Einen Augenblick schwankte ich, ob ich umkehren sollte. Aber ich konnte

es nicht. Ich kniete neben Bimala nieder und legte meine Hand auf ihren

Kopf. Bei der ersten Berührung war es, als ob ihr ganzer Körper

erstarrte, aber im nächsten Augenblick löste sich die Starrheit, und die

Tränen brachen hervor. Ich strich sanft mit den Fingern über ihre Stirn.

Plötzlich tasteten ihre Hände nach meinen Füßen, sie zog sie zu sich

heran und preßte sie mit solcher Gewalt gegen ihre Brust, daß ich

dachte, ihr Herz würde brechen.

BIMALAS ERZÄHLUNG

XVIII

Amulja sollte heute morgen von Kalkutta zurückkehren. Ich hatte die

Dienstboten beauftragt, mich sofort zu benachrichtigen, wenn er ankäme,

aber ich hatte nirgends Ruhe. Endlich ging ich hinaus, um draußen im

Wohnzimmer auf ihn zu warten.

Als ich ihn ausschickte, um die Schmucksachen zu verkaufen, muß ich nur

an mich gedacht haben. Es kam mir gar nicht in den Sinn, daß ein so

junger Bursche, wenn er versuchte, solche wertvollen Juwelen zu

verkaufen, leicht in Verdacht geraten könnte. So hilflos sind wir

Frauen, daß wir, sobald Gefahr droht, die Last auf andre abschieben

müssen. Wenn wir ins Verderben geraten, so ziehen wir die, die uns

umgeben, mit hinab.

Ich hatte stolz gesagt, ich wolle Amulja retten, -- als ob ein

Ertrinkender andre retten könnte! Statt ihn zu retten, habe ich ihn in

sein Verhängnis geschickt. Mein lieber Bruder, eine solche Schwester bin

ich dir gewesen, daß der Tod an jenem Brudertag gelächelt haben muß, als

ich dir meinen Segen gab, -- ich, die unter der Last ihrer eigenen

Schuld zusammenbricht!

Ich fühle heute, daß der Mensch mitunter von dem Bösen wie von einer

Seuche befallen wird. Irgendein Keim fällt irgendwo hinein, und noch in

derselben Nacht naht mit großen Schritten der Tod.

Warum entfernt man solchen Kranken nicht von den übrigen Menschen? Ich

habe an mir selber erfahren, wie entsetzlich die Ansteckung ist, -- wie

eine glühende Fackel, die nach allen Seiten auszüngelt, um die Welt in

Flammen zu setzen.

Es schlug neun. Ich konnte den Gedanken nicht loswerden, daß Amulja in

Gefahr sei, daß er der Polizei in die Hände gefallen sei. Es herrscht

gewiß große Aufregung auf dem Polizeiamt: Wem gehören die Schmucksachen?

Wie hat er sie bekommen? Und schließlich werde ich öffentlich vor aller

Welt auf diese Fragen Antwort geben müssen.

Was für eine Antwort soll das sein? Endlich ist dein Tag gekommen, Bara

Rani, nachdem ich dich so lange verachtet habe. Dir wird deine Rache

werden, wenn das Publikum mich mit verächtlichen Blicken mustert. O

Gott, rette mich nur diesmal, und ich will all meinen Stolz meiner

Schwägerin zu Füßen werfen!

Ich konnte es nicht länger ertragen. Ich ging geradewegs zu der Bara

Rani. Sie war auf der Veranda und würzte ihre Betelblätter. Thako war

bei ihr.

Beim Anblick Thakos wich ich einen Augenblick zurück, aber dann bezwang

ich mich, neigte mich tief vor meiner älteren Schwägerin und berührte

ehrfurchtsvoll ihre Füße.

»Du meine Güte, Tschota Rani,« rief sie aus, »was kommt dir denn in den

Sinn? Warum plötzlich diese Ehrfurcht?«

»Es ist mein Geburtstag heute, Schwester«, sagte ich. »Ich habe dich oft

gekränkt. Gib mir heute deinen Segen, daß ich es nie wieder tun möge!

Mein Wille ist so schwach.« Ich neigte mich noch einmal und ging eilig

fort, aber sie rief mich zurück.

»Du hast mir nie gesagt, daß heute dein Geburtstag ist, liebe Tschotie!

Komm doch heute nachmittag zum Tee zu mir. Das mußt du auf jeden Fall

tun!«

O Gott, laß es heute wirklich meinen Geburtstag sein! Kann ich nicht

noch einmal geboren werden? Reinige mich, mein Gott, und läutre mich und

versuche es noch einmal mit mir!

Ich ging wieder ins Wohnzimmer, wo ich Sandip fand. Es war, als ob ein

Gefühl von Ekel mir das Blut vergiftete. Das Gesicht, das ich im

Morgenlicht vor mir sah, hatte nichts von dem Zauberglanz des Genius.

»Verlassen Sie das Zimmer!« stieß ich hervor.

Sandip lächelte. »Da Amulja nicht hier ist,« bemerkte er, »sollte ich

meinen, ich sei jetzt an der Reihe, ein tête-à-tête mit Ihnen zu haben.«

Jetzt rächte sich meine Schuld. Wie konnte ich ihm das Recht wieder

nehmen, das ich ihm selbst gegeben hatte? »Ich möchte allein sein«,

wiederholte ich.

»Königin,« sagte er, »die Gegenwart eines andern hindert nicht, daß Sie

allein sind. Verwechseln Sie mich nicht mit jedem Beliebigen! Ich,

Sandip, bin immer allein, selbst wenn ich von Tausenden umgeben bin.«

»Bitte, kommen Sie zu einer andern Zeit! Heute morgen...«

»Warten Sie auf Amulja?«

Ich wandte mich zornig ab und wollte aus dem Zimmer gehen, als Sandip

aus den Falten seines Mantels meinen Schmuckkasten hervorzog und ihn

heftig auf den Marmortisch setzte. Ich war aufs höchste bestürzt. »Ist

denn Amulja nicht fort?« rief ich aus.

»Fort, wohin?«

»Nach Kalkutta?«

»Nein«, frohlockte Sandip.

O, so hatte mein Segen doch gewirkt. Er war gerettet. Mag nun Gottes

Strafe mich, die Diebin, treffen, wenn nur Amulja gerettet ist!

Der Wechsel im Ausdruck meines Gesichts reizte Sandip. »So erfreut,

Königin?« fragte er höhnisch. »Sind diese Schmucksachen so kostbar? Wie

konnten Sie sich denn dazu entschließen, sie der Göttin zu opfern? Denn

Sie haben sie ihr tatsächlich geopfert. Wollten Sie ihre Gabe nun

zurücknehmen?«

Der Stolz stirbt schwer und erhebt noch bis zum letzten Augenblick immer

wieder seine Krallen. Ich fühlte, ich mußte Sandip zeigen, daß der

Verlust der Schmucksachen mir vollständig gleichgültig war. »Wenn sie

Ihre Begierde erregt haben,« sagte ich, »so können Sie sie nehmen.«

»Meine Begierde umfaßt heute den Reichtum ganz Bengalens«, erwiderte

Sandip. »Gibt es eine größere Kraft als die Begierde? Sie ist das Roß

der Großen dieser Erde, wie der Elefant Airavat das Roß Indras. Diese

Juwelen gehören also mir?«

Als Sandip den Kasten nahm und wieder unter seinen Mantel barg, stürzte

Amulja herein. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, seine Lippen waren

trocken, sein Haar wirr; es war, als ob die Blüte seiner Jugend in einem

einzigen Tage verwelkt sei. Sein Anblick schnitt mir durch die Seele.

»Meinen Kasten!« rief er und stürzte geradewegs auf Sandip zu, ohne mich

anzusehen. »Haben Sie den Schmuckkasten aus meinem Koffer genommen?«

»Deinen Schmuckkasten?« fragte Sandip spöttisch.

»Es war mein Koffer!«

Sandip lachte auf. »Deine Unterscheidung zwischen mein und dein wird

etwas schwach, Amulja«, rief er. »Doch ich sehe, du wirst trotzdem als

frommer Priester sterben.«

Amulja sank auf den Stuhl und barg das Gesicht in den Händen. Ich trat

zu ihm und legte meine Hand auf seinen Kopf. »Was fehlt dir, Amulja?«

fragte ich.

Er sprang auf. »O Schwester Rani,« rief er, »ich wollte Ihnen so gern

selbst die Juwelen zurückgeben. Das wußte Sandip Babu, und nun ist er

mir zuvorgekommen.«

»Was liegt mir an den Juwelen?« sagte ich. »Laß ihn sie nehmen! Das

macht nichts.«

»Nehmen?« fragte er ganz verständnislos.

»Die Juwelen sind mein«, sagte Sandip. »Es sind die Insignien, die meine

Königin mir verliehen hat.«

»Nein, nein, nein!« rief Amulja leidenschaftlich. »Niemals, Schwester

Rani! Ich habe sie Ihnen zurückgebracht. Sie dürfen sie niemandem anders

geben.«

»Ich nehme deine Gabe an, mein kleiner Bruder«, sagte ich. »Aber laß

den, der Verlangen danach hat, seine Begierde befriedigen!«

Amulja funkelte Sandip Babu an wie ein Raubtier und stieß heiser hervor:

»Hören Sie, Sandip Babu, Sie wissen, daß selbst der Galgen mich nicht

schreckt. Wenn Sie sich unterstehen, diesen Schmuckkasten

wegzunehmen...«

Sandip lachte gezwungen und sagte: »Du solltest mittlerweile wissen,

Amulja, daß ich nicht der Mann bin, der sich vor dir fürchtet.«

»Bienenkönigin,« fuhr er dann zu mir gewandt fort, »ich bin heute nicht

hierher gekommen, um Ihnen die Schmucksachen zu nehmen, sondern um sie

Ihnen zu geben. Sie hätten unrecht getan, wenn Sie meine Gabe aus

Amuljas Händen angenommen hätten. Um dies zu verhindern, mußte ich mich

erst ihres Besitzes versichern. Nun nehmen Sie hier diese meine Juwelen

als eine Gabe von mir. Da sind sie! Verschwören Sie sich mit diesem

Burschen, soviel Sie wollen! Ich muß fort. Sie haben alle diese Tage

Ihre besonderen Gespräche gehabt, von denen ich nichts wissen sollte.

Wenn jetzt besondere Ereignisse kommen sollten, so geben Sie mir nicht

die Schuld!«

»Amulja,« fuhr er fort, »ich habe deine Koffer und Sachen nach deiner

Wohnung bringen lassen. Ich will nichts mehr in meinem Zimmer haben, was

dir gehört.« Nach diesem letzten Pfeilschuß eilte Sandip hinaus und warf

die Tür hinter sich zu.

XIX

»Ich habe keine Ruhe gehabt, Amulja,« sagte ich, »seit ich dich

wegschickte, um die Schmucksachen zu verkaufen.«

»Warum, Schwester Rani?«

»Ich fürchtete, du könntest damit in Gefahr geraten, man könnte dich für

einen Dieb halten. Ich möchte lieber die 6000 Rupien gar nicht haben.

Jetzt mußt du noch etwas anderes mir zuliebe tun, du mußt gleich nach

Hause gehen zu deiner Mutter.«

Amulja zog ein kleines Päckchen hervor und sagte: »Aber Schwester, ich

habe die 6000.«

»Wo hast du sie her?«

»Ich versuchte alles mögliche, um Gold zu bekommen,« fuhr er fort, ohne

meine Frage zu beantworten, »aber es gelang mir nicht. So mußte ich das

Geld in Banknoten bringen.«

»Sag' mir aufrichtig, Amulja, schwöre mir, wo hast du das Geld her?«

»Das will ich Ihnen nicht sagen.«

Es wurde mir dunkel vor den Augen. »Was hast du Schreckliches getan?«

rief ich. »Ist es denn...«

»Ich weiß, Sie werden sagen, daß ich auf ungerechte Weise zu diesem

Gelde kam. Gut, ich gebe es zu. Aber ich habe den vollen Preis für meine

Schuld bezahlt. Daher ist das Geld jetzt mein.«

Ich wollte nicht mehr wissen. Das Blut erstarrte mir in den Adern.

»Schaffe es fort, Amulja«, flehte ich. »Bringe es wieder dahin, wo du es

hergenommen hast!«

»Das würde in der Tat schwer sein!«

»Es ist nicht schwer, lieber Bruder. Es war ein verhängnisvoller

Augenblick, als du mich zuerst sahst. Selbst Sandip hat dir nicht so

viel schaden können wie ich.«

Bei Sandips Namen fuhr er auf wie von einer Viper gestochen.

»Sandip!« rief er. »Durch Sie habe ich erst erkannt, was für ein Mensch

er ist. Wissen Sie, Schwester, daß er keinen Heller von dem Gold, das

er Ihnen abnahm, ausgegeben hat? Er schloß sich, nachdem er von Ihnen

gegangen war, in seinem Zimmer ein und weidete sich an dem Anblick

des Goldes, das er vor sich auf dem Fußboden ausbreitete. ›Dies ist

nicht Gold,‹ rief er aus, ›dies sind die Blütenblätter der göttlichen

Lotusblume der Macht; es sind Kristall gewordene Melodien aus den

Flöten, die im Paradiese des Reichtums erklingen! Ich kann es nicht

übers Herz bringen, sie zu wechseln, denn es ist, als sehnten sie sich,

die Erfüllung ihres Daseins zu finden als Schmuck um den Hals der

Schönheit. Amulja, mein Junge, blick' sie nicht mit deinem leiblichen

Auge an, sie sind das Lächeln Lakschmis, der bezaubernde Strahlenkranz

von Indras Gattin. Nein, nein, ich kann sie nicht dem Tölpel von

Verwalter überlassen. Ich bin sicher, Amulja, er hat uns belogen. Die

Polizei ist dem Manne, der das Boot versenkte, gar nicht auf der Spur.

Der Verwalter will nur etwas für sich dabei herausschlagen. Wir müssen

versuchen, die verhängnisvollen Briefe von ihm wiederzubekommen.‹«

»Ich fragte ihn, wie wir das anfangen sollten; er gebot mir, Drohungen

oder Gewalt anzuwenden. Ich war bereit, wenn er das Geld zurückgeben

wollte. Das könnten wir später erwägen war die Antwort. Ich will Ihnen

die Einzelheiten ersparen, Schwester, wie ich es endlich fertig brachte,

den Menschen so zu ängstigen, daß er die Briefe herausgab, die ich

verbrannte, es ist eine lange Geschichte. Am selben Abend noch kam ich

zu Sandip und sagte: ›Jetzt sind wir in Sicherheit. Geben Sie mir das

Gold, daß ich es morgen meiner Schwester, der Maharani zurückgebe!‹ Er

aber rief: ›Was ist das für eine Narrheit von dir? Du wirst bald vor dem

Sari deiner geliebten Schwester vom ganzen Vaterlande nichts mehr

sehen. Sag' Bande Mataram und banne den bösen Geist!‹«

»Sie kennen die Gewalt von Sandips Zauber, Schwester Rani. Das Gold

blieb in seinen Händen. Und ich verbrachte die lange dunkle Nacht auf

den Badestufen des Sees und murmelte: Bande Mataram.«

»Als Sie mir dann Ihre Juwelen zum Verkauf übergaben, ging ich noch

einmal zu Sandip. Ich konnte merken, daß er böse auf mich war. Aber er

versuchte, es nicht zu zeigen. ›Wenn du sie noch in irgendeinem Koffer

von mir aufbewahrt findest, magst du sie nehmen‹, sagte er und warf

mir die Schlüssel zu. Sie waren nirgends zu sehen. ›Sagen Sie mir, wo

sie sind‹, sagte ich. ›Ich werde es tun, wenn du von deiner Narrheit

geheilt bist, jetzt nicht‹, erwiderte er.«

»Als ich sah, daß er sich nicht bewegen ließ, mußte ich auf andre Mittel

sinnen. Ich versuchte das Gold gegen die 6000 Rupien in Banknoten von

ihm einzutauschen. ›Du sollst sie haben‹, sagte er und verschwand in

seinem Schlafzimmer, während ich draußen wartete. Dort erbrach er

meinen Koffer und ging durch eine andre Tür mit Ihrem Schmuckkasten

geradewegs zu Ihnen. Er wollte nicht, daß ich ihn Ihnen brächte, und nun

wagt er, ihn seine Gabe zu nennen. Wie kann ich sagen, wieviel er mir

geraubt hat! Niemals werde ich ihm verzeihen!«

»Aber eins ist gewiß, Schwester, die Macht, die er über mich hatte, ist

gänzlich gebrochen. Und Sie sind es, die sie gebrochen hat!«

»Lieber Bruder,« sagte ich, »wenn das wahr ist, so habe ich nicht

umsonst gelebt. Aber es bleibt noch mehr zu tun, Amulja. Es ist nicht

genug, daß der Zauber gebrochen ist. Seine häßlichen Spuren müssen

getilgt werden. Zögre nicht länger, geh' sogleich und bringe das Geld

dahin zurück, wo du es hergenommen hast! Kannst du es nicht tun, mein

Liebling?«

»Mit Ihrem Segen ist alles möglich, Schwester Rani!«

»Bedenke, daß es sich nicht um deine, sondern auch um meine Sühne

handelt. Ich bin eine Frau; die Außenwelt ist mir verschlossen, sonst

ginge ich selbst. Daß ich die Last meiner Sünde auf dich wälzen muß,

ist meine härteste Strafe.«

»Sagen Sie das nicht, Schwester! Der Weg, den ich ging, war nicht Ihr

Weg. Er lockte mich wegen seiner Gefahren und Schwierigkeiten. Jetzt, da

Ihr Weg mich ruft, mag er tausendmal schwieriger und gefährlicher sein,

Ihr Segen wird mir zum Ziel helfen. Es ist also Ihr Befehl, daß dies

Geld wieder an seinen Platz gebracht werde?«

»Nicht mein Befehl, mein Bruder, sondern ein Befehl von oben.«

»Davon weiß ich nichts. Für mich genügt es, wenn der Befehl von Ihren

Lippen kommt. Und, Schwester, ich hatte doch eine Einladung von Ihnen?

Um die darf ich nicht kommen. Sie müssen mir, bevor ich gehe, Ihr

prasad[37] geben. Dann werde ich, wenn es irgend möglich ist, noch vor

Abend meinen Auftrag erfüllen.«

Die Tränen traten mir in die Augen, als ich mit einem Versuch zu lächeln

sagte: »So sei es.«

Fußnoten:

[37] Speise, die durch die Berührung eines verehrten Menschen

geweiht ist.

ELFTES KAPITEL

BIMALAS ERZÄHLUNG

XX

Sobald Amulja hinaus war, sank mir der Mut. Auf welch gefährliches

Abenteuer hatte ich diesen einzigen Sohn seiner Mutter ausgesandt? O

Gott, warum mußte meine Sühne so weite Kreise ziehen! Konnte ich nicht

allein büßen, ohne daß so viel andere meine Strafe teilten? O, laß nicht

dies unschuldige Kind deinem Zorn zum Opfer fallen!

Ich rief ihn zurück, -- »Amulja!«

Meine Stimme klang so schwach, sie erreichte ihn nicht mehr.

Ich ging zur Tür und rief noch einmal: »Amulja!«

Er war fort.

»Wer ist da?«

»Ja, Maharani?«

»Geh' und sag' Amulja Babu, daß ich ihn zu sprechen wünsche!«

Was nun geschah, konnte ich nicht genau feststellen, -- vielleicht war

dem Manne Amuljas Name fremd, -- er kehrte unmittelbar darauf mit Sandip

zurück.

»Im selben Augenblick, als Sie mich fortschickten,« sagte er eintretend,

»hatte ich eine Ahnung, daß Sie mich zurückrufen würden. Die

Anziehungskraft desselben Mondes bewirkt beides, Ebbe und Flut. Ich war

so sicher, daß Sie mich würden rufen lassen, daß ich tatsächlich draußen

im Korridor wartete. Sobald ich Ihren Boten von Ihrem Zimmer her kommen

sah, sagte ich: ›Ja, ja, ich komme, ich komme sogleich!‹ bevor er nur

ein Wort äußern konnte. Das überraschte Gesicht dieses Hinterländers

hätten Sie sehen sollen! Er starrte mich mit offnem Munde an, als ob er

dächte, ich könne zaubern.«

»Alle Kämpfe in der Welt, Bienenkönigin,« fuhr Sandip in seiner Rede

fort, »sind in Wahrheit Kämpfe zwischen hypnotischen Kräften. Zauber

gegen Zauber geübt, -- geräuschlose Waffen, die auf unsichtbare Schilde

stoßen. In Ihnen habe ich endlich einen ebenbürtigen Gegner gefunden.

Ich weiß, Ihr Köcher ist gefüllt, Sie Meisterin im Streite! Sie sind die

Einzige in der Welt, die es fertig gebracht hat, Sandip fortzuschicken

und zurückzurufen, je nach Ihrem holden Willen. Nun liegt das Wild zu

Ihren Füßen. Was wollen Sie jetzt mit ihm tun? Wollen Sie ihm den

Gnadenstoß versetzen oder es in Ihrem Käfig gefangen halten? Doch ich

muß Sie vorher warnen, Königin, es wird Ihnen ebenso schwer werden, das

Tier auf der Stelle zu töten, wie es einzusperren. Jedenfalls sollten

Sie keine Zeit verlieren, Ihre Zauberwaffen zu gebrauchen.«

Sandip mußte die kommende Niederlage schon vorausspüren, und so

schwatzte er, um Zeit zu gewinnen, in einem fort, ohne eine Antwort

abzuwarten. Ich glaube, er wußte, daß ich den Boten nach Amulja

geschickt, dessen Namen der Mann sicher erwähnt hatte. Trotzdem brauchte

er absichtlich diesen Kunstgriff. Er wollte mir nicht Zeit lassen, ihm

zu sagen, daß ich Amulja und nicht ihn hätte sprechen wollen. Aber seine

Kriegslist war umsonst, denn sie zeigte nur seine Schwäche. Ich durfte

keinen Fußbreit von dem Boden weichen, den ich gewonnen hatte.

»Sandip Babu,« sagte ich, »ich bewundere, wie Sie so endlose Reden

halten können, ohne steckenzubleiben. Lernen Sie sie vorher auswendig?«

Ihm schoß das Blut ins Gesicht.

»Ich habe gehört,« fuhr ich fort, »daß unsre Redner von Beruf ein Buch

mit allen möglichen fertigen Reden haben, die sie sich dann für jede

beliebige Gelegenheit zurechtmachen können. Haben Sie auch solch Buch?«

Sandip knirschte seine Antwort zwischen den Zähnen hervor. »Die Natur

hat euch Frauen eine Menge Reize als Ausstattung mitgegeben, und darüber

hinaus habt ihr noch die Hilfe der Putzmacherin und des Juweliers; aber

glauben Sie nur nicht, daß wir Männer ganz ohne Waffen sind...«

»Sie täten besser, Ihr Buch noch einmal anzusehen, Sandip Babu. Sie

bringen alles durcheinander. Das kommt davon, wenn man die Dinge

auswendig lernt.«

»Sie!« stieß Sandip hervor, der nun alle Herrschaft über sich verlor.

»Haben Sie ein Recht, mich zu beschimpfen? Sie, die ich bis in die

kleinste Faser ihres Wesens kenne? Was...« Er konnte nicht

weitersprechen.

Sandip, dieser gewaltige Zauberer, ist vollständig hilflos, sobald sein

Zauber nicht wirken will. Von der Höhe seines stolzen Königtums war er

plötzlich auf die Stufe eines rohen Bauern gesunken. O, die Freude, ihn

so schwach zu sehen! Je beleidigender er in seiner Roheit wurde, je

stärker wallte diese Freude in mir auf. Seine Schlangenwindungen, mit

denen er mich umstrickte, versagen den Dienst, -- ich bin frei. Ich bin

gerettet, gerettet! Beleidige mich, beschimpfe mich, zeige dich in

deiner wahren Gestalt; nur verschone mich mit deinen falschen

Lobeshymnen!

In diesem Augenblick trat mein Gatte ein. Sandip hatte nicht die

Elastizität, sich wie sonst in einem Nu zusammenzuraffen. Mein Gatte sah

ihn eine Weile überrascht an. Wäre dies ein paar Tage früher gewesen, so

hätte ich mich geschämt. Aber nun war es mir gerade recht, was auch mein

Gatte denken mochte. Ich wollte meinem geschwächten Gegner den

entscheidenden Schlag versetzen.

Als mein Gatte uns beide in befangenem Schweigen verharren sah, zögerte

er erst ein wenig, dann setzte er sich. »Sandip,« sagte er, »ich suchte

dich und hörte, daß du hier seiest.«

»Allerdings bin ich hier«, sagte Sandip mit Nachdruck. »Die

Bienenkönigin ließ mich heute morgen rufen. Und ich, als ihr gehorsamer

Arbeiter im Stock, ließ alles liegen und folgte ihrem Ruf.«

»Ich fahre morgen nach Kalkutta. Du wirst mich begleiten.«

»Und warum, wenn ich fragen darf? Gehöre ich zu deinem Gefolge?«

»Nun gut, sagen wir, du reist nach Kalkutta und ich begleite dich.«

»Ich habe dort nichts zu tun.«

»Um so mehr Grund, daß du reisest. Du hast hier zuviel zu tun.«

»Ich werde mich nicht von der Stelle rühren.«

»So werde ich Gewalt brauchen.«

»Gut, so werde ich gehen. Aber die Welt besteht nicht nur aus Kalkutta

und deinen Besitzungen. Es gibt noch andere Orte auf der Landkarte.«

»Nach deinem bisherigen Verhalten hätte man kaum glauben sollen, daß es

außerhalb meiner Besitzungen noch einen Platz in der Welt gäbe.«

Sandip erhob sich. »Es kommt bisweilen vor,« sagte er, »daß ein einziger

Ort einem Menschen eine ganze Welt bedeutet. Mir bedeutete dieses

Zimmer die Welt, darum war ich hier wie festgewachsen.«

Dann wandte er sich nach mir hin. »Niemand als Sie, Bienenkönigin, wird

meine Worte verstehen, -- vielleicht nicht einmal Sie. Ich grüße Sie.

Mit Anbetung im Herzen verlasse ich Sie. Mein Losungswort ist ein andres

geworden, seit ich Sie gesehen. Es lautet nicht mehr Bande Mataram, Heil

dir, Mutter, sondern: Heil dir, Geliebte, Heil dir, Zauberin! Die Mutter

verleiht uns ihren Schutz, die Geliebte reißt uns zum Untergang, -- aber

dieser Untergang ist süß. Du rufst den Tod, Geliebte, und er naht mit

tanzenden Schritten, und mein Herz jauchzt beim Klirren seiner

Fußspangen. Du hast mir, deinem Diener, das Bild gewandelt, das ich von

unserm Bengalen hatte, -- ›dem Land der sanften Brise, des klaren

Wassers und der süßen Früchte‹[38]. Du hast kein Mitleid, meine

Geliebte. Du kommst zu mir mit deinem Giftbecher, und ich werde ihn bis

auf den letzten Tropfen leeren, um in Todesangst zu vergehen oder über

den Tod zu triumphieren.«

»Ja,« fuhr er fort. »Der Tag der Mutter ist vorbei. O Geliebte, meine

Geliebte, was gilt mir neben dir Wahrheit und Recht und selbst der

Himmel! Alle Pflichten sind zu Schatten geworden, alle Regeln und

Gesetze haben ihre Riegel gesprengt. O Geliebte, meine Geliebte, ich

könnte die ganze Welt in Flammen setzen bis auf das Stück Land, worauf

du deine kleinen Füße setztest, und dann in rasender Lust über die Asche

hintanzen... Ach, diese Menschen mit ihrer Sanftmut und Güte! Sie

möchten allen Gutes tun, -- als ob dies alles Wirklichkeit wäre! Nein,

nein! Es gibt keine Wirklichkeit in der Welt als diese meine Liebe. Ich

neige mich vor dir. Meine Hingebung an dich hat mich grausam gemacht,

meine glühende Verehrung für dich hat die Flamme der Zerstörung in mir

entzündet. Ich bin nicht gerecht. Ich habe keinen Glauben, ich glaube

nur an sie, die sich mir allein in der Welt offenbart hat.«

Wunderbar! Noch vor einem Augenblick hatte ich diesen Menschen aus

tiefstem Herzen verachtet. Aber was ich für tote Asche gehalten hatte,

erwachte jetzt wieder zu lebendiger Glut. Das Feuer in ihm war echt,

daran war kein Zweifel. Ach, warum hat Gott den Menschen so zwiespältig

geschaffen? Wollte er nur seine göttliche Kunst zeigen? Noch vor wenigen

Minuten hatte ich gedacht, daß Sandip, den ich einst für einen Helden

gehalten hatte, nur ein armseliger Theaterheld sei. Aber auch darin

hatte ich nicht recht. Denn selbst unter dem Flitterkram des Theaters

kann sich zuweilen ein wahrer Held verbergen.

Es ist sehr viel Roheit, Sinnlichkeit und Lüge in Sandip, und seine

Seele ist mit mancher Lage von irdischen Stoffen bedeckt. Dennoch müssen

wir zugeben, daß in seiner innersten Tiefe vieles verborgen ist, was wir

nicht verstehen und nicht verstehen können, -- wie ja auch vieles in uns

selbst uns ein Rätsel bleibt. Ein wunderbares Wesen ist doch der Mensch!

Welchem großen, geheimnisvollen Zweck er dient, das weiß nur der große

Furchtbare[39], während wir unter der Last stöhnen. Schiva wird das

Chaos lichten. Er ist eitel Freude. Er wird unsre Bande zerbrechen.

Das Heim und die Welt · 第 14 / 17 段