werden die Oberhand über mich gewinnen?« fuhr er auf. »Das wird nie
geschehen. Dieser Amulja würde glücklich sterben, wenn ich mich
herabließe, ihn mit meinen Füßen zu zertreten. Solange ich lebe, werde
ich es nicht dulden, daß Sie ihn sich zu Füßen zwingen.«
O, über die Schwachen! Endlich ist es Sandip klar geworden, daß er
schwach ist mir gegenüber. Daher dieser plötzliche Zornesausbruch. Er
hat eingesehen, daß er gegen die Macht, die mir gegeben ist, mit seiner
bloßen Kraft nichts ausrichtet. Mit einem Blick kann ich seine stärksten
Befestigungen zertrümmern. Nun muß er schlechterdings seine Zuflucht zum
Poltern nehmen. Ich antwortete nur mit einem verächtlichen Lächeln.
Endlich bin ich über ihn hinausgewachsen. Ich darf diese überlegene
Stellung nicht verlieren, darf nicht wieder tiefer hinabsteigen. In all
meiner Erniedrigung muß mir dieser kleine Rest von Würde bleiben!
»Ich weiß,« sagte Sandip nach einer Pause, »daß es Ihr Schmuckkasten
war.«
»Sie können raten, was Sie wollen,« sagte ich, »von mir werden Sie
nichts erfahren.«
»So vertrauen Sie also Amulja mehr als mir? Wissen Sie denn nicht, daß
der Junge der Schatten meines Schattens, das Echo meines Echos ist? Daß
er nichts ist, wenn ich nicht an seiner Seite bin?«
»Wo er nicht Ihr Echo ist, ist er er selbst, Amulja. Und dieser Amulja
ist es, dem ich mehr traue als Ihrem Echo!«
»Sie dürfen nicht vergessen, daß Sie durch ein Versprechen gebunden
sind, all Ihren Schmuck für den Dienst der Göttin zu opfern. Dies Opfer
ist tatsächlich schon dargebracht.«
»Der Schmuck, den die Götter mir lassen, soll den Göttern geopfert
werden. Aber wie kann ich den den Göttern opfern, der mir gestohlen
ist?«
»Nun hören Sie, es nützt Ihnen nichts, daß Sie versuchen, mir auf diese
Weise zu entkommen. Jetzt bedarf es rücksichtsloser Arbeit. Wenn diese
Arbeit getan ist, können Sie nach Herzenslust Ihre weiblichen Listen
üben, und ich will Ihnen bei dieser Kurzweil helfen.«
Von dem Augenblick an, wo ich meinem Gatten das Geld gestohlen und es
Sandip gegeben hatte, war die Musik zwischen uns verstummt. Dadurch, daß
ich mich weggeworfen hatte, hatte ich nicht nur all meinen eignen Wert
zerstört, sondern auch Sandips Macht hatte ihren vollen Spielraum
eingebüßt. Man kann seine Schützenkunst nicht an einem Gegenstand üben,
der in greifbarer Nähe ist. Und so hat Sandip sein heroisches Aussehen
verloren. Seine Rede hat einen Ton von kleinlicher Streitsucht bekommen.
Sandip richtete seine glänzenden Augen voll auf mein Gesicht, bis sie
wie der durstige Mittagshimmel glühten. Ein paarmal machte er eine
Bewegung, als ob er aufspringen und sich auf mich stürzen wollte. Ein
Schwindel ergriff mich, meine Pulse stockten, es sauste mir in den
Ohren, ich fühlte, wenn ich jetzt dablieb, würde ich verloren sein.
Meine ganze Kraft zusammenraffend, riß ich mich vom Stuhl auf und eilte
zur Tür.
Aus Sandips trockner Kehle kam ein erstickter Ruf: »Wohin wollen Sie
fliehen, Königin?« Im nächsten Augenblick sprang er mit einem Satz auf,
um mich festzuhalten. Jedoch beim Laut von Schritten draußen vor der Tür
wich er schnell zurück und sank in seinen Stuhl. Ich stand vor dem
Bücherregal still und starrte die Titel an.
Als mein Gatte eintrat, rief Sandip aus: »Sag einmal, Nikhil, hast du
nicht Browning da unter deinen Büchern? Ich erzählte unsrer
Bienenkönigin eben von unserm Universitätsklub. Weißt du noch, wie wir
über die Übersetzung jener Verse von Browning stritten? Erinnerst du
dich nicht mehr daran?
Warum blickte sie mich an,
Wenn ich sie nicht lieben sollte?
Gibt es nicht genug der Männer,
-- Denn so nennen sie sich auch wohl --
Die schon morgen kaum noch wissen,
Wenn sie ihre ganze Seele
Heute ihnen offenbarte!
Doch daß ich aus anderm Stoffe,
Wußte sie, als ihre Augen
Über jene Schar hingleitend
Plötzlich an mir haften blieben[36].
Ich brachte die Übersetzung ins Bengalische irgendwie zustande, aber das
Ergebnis war kaum ein bleibender Gewinn für die bengalische Literatur.
Ich habe einmal allen Ernstes geglaubt, ich sei auf dem Wege, ein
Dichter zu werden, aber die Vorsehung war gütig genug, mich vor solchem
Unheil zu bewahren. Erinnerst du dich an den alten Dakschina? Wenn er
nicht Salzinspektor geworden wäre, wäre er Dichter geworden. Ich weiß
noch heute, wie er... Nein, Bienenkönigin, es hat keinen Zweck, das
Regal zu durchstöbern. Nikhil hat seit seiner Heirat aufgehört, Gedichte
zu lesen, -- vielleicht hat er seitdem kein Bedürfnis mehr nach Poesie.
Aber ich glaube, ›das Fieber des Dichtens‹, wie es im Sanskrit heißt,
ist im Begriff, mich wieder anzufallen.«
»Ich bin gekommen, um dich zu warnen, Sandip«, sagte mein Gatte.
»Vor solchem Fieberanfall?«
Mein Gatte beachtete diesen Versuch zu scherzen nicht.
»Seit einiger Zeit«, fuhr er fort, »sind mohammedanische Priester am
Werk, die Muselmänner dieser Gegend aufzuwiegeln. Sie sind alle gegen
dich aufgebracht und können dich jeden Augenblick angreifen.«
»Kommst du, um mir zur Flucht zu raten?«
»Ich komme, um dir die Mitteilung zu machen, nicht, dir meinen Rat
anzubieten.«
»Wenn diese Besitzungen mir gehörten, so wären es die Priester, die
diese Warnung brauchten. Wenn du, statt zu versuchen, mich
einzuschüchtern, ihnen eine Probe deiner Energie gegeben hättest, das
wäre deiner und meiner würdiger gewesen. Weißt du, daß deine Schwäche
auch die Zemindars der Nachbarschaft ansteckt?«
»Ich habe dir meinen Rat nicht angeboten, Sandip. Ich wollte, du
behieltest deinen auch für dich. Er ist außerdem ganz überflüssig. Und
noch etwas anderes möchte ich dir sagen. Du und deine Anhänger haben im
geheimen meine Leute bedrückt und geplagt. Das kann ich nicht länger
dulden. Daher muß ich dich bitten, mein Gebiet zu verlassen.«
»Aus Furcht vor den Muselmännern, oder willst du mir noch eine andre
Furcht einjagen?«
»Es gibt eine Furcht, die nur die Feigen nicht kennen. Im Namen dieser
Furcht sage ich dir, Sandip, daß du fort mußt. In fünf Tagen werde ich
nach Kalkutta reisen. Ich möchte, daß du mich begleitest. Du kannst
natürlich in meinem Hause dort wohnen, dagegen habe ich nichts.«
»Gut, ich habe also noch fünf Tage Zeit. Inzwischen will ich Ihnen,
Bienenkönigin, deren Stock ich nun verlassen muß, mein Abschiedslied
summen. O, du Dichter des modernen Bengalen! Öffne mir deine Tore weit
und laß mich deine Verse plündern! Eigentlich bist du der Dieb, denn es
ist mein Lied, das du dir zu eigen gemacht hast, -- aber mag es
meinetwegen deinen Namen tragen, es gehört doch mir.« Damit stimmte er
mit seiner rauhen, etwas unsichern Baßstimme ein Lied nach der
Bhairavi-Weise an:
Im Lenze deines Königtums, Geliebte,
Da jagten sich Begegnen und Trennen in endlosem Spiel,
Und Blumen erblühten auf der Spur der alten, die im Schatten welkten
und starben.
Im Lenze deines Königtums, Geliebte,
Da erquoll jeder Begegnung mit dir ein Dankeslied.
Doch hat nicht auch mein Abschied dir eine Gabe zu bieten?
Ein zartes Hoffnungsblümchen, das ich heimlich im Schatten deines
Blumengartens hegte:
Mögen des Juliregens kühle Schauer
Süß lindern deines Junis Glut!
Seine Kühnheit kennt keine Schranken, -- sie ist unverhüllt und nackt
wie das Feuer. Man kommt gar nicht dazu, ihr Halt zu gebieten,
ebensowenig wie man einen Donnerkeil aufhalten kann. Der Blitz flammt
plötzlich auf, allen Widerstand verspottend.
Ich verließ das Zimmer. Als ich über die Veranda nach den innern
Gemächern ging, stand Amulja plötzlich vor mir.
»Fürchten Sie nichts, Schwester Rani«, sagte er. »Ich reise heute abend
und werde nicht erfolglos zurückkehren.«
»Amulja,« sagte ich, ihm fest in sein von jugendlichem Eifer glühendes
Antlitz blickend, »ich fürchte nichts für mich, doch möge es nie dahin
kommen, daß ich nichts mehr für dich zu fürchten brauche.«
Amulja wandte sich, um fortzugehen, doch bevor er mir aus den Augen war,
rief ich ihn zurück und fragte: »Hast du eine Mutter, Amulja?«
»Ja.«
»Und eine Schwester?«
»Nein, ich bin das einzige Kind meiner Mutter. Mein Vater starb, als ich
noch ganz klein war.«
»Dann geh zurück zu deiner Mutter, Amulja!«
»Aber, Schwester Rani, jetzt habe ich beides, Mutter und Schwester.«
»So komm heute abend, bevor du abreisest, Amulja, und iß mit mir!«
»Dazu wird keine Zeit sein. Lassen Sie mich etwas Speise für unterwegs
mitnehmen, die Sie durch Ihre Berührung geweiht haben!«
»Was magst du besonders gern, Amulja?«
»Wenn ich bei meiner Mutter gewesen wäre, hätte sie mir eine Menge
Pousch-Kuchen gebacken. Backen Sie mir welche mit Ihren eignen Händen,
Schwester Rani!«
Fußnoten:
[35] Bruder von Rama, dem Helden des Ramajana, dessen Treue
gegen seinen Bruder und dessen Gattin Sita sprichwörtlich geworden ist.
[36] Die erste Strophe aus dem Gedicht Christina (Dramatic
Lyrics).
ZEHNTES KAPITEL
NIKHILS ERZÄHLUNG
XII
Ich hörte von meinem Lehrer, daß Sandip mit Harisch Kundu gemeinsame
Sache gemacht hätte und daß eine große Feier stattfinden sollte zu Ehren
der dämonenvernichtenden Göttin. Harisch Kundu erpreßte die Mittel dazu
von seinen Pächtern. Die gelehrten Brahmanen Kaviratna und Vidjavagisch
waren beauftragt, eine kunstvolle doppelsinnige Hymne zu verfassen.
Mein Lehrer hatte eben mit Sandip ein Wortgefecht darüber. »Auch bei den
Göttern gibt es eine Entwicklung«, sagte Sandip. »Der Enkel muß die
Götter, die sein Großvater schuf, nach seinem eignen Geschmack
ummodeln, sonst bleibt er ein Atheist. Meine Sendung ist es, die alten
Gottheiten der neuen Zeit anzupassen. Ich bin zum Erlöser der Götter
geboren, der sie von der Knechtschaft der Vergangenheit frei macht.«
Ich habe von unsrer Kindheit an gesehen, welch ein Ideengaukler Sandip
ist. Er hat kein Interesse daran, die Wahrheit zu entdecken, aber es
erfreut sein Herz, wenn er an ihr seinen Witz üben kann. Wenn er unter
den Wilden Afrikas geboren wäre, so hätte er eine schöne Zeit damit
zugebracht, ein Argument nach dem andern zu erfinden, um zu beweisen,
daß der Kannibalismus das beste Mittel ist, eine wahre Gemeinschaft
zwischen Mensch und Mensch herzustellen. Aber die, die sich mit Betrug
abgeben, betrügen schließlich sich selbst, und ich bin fest überzeugt,
daß Sandip, jedesmal, wenn er sich einen neuen Trugschluß ausgedacht
hat, sich einredet, er habe die Wahrheit gefunden, wie widerspruchsvoll
auch seine Schlüsse unter sich sein mögen.
Doch ich werde mich jedenfalls nicht dazu hergeben, die Fabrikation
solcher Rauschmittel in meinem Lande zu fördern. Die jungen Leute, die
bereit sind, sich in den Dienst ihres Vaterlandes zu stellen, dürfen
sich nicht an den Rausch gewöhnen. Wer andre durch Rauschmittel zur
Vollbringung eines Werkes treibt, sündigt an ihrer Seele.
Ich sah mich genötigt, Sandip in Bimalas Gegenwart zu sagen, daß er fort
müsse. Vielleicht werden beide mir falsche Beweggründe unterschieben.
Aber ich muß mich frei machen, auch von der Furcht mißverstanden zu
werden. Mag selbst Bimala mich mißverstehen...
Es kommen immer mehr mohammedanische Priester von Dacca herüber. Die
Muselmänner auf unserm Gebiet hatten mit der Zeit eine fast ebenso große
Abneigung gegen das Töten von Kühen bekommen wie die Hindus. Aber jetzt
tauchen hier und da Fälle auf, wo sie Kühe schlachten. Ich hörte zuerst
davon durch ein paar von meinen mohammedanischen Pächtern, die ihrem
Abscheu darüber Ausdruck gaben. Ich sah, daß wir hier in eine schwierige
Lage gerieten. Bisher waren ihre religiösen Gründe nur ein Vorwand, aber
dieser Vorwand wird zu wirklichem Fanatismus werden, sobald sie
Widerstand finden. Darin zeigt sich gerade der Scharfsinn dieser
Maßregel.
Ich ließ einige von meinen Hauptpächtern, die Hindus waren, rufen und
versuchte, ihnen die Sache im rechten Lichte darzustellen. »Wir können
selbst unerschütterlich an unsern Überzeugungen festhalten,« sagte ich,
»aber wir haben keine Macht über die Überzeugungen anderer. Wenn auch
viele unter uns der Wischnu-Religion angehören, so bringen doch die
Schakti-Gläubigen unter uns nichtsdestoweniger ihre Tieropfer dar.
Dagegen läßt sich nichts tun. Und ebenso müssen wir nun auch die
Mohammedaner gewähren lassen. Daher bitte ich euch, haltet euch von
allen Gewalttätigkeiten zurück!«
»Maharadscha,« erwiderten sie, »es ist so lange her, seit man von
solchem Frevel gehört hat.«
»Das kommt daher,« sagte ich, »weil sie sich aus eignem Antrieb dessen
enthielten. Laßt uns jetzt so verhalten, daß sie es von selbst wieder
tun. Aber wenn wir den Frieden brechen, bringen wir sie nicht dazu.«
»Nein, Maharadscha,« drängten sie, »jene guten alten Zeiten sind vorbei.
Dieser Frevel wird nicht aufhören, wenn Sie ihn nicht mit starker Hand
unterdrücken.«
»Unterdrückung«, erwiderte ich, »wird nicht nur das Küheschlachten nicht
verhindern können; sie kann dahin führen, daß auch Menschen
hingeschlachtet werden.«
Einer von ihnen hatte eine englische Schule besucht. Er hatte gelernt,
die Schlagworte des Tages nachzusprechen. »Es ist nicht nur eine Frage
der Strenggläubigkeit«, wandte er ein. »Unser Land ist im wesentlichen
ein ackerbautreibendes, und die Kühe sind...«
»Die Büffel in diesem Lande«, unterbrach ich ihn, »geben auch Milch und
werden zum Pflügen gebraucht. Und solange wir, ihre abgehauenen Köpfe
auf den Schultern und mit ihrem Blut befleckt, in unsern Tempeln rasende
Tänze aufführen, wird die Religion nur unserer spotten, wenn wir mit den
Mohammedanern in ihrem Namen streiten, und bei dem Streit um die
Wahrheit bleibt der Streit die einzige Wahrheit. Wenn nur die Kuh und
nicht der Büffel dem Schlachtmesser heilig sein soll, so ist dies
Buchstabendienst, aber nicht Religion.«
»Aber merken Sie denn nicht, Maharadscha, was die Ursache von allem
ist?« fuhr der englisch geschulte Pächter fort. »Dies ist alles nur
dadurch möglich geworden, daß der Mohammedaner sich sicher fühlt, selbst
wenn er das Gesetz bricht. Haben Sie nicht von dem Fall Patschurs
gehört?«
»Warum ist es möglich,« fragte ich, »die Mohammedaner so als Werkzeuge
gegen uns zu gebrauchen? Haben wir sie nicht durch unsere eigne
Unduldsamkeit dazu gemacht? Auf diese Weise straft uns jetzt die
Vorsehung, denn das Maß unsrer Sünde ist voll, und sie wird nun an uns
heimgesucht.«
»Nun gut, wenn dem so ist, so mag sie an uns heimgesucht werden. Aber
die Rache wird kommen. Wir sehen das untergraben, was die größte Stärke
unsrer Obrigkeit ausmachte, ihre Treue gegen ihre eignen Gesetze. Einst
waren sie wirkliche Könige, die des Rechtes walteten; jetzt werden sie
selbst Gesetzbrüchige und also nicht besser als Räuber. Die Geschichte
mag anders urteilen; aber unser Herz wird sie immer so richten...«
Die Verleumdungen gegen mich, die sich durch die Zeitungen verbreiten,
machen mich berüchtigt. Ich höre, daß man auf dem Verbrennungsplatz der
Tschakravartis unten am Fluß mein Bild mit aller Feierlichkeit und
großer Begeisterung verbrannt hat, und daß man andre Beschimpfungen
plant. Der Anlaß war, daß sie mich aufgefordert hatten, mich als
Aktionär bei der Gründung einer Baumwollspinnerei zu beteiligen. Ich
mußte ihnen sagen, daß ich nicht so sehr den Verlust meines eigenen
Geldes fürchtete, als mich mitschuldig zu machen am Verlust so vieler
armer Aktionäre.
»Sollen wir annehmen, Maharadscha,« sagten meine Besucher, »daß das
Wohl des Landes Ihnen gleichgültig ist?«
»Industrie kann das Wohl des Landes fördern,« versetzte ich, »aber der
bloße Wunsch, daß das Wohl des Landes gefördert werde, garantiert der
Industrie noch keinen Erfolg. Selbst als wir mit kühlem Kopf daran
gingen, wollte unsere Industrie nicht blühen. Haben wir irgend welchen
Grund, zu glauben, daß sie es jetzt tun würde, nur weil wir toll
geworden sind?«
»Warum sagen Sie nicht einfach, daß Sie Ihr Geld nicht wagen wollen?«
»Ich will mein Geld hineinstecken, wenn ich sehe, daß es Ihnen um die
Industrie selbst zu tun ist. Aber wenn Sie ein Feuer angezündet haben,
so ist damit noch nicht gesagt, daß Sie nun auch die Speise haben, die
damit gekocht werden soll.«
XIII
Was ist das? Unser Unterschatzamt in Tschakna ist geplündert! Eine
Geldsendung von 7500 Rupien sollte nach dem Hauptamt geschickt werden.
Der dortige Schatzmeister hatte die Barschaft beim Staatsschatzamt in
kleine Bankscheine eingewechselt, um sie bequemer tragen zu können, und
hielt sie in Paketen bereit. Mitten in der Nacht brach eine bewaffnete
Bande ins Zimmer ein und verwundete Kasim, den Wächter. Das merkwürdige
bei der Sache ist, daß sie nur 6000 Rupien genommen und das übrige auf
dem Boden ausgestreut haben, obgleich sie das ebenso leicht hätten
mitnehmen können. Jedenfalls ist der Beutezug der Banditen zu Ende, und
die Polizei beginnt ihren Beutezug. An Frieden ist jetzt nicht mehr zu
denken.
Als ich nach Hause kam, war die Nachricht mir schon vorausgeeilt. »Das
ist ja schrecklich, Bruder«, rief die Bara Rani. »Was sollen wir nur
tun?«
Ich nahm die Sache leicht, um sie zu beruhigen.
»Etwas ist uns geblieben«, sagte ich lächelnd. »Wir werden schon
irgendwie durchkommen.«
»Scherze nicht darüber, lieber Bruder. Warum sind sie alle so böse auf
dich? Kannst du ihnen denn nicht den Willen tun? Warum bringst du einen
jeden gegen dich auf?«
»Ich kann das Land nicht zugrunde gehen lassen, um sie zufrieden zu
stellen.«
»Wie entsetzlich war doch die Sache, die sie da auf dem
Verbrennungsplatz angestellt haben! Es ist eine Schande, daß man dich so
behandelt. Die Tschota Rani ist dank ihrer englischen Bildung über alle
Furcht erhaben, aber ich hatte nicht eher Ruhe, als bis ich nach dem
Priester geschickt hatte, daß er das Unheil abwendete. Tu's mir zuliebe
und reise nach Kalkutta, mein Liebling. Ich zittere, wenn ich denke, was
sie dir antun können, wenn du noch länger hier bleibst.«
Die aufrichtige Besorgtheit meiner Schwägerin rührte mich tief.
»Und Bruder,« fuhr sie fort, »habe ich dich nicht gewarnt, du solltest
lieber nicht soviel Geld in deinem Zimmer aufbewahren? Sie können jeden
Tag Wind davon bekommen. Es ist nicht wegen des Geldes -- aber wer
weiß...«
Um sie zu beruhigen, versprach ich, das Geld sofort nach dem Schatzamt
zu bringen und es dann mit der nächsten Gelegenheit nach Kalkutta zu
schicken. Wir gingen zusammen nach meinem Schlafzimmer. Die Tür zum
Ankleidezimmer war geschlossen. Als ich klopfte, rief Bimala drinnen:
»Ich ziehe mich an.«
»Nun, wie kommt es denn, daß die Tschota Rani sich so früh am Tage
anzieht?« rief meine Schwägerin. »Da ist wohl wieder eine ihrer Bande
Mataram-Versammlungen. Räuberkönigin,« rief sie Bimala scherzend zu,
»zählst du da drinnen deine Beute?«
»Ich sehe nachher nach dem Geld«, sagte ich und ging hinaus nach meinem
Geschäftszimmer.
Ich fand den Polizeiinspektor auf mich warten. »Haben Sie irgendeine
Spur von den Banditen?« fragte ich.
»Ich habe einen Verdacht.«
»Auf wen?«
»Auf Kasim, den Wächter.«
»Kasim? Aber wurde der nicht verwundet?«
»Nicht der Rede wert. Eine Fleischwunde am Bein, die er sich
wahrscheinlich selbst beigebracht hat.«
»Aber ich kann mich nicht entschließen, das von ihm zu glauben. Er ist
ein so treuer Diener.«
»Sie mögen ihn für treu gehalten haben, aber das hindert nicht, daß er
ein Dieb ist. Habe ich nicht erlebt, wie Menschen, denen man zwanzig
Jahre lang getraut hatte, plötzlich...«
»Selbst wenn es so wäre, so könnte ich ihn doch nicht ins Gefängnis
schicken. Aber warum sollte er den übrigen Teil des Geldes haben
umherliegen lassen?«
»Um den Verdacht von sich abzulenken. Was Sie auch sagen mögen,
Maharadscha, er ist ein alter Praktikus in solchen Schlichen. Er ist
zwar zu seiner Dienstzeit immer am Platz, aber ich bin sicher, daß er
bei allen Räubereien in der Nachbarschaft die Hand im Spiele hat.«
Und nun zählte mir der Inspektor die verschiedenen Methoden auf, wodurch
es möglich sei, an einem Raubanfall zwanzig bis dreißig Meilen weit fort
teilzunehmen und doch zur rechten Zeit wieder im Dienst zu sein.
»Haben Sie Kasim mitgebracht?« fragte ich.
»Nein,« war die Antwort, »er ist in Untersuchungshaft. Die Polizei ist
jetzt verpflichtet, die Untersuchung einzuleiten.«
»Ich möchte ihn sehen«, sagte ich.
Als ich in seine Zelle kam, fiel er mir weinend zu Füßen.
»Ich schwöre Ihnen bei Gott,« rief er, »daß ich es nicht getan habe.«
»Ich zweifle nicht an dir, Kasim«, beruhigte ich ihn. »Fürchte nichts.
Man kann dir nichts tun, wenn du unschuldig bist.«
Kasim war jedoch nicht imstande, einen zusammenhängenden Bericht von dem
Vorfall zu geben. Er übertrieb augenscheinlich. Vier- bis fünfhundert
Mann, große Gewehre, zahllose Schwerter spielten eine Rolle in seiner
Erzählung. Daran war entweder sein aufgeregter Zustand schuld, oder der
Wunsch, sich zu rechtfertigen, weil er sich so leicht hatte besiegen
lassen. Er behauptete, daß Harisch Kundu dahinterstecke; er war sogar
sicher, die Stimme Ekrams, seines Hauptpächters gehört zu haben.
»Nun höre einmal, Kasim,« mußte ich ihn warnen, »zieh du nicht mit
solchen Geschichten andere Leute in den Handel! Du hast nicht Harisch
Kundu oder irgend jemand anders anzuklagen.«
XIV
Als ich nach Hause ging, bat ich meinen Lehrer, mit zu mir
herüberzukommen. Er schüttelte ernst den Kopf. »Ich sehe nicht, wie
dies gut enden soll«, sagte er. »Die Leute ersticken ihr Gewissen und
setzen das Vaterland an seine Stelle. Alle Sünden des Landes werden
jetzt in ihrer ganzen nackten Häßlichkeit hervorbrechen.«
»Wer, meinen Sie, könnte...«
»Frage mich nicht! Aber die Sünde nimmt überhand. Schicke sie alle fort,
auf jeden Fall fort von hier!«
»Ich habe ihnen noch einen Tag gelassen. Sie werden übermorgen
fortgehen.«
»Und noch eins. Bringe Bimala nach Kalkutta! Sie bekommt hier ein zu
einseitiges Bild von der Welt draußen, sie kann die Menschen und Dinge
nicht in ihren richtigen Verhältnissen sehen. Zeige ihr die Welt -- die
Menschen und ihre Arbeit, -- gib ihr einen weiten Blick!«
»Das eben gedachte ich auch zu tun.«
»Nun, so schiebe es nicht auf! Ich sage dir, Nikhil, alle Rassen der
Welt müssen mit vereinten Kräften an der Geschichte der Menschheit
bauen, und solange sie noch ihr Gewissen um der Politik willen
verkaufen und ihr Vaterland zum Götzenbild machen, haben sie ihr Ziel
noch nicht erkannt. Ich weiß, daß Europa dies im Grunde nicht zugibt,
aber in diesem Punkte hat es kein Recht, unsern Lehrmeister zu spielen.
Die Menschen, die für die Wahrheit sterben, sind unsterblich; und wenn
ein ganzes Volk für die Wahrheit stirbt, so wird es auch in der
Geschichte der Menschheit Unsterblichkeit erringen. Möge hier in unserm
Indien unter dem Hohngelächter der Hölle das Gefühl für diese Wahrheit
lebendig werden! Welch furchtbare Sündenseuche ist aus fremden Ländern
in unser Land geschleppt...«
Der ganze Tag verging in der Unruhe, die die Untersuchung brachte. Ich
war ganz erschöpft, als ich mich abends zur Ruhe begab. Ich war noch
nicht dazugekommen, das Geld meiner Schwägerin nach dem Schatzamt zu
schicken, und verschob es bis zum nächsten Morgen.
Mitten in der Nacht wachte ich auf. Das Zimmer war dunkel. Ich glaubte,
irgendwo ein Stöhnen zu hören. Jemand mußte aufgeschrien haben.
Tränenschweres Schluchzen erklang wie Windstöße durch die Regennacht.
Mir war es, als ob der Schrei mitten aus meinem Zimmer gekommen wäre.
Doch ich war allein. Bimala hatte seit einigen Tagen ihr Bett in einem
andern Zimmer neben dem meinen. Ich stand auf, und als ich hinausging,
fand ich sie auf dem Balkon ausgestreckt mit dem Gesicht auf dem
nackten Boden.
Was ich jetzt erlebte, läßt sich nicht mit Worten sagen. Nur er weiß es,
der im Herzen der Welt sitzt und all ihr Weh in seinem eignen Herzen
fühlt. Der Himmel ist stumm, die Sterne schweigen, still liegt die Nacht
da, und inmitten von all diesem lautlosen Schweigen der eine
verzweifelte Schrei!
Wir geben solchem Leid Namen, gute oder schlechte, je nachdem wie es die
Wissenschaft einreiht, aber hat diese Todesangst, die aus einem
zerrissenen Herzen aufsteigt und sich in das bodenlose Dunkel ergießt,
überhaupt einen Namen? Als ich in jener Nacht unter dem schweigenden
Sternenhimmel auf jene Gestalt herabsah, erbebte meine Seele in heiliger
Scheu, und ich sagte zu mir selbst: »Wer bin ich, daß ich sie richten
sollte?« O Leben, o Tod, o Gott des ewigen Seins, ich beuge mein Haupt
in Schweigen dem Geheimnis, das in dir ist.