Der Winterhimmel war ganz klar. Die Sterne leuchteten hell. Wenn ich, so

dachte ich bei mir, als ich da draußen lag, alle diese Sterne, einen

nach dem andern, wie goldene Münzen für mein Vaterland stehlen müßte, --

diese Sterne, die die Dunkelheit so sorgfältig in ihrem Busen

aufbewahrt, -- dann würde der Himmel auf ewig seines Augenlichtes

beraubt und die Nacht auf ewig verwaist sein, und mein Diebstahl würde

die ganze Welt berauben. Aber war nicht auch eben das, was ich getan

hatte, ein Raub an der ganzen Welt, -- nicht nur ein Raub von Geld,

sondern auch von Vertrauen und Redlichkeit?

Ich brachte die Nacht auf der Terrasse liegend zu. Als endlich der

Morgen kam und ich sicher war, daß mein Gatte aufgestanden und nicht

mehr in seinem Zimmer war, da endlich wagte ich, den Schal über den Kopf

gezogen, wieder in mein Schlafzimmer zurückzugehen.

Meine Schwägerin war dabei, ihre Pflanzen zu begießen. Als sie mich von

ihrer Veranda aus vorübergehen sah, rief sie: »Hast du die Neuigkeit

gehört, Tschota Rani?«

Ich hielt an, vor Schrecken gelähmt. Es war mir, als ob die Goldrollen

unter dem Schal hoch anschwöllen. Ich fürchtete, sie würden zerplatzen

und als klirrender Regen auf den Boden niederprasseln und so vor allen

Dienstboten die Diebin entlarven, die sich um alles brachte, indem sie

ihren eignen Reichtum stahl.

»Deine Räuberbande,« fuhr sie fort, »hat ein anonymes Schreiben

geschickt, in dem sie droht, das Schatzamt zu plündern.«

Ich blieb still wie ein Dieb.

»Ich habe gerade Bruder Nikhil den Rat gegeben, sich um deinen Schutz zu

bemühen«, fuhr sie spottend fort. »Ruf deine Schergen zurück,

Räuberkönigin! Wir wollen deinem Bande Mataram Opfer bringen, wenn du

uns nur rettest. Ist das eine Welt heute! Aber verschont um Gottes

willen wenigstens unser Haus mit räuberischen Überfällen!«

Ich eilte, ohne zu antworten, in mein Zimmer. Ich hatte meinen Fuß auf

Triebsand gesetzt und konnte ihn nun nicht zurückziehen. Wenn ich mich

mühte, herauszukommen, würde ich nur noch tiefer versinken.

Wenn nur die Zeit kommen wollte, wo ich Sandip das Geld einhändigen

könnte! Ich konnte es nicht länger ertragen, sein Gewicht zermalmte

mich.

Es war noch früh, als ich Bescheid erhielt, daß Sandip mich erwartete.

Heute dachte ich nicht daran, mich zu schmücken. So wie ich war, in

meinen Schal gehüllt, eilte ich nach den äußeren Gemächern.

Als ich das Wohnzimmer betrat, fand ich Sandip und Amulja da beisammen.

Es war, als ob meine ganze Würde, meine ganze Ehre von Kopf zu Fuß

sausend durch meinen Körper fuhr und im Boden verschwand. Ich sollte

jetzt vor den Augen dieses Knaben die äußerste Schande einer Frau

bloßlegen! War es möglich, daß die beiden sich hier getroffen hatten, um

über meine Tat zu sprechen? War denn kein Fetzen eines Schleiers

geblieben, meine Schmach zu verhüllen?

Wir Frauen werden die Männer nie verstehen. Wenn sie sich einen Weg zu

ihrem Ziel bahnen wollen, so macht es ihnen nichts, das Herz der Welt in

Stücke zu brechen, um ihre Straße damit zu pflastern, damit ihr

Siegeswagen leichter dahinrollt. Wenn sie von ihrem Schaffensdrang

berauscht sind, zerstören sie mit Lust das, was der Schöpfer schuf.

Diese Schande, die mir das Herz bricht, würdigen sie nicht einmal eines

Blickes. Sie haben kein Gefühl für das Leben um sie her; ihr ganzes

Verlangen geht auf ihr Ziel. Was bin ich ihnen anders als eine

Wiesenblume auf dem Wege eines seine Ufer überflutenden Stromes?

Und welchen Nutzen wird meine Selbstvernichtung Sandip bringen? Nur 5000

Rupien? War ich denn nicht noch etwas mehr wert als 5000 Rupien? Ja,

freilich! Hatte ich das nicht von Sandip selbst gelernt, und konnte ich

nicht im Licht dieser Erkenntnis meine ganze übrige Welt verachten? Ich

war die Spenderin von Licht, von Leben, von Schakti-Kraft, von

Unsterblichkeit -- in diesem Glauben, in dieser Freude hatte ich alle

meine Schranken durchbrochen und war hinausgeeilt. Hätte irgend jemand

mir nun diesen Glauben bestätigt, mein Tod wäre Leben für mich gewesen.

Ich hätte nichts verloren, obgleich ich alles von mir geworfen hatte.

Soll ich jetzt glauben, daß dies alles Lüge war? Mußte die Lobeshymne,

die sie mir so begeistert sangen, mich aus meinem Himmel herabrufen,

nicht damit ich die Erde zum Himmel machte, sondern daß ich den Himmel

selbst in den Staub herabzöge?

XVI

»Das Geld, Königin?« fragte Sandip, mich gespannt ansehend.

Auch Amulja sah mich erwartungsvoll an. Der liebe Junge! Wenn er auch

nicht mein leiblicher Bruder ist, so liebe ich ihn doch wie einen

jüngern Bruder. Mit seinem ehrlichen Gesicht, seinem hellen Blick, mit

seiner ganzen unschuldigen Jugend sah er mich an. Und ich, eine Frau --

vom Geschlecht seiner Mutter -- wie konnte ich ihm Gift reichen, nur

weil er danach verlangte?

»Das Geld, Königin!« Sandips freche Forderung klang mir in den Ohren. In

meinem Gefühl von Scham und Zorn hätte ich ihm das Geld an den Kopf

werfen mögen. Ich konnte kaum den Knoten meines Sari auflösen, so

zitterten meine Finger. Endlich fielen die Geldrollen auf den Tisch.

Sandips Gesicht wurde finster... Er mußte glauben, es seien

Silberrollen... Welche Verachtung war in seinem Blick! Welcher Ekel vor

meiner Unfähigkeit! Es war fast, als hätte er mich schlagen mögen! Er

muß geglaubt haben, ich sei gekommen, um mit ihm zu unterhandeln, ihm

als Abschlagssumme für seine Forderung von 5000 Rupien ein paar hundert

zu bieten. Einen Augenblick glaubte ich, er würde die Geldrollen

ergreifen und aus dem Fenster werfen und mir erklären, er sei kein

Bettler, sondern ein König, der seinen Tribut fordert.

»Ist das alles?« fragte Amulja mit einer Stimme, so voll überquellenden

Mitleids, daß ich hätte laut aufschluchzen mögen. Ich preßte mein Herz

gewaltsam zusammen und nickte nur stumm mit dem Kopf.

Sandip war sprachlos. Er rührte weder die Rollen an, noch äußerte er

einen Laut.

Meine Demütigung schnitt dem Knaben ins Herz. Mit erheuchelter

Begeisterung rief er plötzlich aus: »Das ist eine ganze Menge. Damit

haben wir reichlich genug. Sie haben uns gerettet.« Und dabei riß er

eine der Rollen auf.

Die Goldstücke blitzten hervor. Und im selben Augenblick schwand auch

die dunkle Hülle von Sandips Gesicht. Er strahlte vor Entzücken.

Unfähig, den plötzlichen Umschlag seines Gefühls zu verbergen, sprang er

auf und eilte auf mich zu. Was er wollte, weiß ich nicht. Ich warf einen

hastigen Blick auf Amulja -- die Farbe war aus seinem Antlitz gewichen,

als hätte er einen Peitschenhieb bekommen. Dann stieß ich mit aller

Kraft Sandip zurück. Als er rückwärts taumelte, stieß er mit dem Kopf

gegen die Ecke des Marmortisches und fiel zu Boden. Dort lag er eine

Weile regungslos. Von der Anstrengung erschöpft, sank ich auf meinen

Stuhl zurück.

Amuljas Gesicht leuchtete freudig auf. Er wandte sich nicht einmal nach

Sandip um, sondern kam geradeswegs zu mir, berührte ehrfurchtsvoll meine

Füße und blieb dann vor mir auf dem Boden sitzen. Ach, mein kleiner

Bruder, mein Kind! Diese deine Ehrfurchtsbezeugung ist die letzte

Berührung des Himmels, die mir in meiner leer gewordenen Welt noch

zuteil wird! Ich konnte mich nicht länger halten, und meine Tränen

flossen heftig. Ich bedeckte die Augen mit dem Ende meines Sari, den ich

mit beiden Händen gegen das Gesicht preßte, und schluchzte und

schluchzte. Und immer, wenn meine Füße seine zarte Berührung spürten,

wodurch er mich zu trösten suchte, brachen meine Tränen von neuem

hervor.

Als ich mich nach einer Weile gefaßt hatte und aufblickte, sah ich

Sandip wieder am Tisch stehen und die Goldstücke in sein Taschentuch

knoten, als ob nichts geschehen wäre. Amulja erhob sich von seinem Platz

zu meinen Füßen; seine nassen Augen leuchteten.

Sandip sah mich ganz gelassen an und bemerkte: »Es sind sechstausend.«

»Wozu brauchen wir soviel, Sandip Babu?« rief Amulja.

»Dreitausendfünfhundert ist alles, was wir für unsre Arbeit nötig

haben.«

»Wir brauchen nicht nur Geld zu diesem einen Zweck«, erwiderte Sandip.

»Wir werden alles brauchen, was wir bekommen können.«

»Das mag sein«, sagte Amulja. »Aber für die Zukunft übernehme ich es,

Ihnen alles zu schaffen, was Sie brauchen. Von diesem geben Sie, bitte,

die übrigen zweitausendfünfhundert der Maharani zurück, Sandip Babu!«

Sandip sah mich fragend an.

»Nein, nein«, rief ich aus. »Ich rühre dies Geld nie wieder an. Machen

Sie damit, was Sie wollen!«

Sandip sah Amulja an. »Kann der Mann je geben, wie die Frau geben kann?«

sagte er.

»Sie sind Göttinnen!« stimmte Amulja begeistert zu.

»Wir Männer können höchstens das geben, was wir durch unsre Kraft

erringen«, fuhr Sandip fort. »Aber die Frauen geben sich selbst. Aus

ihrem eignen Leib gebären sie, mit ihrem eignen Leib nähren sie. Solche

Gaben sind die einzig wahren Gaben.« Dann wandte er sich zu mir.

»Königin,« sagte er, »wenn das, was Sie uns gegeben haben, nur Geld

wäre, so hätte ich es nicht angerührt. Aber Sie haben uns das gegeben,

was Ihnen mehr bedeutet als das Leben selbst.«

Es müssen zwei verschiedene Wesen im Menschen sein. Das eine in mir

sieht ein, daß Sandip versucht, mich zu täuschen; das andre will sich

gern täuschen lassen. Sandip hat Kraft, aber keine sittliche Stärke.

Dieselbe Gewalt, mit der er das Leben aufrüttelt, zerschmettert es auch

wieder. Seine Pfeile verfehlen nie ihr Ziel, wie die der Götter, aber

sie sind giftig wie die der bösen Geister.

Sandips Taschentuch war nicht groß genug, um all die Goldstücke zu

fassen. »Königin,« fragte er, »können Sie mir noch ein anderes geben?«

Als ich ihm meines gab, führte er es ehrfurchtsvoll an seine Stirn, und

dann kniete er plötzlich vor mir nieder. »Göttin!« rief er, »ich wollte

Ihnen meine Ehrfurcht bezeugen, als ich mich Ihnen nahte, aber Sie

stießen mich zurück und warfen mich in den Staub. Sei es denn, ich nehme

Ihre Zurückweisung als ein Diadem, womit ich meine Stirn schmücke.« Und

damit wies er auf die Stelle, wo er sich im Fallen verletzt hatte.

Hatte ich ihn denn falsch verstanden? War es möglich, daß seine

ausgestreckten Hände wirklich meine Füße berühren wollten? Aber es war

sicher, daß selbst Amulja auch die Leidenschaft gesehen hatte, die aus

seinen Augen, aus seinem Antlitz glühte. Doch Sandip ist solch ein

Meister in der Kunst, seinen Lobgesang in Musik zu setzen, daß meine

Vernunft schweigt; ich verliere die Kraft, die Wahrheit zu sehen; mein

Blick ist umnebelt wie der des Opiumessers. Und so gab er mir

schließlich den Schlag, den ich ihm erteilt hatte, viel empfindlicher

zurück, denn die Wunde an seiner Stirn machte mein Herz bluten. Als

Sandip sich wieder erhob, war es mir als hätte mein Diebstahl eine Würde

bekommen und als lächelte das Gold, das auf dem Tisch glänzte, alle

Furcht vor Schande, alle Gewissensbisse hinweg.

Wie ich war auch Amulja wiedergewonnen. Seine Liebe zu Sandip, die einen

Augenblick einen Stoß erlitten hatte, flammte von neuem auf. Und der

Altar seiner Seele füllte sich aufs neue mit Opfergaben für Sandip und

mich. Sein kindlicher Glaube leuchtete wie das reine Licht des

Morgensterns aus seinen Augen.

Und nun lohte auch die Flamme meiner Sünde wieder hell auf. Als Amulja

mir ins Antlitz sah, erhob er die gefalteten Hände zum Gruß und rief:

»Bande Mataram!« Ich kann nicht erwarten, daß mich immer solche

Verehrung umgibt, und doch ist sie das einzige Mittel, meine

Selbstachtung am Leben zu erhalten.

Ich kann mein Schlafzimmer nicht mehr betreten. Es ist mir, als ob die

Bettstelle abwehrend eine Hand gegen mich ausstreckte, als ob der

eiserne Geldschrank mich stirnrunzelnd anblickte. Ich möchte diesem

beständigen Vorwurf, der mich quält, entrinnen. Ich möchte immer wieder

zu Sandip laufen, um ihn mein Lob singen zu hören. Es ist ja nur dieser

eine kleine Altar da, der aus den alles überspülenden Fluten meiner

Schande hervorragt, daher möchte ich mich Tag und Nacht an ihn klammern;

denn, wohin ich sonst treten will, ist ringsum Leere.

Lob, Lob, ich brauche unaufhörliches Lob. Ich kann nicht leben, wenn

mein Becher einen einzigen Augenblick leer bleibt. Daher brauche ich

heute von allem auf der Welt Sandip, als den einzigen Wert meines

Lebens.

XVII

Es ist mir jetzt unmöglich, mich zu meinem Gatten zu setzen, wenn er zu

seinen Mahlzeiten hereinkommt. Und doch empfinde ich es als eine solche

Schande, ihn allein zu lassen, daß ich das auch nicht fertig bringe.

Daher setze ich mich so hin, daß wir einander nicht ins Gesicht sehen

können. So saß ich neulich, als die Bara Rani hereinkam und sich zu uns

setzte.

»Es ist alles ganz schön und gut, Bruder, wenn du über diese Drohbriefe

lachst«, sagte sie. »Aber mich beunruhigen sie doch sehr. Hast du das

Geld, das du mir gabst, auf die Bank nach Kalkutta geschickt?«

»Nein, ich habe noch keine Zeit gehabt, es zu besorgen«, erwiderte mein

Gatte.

»Du bist so sorglos, lieber Bruder, du solltest lieber vorsichtig

sein...«

»Aber es ist im Ankleidezimmer da drinnen, in dem eisernen Geldschrank«,

sagte mein Gatte mit einem beruhigenden Lächeln.

»Wenn sie aber da hineinkommen? Man kann nie wissen!«

»Wenn sie bis dahin kommen, so können sie ebenso gut dich auch

forttragen!«

»Hab' keine Angst, an meiner armen Person vergreift sich niemand. Der

wahre Anziehungspunkt ist in deinem Zimmer! Aber Scherz beiseite, du

solltest es nicht wagen, Geld so im Zimmer aufzubewahren.«

»In ein paar Tagen werden die Regierungseinkünfte nach Kalkutta

gebracht. Dann schicke ich das Geld unter demselben Schutz zur Bank.«

»Gut. Aber vergiß es nur nicht ganz, du bist so zerstreut.«

»Selbst wenn das Geld verloren ginge, solange es in meinem Zimmer ist,

würde der Verlust doch nicht dich treffen, Schwester Rani.«

»Nun machst du mich aber böse, Bruder, wenn du so redest. Als ob ich

mich nur beunruhigte, weil das Geld mir gehört! Wenn du dein Geld

verlierst, glaubst du, daß mir das gleichgültig ist? Wenn das Schicksal

mir auch alles genommen hat, so hat es mich doch nicht gefühllos

gemacht für den Wert des treuesten Bruders, den es seit Lakschmans[35]

Zeiten her gegeben hat.«

»Nun, Tschota Rani, bist du zu Stein geworden? Du hast noch kein Wort

gesagt. Weißt du, Bruder, unsre Tschota Rani glaubt, ich wolle dir nur

schmeicheln. Wenn es darauf ankäme, würde ich es schon tun, aber ich

weiß, daß es bei meinem lieben alten Bruder nicht nötig ist.«

So plauderte die Bara Rani weiter und vergaß dabei nicht, ihren Bruder

auf diesen oder jenen Leckerbissen unter den Gerichten, die serviert

wurden, aufmerksam zu machen. Mein Kopf war die ganze Zeit in einem

Wirbel. Die Krisis nahte schnell. Das Geld mußte irgendwie wieder an

seinen Platz gebracht werden. Und während ich mein Hirn zermarterte, was

geschehen könne und wie es geschehen könne, wurde mir das unaufhörliche

Schwatzen meiner Schwägerin immer unerträglicher.

Und was alles noch schlimmer machte, war, daß nichts dem scharfen Blick

meiner Schwägerin entgehen konnte. Immer wieder sah sie mich prüfend von

der Seite an. Was sie auf meinem Gesicht lesen konnte, weiß ich nicht,

aber es war mir, als ob alles nur zu deutlich darauf geschrieben stände.

Dann tat ich etwas ganz Tollkühnes. Ich zwang mich zu einem leichten,

belustigten Lachen und sagte: »Ich sehe schon, daß der ganze Verdacht

der Bara Rani auf mich geht -- ihre Furcht vor Dieben und Räubern ist

nur Verstellung.«

Die Bara Rani lächelte boshaft. »Du hast recht, Schwester. Der Diebstahl

einer Frau ist der verhängnisvollste von allen Diebstählen. Aber wie

kannst du meiner Wachsamkeit entgehen? Bin ich ein Mann, daß du mich

täuschen könntest?«

»Wenn du mich so fürchtest,« entgegnete ich, »so laß mich dir alles, was

ich besitze, als Sicherheitspfand zur Aufbewahrung geben. Wenn du dann

etwas durch mich verlierst, so kannst du dich schadlos halten.«

»Nun höre einmal die kleine Einfalt«, wandte sie sich lachend an meinen

Gatten. »Weiß sie denn nicht, daß es Verluste gibt, die sich nicht

ersetzen lassen, weder in dieser Welt noch in einer andern?«

Mein Gatte mischte sich nicht in unser Wortgeplänkel. Als er fertig

war, ging er nach den äußern Gemächern, denn jetzt hält er seine

Mittagsruhe nicht mehr in unserm Zimmer.

Alle meine wertvolleren Juwelen waren auf dem Schatzamt in der Obhut des

Schatzmeisters. Doch auch das, was ich bei mir hatte, mußte noch

dreißig- bis vierzigtausend Rupien wert sein. Ich nahm meinen

Schmuckkasten und brachte ihn der Bara Rani. »Ich lasse diese Juwelen

bei dir, Schwester«, sagte ich, ihr den geöffneten Kasten hinhaltend.

»Dann brauchst du dir keine Sorge zu machen.«

Die Bara Rani machte eine Bewegung, als wollte sie sagen, daß ich sie

zur Verzweiflung brächte. »Ich weiß gar nicht, was ich von dir denken

soll, Tschota Rani«, sagte sie. »Glaubst du denn im Ernst, ich habe

schlaflose Nächte aus Angst, daß du mich beraubst?«

»Was wäre Schlimmes dabei, wenn du mir mißtrautest? Kann denn irgend

jemand sagen, daß er irgend jemand in dieser Welt kenne?«

»Du willst mich beschämen, indem du mir Vertrauen schenkst? Nein, nein!

Ich habe schon genug mit meinen eignen Schmucksachen zu hüten, ohne auch

noch die deinen zu bewachen. Komm, sei vernünftig und nimm sie weg, es

schnüffeln soviel Dienstboten herum.«

Ich ging aus dem Zimmer meiner Schwägerin geradeswegs nach dem

Wohnzimmer draußen und ließ Amulja rufen. Mit ihm kam auch Sandip. Ich

war in großer Hast und sagte zu Sandip: »Entschuldigen Sie, aber ich muß

ein paar Worte mit Amulja reden. Möchten Sie...«

Sandip lächelte verägert. »Also ich gehöre nicht dazu, wenn Sie mit

Amulja sprechen? Wenn Sie sich vorgenommen haben, ihn mir abspenstig zu

machen, so muß ich mich wohl ohne weiteres darein ergeben, da ich dann

doch keine Macht habe, ihn zurückzuhalten.«

Ich antwortete nicht, sondern wartete schweigend, daß er ginge.

»Gut denn«, fuhr Sandip fort. »Haben Sie Ihr tête-à-tête mit Amulja!

Aber danach müssen Sie mir auch eins gewähren, sonst würde es eine

Zurücksetzung für mich bedeuten. Ich kann alles ertragen, nur keine

Zurücksetzung. Ich muß immer den Löwenanteil haben. Deswegen bin ich ja

fortwährend mit der Vorsehung im Streit. Auch von ihr kann ich mir keine

Zurücksetzung gefallen lassen.«

Mit einem vernichtenden Blick auf Amulja verließ Sandip das Zimmer.

»Amulja, mein lieber, guter kleiner Bruder, du mußt etwas für mich tun«,

sagte ich.

»Was Sie mir auch auferlegen, Schwester, dafür werde ich mein Leben

einsetzen.«

Ich zog den Schmuckkasten aus den Falten meines Schals hervor und

stellte ihn vor ihn hin. »Verkaufe oder verpfände dies,« sagte ich, »und

verschaffe mir 6000 Rupien, so schnell du nur kannst!«

»Nein, nein, Schwester Rani«, sagte Amulja, aufs tiefste betroffen.

»Behalten Sie diese Juwelen! Ich werde Ihnen auch so 6000 verschaffen.«

»O, sei nicht töricht«, rief ich ungeduldig. »Es ist keine Zeit für

irgendwelche Phantastereien. Nimm diesen Kasten, fahre mit dem Nachtzuge

nach Kalkutta und bringe mir das Geld bestimmt bis übermorgen!«

Amulja nahm ein Diamanthalsband aus dem Kasten, hielt es hoch gegen das

Licht und legte es finster brütend wieder zurück.

»Ich weiß,« sagte ich zu ihm, »daß du niemals den richtigen Preis für

diese Diamanten bekommen wirst, daher gebe ich dir Schmucksachen im

Werte von ungefähr 30000. Es macht nichts, wenn sie alle draufgehen,

aber ich muß unbedingt die sechstausend haben.«

»Wissen Sie, Schwester Rani,« sagte Amulja, »daß ich mit Sandip Babu

einen Streit hatte wegen der 6000 Rupien, die er von Ihnen angenommen

hat? Ich kann Ihnen nicht sagen, wie beschämend mir die Sache war. Aber

Sandip Babu behauptete, wir müßten selbst unser Schamgefühl dem

Vaterlande opfern. Das mag wohl sein. Aber hiermit ist es doch anders.

Ich fürchte mich nicht, für das Vaterland zu sterben, für das Vaterland

zu töten, -- soviel Schakti-Kraft ist mir verliehen. Aber ich kann die

Scham nicht überwinden, daß ich von Ihnen Geld genommen habe. Darin ist

Sandip mir voraus. Er hat keine Reue und Gewissensbisse. Er sagt, wir

müssen uns von der Idee freimachen, daß das Geld demjenigen gehöre, in

dessen Kasten es zufällig ist, -- wenn wir das nicht können, wo bleibt

da die Zauberkraft des Bande Mataram?«

Amulja geriet, während er so sprach, immer mehr in Begeisterung. Er wird

immer warm, wenn ich ihm zuhöre. »Die Gita lehrt uns,« fuhr er fort,

»daß niemand die Seele töten kann. Töten ist ein bloßes Wort. So ist es

auch mit dem Rauben von Geld. Wem gehört das Geld? Niemand hat es

erschaffen. Niemand kann es mit sich fortnehmen, wenn er aus diesem

Leben scheidet, denn es ist kein Teil seiner Seele. Heute gehört es mir,

morgen meinem Sohn, am nächsten Tage seinem Gläubiger. Da nun

tatsächlich das Geld niemandem gehört, warum sollte unsre Patrioten ein

Tadel treffen, wenn sie, anstatt es einem unwürdigen Sohne des

Vaterlandes zu lassen, selbst davon Gebrauch machen?«

Wenn ich Sandips Worte aus dem Munde dieses Knaben höre, zittere ich am

ganzen Leibe. Mögen Schlangenbändiger mit Schlangen spielen; wenn ihnen

ein Leid geschieht, so müssen sie darauf gefaßt sein. Aber diese Knaben

sind so unschuldig. Die ganze Welt sollte segnend ihre Arme über sie

breiten, um sie zu schützen. Sie spielen mit einer Schlange, deren Natur

sie nicht kennen, und wenn wir sehen, wie sie lächelnd und

vertrauensvoll ihre Hände ihren Giftzähnen nähern, so wird es uns klar,

wie furchtbar gefährlich die Schlange ist. Sandip hat ganz recht, wenn

er argwöhnt, daß ich, wenn ich selbst auch von seiner Hand den Tod

nehmen würde, ihm doch diesen Knaben entreißen und ihn retten werde.

»So wollen also die Patrioten das Geld für ihren eignen Gebrauch haben?«

fragte ich lächelnd.

»Gewiß wollen sie das!« sagte Amulja stolz. »Sind sie nicht unsre

Könige? Armut würde ihrer königlichen Macht Abbruch tun. Wissen Sie, daß

wir durchaus darauf halten, daß Sandip Babu erster Klasse reist? Er geht

königlichen Ehren nie aus dem Wege, aber er nimmt sie nicht um

seinetwillen an, sondern um unser aller Ehre willen. Die größte Waffe

derer, die die Welt beherrschen, sagt Sandip Babu, ist der Zauber ihres

äußern Prunkes. Das Gelübde der Armut würde nicht nur Kasteiung, es

würde Selbstmord für sie bedeuten.«

In diesem Augenblick trat Sandip geräuschlos ein. Ich warf hastig meinen

Schal über den Schmuckkasten.

»Ist das tête-à-tête noch nicht beendet?« fragte er in spöttischem Ton.

»Ja, wir sind ganz fertig«, sagte Amulja entschuldigend. »Es war nichts

Besonderes.«

»Nein, Amulja,« sagte ich, »wir sind noch nicht ganz fertig.«

»Dann muß Sandip wohl noch einmal abtreten?« sagte Sandip.

»Bitte.«

»Und was sein Wiederauftreten anbelangt...«

»Heute nicht. Ich habe keine Zeit.«

»Ach so!« sagte Sandip mit blitzenden Augen. »Keine Zeit zu vergeuden!

Nur für tête-à-têtes.«

Eifersucht! Wenn das starke Geschlecht Schwäche zeigt, so kann das

schwächere es sich nicht versagen, die Siegestrommel zu schlagen. Daher

wiederholte ich fest: »Ich habe wirklich keine Zeit.«

Sandip ging mit finsterm Gesicht hinaus. Amulja war ganz verstört.

»Schwester Rani«, sagte er in bittendem Ton, »Sandip Babu ist böse.«

»Er hat weder Ursache noch Recht, böse zu sein«, sagte ich heftig. »Laß

mich dich vor einer Sache warnen. Du darfst Sandip Babu nichts von dem

Verkauf meiner Schmucksachen sagen, -- bei deinem Leben nicht!«

»Nein, ich werde es nicht tun.«

»Dann warte lieber nicht mehr! Du mußt noch heute mit dem Abendzug

fahren.«

Amulja und ich verließen zusammen das Zimmer. Als wir hinaustraten auf

die Veranda, stand Sandip da. Ich merkte, daß er Amulja auflauerte. Um

ihn zu hindern, mußte ich ihn mit Beschlag belegen.

»Was ist es, was Sie mir sagen wollten, Sandip Babu?« fragte ich.

»Ich habe nichts Besonderes zu sagen -- ich wollte nur etwas plaudern.

Und da Sie keine Zeit haben...«

»Einen kleinen Augenblick habe ich noch für Sie.«

Inzwischen war Amulja fortgegangen. Als wir eintraten, fragte Sandip:

»Was war das für ein Kasten, den Amulja mitnahm?«

Der Kasten war also seinen Augen nicht entgangen.

Ich blieb fest. »Wenn ich es Ihnen hätte sagen können, so hätte ich ihn

ihm in Ihrer Gegenwart übergeben.«

»Sie denken also, Amulja wird es mir nicht sagen?«

»Nein, das wird er nicht tun.«

Das Heim und die Welt · 第 12 / 17 段