Die Sache ist nämlich die: wenn wir die verbrannten ausländischen Stoffe

jedesmal durch indische Stoffe ersetzen und noch obendrein einen Prozeß

durchkämpfen sollen, -- woher sollen wir das Geld nehmen? Und das Beste

dabei ist, daß die Zerstörung ausländischer Waren den Bedarf noch

vermehrt und damit also den Fremden Vorteil bringt. Es geht ihnen damit

wie dem glücklichen Händler, dem der Nabob seine Kristalleuchter

zerbrach, weil ihm das Klirren des zerbrechenden Glases so viel Spaß

machte.

Eine andere Frage ist, ob wir, da es keine billigen bunten indischen

Wollstoffe gibt, die Boykottierung der ausländischen Flanelle und

Merinos so streng durchführen oder eine Ausnahme zu ihren Gunsten machen

sollen.

»Weißt du,« sagte ich schließlich in bezug auf den ersten Punkt, »wir

werden auf keinen Fall fortfahren, denen, deren ausländische Stoffe

beschlagnahmt sind, dafür indische Stoffe zum Geschenk zu machen. Die

Strafe soll sie treffen, nicht uns. Wenn sie uns verklagen, so müssen

wir es ihnen dadurch heimzahlen, daß wir ihnen ihre Scheunen

niederbrennen! -- Was erschreckt dich dabei, Amulja? Es ist nicht die

Aussicht auf ein großartiges Feuerwerk, was mich lockt. Du mußt

bedenken, daß wir im Kriege sind. Wenn du Angst hast, Leiden zu

verursachen, so geh und suche dir Liebesfreuden; für unsre Aufgabe

können wir dich dann nicht brauchen!«

Die zweite Frage entschied ich dahin, daß ausländische Waren auf jeden

Fall verboten bleiben sollten und wir uns auf keinen Kompromiß

einlassen wollten. In der guten alten Zeit, als man diese bunt gefärbten

ausländischen Schals bei uns noch nicht kannte, wurden unsre Landleute

ganz gut mit ihren einfachen baumwollenen Tüchern fertig, das müssen sie

wieder lernen. Sie sehen vielleicht nicht so prächtig aus, aber jetzt

ist nicht die Zeit, an das Aussehen zu denken.

Die meisten von den Bootsleuten waren dafür gewonnen, daß sie sich

weigerten, ausländische Waren überzusetzen, aber der Hauptfährmann,

Mirdschan, war noch widerspenstig.

»Könnten Sie nicht einfach sein Boot versenken?« fragte ich unsern

hiesigen Verwalter.

»Nichts leichter als das«, erwiderte er. »Aber wie, wenn man mich

nachher zur Verantwortung zieht?«

»Wer wird die Sache so plump anfangen, daß man ihn zur Verantwortung

ziehen kann? Doch wenn es dazu kommt, so will ich es schon auf mich

nehmen.«

Mirdschans Boot lag an der Landungsstelle angebunden, nachdem es die

Ladung zum Marktplatz übergesetzt hatte. Es war niemand darin, denn der

Geschäftsführer hatte eine Unterhaltung veranstaltet, zu der alle

eingeladen waren. Als es dunkel geworden war, wurde das Boot, nachdem

man es mit Schutt beladen hatte, durchbohrt und aufs Wasser gestoßen. Es

sank mitten auf dem Wasser.

Mirdschan verstand alles. Er kam weinend zu mir und bat um Gnade. »Ich

hatte unrecht, Herr --« begann er.

»Wie kommt es, daß du das jetzt plötzlich einsiehst?« fragte ich

höhnisch.

Er gab keine direkte Antwort. »Das Boot war 2000 Rupien wert«, sagte er.

»Ich sehe jetzt meine Schuld ein, und wenn Sie mir diesmal verzeihen, so

werde ich nie mehr...« und damit warf er sich mir zu Füßen.

Ich sagte ihm, er solle in zehn Tagen wiederkommen. Wenn wir ihm nur

gleich die 2000 Rupien bezahlen könnten, so würde er mit Leib und Seele

unser sein. Und er ist gerade der Mann, der unsrer Sache ungeheure

Dienste leisten könnte, wenn wir ihn für uns gewännen. Wir werden nie

ordentlich vorwärts kommen, wenn wir nicht die nötigen Mittel in Händen

haben.

Sobald Bimala des Abends ins Wohnzimmer kam, ging ich ihr entgegen:

»Königin! Alles ist bereit, der Erfolg wartet, aber wir müssen Geld

haben.«

»Geld? Wieviel?«

»Nicht so sehr viel, aber auf die eine oder andre Weise müssen wir es

bekommen.«

»Aber wieviel denn?«

»Augenblicklich genügen bloße 50000 Rupien.«

Bimala fuhr innerlich zusammen, als sie die Zahl hörte, aber sie

versuchte, es nicht zu zeigen. Wie konnte sie sich wieder geschlagen

geben?

»Königin!« sagte ich, »nur Sie können das Unmögliche möglich machen. Das

haben Sie in Wahrheit schon getan. Oh, daß ich Ihnen die ganze Größe

Ihrer Leistung zeigen könnte, dann würden Sie es wissen. Aber jetzt

handelt es sich um etwas anderes. Jetzt brauchen wir Geld.«

»Sie sollen es haben«, sagte sie.

Ich sah, daß sie auf den Gedanken gekommen war, ihre Schmucksachen zu

verkaufen. Daher sagte ich: »Ihre Schmucksachen müssen unsre Reserve

bleiben. Man kann nie wissen, wann wir sie brauchen.« Und als Bimala

mich in stummer Bestürzung anstarrte, fuhr ich fort: »Dies Geld muß aus

der Kasse Ihres Gatten kommen.«

Bimala war noch bestürzter. Nach einer langen Pause fragte sie: »Aber

wie soll ich sein Geld bekommen?«

»Gehört sein Geld nicht ebensogut Ihnen?«

»Ach, nein!« sagte sie, von neuem in ihrem Stolz verletzt.

»Nun,« rief ich, »dann gehört es auch nicht ihm, sondern seinem

Vaterlande, dem er es in der Zeit der Not entzogen hat!«

»Aber wie soll ich es mir verschaffen?« wiederholte sie.

»Verschaffen müssen und werden Sie es sich. Wie Sie es anfangen, das

wissen Sie selbst am besten. Sie müssen es sich für die Göttin

verschaffen, der es mit Recht gehört. Bande Mataram! Dies ist das

Zauberwort, das die Tür seines eisernen Geldschranks öffnen, die Wände

seiner Stahlkammer durchbrechen und die Herzen derer beschämen wird, die

pflichtvergessen ihrem Ruf nicht folgen. Sagen Sie Bande Mataram,

Bienenkönigin!«

»Bande Mataram!«

SIEBENTES KAPITEL

SANDIPS ERZÄHLUNG

VIII

Wir sind Männer, wir sind Könige, und unser Tribut muß uns werden.

Solange wir auf der Erde sind, haben wir sie geplündert; und je mehr wir

verlangten, je mehr hat sie uns gewährt. Von Urzeiten her haben wir

Männer Früchte gepflückt, Bäume abgehauen, den Boden umgegraben,

Säugetiere, Vögel und Fische getötet. Vom Meeresboden, aus den Tiefen

der Erde, ja aus dem Rachen des Todes haben wir errafft, was wir nur

erraffen konnten; keinen Verschluß in der Vorratskammer der Natur haben

wir respektiert und unerbrochen gelassen.

Die einzige Lust dieser Erde ist, das Begehren derer zu erfüllen, die

Männer sind. Die endlosen Opfer, die sie ihnen gebracht hat, sind es,

die sie fruchtbar und schön und vollkommen gemacht haben. Ohne diese

Opfer würde sie in der Wildnis verloren sein, sie würde sich selbst

nicht kennen, die Türen ihres Herzens würden sich nie geöffnet, ihre

Diamanten und Perlen nie das Licht erblickt haben.

So haben die Männer auch, nur dadurch, daß sie immer wieder forderten,

alle latenten Möglichkeiten der Frauen erschlossen. In dem Maße, wie sie

sich uns hingaben, haben sie immer ihre wahre Größe erlangt. Weil sie

alle Diamanten ihres Glücks und alle Perlen ihres Leides in unser

königliches Schatzhaus bringen mußten, haben sie ihren wahren Reichtum

gefunden. So bedeutet für die Männer »annehmen« in Wahrheit »geben«, und

für die Frauen heißt »geben« in Wahrheit »gewinnen«.

Was ich jedoch von Bimala verlangt habe, ist wirklich sehr viel! Zuerst

hatte ich Bedenken, denn es ist ja nun einmal eine Eigenschaft des

menschlichen Geistes, in zwecklosem Streit mit sich selbst zu sein. Ich

fürchtete, ich hätte ihr eine zu schwere Aufgabe auferlegt. Mein erster

Impuls war, sie zurückzurufen und ihr zu sagen, ich wollte lieber nicht

ihr Leben elend machen, dadurch, daß ich sie in alle diese Sorgen

hineinzöge. Ich vergaß in dem Augenblick, daß der Mann die Frau ja nicht

schonen darf, wenn er ihr Dasein fruchtbar machen will, daß es seine

Aufgabe ist, die Ruhe und Passivität ihres Wesens zu stören und dadurch,

daß er den unermeßlichen Abgrund des Leidens in ihr aufwühlt, der ganzen

Welt Segen zu bringen. Darum ist des Mannes Hand so stark und sein Griff

so fest.

Bimala hatte sich von ganzem Herzen danach gesehnt, daß ich, Sandip, ein

großes Opfer von ihr fordern, sie in den Tod schicken möchte. Welch

anderes Glück gab es denn sonst für sie? Hatte sie nicht alle diese öden

Jahre auf eine Gelegenheit gewartet, sich zu Tode zu weinen, -- so

überdrüssig war sie der Eintönigkeit ihres ruhigen Glücks! Und daher

wurde, sobald sie mich erblickte, der Horizont ihres Herzens von den

Wolken verdunkelt, die ihr Leben mit Angst und Qual bedrohten. Wenn ich

Mitleid mit ihr habe und sie vor ihrem Leid zu bewahren suche, wozu bin

ich dann als Mann in die Welt gekommen?

Der wahre Grund meiner Bedenken ist, daß es sich bei meiner Bitte um

Geld handelt. Das sieht nach Bettelei aus, denn das Geld ist Sache des

Mannes, nicht der Frau. Darum mußte ich eine so große Summe nennen. Ein-

bis zweitausend hätte nach einem kleinlichen Diebstahl ausgesehen.

Fünfzigtausend hat die ganze Größe und Romantik eines kühnen Raubes.

Ach, aber ich hätte wirklich reich sein sollen! So viele von meinen

Wünschen haben immer wieder auf ihrem Wege zum Ziel haltmachen müssen,

nur weil es mir an Geld fehlte. Dies paßt nicht zu mir! Wäre das

Schicksal bloß ungerecht, so könnte ich es verzeihen, -- aber solche

Stillosigkeit ist unverzeihlich. Es ist nicht nur hart, daß ein Mann wie

ich nicht weiß, wie er es anfangen soll, seine Miete zu bezahlen, oder

daß er sorgfältig die Groschen für eine Fahrkarte zweiter Klasse

zusammensuchen muß, -- es ist plebejisch!

Es ist ebenso klar, daß Nikhils väterliches Erbe für ihn einen Überfluß

bedeutet. Zu ihm hätte Armut ganz gut gepaßt. Er hätte zusammen mit

seinem treuen Lehrer sich ganz fröhlich ins Joch des bedürftigen

Mittelstandes gespannt.

Es wäre mir eine Lust, könnte ich nur ein einziges Mal fünfzigtausend

Rupien im Dienste meines Vaterlandes und ganz nach meiner eigenen Laune

verschleudern. Ich bin ein geborener Nabob, und mein schönster Traum

ist, einmal, wenn auch nur für einen Tag, diese Maske der Armut

loszuwerden und mich in meiner wahren Gestalt zu sehen.

Ich habe jedoch meine ernsten Zweifel, ob Bimala je zu diesen 50000

Rupien gelangen wird, und wahrscheinlich werden es am Ende nicht mehr

als ein paar tausend werden. Meinetwegen. Der Weise nimmt noch lieber

ein halbes Brot oder auch nur ein Stückchen, als gar keines.

Ich muß später auf diese persönlichen Betrachtungen zurückkommen. Ich

erhalte Nachricht, daß man mich sofort braucht. Irgend etwas ist

verkehrt gegangen.

Es scheint, daß die Polizei von dem Manne, der Mirdschans Boot für uns

versenkt hat, Wind bekommen hat. Sie sind ihm auf der Spur, aber er ist

ein alter Sünder und sollte zu gerieben sein, um sich festzuschwatzen.

Doch man kann nie wissen. Nikhil ist aufgebracht, und sein Verwalter ist

vielleicht nicht imstande, nach seinem eigenen Kopf zu verfahren.

»Wenn ich Unannehmlichkeiten bekomme,« sagte der Verwalter, als er mich

sah, »werde ich Sie hineinziehen müssen.«

»Mit welcher Schlinge wollen Sie mich fangen?« fragte ich.

»Ich habe einen Brief von Ihnen und mehrere von Amulja Babu.«

Ich hatte nicht geahnt, daß der Brief mit der Bezeichnung »dringlich«,

den ich eilig beantworten mußte, nur eben dieses Zweckes wegen dringlich

gewesen war. Ich lerne allmählich eine ganze Menge Dinge.

Jetzt gilt es, die Polizei zu bestechen und Mirdschan Schweigegeld zu

zahlen. Und dabei ist gar kein Zweifel, daß viel von den Kosten dieses

patriotischen Unternehmens als Profit in die Taschen von Nikhils

Verwalter wandert. Doch ich muß für den Augenblick ein Auge zudrücken,

denn ruft er nicht sein Bande Mataram ebenso kräftig wie ich?

Diese Arbeit muß immer mit lecken Gefäßen getan werden, die die Hälfte

auslaufen lassen. Wir alle haben einen geheimen Fonds von sittlichem

Urteil in uns aufgespart, und so wollte ich mich schon über den

Verwalter entrüsten und in meinem Tagebuch eine Tirade gegen die

Unzuverlässigkeit meiner Landsleute loslassen. Aber wenn es einen Gott

gibt, so muß ich dankbar anerkennen, daß er mir einen scharfblickenden

Verstand gegeben hat, der sich selbst und die Dinge um sich herum klar

durchschaut. Ich kann wohl andre täuschen, aber nicht mich selber. Daher

konnte auch mein Zorn nicht standhalten.

Was wahr ist, ist weder gut noch böse, sondern einfach wahr. Ein See ist

nur das übriggebliebene Wasser, das nicht vom Boden eingesogen wurde.

Auf dem Grunde des Bande-Mataram-Kultes, wie überhaupt auf dem Grunde

aller weltlichen Dinge ist eine Schlammschicht, mit deren aufsaugender

Kraft man rechnen muß. Der Verwalter nimmt sich, was er braucht, wie

auch ich mir nehme, was ich brauche. Diese kleineren Forderungen bilden

einen Teil von dem, was die große Sache fordert, -- das Pferd muß

gefüttert und die Räder müssen geölt werden, wenn man gut vorwärts

kommen will.

Das Lange und Breite von der Sache ist, daß wir Geld haben müssen, und

das bald. Wir müssen es nehmen, wo wir es am leichtesten bekommen

können, denn wir können es uns nicht leisten zu warten. Ich weiß, daß

wir uns dadurch um größeren Gewinn bringen können; daß die 5000 Rupien

von heute vielleicht die 50000 von morgen im Keim ersticken. Aber ich

muß es daraufhin wagen. Habe ich nicht oft neckend zu Nikhil gesagt, daß

die, welche auf den Pfaden der Entsagung wandeln, gar nicht wissen, was

Opfer heißt. Wir begehrlichen Menschen sind es, die bei jedem Schritt

ihre Begierden opfern müssen!

Von den Todsünden ist die Begierde für die, die wirklich Männer sind,

aber die Illusion, die nur für Schwächlinge ist, hemmt sie. Denn diese

macht, daß sie ganz von der Vergangenheit und Zukunft eingenommen sind,

aber sie hat eine verteufelte Art, ihre Schritte in der Gegenwart zu

verwirren. Solche, die immer gespannt auf den Ruf aus der Ferne horchen

und dadurch den Ruf des Augenblicks überhören, sind wie Sakuntala[26],

die sich in Träumen von dem Geliebten verlor. Unerwartet kommt der Gast

und schleudert den Fluch, der sie gerade um das bringt, was sie

ersehnen.

Neulich drückte ich Bimalas Hand, und jene Berührung regt ihre Seele

noch auf, wie sie auch in mir nachzittert. Wiederholung darf dies Gefühl

nicht abstumpfen, denn dann würde zu etwas verstandesmäßig Bewußtem

herabsinken, was jetzt ganz Gefühl und Musik ist. Augenblicklich ist in

ihr kein Raum für die Frage »Warum?«.

Daher darf ich Bimala, die eins von den Geschöpfen ist, die die Illusion

nicht entbehren können, nicht ihres vollen Anteils daran berauben.

Was mich betrifft, so habe ich soviel anderes zu tun, daß ich mich für

den Augenblick damit begnügen muß, von dem Becher der Leidenschaft nur

zu nippen. O Mensch der Begierde! Zähme deine Gier und übe deine Finger

auf der Harfe der Illusion, bis sie ihren Saiten alle Töne der

Verführung entlocken! Jetzt ist noch nicht die Zeit, den Becher bis auf

den Grund zu leeren.

IX

Unsre Arbeit geht schnell vorwärts. Aber obgleich wir uns heiser

geschrien haben, indem wir die Muhammedaner für unsre Brüder erklärten,

haben wir doch einsehen müssen, daß es uns nie gelingen wird, sie ganz

auf unsre Seite zu bringen. Daher müssen wir sie nun ganz unterdrücken

und ihnen begreiflich machen, daß wir die Herren sind. Jetzt zeigen sie

die Zähne, aber eines Tages werden sie wie zahme Bären nach unsrer

Pfeife tanzen.

»Wenn es euch mit dem Gedanken eines vereinigten Indiens ernst ist,«

wendet Nikhil ein, »so müßt ihr die Muhammedaner als einen notwendigen

Teil desselben gelten lassen.«

»Ganz recht,« sagte ich, »aber wir müssen wissen, wo ihr Platz ist, und

dafür sorgen, daß sie da bleiben, sonst werden sie uns beständig

beschwerlich fallen.«

»So wollt ihr also Beschwerden verursachen, um Beschwerden zu

verhindern?«

»Und was wolltest du tun?«

»Es gibt nur ein bekanntes Mittel, Streit zu vermeiden,« sagte Nikhil

mit Betonung.

Ich weiß, daß Nikhils Reden, wie die Erzählungen guter Leute, immer mit

einer Moral enden. Das Merkwürdige ist, daß er trotz seiner Vertrautheit

mit moralischen Vorschriften noch immer an sie glaubt! Er ist ein

unverbesserlicher Schuljunge. Das einzig Gute an ihm ist seine

Aufrichtigkeit. Das Schlimme ist, daß seinesgleichen nicht einmal die

Endgültigkeit des Todes zugibt, sondern immer den Blick auf ein Hernach

richtet.

Ich habe mich lange mit einem Plan getragen, der, wenn ich ihn ausführen

könnte, das ganze Land in Flammen setzen würde. Wir werden niemals unsre

Landsleute zu wahrem Patriotismus aufrütteln, wenn wir ihnen das

Mutterland nicht irgendwie versinnbildlichen können. Wir müssen eine

Göttin von ihm machen. Meine Gefährten begriffen die Sache sofort. »Wir

müssen ein passendes Götzenbild erfinden,« riefen sie aus. »Erfinden

nützt nichts,« belehrte ich sie. »Wir müssen uns eins der anerkannten

Götzenbilder aneignen, dem die Verehrung des Volkes in den tief

gegrabenen Kanälen der Gewohnheit zuströmt, und es zum Repräsentanten

des Landes machen.«

Aber Nikhil muß natürlich auch dagegen seine Einwendungen machen. »Wir

dürfen nicht bei einer Sache, die wir für die rechte halten, zu

Täuschungen unsre Zuflucht nehmen,« sagte er vor einiger Zeit zu mir.

»Kleinere Geister brauchen Täuschungen,« sagte ich, »und die meisten

Menschen gehören nun einmal zu dieser Klasse. Darum richtet man in jedem

Lande Gottheiten auf, um die Illusionen im Volke aufrecht zu erhalten,

denn die Menschen sind sich ihrer Schwäche nur zu wohl bewußt.«

»Nein,« erwiderte er. »Gott ist nötig, um die Illusionen fortzuschaffen.

Die Gottheiten, die sie aufrecht halten, sind falsche Götter.«

»Was macht das? Wenn es nottut, müssen wir auch falsche Götter anrufen,

lieber als daß die Sache leidet. Unsre Illusionen sind noch lebendig

genug, aber zu unserm Unglück verstehen wir nicht, sie unserm Zweck

dienstbar zu machen. Sieh einmal die Brahmanen! Trotzdem wir sie wie

Halbgötter behandeln und unermüdlich ehrfurchtsvoll ihre Füße berühren,

sind sie doch eine Macht, die im Verfall ist.«

»Es wird immer eine große Klasse von Menschen geben, deren Natur es ist,

am Boden zu kriechen, und die nur durch Berührung mit den Füßen andrer

-- sei es auch in Gestalt von Fußtritten -- zu einer Tat gebracht werden

können. Welch ein Jammer ist es doch, daß wir die Brahmanen, nachdem wir

sie alle diese Jahrhunderte hindurch in unsrer Rüstkammer aufbewahrt und

in scharfem und gebrauchsfähigem Zustande erhalten haben, jetzt in der

Zeit der Not nicht verwenden können, um sie auf diesen Pöbel zu hetzen!«

Aber es ist unmöglich, Nikhil dies alles begreiflich zu machen. Er ist

so für die Wahrheit eingenommen, -- als ob es überhaupt eine objektive

Wahrheit gäbe! Wie oft habe ich versucht, ihm auseinanderzusetzen, daß

gerade in der Unwahrheit die eigentliche Wahrheit liegt. Früher erkannte

man bei uns diese Tatsache, und man hatte den Mut, zu erklären, daß für

die, die beschränkten Geistes sind, Lüge Wahrheit sei.

Denen, die wirklich glauben können, daß ihr Land eine Göttin ist, wird

ihr Bild als Ersatz für die Wahrheit dienen. Unsre Natur und unsre

Überlieferungen hindern uns, unser Vaterland als das, was es ist, zu

erkennen, aber wir können uns leicht dazu bringen, an sein Bild zu

glauben. Wer wirklich etwas erreichen will, darf diese Tatsache nicht

außer acht lassen.

Doch dies diente nur dazu, Nikhil aufzuregen. »Weil ihr die Kraft

verloren habt, den Weg der Wahrheit zu gehen, um euer Ziel zu

erreichen,« rief er aus, »wartet ihr beständig, daß euch irgendeine

wunderbare Gabe in den Schoß fallen soll. Jahrhundertelang habt ihr

versäumt, eurem Vaterlande zu dienen, und nun könnt ihr nichts andres

tun, als ein Götzenbild aus ihm machen und eure Hände ausstrecken, in

der Erwartung, daß euch die Gaben umsonst zufallen.«

»Wir wollen das Unmögliche vollbringen«, sagte ich. »Daher muß unser

Vaterland zum Gott gemacht werden.«

»Du willst damit sagen, daß ihr nicht den Mut für mögliche Aufgaben

habt«, erwiderte Nikhil. »Für das, was schon da ist, habt ihr keine

Augen; ihr wollt etwas Übernatürliches sehen.«

»Höre einmal, Nikhil«, sagte ich schließlich, aufs äußerste gereizt.

»Alles, was du da sagst, ist ganz gut als moralische Lehre. Diese

Gedanken haben als Milch für Säuglinge ihren Dienst getan, solange der

Mensch noch in diesem ersten Stadium seiner Entwicklung war, aber jetzt,

da er Zähne bekommen hat, braucht er andre Nahrung.«

»Sehen wir denn nicht mit unsern eignen Augen, wie Dinge, an deren

Aussaat wir nicht im Traum dachten, rings um uns her emporsprießen?

Durch welche Kraft? Durch die Kraft der Gottheit unsres Landes, die sich

darin offenbart. Der Genius der Zeit allein gibt der Gottheit ihr Bild.

Der Genius streitet nicht mit Worten, er schafft. Ich kann nur

gestalten, was der Geist des Landes aus sich gebiert.«

»Ich werde überall verkünden, daß die Göttin mich eines Traumes

gewürdigt hat. Ich werde den Brahmanen sagen, daß sie sie zu ihren

Priestern bestimmt hat und daß die Vernachlässigung ihres Dienstes,

deren sie sich schuldig gemacht haben, die Ursache ihres Niedergangs

ist. Und wenn du mir sagst, ich lüge, so antworte ich dir: Nein, ich

sage die Wahrheit, -- ja, mehr als das, ich sage die Wahrheit, die das

Vaterland schon lange aus meinem Munde zu hören erwartet. Wenn ich nur

die Gelegenheit hätte, ihnen meine Botschaft zu verkünden, so würdest du

über die Wirkung staunen.«

»Was ich fürchte,« sagte Nikhil, »ist, daß meine Lebenszeit begrenzt ist

und daß die Wirkung, von der du sprichst, nicht die endgültige Wirkung

ist. Sie wird Nachwirkungen haben, die sich noch nicht sogleich zeigen.«

»Mir ist es nur um die Wirkung zu tun, die sich auf das Heute

erstreckt.«

»Mir ist es um die Wirkung zu tun, die sich auf die Ewigkeit erstreckt«,

antwortete Nikhil.

Nikhil hat vielleicht auch seinen Anteil bekommen an Bengalens schönster

Gabe, der Phantasie, aber er hat sie ganz überwuchern und fast ersticken

lassen von einer ausländischen Pflanze, einer peinlichen

Gewissenhaftigkeit. Man denke nur an den Gottesdienst der Durga, den

Bengalen zu solcher Höhe entwickelt hat. Das ist eine seiner größten

Leistungen. Ich könnte schwören, daß Durga eine politische Göttin ist

und ursprünglich die Schakti des Patriotismus bedeutete zu der Zeit, als

Bengalen um Befreiung von der muhammedanischen Herrschaft betete.

Welcher andern Provinz Indiens ist es gelungen, für das Ideal, nach dem

es strebte, ein so wunderbares Sinnbild zu finden?

Nichts verriet deutlicher, wie gänzlich Nikhil diese göttliche Gabe der

Phantasie verloren hat, als die Antwort, die er mir gab. »Während der

muhammedanischen Herrschaft«, sagte er, »erhofften die Mahraten[27] und

Sikhs[28] Erfolge von den Waffen, die sie selbst ergriffen hatten. Der

Bengale begnügte sich damit, Waffen in die Hände der Göttin zu legen und

Beschwörungsformeln zu murmeln; und da sein Land nun nicht wirklich eine

Göttin war, so war das Einzige was für ihn dabei herauskam, die

abgehauenen Köpfe der Opferziegen und -büffel. Sobald wir das Wohl

unsres Landes auf dem Wege der Gerechtigkeit suchen, so wird der, der

größer ist als unser Land, uns wahren Erfolg gewähren.«

Das Gefährliche bei der Sache ist, daß Nikhils Worte sich auf dem Papier

immer so schön ausnehmen. Jedoch was ich sage, ist nicht dazu bestimmt,

auf Papier gekritzelt zu werden, sondern soll sich tief ins Herz des

Landes eingraben. Der Gelehrte hinterläßt uns in Druckerschwärze seine

Abhandlung über den Ackerbau; aber der Landmann gräbt mit der scharfen

Sichel seines Pfluges sein Werk tief in den Boden ein.

Fußnoten:

[26] Sakuntala war, nachdem der König, ihr Geliebter, mit dem

Versprechen, sie holen zu lassen, in sein Königreich heimgekehrt war, so

in Gedanken an ihn verloren, daß sie den Ruf des Eremiten, der als Gast

zu ihr kam, überhörte. Der Eremit sprach den Fluch über sie aus, daß der

Gegenstand ihrer Liebe sie ganz vergessen solle.

[27] Ein kriegerischer Volksstamm im Innern Indiens, der 1648

die Herrschaft des Großmoguls abschüttelte, erfolgreiche Eroberungszüge

unternahm und ein Jahrhundert hindurch eine beherrschende Rolle spielte.

(Übers.)

[28] Ursprünglich eine religiöse Sekte, gestiftet von Baba

Nanak (1468-1539), die eine Vereinigung des Islams und des Hinduismus

anstrebte. Sie verwandelte sich unter dem Druck von Verfolgungen in

einen fanatischen Kriegerstaat, der lange mit wechselndem Erfolge gegen

die Herrschaft des Großmoguls ankämpfte und sich schließlich mit den

Mahraten in ihr Erbe teilte. (Übers.)

X

Als ich Bimala danach zuerst wiedersah, schlug ich ohne weiteres gleich

hohe Töne an. »Ist es uns gelungen,« begann ich, »von ganzem Herzen an

den Gott zu glauben, auf dessen Erscheinen wir seit Millionen von Jahren

gewartet haben, um ihm zu dienen, und der sich uns jetzt endlich in

sichtbarer Gestalt offenbart hat?«

Das Heim und die Welt · 第 9 / 17 段