nicht gesehen hätte, niemals mein ganzes Vaterland als eine Einheit
erkannt haben würde. Ich weiß noch nicht, ob Sie mich richtig verstehen.
Die Götter sind nur in ihrem Himmel unsichtbar, auf Erden zeigen sie
sich den Sterblichen.«
Bimala sah mich seltsam an, als sie ernst erwiderte: »Doch, ich verstehe
Sie, Sandip.« Es war das erste Mal, daß sie mich schlechtweg Sandip
nannte.
»Krischna,« fuhr ich fort, »den Ardschuna sonst nur als seinen
Wagenlenker gekannt hatte, offenbarte sich ihm eines Tages auch in
seiner göttlichen Gestalt, und an dem Tage sah Ardschuna die Wahrheit.
Ich habe Ihre göttliche Gestalt in meinem Vaterlande erblickt. Der
Ganges und der Brahmaputra sind die goldnen Ketten, die sich in vielen
Windungen um Ihren Nacken schlingen; im Waldsaum an den fernen Ufern des
dunklen Flusses erblickte ich die dunklen Wimpern Ihrer Augen; der
wechselnde Glanz Ihres Sari leuchtete mir in dem Spiel von Licht und
Schatten auf dem wogenden grünen Kornfeld, und die brennende
Sommerhitze, in der der Himmel schwer atmend daliegt, wie ein
verschmachtender Löwe in der Wüste, ist nichts als Ihre grausam
versengende Glut.«
»Da nun die Göttin ihrem Priester ihre Gegenwart in so wunderbarer
Gestalt offenbart hat, so ist meine Aufgabe, im ganzen Lande ihren
Dienst zu predigen, und dann wird das Land zu neuem Leben erwachen.
»›In allen Tempeln soll dein Bildnis thronen‹[29]. Aber unser Volk hat
die Wahrheit noch nicht erkannt. Daher möchte ich es in Ihrem Namen
aufrufen und in unsern Tempeln ein Bild der Göttin aufstellen, dem
niemand Glauben versagen kann. O meine Göttin, verleih mir die Macht
dazu!«
Bimala hatte die Augen geschlossen und saß da wie ein Steinbild. Hätte
ich weitergesprochen, so wäre sie in Verzückung erstarrt. Als ich
schwieg, schlug sie die Augen groß auf und murmelte wie betäubt mit
starrem Blick: »O Wanderer auf dem Pfade des Verderbens! Wer kann deine
Schritte aufhalten? Sehe ich doch, daß niemand deinen Begierden Einhalt
tut. Könige werden ihre Krone dir zu Füßen legen, die Reichen werden
sich beeilen, dir ihren Schatz zu öffnen; die nichts weiter haben,
werden bitten, ihr Leben für dich hingeben zu dürfen. O mein König, mein
Gott! Was du in mir siehst, weiß ich nicht, aber ich habe die
Unermeßlichkeit deiner Größe in meinem Herzen erkannt. Wer bin ich, was
bin ich, vor dir? Ach, wie furchtbar ist deine vernichtende Gewalt! Ich
werde nicht wahrhaft leben, bis sie mich ganz zerstört. Ich kann es
nicht länger ertragen, mir bricht das Herz.«
Bimala glitt von ihrem Stuhl und umklammerte meine Füße, und dann brach
sie in ein unaufhaltsames Schluchzen aus.
Dies ist nun wirklich Hypnotismus, -- der Zauber, mit dem man sich die
Welt unterwirft! Man bedarf dazu keiner Waffen, sondern nur einer
unwiderstehlichen Suggestionskraft. Wer sagt noch: »Die Wahrheit wird
triumphieren?«[30] Nein, es ist die Täuschung, die den endgültigen Sieg
davonträgt. Der Bengale hatte dies erkannt, als er das Bild der
zehnhändigen auf einem Löwen reitenden Göttin erfand und ihren Dienst in
seinem Lande verbreitete. Jetzt muß Bengalen ein neues Götzenbild
erfinden, um die Welt zu berücken und zu erobern. Bande Mataram!
Ich hob Bimala sanft auf und ließ sie auf ihren Stuhl nieder, und aus
Furcht, daß eine Reaktion eintreten könnte, begann ich von neuem, ohne
Zeit zu verlieren: »Königin! Die göttliche Mutter hat mir die Pflicht
auferlegt, ihr in diesem Lande einen Tempel zu bauen. Aber ach, ich bin
arm!«
Bimala war noch in höchster Erregung. Ihre Augen glühten dunkel, ihre
Stimme war heiser, als sie erwiderte: »Sie arm? Gehört nicht alles, was
jeder von uns besitzt, Ihnen? Wozu habe ich meine Kästen mit Juwelen?
Nehmen Sie all mein Gold und meine Edelsteine für Ihren Gottesdienst!
Ich brauche sie nicht!«
Bimala hatte mir schon einmal ihren Schmuck angeboten. Ich pflegte sonst
keine Grenzen zu setzen, aber ich fühlte, daß ich es hier mußte[31]. Ich
weiß, warum ich hier zaudere. Dem Mann geziemt es, der Frau Schmuck zu
schenken; es verletzt seine Männlichkeit, wenn er ihn von ihr annimmt.
Aber ich darf nicht an mich denken. Nehme ich ihn denn an? Er soll als
Opfer der göttlichen Mutter zu Füßen gelegt werden. O, es soll eine
großartige Opferfeier werden, wie das Land sie noch nie vorher gesehen
hat. Sie soll ein Markstein in unsrer Geschichte werden. Sie soll mein
höchstes Vermächtnis an die Nation sein. Unwissende Menschen beten
Götter an. Ich, Sandip, werde sie _erschaffen_.
Aber alles dies liegt noch in weiter Ferne. Wie werden wir der Not des
Augenblicks gerecht? Wenigstens dreitausend Rupien sind unbedingt nötig,
fünftausend würden gerade gut hinreichen. Aber wie in aller Welt könnte
ich jetzt von Geld sprechen, nachdem unsre Gedanken diesen hohen Flug
genommen haben? Und doch ist die Zeit kostbar!
Ich zwang alles Bedenken mit Gewalt nieder, als ich aufspringend rief:
»Königin! Unsre Mittel sind erschöpft, unser Werk wird daran scheitern!«
Bimala zuckte zusammen. Ich sah, sie dachte an die unmöglichen 50000
Rupien. Welche Last mußte sie die ganze Zeit auf dem Herzen gehabt
haben! Vielleicht hatte sie in schlaflosen Nächten darunter gestöhnt.
Was hatte sie sonst als Opfer ihrer Liebe darzubringen? Da sie mir nicht
ihr Herz selbst zu Füßen legen konnte, sehnte sie sich danach, diese
Summe, die für sie so hoffnungslos groß war, zum Träger ihrer
gefangenen Gefühle zu machen. Der Gedanke an das, was sie gelitten haben
mußte, berührte mein Gewissen quälend; denn sie war jetzt ganz mein. Die
Pflanze war mit den Wurzeln aus dem Boden gerissen und damit das
Schlimmste getan. Jetzt bedurfte es nur noch der sorgfältigen Pflege und
Nahrung.
»Königin!« sagte ich, »jetzt im Augenblick haben wir die 50000 Rupien
noch nicht gerade nötig. Ich denke, daß wir einstweilen mit 5000 oder
sogar mit 3000 auskommen.«
Sie war wie von einem Alp befreit. »Ich werde Ihnen 5000 holen«, sagte
sie in einem Ton, als wollte sie in ein Jubellied ausbrechen, -- in das
Lied, das Radhika in den Wischnu-Liedern sang:
Die Blume aller Blumen will ich suchen,
Daß sie als Schmuck die dunklen Flechten ziere,
Wenn der Geliebte naht.
-- es ist dieselbe Weise, dasselbe Lied: fünftausend will ich bringen!
Mit dieser Blume will ich mein Haar schmücken!
Die Zurückhaltung der Flöte ist es, die diesem Liede seinen Wohllaut
gibt. Ich darf nicht meine Begierde zu heftig in ihr Rohr blasen
lassen, sonst würde, fürchte ich, statt der Musik die Frage ertönen:
»Warum?« »Wozu so viel?« »Woher soll ich das schaffen?« -- ganz andere
Töne, als das Lied, das Radhika sang! So habe ich recht, wenn ich sage,
die Illusion allein ist wirklich, -- sie ist die Flöte selbst, während
die Wahrheit nichts als ihre leere Höhlung ist. Nikhil hat in dieser
letzten Zeit diese bloße Leere spüren müssen, -- man sieht es an dem
Ausdruck seines Gesichts, der selbst mich schmerzlich berührt. Aber
Nikhil pflegte sich zu rühmen, daß es ihm um die Wahrheit zu tun sei,
während ich mich rühmte, daß ich mir die Illusion nicht rauben lassen
wollte. Nun hat jeder, was er wollte; was gibt es da zu klagen?
Um Bimalas Herz nicht aus der dünnen Luft des Idealismus zu reißen,
brach ich jede weitere Erörterung über die 5000 Rupien ab. Ich kam
wieder auf die Dämonen vernichtende Göttin und ihren Gottesdienst zu
sprechen. Wann sollte die Feierlichkeit stattfinden, und wo? In Ruimari,
einem Ort, der zu Nikhils Gebiet gehört, findet einmal im Jahre eine
grosse Messe statt, wo Hunderttausende von Pilgern sich versammeln. Das
würde eine großartige Gelegenheit sein für die feierliche Eröffnung des
Kultes unsrer Göttin.
Bimala glühte vor Begeisterung. Hier handelte es sich nicht um das
Verbrennen von ausländischen Stoffen oder gar um das Niederbrennen von
Scheunen, selbst Nikhil könnte also nichts dagegen haben, -- so meinte
sie. Aber ich lächelte innerlich. Wie wenig doch diese beiden Menschen,
die ganze neun Jahre lang Tag und Nacht zusammen gelebt haben, von
einander wissen! Sie wissen vielleicht etwas von ihrem häuslichen Leben,
aber wenn es sich um Außendinge handelt, so sind sie ganz ratlos. Sie
haben in dem schönen Wahn gelebt, daß das Heim und die Außenwelt in
vollkommener Harmonie ständen. Heute müssen sie zu ihrem Leidwesen
einsehen, daß es zu spät ist, die jahrelange Versäumnis nachzuholen und
beide miteinander in Harmonie zu bringen.
Doch was macht das? Mögen die, die den Fehler gemacht haben, beim
Zusammenstoß mit der Welt ihren Irrtum erkennen! Was kümmert mich ihre
Not? Für den Augenblick wird es mir lästig, Bimala noch länger wie einen
Fesselballon in höhern Regionen schweben zu lassen. Es ist besser, ich
bringe die Geldsache erst in Ordnung.
Als Bimala aufstand, um fortzugehen, und schon nahe der Tür war, sagte
ich so ganz nebenbei: »Und was das Geld anbetrifft...«
Bimala hielt an, und sich nach mir umsehend sagte sie: »Ende dieses
Monats, wenn ich mein Monatsgeld bekomme...«
»Das würde viel zu spät sein, fürchte ich.«
»Wann brauchen Sie es denn?«
»Morgen.«
»Gut -- Sie sollen es morgen haben.«
Fußnoten:
[29] Zitat aus der Nationalhymne Bande Mataram von Bankin
Tschatterdschi.
[30] Ein Zitat aus den Upanischads.
[31] Es hängt eine Welt von Gefühlen an dem Schmuck der
bengalischen Frauen. Er legt nicht nur Zeugnis ab von der Liebe und
Achtung des Gebers, sondern er wird auch getragen als Symbol für alles,
was man am Weibe am höchsten schätzt, -- die beständige Sorge um das
Wohl ihres Gatten, die erfolgreiche Verrichtung aller materiellen und
geistigen Pflichten, die der Haushalt ihr auferlegt. Wenn der Gatte
stirbt und die Verantwortung für den Haushalt in andere Hände übergeht,
dann wirft die Witwe allen Schmuck beiseite, als ein Zeichen, daß sie
allen weltlichen Interessen entsagt. Zu jeder andern Zeit aber ist der
Verzicht auf Schmuck immer ein Zeichen von höchster Not und appelliert
als solches aufs lauteste an die Ritterlichkeit eines jeden Bengalen,
der zufällig Zeuge davon ist. (Anmerkg. d. engl. Übers.)
ACHTES KAPITEL
NIKHILS ERZÄHLUNG
X
Die Lokalzeitungen haben angefangen, Artikel und Briefe gegen mich zu
veröffentlichen, und ich höre, daß Karikaturen und Schmähschriften
folgen sollen. Witz und Humor lassen ihren Übermut an mir aus, und über
die Lügen, die auf diese Weise verbreitet werden, krümmt sich das ganze
Land vor Lachen. Sie wissen, daß sie das Monopol haben, die Leute mit
Schmutz zu bewerfen, und so kommt der harmlose Vorübergehende nicht
unbesudelt davon.
Sie sagen, daß meine sämtlichen Gutsinsassen, vom höchsten bis zum
niedrigsten, Freunde der Swadeschi-Bewegung sind, aber aus Furcht vor
mir es nicht wagen, sich als solche zu bekennen. Die wenigen, die tapfer
genug waren, mir zu trotzen, haben die ganze Härte meiner Verfolgung
fühlen müssen. Ich bin im geheimen Einverständnis mit der Polizei und
mit dem Magistrat, und diese verzweifelten Anstrengungen, mir zu meinem
ererbten Titel noch einen ausländischen zu erwerben, sollen alle
Aussicht auf Erfolg haben.
Auf der andern Seite sind die Zeitungen des Lobes voll von den Zemindars
Kundu und Tschakravarti, den treu ergebenen Söhnen des Vaterlandes. Wenn
das Land nur noch ein paar solche tapfre Patrioten mehr hätte, heißt es,
so würden die Fabriken von Manchester sich bald ihr eigenes Grablied
nach der Melodie des Bande Mataram singen müssen.
Dann folgt in blutroten Lettern eine Liste der verräterischen Zemindars,
deren Schatzhäuser man verbrannt hat, weil sie die Sache nicht
unterstützen wollten. »Das heilige Feuer«, heißt es weiter, »ist
aufgerufen, daß es seinen heiligen Beruf erfülle und das Land reinige,
und noch andere Kräfte sind am Werk, die dafür sorgen, daß die, die
nicht wahre Söhne des Mutterlandes sind, sich nicht länger auf seinem
Schoß breitmachen.« Die Unterschrift ist augenscheinlich ein Pseudonym.
Ich merkte, daß unsre Studenten dahinter steckten, daher ließ ich einige
von ihnen rufen und zeigte ihnen den Brief.
Einer der Studenten berichtete mir mit ernster Miene, sie hätten auch
gehört, daß eine Schar entschlossener Patrioten sich zusammengetan habe,
die rücksichtslos jedes Hindernis, das sich der Swadeschi-Bewegung
entgegenstellte, aus dem Wege räumen wolle.
»Wenn auch nur einer unserer Landsleute diesen verwegenen Gesellen zum
Opfer fällt,« sagte ich, »so bedeutet dies in der Tat eine Niederlage
unseres Vaterlandes.«
»Das verstehen wir nicht, Maharadscha«, sagte ein Student der
Geschichte.
Ich versuchte, ihnen meine Meinung zu erklären.
»Unser Vaterland«, sagte ich, »ist durch bloße Furcht bis an den Rand
des Abgrunds gebracht, -- Furcht vor den Göttern bis hinab zu der Furcht
vor der Polizei; und wenn ihr nun im Namen der Freiheit ein anderes
Schreckgespenst aufstellt, -- wie ihr es auch nennen mögt --, wenn ihr,
mit der Schwäche eures Vaterlandes rechnend, es durch offene Gewalt
eurem Willen unterwerfen wollt, so kann keiner, der sein Vaterland
wirklich liebt, auf eurer Seite sein.«
»Gibt es denn irgend ein Land,« fragte der Geschichtsstudent weiter,
»das sich aus einem andern Grunde als aus Furcht seiner Regierung
unterwirft?«
»Die Freiheit, die in einem Lande herrscht,« erwiderte ich, »kann man
nach dem Grade bemessen, in dem die Furcht dort herrscht. Wo ihre
Herrschaft sich auf die beschränkt, die rauben und plündern möchten, da
kann die Regierung sich rühmen, den Menschen von der Gewalttätigkeit des
Menschen befreit zu haben. Aber wo Furcht darüber wachen soll, wie die
Menschen sich kleiden, wo sie Handel treiben und was sie essen, da hat
man keine Achtung vor der Willensfreiheit des Menschen und zerstört die
Menschheit an der Wurzel.«
»Übt man in andern Ländern nicht auch solchen Zwang auf den
Einzelwillen?« fragte der Geschichtsstudent weiter.
»Wer leugnet dies?« rief ich aus. »Aber in allen diesen Ländern hat der
Mensch erst seine Menschheit zerstören müssen, damit die Sklaverei
gedeihen konnte.«
»Beweist es nicht vielmehr,« warf ein älterer Student dazwischen, »daß
Sklaverei dem Menschen angeboren und eine Grundtatsache seiner Natur
ist?«
»Sandip Babu setzte die Sache sehr klar auseinander«, sagte ein dritter.
»Er gab uns das Beispiel Ihres Nachbarn, des Zemindars Harisch Kundu.
Auf seinen Gütern würden Sie auch nicht eine einzige Unze ausländischen
Salzes finden. Woher kommt dies? Weil er immer mit eiserner Faust
regiert. Für die, die von Natur Sklaven sind, ist es das größte Elend,
wenn ihnen ein strenger Herr fehlt.«
»Ei, Herr,« fiel ein jüngerer Student ein, »haben Sie denn nicht von dem
widerspenstigen Pächter des andern Zemindars hier in der Nähe,
Tschakravarti, gehört, wie man gesetzlich gegen ihn vorging, bis er in
äußerste Not geriet? Als er schließlich gar nichts mehr zu essen hatte,
ging er aus, um die silbernen Schmuckstücke seiner Frau zu verkaufen,
aber niemand wagte, sie ihm abzunehmen. Dann bot ihm Tschakravartis
Verwalter fünf Rupien für alles zusammen. Sie waren über dreißig wert,
aber er mußte den Handel annehmen oder Hungers sterben. Nachdem der
Verwalter ihm die Sachen abgenommen hatte, sagte er kalt, daß diese fünf
Rupien auf seinen Pachtzins gutgeschrieben werden sollten! Als wir das
hörten, waren wir so empört, daß wir mit Tschakravarti oder seinem
Verwalter nichts mehr zu tun haben wollten, aber Sandip Babu sagte uns,
wenn wir die lebendigen Menschen so beiseite werfen wollten, so müßten
wir uns schließlich die Toten von den Verbrennungsplätzen holen, um
unsre Sache auszufechten! Lebendige Menschen wie diese, bewies er uns,
wissen, was sie wollen und wie sie es erreichen, -- sie sind die
geborenen Herrscher. Die, die keine eigenen Wünsche haben, müssen sich
den Wünschen solcher Menschen fügen oder durch sie zugrunde gehen.
Sandip Babu stellte sie -- Kundu und Tschakravarti -- in Gegensatz zu
Ihnen, Maharadscha. Ihnen, sagte er, wird es bei all Ihren guten
Absichten nie gelingen, die Fahne der Swadeschi-Bewegung auf Ihrem
Gebiet aufzupflanzen.«
»Ich möchte«, sagte ich, »etwas Größeres pflanzen. Mir ist es nicht um
tote Pfähle zu tun, sondern um lebendige Bäume, und diese brauchen Zeit
zum Wachsen.«
»Ich fürchte, Herr,« bemerkte der Geschichtsstudent höhnisch, »Sie
werden weder Pfähle noch Bäume bekommen. Sandip Babu lehrt ganz richtig,
daß man zugreifen muß, wenn man etwas haben will. Wir brauchen alle
etwas Zeit, um dies zu lernen, weil es dem widerspricht, was wir in der
Schule gelernt haben. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie einer von
Harisch Kundus Pachteinnehmern einen der Pächter, der nichts anderes
mehr zu verkaufen hatte, zwang, sein junges Weib herzugeben! An Käufern
fehlte es nicht, und die Forderung des Zemindars wurde befriedigt. Ich
kann Ihnen sagen, Herr, der Anblick des verzweifelten Mannes ließ mich
nächtelang nicht schlafen! Aber was mein Gefühl auch sagte, soviel war
mir klar, daß der Mann, der das Geld, das er haben will, zu bekommen
weiß, und sollte er auch das Weib seines Schuldners verkaufen, -- daß
dieser ein besserer Mann ist als ich. Ich gebe zu, daß ich nicht dazu
imstande wäre, ich bin ein Schwächling, meine Augen füllten sich beim
Anblick solcher Not mit Tränen. Aber wenn irgend jemand unser Vaterland
retten kann, so sind es diese Kundus und Tschakravartis und ihre Leute.«
Ich fand keine Worte für mein Entsetzen. »Wenn das, was Sie sagen, wahr
ist,« rief ich aus, »so sehe ich klar, daß es die Aufgabe meines Lebens
sein muß, das Vaterland zu retten. Die Sklaverei, die uns bis ins Mark
gedrungen ist, kommt bei dieser Gelegenheit als entsetzliche Tyrannei
zum Ausbruch. Ihr seid so gewohnt, euch aus Furcht der Macht zu
unterwerfen, daß für euch der Glaube an die Notwendigkeit der
Unterwerfung der Schwächeren eine Art Religion geworden ist. Mein Kampf
soll gegen diese Schwäche, gegen diese abscheuliche Grausamkeit
gerichtet sein.«
Diese Dinge, die für gewöhnliche Menschen so einfach sind, verwirren
sich unglaublich in den Köpfen der Studenten, und der einzige Zweck
ihrer historischen Sophistereien scheint zu sein, die Wahrheit zu
verdrehen!
XI
Pantschus vorgebliche Tante macht mir zu schaffen. Es wird schwer sein,
sie des Betrugs zu überführen, denn obwohl es oft schwierig oder
unmöglich ist, Zeugen für ein wirkliches Geschehnis zu finden, so
lassen sich doch immer für etwas, was gar nicht geschehen ist, unzählige
Beweise aufbringen. Der Zweck dieses Schachzuges ist augenscheinlich,
den Verkauf von Pantschus Pachthof an mich rückgängig zu machen.
Da ich keinen andern Ausweg finden konnte, dachte ich daran, Pantschu
auf meinem Gebiet ein Stück Land in Erbpacht zuzuweisen und eine Hütte
darauf bauen zu lassen. Aber mein Lehrer wollte davon nichts wissen. Er
meinte, ich solle solchem boshaften Treiben gegenüber nicht gutwillig
nachgeben, und erklärte sich bereit, die Sache selbst in die Hand zu
nehmen.
»Sie, Meister?« rief ich höchst überrascht.
»Ja, ich«, wiederholte er.
Ich konnte mir durchaus nicht vorstellen, wie mein Lehrer irgend etwas
gegen diese juristischen Ränke tun könnte. An diesem Abend kam er nicht
wie sonst zur gewohnten Stunde zu mir. Als ich mich nach ihm erkundigte,
erfuhr ich von seinem Diener, daß er mit einem kleinen Koffer, in den er
ein paar Sachen und etwas Bettzeug gepackt hatte, abgereist sei und in
einigen Tagen zurück sein werde. Ich dachte, daß er sich vielleicht
aufgemacht hätte, um im Dorf, wo der Onkel Pantschus gelebt hat, Zeugen
zu finden. Aber solch Unternehmen schien mir ganz aussichtslos...
Am Tage vergesse ich mich über meiner Arbeit. Aber wie der
Spätherbstnachmittag langsam vorrückt und die Farben am Himmel trübe
werden, trüben sich auch meine Gefühle. Es gibt viele in dieser Welt,
deren Seele in Steinhäusern wohnt, -- sie brauchen sich um das Draußen
nicht zu kümmern. Aber meine Seele wohnt unter den Bäumen im freien
Felde; sie nimmt die Botschaften, die die freien Winde bringen,
mittelbar in sich auf, und die ganze Tonleiter von Licht und Dunkel
findet Widerhall und Antwort in ihrer innersten Tiefe.
Solange der helle Tag um mich leuchtet und ich mitten im Getriebe der
Menschen bin, scheint es, als ob meinem Leben nichts fehlt. Aber wenn
die Farben am Horizont verblassen und der Himmel die Vorhänge über seine
Fenster zieht, dann fühlt mein Herz, daß der Abend auch für mich wie ein
Vorhang herabsinkt, um die Welt draußen auszuschließen und die Stunde zu
künden, wo die Dunkelheit sich mit dem Einen füllen muß. Erde, Himmel
und Wasser rufen es uns zu, und ich kann mein Ohr nicht ihrem Ruf
verschließen. Wenn daher die Dämmerung immer tiefer wird, wie der Blick
aus den dunklen Augen der Geliebten, so sagt mir mein ganzes Wesen, daß
die Arbeit allein nicht der wahre Sinn des Lebens sein kann, daß sie
allein nicht Inhalt und Zweck des menschlichen Daseins sein soll, denn
der Mensch soll nicht ein bloßer Sklave sein -- auch nicht der Sklave
des Wahren und Guten.
Ach, Nikhil, wo ist der Teil seines Selbst geblieben, der sonst, wenn
die Arbeit des Tages getan war, unter dem Sternenhimmel alle Fesseln von
sich warf und hineintauchte in die unendlichen Tiefen des nächtlichen
Dunkels? Wie furchtbar einsam ist doch der, dem in der Mannigfaltigkeit
des Lebens der Gefährte fehlt!
Neulich abends, um die Zeit, wo Tag und Nacht sich auf der Schwelle
begegnen, hatte ich gerade nicht zu arbeiten, war auch nicht zum
Arbeiten aufgelegt, und auch mein Lehrer war nicht da, um mir
Gesellschaft zu leisten. Mein Herz war wie ein leer dahintreibendes
Boot, das einen Ankerplatz sucht, und so schlenderte ich den inneren
Gärten zu. Ich liebe die Chrysanthemen sehr, und an der einen Seite des
Parkes habe ich ganze Reihen davon in allen Spielarten an der Mauer
entlang in Töpfen hintereinander aufstellen lassen. Als sie blühten, sah
es aus, als ob eine grüne Woge sich in Schaum von allen Regenbogenfarben
auflöste. Ich war längere Zeit nicht nach diesem Teil des Parkes
gekommen, und der Gedanke, meine Chrysanthemen nach langer Trennung
wiederzusehen, erfüllte mich mit freudiger Erwartung.
Als ich eintrat, sah der Vollmond gerade über die Mauer, deren Fuß noch
im tiefen Schatten lag. Es war, als ob er sich von hinten auf den Zehen
herangeschlichen hätte und mutwillig lächelnd der Dunkelheit die Augen
zuhielte. Als ich mich der Terrasse von Chrysanthemen näherte, sah ich
davor eine Gestalt im Grase ausgestreckt. Mein Herz stockte plötzlich.
Auch die Gestalt richtete sich beim Nahen meiner Schritte erschrocken
auf.
Was sollte ich in dem Augenblick tun? Ich schwankte, ob ich mich noch
schnell zurückziehen sollte. Auch Bimala überlegte augenscheinlich, wie
sie mir entkommen könnte. Aber es schien mir ebenso ungeschickt, jetzt
fortzugehen, wie zu bleiben. Bevor ich mich entschließen konnte, stand
Bimala auf, schlug das Ende ihres Sari über den Kopf und ging fort, den
inneren Gemächern zu.
Diese kurze Pause hatte genügt, um mir das ganze Elend Bimalas
klarzumachen. Und sofort verstummte die Klage meines eigenen Lebens. Ich
rief aus: »Bimala!«
Sie fuhr zusammen und hielt an, doch wandte sie sich nicht um. Ich trat
hinzu und stand vor ihr. Ihr Gesicht war im Schatten, das Mondlicht fiel
auf meines. Sie hatte die Augen gesenkt, die Hände krampfhaft
zusammengepreßt.
»Bimala,« sagte ich, »warum sollte ich versuchen, dich in diesem
verschlossenen Käfig bei mir festzuhalten? Weiß ich denn nicht, daß du
auf diese Weise vor Kummer und Sehnsucht vergehen mußt?«
Sie stand still da, ohne die Augen zu erheben oder ein Wort zu sagen.
»Ich weiß,« fuhr ich fort, »daß, wenn ich dich mit Gewalt gefesselt
halten wollte, mein ganzes Leben nichts mehr sein würde als eine
eiserne Kette. Welche Freude könnte ich davon haben?«
Sie schwieg noch immer.
»Daher sage ich dir aufrichtig, Bimala,« schloß ich, »du bist frei. Was
immer ich dir auch gewesen bin oder vergeblich zu sein versucht habe, --
deine Fessel will ich nicht sein.« Und damit ging ich nach den äußeren
Gemächern.