»Wahlverwandtschaft!« Wenn es meinem Zweck entsprach, habe ich oft

gesagt, daß Gott bestimmte Paare für einander geschaffen hat und daß

ihre Vereinigung die einzig legitime Vereinigung ist, die höher ist, als

alle Vereinigungen durch das Gesetz. Denn obgleich der Mensch seiner

Natur folgen möchte, ist er nicht zufrieden, wenn er sich nicht hinter

irgendeiner Phrase verstecken kann -- und dies ist der Grund, warum die

Welt so von Lügen überschwemmt ist.

»Wahlverwandtschaft!« Warum sollte es nur eine geben? Man kann sie mit

Tausenden haben. Ich habe mich der Natur gegenüber nie verpflichtet, all

meine unzähligen Wahlverwandtschaften zu übersehen um einer einzigen

willen. Ich habe in meinem bisherigen Leben schon viele entdeckt, aber

darum ist die Tür der nächsten nicht verschlossen, -- und diese nächste

sehe ich deutlich vor Augen. Und auch sie hat ihre Wahlverwandtschaft

mit mir entdeckt.

Und nun?

Wenn ich sie nun nicht gewinne, will ich ein Feigling heißen.

Fußnoten:

[14] Verkörperung göttlicher Wesen, die als Menschen oder Tiere

auf der Erde geboren werden.

DRITTES KAPITEL

BIMALAS ERZÄHLUNG

VI

Wo war nur mein Schamgefühl geblieben? Ich hatte keine Zeit, über mich

nachzudenken. Meine Tage und Nächte gingen in einem Wirbel dahin, in

einem Strudel, dessen Mittelpunkt ich war. Überlegung und Zartgefühl

konnten gar nicht an mich heran.

Eines Tages machte meine Schwägerin meinem Gatten gegenüber die

Bemerkung: »Bis jetzt waren es immer die Frauen dieses Hauses, die

weinen mußten. Jetzt kommen die Männer an die Reihe.«

»Wir müssen aufpassen, daß sie auch richtig drankommen«, fuhr sie dann,

zu mir gewandt, fort. »Ich sehe, du bist kampfgerüstet, Tschota

Rani[15]. Schleudere ihnen nur deine Pfeile mitten ins Herz!«

Sie musterte mich mit scharfem Blick von oben bis unten. Nichts von dem

Farbenglanz, den meine Kleidung, mein Schmuck, meine Rede, mein ganzes

Wesen ausstrahlten, entging ihr. Heute schäme ich mich, davon zu

sprechen, aber damals fühlte ich keine Scham. Es war etwas in mir am

Werk, dessen ich mir selbst nicht bewußt war. Ich pflegte mich übermäßig

zu putzen, aber fast mechanisch, ohne besondere Absicht. Wohl wußte ich,

wie ich Sandip Babu am besten gefallen würde, aber dazu bedurfte ich

keiner besonderen Eingebung, denn er sprach ganz offen vor allen

darüber.

Eines Tages sagte er zu meinem Gatten: »Weißt du noch, Nikhil, als ich

unsre Bienenkönigin zuerst sah, da saß sie so ehrbar da in ihrem

goldgesäumten Sari. Ihre Augen sahen fragend ins Leere, wie verirrte

Sterne, als ob sie jahrtausendelang am Rande der Finsternis gestanden

und nach etwas Unbekanntem ausgeschaut hätte. Aber als ich sie sah,

fühlte ich, wie ein Schauer mich durchlief. Es war mir, als ob der

goldene Saum ihres Sari ihr eigenes inneres Feuer war, das aus ihr

hervorbrach und sie umzüngelte. Das ist die Flamme, die wir brauchen,

das sichtbare Feuer! Hören Sie einmal, Bienenkönigin, Sie müßten uns

wirklich die Gunst erweisen, sich noch einmal als lebendige Flamme zu

kleiden.«

Bis dahin war ich wie ein kleines Bächlein am Rande eines Dorfes

gewesen. Ton und Rhythmus waren anders als jetzt. Aber da kam die Flut

vom Meere herauf; meine Brust wogte, meine Ufer wichen, und die lauten

Trommelschläge der Meereswogen peitschten meinen Lauf zu tollem Rasen.

Ich wußte nicht, was die Stimme in meinem Blut sagen wollte. Wo war mein

früheres Selbst geblieben? Von woher strömte all dieser Glanz auf mich?

Sandips hungrige Augen brannten wie geweihte Lampen vor meinem Schrein.

Jeder seiner Blicke verkündete, daß ich ein Wunder war an Schönheit und

Macht; und der laute Schall seines Lobes, ob er es nun aussprach oder

nicht, übertönte alle andern Stimmen in meiner Welt. Hatte der Schöpfer

mich von neuem geschaffen? so fragte ich mich staunend. Wollte er mich

dafür entschädigen, daß er mich so lange vernachlässigt hatte? Ich, die

ich vorher ganz unscheinbar und unbedeutend gewesen war, war plötzlich

schön geworden und fühlte mich als Krone Bengalens.

Denn Sandip Babu war nicht irgendeiner. In ihm flossen Millionen Geister

des Landes zusammen. Wenn er mich die Königin des Bienenstocks nannte,

so jubelte der ganze Chor von begeisterten Patrioten mir zu. So kam es,

daß der laute Spott meiner Schwägerin mich gar nicht mehr berühren

konnte. Meine Beziehungen zu der ganzen Welt waren verwandelt. Sandip

Babu machte es mir klar, wie das ganze Land meiner bedurfte. Mir wurde

es damals nicht schwer, das zu glauben, denn ich fühlte in mir die

Kraft, alles zu tun. Ich war von göttlicher Kraft erfüllt. Es war etwas,

was ich nie vorher gefühlt hatte, was höher war, als ich selbst. Ich

hatte keine Zeit zu forschen, welcher Art es war. Es schien zu mir zu

gehören und doch über mich hinauszugehen. Es umfaßte ganz Bengalen.

Sandip Babu pflegte mich in allen wichtigen und unwichtigen Dingen, die

die nationale Sache angingen, um Rat zu fragen. Zuerst war ich sehr

verlegen und zögerte mit der Antwort, aber das verlor sich bald. Was ich

auch vorschlug, immer schien mein Rat ihn in Erstaunen zu setzen. Dann

geriet er in Begeisterung und sagte: Wir Männer können nur denken. Ihr

Frauen habt eine Art, ohne Denken zu verstehen. Die Frau ist Gottes

Phantasie entsprungen; den Mann hat er aus dem Stoff herausgehämmert.

Sandip Babu erhielt aus allen Teilen des Landes Briefe, die er mir

zeigte, um meine Meinung zu hören. Gelegentlich war er anderer Ansicht

als ich. Aber ich versuchte nicht, ihn zu überzeugen. Dann ließ er mich

wohl nach ein paar Tagen rufen -- als ob ihm plötzlich eine neue

Erkenntnis aufgegangen wäre -- und sagte: »Ich habe mich doch geirrt;

Sie hatten ganz recht mit Ihrer Ansicht.« Er gestand mir oft, daß er

immer, wo er meinem Rat entgegengehandelt, die Sache verkehrt gemacht

hätte. So kam ich allmählich zu der Überzeugung, daß hinter allem, was

geschah, Sandip Babu stände und daß Sandip Babu selbst von dem einfachen

Verstand einer Frau geleitet würde. Der Stolz auf eine große

Verantwortlichkeit erfüllte mein ganzes Wesen.

Mein Gatte hatte keinen Platz in unserm Rat. Sandip Babu behandelte ihn

wie einen jüngeren Bruder, den man persönlich wohl sehr gern hat, dessen

Rat in Geschäften man aber nicht brauchen kann. Er pflegte mit

nachsichtigem Lächeln von meines Gatten kindlicher Naivität zu sprechen,

indem er sagte, daß seine merkwürdigen Theorien und verkehrten Ideen

einen Anstrich von Humor hätten, der sie um so liebenswürdiger machte.

Es war anscheinend gerade diese Liebe zu Nikhil, die Sandip Babu bewog,

ihn nicht mit den Sorgen um das Vaterland zu belasten.

Die Natur hat in ihrer Apotheke viele Betäubungsmittel, die sie heimlich

anwendet, wenn sie Lebensbeziehungen verräterisch abschneiden will, so

daß niemand die Operation bemerkt, bis man endlich erwacht und sieht,

was für ein großer Schnitt gemacht ist. Als das Messer geschäftig war,

die innersten Bande meines Lebens abzuschneiden, war mein Geist so

umwölkt von den betäubenden Gasdünsten, daß ich nicht im geringsten

merkte, welche Grausamkeit da an mir begangen wurde. So ist wohl die

Natur der Frau. Wenn ihre Leidenschaft geweckt wird, so verliert sie das

Empfinden für alles andere. Wir Frauen gleichen dem Fluß: solange wir

innerhalb unsrer Ufer bleiben, spenden wir Fruchtbarkeit mit allem, was

wir haben; sobald wir sie überfluten, bringen wir Zerstörung mit allem,

was wir sind.

Fußnoten:

[15] Bimala war als Gattin des jüngeren Bruders die Tschota

Rani oder jüngere Herrin.

SANDIPS ERZÄHLUNG

II

Irgend etwas muß nicht in Ordnung sein. Ich merkte neulich etwas.

Seit meiner Ankunft war Nikhils Zimmer eine Art Zwischending geworden,

halb Frauengemach, halb Herrenzimmer: Bimala hatte Zutritt von den

Frauengemächern aus und ich von der andern Seite. Wenn wir nur langsamer

zu Werke gegangen wären und unsern Vorteil mit etwas mehr Vorsicht

wahrgenommen hätten, so hätten wir wohl kaum Anstoß bei andern erregt.

Aber wir ließen uns so von unserer Leidenschaft treiben, daß wir gar

nicht an die Folgen dachten.

Sobald Bima in Nikhils Zimmer kommt, merke ich es irgendwie in meinem.

Ich höre das Klingeln von Fußspangen oder andere kleine Geräusche; die

Tür wird vielleicht ein klein wenig energischer geschlossen als nötig

ist; der Bücherschrank ist etwas gequollen und knarrt, wenn man ihn

heftig öffnet. Wenn ich hineinkomme, finde ich Bima, die den Rücken zur

Tür gewandt hat und ganz darin vertieft ist, eins von den Büchern auf

den Borten auszusuchen. Und wie ich ihr meine Hilfe bei dieser

schwierigen Aufgabe anbiete, schrickt sie zusammen und lehnt ab; und

dann kommen wir ganz von selbst auf andere Sachen zu sprechen.

Neulich, an einem unheilvollen[16] Donnerstagnachmittag, kam ich auf den

Wink dieser Geräusche hastig aus meinem Zimmer. Auf dem Korridor stand

ein Mann Wache. Ich ging weiter, ohne ihn auch nur anzusehen; aber als

ich mich der Tür näherte, vertrat er mir den Weg und sagte: »Nicht da

hinein, Herr!«

»Nicht da hinein! Warum?«

»Die Herrin ist drinnen.«

»Gut, sage der Herrin, daß Sandip Babu sie zu sprechen wünscht.«

»Das geht nicht, Herr. Das ist gegen den Befehl.«

Ich war in hohem Grade aufgebracht. »Ich befehle es dir,« sagte ich mit

erhobener Stimme, »geh und melde mich!«

Der Bursche war durch meine Haltung etwas verblüfft.

Inzwischen hatte ich mich der Tür genähert. Ich hatte sie beinahe

erreicht, als er mir folgte und meinen Arm ergriff, indem er sagte:

»Nein, Herr, Sie dürfen nicht hinein.«

Was! Ein Bedienter wagte mich anzurühren! Ich machte meinen Arm mit

einem Ruck frei und gab dem Mann eine schallende Ohrfeige. Im selben

Augenblick kam Bima aus dem Zimmer und sah, wie der Mann im Begriff war,

frech gegen mich zu werden.

Ich werde nie das Bild vergessen, wie sie in ihrem Zorn dastand! Daß

Bima schön ist, ist meine eigene Entdeckung. Die meisten Leute hier

würden an ihr nichts Besonderes finden. Diese Tölpel würden ihre große,

schlanke Gestalt »schmächtig« nennen. Aber gerade diese Biegsamkeit

bewundere ich, sie ist wie ein lebenspendender Springbrunnen, der aus

der Tiefe der mütterlichen Erde aufsteigt. Ihre Hautfarbe ist dunkel,

aber von einem leuchtenden Dunkel wie die scharfe, blitzende Schneide

eines Schwertes.

»Nanku!« gebot sie, als sie in der Tür stand, den Arm gebieterisch

ausgestreckt, »geh fort!«

»Seien Sie nicht böse auf ihn«, sagte ich. »Wenn er Befehl hat, so bin

ich es, der fortgehen muß.«

Bimas Stimme zitterte noch, als sie erwiderte: »Sie dürfen nicht

fortgehen. Kommen Sie herein!«

Dies war keine Bitte, sondern auch ein Befehl! Ich folgte ihr, als sie

eintrat, setzte mich, nahm einen Fächer, der auf dem Tische lag und

fing an, mich zu fächeln. Bima kritzelte mit einem Bleistift etwas auf

ein Blatt Papier, rief einen Diener und gab es ihm mit den Worten:

»Bring' dies dem Maharadscha!«

»Verzeihen Sie mir«, sagte ich. »Ich war so außer mir, daß ich Ihren

Diener schlug.«

»Ihm geschah ganz recht«, sagte Bima.

»Aber der arme Bursche hatte im Grunde doch keine Schuld. Er gehorchte

nur seinem Befehl.«

In diesem Augenblick kam Nikhil herein. Ich stand hastig auf und trat

ans Fenster, den Rücken dem Zimmer zugekehrt.

»Der Türhüter Nanku hat Sandip Babu beleidigt«, sagte Bima zu Nikhil.

Nikhil schien so ehrlich überrascht, daß ich nicht umhin konnte, mich

umzuwenden und ihn anzustarren. Sollte er leugnen wollen? Selbst ein

ungewöhnlich guter Mann kann vor seiner Frau seinen Wahrheitsstolz nicht

aufrechterhalten, wenn die Frau danach ist.

»Er hatte die Frechheit, Sandip Babu den Weg zu vertreten, als er hier

herein wollte«, fuhr Bima fort. »Er sagte, er habe Befehl...«

»Befehl von wem?« fragte Nikhil.

»Wie soll ich das wissen?« rief Bima ungeduldig, während ihr vor Zorn

und Scham die Tränen in die Augen traten.

Nikhil ließ den Mann rufen und fragte ihn aus. »Es war nicht meine

Schuld«, wiederholte Nanku trotzig. »Ich hatte Befehl.«

»Wer gab dir den Befehl?«

»Die Bara Rani.«

Eine Weile schwiegen wir alle. Nachdem der Mann hinaus war, sagte Bima:

»Nanku muß fort.« Nikhil antwortete nicht. Ich sah, daß sein

Gerechtigkeitsgefühl sich dagegen sträubte. Immer neue Schwierigkeiten

stiegen vor ihm auf. Aber diesmal war die Lösung besonders schwer. Bima

war nicht die Frau, die eine Sache hingehen ließ. Sie mußte sich ihrer

Schwägerin gegenüber behaupten, dadurch, daß sie den Burschen bestrafte.

Und als Nikhil stumm blieb, sprühten ihre Augen Blitze. Sie wußte nicht,

wie sie ihre Verachtung für die Schwachmütigkeit ihres Gatten zum

Ausdruck bringen sollte. Nach einer Weile verließ Nikhil das Zimmer,

ohne ein Wort gesagt zu haben.

Am nächsten Tag war Nanku nicht zu sehen. Auf meine Frage sagte man mir,

daß er auf eins der andern Güter geschickt und daß es nicht sein Schade

sei.

Ich konnte ab und zu einen schnellen Blick werfen, der mir zeigte,

welche Verheerungen der hierdurch hervorgerufene Sturm hinter der Szene

anrichtete. Ich kann nur sagen, daß Nikhil ein merkwürdiges Geschöpf

ist, ganz anders als andere.

Das Resultat war, daß Bima mich von jetzt ab ohne weiteres zu einer

gemütlichen Unterhaltung ins Wohnzimmer rufen ließ, ohne irgendeinen

Vorwand oder Versuch, dem Zusammensein den Schein des Zufälligen zu

geben. So gaben wir fast jede Zurückhaltung auf, und was bisher

stillschweigend verstanden war, wurde jetzt offen ausgesprochen. Die

Gemahlin eines Radscha lebt sonst in einer Sternenregion, die dem

gewöhnlichen Sterblichen so fern ist, daß kein Weg zu ihr hinführt.

Welch ein Triumph der siegreich fortschreitenden Wahrheit war es doch,

daß allmählich, aber unaufhaltsam ein Schleier verhüllender Sitte nach

dem andern fiel, bis sich endlich die Natur in ihrer wahren Gestalt

zeigte.

Triumph der Wahrheit? Ja, der Wahrheit! Die gegenseitige Anziehung

zwischen Mann und Weib ist die Grundlage alles Seins. Die ganze Welt

der Materie, vom Staubkörnchen aufwärts, ist diesem Gesetz unterworfen.

Und doch versuchen die Menschen, sie hinter einem Schleier von Worten

verborgen zu halten, und wollen mit hausbackenen Verordnungen und

Verboten ein Hausgerät aus ihr machen.

Wenn trotz alledem die Natur beim Rufe der Wahrheit erwacht, welch ein

Zähneknirschen und Sich-an die-Brust-Schlagen! Aber kann man mit dem

Sturm streiten? Er gibt sich nicht die Mühe zu antworten, sondern

schüttelt nur seinen Gegner.

Ich genieße den Anblick dieser Wahrheit, die sich mir immer mehr

enthüllt. Wie lieblich sind diese zitternden Schritte, dies

Sichabwenden; wie lieblich sind diese kleinen Betrügereien, womit Bima

nicht nur andere, sondern auch sich selbst täuscht! Verstellung ist die

beste Waffe des Wirklichen dem Unwirklichen gegenüber, denn die Feinde

des Wirklichen suchen es immer zu verunehren, indem sie es roh nennen,

und daher muß es sich verstecken oder verstellen. Es darf nicht offen

bekennen: »Ja, ich bin roh, weil ich wahr bin. Ich bin Fleisch und Blut.

Ich bin Leidenschaft. Ich bin Hunger, der ohne Erbarmen und ohne Scham

zupackt.«

Ich sehe jetzt alles klar vor mir. Der Vorhang flattert, und durch den

Spalt kann ich die Vorbereitungen für die Katastrophe sehen. Das kleine

rote Band, das sich voll geheimen Verlangens durch die üppigen

Haarmassen schlängelt, ist der züngelnde Blitz in der Gewitterwolke. Ich

fühle die Glut ihrer Leidenschaft bei jeder Bewegung ihres Gewandes,

mehr als sie selbst vielleicht sie spürt.

Bima ist sich der Wirklichkeit nicht bewußt, weil sie sich ihrer schämt.

Denn die Menschen haben dieser Wirklichkeit einen schlimmen Namen

gegeben, sie nennen sie Satan. Und so muß sie sich in Gestalt einer

Schlange in den Garten des Paradieses schleichen und der erwählten

Gefährtin des Mannes ihre Geheimnisse ins Ohr flüstern und sie zum

Abfall bringen. Dann ist es aus mit aller Ruhe, bis der Tod das Ende

ist.

Meine arme kleine Bienenkönigin lebt wie im Traum. Sie weiß nicht,

welchen Weg sie geht. Es wäre nicht ratsam, sie vor der Zeit

aufzuwecken. Es ist am besten, daß ich so tue, als ob ich auch keine

Ahnung hätte.

Neulich beim Mittagessen starrte sie mich eigentümlich an, ohne zu

ahnen, was solche Blicke bedeuten. Als mein Blick dem ihren begegnete,

wandte sie sich ab. »Sie wundern sich über meinen Appetit«, sagte ich.

»Ich kann alles verbergen, nur nicht, daß ich gern esse. Aber warum

wollen Sie für mich erröten, wenn ich mich nicht schäme?«

Sie errötete nur noch tiefer und stotterte: »Nein, nein, ich sah nur...«

»Ich weiß«, unterbrach ich sie. »Die Frauen haben eine Schwäche für

begehrliche Männer, denn gerade durch unsere Begierden beherrschen sie

uns. Die Nachsicht, die sie mir immer gezeigt haben, hat mich nur noch

schamloser gemacht. Es macht mir gar nichts, wenn Sie zusehen, wie all

die guten Sachen bei mir verschwinden. Ich werde darum doch jeden Bissen

genießen.«

Neulich las ich ein englisches Buch, in dem sexuelle Fragen mit sehr

kühnem Realismus behandelt werden. Ich hatte es im Wohnzimmer liegen

lassen. Als ich am Nachmittag des folgenden Tages hineinkam, um irgend

etwas zu holen, saß Bima da, mit dem Buch in der Hand. Als sie meine

Schritte hörte, warf sie es eilig hin und legte ein anderes Buch darüber

-- einen Band Gedichte von Felicia Hemans.

»Ich habe nie begreifen können,« begann ich, »warum die Frauen so

verlegen sind, wenn man sie bei der Lektüre von Gedichten überrascht.

Wir Männer -- Juristen, Mechaniker oder was sonst -- hätten wohl einen

Grund, uns zu schämen. Wenn wir Gedichte lesen wollen, so sollten wir

sie in tiefer Nacht, bei verschlossenen Türen lesen. Aber ihr Frauen

seid der Poesie so verwandt. Der Schöpfer selbst ist ein lyrischer

Dichter; zu seinen Füßen muß Dschajadeva[17] seine göttliche Kunst geübt

haben.«

Bima antwortete nicht, sondern errötete nur verlegen. Sie tat, als ob

sie das Zimmer verlassen wollte. Doch ich hielt sie zurück. »Nein,

nein, bitte, lesen Sie weiter! Ich will nur ein Buch nehmen, das ich

hier habe liegen lassen, und machen, daß ich fortkomme.« Dabei nahm ich

mein Buch vom Tisch. »Es ist ein Glück, daß Ihnen nicht einfiel, hier

hinzusehen,« fuhr ich fort, »sonst hätten Sie Lust bekommen, mich zu

schelten.«

»Wirklich! Warum?« fragte Bima.

»Weil es keine Poesie ist«, sagte ich. »Es enthält nur nackte Tatsachen,

und stellt sie ganz ungeschminkt dar, ohne Ziererei. Ich wollte, Nikhil

läse es einmal.«

»Warum möchten Sie das?« fragte Bima mit leichtem Stirnrunzeln.

»Weil er ein Mann ist, einer von uns. Das einzige, was ich gegen ihn

habe, ist, daß er diese Welt nicht sieht, wie sie ist, sondern sich an

einem Traumbild von ihr ergötzt. Haben Sie nicht bemerkt, daß dies ihn

dazu verleitet, unsere nationale Swadeschi-Bewegung wie ein Stück

Dichtung anzusehen, die genau nach einem bestimmten Rhythmus

fortschreiten muß? Wir aber kommen mit unsrer Prosa wie mit Keulen

dazwischen und schlagen den ganzen Rhythmus zuschanden.«

»Was hat Ihr Buch mit der Swadeschi-Bewegung zu tun?«

»Das würden Sie gleich wissen, wenn Sie es gelesen hätten. Nikhil will

immer nach fertigen Grundsätzen vorgehen, bei der Swadeschi-Bewegung wie

bei allen andern Dingen; daher rennt er bei jeder Wendung gegen die

menschliche Natur an und fängt dann an, sie zu schmähen. Er will nicht

einsehen, daß die menschliche Natur älter ist als alle schönen

Grundsätze und sie auch alle überleben wird.«

Bima schwieg einen Augenblick, dann sagte sie ernst: »Ist es nicht in

der menschlichen Natur begründet, daß sie versucht, über sich

hinauszukommen?«

Ich mußte innerlich lächeln. »Das sind nicht deine Worte«, dachte ich

bei mir. »Die hast du von Nikhil gelernt. Du selbst bist ein gesundes

Menschenkind. Dein Blut hat die Stimme der Natur vernommen. Weiß ich

denn nicht, daß das Feuer des Lebens in allen deinen Adern brennt? Wie

lange wird es ihnen noch gelingen, dich mit dem kalten Umschlag der

Moral abzukühlen?«

»Die Schwachen sind in der Mehrheit«, sagte ich laut. »Sie vergiften die

Ohren der Menschen, indem sie solche Schlagworte beständig wiederholen.

Die Natur hat ihnen Kraft versagt -- nun suchen sie auf diese Weise die

andern zu schwächen.«

»Wir Frauen sind schwach«, erwiderte Bimala. »Daher müssen wir wohl an

der Verschwörung der Schwachen teilnehmen.«

»Ihr Frauen schwach!« rief ich lachend. »Die Männer verherrlichen eure

Zartheit und Zerbrechlichkeit, und darum haltet ihr euch selbst für

schwach. Aber gerade ihr Frauen seid die Starken. Die Männer machen ein

großes Wesen aus ihrer sogenannten Freiheit, aber die sich selbst

kennen, wissen, wie unfrei sie sind. Sie haben selbst die heiligen

Schriften verfaßt, um sich dadurch zu binden; aus ihrem Idealismus haben

sie goldene Ketten für die Frauen geschmiedet, mit denen sie sie

körperlich und geistig fesseln. Wenn die Männer nicht in so hohem Maße

die Fähigkeit hätten, sich in ihren eigenen Netzen zu fangen, so hätte

nichts ihnen die Freiheit nehmen können. Aber ihr Frauen habt Leib und

Seele der Wirklichkeit geöffnet. Ihr habt sie in euch empfangen und aus

euch geboren. Ihr habt sie an euren Brüsten genährt.«

Bima ist sehr belesen für eine Frau und nicht leicht dahin zu bringen,

meine Beweisgründe anzuerkennen. »Wenn dem so wäre,« wandte sie ein, »so

würden die Frauen wohl bald allen Reiz für die Männer verloren haben.«

»Die Frauen sehen diese Gefahr«, erwiderte ich. »Sie wissen, daß die

Männer getäuscht sein wollen, und so täuschen sie sie denn auch, wo sie

können, mit ihren eigenen Redensarten. Sie wissen, daß der Mann in

seinem Hang zum Laster den Rausch mehr als gesunde Nahrung liebt, und

daher bieten sie sich ihm als Rauschmittel dar. Die Frau brauchte sich

nicht zu verstellen, wenn sie es nicht um des Mannes willen täte.«

»Warum wollen Sie denn aber die Illusion zerstören?«

»Um der Freiheit willen. Ich möchte, daß mein Vaterland frei wäre. Ich

möchte aber auch, daß wir Menschen frei wären gegeneinander.«

III

Ich weiß wohl, daß es nicht ratsam ist, einen Schlafwandelnden plötzlich

zu wecken. Aber ich bin von Natur so ungestüm, daß eine zögernde Gangart

mir unmöglich ist. Ich wußte damals, daß ich viel wagte. Ich wußte, daß

der erste Stoß solcher Ideen den Menschen ganz aus dem Gleichgewicht

bringen kann. Aber bei den Frauen ist immer der Verwegenste der Sieger.

Wir waren auch schon gerade im besten Gange -- da mußte Nikhils alter

Lehrer Tschandranath Babu hereingestapft kommen! Es ließe sich ganz gut

auf dieser Welt leben, wenn diese Schulmeister nicht wären, die sie

einem verekeln und einem Lust machen, davonzulaufen. Die Menschen von

Nikhils Art möchten immer aus der Welt eine Schule machen. Und nun kam

diese Verkörperung einer Schule gerade im kritischen Moment herein.

Wir behalten alle immer in irgendeinem Winkel unsres Herzens noch etwas

vom Schuljungen und ich, selbst ich, fühlte mich etwas eingeschüchtert.

Die arme Bima aber ging gleich artig und feierlich an ihren Klassenplatz

als Erste. Sie schien sich plötzlich zu erinnern, daß sie geprüft werden

sollte.

Es gibt Leute, die sind wie Weichensteller: sie sind immer bereit, den

Zug unsrer Gedanken auf ein andres Geleise zu bringen.

Kaum war Tschandranath Babu da, so suchte er auch schon nach einem

Vorwande, wieder hinauszugehen. »Ich bitte um Verzeihung,« murmelte er,

»aber...«

Doch bevor er ausreden konnte, ging Bima schnell auf ihn zu, und sich

ehrfurchtsvoll vor ihm verneigend, sagte sie: »O, bitte, gehen Sie nicht

fort! Wollen Sie sich nicht setzen?« Sie sah aus wie ein Ertrinkender,

der nach einem Halt sucht -- der kleine Feigling.

Aber vielleicht irrte ich mich. Wahrscheinlich war ein klein wenig

weibliche Tücke dabei. Sie wollte vielleicht ihren Wert in meinen Augen

erhöhen. Oder sie wollte mir damit nur sagen: »Bilde dir nur keinen

Augenblick ein, daß du mich ganz überwunden hast! Meine Ehrfurcht vor

Tschandranath Babu ist doch noch größer.«

Nun meinetwegen, verehre ihn, soviel du willst! Davon leben ja die

Schulmeister. Aber da ich keiner bin, kann ich solche leeren Komplimente

entbehren.

Tschandranath Babu fing an, von der Swadeschi-Bewegung zu sprechen. Ich

dachte, ich wollte ihn in seinem Monolog fortfahren lassen. Es ist immer

das Gescheiteste, einen alten Mann so lange reden zu lassen, bis er von

selbst aufhört. Er hat dabei das Gefühl, daß er die Welt in Ordnung

bringt, und ahnt nicht, wie fern die wirkliche Welt von ihm und seinem

Geschwätz ist.

Das Heim und die Welt · 第 3 / 17 段