Übermaß von Geduld mein Fehler ist. Und als Tschandranath Babu sagte:
»Wenn wir erwarten, Früchte zu ernten, wo wir nicht gesät haben, so...«
mußte ich ihn unterbrechen. »Wer will denn Früchte haben?« rief ich.
»Wir richten uns nach dem Verfasser der Gita[18], der sagt, daß wir nur
an unser Handeln, nicht an die Früchte unsres Handelns denken sollen.«
»Was ist es denn aber, was ihr haben wollt?« fragte Tschandranath Babu.
»Dornen!« rief ich aus. »Sie sind umsonst zu haben.«
»Aber die Dornen belästigen nicht nur die andern«, erwiderte er. »Wer
sie sät, tritt sie sich selbst in die Füße.«
»Das sind alles ganz schöne Schulregeln«, entgegnete ich. »Wir wollen
einstweilen unsre brennende Sehnsucht stillen. Augenblicklich stechen
_uns_ die Dornen noch nicht; später, wenn wir sie fühlen, können wir
ja noch immer bereuen. Aber warum sollte uns der Gedanke überhaupt
schrecken? Wenn wir am Ende sterben müssen, haben wir Zeit genug,
abzukühlen. Solange die Flamme brennt, laß uns sieden und überkochen!«
Tschandranath Babu lächelte. »Kocht, soviel ihr wollt,« sagte er, »aber
haltet dies nur nicht für Arbeit oder Heldentum! Die Völker, die in der
Welt etwas erreicht haben, haben es durch Handeln, nicht durch
Überkochen erreicht. Aber die, welche die Arbeit immer gescheut haben,
wollen, wenn sie einmal plötzlich zum Bewußtsein ihrer elenden Lage
kommen, die Befreiung auf rechtlosem und gewaltsamem Wege erlangen.«
Ich gürtete gerade meine Lenden, um einen zermalmenden Ausfall gegen ihn
zu machen, als Nikhil zurückkam. Tschandranath Babu erhob sich und
sagte, zu Bima gewandt: »Jetzt muß ich gehen, Mütterchen, ich habe zu
arbeiten.«
Als er fort war, zeigte ich Nikhil das Buch, das ich in der Hand hatte.
»Ich erzählte gerade unsrer Bienenkönigin von diesem Buch«, sagte ich.
Neunundneunzig Prozent aller Menschen wollen durch Lügen getäuscht
werden, aber dieser ewige Schulmeisterzögling läßt sich leichter mit der
Wahrheit selbst täuschen. Ihm gegenüber ist Offenheit der beste Betrug.
Daher war es beim Spiel mit ihm das Einfachste für mich, meine Karten
offen auf den Tisch zu legen.
Nikhil las den Titel auf dem Einband, aber er sagte nichts. »Diese
Schriftsteller«, fuhr ich fort, »fegen mit ihrem Besen den ganzen Staub
von Redensarten weg, mit dem die Menschen unsre Welt zugedeckt haben.
Daher sagte ich eben gerade, ich möchte, du läsest es einmal.«
»Ich habe es gelesen«, sagte Nikhil.
»Nun, und was sagst du?«
»Es ist ganz gut für die, die sich Mühe geben, wirklich nachzudenken,
aber für die andern ist es Gift.«
»Was meinst du damit?«
»Wer predigt, daß alle gleichen Anspruch auf Eigentum haben, darf nicht
selbst ein Dieb sein. Denn wenn er das ist, predigt er Lügen. Und wer
eine Leidenschaft in sich nährt, der wird dies Buch nicht richtig
verstehen.«
»Die Leidenschaft«, rief ich aus, »ist gerade unser bester Führer. Wenn
wir ihm mißtrauen, so können wir ebensogut unsre Augen ausreißen, um
besser zu sehen.«
Nikhil wurde sichtlich erregt. »Die Leidenschaft«, sagte er, »hat nur
ihr Recht, solange wir sie zügeln. Wenn wir das, was wir richtig sehen
wollen, auf unsre Augen drücken, so verletzen wir sie nur, aber wir
sehen nichts. Und ebenso blendet uns auch die Heftigkeit der
Leidenschaft, die keinen Raum lassen will zwischen sich und dem
Gegenstande.«
»Es ist eure geistige Ziererei,« erwiderte ich, »die euch veranlaßt, in
sittlichem Zartgefühl zu schwelgen und die rauhe Seite der Wahrheit
nicht sehen zu wollen. Dadurch hüllt ihr nur die Dinge in einen
verklärenden Nimbus, statt mit voller Kraft an die Arbeit zu gehen.«
»Aufwand von Kraft, wo Kraft nicht am Platze ist, fördert die Arbeit
nicht«, sagte Nikhil ungeduldig. »Aber warum streiten wir über diese
Dinge? Müßiges Streiten mit Worten nimmt nur den frischen Blütenstaub
von der Wahrheit.«
Ich wollte gern, daß Bima sich an der Diskussion beteiligte, aber bis
jetzt hatte sie noch kein Wort gesagt. Hatte ich ihr vielleicht einen zu
rauhen Stoß versetzt, so daß sie jetzt, von Zweifeln bestürmt, den
Wunsch hatte, wieder bei dem Schulmeister in die Lehre zu gehen? Und
doch brauchte sie diesen Stoß. Man muß vor allem erst einmal einsehen,
daß die Dinge nicht so fest stehen, wie man geglaubt hat.
»Ich bin ganz froh, daß ich dies Gespräch mit dir hatte,« sagte ich zu
Nikhil, »denn ich wollte gerade unsrer Bienenkönigin dies Buch zu lesen
geben.«
»Warum nicht?« sagte Nikhil. »Wenn ich es lesen konnte, warum sollte
Bimala es nicht auch lesen? Was ich besonders betonen möchte, ist dies,
daß die Leute in Europa alles vom wissenschaftlichen Standpunkt aus
ansehen. Aber der Mensch ist mehr als bloße Physiologie oder Biologie
oder Psychologie oder Soziologie. Vergiß das um Gottes willen nicht! Er
ist unendlich viel mehr, als was die Naturwissenschaft von ihm lehrt. Du
lachst über mich und nennst mich einen Schulmeisterzögling, aber das
bist du, nicht ich. Denn du suchst die Wahrheit über den Menschen bei
deinen naturwissenschaftlichen Lehrern und nicht in deinem eignen
Innern.«
»Aber wozu all diese Aufregung?« spottete ich.
»Weil ich sehe, daß du darauf ausgehst, den Menschen zu schmähen und
herabzusetzen.«
»Aber woraus in aller Welt schließt du das?«
»Aus allem, was du sagst und tust und womit du mein Gefühl verletzest.
Du richtest beständig deine Angriffe gegen alles Große und Selbstlose
und Schöne im Menschen.«
»Wie kommst du auf diese verrückte Idee?«
Nikhil erhob sich plötzlich. »Ich sage es dir gerade heraus, Sandip,«
sagte er, »du kannst den Menschen in mir tödlich verwunden, aber du
kannst ihn nicht töten. Darum bin ich bereit, alles zu erdulden, ganz
bewußt, mit offenen Augen.«
Mit diesen Worten verließ er eilig das Zimmer.
Ich stand noch ganz verblüfft da und sah ihm nach, als ich plötzlich ein
Buch fallen hörte, und als ich mich umwandte, sah ich Bima, die ihm
schnell und sichtlich betreten folgte, wobei sie vermied, mir nahe zu
kommen.
Ein merkwürdiges Geschöpf ist doch dieser Nikhil! Er fühlt die Gefahr,
die sein Heim bedroht, warum weist er mir nicht die Tür? Ich weiß, er
wartet, daß Bima ihm das Stichwort gibt. Sagt sie ihm, daß ihre Ehe ein
Irrtum gewesen ist, so beugt er sein Haupt und gibt zu, daß er einen
großen Fehler gemacht hat. Er hat nicht die Geistesstärke, sich klar zu
machen, daß es der größte aller Fehler ist, einen Fehler einzugestehen.
Er ist ein typisches Beispiel dafür, wie Idealismus zu Schwäche führt.
Ich kenne nicht seinesgleichen; er ist ein zu sonderbarer Kauz! Er
eignet sich kaum als Figur für einen Roman oder ein Drama, viel weniger
noch für das wirkliche Leben.
Und Bima? Ich fürchte, mit ihrem Traumleben ist es jetzt zu Ende. Sie
hat endlich verstanden, wohin die Straße führt, auf die sie sich
mitreißen ließ. Jetzt muß sie entweder ganz bewußt weiter oder umkehren.
Wahrscheinlich aber wird sie bald einen Schritt vorwärtsgehen, und dann
wieder einen Schritt zurückweichen. Aber das beunruhigt mich nicht. Wenn
man Feuer gefangen hat, so brennen die Flammen nur um so wilder, je mehr
man hin und her rennt. Der Schreck, den sie bekommen hat, wird ihre
Leidenschaft nur noch mehr anfachen.
Vielleicht ist es besser, wenn ich gar nicht viel zu ihr sage, sondern
ihr nur ein paar moderne Bücher zu lesen gebe. Auf diese Weise kann sie
allmählich zu der Überzeugung kommen, daß ein Mensch mit modernen
Ansichten die Leidenschaft als die höchste Wahrheit anerkennt und ehrt,
statt sich ihrer zu schämen und Entsagung zu predigen. Wenn sie sich an
irgend so ein Wort wie »modern« halten kann, so wird sie schon Kraft
haben, weiterzugehen.
Sei dem, wie ihm wolle, ich muß das Spiel verfolgen bis zum Ende des
fünften Aktes. Ich kann mich leider nicht rühmen, nur als Zuschauer
dabei zu sein, der vorn in der königlichen Loge sitzt und ab und zu
Beifall klatscht. Ich fühle, wie es an meinem Herzen reißt und in allen
meinen Nerven zuckt. Wenn ich abends das Licht gelöscht habe und im Bett
liege, so fühle ich mich von kleinen Berührungen, kleinen Blicken und
kleinen Worten umschwirrt, die die Dunkelheit anfüllen. Wenn ich des
Morgens aufstehe, so zittre ich vor lebhafter Erwartung, es ist, als ob
mein Blut nach dem Takt einer Musik durch meine Adern läuft...
Auf dem Tisch stand ein Doppelrahmen mit Bimas und Nikhils
Photographien. Ich hatte Bima herausgenommen und zeigte ihr gestern die
leere Seite, indem ich sagte: »Der Geiz macht den Diebstahl zu einer
Notwendigkeit, daher haben beide an der Sünde teil, der Geizige wie der
Dieb. Meinen Sie nicht auch?«
Bima lächelte ein wenig und sagte nur: »Es war kein gutes Bild.«
»Was soll man machen?« sagte ich. »Ein Bild bleibt immer nur ein Bild.
Ich muß mich schon damit zufrieden geben, so wie es ist.«
Bima nahm ein Buch auf und begann darin zu blättern. »Wenn Sie
unzufrieden sind,« sagte ich, »so muß ich mich wohl bemühen, den leeren
Platz auszufüllen.«
Heute habe ich ihn ausgefüllt. Diese Photographie von mir wurde vor
vielen Jahren gemacht. Damals waren meine Züge noch jugendlich, und
mein Geist war es auch. Damals hegte ich noch Illusionen über diese Welt
und über das Jenseits. Der Glaube betrügt die Menschen, aber er hat ein
Gutes: er gibt ihren Zügen einen höhern Glanz.
Mein Bild steht jetzt neben Nikhils, denn sind wir beide nicht alte
Freunde?
Fußnoten:
[16] Im Hindu-Kalender als Unglückstag bezeichnet.
[17] Der letzte bedeutende Sanskrit-Dichter, der im 12.
Jahrhundert in Bengalen lebte; Verfasser des Gitagovinda, einer Art
lyrischen Dramas, das die Liebe des Gottes Krischna (= Vischnu) und der
Hirtin Radha in glühenden Farben schildert, aber von den Anhängern der
Vischnu-Religion in mystisch allegorischem Sinne verstanden wird.
(Übers.)
[18] Die Bhagavad-Gîtâ (»Gesang des Erhabenen«), eine der
berühmtesten indischen Dichtungen, ein religiös-philosophisches
Lehrgedicht, das als Episode dem großen Epos Mahâbhârata eingelegt ist.
(Übers.)
VIERTES KAPITEL
NIKHILS ERZÄHLUNG
III
Ich habe mich nie viel mit mir selbst beschäftigt. Jetzt aber versuche
ich oft, Abstand von mir zu nehmen, um mich zu sehen, wie Bima mich
sieht. Was für ein Bild trübseliger Feierlichkeit bietet doch ein Mensch
wie ich, der die Dinge immer zu ernst nimmt.
Es ist ganz gewiß besser, die Sorgen wegzulachen, als die Welt mit
Tränen zu überschwemmen. Nur so kann die Welt wirklich weitergehen. Wir
genießen unsere Speise und unsern Schlaf nur, weil wir die Sorgen, die
überall, zu Hause und draußen, auf uns warten, wie leere Schatten
verscheuchen können. Wenn wir sie nur einen Augenblick ernst nehmen, wo
würde da unser Appetit und unser Schlaf bleiben?
Aber ich selbst kann mich nicht als einen dieser Schatten verscheuchen,
und daher liegt die Last meiner Sorge beständig schwer auf dem Herzen
meiner Welt.
Warum stellst du dich nicht hoch oben auf die große Heerstraße des
Weltalls und fühlst dich als einen Teil des Alls? Was ist dir Bima in
diesem ungeheuren, jahrtausendelangen Strom der Menschheit? Dein Weib?
Was ist ein Weib? Ein leerer Name, den du wie eine Seifenblase mit
deinem eigenen Atem groß gemacht und Tag und Nacht sorglich gehütet
hast, und der doch beim ersten Nadelstich von draußen zerplatzt.
Mein Weib, -- und also in Wahrheit ganz mein eigen! Wenn sie nun aber
sagt: »Nein, ich gehöre mir selber«, -- soll ich da antworten: »Wie kann
das sein? Gehörst du nicht mir?«
»Mein Weib«, -- genügt dieser Name als Beweis, daß sie mir gehört, oder
wird sie etwa sogar durch ihn mein Eigentum? Läßt sich eine ganze
Persönlichkeit in diesen Namen einfangen?
Mein Weib! -- Habe ich nicht in dieser kleinen Welt alles gehegt und
geliebt, was es Reines und Holdes in meinem Leben gab? Ich ließ es
keinen Augenblick von meinem Herzen, daß es mir nicht in den Staub
fallen sollte. Was habe ich nicht alles auf ihrem Altar geopfert an
Weihrauch der Verehrung und Musik der Leidenschaft, an Blumen, die der
Frühling und der Herbst mir brachten! Wenn sie sich nun wie ein
Papierboot in das schmutzige Wasser der Gosse hineintreiben läßt, --
sollte ich da nicht auch...?
Da falle ich wieder in mein altes Pathos! Warum »schmutzig«? Und warum
»Gosse«? Schmähworte, die man in einem Anfall von Eifersucht braucht,
ändern die Tatsachen nicht. Wenn Bima nun einmal nicht mein ist, so ist
sie es nicht, und kein Zürnen und Wüten und Streiten kann etwas daran
ändern. Wenn mein Herz bricht -- mag es brechen! Das wird die Welt
nicht zugrunde richten -- und mich auch nicht; denn der Mensch ist
soviel größer als die Dinge, die er in diesem Leben verliert.
Aber das ist die Rücksicht auf die Gesellschaft ... Die überlaß ich der
Gesellschaft selbst! Wenn ich weine, so weine ich für mich, nicht für
die Gesellschaft. Wenn Bima sagt, daß sie mir nicht gehört, was frage
ich dann danach, wo die ist, die die Gesellschaft als mein Weib ansieht!
Leid muß es geben; aber ich muß mich mit allen Mitteln, die in meiner
Macht sind, gegen eine Form der Selbstquälerei schützen: ich darf nicht
denken, daß das Leben seinen Wert verliert, wenn das Schicksal mich
einmal zurücksetzt. Der volle Wert des Lebens darf nicht für die enge
häusliche Welt eingesetzt werden; Erfolg oder Mißerfolg auf dem Gebiet
meiner persönlichen Leiden und Freuden sind zu belanglos, als daß sie
das ganze große Unternehmen des Lebens bankrott machen könnten.
Die Zeit ist gekommen, wo ich Bimala des ganzen ideellen Schmuckes
entkleiden muß, mit dem ich sie behangen habe. Ich gab meiner eigenen
Schwäche nach, als ich solchen Götzendienst mit ihr trieb. Ich war zu
maßlos in meinem Begehren. Ich machte einen Engel aus Bimala, um meinen
eigenen Genuß zu erhöhen. Aber Bimala ist, was sie ist. Es ist
widersinnig, zu erwarten, daß sie mir zu Gefallen die Rolle eines Engels
spielen sollte. Der Schöpfer ist nicht verpflichtet, mir Engel zu
schicken, nur weil ich Verlangen nach einem Idealbild von Vollkommenheit
habe, das nur in meiner Einbildung besteht.
Ich muß mir eingestehen, daß ich in Bimalas Leben nur ein Zufall gewesen
bin. Ihrer Natur nach ist für sie vielleicht nur mit einem Menschen wie
Sandip eine wahre Ehe möglich. Doch ich darf mir nun auch nicht in
falscher Bescheidenheit sagen, daß ich es verdiene, hinter ihm
zurückzustehen. Sandip hat gewiß manches sehr Anziehende, das auch auf
mich sehr stark wirkte, aber ich bin doch sicher, daß er nicht größer
ist als ich.
Wenn er heute den Siegeskranz davonträgt und ich übersehen werde, so
wird der, der ihm den Preis zuerkennt, einmal dafür Rechenschaft ablegen
müssen.
Ich sage dies nicht im Gefühl stolzer Überhebung. Die einfache
Notwendigkeit zwingt mich, mir allen Wert, den ich wirklich habe, zu
vergegenwärtigen, damit ich nicht ganz an mir selbst verzweifle. Möge
daher doch durch die schreckliche Erfahrung des Leides mir wenigstens
_eine_ Befreiung zuteil werden -- die Befreiung von dem Mangel an
Selbstvertrauen!
Ich habe unterscheiden gelernt, was ich wirklich in mir habe und was ich
törichterweise zu haben glaubte. Die Abrechnung ist gemacht, und das,
was übrig ist, bin ich selbst, -- nicht ein verkrüppeltes Selbst in
Fetzen und Lumpen, nicht ein krankes Selbst, das auf Krankenkost gesetzt
werden muß, sondern eine Seele, die das Schlimmste erduldet und es
überstanden hat.
Mein Lehrer ging eben durch das Zimmer und sagte, indem er mir die Hand
auf die Schulter legte: »Mach, daß du zu Bett kommst, Nikhil, es ist
spät in der Nacht.«
Ja, es ist so schwer für mich geworden, zu Bett zu gehen, bevor es spät
ist und Bima fest schläft. Am Tage sehen wir uns und sprechen sogar
miteinander; aber was soll ich sagen, wenn wir allein zusammen sind, in
der Stille der Nacht? -- Da schäme ich mich, körperlich und seelisch.
»Wie kommt es, mein Meister, daß Sie noch nicht schlafen?« fragte ich
zurück. Mein Lehrer lächelte ein wenig, als er hinausging, und sagte:
»Die Zeit des Schlafens ist für mich vorüber. Jetzt bin ich im Alter, wo
man wacht.«
Bis hier hatte ich geschrieben und wollte gerade aufstehen und zu Bett
gehen, da sah ich durch das Fenster vor mir, wie der schwere Mantel der
Juliwolke sich plötzlich etwas öffnete und ein großer Stern
hindurchschien. Er schien zu mir zu sagen: »Im Traumland knüpft man
Bande, und sie zerreißen wieder, aber ich bin immer hier -- die ewige
Lampe der Hochzeitsnacht.«
Und plötzlich wurde mein Herz von der Gewißheit erfüllt, daß hinter dem
Vorhang der körperlichen Dinge durch die Jahrtausende hindurch treu die
ewige Liebe wacht und auf mich wartet. Manches Leben hindurch habe ich
in manchem Spiegel ihr Bild gesehen, -- in zerbrochenen Spiegeln, in
gekrümmten Spiegeln, in staubigen Spiegeln. Und immer, wenn ich
versuchte, mir den Spiegel ganz zu eigen zu machen, und ihn sorgfältig
verschloß, dann sah ich das Bild nicht mehr. Aber wozu das alles? Was
habe ich mit dem Spiegel, oder überhaupt auch mit dem Bild zu tun?
Meine Geliebte, dein Lächeln wird nie ersterben, und an jedem Morgen
wird dein rotes Stirnzeichen mir neu leuchten.
»Welch kindischer Selbstbetrug!« spottet irgendein Teufel von seiner
dunklen Ecke aus, -- »mit solchem törichten Geschwätz bringt man Kinder
zur Ruhe!«
Das mag sein. Aber Millionen und Abermillionen von Kindern schreien und
müssen zur Ruhe gebracht werden. Kann es sein, daß all diese Scharen mit
einer Lüge gestillt werden? Nein, die ewige Liebe kann mich nicht
täuschen, denn sie ist wahr!
Sie ist wahr, darum habe ich sie so oft gesehen und werde sie immer
wieder sehen, selbst wo ich irre gehe, und selbst durch den dichtesten
Tränenschleier. Ich habe sie auf dem Marktplatz des Lebens gesehen und
im Gedränge verloren und wiedergefunden; und ich werde sie wiederfinden,
wenn ich durch die Spalte des Todes diesem Leben entronnen bin.
Ach, Grausame, spiele nicht länger mit mir! Wenn es mir nicht gelungen
ist, dich zu finden, indem ich den Spuren deiner Füße auf dem Wege, dem
Duft deines Haares in der Luft folgte, laß mich nicht ewig darum trauern
und weinen! Der Stern, der durch den Wolkenmantel glänzt, sagt mir, daß
ich nicht verzagen soll. Was ewig ist, muß unvergänglich sein.
Jetzt will ich zu meiner Bimala gehen. Sie wird ihre müden Glieder
ausgestreckt haben und eingeschlafen sein, erschlafft von all den innern
Kämpfen. Ich will einen Kuß auf ihre Stirn drücken, ohne sie
aufzuwecken, -- das soll mein Blumenopfer auf ihrem Altar sein. Ich
glaube, wenn ich auch alles vergäße nach dem Tode, -- all mein Irren und
all mein Leiden, -- die Erinnerung an diesen Kuß würde in mir
nachzittern, denn der Kranz, der aus den Küssen der Liebe gewoben ist,
wird einmal, nach vielen Existenzen, die ewige Liebe krönen.
Als der letzte Schlag verklungen war, der die zweite Stunde kündete, kam
meine Schwägerin ins Zimmer. »Aber was machst du denn, lieber Bruder?«
rief sie. »Geh doch um Gottes willen zu Bett und hör auf, dich so zu
quälen! Ich kann es nicht ertragen, zu sehen, wie du leidest.« Die
Tränen traten ihr in die Augen, als sie mich so bat.
Ich konnte kein Wort hervorbringen, sondern berührte nur in stummer
Ehrfurcht ihre Füße und ging zu Bett.
BIMALAS ERZÄHLUNG
VII
Zuerst argwöhnte ich nichts, fürchtete nichts; ich fühlte nur, daß ich
ganz meinem Vaterlande gehörte. Wie beglückend war diese rückhaltlose
Hingabe! Nun wurde es mir offenbar wie der Mensch in völliger
Selbstaufopferung seine höchste Seligkeit finden kann.
Ich glaube, daß dieser Rausch wohl allmählich ganz von selbst
vorübergegangen wäre. Aber das wollte Sandip Babu nicht; ich sollte ihn
erst ganz kennenlernen. Der Ton seiner Stimme war wie eine körperliche
Berührung, jeder seiner Blicke warf sich bettelnd mir zu Füßen. Und
hinter dem allen brannte eine Leidenschaft, so ungestüm, daß sie mich
hätte mit den Wurzeln ausreißen und an den Haaren mit sich schleifen
mögen.
Ich will der Wahrheit nicht ausweichen. Ich fühlte Tag und Nacht sein
zehrendes Verlangen. Es hatte etwas so wahnsinnig Verlockendes, mich in
den Abgrund solcher Leidenschaft zu stürzen. Wie furchtbar schien es,
wie schmachvoll, und doch wie süß! Dazu kam meine unbezähmbare Neugier,
die mich immer weitertrieb. Ich wußte so wenig von ihm, er konnte nie
und auf keine Weise mein werden, und seine Jugend loderte in tausend
Flammen auf -- ach, wie voller Geheimnis war diese ungeheure, heiße
Leidenschaft!
Im Anfang hatte ich ein Gefühl der Verehrung für Sandip, doch das
schwand bald. Ich hörte sogar auf, ihn zu achten; ja, ich begann, auf
ihn herabzusehen. Dennoch war mein Herz ein Instrument, das er
meisterhaft zu spielen wußte. Was nützte es, wenn ich vor seiner
Berührung zurückwich und sogar das Instrument selbst in mir haßte; es
mußte doch seinem Zauber gehorchen.
Ich muß gestehen, es war etwas in mir, was... wie soll ich sagen?...
etwas, was mich wünschen läßt, daß ich damals gestorben wäre.
Tschandranath Babu kommt immer, wenn er Zeit findet, zu mir. Er hat die
Kraft, meinen Geist zu einer Höhe zu erheben, von der ich in einem
Augenblick das Gebiet meines Lebens nach allen Seiten vor mir
ausgebreitet sehe und erkenne, wo seine wirklichen Grenzen sind und daß
ich töricht darüber hinausgehen wollte.
Aber was nützt das alles? Will ich denn wirklich Befreiung? Es ist, als
ob ich nur ein Gebet habe: mag Leid über unser Haus kommen, mag das
Beste in mir verkümmern und verdorren; wenn nur dieser süße Wahn mir
bleibt!
Wenn ich vor meiner Heirat meinen verstorbenen Schwager sah, wie er
wahnsinnig vor Trunkenheit seine Frau schlug und dann in rührseliger
Reue schluchzend und heulend gelobte, keinen Branntwein wieder
anzurühren, und wie er dann doch am selben Abend sich hinsetzte und ein
Glas nach dem andern trank, dann war ich von Ekel gegen ihn erfüllt.
Aber mein Rausch heute ist noch furchtbarer. Ich brauche mir das Gift
nicht erst zu verschaffen und einzuschenken: es quillt in meinen Adern,
und ich weiß nicht, wie ich ihm widerstehen soll.
Muß dies bis zum Ende meines Lebens so fortgehen? Bisweilen sehe ich
mich selbst erschrocken an und denke, mein Leben ist ein Nachtmar, der
plötzlich mit seiner ganzen Lüge verschwinden wird. Es ist so ganz
losgelöst von allem, was war, und hat keine Beziehung mehr zu seiner
Vergangenheit. Was es jetzt ist und wie es so werden konnte, kann ich
nicht verstehen.
Eines Tages sagte meine Schwägerin mit höhnischem Lachen: »Was für eine
rührend gastfreundliche Hausfrau wir doch haben! Ihr Gast will durchaus
nicht weichen. Zu unsrer Zeit hatten wir auch Gäste; aber wir kümmerten
uns nicht so ausgiebig um sie -- wir waren törichterweise zu sehr in
Anspruch genommen durch die Sorge für unsern Gatten. Der arme Nikhil muß
es büßen, daß er zu modern ist. Er hätte als Gast kommen sollen, wenn
er bleiben wollte. Jetzt sieht es so aus, als ob es für ihn Zeit wäre,
zu gehen.«
Dieser Sarkasmus traf mich nicht; denn ich wußte, daß es diesen Frauen
nicht gegeben ist, Art und Ursache meiner Hingebung zu verstehen. Das
begeisternde Gefühl, meinem Vaterlande Opfer zu bringen, stählte mich
damals, daß solche Pfeile mich nicht erreichen und verletzen konnten.
VIII
Seit einiger Zeit ist von der Sache des Vaterlandes gar nicht mehr die
Rede. Den Gegenstand unsrer Unterhaltung bilden jetzt die sexuellen
Probleme der Gegenwart und ähnliche Fragen, dazwischen etwas Poesie,
sowohl altindische wie moderne englische, und das Ganze ist immer
begleitet von einer tiefen Grundmelodie, wie ich sie nie vorher gehört
habe, voll Männlichkeit und zwingender Gewalt.
Es war so weit gekommen, daß wir jeden Vorwand verschmähten. Wir hatten
auch nicht den geringsten Scheingrund dafür, daß Sandip Babu noch immer
da blieb und daß ich von Zeit zu Zeit vertrauliche Gespräche mit ihm
hatte. Ich war in einem beständigen innern Kampf. Ich war zornig auf
mich selbst, auf meine Schwägerin, auf die Einrichtung der Welt, und ich
gelobte mir, nie wieder die Frauengemächer zu verlassen, und wenn ich
daran sterben sollte.
Zwei Tage lang tat ich keinen Schritt hinaus. Da wurde es mir zum ersten
Mal klar, wie weit es mit mir gekommen. Ich fand gar keinen Geschmack
mehr am Leben. Was ich auch anrührte, hätte ich am liebsten gleich
wieder hingeworfen. Ich fühlte, daß ich wartete, daß alle meine Nerven
vom Kopf bis zu den Zehen gespannt waren auf etwas, -- auf jemand; mein
Blut fieberte vor Erwartung.