liegt vielmehr die Gefahr für mich. Ich bin in Indien geboren, und das
Gift seines Idealismus steckt mir im Blut. Wie laut ich auch gegen die
Tollheit der Selbstverleugnung predige, ich kann mich selbst nicht ganz
von ihr freimachen.
So kommen heutzutage bei uns solche sonderbaren Widersprüche zustande.
Wir müssen unsre Religion haben und auch unsern Nationalismus, unsre
Bhagavadgita und unser Bande Mataram. Die Folge ist, daß beide zu kurz
kommen. Es ist, als ob man eine englische Militärkapelle neben unsern
indischen Flöten spielen ließe. Ich muß es mir zur Lebensaufgabe machen,
diesem fürchterlichen Durcheinander ein Ende zu machen.
Ich möchte, daß der europäische Stil bei uns zur Herrschaft käme, nicht
der indische. Dann könnten wir stolz die Fahne der Leidenschaft
hochflattern lassen, die die Natur uns mitgegeben hat auf das
Schlachtfeld des Lebens. Die Leidenschaft ist schön und rein, -- rein
wie die Lilie, die aus dem schlammigen Boden kommt. Sie steigt über
alles, was sie beflecken will, empor und braucht keine Kunstmittel, um
sich rein zu halten.
V
Eine Frage hat mich in diesen letzten Tagen gequält. Warum lasse ich zu,
daß mein Leben sich so mit Bimalas verstrickt? Bin ich denn ein von der
Strömung dahingetriebenes Stück Holz, das von jedem beliebigen Hindernis
aufgehalten wird?
Nicht als ob ich irgendwelche falsche Scham darüber empfände, daß Bimala
der Gegenstand meines Begehrens geworden ist. Es ist nur zu klar, wie
sehr sie mich braucht, und so betrachte ich sie als ganz rechtmäßig
mein. Die Frucht hängt mit dem Stengel am Zweig, aber das ist kein
Grund, weshalb der Stengel das Recht haben sollte, sie ewig
festzuhalten. Die reife Frucht fühlt, wie sie sich immer mehr vom
Stengel löst. Sie hat ihre ganze Süße für mich aufgespeichert: Hingabe
an mich ist Erfüllung ihres Daseins, ihres eigensten Wesens, ist ihre
wahre Sittlichkeit. Daher muß ich sie pflücken, denn ich darf sie nicht
um diese Erfüllung ihres Daseins bringen.
Aber was mich verdrießt, ist, daß ich mich immer mehr verstricke. Bin
ich nicht geboren, um zu herrschen, um mich auf mein eigenes Roß, die
Menge, zu schwingen und, die Zügel in der Hand, sie zu treiben, wie ich
will und wohin ich will, -- der Preis für mich und für sie nur die
Dornen und der Schmutz der Straße? Dies Roß wartet jetzt vor der Tür, es
scharrt ungeduldig den Boden und kaut am Gebiß, und sein Wiehern erfüllt
die Luft. Aber wo bin ich und was treibe ich, daß ich Tag für Tag die
herrliche Gelegenheit versäume?
Ich glaubte einst, ich sei ein Sturmwind, und die abgerissenen Blumen,
mit denen ich meinen Pfad bestreute, würden mich nicht im Fortschreiten
hindern. Aber ich bin nur eine Biene, die immer um dieselbe Blume
kreist. So trifft auch auf mich zu, was ich sagte: daß die Farbe, die
der Mensch sich mit seinen Ideen gibt, nur auf der Oberfläche liegt. Der
innere Mensch bleibt doch immer derselbe. Wenn jemand, der ganz in mich
hineinsehen könnte, meine Biographie schriebe, so würde er beweisen, daß
im Grunde gar kein Unterschied sei zwischen einem Kerl wie Pantschu und
mir, oder selbst zwischen Nikhil und mir!
Gestern abend blätterte ich in meinem alten Tagebuch... ich las, wie ich
gerade mein Examen gemacht hatte und mein Hirn von Philosophie zum
Bersten vollgepfropft war. Selbst damals schon hatte ich mir gelobt,
keinen Illusionen, weder eigenen noch fremden, Raum zu geben, sondern
mein Leben auf der Grundlage der Wirklichkeit aufzubauen. Aber wie ist
es tatsächlich bis jetzt damit gewesen? Wo ist die Festigkeit? Es
gleicht vielmehr einem Netzwerk, das, obgleich der Faden überall
zusammenhängt, doch zum größten Teil aus Löchern besteht. Ich mag
versuchen, was ich will, sie lassen sich nicht wegbringen. Und gerade
wie ich mich beglückwünsche, daß ich so sicher und unbeirrbar dem Faden
folge, gerate ich in solch ein schlimmes Loch. Denn ich habe angefangen,
Gewissensskrupel zu bekommen.
»Ich brauche es, es ist da; also nehme ich es mir.« -- Das ist eine
klare und gerade Politik. Wer kraftvoll und energisch sein Ziel
verfolgt, muß es sicher am Ende erreichen. Aber die Götter wollen nicht,
daß solche Reise leicht ist, daher senden sie die Sirene Mitgefühl aus,
daß sie den Wanderer vom Wege abbringt, indem sie seinen Blick mit
ihrem tränenvollen Nebelschleier trübt.
Ich sehe, die arme Bimala kämpft wie ein Wild, das in einer Schlinge
gefangen ist. Welche Todesangst ist in ihren Augen! Wie hat sie sich
wund gerissen an ihren Fesseln! Dieser Anblick sollte natürlich das Herz
eines richtigen Jägers froh machen. Und ich bin auch froh, aber ich bin
auch wieder gerührt; und daher stehe ich zögernd und kann mich nicht
entschließen, die Schlinge zuzuziehen.
Ich weiß, es hat Augenblicke gegeben, wo ich hätte zu ihr hinstürzen,
ihre Hände ergreifen und sie an meine Brust drücken können, ohne daß sie
Widerstand geleistet hätte. Hätte ich es getan, sie hätte kein Wort
gesagt. Sie wußte, daß eine Krisis drohte, die in einem Augenblick den
Sinn der ganzen Welt verändert haben würde. Und wie sie so vor der Höhle
stand, aus der das Unberechenbare und doch Erwartete hervorbrechen
sollte, wurde ihr Antlitz bleich, und ihre Augen glühten in Angst und
Leidenschaft. Wenn dieser Augenblick eingetreten wäre, so hätte in ihm
eine Ewigkeit Gestalt gewonnen, die unser Schicksal mit verhaltenem
Atem erwartete.
Aber ich habe diesen Augenblick entschlüpfen lassen. Ich habe nicht mit
rücksichtsloser Kraft zugegriffen und mich dessen versichert, was schon
fast mein war. Jetzt sehe ich klar, daß es in meiner Natur verborgene
Elemente waren, die sich mir offen als Hindernisse in den Weg stellten.
Genau auf dieselbe Weise wurde auch Ravana, der für mich der wahre Held
des Ramajana[19] ist, von seinem Schicksal ereilt. Er hielt Sita in
seinem Asokagarten in Gewahrsam und wartete, daß sie sich ihm geneigt
zeige, statt sie kurzerhand in seinen Harem zu führen. Diese schwache
Stelle in seinem sonst so großartigen Charakter machte die ganze
Entführungsgeschichte nutzlos. Eine ähnliche Anwandlung von
Gewissensskrupeln bewog ihn, seinem verräterischen Bruder nachzugeben,
statt vor ihm auf der Hut zu sein, und der Dank war, daß man ihn tötete.
So liegt die Tragik des Lebens im Menschen selbst begründet. Anfangs
liegt sie als winziger Keim irgendwo tief unten verborgen, um
schließlich doch hervorzubrechen und das ganze Gebäude zum Sturz zu
bringen. Die eigentliche Tragik besteht darin, daß der Mensch sich nicht
als das erkennt, was er wirklich ist.
VI
So ist es auch mit meinem Verhältnis zu Nikhil. Wenn ich auch weiß, daß
er verrückt ist, und über ihn lache, ich kann mich nicht ganz von dem
Gedanken frei machen, daß er mein Freund ist. Zuerst wies ich seinen
Standpunkt einfach ab, aber neuerdings hat er angefangen, mich zu
beschämen und zu versetzen. Daher habe ich versucht, wie früher mit ihm
zu diskutieren und dabei den alten begeisterten Ton anzuschlagen, aber
er klingt nicht echt. Ja, bisweilen lasse ich mich so weit verleiten,
daß ich meine Natur verleugne und so tue, als ob ich seiner Meinung
bin. Aber Verstellung liegt nicht in meiner Natur, und auch nicht in
der Nikhils; dies eine haben wir wenigstens gemeinsam. Daher ist es mir
jetzt lieber, wenn ich ihm gar nicht begegne, und ich habe angefangen,
ihm, soviel ich kann, aus dem Wege zu gehen.
Dies alles sind Zeichen von Schwäche. Sobald ein Mensch die Möglichkeit
eines Unrechts zugibt, wird es Tatsache und packt ihn an der Kehle, wie
sehr er auch versucht, allen Glauben an seine Existenz abzuschütteln.
Was ich Nikhil offen sagen möchte, ist, daß man Ereignissen wie diesen
als großen Wirklichkeiten ins Gesicht sehen muß, und daß das, was als
Wahrheit sein Recht hat, wahre Freunde nicht trennen sollte.
Es läßt sich nicht leugnen, daß ich tatsächlich schwächer geworden bin.
Aber nicht diese Schwäche war es, durch die ich Bimala gewann; sie
versengte sich die Flügel an der Glut der Vollkraft meiner
rücksichtslosen Männlichkeit. Sobald Rauch diese Glut verdunkelt, wird
sie unsicher und verwirrt und weicht zurück. Dann kehrt sich ihr Gefühl
gegen mich, und sie möchte mir am liebsten den Kranz, mit dem sie mich
geschmückt hat, wieder abnehmen, aber sie kann es nicht; und so
schließt sie nur die Augen, um ihn nicht zu sehen.
Doch trotz alledem darf ich nicht von dem Pfad, den ich mir
vorgezeichnet habe, abweichen. Ich darf auf keinen Fall die Sache des
Vaterlandes im Stich lassen, und am wenigsten im gegenwärtigen
Augenblick. Bimala und mein Vaterland sollen mir hinfort eins sein. Der
stürmische Wind aus Westen, der dem Lande den Schleier des Gewissens
abgerissen hat, wird Bimala den Schleier des Weibes vom Antlitz reißen,
und diese Entschleierung wird kein Gebot der Scham verletzen. Wenn das
schaukelnde Schiff die Menge über den Ozean trägt und die Fahne des
Bande Mataram über ihm flattert, so wird es zugleich die Wiege meiner
Macht und meiner Liebe sein.
Bimala wird so verzückt sein, wenn sie die Befreiung ihres Vaterlandes
im Geiste schaut, daß ihre Bande von ihr abfallen werden, ohne daß sie
sich dessen schämt, ja sogar ohne daß sie es bemerkt. Ganz bezaubert von
der Schönheit dieser furchtbaren, zerstörenden Macht, wird sie keinen
Augenblick zögern, grausam zu sein. Ich habe in Bimalas Natur die
Grausamkeit wahrgenommen, die die wesentliche Kraft alles Seins ist, --
die Grausamkeit, die mit ihrer rücksichtslosen Gewalt die Schönheit der
Welt wahrt.
Wenn man nur die Frauen von den künstlichen Fesseln befreien könnte, die
die Männer ihnen angelegt, so hätten wir auf Erden ein lebendiges
Ebenbild der Kali, der schamlosen, mitleidslosen Göttin. Ich gehöre zu
den Dienern der Kali, und eines Tages werde ich ihr wahrhaft dienen,
indem ich Bimala als ihre Inkarnation auf den Altar der Zerstörung
erhebe. Zu solchem Dienst will ich mich bereiten.
Der Rückweg ist uns beiden für immer verschlossen. Wir werden einander
berauben, werden einander hassen, aber nie mehr voneinander frei werden.
Fußnoten:
[19] Râmâjana, das zweite große Heldenepos der altindischen
Literatur (neben dem Mahâbhârata). Der Hauptinhalt ist, wie dem Helden
Râma seine treue Gattin Sîtâ von dem Dämonen Râvana geraubt wird und wie
er sie mit Hilfe des Affenkönigs Hanuman wiedergewinnt. (Übers.)
FÜNFTES KAPITEL
NIKHILS ERZÄHLUNG
IV
Alles rauscht und wogt in der Flut des Augusts. Die jungen Reisähren
glänzen wie die Glieder eines kleinen Kindes. Das Wasser ist in den
Garten beim Hause gedrungen. Das Morgenlicht gießt sich wie die Liebe
des blauen Himmels verschwenderisch über die Erde aus... Warum kann ich
nicht singen? Der ferne Fluß schimmert von Licht; die Blätter glitzern;
die Reisfelder erschauern in goldenem Leuchten; und in dieser
Herbstsymphonie bleibe ich allein stumm. Der Sonnenschein der Welt
trifft mein Herz mit seinen Strahlen, doch es wirft sie nicht zurück.
Wenn ich sehe, wie mir die Gabe versagt ist, meine Gefühle auszudrücken,
dann weiß ich, warum ich einsam bin. Wer könnte auf die Dauer Tag und
Nacht meine Gesellschaft ertragen? Bimala ist voll von Lebenskraft, und
daher bin ich ihrer in all den neun Jahren unsrer Ehe keinen Augenblick
überdrüssig geworden.
Mein Leben hat nur seine stumme Tiefe, aber kein murmelndes Rauschen.
Ich kann wie der stille See nur aufnehmen, nicht fortreißen. Und daher
ist meine Gesellschaft wie ein Fasten. Heute erkenne ich es klar, daß
Bimala die ganze Zeit an meiner Seite gedarbt hat.
Wen soll ich darum tadeln? Wie Vidjapati kann ich nur klagen:
August ist da. Wild schluchzt der Himmel auf,
Und Tränenströme stürzen auf die Erde;
Und, ach mein Haus ist leer.
Mein Haus, das sehe ich jetzt, war von Anfang an bestimmt, leer zu
bleiben, weil seine Türen sich nicht öffnen lassen. Aber bis jetzt wußte
ich nicht, daß seine Gottheit draußen saß. Ich war töricht genug zu
glauben, daß sie mein Opfer angenommen und mir dafür ihre Gnade
verliehen hätte. Aber ach, mein Haus ist die ganze Zeit leer gewesen.
Jedes Jahr um diese Zeit pflegten wir uns in einem Hausboot über die
weite Fläche des Samalda treiben zu lassen. Ich sagte oft zu Bimala, daß
jedes Lied immer wieder zu seiner Grundmelodie zurückkehren müsse. Die
ursprüngliche Grundmelodie jedes Liedes findet sich in der Natur, wo der
regenbeladene Wind über den rauschenden Strom hinfährt, wo die grüne
Erde sich den Schattenschleier übers Antlitz zieht und ihr Ohr dem
plaudernden Wasser zuneigt. Da ist es, wo am Anfang aller Zeiten Mann
und Weib sich zuerst begegneten, -- nicht zwischen Mauern. Und daher
müssen wir beide wenigstens einmal im Jahr zur Natur zurückkehren, um
unsre Liebe neu zu stimmen auf den ersten reinen Ton, in dem unsre
Herzen sich fanden.
Die beiden ersten Jahre unsrer Ehe verbrachte ich unsern Hochzeitstag in
Kalkutta, wo ich meine Examina machte. Aber von dem nächsten Jahre an,
in den sieben folgenden Jahren haben wir jedesmal diesen Tag inmitten
der blühenden Wasserlilien gefeiert. Jetzt beginnt eine andere Oktave
meines Lebens.
Es wird mir schwer, nicht daran zu denken, daß der August in diesem
Jahre wiedergekommen ist. Ob Bimala wohl daran denkt? Sie hat mich
nichts merken lassen. Alles um mich her ist stumm.
August ist da. Wild schluchzt der Himmel auf,
Und Tränenströme stürzen auf die Erde.
Ach, und mein Haus ist leer.
Das Haus, das leer geworden ist, weil die Liebenden sich trennten, ist
doch mitten in seiner Leere noch von Musik durchzittert. Aber das Haus,
das leer geworden ist, weil die Herzen sich trennten, ist furchtbar in
seinem Schweigen. Selbst der Schrei des Schmerzes ist dort nicht am
Platz.
Dieser Schmerzensschrei muß in mir zum Schweigen gebracht werden.
Solange ich fortfahre zu leiden, wird Bimala nie wahrhaft frei werden.
Ich muß sie ganz freimachen, sonst werde ich mich selbst nie von der
Lüge befreien können...
Ich glaube, eins habe ich jetzt angefangen zu verstehen. Der Mensch hat
die Flamme der Liebe zwischen Mann und Weib so angefacht, daß sie über
ihr rechtmäßiges Gebiet hinaus um sich gegriffen hat, und er ihr jetzt
nicht mehr Halt gebieten kann. Der Mensch hat aus seiner Liebe einen
Götzendienst gemacht. Aber es wird Zeit, daß die Menschenopfer an ihrem
Altar aufhören ...
Ich ging heute morgen in mein Schlafzimmer, um ein Buch zu holen. Es ist
lange her, daß ich es am Tage betreten habe. Ein Schmerz schnitt mir
durch die Seele, als ich mich heute im Licht des Morgens darin
umblickte. Am Kleiderriegel hing ein Sari von Bimala, zum Gebrauch
fertig geplättet und gekräuselt. Auf dem Toilettentisch stand ihr
Parfüm, daneben lagen ihr Kamm, ihre Haarnadeln, und da war auch die
Scharlachpaste für das Stirnzeichen! Unten standen ihre goldgestickten
kleinen Schuhe.
Einst, in früheren Zeiten, als Bimala ihre Abneigung gegen Schuhe noch
nicht überwunden hatte, da brachte ich ihr diese von Lakhnau, um ihr
Lust dazu zu machen. Das erstemal wollte sie vor Scham zu Boden sinken,
als sie nur damit hinaus auf die Veranda gehen sollte.
Seitdem hat sie manches Paar zu Ende getragen, aber dies Paar hat sie
immer wie einen Schatz aufbewahrt. Als ich ihr zuerst diese Schuhe
zeigte, neckte ich sie mit einer merkwürdigen Gewohnheit, die sie hatte:
»Ich habe dich überrascht, wie du meine Füße ehrfurchtsvoll berührtest,
als du glaubtest, daß ich schliefe. Dies ist mein Liebesopfer, das die
Füße meiner Gottheit, wenn sie wach ist, immer in Ehrfurcht berühren
soll.« Allein sie wehrte erschrocken ab: »Du mußt nicht solche Sachen
sagen, sonst werde ich nie deine Schuhe tragen!«
Dies Schlafzimmer, -- es hat eine so feine Atmosphäre, die ich bis ins
innerste Herz spüre. Ich habe bis heute nie gewußt, wie mein durstendes
Herz seine Wurzeln ausgestreckt und sich um jeden einzelnen vertrauten
Gegenstand geklammert hat. Ich sehe, es genügt noch nicht, wenn ich die
Hauptwurzel ausreiße, um mein Leben zu befreien. Selbst diese kleinen
Schuhe halten mich fest.
Mein wandernder Blick fiel auf die Nische. Mein Bild da blickt noch
ebenso wie immer, obgleich die Blumen, die es schmückten, längst welk
und trocken sind. Von allen Dingen im Zimmer sind sie mit ihrem Gruß
allein aufrichtig. Sie sagen mir, daß sie nur noch da sind, weil es
nicht der Mühe lohnte, sie fortzunehmen. Doch mag es sein; ich will die
Wahrheit willkommen heißen, wenn sie auch in so dürrer und trostloser
Gestalt mir erscheint, und will auf die Zeit hoffen, wo ich imstande
sein werde, so unbewegt und ruhig auf alles hinzublicken, wie mein Bild
da oben in der Nische.
Als ich noch dastand, trat Bimala hinter mir ein. Ich wandte hastig
meinen Blick von der Nische ab zu dem Bücherregal und murmelte: »Ich
wollte mir nur Amiels Tagebücher[20] holen.« Wozu brauchte ich ihr
freiwillig eine Erklärung zu geben? Ich fühlte mich wie ein Übeltäter,
ein Eindringling, der ein Geheimnis, das er nicht wissen soll, ausspäht.
Ich konnte Bima nicht ins Gesicht sehen und eilte schnell hinaus.
V
Ich saß draußen in meinem Zimmer und hatte mir gerade gesagt, daß es
keinen Sinn hätte, wenn ich versuchte zu lesen oder mich irgendwie sonst
zu beschäftigen, -- es war mir, als ob alle meine künftigen Tage in eine
feste Masse zusammenfrieren und sich für immer schwer auf meine Brust
legen wollten, -- da kam Pantschu, der Pächter eines benachbarten
Zemindars[21] mit einem Korb voll Kokosnüsse und begrüßte mich
ehrerbietig.
»Nun, Pantschu«, sagte ich. »Was soll denn dies?« Ich hatte Pantschu
durch meinen Lehrer kennengelernt. Er war sehr arm, daher dachte ich,
der arme Bursche wollte sich durch dies Geschenk ein kleines Trinkgeld
verschaffen, um aus einer augenblicklichen Verlegenheit zu kommen. Ich
nahm etwas Geld aus meiner Börse und hielt es ihm hin, aber er wehrte
mit gefalteten Händen ab: »Nein, Herr, das kann ich nicht nehmen!«
»Warum nicht, was hast du denn?«
»Lassen Sie mich Ihnen beichten, Herr. Einmal, als ich sehr in Not war,
stahl ich ein paar Kokosnüsse aus diesem Garten hier. Ich werde alt und
kann jeden Tag sterben, daher bin ich gekommen, um sie Ihnen
zurückzuzahlen.«
Amiels Tagebücher hätten mir an jenem Tage nicht helfen können, aber
diese Worte Pantschus machten mir das Herz leichter. Es gibt doch noch
andere Dinge im Leben als die Vereinigung oder Trennung von Mann und
Weib. Darüber hinaus erstreckt sich die große Welt, und man hat erst das
rechte Maß für seine eigenen Leiden und Freuden, wenn man mitten in
dieser Welt steht.
Pantschu hängt mit großer Verehrung an meinem Lehrer. Ich weiß recht
wohl, wie er sich abmüht, um das Notwendigste zum Leben aufzubringen. Er
steht jeden Morgen vor Tagesgrauen auf, watet mit seinem Korb voll
Betelpfefferblättern, Tabakrollen, farbigem Nähgarn, kleinen Kämmen,
Spiegeln und anderm Kram, den die Dorffrauen lieben, durch das knietiefe
Wasser des Sumpflandes und geht hinüber zu dem Namasudra-Viertel. Da
tauscht er seine Waren gegen Reis ein, wodurch er etwas mehr bekommt,
als er dafür bezahlt hat. Wenn er früh genug zurückkommt, geht er, nach
einer eiligen Mahlzeit, noch einmal fort zum Konditor, wo er beim
Schlagen des Zuckers für die Waffeln hilft. Sobald er heimkommt, setzt
er sich hin und macht Schildpattspangen und plagt sich oft dabei bis
Mitternacht. Und bei all dieser trostlosen Plackerei verdient er kaum so
viel, daß er und die Seinen sieben Monate hindurch zweimal am Tage essen
können. Um satt zu werden, trinkt er erst immer eine tüchtige Portion
Wasser, und seine Hauptnahrung sind die billigsten und minderwertigsten
Bananen. Und doch muß die Familie den übrigen Teil des Jahres mit einer
Mahlzeit auskommen.
Ich dachte einmal daran, ihm eine jährliche Unterstützung zu geben,
aber mein Lehrer sagte: »Du kannst das harte Los dieses Mannes nicht
ändern, du könntest nur ihn selbst mit deiner Gabe verderben. Mutter
Bengalen hat nicht nur diesen einen Pantschu. Wenn ihre Brüste
ausgetrocknet sind, so kann die Milch, die von außen kommt, das nicht
gutmachen.«
Solche Gedanken machen nachdenklich, und ich beschloß, es mir zur
Aufgabe zu machen, einen Ausweg aus der Not zu finden. Noch am selben
Tage sagte ich zu Bima: »Wir wollen unser Leben daran setzen, die Wurzel
dieses Übels in unserm Lande auszurotten.«
»Ich sehe, du bist mein Prinz Siddharta[22]«, erwiderte sie lächelnd.
»Aber gib nur acht, daß der Strom deiner Gefühle mich nicht am Ende auch
mit hinwegfegt!«
»Siddharta legte sein Gelübde allein ab. Ich möchte, daß wir es zusammen
tun.«
Wir kamen auf andere Dinge zu sprechen. Bimala ist nämlich im Grunde,
was man eine »lady« nennt. Wenn auch ihre Familie nicht in guten
Verhältnissen lebt, so ist sie doch eine geborene Fürstin. Sie zweifelt
nicht, daß es für die Sorgen und Leiden der niedrigeren Klassen einen
andern Maßstab gibt. Natürlich leiden sie beständig Mangel, aber es ist
nicht gesagt, daß dies für sie wirklich »Mangel« bedeutet. Sie fühlen
sich gerade in ihrer Enge wohl und sicher, wie der Teich in seinen
Ufern; wenn ihre Grenzen weitergesteckt werden, kommt nur der Schlamm
zum Vorschein.
In Wahrheit teilt Bimala doch nur mein Heim aber nicht mein Leben. Ich
hatte sie so vergrößert und ihr einen so großen Platz eingeräumt, daß,
als ich sie verlor, mein ganzes übriges Leben mir eng und klein schien.
Ich hatte alles andre in eine Ecke geworfen, um Platz für Bimala zu
machen, -- indem ich ganz dadurch in Anspruch genommen war, sie zu
schmücken und zu kleiden und zu erziehen und Tag und Nacht mich um sie
zu drehen, und dabei vergaß, wie groß die Menschheit ist und wie kostbar
des Menschen Leben. Wenn die Zufälligkeiten des täglichen Lebens
anfangen, den Menschen zu beherrschen, so sieht er die Wahrheit nicht
mehr und verliert seine Freiheit. Und Bimala nahm diese Zufälligkeiten
so peinlich wichtig, daß die Wahrheit sich mir ganz verbarg. Daher sehe
ich keinen Ausweg aus meinem Elend und starre nur immer auf den leeren
Platz, der mir die Welt bedeutete. Und so klingt mir an diesem
Augustmorgen schon stundenlang der alte Kehrreim im Ohr:
»August ist da. Wild schluchzt der Himmel auf,
Und Tränenströme stürzen auf die Erde.
Ach, und mein Haus ist leer.«
Fußnoten:
[20] Henri Frédéric Amiel, Genfer Dichter und Philosoph
deutscher Schule (1821-81), besonders bekannt durch die Auszüge aus
seinen Tagebüchern, die nach seinem Tode veröffentlicht und ein
verbreitetes Erbauungsbuch wurden. (Übers.)
[21] Der von der Regierung gegen eine Pachtsumme angestellte
Hauptpächter eines Landstriches mit dem Recht der Unterverpachtung.
[22] Der Name Buddhas, bevor er der Welt entsagte.
BIMALAS ERZÄHLUNG
XI
Die Veränderung, die mit einem Schlage über den Geist Bengalens gekommen
war, war ungeheuer. Es war, als ob der Ganges die Asche der
sechzigtausend Söhne Sagars[23] berührt hätte, die kein Feuer hatte
entzünden, kein Wasser in lebendige Erde hatte umwandeln können. Das
tote Bengalen stand plötzlich aus der Asche auf und sprach: »Hier bin
ich!«
Ich habe irgendwo gelesen, daß im alten Griechenland einmal ein
Bildhauer das Glück hatte, dem Bildnis, das er mit eigener Hand gemacht,
Leben zu verleihen. Doch selbst bei jenem Wunder war die Form schon da,
als das Leben entstand. Aber wo war die Einheit in diesem Haufen
unfruchtbarer Asche? Wäre sie hart gewesen, wie Stein, so hätten wir die
Hoffnung haben können, daß eine Form aus ihr entstehen könnte, wie ja
auch Ahalja, obgleich sie in Stein verwandelt war, doch ihre Menschheit
wieder erhielt. Aber diese zerstreute Asche muß dem Schöpfer zwischen
den Fingern hindurch in den Staub gefallen sein, um in alle Winde
verstreut zu werden. Sie hatte sich angehäuft, aber nie in sich
verbunden. Doch an diesem Tage, der für Bengalen gekommen war, nahm
selbst diese lose Masse Gestalt an und rief mit Donnerstimme dicht vor
unsrer Tür: »Hier bin ich!«