Fanatismus zu befriedigen. Ihr habt die Mittel und braucht nicht danach
zu fragen, was es kostet. Die Armen wollen euch auch nicht daran
hindern, aber ihr wollt durchaus, daß sie sich eurem Zwang unterwerfen.
Unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist jeder Augenblick für sie ein
verzweifelter Kampf um die bloße Existenz; ihr könnt euch nicht einmal
vorstellen, wieviel ein paar Pennys für sie ausmachen, -- so wenig habt
ihr mit ihnen gemein. Ihr habt euer ganzes bisheriges Leben in einem
bessern und bequemern Abteil zugebracht, und jetzt kommt ihr plötzlich
her und wollt sie zu Werkzeugen eurer Wut machen. Das nenne ich feige.«
Es waren alles alte Schüler meines Lehrers, daher wagten sie nicht,
unehrerbietig zu werden, obgleich sie vor Zorn bebten. Sie wandten sich
zu mir: »Wollen Sie denn der Einzige sein, Maharadscha, der dem
Vaterlande in seinem Bestreben Hindernisse in den Weg legt?«
»Wer bin ich, daß ich so etwas wagen sollte? Würde ich denn nicht lieber
mein Leben hingeben, um ihm zu helfen?«
Der Wortführer lächelte hämisch, als er fragte: »Dürfen wir fragen, was
Sie denn Positives tun, um zu helfen?«
»Ich habe indisches Garn aufgekauft und es auf meinem Markt in Suksar
feilgehalten, und ich habe auch ganze Ballen davon auf die Märkte der
benachbarten Zemindars geschickt.«
»Aber wir sind auf Ihrem Markt gewesen, Maharadscha,« rief derselbe
Student aus, »und haben gefunden, daß niemand dies Garn kauft.«
»Das ist weder meine Schuld, noch die meines Marktes. Es zeigt nur, daß
nicht das ganze Land euer Gelübde abgelegt hat.«
»Es zeigt noch mehr«, nahm mein Lehrer das Wort. »Es zeigt, daß, was ihr
euch gelobt habt, nur dazu dient, andre zu plagen. Denn andre, die das
Gelübde nicht abgelegt haben, sollen erst alles für euch tun, damit ihr
das eure halten könnt. Ihr braucht Händler, die das Garn kaufen, Weber,
die es verarbeiten, und Kunden, denen es aufgenötigt wird. Und eure
Methode? Ihr macht Lärm, und der Zemindar zwingt die Leute mit Gewalt.
Und was kommt dabei heraus? Ihr wollt die Ehre davon haben, und die
andern sollen die Opfer bringen.«
»Und dürfen wir uns erlauben, zu fragen, was für Opfer Sie gebracht
haben?« fragte ein Naturwissenschaftler weiter.
»Wollt ihr das wissen?« rief mein Lehrer. »Nikhil selbst ist es, der das
indische Garn aufkaufen muß; er mußte eine Webschule gründen, damit es
gewebt wurde, und nach seinen bisherigen glänzenden Geschäftserfolgen
ist zu erwarten, daß seine Baumwollenstoffe, wenn sie so weit sind, daß
sie vom Webstuhl kommen, ihn ungefähr soviel kosten, als wenn sie von
Gold wären; daher werden sie vielleicht nur als Vorhänge in seinem
Gesellschaftszimmer Verwendung finden, obgleich sie auch für diesen
Zweck eigentlich zu dünn und durchsichtig sind. Wenn ihr einmal eures
Gelübdes überdrüssig seid, so werdet ihr es sein, die am lautesten über
ihre künstlerische Wirkung lachen. Und wenn die Kunstfertigkeit ihres
Gewebes je einmal richtig gewürdigt wird, so wird dies von Ausländern
geschehen.«
Ich kenne meinen Lehrer, solange ich lebe, aber nie habe ich ihn so
erregt gesehen. Ich konnte sehen, daß der Schmerz sich schon eine
Zeitlang still in seinem Herzen angehäuft hatte, weil er mich so über
alles liebt, und daß seine gewohnte Selbstbeherrschung schon lange
heimlich untergraben war und er nur noch mit Mühe an sich hielt.
»Sie sind soviel älter als wir«, sagte ein Student der Medizin. »Es
würde unziemlich sein, wollten wir mit Ihnen streiten. Aber, bitte,
sagen Sie uns endgültig, sind Sie entschlossen, die fremden Waren nicht
von Ihrem Markt zu entfernen?«
»Ich werde es nicht tun,« sagte ich, »weil sie nicht mir gehören.«
»Weil Sie dadurch Verluste erleiden würden«, lächelte der erste
Sprecher.
»Weil der, der den Verlust haben würde, auch die Entscheidung haben muß«,
erwiderte mein Lehrer.
Mit dem Ruf »Bande Mataram« verließen sie uns.
Fußnoten:
[25] Silbermünze von ungefähr 2 Mk. Wert.
SECHSTES KAPITEL
NIKHILS ERZÄHLUNG
VIII
Ein paar Tage später brachte mein Lehrer Pantschu zu mir. Sein Zemindar
hatte ihm eine Geldstrafe von hundert Rupien auferlegt und drohte, ihn
von seinem Hof zu jagen. »Was hat er denn getan?« fragte ich. »Man hat
ihn dabei ertappt, daß er ausländische Stoffe verkaufte«, war die
Antwort. Er bat und flehte Harisch Kundu, seinen Zemindar, an, er möge
ihm erlauben, seinen Vorrat, den er sich mit geliehenem Gelde gekauft
habe, abzusetzen, er wolle nie wieder mit fremden Waren handeln; aber
der Zemindar wollte nichts davon hören und bestand darauf, daß der
ausländische Stoff auf der Stelle verbrannt werde, wenn er freigelassen
werden wolle. Pantschu brach in seiner Verzweiflung trotzig los: »Das
kann ich nicht, dazu habe ich nicht die Mittel! Sie sind reich, warum
kaufen Sie es denn nicht auf und verbrennen es?«
Aber dies diente nur dazu, Harisch Kundu in Wut zu bringen, und er rief:
»Man muß dem Kerl Manieren beibringen, man gebe ihm eine Tracht Prügel!«
So bekam der arme Pantschu zu seiner Geldstrafe noch eine Prügelstrafe.
»Was wurde aus dem Stoff?«
»Der ganze Ballen wurde verbrannt.«
»Wer war sonst noch dabei?«
»Eine Menge Leute, die alle Bande Mataram schrieen. Sandip war auch da.
Er nahm etwas von der Asche und rief: ›Brüder! Dies ist der erste
Scheiterhaufen, den euer Dorf zur Totenfeier des ausländischen Handels
errichtet. Dies ist heilige Asche. Bestreut euch damit zum Zeichen eures
Swadeschi-Gelübdes.‹«
»Pantschu,« sagte ich, mich zu ihm wendend, »du mußt eine Klage
einreichen.«
»Niemand wird für mich zeugen«, erwiderte er.
»Niemand wird zeugen? -- Sandip! Sandip!«
Sandip kam auf meinen Ruf aus seinem Zimmer.
»Was ist los?« fragte er.
»Willst du nicht bezeugen, daß man diesem Mann seinen Stoff verbrannt
hat?«
Sandip lächelte. »Natürlich werde ich in dem Fall zeugen«, sagte er.
»Aber auf der Gegenseite.«
»Was verstehst du darunter,« rief ich aus, »auf dieser oder jener Seite
zeugen? Willst du nicht für die Wahrheit Zeugnis ablegen?«
»Ist das, was geschieht, die einzige Wahrheit?«
»Welch andre Wahrheit kann es denn noch geben?«
»Das, was geschehen sollte! Um die Wahrheit aufbauen zu können, brauchen
wir eine ganze Menge Lügen. Die, welche in dieser Welt vorwärtsgekommen
sind, haben die Wahrheit geschaffen, aber sie sind ihr nicht blind
gefolgt.«
»Und nun -?«
»Und nun will ich das tun, was ihr andern ›falsch Zeugnis reden‹ zu
nennen beliebt und was die getan haben, die Weltreiche geschaffen, neue
Gesellschaftsordnungen aufgebaut und religiöse Organisationen gegründet
haben. Die, welche herrschen wollen, scheuen die Lüge nicht; die Ketten
der Wahrheit sind für die, die unter ihre Herrschaft fallen werden. Hast
du denn keine Geschichte gelesen? Weißt du denn nicht, daß in den
ungeheuren Kesseln, in denen die großen politischen Entwicklungen
brodeln, Lügen die Hauptbestandteile sind?«
»Politik wird ohne Zweifel im großen ganzen in dieser Weise gebraut,
aber...«
»Ach, ich weiß! Du willst natürlich bei solchem Brauen nicht mittun. Du
willst lieber einer von denen sein, die den Mischmasch nachher mit
Gewalt hinunterwürgen müssen. Sie werden Bengalen teilen und sagen, daß
es zu eurem Besten ist. Sie werden der Erziehung einen Riegel
vorschieben, und das nennen sie das Niveau heben. Aber ihr werdet immer
als artige Jungen greinend in eurer Ecke sitzen bleiben. Wir bösen Buben
jedoch müssen sehen, ob wir nicht aus der Lüge eine Festung zu unsrer
Verteidigung errichten können.«
»Es hat keinen Zweck, über diese Dinge zu streiten,« mischte sich mein
Lehrer ein. »Wie können die, die die Wahrheit nicht in sich fühlen,
einsehen, daß das höchste Ziel des Menschen ist, sie aus ihrer
Verborgenheit ans Licht zu bringen, statt beständig materielle Werte
anzuhäufen?«
Sandip lachte. »Vortrefflich!« sagte er. »Eine Rede, ganz wie sie sich
für einen Schulmeister gehört. Diese Weisheit kenne ich aus Büchern,
aber in der wirklichen Welt habe ich gesehen, daß die Hauptbeschäftigung
der Menschen die Anhäufung von materiellen Werten ist. Die, welche
Meister in dieser Kunst sind, kündigen in ihrem Geschäft die größten
Lügen an, tragen mit ihren breitesten Federn falsche Rechnungen in ihre
politischen Hauptbücher ein, lassen täglich lügenstrotzende Zeitungen
vom Stapel und schicken Prediger in die Welt, die ihre Lügensaat
verbreiten wie Fliegen die Pestkeime. Ich bin ein bescheidener Schüler
dieser Großen. Als ich zur Kongreßpartei gehörte, trug ich nie Bedenken,
zehn Prozent Wahrheit mit neunzig Prozent Lüge zu verdünnen. Und wenn
ich jetzt auch nicht mehr zu der Partei gehöre, so habe ich darum doch
nicht die grundlegende Tatsache vergessen, daß das Ziel des Menschen
nicht die Wahrheit, sondern der Erfolg ist.«
»Der wahre Erfolg,« verbesserte mein Lehrer.
»Meinetwegen,« erwiderte Sandip, »aber die Frucht wahren Erfolges reift
nur auf dem gut geackerten Felde der Lüge. Die Wahrheit aber wächst von
selbst, wie das Unkraut und die Dornen, und nur Würmer können Frucht von
ihr erwarten.« Damit eilte er aus dem Zimmer.
Mein Lehrer lächelte, als er mich ansah. »Weißt du, Nikhil,« sagte er,
»ich glaube, Sandip ist nicht ohne Religion, seine Religion geht nur auf
die Kehrseite der Wahrheit, gleich wie der dunkle Neumond auch sein
Licht hat, wenn auch an der verkehrten Seite.«
»Darum auch eben,« stimmte ich zu, »habe ich auch immer eine Zuneigung
zu ihm gehabt, obgleich wir uns nie einigen konnten. Selbst jetzt kann
ich mich nicht über ihn entrüsten, obgleich er mich tief verletzt hat
und es vielleicht noch mehr tun wird.«
»Das ist mir klar geworden,« sagte mein Lehrer. »Ich habe mich lange
gewundert, daß du immer noch mit ihm Geduld hattest; ja, mitunter war
ich geneigt, es als Schwäche an dir zu tadeln. Jetzt sehe ich, daß ihr
beiden, wenn ihr euch auch nicht reimt, doch denselben Rhythmus habt.«
»Einen Reim brauche ich nicht, da mein Schicksal sich doch zu einem
›Verlorenen Paradies‹ zu gestalten scheint!« bemerkte ich, sein
Wortspiel aufnehmend.
»Aber was soll mit Pantschu werden?« fragte mein Lehrer.
»Sie sagen, daß Harisch Kundu ihn von seinem Hof weisen will. Wie wäre
es, wenn ich den Hof kaufte und ihn dann an Pantschu verpachtete?«
»Und seine Geldstrafe?«
»Wie kann der Zemindar die einziehen, wenn er mein Pächter wird?«
»Und der verbrannte Stoff?«
»Ich werde ihm andern verschaffen. Ich möchte sehen, ob irgend jemand es
wagt, meinem Pächter zu wehren, Handel zu treiben, wie es ihm gefällt.«
»Ich fürchte, Herr,« warf Pantschu mutlos ein, »daß, solange ihr reichen
Leute miteinander kämpft, die Geier der Polizei und des Gesetzes sich
fröhlich um euch ansammeln und die Menge ihren Spaß daran hat, aber wenn
es ans Töten geht, da wird der arme Pantschu allein an der Reihe sein.«
»Wieso? Was könnte dir geschehen?«
»Sie werden mir mein Haus niederbrennen, mit Kindern und allem.«
»Nun, für deine Kinder will ich sorgen«, sagte mein Lehrer. »Du kannst
darum Handel treiben, womit du willst. Sie sollen dir nichts anhaben.«
Noch am selben Tage kaufte ich Pantschus Hof, und er ging in aller Form
in meinen Besitz über. Dann kam gleich eine neue Störung.
Pantschu hatte den Pachthof als alleiniger Erbe von seinem Großvater
übernommen. Jeder wußte dies. Aber nun tauchte von irgendwoher eine
Tante auf, mit ihren Koffern und Bündeln, ihrem Rosenkranz und einer
verwitweten Nichte. Sie setzte sich in Pantschus Hause fest und erhob
Anspruch auf eine Leibrente.
Pantschu war wie vom Donner gerührt. »Meine Tante ist schon lange tot«,
wehrte er ab.
Ihm wurde erwidert, daß er an seines Onkels erste Frau dächte, aber
dieser Onkel hätte bald darauf eine zweite genommen.
»Aber mein Onkel starb vor meiner Tante«, rief Pantschu, der die Sache
immer weniger begriff. »Wie hatte er da noch Zeit, sich zum zweitenmal
zu verheiraten?«
Das war schon richtig. Aber Pantschu sollte bedenken, daß niemand
behauptet hätte, die zweite Ehe sei erst nach dem Tode der ersten Frau
geschlossen; sondern sein Onkel hätte noch zu ihren Lebzeiten eine
zweite Frau genommen. Da ihr aber der Gedanke, mit einer Nebengattin
zusammen zu leben, nicht angenehm war, so wäre sie bis zum Tode ihres
Gatten im Hause ihres Vaters geblieben, worauf sie fromm geworden wäre
und sich nach dem heiligen Brindaban zurückgezogen hätte, von wo sie
jetzt kam. Diese Tatsachen wären sowohl den Beamten Harisch Kundus wie
einigen seiner Pächter bekannt. Und wenn der Zemindar es nur energisch
genug verlangte, so würden sich sogar Zeugen finden, die an dem
Hochzeitsfest teilgenommen hatten.
IX
Eines Nachmittags, als ich gerade sehr beschäftigt war, kam Bescheid in
mein Geschäftszimmer, daß Bimala mich rufen ließe. Ich war überrascht.
»Wer, sagtest du, läßt mich rufen?« fragte ich den Boten.
»Die Maharani.«
»Die Bara Rani?«
»Nein, Herr, die Tschota Rani.«
Die Tschota Rani! Es schien mir eine Ewigkeit, daß sie mich nicht hatte
rufen lassen. Ich ließ alle warten und ging in die inneren Gemächer. Als
ich unser Zimmer betrat, wartete meiner eine neue Überraschung, denn als
ich Bimala dort fand, sah ich deutlich, daß sie sich für mich geputzt
hatte. Das Zimmer, das in letzter Zeit durch die beständige
Vernachlässigung ein etwas geistesabwesendes Aussehen bekommen hatte,
hatte an diesem Nachmittag etwas von seiner alten Ordnung wieder
erlangt. Ich stand schweigend da und sah Bimala fragend an.
Sie errötete leicht, und die Finger ihrer rechten Hand spielten eine
Zeitlang mit den Spangen auf ihrem linken Arm. Dann brach sie plötzlich
das Schweigen.
»Sag einmal, ist es recht, daß unser Markt der einzige in ganz Bengalen
ist, der ausländische Waren zuläßt?«
»Was wäre denn das Richtige, was man tun sollte?« fragte ich.
»Laß sie wegschaffen!«
»Aber die Waren gehören nicht mir.«
»Gehört nicht der Markt dir?«
»Er gehört vielmehr denen, die ihn zum Handel brauchen.«
»So laß sie mit indischen Waren handeln!«
»Nichts wäre mir lieber. Aber wenn sie es nun nicht tun?«
»Unsinn! Wie können sie so unverschämt sein? Bist du denn nicht...«
»Ich habe heute nachmittag sehr viel zu tun und kann mich mit
Auseinandersetzungen nicht aufhalten. Aber ich muß mich weigern,
jemanden zu tyrannisieren.«
»Du tust es ja nicht in deinem Interesse, sondern für das Vaterland.«
»Tyrannei für das Vaterland heißt Tyrannei gegen das Vaterland. Aber das
ist etwas, fürchte ich, was du nie verstehen wirst.« Und damit ging ich
fort.
Plötzlich leuchtete mir die Welt in neuer Klarheit. Es war mir, als
fühlte ich in meinem Blut, daß die Erde das Gewicht ihrer Körperlichkeit
verloren hatte, und daß ihre tägliche Aufgabe, das Leben auf sich zu
erhalten, keine Last mehr für sie war, sondern daß sie in wundervollem
Schwung durch den Raum wirbelte und den Rosenkranz ihrer Tage und Nächte
abbetete. Welch endlose Arbeit, und dabei welch unerschöpflich quellende
Kraft! Niemand wird sie aufhalten, o nein, niemand kann sie je
aufhalten! Aus der Tiefe meiner Seele sprang die Freude hoch auf wie ein
Wasserstrahl, als wollte sie den Himmel stürmen.
Ich habe hernach oft darüber nachgedacht, was es war, das mein Gefühl
damals so aufwallen machte. Zuerst fand ich keine Erklärung dafür. Aber
dann wurde mir klar, daß die Fessel, an der ich mich Tag und Nacht
innerlich wund gerieben hatte, zerbrochen war. Zu meinem Erstaunen
bemerkte ich, daß der trübe Schleier, der meinen Geist umdunkelt hatte,
geschwunden war. Ich konnte alles, was sich auf Bimala bezog,
wahrheitsgetreu vor mir sehn, wie auf einer photographischen Platte. Es
war offenbar, daß sie sich besonders geputzt hatte, um mir jenen Befehl
abzuschmeicheln. Bis dahin hatte ich Bimalas Schmuck nie als etwas von
ihr Unterschiedenes angesehen. Aber an jenem Tage erschien mir die Art,
in der sie sich nach englischer Mode frisiert hatte, als bloßer
äußerlicher Aufputz. Das, was vorher das Geheimnis ihrer Persönlichkeit
in sich trug und mir von unschätzbarem Wert gewesen war, war jetzt
darauf aus, sich wegzuwerfen.
Als ich aus dem Schlafzimmer, diesem zerbrochenen Käfig, hinaustrat in
das goldene Sonnenlicht draußen, fiel mein Blick auf die beiden Reihen
von Bauhinien neben dem Kiesweg vor meiner Veranda, die den Himmel mit
einer zarten Röte zu übergießen schienen. Eine Gruppe von Staren
schwatzte und lärmte nach Herzenslust unter den Bäumen. Hinten auf der
Wiese stand ein leerer Ochsenkarren, vornübergekippt, mit der Nase auf
dem Boden und den Schwanz hoch in der Luft, -- der eine von den
losgeschirrten Ochsen weidete im Grase, der andre hatte sich
niedergelegt und schloß behaglich die Augen, während eine Krähe auf
seinem Rücken saß und ihm die Insekten abpickte.
Es war mir, als wäre ich dem Herzschlag der großen Erde näher gekommen,
als ich sie so in der Schlichtheit ihres täglichen Lebens sah; ich
spürte ihren warmen Atem in dem Duft der Bauhinienblüten, und ein
Lobgesang von unsagbarem Wohllaut schien von dieser Welt aufzusteigen,
wo alle Wesen sich einer Freiheit erfreuen, an der auch ich teilhabe.
Wir Menschen sind fahrende Ritter, auf der Suche nach der Freiheit, zu
der uns unsre Ideale rufen. Sie, die uns das Banner webt, unter dem wir
ausziehen, ist das wahre Weib für uns. Wir müssen der, die uns in ihrem
Zaubernetz zu Hause zu halten sucht, die Maske abreißen und sie als das
erkennen, was sie ist. Wir müssen uns hüten, daß wir sie nicht in die
Reize unsrer eigenen Träume und Sehnsüchte kleiden und uns durch sie so
von unserm wahren Ziel abziehen lassen.
Heute weiß ich, daß ich obsiegen werde. Ich bin an das Tor der Einfalt
gekommen, ich sehe jetzt die Dinge wie sie sind. Ich selbst habe meine
Freiheit gewonnen, ich werde andern die Freiheit lassen. In meiner
Arbeit werde ich mein Heil finden.
Ich weiß, daß hin und wieder mein Herz mir weh tun wird, aber jetzt, da
ich seinen Schmerz in seiner ganzen Wahrheit verstehe, kann ich ihn
unbeachtet lassen. Jetzt, da ich weiß, daß er nur mich angeht, was hat
er da noch zu bedeuten? Das Leid, das der ganzen Menschheit gehört, soll
meine Krone sein.
Rette mich, Wahrheit! Laß mich nie wieder nach dem falschen Paradiese
der Illusion trachten! Wenn ich allein wandern muß, laß mich wenigstens
deinen Pfad gehen! Laß deine Trommelschläge mich zum Siege führen!
SANDIPS ERZÄHLUNG
VII
Bimala ließ mich an jenem Tage rufen; aber sie konnte zuerst kein Wort
hervorbringen und kämpfte eine Zeitlang mit den Tränen. Ich sah gleich,
daß sie bei Nikhil keinen Erfolg gehabt hatte. Sie war so voll stolzer
Zuversicht gewesen, daß sie ihren Willen durchsetzen würde, -- aber ich
hatte diese Zuversicht durchaus nicht teilen können. Die Frau kennt den
Mann sehr gut von der Seite, wo er schwach ist, aber sie ist ganz
unfähig, seine Stärke zu ermessen. Der Mann bleibt der Frau ebenso ein
Geheimnis wie die Frau dem Manne. Wenn dem nicht so wäre, so wäre die
Verschiedenheit der Geschlechter ja überflüssig und eine Kraftvergeudung
der Natur.
Ach, was ist es doch um den Stolz! Es schmerzte sie nicht, daß eine
notwendige Sache nicht zustande gekommen war, sondern daß eine Bitte,
die sie so viel Überwindung gekostet hatte, ihr abgeschlagen war. Welch
ein Reichtum an Farbe und Bewegung, Suggestion und Täuschung legt sich
doch um dieses »Ich« und »Mein« in der Frau! Darin liegt gerade ihre
Schönheit, -- sie ist so viel persönlicher als der Mann. Als der
Schöpfer den Mann machte, war er ein Schulmeister und hatte seinen Sack
voll von Geboten und Grundsätzen; aber als er an die Frau kam, legte er
seine Schulmeisterwürde nieder und wurde zum Künstler, der nur mit
Pinsel und Palette arbeitet.
Als Bimala so schweigend dastand in ihrem gebrochenen Stolz, mit heißen
Wangen und die Augen voll Tränen, wie eine Gewitterwolke, die mit Regen
beladen und mit Blitz gewaffnet am Horizonte droht, sah sie so
unwiderstehlich lieblich aus, daß ich nicht anders konnte, als zu ihr
gehen und ihre Hand fassen. Ihre Hand zitterte, aber sie entzog sie mir
nicht. »Bima,« sagte ich, »wir sind zwei Kameraden, die dasselbe Ziel
haben. Wir wollen uns hinsetzen und über die Sache sprechen.«
Ich führte sie widerstandslos zu einem Sessel. Aber wie sonderbar!
Gerade in diesem Augenblick fühlte meine ungestüme Leidenschaft eine
unerklärliche Hemmung, -- gleichwie der mächtige Padmastrom, der in
unaufhaltsamem Lauf dahineilt, plötzlich durch irgendein kleines Hemmnis
unter der Oberfläche von dem Ufer abgelenkt wird, das er zerbröckelt.
Als ich Bimalas Hand drückte, erklangen alle meine Nerven wie
Harfensaiten; aber dann verstummte die Symphonie plötzlich.
Was war es, das mich hemmte? Nicht eine bestimmte Sache; es war ein
Gewirr von vielen Dingen, -- nichts deutlich Greifbares, sondern nur
jenes unerklärliche Gefühl der Hemmung. So viel ist mir jedenfalls klar
geworden, daß ich nicht schwören kann, was ich in Wahrheit bin. Gerade
weil ich mir selber so ein Rätsel bin, fühle ich mich zu mir selbst so
hingezogen. Wenn ich einmal dahin kommen sollte, dies mein Ich ganz zu
erkennen, so würde ich es von mir werfen, -- und Glückseligkeit
erlangen!
Als Bimala sich setzte, wurde sie totenbleich. Auch sie mußte wohl
fühlen, welcher Gefahr sie entgangen war. Der Komet war schon über sie
hinweg, aber die Berührung seines brennenden Schweifes überwältigte sie.
Um ihr zu helfen, daß sie sich erholte, sagte ich: »Auf Hindernisse
mußten wir uns gefaßt machen, aber wir wollen tapfer weiterkämpfen und
uns nicht entmutigen lassen. Nicht wahr, Königin?«
Bimala versuchte etwas zu sagen, brachte aber nur ein schwaches »Ja«
hervor.
»Lassen Sie uns unsern Feldzugsplan machen!« fuhr ich fort und zog
Bleistift und Papier aus der Tasche.
Ich begann eine Liste von den Mitarbeitern aus Kalkutta zu machen und
jedem seine Aufgabe zu bestimmen. Bimala unterbrach mich, bevor ich
fertig war, und sagte müde: »Lassen Sie das jetzt; ich komme heute abend
noch einmal«, und dann eilte sie aus dem Zimmer. Sie war augenscheinlich
nicht imstande, irgendeiner Sache ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Sie
mußte eine Weile mit sich allein sein, -- vielleicht sich aufs Bett
legen und sich ordentlich ausweinen!
Als sie fort war, flammte meine Leidenschaft heißer auf, gleichwie die
Wolke sich tiefer färbt, wenn die Sonne hinabgesunken ist. Ich fühlte,
daß ich mir den Augenblick aller Augenblicke hatte entgleiten lassen.
Welch ein erbärmlicher Feigling war ich gewesen! Sie war gewiß aus
bloßem Ekel vor meinem schwächlichen Zaudern von mir gegangen, -- und
sie hatte recht!
Während diese Gedanken mich schmerzhaft durchzuckten, kam ein Diener und
meldete Amulja, einen unsrer jungen Leute. Ich hätte ihn am liebsten
abgewiesen, aber bevor ich mich dazu entschließen konnte, trat er ein.
Dann begannen wir über die Nachrichten zu sprechen, die wir von den
verschiedenen Distrikten hatten, und von ihren Kämpfen um ausländische
Waren, und bald war die Luft von allen berauschenden Dünsten gereinigt.
Mir war, als erwachte ich aus einem Traum. Ich sprang auf, ganz bereit
zum Kampf, -- Bande Mataram!
Es gab verschiedene Neuigkeiten. Die meisten von den Händlern, welche
Pächter von Harisch Kundu waren, waren zu uns übergegangen. Viele von
Nikhils Angestellten waren auch heimlich auf unsrer Seite und zogen die
Drähte in unserm Interesse. Die Kaufleute von Marwari erboten sich, eine
Geldbuße zu zahlen, wenn sie nur mit ihren augenblicklichen Vorräten
räumen dürften. Nur einige mohammedanische Händler waren noch
hartnäckig.
Einer von ihnen hatte ein paar deutsche Schaltücher für seine Familie
gekauft. Sie wurden ihm unterwegs abgenommen und von einem unsrer jungen
Leute aus dem Dorfe verbrannt. Dies hatte zu Unannehmlichkeiten Anlaß
gegeben. Wir waren bereit, ihm indische Wollstoffe dafür zu kaufen. Aber
wo waren billige indische Wollsachen zu haben? Wir konnten ihm seine
Tücher doch nicht gut durch Kaschmirschals ersetzen! Er ging und
beklagte sich bei Nikhil, der ihm riet, vor Gericht zu klagen. Natürlich
sorgten Nikhils Leute dafür, daß nichts dabei herauskam, da sein
Rechtsanwalt selbst auf unsrer Seite war.