Dennoch wollte mein Herz nicht für ihn Partei nehmen. Ich suchte nach

einer Antwort, aber ich fand keine. Wenn jemand sich auf den Standpunkt

der Gerechtigkeit stellt, so klingt es häßlich, wenn man ihm sagt, daß

nicht alles, was gut ist, für das Leben taugt.

Plötzlich wandte sich Sandip Babu an mich mit der Frage: »Was sagen denn

Sie dazu?«

»Ich bin nicht für feine Unterscheidungen«, brach ich los. »Ich will

Ihnen ganz kurz und einfach sagen, wie ich empfinde. Ich bin nur ein

Mensch und habe als solcher meine Begierden. Ich möchte meinem

Vaterlande Gutes verschaffen. Zur Not würde ich es mit Gewalt nehmen

oder stehlen. Ich habe meine Galle. Ich könnte um meines Vaterlandes

willen in Wut geraten. Ich könnte, wenn es darauf ankäme, Mord und

Totschlag begehen, um seine Schmach zu rächen. Ich habe das Bedürfnis,

mich zu begeistern, und das, was mich begeistern soll, wie mein

Vaterland, muß mir in sinnfälliger Gestalt entgegentreten. Es muß ein

sichtbares Symbol haben, das seinen Zauber auf mich ausübt. Ich möchte

mein Vaterland personifizieren können und es Mutter, Göttin, Durga[13]

nennen -- und ich würde in seinem Dienst die Erde mit dem Blut meiner

Opfergaben röten. Ich bin ein Mensch, kein ›Heiliger‹.«

Sandip Babu sprang begeistert auf und rief: »Hurrah!« -- Im nächsten

Augenblick verbesserte er sich und rief: »Bande Mataram.«

Ein leiser Zug von Schmerz ging über das Gesicht meines Gatten. Seine

Stimme klang sehr sanft, als er zu mir sagte: »Auch ich bin kein

Heiliger, auch ich bin ein Mensch. Und daher darf ich niemals dulden,

daß das Böse, das in mir ist, zu einem Götzenbild des Vaterlandes

herausgeputzt wird -- niemals!«

Sandip Babu aber rief: »Sieh, Nikhil, wie die Wahrheit im Herzen des

Weibes Fleisch und Blut annimmt. Das Weib versteht es, grausam zu sein;

sein Wüten ist wie ein blinder Sturm. Es ist schön in seiner

Furchtbarkeit. Bei dem Manne ist es häßlich, weil es den nagenden Wurm

des Gedankens und der Vernunft in sich birgt. Ich sage dir, Nikhil,

unsre Frauen sind es, die das Vaterland retten werden. Jetzt ist nicht

die Zeit für ängstliche Skrupel. Wir müssen, ohne zu schwanken und ohne

zu überlegen, brutal sein. Wir müssen sündigen. Wir müssen unsern Frauen

rote Sandelpaste geben, daß sie unsre Sünde salben und auf den Thron

setzen. Erinnerst du dich noch der Worte des Dichters:

Komm Sünde, schöne Sünde,

Und gieß mit deinen brennend heißen Küssen

Feurigen roten Wein in unser Blut!

Gebieterisch laß die Trompete tönen

Und kröne unsre Stirne mit dem Kranz

Jauchzender Zügellosigkeit!

O Göttin, große Schänderin, komm, salbe

Die Brust uns schamlos mit dem schwarzen Schlamm der Schande!

Fort mit jener Gerechtigkeit, die den Feind nicht lächelnd ins Verderben

schleudern kann!«

Ein kalter Schauer durchlief mich, als Sandip Babu so stolz erhobenen

Hauptes, dem Impuls des Augenblicks folgend, alles verhöhnte, was die

Menschen in allen Ländern und zu allen Zeiten als ihr Höchstes geehrt

haben.

Aber in wildem Trotz aufstampfend, fuhr er fort: »Ich erkenne dich,

schöner Feuergeist, der das Heim zu Asche verbrennt, um mit seiner

Flamme die ganze Welt zu erleuchten. Gib uns den unbezwinglichen Mut,

uns in die tiefste Hölle des Verderbens zu stürzen! Gib allem, was

tödlich ist, den Reiz deiner Schönheit!«

Es war nicht klar, wen Sandip Babu mit diesen letzten Worten anrief.

Vielleicht war es die Gottheit, der sein Bande Mataram galt. Vielleicht

waren es die Frauen seines Vaterlandes im allgemeinen. Vielleicht auch

war es ihre Vertreterin, die Frau, die vor ihm stand. Er hätte noch im

gleichen Tone fortgefahren, wenn mein Gatte sich nicht plötzlich erhoben

und leicht seine Schulter berührend gesagt hätte: »Sandip, Tschandranath

Babu ist hier.«

Ich fuhr zusammen, und als ich mich umsah, erblickte ich einen alten

Herrn von ehrwürdigem Äußern, der ruhig abwartend an der Tür stand, in

Zweifel, ob er hereinkommen oder sich zurückziehen sollte. Auf seinem

Antlitz lag ein mildes Licht wie das der untergehenden Sonne.

Mein Gatte trat zu mir heran und flüsterte: »Dies ist mein Lehrer, von

dem ich dir so oft erzählt habe. Begrüße ihn, wie sich's gebührt!«

Ich neigte mich tief und berührte ehrfurchtsvoll seine Füße. Er segnete

mich und sagte: »Möge Gott Sie immer schützen, Mütterchen!«

Ach, ich hatte in jenem Augenblick solchen Segen so nötig.

Fußnoten:

[11] Kraft, Macht, insbesondere die magische Kraft eines

Gottes; sodann personifiziert als weibliche Gottheit. Speziell als Name

der Gemahlin Schivas, die auch Kali heißt. (Übers.)

[12] Ardschuna, der Hauptheld des Pāndustammes in dem großen

Heldenepos Mahābhārata. Mahādēva, »der große Gott«, Beiname Vischnus,

der in diesem Epos in menschlicher Gestalt auftritt, als Krischna, ein

Vetter Ardschunas, dem er als Wagenlenker dient. (Übers.)

[13] Ein andrer Name der Gemahlin Schivas, die sonst Uma, Kali

usw. heißt. (Übers.)

NIKHILS ERZÄHLUNG

I

Einst war ich so zuversichtlich in meinem Glauben, daß ich meinte, ich

würde alles tragen können, was mein Gott mir auferlegte. Ich wurde nie

auf die Probe gestellt. Jetzt, glaube ich, ist die Stunde gekommen.

Ich pflegte meine Seelenstärke zu prüfen, indem ich mir alle möglichen

Übel, die mir zustoßen könnten, vorstellte -- Armut, Kerker, Schande,

Tod, -- selbst den Tod Bimalas. Und wenn ich mir dann sagte, daß ich die

Kraft haben würde, das alles mit Standhaftigkeit zu ertragen, so sagte

ich sicher nicht zuviel. Nur eines war mir niemals in den Sinn gekommen,

und das ist es, woran ich heute denke und wovon ich nicht weiß, ob ich

es wirklich ertragen kann. Es ist, als ob ein Dorn mir irgendwo im

Herzen sitzt und mich beständig sticht, während ich bei meiner täglichen

Arbeit bin. Er scheint selbst weiterzustechen, wenn ich schlafe. Sobald

ich morgens erwache, fühle ich, daß das Antlitz des Himmels seinen Glanz

verloren hat. Was ist es? Was ist geschehen?

Mein Gefühl ist so empfindlich geworden, daß selbst mein vergangenes

Leben, das den Schein des Glückes trug, jetzt mein Herz mit seiner Lüge

martert, und die Sorge und Schande, die an mich heranschleichen, zeigen

sich immer unverhüllter, je mehr sie versuchen, ihr Antlitz zu

verbergen. Mein Herz ist ganz Auge geworden. Gerade die Dinge die

verborgen bleiben sollten, die ich nicht sehen will, drängen sich mir

auf.

Jetzt ist endlich der Tag gekommen, wo mein unglückliches Los sich in

einer langen Reihe von Schicksalsschlägen offenbaren soll. Ganz

unerwartet ist die bittre Not in dem Herzen eingekehrt, wo Überfluß zu

herrschen schien. Den Lohn, den ich für neun Jahre meiner Jugend der

Täuschung zahlte, muß ich jetzt der Wahrheit mit Zinsen zurückerstatten,

und ich werde mein Leben lang daran zu zahlen haben.

Was nützt es, daß ich meinen Stolz gewaltsam aufrechtzuerhalten suche?

Warum soll ich nicht zugeben, daß ich Mängel habe? Vielleicht fehlt mir

das unüberlegte Draufgängertum, das die Frauen an den Männern lieben.

Aber ist Stärke nur Entfaltung von Muskelkraft? Darf Stärke unbedenklich

die Schwachen in den Staub treten?

Doch was nützen alle diese Erwägungen? Würdigkeit kann man nicht dadurch

erwerben, daß man darüber disputiert. Und ich bin unwürdig, unwürdig,

unwürdig!

Aber wenn ich auch unwürdig bin, -- besteht nicht der wahre Wert der

Liebe darin, daß sie dem Unwürdigen immer wieder aus der Fülle ihres

eigenen Überflusses spendet? Für die Würdigen gibt es viele Arten von

Belohnungen auf Gottes Erde, aber die Liebe hat Gott besonders den

Unwürdigen vorbehalten.

Bis jetzt war Bimala, meine häusliche Bimala, das Produkt der räumlichen

Enge und der gewohnheitsmäßigen kleinen Pflichten. Ich fragte mich, ob

die Liebe, die sie mir gab, aus der Tiefe ihres Herzens quelle oder die

gewohnheitsmäßige Ausübung einer anerzogenen Pflicht sei.

Ich sehnte mich danach, Bimala in ihrer ganzen Wahrheit und Kraft

aufblühen zu sehen. Aber ich bedachte nicht, daß man alle Ansprüche

aufgeben muß, die sich auf herkömmliche Rechte gründen, wenn ein Mensch

sich in seinem wahren Wesen frei entfalten soll.

Warum hatte ich daran nicht gedacht? Geschah es aus dem Gefühl stolzer

Sicherheit im Besitz meines Weibes? Nein. Es geschah, weil ich das

vollste Vertrauen auf die Liebe setzte. Ich war eitel genug, zu

glauben, daß ich die Kraft in mir hätte, den Anblick der Wahrheit in

seiner erschreckenden Nacktheit zu ertragen. Ich wußte, daß ich die

Vorsehung versuchte, aber ich beharrte bei meinem stolzen Entschluß, die

Probe siegreich zu bestehen.

In einem Punkte hatte Bimala mich nicht verstanden. Sie konnte nicht

wirklich begreifen, daß in meinen Augen jede Anwendung von Gewalt

Schwäche ist. Nur die Schwachen wagen es nicht, gerecht zu sein. Sie

weichen der Verantwortlichkeit aus und versuchen auf unerlaubten

Richtwegen schnell zum Ziel zu kommen. Es macht Bimala ungeduldig, wenn

man Geduld zeigt. Sie liebt am Manne das Ungestüme, Heftige, Ungerechte.

Ihrer Ehrfurcht muß etwas Furcht beigemischt sein.

Ich hatte gehofft, daß Bimala, wenn sie in voller Freiheit draußen in

der Welt lebte, bald von dieser Schwäche frei werden würde. Aber jetzt

bin ich sicher, daß diese tief in ihrer Natur wurzelt. Sie liebt das

Geräuschvolle. Wenn sie die einfache Kost des Lebens recht genießen

soll, muß sie so scharf gewürzt sein, daß ihr Zunge und Gaumen brennen.

Aber mein Grundsatz war immer, meine Pflicht nie mit wildem Ungestüm zu

tun, noch mich durch den feurigen Wein der Erregung dazu anzustacheln.

Ich weiß, es wird Bimala schwer, diese Eigenschaft an mir zu achten, da

sie meine Skrupel für Schwäche hält, und sie ist böse auf mich, daß ich

nicht in blindem Eifer losstürme mit dem Ruf: Bande Mataram.

Und was diesen Punkt anbetrifft, so habe ich es darin mit allen meinen

Landsleuten verdorben, weil ich in ihren Lärm nicht einstimme. Sie sind

sicher, daß ich entweder Verlangen nach irgendeinem Titel habe oder mich

vor der Polizei fürchte. Die Polizei wiederum meint, daß ich zuviel

Sanftmut zeige, um nicht irgendeinen geheimen Anschlag zu planen.

Aber mein Gefühl sagt mir, daß die, welche sich nicht für ihr Vaterland

begeistern können, wenn sie es so sehen, wie es in Wahrheit ist, oder

die die Menschen nicht lieben können, gerade in ihrer Menschlichkeit, --

die ein Geschrei erheben und ihr Vaterland zum Götzen machen müssen, um

ihren Begeisterungsrausch aufrecht zu erhalten, -- daß diese den Rausch

selbst mehr als ihr Vaterland lieben.

Wenn wir versuchen, den Gegenstand unsrer Begeisterung höher zu stellen

als die Wahrheit, so zeigen wir damit, daß wir von Natur unfrei sind.

Unsre kranke Lebenskraft muß entweder von irgendeinem Wahn in Schwung

gebracht oder durch irgendeine weltliche oder geistliche Autorität

angetrieben werden, um in Bewegung zu kommen. Solange wir uns der

Wahrheit verschließen und nur durch hypnotische Einwirkung zur Tat

gedrängt werden können, solange müssen wir uns sagen, daß wir noch nicht

imstande sind, uns selbst zu regieren.

Als neulich Sandip mir vorwarf, daß es mir an Phantasie fehle und daß

ich daher mein Vaterland nicht als lebendige Idealgestalt sehen könne,

stimmte Bimala ihm zu. Ich sagte nichts zu meiner Verteidigung, denn was

hilft es zum Glück, wenn man im Wortstreit siegt? Ihre abweichende

Meinung beruhte ja nicht auf Mangel an Einsicht, sondern hatte ihren

Grund in der Andersartigkeit ihrer Natur.

Sie machen mir Phantasielosigkeit zum Vorwurf, -- das heißt bei ihnen,

daß ich wohl Öl in meiner Lampe habe, aber keine Flamme. Dies ist aber

gerade der Vorwurf, den ich ihnen mache. Ich möchte ihnen sagen: Ihr

seid dunkel wie die Feuersteine. Ihr müßt zu heftigen Zusammenstößen

kommen und Lärm machen, um Funken hervorzubringen. Doch diese

vereinzelten Blitze dienen nur eurer Eitelkeit, aber helfen euch nicht

zu klarem Sehen.

Ich habe seit einiger Zeit bemerkt, daß Sandip von groben Begierden

beherrscht wird. Seine Sinnlichkeit trübt sein religiöses Gefühl und

macht ihn tyrannisch in seinem Patriotismus. Sein Verstand ist scharf,

aber seine Natur ist roh, und so verherrlicht er seine selbstsüchtigen

Gelüste unter hochtönenden Namen. Der billige Trost des Hasses ist ihm

ebensosehr Bedürfnis wie die Befriedigung seiner Begierden. Bimala hat

mich früher oft vor seiner Geldgier gewarnt. Ich gab ihr innerlich

recht, aber ich konnte mich nicht überwinden, mit Sandip zu feilschen.

Ich schämte mich sogar, mir selber einzugestehen, daß er mich

ausbeutete.

Doch heute wird es schwer sein, Bimala begreiflich zu machen, daß

Sandips Vaterlandsliebe nur eine andre Form seiner begehrlichen

Eigenliebe ist. Bimalas Heldenverehrung für Sandip hält mich um so mehr

davon zurück, mit ihr über ihn zu sprechen, weil ich fürchte, daß eine

leise Regung von Eifersucht mich unbewußt zu Übertreibungen verleiten

könnte. Es kann sein, daß der Schmerz in meinem Herzen mir Sandips Bild

schon verzerrt. Und doch ist es vielleicht besser, mich auszusprechen,

als meine Gefühle weiter in mir nagen zu lassen.

II

Ich kenne meinen Lehrer nun schon dreißig Jahre. Weder Verleumdung noch

Mißgeschick, noch der Tod selbst haben irgendwelche Schrecken für ihn.

Nichts hätte mich retten können, der ich in die Traditionen dieser

unsrer Familie hineingeboren war, wenn er nicht in den Mittelpunkt

meines Lebens sein eignes gestellt hätte, mit seinem Frieden und seiner

Wahrheit und mit seinen Idealen. In ihm war für mich das Gute selbst

Gestalt geworden.

Mein Lehrer kam an jenem Tage zu mir und sagte: »Ist es nötig, daß du

Sandip noch länger hier zurückhältst?«

Er hatte von Natur ein so feines Empfinden für alle Anzeichen des

Übels, daß er sofort die Gefahr gespürt hatte. Er zeigt nicht leicht

seine innere Bewegung, aber an jenem Tage sah ich, wie die dunklen

Schatten kommenden Unheils ihn schreckten. Weiß ich doch, wie sehr er

mich liebt.

Beim Tee sagte ich zu Sandip: »Ich erhalte eben einen Brief von Rangpur.

Sie beklagen sich, daß ich dich selbstsüchtig hier festhalte. Wann

willst du dahin reisen?«

Bimala war dabei, den Tee einzuschenken. Ein Ausdruck der Enttäuschung

ging über ihr Gesicht. Sie warf Sandip schnell einen fragenden Blick zu.

»Ich habe mir gerade überlegt,« sagte Sandip, »daß dieses Hin- und

Herwandern doch eine ungeheure Kraftverschwendung für mich bedeutet. Ich

glaube, daß ich viel stärker und nachhaltiger wirken kann, wenn ich von

einem Mittelpunkt aus arbeite.«

Dabei sah er Bimala an und sagte: »Meinen Sie nicht auch?«

Bimala zögerte einen Augenblick, dann sagte sie: »Beides scheint mir

gut, -- sowohl von einem Mittelpunkt aus zu arbeiten als im Umherreisen.

Die Art, die Ihnen am meisten Befriedigung verschafft, ist für Sie die

richtige.«

»Dann will ich ganz offen sein,« sagte Sandip. »Ich habe nirgends etwas

gefunden, das allein imstande gewesen wäre, meine Begeisterung dauernd

wachzuhalten. Das ist der Grund, warum ich immer umherreiste und das

Volk entflammte, um aus seiner Begeisterung wieder Kraft für mich zu

schöpfen. Heute haben Sie mir die Sendung an mein Volk erteilt. Solch

Feuer habe ich nie in einem Menschen gefunden. Von Ihnen werde ich die

Flamme leihen, mit der ich ringsum im Lande das Feuer entzünden werde.

Nein, wenden Sie sich nicht beschämt ab! Schüchternheit und

Bescheidenheit ziemen sich nicht mehr für Sie. Sie sind die Königin

unsres Bienenstockes und wir, die Arbeitsbienen, werden uns um Sie

scharen. Sie werden unser Mittelpunkt sein und uns zu unsrer Arbeit

anfeuern.«

Bimala errötete über und über in verschämtem Stolz, und ihre Hand

zitterte, als sie fortfuhr, den Tee einzuschenken.

Eines Tages kam mein Lehrer zu mir und sagte: »Warum reist ihr beiden

nicht einmal zur Abwechselung nach Dardschiling? Du siehst nicht wohl

aus. Bekommst du genug Schlaf?«

Am Abend fragte ich Bimala, ob sie Lust hätte, eine kleine Reise in die

Berge zu machen. Ich wußte, daß sie sich sehnlich wünschte, den Himalaja

zu sehen. Aber sie wollte nicht... Die Sache des Vaterlandes hinderte

sie wohl!

Ich darf mein Vertrauen nicht verlieren, ich werde warten. Die

Durchfahrt von der engen zur weiten Welt ist stürmisch. Wenn sie sich an

die Freiheit gewöhnt hat, werde ich wissen, wo mein Platz ist. Wenn ich

erkenne, daß ich in die Einrichtungen der Welt da draußen nicht

hineinpasse, so werde ich nicht hadern mit meinem Schicksal, sondern

schweigend gehen... Gewalt anwenden? Wozu? Vermag Gewalt etwas gegen die

Wahrheit?

SANDIPS ERZÄHLUNG

I

Der Unfähige sagt: Was mir zugeteilt wird, ist mein. Und der Schwache

stimmt ihm zu. Aber die ganze Welt lehrt uns: Das nur ist wirklich mein,

was ich mir erobern kann. Mein Vaterland ist noch nicht dadurch mein,

daß ich darin geboren bin. Es wird erst mein an dem Tage, wo ich

imstande bin, es mir zu unterwerfen.

Jeder Mensch hat von Natur ein Recht auf Besitz, und daher ist Habsucht

etwas Natürliches.

Die Natur in ihrer Weisheit will nicht, daß wir ruhig verzichten. Wonach

mein Sinn verlangt, das muß meine Umgebung mir schaffen. Dies ist hier

auf Erden das einzig wahre Verhältnis zwischen unsrer innern und äußern

Welt. Überlaßt die sittlichen Ideale den armen, bleichsüchtigen

Geschöpfen, die zu matt sind, um zu begehren, und zu schwach, um

zuzugreifen. Die, welche mit ganzer Seele begehren und mit ganzem Herzen

genießen, für die es keine Bedenken und Skrupel gibt, sie sind die

Auserwählten und Gesalbten der Vorsehung. Für sie breitet die Natur ihre

reichsten und schönsten Schätze aus. Sie schwimmen durch Ströme,

springen über Mauern, stoßen Türen ein, um sich das zu verschaffen, was

ihnen der Mühe wert scheint. Auf diese Weise die Dinge erlangen ist

Genuß; denn jedes Ding erhält erst dadurch seinen Wert, daß man darum

kämpft.

Die Natur ist ganz bereit, sich hinzugeben, aber nur dem Räuber. Denn

sie hat Lust an diesem ungestümen Verlangen, an dieser gewaltsamen

Entführung. Und daher legt sie ihren Kranz nicht um den magern, dürren

Hals des Asketen. Die Musik des Hochzeitsmarsches ertönt. Ich darf die

Hochzeitsstunde nicht vorbeigehen lassen. Mein Herz ist voll Verlangen.

Denn -- wer ist der Bräutigam? Ich bin es. Die Braut gehört dem, der mit

der Fackel in der Hand zur rechten Stunde kommt. Der Bräutigam im

Hochzeitssaal der Natur kommt unerwartet und ungeladen.

Sollte ich mich schämen? Nein, ich kenne keine Scham! Ich fordere alles,

was ich haben möchte, und oft halte ich mich nicht erst mit Fordern auf,

bevor ich es nehme. Die, welche verzichten, weil sie sich nicht trauen

zuzugreifen, suchen diesen Verzicht mit einer Würde zu umkleiden, indem

sie ihn Bescheidenheit nennen.

Die Welt, in die wir geboren sind, ist eine Welt der Wirklichkeit. Wenn

ein Mensch vom Markt der wirklichen Dinge mit leeren Händen und leerem

Magen fortgeht und seinen Sack nur mit hochtrabenden Worten füllt, warum

ist er denn überhaupt in diese rauhe Welt gekommen? Wurden diese Leute

von den Epikuräern des Jenseits angestellt, um in ihrem Lustgarten, wo

ätherische Blumen und Früchte blühen und reifen, nach alten, lieblichen

Melodien ihre frommen Lieder zu singen? Ich stimme in diese Melodien

nicht ein, und jene ätherischen Früchte sind mir nicht nahrhaft genug.

Was ich begehre, begehre ich ganz und unbedingt. Ich möchte es

zerdrücken und zerkneten mit Händen und Füßen; ich möchte mich vom Kopf

bis zur Zehe damit salben, ich möchte es verschlingen und mich ganz

damit anfüllen. Die quiekenden Pfeifen derer, die sich durch ihr

moralisches Fasten aufgerieben haben, bis sie dürr und bleich geworden

sind wie verhungertes Ungeziefer in einem lange verlassenen Bett, werden

nie an mein Ohr dringen.

Ich möchte mich nicht verstellen, denn das wäre Feigheit. Aber wenn ich

mich nicht zur Verstellung entschließen könnte, wo Verstellung nötig

ist, das würde auch feige sein. Aus Habsucht baut ihr eure Mauern; aus

Habsucht durchbreche ich sie. Ihr gebraucht eure Macht; ich gebrauche

meine Geschicklichkeit. Dies sind die Wirklichkeiten des Lebens. Auf

ihnen beruhen König- und Kaiserreiche und alle die großen Unternehmungen

der Menschen.

Aber jene Avatáras[14], die von ihrem Paradiese herabsteigen, um in

einem heiligen Kauderwelsch zu uns zu sprechen -- sie predigen uns leere

Worte. Daher muß sich ihre ganze Weisheit, trotz des Beifalls, den sie

finden, doch schließlich in die Schlupfwinkel der Schwächlinge flüchten.

Die Starken, die Beherrscher der Welt, verachten sie. Die, welche den

Mut hatten, dies einzusehen, haben Erfolg gehabt, während jene armen

Wichte von ihrer Natur nach der einen Seite und von den Avatáras nach

der andern gezerrt werden; sie setzen den einen Fuß in das Boot der

Wirklichkeit und den andern in das Boot des Wesenlosen und sind auf

diese Weise in einer jämmerlichen Lage, da sie weder feststehen noch

vorwärtskommen können.

Es gibt viele Menschen, die nur geboren zu sein scheinen, um sich mit

Todesgedanken zu plagen. Vielleicht hat dieser über dem Leben hängende

Tod etwas von der Schönheit des Sonnenuntergangs, die sie bezaubert.

Nikhil lebt solch ein Leben, wenn man es überhaupt Leben nennen kann.

Vor Jahren hatte ich über diesen Punkt eine lange Auseinandersetzung mit

ihm.

»Es ist wahr,« sagte er, »daß man nur durch Gewalt etwas erlangen kann.

Aber was heißt denn Gewalt? Und was heißt erlangen? Die Kraft, an die

ich glaube, ist die Kraft des Entsagens.«

»Dich reizt also der Ruhm gänzlichen Bankrotts, der Ruhm, all deiner

Habe ledig zu werden?« rief ich aus.

»Genau so, wie es das Küchlein reizt, seiner Schale ledig zu werden«,

erwiderte er. »Die Schale ist sicher etwas Wirkliches, und doch wird sie

aufgegeben für Licht und Luft, die beide nichts Greifbares sind. Du

würdest das wohl einen armseligen Tausch nennen?«

Wenn Nikhil einmal anfängt, in Gleichnissen zu reden, so ist es

aussichtslos, ihm klarzumachen, daß er nur mit Worten operiert, nicht

mit Wirklichkeiten. Nun, meinetwegen mag er glücklich sein mit seinen

Gleichnissen. Wir sind die Fleischfresser auf dieser Welt; wir haben

Zähne und Krallen, wir verfolgen und packen zu und zerreißen. Wir geben

uns nicht damit zufrieden, das Gras, das wir am Morgen gegessen haben,

am Abend noch einmal wiederzukäuen. Jedenfalls können wir uns die Tür zu

unserm Lebensunterhalt nicht von euch Gleichniskrämern verriegeln

lassen. In solchem Fall müssen wir einfach rauben und stehlen; denn

leben müssen wir nun einmal.

Die Leute werden sagen, daß ich ein neues Lebensprinzip aufstelle, weil

man in dieser Welt anders zu reden pflegt, obgleich man in Wirklichkeit

immer danach handelt. Daher können sie nicht wie ich einsehen, daß dies

das einzig herrschende Sittlichkeitsprinzip ist. Ich weiß als Tatsache,

daß meine Ansicht durchaus keine abstrakte Theorie ist, denn sie hat

sich im praktischen Leben bewährt. Ich habe gefunden, daß meine Art

immer die Herzen der Frauen erobert, die mit den Füßen auf dem Boden

der Wirklichkeit stehen und nicht wie die Männer in mit Ideendunst

gefüllten Ballons im Traumland umherschweifen.

Die Frauen spüren in meinen Zügen, meinem Wesen, meiner Haltung, meiner

Rede eine despotische Leidenschaft, -- nicht eine Leidenschaft, die vom

Fieber der Askese verdorrt ist, nicht eine Leidenschaft, die bei jedem

Schritt in Zweifel und Bedenken rückwärts sieht, sondern eine

vollblütige Leidenschaft. Sie kommt schäumend und brausend wie die Flut

daher und brüllt ihr Verlangen hinaus. Die Frauen fühlen im innersten

Herzen, daß diese unbezähmbare Leidenschaft das Lebensblut der Welt ist;

sie kennt kein Gesetz als sich selbst und daher ist sie siegreich. Daher

haben sie sich so oft willig von der Flutwelle meiner Leidenschaft

hinreißen lassen, ohne zu fragen, ob Leben oder Tod das Ende ist.

Die, welche ihre Sehnsucht auf das Jenseits richten, geben ihrer

Begehrlichkeit nur eine andere Richtung. Es wird sich zeigen, wie hoch

der hervorstürzende Strahl ihres Springbrunnens steigen wird, und wie

lange seine Wasser spielen. Soviel ist gewiß: die Frauen sind nicht für

diese blassen Geschöpfe geschaffen, -- für diese idealistischen

Lotusesser.

Das Heim und die Welt · 第 2 / 17 段