Nein, nein, es war weder ein großmütiger Impuls, noch war es

Gleichgültigkeit. Ich hatte nur einfach eingesehen, daß ich selbst nie

frei sein würde, solange ich andere in Unfreiheit ließe. Hätte ich

versucht, Bimala wie eine Schmuckkette um meinen Hals zu behalten, so

hätte diese Kette wie eine schwere Last auf mein Herz gedrückt. Habe ich

nicht aus tiefster Seele gebetet, daß ich willig mein Los auf mich

nehmen und auf Glück verzichten oder den Schmerz willkommen heißen

wollte, wenn ich nur nicht in Knechtschaft leben sollte? Wenn man sich

gewaltsam an die Lüge klammert und nicht von dem Glauben lassen will,

daß sie Wahrheit ist, so erdrosselt man sich selbst. Möge ich vor

solcher Selbstzerstörung bewahrt bleiben!

Als ich mein Zimmer betrat, fand ich meinen Lehrer dort wartend. Meine

erregten Gefühle wogten noch in mir. »Die Freiheit, Meister,« begann ich

ohne ein Wort der Begrüßung oder der Frage, »die Freiheit ist das

Höchste für den Menschen. Nichts läßt sich mit ihr vergleichen, -- gar

nichts!«

Überrascht über diesen Ausbruch, sah mein Lehrer schweigend zu mir auf.

»Aus Büchern kann man nichts verstehen«, fuhr ich fort. »Wir lesen in

den heiligen Schriften, daß unsre Begierden Fesseln sind, die so wohl

uns selbst, wie andre binden. Aber solche Worte an sich sind so leer.

Erst in dem Augenblick, wo wir den Vogel aus dem Käfig lassen, wird es

uns klar, wie unfrei der Vogel uns gemacht hatte. Was wir einkerkern, es

sei, was es sei, fesselt uns mit Begierde, deren Bande stärker sind als

eiserne Ketten. Ich sage Ihnen, Meister, dies ist es, was die Menschen

nie begreifen wollen. Sie alle versuchen irgend etwas zu reformieren,

was außerhalb ihrer selbst ist. Aber die eigenen Begierden sind es, die

reformiert werden müssen, sonst nichts, sonst nichts!«

»Wir meinen,« sagte er, »daß wir unser eigener Herr sind, wenn wir den

Gegenstand unsrer Begierden in unsre Hand bekommen haben, aber in

Wahrheit sind wir nur unser eigener Herr, wenn es uns gelingt, unser

Herz von unsern Begierden zu befreien.«

»Wenn wir das alles so in Worte fassen, Meister,« fuhr ich fort, »so

klingt es wie irgendeine sterile Greisenweisheit, aber wenn wir uns

etwas davon wirklich begreifen, so sehen wir, daß es amrita ist, das die

Götter tranken und unsterblich wurden. Wir können die Schönheit erst

erkennen, wenn wir sie freilassen. Es war Buddha, der die Welt eroberte,

nicht Alexander, -- dies ist falsch, wenn wir es in trockner Prosa

sagen, -- ach, wann werden wir es in die Welt hinaus singen können? Wann

werden alle diese innersten Wahrheiten des Universums überfließen über

die Seiten der gedruckten Bücher und sich zu einem heiligen Strom

vereinigen?«

Plötzlich fiel mir ein, daß ja mein Lehrer die letzten Tage verreist

gewesen war, und ich den Grund seiner Abwesenheit noch nicht erfahren

hatte. Ich schämte mich etwas über meine Gedankenlosigkeit und fragte

ihn: »Und wo sind Sie die ganze Zeit gewesen, Meister?«

»Bei Pantschu«, erwiderte er.

»Wirklich!« rief ich aus. »Sind Sie alle diese Tage dagewesen?«

Ja. Ich wollte mit der Frau, die sich seine Tante nennt, zu einer

Verständigung kommen. Sie konnte es gar nicht fassen, daß es unter den

Vornehmen solche Käuze gäbe, wie der, der Gastfreundschaft bei ihnen

suchte. Als sie sah, daß ich wirklich die Absicht hatte, zu bleiben,

fing sie an, sich etwas zu schämen. »Mütterchen,« sagte ich, »Sie werden

mich nicht los, selbst wenn Sie mich schlecht behandeln! Und solange ich

bleibe, bleibt Pantschu auch. Denn, nicht wahr, Sie müssen doch

einsehen, daß ich es nicht ruhig mit ansehen kann, wenn seine

mutterlosen Kleinen auf die Straße gesetzt werden?«

Sie hörte mir ein paar Tage lang zu, wenn ich so redete, ohne ja oder

nein zu sagen. Heute morgen sah ich, daß sie dabei war, ihr Bündel zu

schnüren. »Wir wollen zurück nach Brindaban«, sagte sie. »Geben Sie uns

das Geld für die Reise! Ich weiß, daß sie nicht nach Brindaban reisen

wird und daß ihre Reisekosten eine hübsche Summe ausmachen werden.

Deshalb komme ich zu dir.«

»Die Summe, die sie fordert, soll ihr bezahlt werden«, sagte ich.

»Die alte Frau ist gar nicht so übel«, sagte mein Lehrer nachdenklich.

»Pantschu war unsicher wegen ihrer Kaste und wollte nicht dulden, daß

sie die Wasserkrüge oder überhaupt etwas von seinen Sachen anrührte. So

zankten sie sich beständig. Als sie sah, daß ich nichts gegen ihre

Berührung hatte, sorgte sie mit großer Hingebung für mich. Sie ist eine

ausgezeichnete Köchin!«

»Aber der ganze Rest von Pantschus Achtung für mich schwand. Bis zuletzt

hatte er noch geglaubt, daß ich wenigstens ein harmloser und einfältiger

Mensch sei. Aber hier mußte er nun sehen, wie ich ganz unbedenklich

meine Kaste aufs Spiel setzte, um die alte Frau für meinen Zweck zu

gewinnen. Hätte ich versucht, ihr den Rang abzulaufen, indem ich irgend

jemandem eine Zeugenaussage eingedrillt hätte, das wäre etwas anderes

gewesen. Kriegslist muß man mit Kriegslist begegnen. Aber daß man sie

auf Kosten der Strenggläubigkeit übt, ist mehr, als er ertragen kann!«

»Jedenfalls muß ich auch nach der Abreise der Frau noch ein paar Tage

bei Pantschu bleiben, denn Harisch Kundu heckt vielleicht eine neue

Teufelei aus. Er hat zu seinen Trabanten gesagt, daß er sich begnügt

hätte, Pantschu mit einer Tante zu versehen, aber ich wäre sogar soweit

gegangen, ihm einen Vater zu verschaffen. Nun wollte er sehen, wie viele

Väter dazu gehörten, um ihn zu retten!«

»Ob es uns gelingt, ihn zu retten, oder nicht,« sagte ich, »wenn wir

zugrunde gehen bei dem Versuch, unser Vaterland aus den tausend

Schlingen zu retten, die diese Leute ihm aus Religion, Sitte und

Selbstsucht drehen, so wird unser Ende glücklich sein.«

BIMALAS ERZÄHLUNG

XIV

Wer hätte gedacht, daß sich so viel in diesem einen Leben ereignen

könnte? Es ist mir, als hätte ich eine ganze Reihe von Existenzen

durchlebt; die Zeit ist so schnell verflogen, ohne daß ich es merkte,

bis ich neulich plötzlich wie aus einem Traum erwachte.

Ich wußte, es würde eine Auseinandersetzung zwischen uns geben, als ich

mich entschloß, meinen Gatten zu bitten, die ausländischen Waren von

unserm Markt zu verbannen. Aber ich glaubte fest, ich würde es nicht

nötig haben, ihn mit Gründen zu überzeugen, der Zauber, der von mir

ausströmte, würde schon seine Wirkung tun. War nicht ein so gewaltiger

Mann wie Sandip mir hilflos zu Füßen gesunken, wie die mächtige

Meereswoge, die sich am Ufer bricht? Hatte ich ihn gerufen? Nein, meine

Zauberkraft hatte ihn angezogen. Und Amulja, der arme liebe Junge, als

er mich zuerst sah, wie war da der Strom seines Lebens in roter Glut

aufgeflammt, wie der Fluß beim Sonnenaufgang! Wahrlich, ich habe

empfunden, wie einer Göttin zumute sein muß, wenn sie auf das strahlende

Antlitz ihres Priesters herabschaut.

In der stolzen Zuversicht, den diese Beweise meiner Macht mir gegeben,

schickte ich mich an, meinem Gatten entgegenzutreten wie eine

gewitterschwangere Wolke. Aber was geschah? Nie in all diesen neun

Jahren sah ich einen so kühlen, fremden Blick in seinen Augen, -- wie

der Wüstenhimmel, der trocken und teilnahmlos auf alles niederblickt. Es

wäre mir eine solche Erleichterung gewesen, wenn er in Zorn aufgeflammt

wäre! Aber ich sah keine Möglichkeit, ihm nahezukommen. Ich fühlte mich

wie in einem Traume, in einem Traume, auf den nur das Dunkel der Nacht

folgen würde.

Früher beneidete ich meine Schwägerin immer wegen ihrer Schönheit.

Damals hatte ich das Gefühl, daß die Vorsehung mir keine eigene Macht

gegeben hätte, daß meine ganze Stärke in der Liebe läge, mit der mein

Gatte mich beschenkte. Jetzt, da ich den Becher der Macht zur Neige

geleert hatte und ihren Rausch nicht mehr entbehren konnte, fand ich

ihn plötzlich in Stücke zerbrochen zu meinen Füßen, und nichts schien

mir mehr des Lebens wert.

Wie fieberhaft hatte ich mich an jenem Tage mit meinem Haar gemüht! O

Schmach und Schande über mich! Meine Schwägerin hatte, als sie

vorbeikam, ausgerufen: »Ei, Tschota Rani, dein Haar scheint ja in die

Luft fliegen zu wollen. Paß nur auf, daß es nicht den Kopf mit

wegnimmt!«

Und dann neulich im Garten, wie leicht wurde es meinem Gatten, mir zu

sagen, daß er mich freigäbe! Aber läßt Freiheit -- leere Freiheit --

sich so leicht geben und nehmen? Es ist, als ob man einen Fisch in der

Luft in Freiheit setzte, -- denn wie kann ich außerhalb der Atmosphäre

liebender Sorge, die mich immer umgab, leben und atmen?

Als ich heute in mein Zimmer trat, sah ich nur Möbel -- nur die

Bettstelle, nur den Spiegel, nur den Kleiderriegel --, nicht die Seele,

die das Ganze sonst durchdrang und beherrschte. Statt dessen war da

Freiheit, nur Freiheit, bloße Leere. Ein trockenes Flußbett, in dem

alle Felsen und Kiesel bloß lagen. Kein Gefühl, nur Möbel!

Als ich in einen Zustand äußerster Verstörtheit geraten war und mich

fragte, ob mir überhaupt noch irgend etwas Wahres in meinem Leben

geblieben sei und wo es sein könne, begegnete ich zufällig wieder

Sandip. Da stieß Leben auf Leben, und die Funken sprühten, wie sie es

sonst getan. Hier war Wahrheit -- ungestüme Wahrheit, die schäumend in

das leere Flußbett stürzte und alle Grenzen überflutete, -- Wahrheit,

die tausendmal wahrer war als die Bara Rani mit ihrem Mädchen Thako und

ihren törichten Liedern und als alle die andern, die schwatzend und

lachend umherliefen...

»Fünfzigtausend!« hatte Sandip gefordert.

»Was sind fünfzigtausend?« rief mein Herz berauscht. »Sie sollen sie

haben.«

Wie und wo ich sie bekommen sollte, das waren untergeordnete Fragen, die

zunächst nicht in Betracht kamen. Wie war es denn mit mir gewesen? War

ich nicht in einem Augenblick aus meinem Nichts emporgehoben worden zu

einer Höhe, die alles überragte? So wird auch alles auf meinen Wink und

Ruf kommen. Ich werde sie mir verschaffen, auf jeden Fall verschaffen,

-- daran kann kein Zweifel sein.

In dieser Stimmung hatte ich Sandip neulich verlassen. Aber als ich dann

um mich blickte, wo war er da, der Baum des Überflusses? Ach, warum

verspottet und verhöhnt die Welt draußen unser Herz so?

Doch verschaffen muß ich es mir; wie, das gilt mir gleich, denn Sünde

gibt es hier nicht. Sünde befleckt nur die Schwachen; ich mit meiner

Schakti-Kraft stehe über ihr. Nur ein Gemeiner kann Diebstahl begehen,

der König erobert und nimmt sich die Beute, die ihm zukommt ... Ich muß

herausfinden, wo das Schatzamt ist, wer das Geld dorthin bringt und wer

es bewacht.

Ich brachte die halbe Nacht auf der Außenveranda zu und spähte nach der

Reihe der Geschäftsgebäude hinüber. Aber wie sollte ich die 50000 Rupien

aus den Klauen jener Eisenriegel herausbekommen? Wenn ich durch

irgendeinen Zauberspruch alle jene Wachen hätte tot zu Boden fallen

lassen können, ich hätte nicht gezögert, -- so erbarmungslos war mir zu

Sinn!

Aber während eine ganze Räuberbande im wirbelnden Hirn seiner Rani einen

Kriegstanz aufführte, lag das große Haus des Radscha in tiefstem Frieden

da. Die Glocke des Wächters kündete eine Stunde nach der andern, und der

Himmel sah still und gelassen auf mich herab.

Schließlich ließ ich Amulja rufen.

»Wir brauchen Geld für die nationale Sache«, sagte ich zu ihm. »Kannst

du es nicht aus dem Schatzamt schaffen?«

»Warum nicht?« sagte er, sich in die Brust werfend.

Ach, hatte ich nicht auch gerade so »Warum nicht?« geantwortet, als

Sandip mich fragte? Die Zuversicht des armen Burschen konnte mir nur

wenig Hoffnung geben.

»Wie willst du es anfangen?« fragte ich.

Die abenteuerlichen Pläne, die er darauf zu entfalten begann, lassen

sich nur in einem Schauerroman wiederholen.

»Nein, Amulja,« sagte ich strenge, »du darfst nicht kindisch sein.«

»Nun,« sagte er, »so will ich die Wächter bestechen.«

»Woher willst du das Geld dazu nehmen?«

»Ich kann den Bazar plündern,« antwortete er unverblüfft.

»Solche Dinge laß bleiben! Ich habe ja meine Schmucksachen, die ich dazu

brauchen kann.«

»Aber,« sagte Amulja, »mir fällt ein, daß sich der Schatzmeister nicht

bestechen läßt. Doch das macht nichts; es gibt ein anderes und

einfacheres Mittel.«

»Welches?«

»Warum brauchen Sie es zu wissen? Es ist ganz einfach.«

»Aber ich möchte es doch wissen.«

Amulja kramte in seiner Jackentasche und zog erst eine kleine Ausgabe

der Gita heraus, die er auf den Tisch legte, -- und dann eine kleine

Pistole, die er mir zeigte, ohne weiter etwas zu sagen.

Entsetzlich! Er besann sich keinen Augenblick, unsern guten alten

Schatzmeister[32] zu töten! Wenn man sein freimütiges, offenes Gesicht

sah, hätte man gedacht, daß er keiner Fliege wehtun könnte, aber was

waren das für Worte, die aus seinem Munde kamen! Es war klar, der

Schatzmeister war für ihn nichts Wirkliches und Lebendiges, das zu

seinem Gefühl sprach, sondern nur eine Leere, die ausgefüllt war mit

immer bereiten Sprüchen aus der Gita wie: »Wer den Leib tötet, tötet

nichts!«

»Aber Amulja, was denkst du dir nur?« rief ich endlich aus. »Weißt du

denn nicht, daß der gute alte Mann Frau und Kinder hat und daß er...«

»Wo sollen wir Männer finden, die keine Frauen und Kinder haben?«

unterbrach er mich. »Sehen Sie, Maharani, was wir Mitleid nennen, ist im

Grunde nur Mitleid mit uns selbst. Wir scheuen uns, unsre eigenen

weicheren Regungen und Gefühle zu verletzen, und daher schlagen wir

nicht zu! Das ist der Gipfel der Feigheit!«

Es machte mich betroffen, als ich Sandips Phrasen aus dem Munde dieses

Knaben hörte. Er war noch so rührend jung und unreif, -- in dem Alter,

wo man noch an das Gute als solches glauben kann, in dem Alter, wo man

wahrhaft lebt und wächst. Die Mutter in mir erwachte.

Für mich selbst gab es nicht Gut noch Böse mehr, -- gab es nur den Tod,

den schönen lockenden Tod. Aber als ich diesen Knaben so ruhig von der

Ermordung eines harmlosen alten Mannes reden hörte wie von einer ganz

gerechten Sache, überlief mich ein Schauder. Je deutlicher ich sah, daß

in seinem Herzen keine Sünde war, desto furchtbarer erschien mir die

Sünde in seinen Worten. Es war mir, als ob die Sünde der Väter an dem

unschuldigen Kinde heimgesucht würde.

Der Anblick seiner großen, von Glauben und Begeisterung leuchtenden

Augen schnitt mir durch die Seele. Er stürzte sich in seiner Verblendung

geradeswegs in den Schlund des Drachen, aus dem es keine Rückkehr gab.

Wie konnte ich ihn retten? Warum erweist sich mein Land nicht einmal als

wirkliche Mutter, die ihren Sohn ans Herz drückt und ausruft: »O, mein

Kind, mein Kind, was nützt es, daß du mich rettest, wenn ich dich nicht

retten kann?«

Ich weiß wohl, daß alle Macht auf Erden groß wird, wenn sie sich mit

dem Satan verbündet. Aber die Mutter ist da, daß sie, und wenn sie auch

ganz allein steht, dem Teufel trotze und sein Werk zu hindern suche. Die

Mutter macht sich nichts aus bloßem Erfolg, wie groß er auch sei, -- sie

will Leben geben und Leben erhalten. Und meine Seele streckt in

inbrünstigem Verlangen heute die Hände aus, dies Kind zu retten.

Eben noch habe ich ihn zum Raub aufgestachelt. Was ich nun auch dagegen

sagen mag, nimmt er als weibliche Schwäche. Sie lieben unsre Schwäche

nur, wenn sie die Welt in ihre Netze lockt!

»Du brauchst gar nichts zu tun, Amulja, ich werde das Geld schon

schaffen«, sagte ich endlich zu ihm.

Als er im Begriff war, aus der Tür zu gehen, rief ich ihn zurück.

»Amulja,« sagte ich, »ich bin deine ältere Schwester. Nach dem Kalender

ist heute nicht der Brudertag[33], aber in Wahrheit sind alle Tage im

Jahr Brudertage. Mein Segen sei mit dir! Möge Gott dich immer behüten!«

Diese unerwarteten Worte von meinen Lippen machten Amulja starr vor

Überraschung. Er stand eine Weile regungslos da. Dann kam er zu sich.

Und nun warf er sich vor mir nieder, als ein Zeichen, daß er meine

Schwesterschaft annahm und mir als Bruder seine Ehrfurcht bezeugte. Als

er sich erhob, waren seine Augen voll Tränen ... Ach, mein kleiner

Bruder! Ich eile mit schnellen Schritten dem Tode zu, laß mich all

deine Sünde mit mir nehmen! Möge deine Unschuld nie durch mich befleckt

werden!

Ich sagte zu ihm: »Gib mir diese Pistole als Brudergeschenk!«

»Was wollen Sie damit, Schwester?«

»Ich will mich mit dem Tod vertraut machen.«

»Das ist recht, Schwester. Auch unsre Frauen müssen lernen, wie man

stirbt und wie man tötet.« Und damit gab Amulja mir die Pistole.

Es war mir, als ob der Glanz seines jugendlichen Antlitzes mein Leben

mit der Ahnung eines neuen Morgenlichtes überstrahlte. Ich steckte die

Pistole zu mir. Möge dies Brudergeschenk die letzte Zuflucht in meiner

Not sein...

Nun, da die Tür zu der Kammer der Mutter in meinem Frauenherzen einmal

geöffnet war, glaubte ich, sie würde immer offenbleiben. Aber dieser

Pfad zum Heil wurde versperrt, als die Herrin den Platz der Mutter

einnahm und sie wieder schloß. Gleich am Tage darauf sah ich Sandip, und

sofort tanzte der Wahnsinn unverhüllt und zügellos in meinem Herzen.

Was war dies? War dies nun mein wahreres Ich? Nein, niemals! Nie vorher

hatte ich dieses schamlose, grausame Weib in mir gekannt. Der

Schlangenbeschwörer war gekommen und hatte getan, als ob er diese

Schlange aus den Falten meines Gewandes hervorzauberte, -- aber sie war

nie da, sie war die ganze Zeit bei ihm verborgen. Irgendein Dämon hat

Besitz von mir ergriffen, und was ich heute tue, ist sein Spiel und

Treiben -- es hat nichts mit mir zu tun.

Dieser Dämon war an jenem Tage unter der Maske eines Gottes mit seiner

roten Fackel zu mir gekommen und hatte gesagt: »Ich bin dein Land. Ich

bin deine Leuchte[34]. Ich bin dir mehr als irgendeiner von den Deinen.

Bande Mataram!« Und mit gefalteten Händen hatte ich geantwortet: »Du

bist meine Religion. Du bist mein Himmel. Alles andere, was mein ist,

soll von der Flut meiner Liebe zu dir hinweggefegt werden. Bande

Mataram!«

Fünftausend sind es? Fünftausend sollen es sein! Morgen brauchst du

sie? Morgen sollst du sie haben! In dieser rasenden Orgie soll dies

Opfer von 5000 sein wie der Schaum auf dem Becher, und dann auf zum

wilden Gelage! Die unbewegliche Welt soll unter unsern Füßen schwanken,

Feuer soll aus unsern Augen sprühen, ein Sturm soll uns im Ohr heulen,

und die Gestalten der Wirklichkeit und der Phantasie sollen

durcheinander im Nebel vor unsern Blicken tanzen. Und dann wollen wir

taumelnd in den Abgrund des Todes stürzen, -- und in einem Augenblick

wird alles Feuer erloschen, die Asche zerstreut sein, und nichts wird

übrigbleiben.

Fußnoten:

[32] Der Schatzmeister ist der Beamte, der am meisten mit der

weiblichen Gutsherrschaft in Berührung kommt, da er ihre Aufträge für

den Haushalt entgegennimmt und ihre Einkäufe besorgt, und so gehört er

mehr zur Familie als die andern.

[33] In bengalischen Häusern (vielleicht in Hinduhäusern

überall in Indien) wird die Tochter des Hauses mit besonderer Liebe

gehegt, weil sie nach dem Gebot der Sitte so früh verheiratet wird. So

nimmt sie liebe Erinnerungen mit in das Heim ihres Gatten, wo sie als

Fremde erst Wurzel fassen muß, bevor ihr die ihr gebührende Stellung

zuteil wird. Das Gefühl, das somit die junge Frau ihrem alten Heim

gegenüber bewahrt, kommt zum feierlichen Ausdruck an dem Brudertag, an

dem die Brüder ins Haus ihrer verheirateten Schwester geladen werden.

Ist die Schwester die ältere, so nimmt sie die Ehrfurchtsbezeugung ihrer

Brüder entgegen und gibt ihnen ihren Segen, und umgekehrt. Bei der

Gelegenheit werden Geschenke getauscht, die man als Gaben der Ehrfurcht

oder des Segens bezeichnet. (Anm. d. engl. Übers.)

[34] Im Englischen: I am your Sandip. Das indische Wort sandipu

bedeutend »flammend, leuchtend«. (Übers.)

NEUNTES KAPITEL

BIMALAS ERZÄHLUNG

XV

Eine Zeitlang grübelte ich vergeblich hin und her, wie ich das Geld

bekommen sollte, bis neulich plötzlich vor meiner aufs höchste erregten

Phantasie der Weg als deutliches Bild dastand.

Jedes Jahr, um die Zeit des Festes der Göttin Kali, macht mein Gatte

meiner Schwägerin ein Ehrengeschenk von 6000 Rupien, und immer wird es

auf ihr Konto bei der Bank in Kalkutta niedergelegt. In diesem Jahr

erhielt sie diese Ehrengabe wie gewöhnlich, aber das Geld ist noch nicht

auf die Bank gebracht und wird solange in einem eisernen Geldschrank

aufbewahrt, in einer Ecke des kleinen Ankleidezimmers neben unserm

Schlafzimmer.

Jedes Jahr bringt mein Gatte das Geld selbst auf die Bank. Diesmal hat

er noch keine Gelegenheit gehabt, in die Stadt zu fahren. Mußte ich

nicht darin die Hand der Vorsehung erkennen? Das Geld ist hier

zurückgehalten, weil das Vaterland es braucht, -- wer hätte da die

Macht, es ihm zu nehmen und es auf die Bank zu bringen? Und wie könnte

ich mich weigern, es fortzunehmen? Die Göttin der Zerstörung hält mir

ihren Blutbecher hin und ruft: »Gib mir zu trinken, ich bin durstig.«

Ich will ihr mein eignes Herzblut geben mit jenen 5000 Rupien. Große

Mutter! Der, der das Geld verliert, wird den Verlust kaum fühlen, aber

mich wirst du ganz zugrunde richten!

Wie manchesmal habe ich früher meine Schwägerin innerlich eine Diebin

genannt, weil sie meinem arglosen Gatten Geld abschmeichelte. Nach dem

Tode ihres Gatten brachte sie oft Sachen, die uns gehörten, für sich auf

die Seite. Ich pflegte meinen Gatten darauf aufmerksam zu machen, aber

er sagte nichts. Oft wurde ich böse und sagte: »Wenn du Lust hast zu

schenken, so schenke meinetwegen, soviel du willst, aber warum läßt du

dich bestehlen?« Die Vorsehung muß damals über meine Klagen gelächelt

haben, denn heute bin ich es, die das, was meiner Schwägerin gehört, aus

meines Gatten Geldschrank stiehlt.

Mein Gatte hat die Gewohnheit, die Schlüssel in seiner Tasche zu lassen,

wenn er sich vor dem Schlafengehen im Ankleidezimmer auszieht und sein

Zeug dort läßt. Ich suchte mir den Schlüssel zum Geldschrank heraus und

öffnete ihn. Es war mir, als ob das leise Geräusch die ganze Welt

aufwecken müßte! Meine Hände und Füße wurden plötzlich eiskalt, und ich

zitterte am ganzen Leibe.

In dem Geldschrank ist eine Schieblade. Als ich sie öffnete, fand ich

das Geld, nicht in Banknoten, sondern in eingewickelten Goldrollen. Ich

hatte keine Zeit, mir das, was ich brauchte, abzuzählen. Es waren

zwanzig Rollen. Ich nahm sie alle und knotete sie in eine Ecke meines

Sari.

Welch ein Gewicht war das! Es war, als ob die Last des Diebstahls mich

zu Boden zöge und mein Herz in den Staub drückte. Vielleicht hätten

Banknoten es mir weniger als Diebstahl erscheinen lassen, aber dies war

alles Gold.

Nachdem ich mich wie ein Dieb zurückgeschlichen hatte, erschien mir mein

Zimmer nicht mehr wie mein eignes. All die kostbaren Rechte, die ich

daran hatte, verschwanden vor meinem Diebstahl. Ich begann leise für

mich hin zu murmeln, als ob ich Zaubersprüche murmelte: »Bande Mataram,

Bande Mataram, mein Land, mein goldnes Land, all dies Gold ist für dich,

für niemanden sonst!«

Aber in der Nacht ist der Geist schwach. Ich ging mit geschlossenen

Augen durch das Schlafzimmer zurück, in dem mein Gatte schlief, und trat

hinaus auf die offene Terrasse davor; dort warf ich mich ausgestreckt

auf den Boden, den Zipfel meines Sari mit dem Golde gegen die Brust

gepreßt. Ich fühlte jede einzelne Goldrolle und es war, als ob jede

meinem Herzen einen schmerzhaften Stoß gab.

Die Nacht stand schweigend da mit erhobenem Zeigefinger. Ich konnte mein

Haus nicht als etwas von meinem Vaterlande Getrenntes empfinden: ich

hatte mein Haus beraubt, also hatte ich auch mein Vaterland beraubt.

Durch diese Sünde hatte mein Haus aufgehört mein zu sein, auch mein Land

war mir dadurch entfremdet. Wäre ich gestorben, indem ich für mein Land

betteln ging, selbst ohne Erfolg, so wäre das ein den Göttern

willkommenes Opfer gewesen. Aber Diebstahl ist niemals Gottesdienst, --

wie kann ich denn dies Gold opfern? Ach, wehe mir! Ich bin selbst dem

Verderben geweiht, muß ich nun auch mein Vaterland durch meine sündige

Berührung beflecken?

Der Weg, das Geld zurückzubringen, ist mir abgeschnitten. Ich habe nicht

die Kraft, in das Zimmer zurückzugehen, noch einmal den Schlüssel zu

nehmen, noch einmal den Geldschrank zu öffnen, -- ich würde auf der

Schwelle vor meines Gatten Tür ohnmächtig zusammenbrechen. Der einzige

Weg, der mir bleibt, ist der Weg geradeaus weiter. Doch ich habe auch

nicht die Kraft, mich bedachtsam hinzusetzen und die Geldstücke zu

zählen. Mögen sie in ihrer Hülle bleiben, ich kann jetzt nicht rechnen.

Das Heim und die Welt · 第 11 / 17 段