Ich fühle immer wieder, wie zwei Wesen in mir sind. Das eine weicht vor

Sandip zurück, wenn er mir wie das Chaos selbst entgegentritt, das andre

wird gerade dadurch unwiderstehlich angezogen. Das sinkende Schiff zieht

alle, die es umschwimmen, in die Tiefe. Sandip ist solch eine

vernichtende Kraft. Seine ungeheure Anziehungskraft ergreift uns, bevor

Furcht uns warnt, und in einem Augenblick werden wir widerstandslos

hinabgezogen, fort von allem Licht, von allem Guten, von Luft und

Freiheit, von allem, was uns lieb und teuer war, -- hinab in den Abgrund

der Vernichtung.

Sandip ist als Bote gekommen aus einem fernen Reiche des Unheils, und

wie er über das Land schreitet und unheilige Zaubersprüche murmelt,

scharen sich alle Knaben und Jünglinge um ihn. Die Mutter sitzt im

Lotusherzen des Landes und wehklagt laut, denn sie haben ihre

Vorratskammer erbrochen, um dort ihr trunkenes Gelage zu halten. Ihre

Weinernte für den Trank der Unsterblichen schütten sie in den Staub;

ihre altehrwürdigen Geräte zertrümmern sie. Wohl fühle ich ihr Leid,

doch zugleich werde auch ich von dem Rausch mit fortgerissen.

Die Wahrheit selbst hat uns diese Versuchung geschickt, um unsre Treue

gegen ihre Gebote zu prüfen. Die Trunkenheit verkleidet sich in

himmlisches Gewand und tanzt vor den Pilgern her. »Ihr Narren,« ruft

sie, »die ihr den unfruchtbaren Weg der Entsagung geht! Er ist lang und

die Zeit vergeht euch langsam, wenn ihr ihn wandelt. Daher hat mich der

Schleuderer des Donnerkeils zu euch geschickt. Seht her! Ich, die

Schönheit, die Leidenschaft, rufe euch zu mir, -- in meiner Umarmung

sollt ihr Erfüllung finden.«

Nach einer Pause wandte Sandip sich noch einmal an mich. »Göttin, die

Zeit ist gekommen, wo ich dich verlassen muß. Es ist gut so. Deine Nähe

hat ihre Wirkung getan. Wenn ich noch länger säumte, würde sie

allmählich wieder aufgehoben. Wir verlieren alles, wenn wir in unsrer

unersättlichen Begierde das gemein machen wollen, was das Höchste auf

Erden ist. Was ewig ist im Augenblick, wird schal, wenn wir es in der

Zeit ausbreiten. Wir waren im Begriff, unsern unendlichen Augenblick zu

verderben, als du deinen Donnerkeil erhobst, der ihm zu Hilfe kam. Du

selbst rettetest die Reinheit deines Gottesdienstes und damit zugleich

auch deinen Priester. Um deines Gottesdienstes willen scheide ich heute.

Ja, Göttin, auch ich gebe dich heute frei. Mein irdischer Tempel konnte

dich nicht mehr fassen; er drohte jeden Augenblick zu bersten. Ich

scheide heute, um in einem größern Tempel dein größeres Ebenbild

anzubeten. Erst wenn ich fern von dir bin, wirst du wahrhaft mein

werden. Hier empfing ich nur deine Gunst, dort wird mir deine Gnade

zuteil werden.«

Mein Schmuckkasten stand noch auf dem Tisch. Ich hob ihn auf und sagte:

»Bringen Sie diese Juwelen der Gottheit, der ich diene, und opfern Sie

sie ihr in meinem Namen!«

Mein Gatte verharrte in Schweigen. Sandip verließ das Zimmer.

XXI

Ich hatte eben angefangen, ein paar Kuchen für Amulja zu backen, als die

Bara Rani erschien. »O Himmel,« rief sie aus, »ist es dahin gekommen,

daß du dir die Kuchen zu deinem Geburtstag selbst backen mußt?«

»Könnte ich sie nicht für jemand anders backen?« fragte ich.

»Aber an solchen Tagen solltest du nicht andre festlich bewirten,

sondern wir dich. Ich wollte gerade etwas Leckeres für dich

zubereiten[40], als ich die schreckliche Nachricht hörte, die mich ganz

aus der Fassung gebracht. Eine Schar von fünf- bis sechshundert Banditen

sollen in eins unsrer Schatzhäuser eingebrochen sein und sich mit 6000

Rupien davongemacht haben. Man erwartet, daß sie demnächst unser Haus

plündern werden.«

Ich war in hohem Grade erleichtert. So war es also doch unser eignes

Geld. Ich hätte am liebsten gleich Amulja rufen lassen, um ihm zu sagen,

daß er die Banknoten nur meinem Gatten einzuhändigen brauchte und die

Erklärung mir überlassen könnte.

»Du bist wirklich ein wunderliches Geschöpf!« rief meine Schwägerin aus,

als sie den Wechsel im Ausdruck meines Gesichts sah. »Kennst du denn gar

nicht so etwas wie Furcht?«

»Ich glaube nicht daran«, sagte ich. »Warum sollten sie unser Haus

plündern?«

»Du glaubst nicht daran, wahrhaftig! Wer hätte denn geglaubt, daß sie

unser Schatzhaus angreifen würden?«

Ich gab keine Antwort, sondern beugte mich über meine Kuchen, die ich

mit geriebenen Kokosnüssen füllte.

»Nun, ich muß gehen«, sagte die Bara Rani, nachdem sie mich noch einmal

verwundert angestarrt hatte. »Ich muß mit Bruder Nikhil sprechen und

dafür sorgen, daß mein Geld nach Kalkutta geschickt wird, bevor es zu

spät ist.«

Kaum war sie fort, so überließ ich die Kuchen sich selbst und stürzte in

mein Ankleidezimmer, das ich von innen abschloß. Meines Gatten Kittel

mit den Schlüsseln in der Tasche hing noch da, -- so vergeßlich war er.

Ich nahm den Schlüssel zu dem eisernen Geldschrank von dem Ring und

steckte ihn zu mir.

Da klopfte es an die Tür. »Ich bin beim Anziehen«, rief ich. Ich hörte,

wie die Bara Rani sagte: »Noch vor einer Minute sah ich sie beim

Kuchenbacken, und jetzt ist sie mit ihrem Putz beschäftigt. Mich soll

wundern, was ihr danach einfällt! Gewiß haben sie wieder eine ihrer

Bande-Mataram-Versammlungen.« »Höre einmal, Räuberkönigin,« rief sie zu

mir herein, »bist du dabei, deine Beute zu zählen?«

Als sie fort waren, öffnete ich den eisernen Geldschrank. Ich weiß

nicht, was mich dazu veranlaßte, vielleicht hatte ich die geheime

Hoffnung, daß alles ein Traum gewesen sei. Wie, wenn ich beim Öffnen der

inneren Schublade die Geldrollen an ihrem Platze fände?... Ach, alles

war so leer wie das Vertrauen, das ich verraten hatte.

Ich mußte die Komödie des Umkleidens durchführen. So frisierte ich mich

denn ganz überflüssigerweise noch einmal und steckte mein Haar anders

hoch. Als ich herauskam, spottete meine Schwägerin: »Wie oft ziehst du

dich heute noch um?«

»Es ist ja mein Geburtstag«, sagte ich.

»Ach, dafür ist dir jeder Vorwand recht«, erwiderte sie. »Ich habe in

meinem Leben viele eitle Leute gekannt, aber du übertriffst sie alle.«

Ich wollte gerade einen Diener rufen, um Amulja holen zu lassen, als

einer der Leute mir ein kleines Billett brachte. Es war von Amulja.

»Schwester,« schrieb er, »Sie haben mich auf heute nachmittag

eingeladen, aber mir schien es doch besser, nicht zu warten. Lassen Sie

mich erst Ihren Auftrag ausführen und dann zu meinem prasad kommen! Es

kann etwas spät werden.«

Wo mochte er hingehen, um das Geld zurückzugeben? Welcher neuen Gefahr

lief der arme Junge in die Arme? Ach du elendes Weib, du kannst ihn nur

wie einen Pfeil absenden, aber nicht zurückrufen, wenn du dein Ziel

verfehlst.

Ich hätte sogleich bekennen sollen, daß ich die Triebfeder dieses

Raubüberfalls war. Aber wir Frauen leben von dem Vertrauen unsrer

Umgebung, -- es bedeutet uns die Welt. Wenn es einmal offenbar wird, daß

wir dies Vertrauen heimlich verraten haben, so haben wir den Platz in

unsrer Welt verloren. Wir müssen auf den Trümmern dessen stehen, was wir

zerbrochen haben, und seine scharfen Kanten verwunden uns bei jeder

Bewegung. Sündigen ist leicht, aber Wiedergutmachen ist schwer,

besonders für eine Frau.

Seit einiger Zeit ist jede ungezwungene Annäherung an meinen Gatten mir

abgeschnitten. Wie konnte ich ihn nun plötzlich mit dieser

ungeheuerlichen Nachricht überfallen! Er kam heute sehr spät zum Essen,

es war fast zwei Uhr. Er war zerstreut und rührte kaum einen Bissen an.

Ich fühlte, daß ich sogar das Recht verscherzt hatte, ihn zu nötigen,

noch etwas mehr zu nehmen, und ich mußte mein Gesicht abwenden, um meine

Tränen zu verbergen.

Ich hätte so gern zu ihm gesagt: »Komm doch in unser Zimmer und ruhe ein

Weilchen; du siehst so müde aus.« Gerade schickte ich mich dazu an, als

ein Diener eilig die Nachricht brachte, daß der Polizeiinspektor

Pantschu zum Palast heraufgebracht hätte. Das Antlitz meines Gatten

überschattete sich noch mehr, und er ging hinaus, ohne sein Mahl zu

beenden.

Bald darauf erschien die Bara Rani. »Warum gabst du mir nicht Nachricht,

als Bruder Nikhil hereinkam?« beklagte sie sich. »Da er so spät kam,

dachte ich, ich könnte inzwischen mein Bad nehmen. Wie wurde er nur so

schnell mit dem Essen fertig?«

»Wolltest du etwas von ihm?«

»Was bedeutet das, daß ihr morgen beide nach Kalkutta reisen wollt? Aber

das sage ich euch, ich bleibe nicht allein hier. Ich würde mich bei

jedem Laut tot ängstigen, jetzt, wo alle diese Banditen hier ihr Wesen

treiben. Ist es ganz bestimmt, daß ihr morgen reist?«

»Ja«, sagte ich, obgleich ich erst eben jetzt davon hörte und außerdem

gar nicht sicher war, ob nicht bis dahin Ereignisse eintreten würden,

die es ganz gleichgültig machten, ob wir reisten oder blieben. Wie

danach unser Heim und unser Leben sich gestalten würden, konnte ich mir

gar nicht vorstellen, alles erschien mir so nebelhaft und gespenstisch.

In ein paar Stunden mußte mein jetzt noch verborgenes Schicksal sichtbar

werden. War niemand da, der den Flug dieser Stunde aufhalten konnte, so

daß ich Zeit gewann, wieder gutzumachen, soweit es in meiner Macht lag?

Die Zeit, wo der böse Same im Boden liegt, ist lang, -- so lang, daß man

gar nicht mehr fürchtet, er könne aufgehen. Aber sobald er aus dem Boden

hervorsprießt, wächst er so schnell, daß gar keine Zeit bleibt, ihn

zuzudecken, selbst nicht mit dem eigenen Leben.

Ich will versuchen, nicht mehr daran zu denken, sondern in stummer

Passivität dasitzen, bis der Zusammenbruch kommt. Laß ihn kommen, in ein

paar Tagen wird alles vorüber sein -- Entdeckung, Spott, Mitleid,

Fragen, Erklärungen -- alles.

Aber ich kann das Gesicht Amuljas nicht vergessen, so schön und

strahlend in seiner Hingebung. Er wartete nicht verzweifelt den

vernichtenden Schlag des Schicksals ab, sondern stürzte sich mutig

mitten in die Gefahr. Auf ihn blicke ich voll Ehrfurcht in meinem Elend.

Er ist mein Erlöser. Er nahm wie im Spiel die Last meiner Sünde auf

seine Schultern. Er wollte mich retten indem er die Strafe, die mir

bestimmt war, auf sein Haupt rief. Aber wie soll ich diese furchtbare

Gnade meines Gottes ertragen?

O, mein Kind, mein Kind, ich neige mich vor dir. Mein kleiner Bruder,

ich neige mich vor dir. Du bist rein, du bist schön, ich neige mich vor

dir. Möchtest du in deiner nächsten Existenz als mein eigenes Kind in

meine Arme kommen, -- das ist mein Gebet.

XXII

Das Gerücht von dem Raubüberfall verbreitete sich nach allen Seiten. Die

Polizei ging beständig ein und aus. Unsre Dienstboten waren in großer

Aufregung.

Khema, mein Mädchen, kam und sagte: »Ach, Maharani, um des Himmels

willen, bewahren Sie mir doch meine goldene Halskette und Armringe in

Ihrem eisernen Geldschrank auf!« Wem sollte ich erklären, daß die Rani

selbst dieses ganze Netz von Verwirrung gewoben und sich nun auch darin

gefangen hatte? Ich mußte die Rolle der gütigen Beschützerin spielen und

Khemas Schmucksachen und Thakos Ersparnisse in meine Obhut nehmen. Sogar

die Milchfrau brachte einen Koffer in mein Zimmer, in dem ein Sari aus

Benares und andre ihrer ihr wertvollen Habseligkeiten waren. »Ich bekam

diese Sachen zu Ihrer Hochzeit«, erzählte sie mir.

Wenn man morgen meinen eisernen Geldschrank öffnet in Gegenwart dieser

Frauen -- Khema, Thako, die Milchfrau und all die andern ... Ich darf

nicht daran denken! Ich will lieber versuchen, mir vorzustellen, wie es

sein wird, wenn dieser dritte Magh[41] nach einem Jahre wiederkehrt.

Amulja schreibt, daß er erst spät am Abend kommen wird. Ich kann nicht

so untätig allein mit meinen Gedanken bleiben, ich will ihm noch ein

paar Kuchen backen. Ich habe schon eine ganze Menge gebacken, aber ich

muß noch damit fortfahren. Wer wird sie essen? Ich werde sie unter die

Dienstboten verteilen. Das muß ich noch heute abend tun. Heute abend

läuft meine Frist ab. Das Morgen steht nicht mehr in meiner Hand.

Ich fuhr unermüdlich fort, einen Kuchen nach dem andern zu backen.

Bisweilen kam es mir vor, als ob ich oben irgendwo in unsern Zimmern ein

Geräusch hörte. Konnte es sein, daß mein Gatte den Schlüssel zum

Geldschrank vermißt und die Bara Rani nun die Dienstboten

zusammengerufen hatte, um suchen zu helfen? Nein, ich wollte nicht mehr

hinhören; es war am besten, die Tür zu schließen.

Ich war eben im Begriff, es zu tun, als Thako keuchend hereingestürzt

kam: »Maharani, o Maharani!«

»Mach', daß du fortkommst!« fuhr ich sie an. »Laß mich in Ruh!«

»Die Bara Rani läßt Sie rufen,« sagte sie. »Ihr Neffe hat ihr ein so

wundervolles Instrument von Kalkutta mitgebracht. Es spricht wie ein

Mensch. Kommen Sie und hören Sie!«

Ich wußte nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. So mußte jetzt von

allen Dingen auf der Welt ein Grammophon auf der Bildfläche erscheinen,

um bei jeder Drehung den näselnden Singsang seiner Arien zu wiederholen!

Welch fürchterliche Sache ist es doch um eine Maschine, die einen

Menschen nachäfft!

Die Schatten des Abends begannen zu sinken. Ich wußte, daß Amulja sich

sofort melden würde, wenn er zurückkäme, doch ich konnte nicht länger

warten. Ich rief einen Diener und sagte: »Geh und sag Amulja Babu, er

möchte sofort herkommen!« Der Mann kam nach einer Weile zurück mit dem

Bescheid, daß Amulja noch immer nicht zu Hause sei, er sei schon so

lange fort.

»Fort!« Dies letzte Wort tönte wie eine Klage durch das zunehmende

Dunkel an mein Ohr. Amulja fort! War er denn gekommen wie ein Strahl der

untergehenden Sonne, um auf immer zu verschwinden? Alle möglichen und

unmöglichen Gefahren schwirrten mir durch den Sinn. Ich war es, die ihn

in den Tod geschickt hatte. Wenn er ihm auch furchtlos entgegengegangen

war, das zeigte nur seine Seelengröße. Aber wie sollte ich hiernach noch

ohne ihn allein weiterleben?

Ich hatte kein Andenken von Amulja außer jener Pistole, seinem

Brudergeschenk. Sie erschien mir als ein Zeichen, das mir die Vorsehung

geschickt hatte. Diese Schuld, die mein Leben an seiner Wurzel vergiftet

hatte, -- mein Gott hatte mir in Gestalt eines Kindes das Mittel

gegeben, sie auszulöschen, und war dann entschwunden. O welche Fülle

erlösender Gnade lag in dieser Liebesgabe verborgen!

Ich öffnete meine Truhe, nahm die Pistole heraus und hob sie in

ehrfürchtiger Scheu an meine Stirn. In dem Augenblick erklangen die

Glocken vom Tempel unseres Hauses. Ich warf mich anbetend nieder.

Am Abend bewirtete ich das ganze Haus mit meinen Kuchen. »Du hast uns

einen wunderbaren Geburtstagsschmaus bereitet, und dazu noch ganz

allein!« rief meine Schwägerin aus. »Aber du mußt auch uns etwas zu tun

übrig lassen.« Und damit stellte sie ihr Grammophon an und ließ den

schrillen Sopran der Kalkuttaschen Sängerinnen durch das Haus tönen. Es

war, als hörte man einen Stall voll wiehernder Füllen.

Es wurde ziemlich spät, bis der Schmaus vorüber war. Ich hatte

plötzlich ein Verlangen, meine Geburtstagsfeier damit zu beenden, daß

ich die Füße meines Gatten ehrfurchtsvoll berührte. Ich ging hinauf ins

Schlafzimmer und fand ihn in tiefem Schlafe. Er hatte einen so

sorgenvollen, schweren Tag gehabt. Ich hob ganz, ganz sachte den Saum

des Mosquitonetzes und legte meinen Kopf neben seine Füße. Mein Haar

mußte ihn berührt haben, denn er bewegte im Schlaf die Füße und stieß

meinen Kopf weg.

Ich ging hinaus und setzte mich auf die Veranda an der Westseite. Ein

Wollbaum, der alle seine Blätter verloren hatte, stand in der Ferne da

wie ein Skelett. Hinter ihm sank die Mondsichel hinab. Plötzlich hatte

ich das Gefühl, daß selbst die Sterne des Himmels Furcht vor mir hätten,

daß die ganze Nachtwelt mich mißtrauisch anblickte. Warum? Weil ich

allein war.

Es gibt nichts Trostloseres in der Schöpfung als den Menschen, der

allein ist. Selbst der, dessen Angehörige alle einer nach dem andern

gestorben sind, ist nicht allein, Gesellschaft kommt ihm von jenseits

des Grabes. Doch der, dessen Angehörige noch leben, aber keine

Gemeinschaft mit ihm haben, der aus dem bunten Kreis eines vollen Heims

herausgefallen ist, dessen Dunkel blickt selbst das Sternenweltall mit

Schaudern an.

Wo ich bin, da bin ich nicht. Ich bin weit fort von denen, die um mich

sind. Ich lebe und bewege mich am Rande einer weltweiten Trennungskluft,

unsicher wie der Tautropfen auf dem Lotusblatt.

Warum verwandeln die Menschen sich nicht ganz, wenn sie sich verwandeln?

Wenn ich in mein Herz sehe, so finde ich noch alles da, was sonst da

war, -- nur ist alles auf den Kopf gestellt. Was schön geordnet war,

liegt wirr durcheinander. Die Perlen, die zu einem Halsband vereint

waren, rollen im Staub. Und so bricht mir das Herz.

Ich möchte sterben. Und doch wird in meinem Herzen alles fortleben, --

selbst im Tode kann ich nicht das Ende von allem sehen; der Tod bringt

nur noch größere Reuequalen. Was beendet werden soll, muß in diesem

Leben beendet werden, -- es gibt keinen andern Ausweg.

O vergib mir nur dies eine Mal noch, mein Gott! Alles, was du als

Reichtum meines Lebens in meine Hände legtest, habe ich mir zur Last

gemacht. Ich kann sie nicht länger tragen, noch sie abwerfen. O Herr,

laß noch einmal jene süßen Melodien auf deiner Flöte ertönen, die du

einst vor langer Zeit für mich spieltest, als du am rosigen Horizont

meines Morgenhimmels standest, -- und laß alle meine Verwirrungen

einfach und leicht sich lösen! Nur die Musik deiner Flöte kann heilen,

was zerbrochen, und reinigen, was beschmutzt ist. Schaffe mein Heim neu

mit deiner Musik! Ich weiß keine andere Rettung.

Ich warf mich ausgestreckt auf den Boden und schluchzte laut. Ich betete

um Erbarmen, um ein wenig Erbarmen von irgendwoher, um Zuflucht, um

irgendein Zeichen von Vergebung, eine Hoffnung, die das Ende bringen

könnte. »Herr!« gelobte ich, »ich will hier liegen und warten und warten

und weder Speise noch Trank anrühren, bis deine segnende Hand mich

berührt hat.«

Ich hörte das Geräusch von Tritten. Wer sagt, daß die Götter sich nicht

den Sterblichen zeigen? Ich wagte nicht mein Antlitz zu erheben, aus

Furcht, sein Anblick könne den Zauber verscheuchen. Komm, ach, komm und

laß deine Füße mein Haupt berühren! Komm, Herr, und setze deinen Fuß auf

mein pochendes Herz und laß mich in dem Augenblick sterben!

Er kam und setzte sich zu meinen Häupten. Wer? Mein Gatte! Im ersten

Augenblick, als ich seine Gegenwart fühlte, war mir, als sollten mir die

Sinne schwinden. Und dann brach all der Schmerz, der sich in meiner

Seele gestaut hatte, in einem unaufhaltsamen Tränenstrom hervor. Ich

preßte seine Füße an meinen Busen, als ob ich ihre Spur für immer dort

festhalten wollte.

Er streichelte zärtlich meinen Kopf. So empfing ich seinen Segen. Nun

werde ich morgen die Buße der öffentlichen Demütigung auf mich nehmen

können und sie mit geläutertem Herzen als Sühnopfer zu den Füßen meines

Gottes niederlegen.

Aber was meine Seele bedrückt, ist der Gedanke, daß die festlichen

Flöten, die vor neun Jahren bei meiner Hochzeit erklangen und mich in

diesem Hause willkommen hießen, mir nie in diesem Leben mehr erklingen

werden. Welche Buße gäbe es, die hart genug wäre, um mich noch einmal

als die für ihren Gatten geschmückte Braut auf denselben bräutlichen

Sitz zu erheben? Wieviel Jahre, wieviel Zeitalter, wieviel Weltalter

müssen vergehen, bis ich den Weg zurückfinde zu dem Platz, wo ich vor

neun Jahren stand?

Gott kann neue Dinge schaffen, aber hat selbst er die Macht, das neu zu

schaffen, was sich selbst zerstört hat?

Fußnoten:

[38] Zitat aus der Nationalhymne Bande Mataram.

[39] Rudra, »der Furchtbare« (eig. wohl »der Brüllende«), der

ursprüngliche Name Schivas (so im Veda).

[40] Leckerbissen, die als Festgeschenk geboten werden, müssen

von der Dame des Hauses selbst zubereitet sein.

[41] Indischer Monat, etwa von Mitte Jan. bis Mitte Febr.

ZWÖLFTES KAPITEL

NIKHILS ERZÄHLUNG

XV

Heute reisen wir nach Kalkutta. Wenn wir nur immer fortfahren, unsre

Freuden und Leiden anzuhäufen, lasten sie schwer auf uns. Wir sollten

sie von uns werfen, denn wir haben nicht hier unsre Stätte, sondern sind

Pilger auf dem Pfade des Lebens. Wenn wir hier unser Haus bauen, kerkern

wir unsre Seele ein, bis sie in der Kerkerluft erstickt.

Meine Vereinigung mit dir, Geliebte, war nur für die Pilgerfahrt, die

hinter uns liegt; sie war gut, solange wir denselben Weg gingen, sie

wird uns nur hemmen, wenn wir versuchen, sie darüber hinaus zu erhalten.

Jetzt streifen wir diese Fessel ab. Wir haben die Reise nach andern

Zielen angetreten, und es muß uns genug sein, wenn wir einander einen

Blick zuwerfen oder im Vorübergehen die Hand des andern streifen

können. Und danach? Danach gelangen wir auf die größere Heerstraße der

Welt, in den endlosen Strom des Alllebens.

Wie unermeßlich viel bleibt mir noch, wenn wir geschieden sind!

Geliebte! Wenn ich lausche, höre ich die Flöte spielen, ich höre den

Quell ihrer Melodien hervorströmen aus der Kluft, die uns trennt. Der

unsterbliche Trank der Göttin versiegt nie. Sie zerbricht nur bisweilen

den Becher, aus dem wir ihn trinken, und lächelt, wenn sie uns so

untröstlich sieht über den unbedeutenden Verlust. Ich will nicht

stillstehen und die Scherben auflesen. Ich will vorwärtsschreiten, wenn

auch mit durstendem Herzen.

Die Bara Rani kam und fragte mich: »Was bedeutet denn das, Bruder, daß

diese Bücher eingepackt und kistenweise weggeschickt werden?«

»Das bedeutet nur, daß ich meine Liebe zu ihnen noch nicht habe

überwinden können,« erwiderte ich.

»Ich wollte nur, daß du deine Liebe auch einigen andern Dingen noch

bewahrtest! Hast du denn die Absicht, gar nicht nach Hause

zurückzukommen?«

»Ich werde hin und wieder kommen, aber ich werde mich hier nicht wieder

ganz einmauern.«

»O wirklich! Nun, da komm einmal in mein Zimmer und sieh, an wieviel

Dingen ich mit meiner Liebe hänge!« Damit nahm sie mich bei der Hand und

führte mich ab.

Im Zimmer meiner Schwägerin fand ich zahllose Koffer und Bündel fertig

gepackt. Sie öffnete einen der Koffer und sagte: »Sieh, Bruder, da habe

ich all meine Sachen zur Bereitung von pan[42]. In dieser Flasche habe

ich Katschupuder, das mit dem Pollen von Schraubenbaumblüten gewürzt

ist. In den kleinen Zinndosen sind lauter verschiedene Gewürze. Auch

meine Spielkarten und mein Damenbrett habe ich nicht vergessen. Wenn ihr

beiden zu beschäftigt seid, so werde ich schon andre Freunde da finden,

die ein Spiel mit mir machen. Erinnerst du dich noch an diesen Kamm? Es

ist einer von den Swadeschi-Kämmen, die du mir mitbrachtest...«

»Aber was bedeutet dies alles, Schwester Rani? Warum hast du denn all

diese Sachen gepackt?«

»Denkst du, ich gehe nicht mit euch?«

»Aber welche Idee!«

»Hab keine Angst! Ich werde weder mit dir kokettieren noch mit der

Tschota Rani streiten. Man muß doch eines Tages sterben, und man tut

ebenso gut, das Ufer des heiligen Ganges aufzusuchen, bevor es zu spät

ist. Der Gedanke, hier auf eurem elenden Verbrennungsplatz unter dem

verkrüppelten Feigenbaum eingeäschert zu werden, ist entsetzlich, --

darum habe ich mich nicht entschließen können, zu sterben und dich so

lange geplagt.«

Hier sprach endlich mein Heim zu mir mit seiner wahren Stimme. Die Bara

Rani war als Braut in unser Haus gekommen, als ich erst sechs Jahre alt

war. Wir haben an den schläfrigen Nachmittagen zusammen in einer Ecke

der Terrasse des Daches gespielt. Ich habe ihr oben vom Baum herunter

grüne Mangofrüchte zugeworfen, aus denen sie köstlich unverdauliche

chutnees machte, indem sie sie in dünne Scheiben zerschnitt und mit

Senf, Salz und verschiedenen Kräutern würzte. Meine Aufgabe war es, ihr

all die verbotenen Sachen aus der Vorratskammer zu holen, die sie für

das Hochzeitsfest ihrer Puppe brauchte, denn der Strafkodex meiner

Großmutter ließ nur für mich Ausnahmen zu. Und sie wählte mich immer zum

Boten an ihren Bruder, wenn sie ihm etwas Besonderes abschmeicheln

wollte, denn meinen ungestümen Bitten konnte er nicht widerstehen. Ich

weiß noch, wie ich damals unter den strengen Maßregeln der Ärzte litt,

die bei Fieberanfällen nur warmes Wasser und Kardamomlimonade

gestatteten, und wie meine Schwägerin meine Entbehrungen nicht mit

ansehen konnte und mir heimlich Leckerbissen brachte. Was für Schelte

bekam sie eines Tages, als sie dabei ertappt wurde!

Das Heim und die Welt · 第 15 / 17 段