Ich versuchte, mich durch Arbeit abzulenken. Der Fußboden des

Schlafzimmers war sauber genug, aber ich bestand darauf, daß er unter

meiner Aufsicht noch einmal gescheuert wurde. Die Sachen lagen ganz

ordentlich in den Schränken; ich zog sie alle heraus und ordnete sie

anders. Ich fand am Nachmittag nicht einmal Zeit, mein Haar

hochzustecken, ich band es nur lose zusammen und wirtschaftete umher und

plagte jeden. Dann fing ich an, in der Vorratskammer zu kramen. Die

Vorräte schienen mir sehr zusammengeschrumpft, und das konnte nicht mit

rechten Dingen zugegangen sein, aber ich fand nicht den Mut, irgend

jemand dafür zur Verantwortung zu ziehen, denn hätte der sich nicht

fragen müssen: »Wo hatte sie denn die ganze Zeit ihre Augen?«

Kurz, ich benahm mich an jenem Tage wie eine Besessene. Am nächsten Tag

versuchte ich, etwas zu lesen. Ich habe keine Ahnung, was ich las, aber

plötzlich merkte ich, daß ich ganz unbewußt, mit dem Buch in der Hand,

den Korridor entlang gegangen war, der zu den Außengemächern führte. Nun

stand ich an einem Fenster, der Veranda gegenüber, die sich vor der

Zimmerreihe auf der andern Seite des Hofes hinzieht. Es war mir, als ob

das eine dieser Zimmer zu einem andern Ufer entwichen wäre und die Fähre

aufgehört hätte zu fahren. Es war mir, als sei ich nur noch der Geist

von der, die ich vor zwei Tagen gewesen, verurteilt, dazubleiben, wo ich

war, ohne doch wirklich da zu sein, und immer sehnsüchtig

hinüberstarrend.

Als ich da stand, sah ich Sandip aus seinem Zimmer auf die Veranda

treten, eine Zeitung in der Hand. Ich konnte sehen, daß er furchtbar

aufgeregt war. Der Hof, das Geländer vor ihm, alles schien seine Wut zu

erregen. Er warf die Zeitung hin mit einer Gebärde, als hätte er die

ganze Welt zerreißen mögen.

Ich fühlte, daß ich mein Gelübde nicht länger halten konnte. Ich war im

Begriff, weiterzugehen, nach dem Wohnzimmer, als meine Schwägerin

plötzlich hinter mir stand. »O Himmel, dies setzt allem die Krone auf!«

rief sie aus, als sie wieder forthuschte. Danach hatte ich nicht mehr

den Mut, weiterzugehen.

Als am nächsten Morgen mein Mädchen kam und rief: »Herrin, es ist hohe

Zeit, die Vorräte herauszugeben«, warf ich ihr die Schlüssel hin mit den

Worten: »Sag Harimati, daß sie es besorgt«, und setzte mich mit einer

englischen Stickerei, die ich angefangen hatte, ans Fenster.

Da kam ein Diener mit einem Brief. »Von Sandip Babu«, sagte er. Welche

unerhörte Dreistigkeit! Was sollte der Bote davon denken? Mein Herz

zitterte, als ich den Brief erbrach. Er enthielt keine Anrede, sondern

nur die Worte: »Eine dringende Angelegenheit -- das Vaterland

betreffend. Sandip.«

Im selben Augenblick hatte ich die Stickerei beiseite geworfen und war

aufgesprungen. Ich ordnete mit ein paar Griffen mein Haar vor dem

Spiegel, den Sari wechselte ich nicht erst, sondern zog nur schnell eine

dazu passende Jacke an.

Ich mußte durch eine der Veranden, wo meine Schwägerin des Morgens zu

sitzen und Betel zu schneiden pflegt. Ich bekämpfte meine Verlegenheit.

»Wohin, Tschota Rani?« rief sie.

»Ins Wohnzimmer draußen.«

»So früh! Zu einer Matinee, wie?«

Und als ich ohne zu antworten weiterging, summte sie ein anzügliches

Lied hinter mir her.

IX

Als ich die Tür des Wohnzimmers öffnete, sah ich Sandip, der in einen

illustrierten Katalog von Gemälden der Britischen Akademie vertieft war

und der Tür den Rücken zukehrte. Er bildet sich ein, ein großer

Kunstkenner zu sein.

Eines Tages sagte mein Gatte zu ihm:

»Wenn die Künstler je einen Lehrmeister brauchen, so werden sie nie

darum in Verlegenheit sein, solange du da bist.« Es war sonst nicht die

Art meines Gatten, zu spotten, aber in letzter Zeit ist er anders darin,

und er verschont Sandip nie.

»Warum meinst du, daß die Künstler keine Lehrmeister brauchen?« fragte

Sandip.

»Weil der Künstler ein Schöpfer ist«, erwiderte mein Gatte. »Darum

sollten wir uns bescheiden damit begnügen, unsere Lehren über die Kunst

aus dem Werk des Künstlers zu entnehmen.«

Sandip lachte über solche Bescheidenheit und sagte: »Du meinst, daß

Demut das Kapital ist, das die meisten Zinsen einbringt. Ich bin aber

der Überzeugung, daß die, denen es an Stolz fehlt, dem Rohr gleichen,

das auf dem Wasser umhertreibt und keine Wurzeln im Boden hat.«

Die widersprechendsten Gefühle bewegten mich, wenn sie so redeten.

Einerseits wünschte ich sehnlichst, daß mein Gatte in dem Streit siegte

und daß Sandips Stolz gedemütigt würde. Und doch war es gerade dieser

nicht zu beugende Stolz Sandips, der mich so anzog. Er leuchtete wie ein

kostbarer Diamant, der keine Schüchternheit kennt und der Sonne selbst

keck ins Antlitz strahlt.

Ich trat ein. Sandip mußte meine Tritte hören, als ich mich näherte,

aber er tat, als hörte er nichts, und ließ seine Augen nicht von dem

Buch.

Ich fürchtete, daß er anfangen würde, über Kunst zu reden, denn wenn er

von Bildern spricht, kann ich meine Feinfühligkeit in bezug auf sie

nicht unterdrücken und habe immer große Mühe, bei seinen Reden meine

Selbstbeherrschung zu bewahren. Daher war ich schon beinahe im Begriff

umzukehren, als Sandip mit einem tiefen Seufzer aufsah und so tat, als

ob ihn mein plötzlicher Anblick erschreckte. »Ach, da sind Sie!« sagte

er.

In seinen Worten, in seinem Ton, in seinen Augen lag eine Welt von

Vorwurf, als ob die Ansprüche, die er an mich hatte, meine Abwesenheit,

wenn auch nur von ein paar Tagen, zu einem schweren Unrecht machten.

Wohl empfand ich diese Haltung als eine Beleidigung für mich, aber ach,

ich hatte nicht die Kraft, darüber zu zürnen.

Ich antwortete nicht, aber obgleich ich Sandip nicht ansah, konnte ich

nicht umhin, seinen anklagenden Blick zu fühlen, der sich in meinem

Gesicht festbohrte und nicht weichen wollte. Ich wünschte so sehr, er

möchte etwas sagen, daß ich hinter seinen Worten Schutz finden könnte.

Wie lange dies dauerte, weiß ich nicht, aber endlich konnte ich es nicht

mehr aushalten. »Was ist das für eine Sache,« fragte ich, »worüber Sie

mich zu sprechen wünschten?«

Sandip tat wieder überrascht, als er sagte: »Muß es sich denn immer erst

um eine bestimmte Sache handeln? Ist Freundschaft an sich ein

Verbrechen? O, Bienenkönigin, daß Sie das Höchste, was es auf Erden

gibt, so gering schätzen! Darf man der Verehrung eines Herzens die Tür

schließen wie einem verlaufenen Hunde?«

Ich fühlte wieder, wie mein Herz in mir zitterte. Jetzt mußte die Krisis

kommen, zu ungestüm, um sich abwenden zu lassen. Freude und Angst

kämpfen in mir um die Herrschaft. Würden meine Schultern stark genug

sein, ihrem Ansturm standzuhalten, oder würde sie mich zu Boden werfen,

das Antlitz in den Staub?

Ich zitterte am ganzen Körper. Mich mit Gewalt bezwingend, wiederholte

ich: »Sie haben mich gerufen wegen einer Sache, die das Vaterland

angeht, daher habe ich meine häuslichen Pflichten gelassen, um zu hören,

was es gibt.«

»Das versuchte ich ja eben Ihnen klarzumachen«, sagte er mit einem

sarkastischen Lachen. »Wissen Sie denn nicht, daß ich gekommen bin, um

zu verehren? Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich in Ihnen die Schakti

unsers Vaterlandes verkörpert sehe? Es handelt sich doch nicht nur um

unser geographisches Vaterland. Niemand kann sein Leben hingeben für

eine Landkarte! Wenn ich Sie vor mir sehe, dann nur wird mir die ganze

Schönheit meines Vaterlandes offenbar. Wenn Sie mich mit Ihren eigenen

Händen salben, dann werde ich mich von meinem Vaterlande geweiht fühlen;

und wenn ich mit diesem Bewußtsein im Herzen im Kampfe falle, so falle

ich nicht in den Staub eines Landes, das die Landkarte zeigt, sondern

mein Haupt sinkt nieder auf ein liebend ausgebreitetes Gewand -- wissen

Sie, an welches Gewand ich denke? An den erdroten Sari, den Sie neulich

trugen, mit dem breiten, blutroten Saum. Ich sehe ihn immer vor mir. Das

sind die Visionen, die im Leben Kraft und im Tode Freude geben!«

Sandips Augen sprühten Feuer, als er so sprach, aber ob es das Feuer

der Begeisterung oder das Feuer der Leidenschaft war, hätte ich nicht

sagen können. Ich mußte an den Tag denken, wo ich ihn zuerst reden hörte

und wo ich zweifelte, ob er ein Mensch oder eine lebendige Flamme sei.

Ich konnte kein Wort hervorbringen. Es ist nicht möglich, hinter den

Schranken äußeren Anstandes Schutz zu suchen, wenn in einem Augenblick

das Feuer aufspringt und mit blitzendem Schwert und brüllendem Gelächter

alles vernichtet, was der Geiz sorgsam aufgehäuft hat. Ich war in

Todesangst, daß er sich vergessen und meine Hand ergreifen könnte. Denn

er stand vor mir, am ganzen Körper bebend, wie eine züngelnde Flamme;

seine Augen sprühten versengende Funken auf mich.

»Wollen Sie denn ewig mit Ihren kleinlichen Pflichten im Haushalt

Götzendienst treiben«, rief er nach einer Pause, »Sie, die Sie die Macht

in sich haben, Leben oder Tod über uns zu verhängen? Soll diese Ihre

Macht in einer Zenana verborgen bleiben? Werfen Sie alle falsche Scheu

von sich, ich bitte Sie; machen Sie sich doch nichts aus dem Geflüster

um Sie herum! Werfen Sie sich noch heute mit offenen Armen in den Strom

der Freiheit draußen in der Welt!«

Wenn Sandip in dieser Weise seinen Kult des Vaterlandes mit seiner

Verehrung für mich verwebt, so beginnt mein Blut zu tanzen, und alle

Schranken, die mich zurückhalten, geraten ins Wanken. Seine Reden über

Kunst und sexuelle Probleme, seine Unterscheidungen zwischen dem

Wirklichen und Unwirklichen hatten nur den Geist des Widerspruchs in mir

hervorgerufen, der mich hinderte, sachlich zu antworten. Aber dieser

Geist ging jetzt in Flammen auf, und mit ihm mein Widerstand. Ich fühlte

mich durch meine Weiblichkeit verklärt und einer Göttin gleich. Warum

sollte ihr Glanz nicht sichtbar von meiner Stirn strahlen? Konnte meine

Stimme nicht ein Wort finden, einen vernehmlichen Ruf, der wie eine

heilige Zauberformel mein Vaterland weihte und entflammte?

Plötzlich stürzte mein Mädchen Rhema mit aufgelösten Haaren ins Zimmer.

»Geben Sie mir meinen Lohn und lassen Sie mich gehen«, schrie sie. »In

meinem ganzen Leben bin ich nicht so...« Das Übrige wurde von Schluchzen

erstickt.

»Was ist denn geschehen?«

Es stellte sich heraus, daß Thako, das Mädchen meiner Schwägerin, sie

ohne irgendwelchen Grund maßlos beschimpft hatte. Sie war in einem

solchen Zustand, daß ich mich vergeblich bemühte, sie zu beruhigen,

indem ich ihr sagte, ich wolle gleich nachher kommen und die Sache

untersuchen.

Der Schlamm häuslichen Lebens, der unter den Lotusblättern der

Weiblichkeit lag, kam an die Oberfläche. Damit Sandip nicht noch mehr

davon erblickte, eilte ich schnell zurück.

X

Meine Schwägerin war in ihr Betelnußschneiden vertieft, ein leises

Lächeln spielte um ihre Lippen, als ob nichts Verdrießliches passiert

wäre. Sie summte noch dasselbe Lied.

»Warum hat deine Thako die arme Khema so beschimpft?« brach ich los.

»Hat sie das? Das Weibsbild! Ich werde sie aus dem Hause peitschen

lassen. Wie schändlich, dir deinen Morgen so zu verderben! -- Aber was

hat denn auch diese Dirne Khema für Manieren, daß sie hingeht und dich

stört, wenn du beschäftigt bist? Plage du dich jedenfalls nicht mit

solchen häuslichen Zänkereien, Tschota Rani! Überlaß das nur mir und geh

wieder zu deinem Freunde!«

Wie plötzlich der Wind in den Segeln unsres Geistes umschlägt! Daß ich

Sandip draußen aufgesucht hatte, war in der Beleuchtung des Zenana-Kodex

etwas so Unerhörtes, daß ich nicht wußte, was ich antworten sollte und

in mein Zimmer ging. Ich wußte, daß meine Schwägerin dahinter steckte,

daß sie ihr Mädchen zu dieser Szene aufgereizt hatte. Aber ich fühlte

mich auf so unsicherem Boden, daß ich keinen Gegenhieb wagte.

Erst neulich hatte ich gesehen, daß ich den unbeugsamen Stolz, mit dem

ich von meinem Gatten die Entlassung Nankus gefordert hatte, nicht bis

zu Ende aufrechterhalten konnte. Ich wurde plötzlich verlegen, als die

Bara Rani kam und sagte: »Es ist wirklich ganz meine Schuld, lieber

Bruder. Wir sind altmodische Leute, und mir wollte die Art deines Sandip

Babu nicht recht gefallen, daher sagte ich dem Türhüter... aber wie

konnte ich wissen, daß unsre Tschota Rani dadurch beleidigt sein würde?

-- Ich hätte gerade das Gegenteil erwartet! Aber ich bin nun einmal so

unverbesserlich einfältig!«

Was so herrlich scheint, wenn man es von der Höhe der nationalen Sache

aus betrachtet, erscheint trübe und schmutzig, wenn man es von unten

sieht. Und bald steigert sich Unwillen und Zorn zu Abscheu.

Ich schloß mich in mein Zimmer ein, setzte mich ans Fenster und dachte

darüber nach, wie leicht das Leben doch sein würde, wenn man mit seiner

Umgebung in Harmonie bleiben könnte. Wie einfach und selbstverständlich

sitzt meine Schwägerin da auf der Veranda mit ihren Betelnüssen, und wie

unerreichbar fern ist mir mein natürlicher Platz bei meinen häuslichen

Pflichten gerückt! Wie soll das alles enden? fragte ich mich. Werde ich

je aus diesem Zustande wie aus einem Fiebertraum erwachen und alles

vergessen, oder werde ich zu einem Abgrund geschleppt, aus dem es in

diesem Leben kein Entrinnen gibt? Wie brachte ich es nur fertig, mein

Glück von mir zu stoßen und mein Leben so zu Grunde zu richten? Jeder

Winkel dieses Schlafzimmers, das ich vor neun Jahren als junge Frau

zuerst betrat, starrt mich erschrocken an.

Als mein Gatte von seinem Magisterexamen nach Hause kam, brachte er mir

diese Orchidee mit, die aus einem fernen Lande jenseits des Meeres

stammt. Unter diesen kleinen Blättern quoll solch eine Fülle von Blumen

hervor, es sah aus, als ob die Schönheit selbst ihr Füllhorn

ausgeschüttet hätte. Wir beschlossen, sie hier über dem Fenster

aufzuhängen. Sie blühte nur das eine Mal, aber wir haben immer gehofft,

daß sie noch einmal blühen würde. Aus Macht der Gewohnheit habe ich sie

selbst in diesen Tagen noch begossen, und sie ist noch grün.

Es sind jetzt vier Jahre her, da rahmte ich ein Bild meines Gatten in

Elfenbein und stellte es in die Nische da drüben. Wenn jetzt mein Blick

zufällig darauf fällt, so muß ich die Augen niederschlagen. Bis vorige

Woche pflegte ich es regelmäßig jeden Morgen nach dem Bade mit Blumen zu

schmücken, als eine Art Morgenopfer, das ich meiner Liebe brachte. Mein

Gatte schalt mich oft darum.

»Es beschämt mich, daß du mich auf eine Höhe erhebst, auf die ich nicht

gehöre«, sagte er eines Tages.

»Welch ein Unsinn!«

»Ich bin nicht nur beschämt, sondern auch eifersüchtig!«

»Nun höre ihn einer! Eifersüchtig auf wen denn, bitte?«

»Auf dies mein falsches Ich. Es zeigt nur, daß ich dir zu unbedeutend

bin, daß du einen außerordentlichen Mann haben möchtest, vor dessen

Überlegenheit du dich beugen kannst, und daher mußt du dir helfen, indem

du dir ein andres Ich von mir machst.«

»Es macht mich nur böse, wenn du so redest«, sagte ich.

»Was nützt es, daß du böse mit mir bist«, erwiderte er. »Schilt dein

Schicksal, daß es dir keine Wahl ließ, sondern dich zwang, mich

blindlings zu nehmen. Nun mußt du beständig versuchen, seinen Fehler

wieder gutzumachen, indem du in mir ein Muster aller Vollkommenheit zu

sehen suchst.«

Ich war damals so gekränkt durch diesen bloßen Gedanken, daß mir die

Tränen in die Augen traten. Und immer, wenn ich jetzt daran denke, muß

ich die Augen vor jener Nische niederschlagen.

Denn jetzt habe ich ein andres Bild in meinem Schmuckkasten. Als ich

neulich im Wohnzimmer aufräumte, nahm ich den Doppelrahmen fort, in dem

Sandips Bild neben dem meines Gatten steckte. Diesem Bild opfere ich

keine Blumen, sondern ich halte es unter meinem Schmuck verborgen. Es

übt einen um so größeren Zauber auf mich, weil ich es heimlich

aufbewahre. Ich betrachte es von Zeit zu Zeit bei verschlossenen Türen.

Des Abends schraube ich die Lampe hoch und sitze da, mit dem Bild in der

Hand, es unverwandt anstarrend. Und jeden Abend will ich es am

Lampenfeuer verbrennen, um es nie mehr zu sehen; aber jeden Abend

verberge ich es mit einem Seufzer wieder unter meinen Perlen und

Diamanten.

Ach, ich elendes Weib! Welch ein Reichtum von Liebe faßte jedes dieser

Schmuckstücke ein! Ach, warum bin ich nicht tot?

Sandip hatte mir klargemacht, daß es nicht in der Natur der Frau liegt,

zu zaudern. Für sie gibt es weder rechts noch links, -- sie geht immer

geradeaus. Wenn die Frauen unsres Vaterlandes aus ihrem Schlaf erwachen,

wiederholte er mir beständig, so werden sie mit Siegesgewißheit ihren

Ruf erschallen lassen: »Ich will!«

»Ich will« -- führte Sandip eines Tages aus, -- war das erste Wort am

Anfang der Schöpfung. Es wurde nicht von irgendeinem Grundsatz geleitet,

sondern es wurde zu Feuer und wandelte sich zu Sonnen und Sternen. Es

kennt keine Gerechtigkeit. Weil es den Menschen haben wollte, opferte es

unbarmherzig Millionen von Jahren hindurch Millionen Tiere auf, um zu

seinem Ziel zu kommen. Dieses furchtbare Wort »ich will« ist Fleisch

geworden im Weibe, und daher versuchen die Männer in ihrer Feigheit mit

allen Kräften, diese elementare Flut einzudämmen. Sie fürchten, daß sie,

wenn sie lachend dahintanzt, alle Hecken und Stützen ihres Kürbisfeldes

umreißen könnte. Die Menschen haben sich zu allen Zeiten geschmeichelt,

diese Kraft sicher in den Schranken der Konvenienz eingeschlossen zu

halten, aber sie sammelt sich an und wächst. Jetzt ist sie noch ruhig

und tief wie ein See, aber allmählich wird ihr Druck immer stärker, die

Deiche werden nachgeben, und die Kraft, die so lange stumm gewesen ist,

wird brüllend hervorstürzen mit dem Ruf: »Ich will!«

Solche Worte Sandips hallen in meinem Herzen wider wie die Schläge einer

Kriegstrommel. Sie bringen jeden Konflikt in mir zum Schweigen. Was

kümmert es mich, was die Leute von mir denken? Was bedeutet mir jene

Orchidee und jene Nische in meinem Schlafzimmer? Wodurch sollten sie die

Macht haben, mich zu verkleinern und zu beschämen? Das Urfeuer der

Schöpfung brennt in mir.

Ich fühlte mich versucht, die Orchidee herabzureißen und aus dem Fenster

zu werfen, die Nische ihres Bildes zu berauben und dem schamlosen Geist

der Zerstörung, der in mir wütete, die Zügel schießen zu lassen. Schon

hatte ich den Arm erhoben, um es zu tun, da krampfte ein plötzliches Weh

mein Herz zusammen, und Tränen stürzten mir aus den Augen. Ich warf mich

nieder und schluchzte: »Wie soll dies alles enden, wie soll es enden?«

SANDIPS ERZÄHLUNG

IV

Wenn ich diese Seiten aus meiner Lebensgeschichte lese, so frage ich

mich ernstlich: Ist dies Sandip? Bestehe ich denn nur aus Worten? Bin

ich nur ein Buch mit einem Deckel von Fleisch und Blut?

Die Erde ist nicht ein totes Ding wie der Mond. Sie atmet, und der Atem

ihrer Flüsse und Meere hüllt sie ein. Sie ist bedeckt mit einem Mantel

aus ihrem eignen Staub, der in der Luft flattert. Der Zuschauer, der von

draußen auf die Erde blickt, sieht nur das Licht, das dieser Atem und

dieser Staub zurückwirft. Die Konturen der mächtigen Festländer kann er

nicht deutlich unterscheiden.

Der Mensch, der lebendig ist wie die Erde, ist auch in den Nebel seiner

Ideen eingehüllt, die er ausatmet. Die Konturen seines wahren Wesens

bleiben verborgen, und es scheint, als ob er auch nur aus Licht und

Schatten besteht.

Es scheint mir, daß ich in dieser meiner Lebensgeschichte gleichwie jene

Planeten nur das Bild meiner idealen Welt entfalte. Aber ich bin nicht

nur, was ich zu sein wünsche und glaube -- ich bin auch, was ich nicht

liebe und was ich nicht sein möchte. Meine Erschaffung hatte schon

begonnen, ehe ich geboren wurde. Ich hatte keine Wahl in bezug auf meine

Umgebung, und so muß ich versuchen, aus dem, was sich mir bietet, das

Beste zu machen.

Meine Weltanschauung macht mich gewiß, daß das Große grausam ist.

Gerecht sein ist für die Durchschnittsmenschen; es ist das Vorrecht der

Großen, ungerecht zu sein. Die Oberfläche der Erde war eben. Der Vulkan

stieß mit seinem feurigen Horn gegen sie und kam so zu seiner Höhe, --

er versuchte nicht, dem, was ihm im Wege stand, sondern nur sich selbst

gerecht zu werden. Erfolgreiche Ungerechtigkeit und natürliche

Grausamkeit sind die einzigen Kräfte gewesen, durch die der Einzelne

oder die Nation zu Reichtum und Herrschaft gekommen ist.

Daher predige ich die große Lehre von der Ungerechtigkeit. Ich sage

jedem: Befreiung ist auf Ungerechtigkeit gegründet. Ungerechtigkeit ist

das Feuer, das fortwährend etwas verzehren muß, damit es nicht zu Asche

wird. Wenn ein Einzelwesen oder Volk nicht mehr imstande ist, eine

Ungerechtigkeit zu begehen, wird es hinweggefegt und auf den

Kehrichthaufen der Welt geworfen.

Bis jetzt ist dies nur meine Theorie, mit der ich selbst noch nicht ganz

eins geworden bin. In meiner Rüstung sind Sprünge, durch die etwas sehr

Weiches und Empfindliches hindurchblickt. Weil, wie ich schon sagte, der

wesentliche Teil meines Ichs schon vor meiner gegenwärtigen Existenz

geschaffen wurde.

Von Zeit zu Zeit stelle ich meine Anhänger auf die Probe, um zu sehen,

wie weit sie es in dieser Grausamkeit gebracht haben. Eines Tages gingen

wir zu einem Picknick. Eine Ziege graste in der Nähe. Ich fragte: »Wer

ist unter euch, der mit diesem Messer der Ziege dort lebendig ein Bein

abschneiden und es mir bringen kann?« Während sie noch alle zögerten,

ging ich selbst hin und tat es. Einer von ihnen wurde ohnmächtig bei dem

Anblick. Aber als sie mich unbewegt sahen, berührten sie ehrfurchtsvoll

meine Füße und sagten, daß ich über alle menschliche Schwäche erhaben

sei. Das heißt, sie sahen an jenem Tage die Nebelhülle meiner Idee, aber

bemerkten nicht mein inneres Wesen, das ein launenhaftes Schicksal weich

und barmherzig geschaffen hat.

In dem gegenwärtigen Kapitel meines Lebens, dessen Interesse sich von

Tag zu Tag mehr um Bimala und Nikhil konzentriert, bleibt auch viel

unter der Oberfläche verborgen. Die Theorie, die mich beherrscht, formt

mein inneres Leben; dennoch entzieht sich ein großer Teil meines Lebens

ihrem Einfluß, und so entsteht ein Widerspruch zwischen meinem äußeren

Leben und seinem inneren Plan, ein Widerspruch, den ich, so gut ich

kann, zu verbergen suche, auch mir selber; denn sonst könnte er nicht

nur meine Pläne, sondern mein Leben selbst zum Scheitern bringen.

Das Leben ist unbestimmt und voller Widersprüche. Wir Menschen versuchen

mit unsern Ideen ihm eine besondere Gestalt zu geben, indem wir es in

eine bestimmte Form pressen, -- in die Bestimmtheit, die Erfolg hat.

Alle Welteroberer, von Alexander bis auf die amerikanischen Millionäre,

finden in Schwert oder Dollar das Sinnbild, nach dem sie ihr Wesen

formen, und dies ist die Quelle ihres Erfolges.

Der Hauptstreitpunkt zwischen Nikhil und mir besteht darin, daß,

obgleich unser beider Wahlspruch ist: »Erkenne dich selbst«, wir beide

es auf ganz verschiedene Weise deuten und infolgedessen seine

Selbsterkenntnis in meinen Augen das Gegenteil ist. »Wenn du auf deine

Weise Erfolg gewinnst,« wandte Nikhil bei einer Gelegenheit ein, »so

gewinnst du ihn auf Kosten der Seele, aber die Seele ist mehr wert als

der Erfolg.«

Ich antwortete nur: »Deine Worte sind abstrakt.«

»Das kann ich nicht ändern«, erwiderte Nikhil. »Eine Maschine ist

konkret genug, aber nicht so das Leben. Wenn du um der konkreten

Greifbarkeit willen das Leben als eine Maschine ansehen willst, so mußt

du dir nicht einbilden, daß du das Leben kennst. Die Seele ist nicht so

konkret wie der Erfolg, und daher verlierst du sie nur, wenn du dem

Erfolg nachjagst.«

»Wo ist sie denn, diese wunderbare Seele?«

»Da, wo sie sich im Unendlichen findet, jenseits allen Erfolges.«

»Aber was hat alles dies mit unsrer Arbeit für das Vaterland zu tun?«

»Damit ist es dieselbe Sache. Wo unser Vaterland sich selbst als

Endzweck setzt, da gewinnt es Erfolg auf Kosten seiner Seele. Wo es das

Höchste und Größte als letztes Ziel sieht, da versäumt es vielleicht den

Erfolg, aber es gewinnt an seiner Seele.«

»Gibt es dafür irgendein Vorbild in der Geschichte?«

»Der Mensch ist so groß, daß er nicht nur den Erfolg verschmähen,

sondern auch das Vorbild entbehren kann. Vielleicht gibt es kein Vorbild

dafür, ebensowenig wie das Samenkorn ein Vorbild für die Blume hat. Und

dennoch ist der Trieb des Samenkorns auf die Blume gerichtet.«

Das Heim und die Welt · 第 5 / 17 段