offen gesagt, ich kann nicht ohne dich fertig werden. Selbst der Schlaf
wollte zu mir allein nicht in unser Zimmer kommen.« Damit machte er sich
wieder an die Arbeit.
Aber es kam eine Unterbrechung in Gestalt eines Dieners, der meldete,
daß Sandip Babu da sei und bäte, vorgelassen zu werden. Ich wagte nicht
zu fragen, wen er zu sprechen wünsche. Es war, als ob das Licht des
Himmels plötzlich zurückwiche wie die Blätter einer Mimose.
»Komm, Bima!« sagte mein Gatte. »Laß uns hören, was Sandip uns zu sagen
hat! Da er zurückgekommen ist, nachdem er sich schon verabschiedet
hatte, muß er uns etwas Besonderes zu sagen haben.«
Ich ging nur mit, weil es noch schwieriger gewesen wäre,
zurückzubleiben. Sandip starrte ein Bild an, das an der Wand hing. Als
wir eintraten, sagte er: »Ihr fragt euch gewiß, warum der Bursche noch
einmal wiedergekommen ist. Aber ihr wißt, der Geist ist nicht gebannt,
bis alle feierlichen Bräuche erfüllt sind.« Mit diesen Worten zog er
etwas aus seiner Tasche, das er in sein Taschentuch gebunden hatte,
legte es auf den Tisch und löste den Knoten auf. Es waren jene
Goldstücke.
»Versteh mich nicht falsch, Nikhil,« sagte er. »Du mußt dir nicht
einbilden, daß ich, von deinem Umgang angesteckt, plötzlich ehrlich
geworden bin; ich bin nicht der Mann, der mit schlotternden Knieen reuig
zurückkehrt, um unrechtmäßig erworbenes Geld wiederzubringen. Aber...«
Er stockte. Nach einer Pause wandte er sich zu Nikhil, aber seine Worte
waren an mich gerichtet:
»Ja, Bienenkönigin, endlich hat der Geist der Reue Einlaß gefunden in
meinem bisher ungestört ruhigen Gewissen. Da ich jede Nacht, sobald der
erste Schlaf vorüber ist, mit ihm zu kämpfen habe, kann ich ihn nicht
für ein bloßes Hirngespinst halten. Es gibt vor ihm kein Entrinnen,
selbst für mich nicht, bis die Schuld bezahlt ist. In die Hände jenes
Geistes lege ich daher, was ich zurückbringe. Göttin! Ihnen allein auf
der Welt kann ich nichts wegnehmen. Sie lassen mich nicht los, bis ich
ganz entblößt bin. Nehmen Sie auch dies zurück!«
Damit zog er den Schmuckkasten unter seinem Mantel hervor und setzte ihn
hin, und dann verließ er uns mit hastigen Schritten.
»Höre, Sandip,« rief mein Gatte ihm nach.
»Ich habe keine Zeit, Nikhil,« sagte Sandip, an der Tür stehenbleibend.
»Man sagt mir, daß die Muselmänner mich für einen unschätzbaren
Edelstein halten, und hinter mir her sind, um mich zu rauben und auf
ihrem Friedhof zu vergraben. Aber ich fühle, daß ich noch weiterleben
muß. Ich habe noch gerade 25 Minuten, um den Zug nach Norden zu
bekommen. Daher muß ich für jetzt Schluß machen; wir werden unsre
Unterredung bei der nächsten passenden Gelegenheit zu Ende führen. Wenn
du meinen Rat hören willst, so zögre du auch nicht, von hier
fortzukommen! Ich grüße Sie, Bienenkönigin, Königin der blutenden
Herzen, Königin der Vernichtung!«
Er stürzte hinaus. Ich stand unbeweglich; nie vorher war mir so klar
geworden, wie wertlos, wie armselig dies Gold und diese Juwelen sind.
Noch kurz vorher war ich geschäftig gewesen, mir zu überlegen, was ich
mitnehmen und wie ich es einpacken wollte. Jetzt fühlte ich, daß es
überhaupt nicht nötig war, irgendetwas mitzunehmen. Aufbrechen und
fortreisen so schnell wie möglich, darauf kam es an.
Mein Gatte trat zu mir und faßte meine Hand. »Es wird spät,« sagte er,
»wir haben nicht mehr viel Zeit, unsre Reisevorbereitungen zu beenden.«
In diesem Augenblick kam Tschandranath Babu plötzlich herein. Als er uns
beisammen fand, wich er erst zurück, doch dann sagte er: »Verzeihen Sie,
Mütterchen, wenn ich störe! Nikhil, die Muselmänner haben sich erhoben.
Sie plündern Harisch Kundus Schatzhaus. Das ist noch nicht so schlimm.
Aber entsetzlich ist es, wie sie den Frauen des Hauses Gewalt antun.«
»Ich komme,« sagte mein Gatte.
»Was kannst du da tun?« sagte ich und hielt bittend seine Hand fest.
»Ach Herr,« wandte ich mich an seinen Lehrer, »wollen Sie ihm nicht
sagen, daß er nicht hingeht?«
»Es gibt nichts Dringenderes zu tun, Mütterchen,« erwiderte er.
»Ängstige dich nicht, Bima,« rief mein Gatte mir im Fortgehen zu.
Als ich ans Fenster trat, sah ich ihn zu Pferde fortgaloppieren, ohne
irgendwelche Waffe in der Hand.
Gleich darauf kam die Bara Rani hereingestürzt. »Was hast du getan,
liebe Tschotie?« rief sie. »Wie konntest du ihn fortlassen?«
»Ruf sofort den Dewan[44],« sagte sie zu einem Diener.
Die Ranis zeigen sich sonst nicht dem Dewan, aber in dem Augenblick
waren der Bara Rani alle äußeren Formen gleichgültig.
»Schick dem Maharadscha sofort einen reitenden Boten nach und laß ihn
zurückrufen,« sagte sie, sobald der Dewan erschien.
»Wir haben ihn alle beschworen, nicht hinzureiten,« sagte der Dewan,
»aber er wollte nicht umkehren.«
»Laß ihm sagen, daß die Bara Rani krank ist, daß sie auf dem Sterbebett
liegt!« rief meine Schwägerin verzweifelt.
Als der Dewan hinausgegangen war, wandte sie sich wütend gegen mich. »O
du Hexe, du Ungetüm, konntest du nicht selbst sterben, statt ihn in den
Tod zu schicken!...«
Es begann zu dunkeln. Die Sonne ging hinter dem gefiederten Laubwerk des
blühenden Sadschnabaums unter. Ich sehe noch heute jede leise
Schattierung jenes Sonnenuntergangs vor mir. Zwei Wolkenmassen zu beiden
Seiten der sinkenden Sonnenscheibe gaben ihr das Aussehen eines
gewaltigen Vogels, der seine feurig gefiederten Schwingen weit
ausbreitete. Es war mir, als ob dieser verhängnisvolle Tag sich
aufmachte zu seinem Fluge über den Ozean der Nacht.
Es wurde dunkler und dunkler. Aus der Ferne wogte Waffenlärm heran und
wich dann wieder in das Dunkel zurück, wie die Flammen eines brennenden
Dorfes fern am Horizont aufzucken und wieder verschwinden.
Die Abendglocken erklangen von unserm Tempel. Ich wußte, die Bara Rani
saß jetzt da, die Hände in stillem Gebet gefaltet. Aber ich konnte
keinen Schritt vom Fenster weichen.
Die Straßen, das Dorf dahinter und die noch entfernteren Baumreihen
verschwammen immer mehr im Dunkel. Der See in unserm Park blickte mit
trübem Glanz zum Himmel auf, wie das Auge eines Blinden. Zur Linken
schien der Turm seinen Hals auszurecken, um etwas, was in der Ferne
geschah, zu erspähen.
Die Geräusche der Nacht nehmen alle Arten von Verkleidungen an. Ein
Zweig knackt, und man glaubt, ein Verfolgter renne um sein Leben. Eine
Tür schlägt zu, und es ist einem, als ob das Herz der Welt in jähem
Schreck pochte.
Lichter flackerten plötzlich unter dem Schatten der fernen Bäume auf und
verschwanden wieder. Ab und zu erklirrten Hufe, doch es waren nur
Reiter, die aus den Palasttoren ritten.
Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, daß, wenn ich nur sterben könnte,
alles gut sein würde. Solange ich lebte, griffen meine Sünden immer
weiter um sich und säten nach allen Seiten Zerstörung aus. Ich erinnerte
mich an die Pistole in meiner Truhe. Aber meine Füße wollten nicht vom
Fenster weg und sie holen. Wartete ich denn nicht auf mein Schicksal?
Die Nachtwache kündete feierlich die zehnte Stunde. Bald darauf tauchten
in der Ferne eine ganze Reihe Lichter auf, und eine große Schar von
Leuten wand sich wie eine große Schlange auf den dunklen Wegen den
Palasttoren zu.
Der Dewan stürzte ans Tor. In demselben Augenblick galoppierte ein
Reiter herein. »Wie steht es, Dschata?« fragte der Dewan.
»Nicht gut,« war die Antwort.
Ich hörte diese Worte ganz deutlich von meinem Fenster aus. Aber dann
wurde etwas geflüstert, was ich nicht verstehen konnte.
Dann kam eine Sänfte, der eine Bahre folgte. Der Doktor ging neben der
Sänfte.
»Was meinen Sie, Doktor?« fragte der Dewan.
»Ich kann noch nichts sagen,« erwiderte der Doktor. »Die Wunde am Kopf
ist ernst.«
»Und Amulja Babu?«
»Mit ihm ist es aus. Eine Kugel hat ihn ins Herz getroffen.«
Fußnoten:
[44] Eingeborener Angestellter eines großen bengalischen
Haushaltes, der den Verkehr mit den Eingeborenen vermittelt.
INHALT
_Erstes Kapitel_
Bimalas Erzählung I-III 1
_Zweites Kapitel_
Bimalas Erzählung IV-V 28
Nikhils Erzählung I-II 51
Sandips Erzählung I 62
_Drittes Kapitel_
Bimalas Erzählung VI 71
Sandips Erzählung II-III 78
_Viertes Kapitel_
Nikhils Erzählung III 104
Bimalas Erzählung VII-X 113
Sandips Erzählung IV-VI 136
_Fünftes Kapitel_
Nikhils Erzählung IV-V 151
Bimalas Erzählung XI-XIII 163
Nikhils Erzählung VI-VII 182
_Sechstes Kapitel_
Nikhils Erzählung VIII-IX 192
Sandips Erzählung VII 207
_Siebentes Kapitel_
Sandips Erzählung VIII-X 218
_Achtes Kapitel_
Nikhils Erzählung X-XI 245
Bimalas Erzählung XIV 264
_Neuntes Kapitel_
Bimalas Erzählung XV-XVII 277
_Zehntes Kapitel_
Nikhils Erzählung XII-XIV 314
Bimalas Erzählung XVIII-XIX 330
_Elftes Kapitel_
Bimalas Erzählung XX-XXII 344
_Zwölftes Kapitel_
Nikhils Erzählung XV-XVI 372
Bimalas Erzählung XXIII 399
[Illustration]
_Gedruckt
im Frühjahr 1921 von
der Spamerschen
Buchdruckerei
in Leipzig_
*
Notizen des Bearbeiters:
Gesperrte Schrift markiert durch _ ... _
Unterschiedliche Schreibweisen wurden nicht geändert.
Typographische Fehler und einzelne Satzzeichen wurden still-
schweigend geändert.
End of Project Gutenberg's Das Heim und die Welt, by Rabindranath Tagore