ich war gerade mit dem Essen fertig, als Bima hereinkam. Ich hätte

lieber nicht über die Sache mit dem Schlüssel gesprochen, solange die

Bara Rani dabei war, aber sobald sie Bima sah, fragte sie: »Weißt du,

mein Liebling, wo der Schlüssel zu dem Geldschrank ist?«

»Ich habe ihn«, war die Antwort.

»Habe ich's nicht gesagt?« rief meine Schwägerin triumphierend. »Unsre

Tschota Rani tut so, als ob diese Räubereien sie ganz kalt lassen, aber

heimlich trifft sie doch ihre Vorsichtsmaßregeln.«

Der Ausdruck in Bimas Gesicht ließ mich nichts Gutes ahnen. »Laßt den

Schlüssel jetzt«, sagte ich. »Ich nehme das Geld heute abend heraus.«

»Nun schiebst du es wieder auf«, sagte die Bara Rani. »Warum willst du

es nicht gleich jetzt, wo du daran denkst, herausnehmen und zum

Schatzamt schicken?«

»Ich habe es schon herausgenommen«, sagte Bima.

Ich stutzte.

»Wo hast du es denn?« fragte meine Schwägerin.

»Ich habe es ausgegeben.«

»Nun höre einer! Wofür hast du all das Geld ausgegeben?«

Bima antwortete nicht. Ich fragte nicht weiter. Die Bara Rani schien

etwas bemerken zu wollen, aber sie besann sich anders. »Nun, dann ist ja

alles in Ordnung«, sagte sie mit einem Blick auf mich. »Das machte ich

genau so mit meines Mannes Kleingeld. Ich wußte, es hatte keinen Sinn,

es ihm zu lassen, -- seine neunundneunzig Schmarotzer hätten es ihm doch

abgenommen. Du bist auch nicht viel anders, Bruder. Wieviel Mittel ihr

Männer habt, um Geld loszuwerden! Wir können es euch nur retten dadurch,

daß wir es euch stehlen. Nun komm aber! Fort mit dir, zu Bett!«

Die Bara Rani führte mich in mein Zimmer, aber ich wußte kaum, wohin ich

ging. Sie setzte sich an mein Bett, nachdem ich mich darauf

ausgestreckt hatte, und lächelte Bima zu. »Gib mir einen von deinen

pans, liebe Tschotie«, sagte sie. »Was, du hast keine? Du bist mir eine

schöne Hausfrau! Dann laß ein paar aus meinem Zimmer holen!«

»Aber hast du denn schon zu Mittag gegessen?« fragte ich besorgt.

»O, schon längst«, erwiderte sie. Das war augenscheinlich geflunkert.

Sie blieb neben meinem Bett sitzen und plauderte über alles Mögliche.

Das Mädchen kam und sagte Bima, daß ihr Mittagessen serviert sei und

kalt würde, aber sie schien es nicht zu hören. »Was, du hast noch nicht

gegessen? Was machst du für Geschichten! Es ist schon furchtbar spät.«

Damit führte die Bara Rani Bima mit sich fort.

Ich konnte erraten, daß zwischen diesen 6000 Rupien und dem Diebstahl

der andern ein Zusammenhang bestand. Aber ich bin nicht neugierig, zu

wissen, welcher Art er ist. Ich werde nie danach fragen.

Die Vorsehung formt unser Leben im groben, sie will, daß wir selbst die

letzte Hand anlegen und ihm seine endgültige Gestalt nach unserm Sinn

geben. Ich habe mich immer bemüht, bei der Gestaltung meines Lebens den

vom Schöpfer vorgezeichneten Linien zu folgen und ihm einen tiefen Sinn

zu geben. In diesem Bestreben habe ich mein ganzes Leben verbracht. Wie

ernstlich ich mich bemüht habe, meine Begierden im Zaum zu halten und

jede Selbstsucht in mir zu unterdrücken, weiß nur Er, der in unser Herz

sieht.

Aber die Schwierigkeit ist, daß unser Leben nicht uns allein gehört. Wir

können es nicht formen ohne die Hilfe unsrer Umgebung. Daher war es

immer mein Traum, Bima dafür zu gewinnen, daß sie mir bei dieser Arbeit

helfe. Ich liebte sie von ganzer Seele; daher glaubte ich fest, es müsse

mir gelingen.

Dann machte ich die Entdeckung, daß ich nicht zu den Menschen gehöre,

die so ganz einfach und natürlich ihre Umgebung zu dieser Arbeit an

ihrem Selbst heranziehen können. Ich habe den Lebensfunken erhalten,

aber ich kann ihn nicht weitergeben. Die, denen ich mein Alles gegeben

habe, haben es genommen, ohne mich selbst mitzunehmen.

Ich werde wirklich schwer geprüft. Immer, wenn ich am meisten eines

helfenden Gefährten bedarf, werde ich auf mich selbst zurückgewiesen.

Dennoch gelobe ich aufs neue, durchzuhalten in dieser Prüfungszeit.

So will ich denn allein meinen Dornenpfad gehen, bis die Reise dieses

Lebens zu Ende ist...

Mir ist der Gedanke gekommen, daß ich doch immer etwas Neigung zur

Tyrannei gehabt habe. Es war ein gewisser Despotismus in meinem

Verlangen, meine Beziehungen zu Bimala in eine feste, klar umrissene und

vollkommene Form zu bringen. Aber des Menschen Leben ist nicht dazu

bestimmt, in eine feste Form gepreßt zu werden. Und wenn wir versuchen,

dem Guten auf solche Weise Gestalt zu geben, als wäre es bloßer Stoff,

so rächt es sich furchtbar, dadurch, daß es das Leben verliert.

Erst jetzt ist es mir klar geworden, daß es diese unbewußte Tyrannei

gewesen sein muß, die uns allmählich voneinander entfernte. Als Bimalas

Leben nicht zu seiner wahren Höhe aufsteigen konnte, da ich es von oben

niederdrückte, mußte es sich dadurch einen Abfluß suchen, daß es seine

Ufer am Grunde unterhöhlte. Sie mußte diese 6000 Rupien stehlen, weil

sie mir gegenüber nicht offen sein konnte, weil sie fühlte, daß ich für

gewisse Dinge kein Verständnis hatte noch haben wollte.

Menschen wie ich, die von einer Idee beherrscht werden, sind mit denen

im Einklang, die ihren Überzeugungen zustimmen können; aber die andern

können nur mit uns fertig werden, wenn sie uns betrügen. Unser

hartnäckiger Eigensinn ist es, der selbst die Offensten und Geradesten

auf krumme Wege treibt. Bei dem Versuch, uns eine Gefährtin nach unserm

Sinn zu formen, verderben wir das Weib.

Könnte ich nicht noch einmal von vorn anfangen? Ja, dann würde ich den

Pfad der Einfalt gehen. Ich würde nicht versuchen, die Gefährtin meines

Lebens mit meinen Ideen zu binden, sondern die fröhliche Flöte meiner

Liebe spielen und fragen: Liebst du mich? Dann wachse nur, dir selber

treu, im Licht deiner Liebe! Laß Gottes Plan, der in dir lebendig ist,

triumphieren und laß meine Pläne beschämt umkehren!

Aber kann selbst die große Heilmutter Natur die Wunde heilen, die all

das Mißverstehen dieser letzten Zeit uns schlug? Die schützende Hülle,

unter der allein die stillen Kräfte der Natur wirken können, ist

auseinander gerissen. Wunden müssen verbunden werden -- können wir unsre

Wunde nicht mit unsrer Liebe verbinden, so daß ein Tag kommt, wo ihre

Narbe nicht mehr sichtbar sein wird? Ist es nicht zu spät? Wir haben so

viel Zeit verloren mit Mißverstehen; wir haben die ganze Zeit bis jetzt

gebraucht, um endlich zu verstehen, -- wie lange Zeit werden wir

brauchen, um wieder gutzumachen? Und wenn die Wunde wirklich heilt, --

kann die Zerstörung, die sie verursacht hat, je wieder gutgemacht

werden?

Ich hörte ein leises Geräusch an der Tür. Als ich mich umwandte, sah ich

Bimala durch die offene Tür verschwinden. Sie mußte an der Schwelle

gewartet haben, unschlüssig, ob sie hereinkommen sollte, und schließlich

hatte sie sich entschlossen, umzukehren. Ich sprang auf und stürzte zur

Tür und rief: »Bima!«

Sie stand still, doch wandte sie sich nicht um. Ich trat zu ihr, nahm

sie bei der Hand und führte sie in unser Zimmer zurück. Sie warf sich

mit dem Gesicht aufs Kissen und schluchzte unaufhaltsam. Ich sagte

nichts, sondern setzte mich nur still zu ihr und hielt ihre Hand.

Als der leidenschaftliche Ausbruch ihres Schmerzes sich gelegt hatte,

richtete sie sich auf. Ich wollte sie an meine Brust ziehen, aber sie

schob meine Arme zurück und kniete vor mir nieder, indem sie wiederholt

meine Füße ehrfurchtsvoll mit ihrer Stirn berührte. Ich zog hastig meine

Füße zurück, aber sie umklammerte sie mit ihren Armen und sagte mit

tränenerstickter Stimme. »Nein, nein, nein, du darfst deine Füße nicht

wegziehen! Laß mich meine Ehrfurcht verrichten!«

Da ließ ich sie gewähren.

Fußnoten:

[42] Rollen aus Betelpfefferblättern mit Stücken von Betelnuß,

Katschu und Gewürzen gefüllt, die als Kaumittel verwandt werden.

[43] Auf dem nackten Boden sitzen ist ein Zeichen von Trauer

und, von da aus übertragen, auch von Zerknirschung.

BIMALAS ERZÄHLUNG

XXIII

Auf, meine Seele! Jetzt ist die Zeit gekommen, dich dahin einzuschiffen,

wo der Strom der Liebe einmündet in das große Meer der Anbetung. In

diesem reinen Blau versinkt und verschwindet die ganze Last seines

Schlammes.

Jetzt fürchte ich nichts mehr, -- weder mich selbst, noch irgend jemand

anders. Ich bin durch Feuer hindurchgegangen. Was entzündlich war, ist

zu Asche verbrannt, was geblieben ist, ist unsterblich. Ich habe meine

Seele dem zu Füßen gelegt, der all meine Sünde in den Abgrund seines

eigenen Schmerzes versenkt hat.

Heute abend reisen wir nach Kalkutta. Meine innern Unruhen ließen mich

bis jetzt nicht dazu kommen, nach meinen Sachen zu sehen. Jetzt will ich

sie ordnen und einpacken.

Nach einer Weile merkte ich, daß mein Gatte auch gekommen war und beim

Packen half.

»Das geht aber nicht«, sagte ich. »Hast du mir nicht versprochen, zu

schlafen?«

»Das habe ich wohl versprochen,« erwiderte er, »aber der Schlaf hat mir

nicht versprochen, zu kommen und ist nirgends zu finden.«

»Nein, nein,« wiederholte ich, »das geht nicht. Leg dich wenigstens ein

Weilchen hin!«

»Aber wie kannst du allein dies noch alles schaffen?«

»Natürlich kann ich das.«

Das Heim und die Welt · 第 16 / 17 段