Wie konnten wir anders als an ein Wunder glauben? Es war, als ob dieser

Augenblick unsrer Geschichte uns wie ein Edelstein aus der Krone eines

trunkenen Gottes in die Hand gefallen wäre. Er hatte keine Ähnlichkeit

mit unsrer Vergangenheit; und so hofften wir nun, daß all unser Mangel

und Elend wie mit einem Zauberschlage verschwinden würde, daß es für uns

keine Grenze mehr gäbe zwischen dem Möglichen und Unmöglichen. Alles

schien uns zu sagen: »Es kommt, es ist da!«

So kamen wir zu dem Glauben, daß unsre Geschichte kein Roß brauchte,

sondern daß sie wie der himmlische Wagen aus eigener Kraft dahinfahren

würde. Auch brauchte man dem Fuhrmann keinen Lohn zu zahlen, man mußte

ihm nur ab und zu seinen Becher wieder mit Wein füllen. Und dann würden

wir das Ziel unsrer Hoffnungen in irgendeinem unmöglichen Paradies

erreichen.

Mein Gatte war nicht ganz teilnahmslos, aber während wir uns

begeisterten, schien er immer trauriger zu werden. Es war, als suche er

eine Vision hinter der wogenden Gegenwart.

Ich erinnere mich, wie er eines Tages bei einer der

Auseinandersetzungen, die er beständig mit Sandip hatte, sagte: »Das

Glück ist an unsre Tür gekommen und klopft an, nur um uns zu zeigen, daß

wir nicht in der Lage sind, es aufzunehmen, -- daß wir nicht alles

bereit gehalten haben, um es in unser Haus bitten zu können.«

»Nein«, war Sandips Antwort. »Du redest wie ein Atheist, weil du nicht

an unsre Götter glaubst. Uns ist es ganz deutlich offenbar geworden, daß

die Göttin mit ihrer Gabe gekommen ist, doch du mißtraust den

augenfälligen Zeichen ihrer Gegenwart.«

»Gerade weil ich so fest an meinen Gott glaube,« sagte mein Gatte, »bin

ich so gewiß, daß wir noch nicht zu seinem Dienst bereit sind. Gott hat

die Kraft, uns seine Gabe zu geben, aber wir müssen die Kraft haben, sie

anzunehmen.«

Solche Reden meines Gatten verdrossen mich nur. Ich konnte mich nicht

enthalten, mich einzumischen: »Du meinst, daß diese Begeisterung nur ein

Rausch ist, aber gibt solch ein Rausch nicht in gewisser Weise Kraft?«

»Ja«, erwiderte mein Gatte. »Er gibt vielleicht Kraft, aber keine

Waffen.«

»Kraft aber ist eine Gabe Gottes«, fuhr ich fort. »Waffen können von

bloßen Handwerkern beschafft werden.« Mein Gatte lächelte. »Die

Handwerker werden ihren Lohn fordern, bevor sie die Waffen liefern«,

sagte er.

Sandip warf sich in die Brust, als er erwiderte: »Sorge dich nur darum

nicht! Sie sollen ihren Lohn schon haben.«

»Ich werde die Festmusik bestellen, wenn sie ihre Bezahlung haben, nicht

vorher«, antwortete mein Gatte.

»Du brauchst dir nicht einzubilden, daß wir auf deine Freigebigkeit

dafür angewiesen sind«, sagte Sandip spöttisch. »Unser Fest hängt nicht

von Geldzahlungen ab.«

Und er begann mit rauher Stimme zu singen:

Mein Geliebter, der verschwenderisch seine Liebe ausschüttet und

nach Lohn nicht fragt,

Spielt die einfache kleine Flöte, die er für ein Nichts kaufte,

Und mein Herz lauscht den Klängen, bis es sich ganz darin verliert.

Dann wandte er sich lächelnd zu mir und sagte: »Wenn ich singe,

Bienenkönigin, so will ich damit nur beweisen, daß, wenn unser Leben

voll Musik ist, wir eine schöne Stimme entbehren können. Wenn wir nur

singen, weil wir musikalisch sind, so hat das Lied nicht viel Wert. Nun,

da ein voller Strom von Musik über unser Land dahinflutet, lassen Sie

Nikhil seine Tonleiter üben, während wir mit unsern rauhen Stimmen das

Land aufrütteln:

Mein Haus ruft mir zu: Warum willst du hinaus und willst draußen

dein Alles verlieren?

Doch mein Leben sagt: Nimm deine ganze Habe und gib sie den Winden

preis!

Ich folge dem Ruf des Lebens, was gilt mir das Gut, das doch

entflieht?

Muß ich den Untergang freien, so sei es lächelnd getan!

Denn nur das Eine begehr' ich: den Todestrank der Unsterblichkeit.

Du mußt begreifen, Nikhil, daß wir alle unser Herz verloren haben.

Niemand kann uns länger in den Grenzen des leicht Möglichen festhalten

bei unsrer Jagd nach dem hoffnungslos Unmöglichen.

Halten wollt ihr uns,

Toren, die ihr nicht die unbändige Lust der Verwegenheit kennt,

Die ihr den Ruf nicht hörtet, der uns kam vom Ziel des verschlungenen

Pfades!

Alles, was brav ist, gerade und glatt,

Kopfüber damit in den Staub!«

Ich glaubte, mein Gatte wollte die Diskussion fortsetzen, aber er stand

schweigend auf und ließ uns allein.

Was mich innerlich aufwühlte, war nur das Widerspiel der stürmischen

Leidenschaft draußen, die über das Land hinfegte, von einem Ende zum

andern. Ich fühlte, wie der Herr meines Schicksals auf seinem

Siegeswagen schnell heranbrauste, und das Rollen der Räder fand einen

Widerhall in mir. Ich hatte beständig das Gefühl, daß jeden Augenblick

etwas Außerordentliches geschehen könnte, für das mich jedoch keine

Verantwortung träfe. War ich nicht in eine Sphäre gerückt, wo nach Recht

und Unrecht und den Gefühlen anderer nicht mehr gefragt wird? Hatte ich

dies je gewollt -- hatte ich je so etwas erhofft oder erwartet? Wer

könnte, wenn er mein ganzes bisheriges Leben ansieht, sagen, daß mich

irgendwelche Schuld träfe?

Mein ganzes Leben lang hatte ich getreulich am Altar meine Opfer

dargebracht, -- aber als endlich die göttliche Gnade sich offenbaren

sollte, erschien ein andrer Gott als der, dem ich zu dienen glaubte. Und

gleichwie das erwachte Land von dem Jubelruf Bande Mataram erzittert,

mit dem es den plötzlich vor ihm aufgetauchten Zukunftstraum begrüßt, so

schlagen alle Pulse dem plötzlich erschienenen, unbekannten, ungestümen

Fremden entgegen.

Eines Nachts verließ ich mein Bett und schlüpfte aus meinem Zimmer auf

die Terrasse draußen. Hinter unsrer Gartenmauer sind reifende

Reisfelder. Nach Norden zu sieht man durch die Bäume des Dorfes den Fluß

schimmern. Die ganze Landschaft lag in der Dunkelheit da wie der noch

schlummernde Keim einer neuen Zukunft.

In jener Zukunft sah ich mein Vaterland, ein Weib gleich mir, dastehen

und voll Erwartung ausspähen. Der plötzliche Ruf eines unbekannten Etwas

hat sie aus der Enge ihres Hauses herausgetrieben. Sie hat keine Zeit

gehabt zu warten und zu überlegen, oder sich eine Fackel anzuzünden,

sondern ist ohne Besinnen in das Dunkel hinausgestürzt. Ich weiß wohl,

wie ihre innerste Seele auf die fernen Flötenklänge, die sie rufen,

antwortet; wie ihre Brust wogt; wie sie fühlt, daß sie diesem

Unbekannten immer näher kommt, es schon erreicht hat, so daß sie sich

blind hineinstürzen kann. Sie ist nicht Mutter. Sie hört nicht auf den

Ruf ihrer hungrigen Kinder, vergeblich wartet am Abend das dunkle Heim

auf ihre Lampe. Sie eilt zu ihrem Stelldichein, denn dies ist das Land

der Wischnu-Dichter. Sie hat ihr Heim verlassen, ihre häuslichen

Pflichten vergessen; sie fühlt nichts als ein unermeßliches Sehnen, das

sie vorwärts treibt, -- auf welcher Straße, zu welchem Ziel, das gilt

ihr gleich.

Auch ich bin erfaßt von solchem Sehnen. Auch ich habe mein Heim verloren

und bin verirrt. Ziel und Weg liegen gleichdunkel vor mir. Ich fühle

nur, wie mich die Sehnsucht immer weiter treibt. Ach, du unseliger

Wanderer durch die Nacht; wenn der Morgen dämmert, wirst du keine Spur

eines Weges sehen, auf dem du zurückkehren könntest. Aber warum

zurückkehren? Der Tod ist ebensogut. Wenn das Dunkel mit seiner Flöte

mich zum Abgrund lockt, was kümmert mich das Hernach? Wenn seine

Finsternis mich verschlungen hat, so werde ich nicht mehr sein, und mit

mir sind Gut und Böse, Lachen und Tränen dahin.

XII

Da die Maschine der Zeit in Bengalen plötzlich mit Hochdruck arbeitete,

wurde, was schwer schien, leicht und die Ereignisse folgten einander

Schlag auf Schlag. Nichts ließ sich mehr zurückhalten, selbst in unserm

entlegenen Winkel. Anfangs war unser Distrikt zurück, denn mein Gatte

wollte keinen Zwang auf die Leute ausüben. »Die ihrem Vaterlande Opfer

bringen, sind in Wahrheit seine Diener,« sagte er oft, »aber die, welche

andere dazu zwingen, sind seine Feinde. Sie möchten die Freiheit an der

Wurzel abhauen, um sie am Gipfel zu erfassen.«

Aber als Sandip kam und sich hier niederließ und seine Anhänger

anfingen, im Lande umherzureisen und in Dörfern und Marktflecken ihre

Reden zu halten, da schlugen die Wellen der Erregung auch an unser Ufer.

Eine Schar junger Burschen aus dem Ort schlossen sich ihm an, darunter

sogar einige, die als ein Schandfleck für das Dorf bekannt waren. Aber

die Glut ihrer echten Begeisterung verklärte sie äußerlich und

innerlich. Es zeigte sich, wie aller Schmutz und Moder in einem Lande

plötzlich weggefegt wird, sobald die reine Brise einer großen Freude und

Hoffnung darüber hinfährt. Es ist in der Tat schwer für die Menschen,

offen und gerade und gesund zu sein, wenn ihr Vaterland geknechtet am

Boden liegt.

Nun richteten sich alle Blicke auf meinen Gatten, von dessen Gütern

allein ausländische Waren wie Zucker und Salz und Kleidungsstoffe nicht

verbannt waren. Selbst die Gutsbeamten wurden am Ende darüber verlegen

und beschämt. Und doch hatten noch vor einiger Zeit, als er anfing,

einheimische Artikel in unserm Dorfe einzuführen, jung und alt ihn

heimlich und öffentlich wegen seiner Torheit getadelt und verspottet.

Als es noch nicht ein Ruhm war, zur Swadeschi-Bewegung zu gehören,

hatten wir sie von ganzem Herzen verachtet.

Mein Gatte schärft noch immer seine indischen Bleistifte mit seinem

indischen Messer, schreibt mit Rohrfedern, trinkt Wasser aus einem

Zinngefäß und arbeitet des Abends beim Licht einer altmodischen Öllampe.

Aber solch langweiliger Zuckerwasser-Patriotismus sprach uns nicht an.

Wir schämten uns vielmehr immer der einfachen und unmodernen Einrichtung

seines Empfangszimmers, besonders wenn hohe Beamte oder andere Europäer

bei ihm zu Gaste waren.

Mein Gatte hörte meine Vorstellungen lächelnd an. »Warum regst du dich

über solche Kleinigkeiten auf?« pflegte er zu sagen.

»Sie werden uns für Barbaren halten oder jedenfalls finden, daß es uns

an feiner Lebensart fehlt.«

»Wenn sie das tun, so vergelte es ihnen dadurch, daß ich denke, ihre

Feinheit geht nicht tiefer als ihre weiße Haut.«

Mein Gatte hatte auf seinem Schreibtisch einen gewöhnlichen Messingtopf,

den er als Blumenvase benutzte. Oft, wenn ich hörte, daß er einen

europäischen Gast erwartete, schlich ich mich in sein Zimmer und setzte

an seine Stelle eine Kristallvase von europäischer Arbeit.

»Sieh einmal, Bimala,« wehrte er endlich, »jener Messingtopf weiß so

wenig von sich wie jene Blumen; aber dies Ding hier macht seinen Zweck

so laut bekannt, es paßt nur für künstliche Blumen.«

Nur die Bara Rani schmeichelt den Launen meines Gatten. Einmal kommt sie

ganz außer Atem an: »O, Bruder, hast du es schon gehört? Sie haben jetzt

im Dorf prachtvolle indische Seife! Ich bin zwar über die Jahre hinaus,

wo man sich jeden Luxus leistet, aber wenn sie keine tierischen Fette

enthält, möchte ich sie doch versuchen.«

Mein Gatte strahlt, wie er das hört, und nun wird das ganze Haus mit

indischen Seifen und Wohlgerüchen überschwemmt. Fürwahr eine schöne

Seife! Sie ist vielmehr eine Art scharfen Sodas. Und als ob ich nicht

ganz gut wüßte, daß meine Schwägerin für sich die alte europäische Seife

weiter gebraucht und diese den Mädchen zum Zeugwaschen gibt!

Ein andermal heißt es: »Ach lieber Bruder, besorge mir doch ein paar von

diesen neuen indischen Federhaltern!«

Ihr »Bruder« ist wieder glückstrahlend, und das Zimmer meiner Schwägerin

wird mit allen Arten von scheußlichen kleinen Stöcken garniert, die sich

Swadeschi-Federhalter nennen. Nicht, daß das irgendwelche Bedeutung für

sie hätte, denn Lesen und Schreiben ist nicht ihre Sache. Doch liegt auf

ihrem Schreibzeug noch immer derselbe elfenbeinerne Federhalter, der

einzige, den sie je benutzt hat.

In Wahrheit war dies alles nur gegen mich gerichtet, weil ich die

Schrullen meines Gatten nicht mitmachen wollte.

Es hatte keinen Sinn, daß ich versuchte, ihm die Unaufrichtigkeit meiner

Schwägerin zu beweisen; sein Gesicht wurde strenge, sobald ich nur daran

rührte. Man schafft sich nur Ärger, wenn man versucht, solchen Menschen

die Augen zu öffnen.

Die Bara Rani näht sehr gern. Eines Tages konnte ich nicht umhin

herauszuplatzen: »Was für eine Komödiantin du doch bist, Schwester! Wenn

dein ›Bruder‹ da ist, so bist du Feuer und Flamme für die

Swadeschi-Scheren, aber bei deiner Arbeit gebrauchst du jedesmal die

englischen.«

»Was schadet das?« erwiderte sie. »Siehst du denn nicht, wie es ihm

Freude macht? Wir sind hier zusammen im Hause aufgewachsen, und ich

kenne ihn von seiner Kindheit an. Ich kann es einfach nicht ertragen,

wie du, wenn er nicht mehr lächelt. Der Ärmste, er hat kein anderes

Vergnügen als das Kaufladenspiel. Du bist die Einzige, die ihn froh

machen könnte, und doch wirst du ihn zugrunde richten.«

»Was du auch sagst, es ist nicht recht zu heucheln«, erwiderte ich.

Meine Schwägerin lachte mir ins Gesicht. »Ach, du unschuldige kleine

Tschota Rani! Du bist so gerade wie der Rohrstock eines Schulmeisters,

nicht wahr? Aber eine rechte Frau ist nicht so geschaffen. Sie ist weich

und biegsam, so daß sie sich beugen kann, ohne krumm zu werden.«

Ich konnte die Worte nicht vergessen: »Du bist die Einzige, die ihn froh

machen könnte, und doch wirst du ihn zugrunde richten.«

XIII

Suksar, das auf unserm Gebiete liegt, ist eins der größten

Handelszentren im ganzen Distrikt. An der einen Seite eines Wassers wird

täglich Markt abgehalten, an der andern Seite findet einmal in der Woche

ein größerer Markt statt. In der Regenzeit, wenn der See mit dem Fluß

Verbindung hat und die Schiffe hinaufkommen können, werden große Mengen

Baumwollgarn und Stoffe für den Winter zum Verkauf dorthin gebracht.

Als unsre Begeisterung ihren Höhepunkt erreicht hatte, erklärte Sandip,

daß alle ausländischen Artikel samt dem Teufel der Ausländerei aus

unserm Gebiet vertrieben werden müßten.

»Selbstverständlich«, antwortete ich kampfbereit.

»Ich habe mit Nikhil deswegen gesprochen«, sagte Sandip. »Er sagt mir,

wir können Reden halten, soviel wir wollen, aber Zwang will er nicht

dulden.«

»Da lassen Sie mich nur machen«, sagte ich im stolzen Gefühl meiner

Macht. Ich wußte, wie tief die Liebe meines Gatten zu mir war. Wäre ich

bei Sinnen gewesen, so hätte ich mich eher in Stücke reißen lassen, als

daß ich in solchem Moment mein Recht darauf geltend gemacht hätte. Aber

Sandip sollte die ganze Macht seiner Gottheit kennen lernen.

Sandip hatte mir in seiner unwiderstehlichen Art klargemacht, wie die

Weltkraft sich jedem Einzelnen in Gestalt einer besonderen

Wahlverwandtschaft offenbart. »Die Philosophie der Wischnu-Verehrer«,

sagte er, »spricht von der Schakti der Freude, die im Herzen der

Schöpfung wohnt und das Herz der ewigen Liebe immer anzieht. Die

Menschen haben ein immerwährendes Verlangen, diese Schakti aus den

verborgenen Tiefen ihrer eignen Natur hervorzubringen, und die unter

uns, denen es gelingt, verstehen sogleich deutlich die Sprache der

Musik, die aus dem Dunkel zu uns hertönt.« Und sang:

Meine Flöte, die von Liedern quoll, ist verstummt,

Jetzt wo ich Antlitz in Antlitz dir gegenüberstehe.

Mein Ruf suchte dich unter allen Himmeln, als du verborgen lagst;

Nun findet all meine Sehnsucht Erfüllung im Lächeln deines Auges,

Geliebte.

Während ich seinen Allegorien zuhörte, hatte ich vergessen, daß ich nur

ganz einfach Bimala war. Ich fühlte mich als Schakti, als Verkörperung

der Weltfreude. Nichts konnte mich hemmen, nichts war mir unmöglich; was

ich berührte, gewann neues Leben. Die Welt um mich her war durch mich

neu geschaffen; denn hatte nicht erst der antwortende Ruf meines Herzens

all dies Gold über den Herbsthimmel ausgegossen? Und diesen Helden,

diesen treuen Diener des Vaterlandes, der mir so ergeben war, -- diesen

feurigen Geist, diese brennende Kraft, diesen leuchtenden Genius, -- ihn

auch schuf ich jeden Augenblick neu. Habe ich nicht gesehen, wie meine

Gegenwart ihm immer wieder neues Leben einflößt?

Neulich bat mich Sandip, ich möchte Amulja, einen jungen Burschen und

eifrigen Anhänger von ihm, empfangen. Ich sah, wie sogleich ein neues

Licht in den Augen des Knaben aufflammte, und wußte, daß auch er die

Schakti-Kraft an mir gespürt und daß sie in seinem Blut zu wirken

begonnen hatte. »Was für eine Zauberin Sie doch sind!« rief Sandip am

nächsten Tage aus. »Amulja ist plötzlich kein Knabe mehr, die Fackel

seines Lebens brennt lichterloh. Wie kann sich Ihr Feuer unter dem Dach

Ihres Hauses verbergen? Früher oder später werden sie alle davon

berührt, und wenn alle Lampen brennen, welch einen Dewali-Karneval[24]

werden wir dann hier im Lande feiern!«

Vom Glanz meines eignen Nimbus geblendet, beschloß ich, meinem getreuen

Priester diese Gabe zu gewähren. Ich vermeinte in meiner stolzen

Überhebung, daß niemand mich in dem hindern könnte, was ich wirklich

wollte. Als ich nach diesem Gespräch mit Sandip in mein Zimmer

zurückkehrte, machte ich mein Haar los und band es wieder hoch. Miß

Gilby hatte mir gezeigt, wie man es von hinten hochbürstet und in einem

Knoten hochsteckt. Diese Frisur liebte mein Gatte ganz besonders. »Es

ist schade,« sagte er einmal, »daß die Vorsehung einem armen

Alltagsmenschen wie mir statt dem Dichter Kalidasa all die Wunder eines

Frauennackens offenbart hat. Der Dichter würde ihn vielleicht mit einem

Blumenstengel verglichen haben; aber ich empfinde ihn als eine Fackel,

die die schwarze Flamme deines Haares hochhält.«

Und dabei -- -- -- Aber warum, ach, warum muß ich an all das denken?

Ich ließ meinen Gatten rufen. Früher konnte ich hundert Vorwände jeder

Art ersinnen, um ihn zu veranlassen, zu mir zu kommen. Jetzt, da alles

das längst vorbei war, verstand ich diese Kunst nicht mehr.

Fußnoten:

[23] Der Fluch, der sie in Asche verwandelte, hatte verhängt,

daß sie nicht anders ins Leben zurückgerufen werden könnten, als wenn

der Ganges zu ihnen herabgebracht würde. (Anm. d. engl. Übers.)

[24] Dewali (eig. dīpāli »Reihe von Lampen«), Name

verschiedener Götterfeste, die mit nächtlichen Illuminationen gefeiert

werden. (Übers.)

NIKHILS ERZÄHLUNG

VI

Pantschus Frau ist eben an der Schwindsucht gestorben. Pantschu muß

sich einer feierlichen Zeremonie unterziehen, um sich von Sünde zu

reinigen und die Gemeinde zu versöhnen. Die Gemeinde hat berechnet und

ihm mitgeteilt, daß es 123 Rupien[25] kosten wird.

»Welch ein Unsinn!« rief ich empört. »Laß dich darauf nicht ein,

Pantschu! Was können sie dir tun?«

Indem er seine geduldigen Augen zu mir erhob wie ein todmüdes Lasttier,

sagte er: »Ach Herr, meine älteste Tochter muß ja doch verheiratet

werden. Und meine arme Frau muß ihre Totenfeier haben.«

»Selbst wenn irgendwelche Schuld dich träfe, Pantschu,« überlegte ich

laut, »so hast du sicher schon genug dafür gelitten.«

»Das ist wahr, Herr«, gab er treuherzig zu. »Ich mußte einen Teil meines

Landes verkaufen und den Rest verpfänden, um die Doktorrechnung zu

bezahlen. Aber um die Opfergebühren an die Brahmanen komme ich nicht

herum.«

Was ließ sich dagegen einwenden? »Wann wird die Zeit kommen,« so fragte

ich mich, »wo die Brahmanen selbst sich entsühnen müssen, weil sie

solche Opfer angenommen haben?«

Der arme Pantschu hatte die ganze Zeit gegen den Hunger kämpfen müssen,

jetzt nach dem Tode und Begräbnis seiner Frau gab er den Kampf auf. In

der Verzweiflung nach irgendeinem Trost suchend, fand er ihn zu den

Füßen eines wandernden Asketen, und es gelang ihm, so weit in der

Philosophie zu kommen, daß er seine hungernden Kinder vergaß. Er lebte

eine Zeitlang ganz in der Idee, daß alles eitel sei und daß, wenn es

keine Freuden hienieden gäbe, der Schmerz ebenso wenig wirklich sei. Und

eines Nachts verließ er seine Kleinen in ihrer baufälligen Hütte und

machte sich auf die Wanderung.

Ich erfuhr damals nichts davon, denn ich war in einer furchtbaren

Krisis, wo Götter und Teufel sich um meine Seele stritten. Mein Lehrer

sagte mir auch gar nicht, daß er die verlassenen Kleinen Pantschus unter

sein Dach genommen hatte und für sie sorgte, obgleich er allein im Hause

war und den ganzen Tag seine Schule hatte.

Nach einem Monat kam Pantschu zurück; sein asketischer Eifer war

beträchtlich abgekühlt. Seine beiden Ältesten, ein Junge und ein

Mädchen, schmiegten sich an ihn und fragten: »Wo bist du die ganze Zeit

gewesen, Vater?« Sein Jüngster saß auf seinem Schoß; sein kleinstes

Mädchen war von hinten an ihm heraufgeklettert und hatte ihm die Arme um

den Hals geschlungen, und sie weinten alle zusammen. »Ach Herr«,

schluchzte Pantschu endlich und wandte sich an meinen Lehrer. »Ich kann

diesen Kleinen nicht genug zu essen verschaffen, und ich kann es auch

nicht übers Herz bringen, fortzugehen und sie im Stich zu lassen. Was

für eine Sünde habe ich denn nur getan, daß ich so an Händen und Füßen

gebunden und gemartert werde?«

Inzwischen war der Faden von Pantschus kleinen Handelsbeziehungen

zerrissen, und er sah, daß er sie nicht wieder aufnehmen konnte. Er

klammerte sich an den Schutz, den mein Lehrer ihm bei seiner Heimkehr

unter seinem Dach geboten hatte, und sagte kein Wort von Nachhausegehen.

Mein Lehrer mußte endlich davon anfangen. »Hör' einmal, Pantschu,« sagte

er, »wenn du dich gar nicht um deine Hütte kümmerst, wird sie ganz und

gar einfallen. Ich will dir etwas Geld leihen, daß du wieder etwas

hausieren kannst, und dann kannst du es mir nach und nach zurückzahlen.«

Pantschu war nicht sehr erbaut davon, -- gab es denn gar nicht so etwas

wie Barmherzigkeit auf Erden? Und als mein Lehrer ihn bat, ihm einen

Schuldschein für das Geld auszustellen, da hatte er das Gefühl, daß ihm

an einer Unterstützung, die er zurückzahlen sollte, nicht viel gelegen

sein konnte. Mein Lehrer jedoch wollte ihn sich nicht gern durch ein

äußeres Almosen innerlich verpflichten. »Wer die Selbstachtung eines

Menschen zerstört, nimmt ihm seine Kaste«, meinte er.

Nachdem Pantschu den Schuldschein unterschrieben hatte, war sein Gruß

lange nicht mehr so ehrerbietig, auch die ehrfurchtsvolle Fußberührung

unterließ er ganz. Mein Lehrer lächelte darüber; ihm war nichts lieber,

als daß Pantschu weniger Unterwürfigkeit zeigte. »Es ist schon recht,

daß ein Mensch dem andern die schuldige Achtung erzeigt,« pflegte er zu

sagen, »aber was darüber hinausgeht, ist vom Übel.«

Pantschu begann, Stoffe auf dem Markt zu kaufen und im Dorf damit zu

hausieren. Er bekam zwar nicht viel bares Geld dafür, aber was er an

Waren erübrigen konnte, in Gestalt von Reis, Flachs und andern

Erzeugnissen des Feldes, verwandte er auf die Abzahlung seiner Schuld.

Nach zwei Monaten konnte er die erste Rate abzahlen, und dementsprechend

zog er auch von seinem Gruß etwas an Ehrerbietung ab. Ihm mußte das

Gefühl gekommen sein, daß der, den er als einen Heiligen verehrt hatte,

ein bloßer Mensch und nicht einmal über die Lockungen des Gewinnes

erhaben war.

Während Pantschu mit diesen Dingen beschäftigt war, drang plötzlich die

Sturmflut der Swadeschi-Bewegung auf ihn ein.

VII

Es war Ferienzeit, und viel junge Leute aus unserm Dorf und der

Nachbarschaft waren von ihren Schulen und Universitäten nach Hause

gekommen. Sie schlossen sich mit Begeisterung der Gefolgschaft Sandips

an, und einige gaben in ihrem Übereifer ihre Studien ganz auf. Viele von

ihnen waren Freischüler meiner Schule hier, einige erhielten Stipendien

von mir für ihr Studium in Kalkutta. Sie kamen geschlossen zu mir und

forderten, ich solle die fremden Waren von meinem Markt in Suksar

verbannen.

Ich sagte ihnen, ich könne das nicht tun.

Sie wurden sarkastisch: »Wie Maharadscha, würden Sie zuviel dabei

verlieren?«

Ich beachtete das Beleidigende in ihrem Ton nicht und wollte gerade

antworten, daß nicht ich, sondern die armen Händler und ihre Kunden den

Verlust haben würden, als mein Lehrer, der dabei war, sich einmischte.

»Ja, den Verlust wird er haben, nicht ihr, das ist klar«, sagte er.

»Aber fürs Vaterland...«

»Nicht der Boden ist das Vaterland, sondern die Menschen darauf«,

unterbrach sie mein Lehrer. »Habt ihr ihrem Schicksal sonst auch nur

einen Blick gegönnt? Aber jetzt wollt ihr ihnen vorschreiben, was für

Salz sie essen und was für Kleider sie tragen sollen. Warum sollten sie

sich solcher Tyrannei beugen, und warum sollten wir dazu helfen?«

»Aber wir selbst essen auch nur indisches Salz und Zucker und tragen

indische Stoffe.«

Das Heim und die Welt · 第 7 / 17 段