Die Liste derer, die von meinem Gatten unterstützt wurden, w

RABINDRANATH TAGORE

GESAMMELTE

WERKE

SECHSTER BAND

DAS HEIM UND DIE WELT

*

MÜNCHEN

KURT WOLFF VERLAG

RABINDRANATH TAGORE

DAS HEIM

UND DIE WELT

ROMAN

*

MÜNCHEN

KURT WOLFF VERLAG

Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der von Rabindranath Tagore

selbst veranstalteten englischen Ausgabe ins Deutsche übertragen von

Helene Meyer-Franck

Copyright 1920 by Kurt Wolff Verlag in München

DAS HEIM UND DIE WELT

ERSTES KAPITEL

BIMALAS ERZÄHLUNG

I

Mutter, heute sehe ich wieder vor meinem Geiste dein rotes

Stirnzeichen[1], den Sari[2], den du zu tragen pflegtest, mit seinem

breiten, roten Saum, und deine wundervollen Augen voll Tiefe und

Frieden. Sie kamen am Anfang meiner Lebensbahn wie das erste Licht des

dämmernden Morgens und gaben mir goldenen Vorrat mit auf den Weg.

Das Antlitz meiner Mutter war dunkel, aber es hatte einen

Heiligenschein, und ihre Schönheit beschämte alle Eitelkeit der Schönen.

Jeder sagt, daß ich meiner Mutter ähnlich sehe. In meiner Kindheit

mochte ich dies gar nicht hören. Ich hatte das Gefühl, daß Gott

ungerechterweise eine Hülle um meine Glieder gelegt hätte, -- daß mein

dunkles Antlitz mir eigentlich nicht zukäme, sondern durch irgend ein

Versehen mir zuteil geworden wäre. Alles, was ich von Gott als

Entschädigung dafür erbitten konnte, war, daß ich zu der Idealgestalt

eines Weibes heranwachsen möchte, wie sie die großen Heldengedichte

schildern.

Als der Heiratsantrag für mich kam, prüfte der begleitende Astrolog

meine Handfläche und sagte: »Dies Mädchen hat gute Zeichen. Sie wird

eine ideale Ehefrau werden.«

Und alle Frauen, die es hörten, sagten: »Das ist kein Wunder, denn sie

gleicht ihrer Mutter.«

Ich wurde mit einem Radscha[3] vermählt. Als Kind war ich ganz vertraut

mit den Schilderungen von Märchenprinzen. Aber das Gesicht meines Gatten

war nicht so, daß die Phantasie ihn ins Märchenland verpflanzen würde.

Es war dunkel, ebenso dunkel wie meines. Das Gefühl der Scheu, das ich

wegen meines Mangels an körperlicher Schönheit hatte, wich dadurch

etwas; doch zugleich empfand ich im Herzen ein leises Bedauern.

Aber wenn unser Antlitz dem prüfenden Blick der Sinne ausweicht und sich

ins Heiligtum des Herzens rettet, da kann es sich selbst vergessen. Ich

weiß noch aus der Erfahrung meiner Kindheit, wie hingebende Liebe die

Schönheit selbst ist, von innen gesehen. Wenn meine Mutter die

verschiedenen Früchte, die sie selbst mit ihren liebenden Händen

sorgfältig geschält hatte, auf dem weißen Steinteller ordnete und sanft

mit dem Fächer wedelte, um die Fliegen zu verscheuchen, während mein

Vater beim Mahl saß, strömte ihre dienende Liebe in einer Schönheit aus,

die über alle äußere Form war. Schon in meiner frühen Kindheit konnte

ich die Macht dieser Schönheit fühlen. Sie war erhaben über alle Worte

und Zweifel und Berechnungen, sie war ganz Musik.

Ich erinnere mich noch deutlich, wie ich nach meiner Heirat früh am

Morgen vorsichtig und leise aufzustehen pflegte, um meines Gatten Füße

ehrfurchtsvoll zu berühren[4], ohne ihn zu wecken, und wie mir in

solchen Augenblicken war, als ob das rote Abzeichen auf meiner Stirn wie

der Morgenstern strahlte.

Eines Tages wachte er zufällig auf und fragte mich lächelnd: »Was ist

das, Bimala? Was tust du denn da?«

Ich werde nie vergessen, wie ich mich schämte, daß er mich ertappt

hatte. Er konnte möglicherweise denken, daß ich versuchte, mir heimlich

ein Verdienst zu erwerben. Aber nein, nein! Dies hatte nichts mit

Verdienst zu tun. Es war mein Frauenherz, das anbeten mußte, wenn es

lieben sollte.

Das Haus meines Schwiegervaters gehörte zu den altangesehenen seit den

Zeiten der Pâdischâhs[5]. Es hielt zum Teil noch an den altindischen

Gesetzen Manus und Paraschars fest, zum Teil hatten sich mongolische und

afghanische Sitten bei ihm eingebürgert. Aber mein Gatte war durchaus

modern. Er war der erste aus seinem Hause, der die Universität besuchte

und zum Magister promovierte. Sein ältester Bruder war dem Trunk ergeben

und jung gestorben, ohne Kinder zu hinterlassen. Mein Gatte trank nicht

und hatte keine Neigung zu Ausschweifungen. Diese Enthaltsamkeit war der

Familie so fremd, daß sie vielen kaum schicklich erschien. Sie waren der

Ansicht, daß Enthaltsamkeit nur denen ziemte, die nicht vom Glück

begünstigt sind. Denn der Mond hat Platz für Flecke, nicht die Sterne.

Die Eltern meines Gatten waren schon lange tot, und seine alte

Großmutter war die Herrin des Hauses. Mein Gatte war ihr Augapfel, ihr

höchstes Kleinod. Und so wurden ihm nie Schwierigkeiten gemacht, wenn er

sich nicht an die alten Bräuche hielt.

Als er Miß Gilby ins Haus brachte, damit sie mich unterrichte und mir

Gesellschaft leiste, setzte er seinen Willen durch, trotz der

geschwätzigen, giftigen Zungen zu Hause und draußen.

Mein Gatte hatte damals gerade seine erste akademische Prüfung bestanden

und bereitete sich auf die zweite vor; daher mußte er in Kalkutta wohnen

und Vorlesungen an der Universität hören. Er pflegte mir jeden Tag zu

schreiben, nur ein paar schlichte Zeilen, aber seine kühn geschwungene,

charaktervolle Handschrift blickte mich, ach, so zärtlich an! Ich

bewahrte seine Briefe in einer Schachtel von Sandelholz und bedeckte sie

jeden Tag mit frischen Blumen aus dem Garten.

Damals war schon das Bild des Prinzen aus dem Märchen verblaßt wie der

Mond im Licht des Morgens. In meinem Herzen thronte jetzt der Fürst

meiner wirklichen Welt. Ich war seine Königin. Ich hatte meinen Platz an

seiner Seite. Doch mein höchstes Glück bestand darin, daß mein wahrer

Platz zu seinen Füßen war.

Inzwischen bin ich in den Geist der modernen Zeit eingeführt und habe

seine Sprache sprechen gelernt. Daher ist es mir, als ob diese

schlichten Worte, die ich jetzt hier schreibe, schamhaft erröteten.

Abgesehen von meiner Bekanntschaft mit der modernen Lebenshaltung würde

mein natürliches Gefühl mir sagen, daß, wie es nicht von meinem Willen

abhing, daß ich als Weib auf diese Welt kam, so auch die

Hingebungsfähigkeit in der Liebe eines Weibes sich nicht lernen läßt wie

eine abgedroschene Stelle aus einer romantischen Dichtung, die ein

Schulmädchen andächtig in schöner Rundschrift in ihr Heft schreibt.

Aber mein Gatte gab mir nie Gelegenheit, ihm meine Verehrung zu zeigen.

Das war gerade seine Größe. Es sind Schwächlinge, die von ihren Frauen

unbedingte Hingabe als ihr Recht fordern; das ist eine Erniedrigung für

beide.

Seine Liebe zu mir schien die meine noch zu übertreffen, indem sie mich

mit Huldigungen und Reichtümern überschüttete. Aber ich hatte mehr das

Bedürfnis zu geben als zu empfangen; denn die Liebe will nicht geschont

und behütet sein: sie ist eine Landstreicherin, deren Blumen besser im

Staub der Straße als in den Kristallvasen des Gesellschaftszimmers

gedeihen.

Mein Gatte konnte nicht ganz mit den alten überlieferten Gewohnheiten

brechen, die in unserer Familie herrschten. Daher war es für uns schwer,

uns zu jeder beliebigen Tagesstunde zu sehen[6]. Ich wußte genau die

Zeit, wo er zu mir kommen konnte, und so war unser Zusammensein immer

mit liebender Sorgfalt vorbereitet. Es kam wie der Reim eines Gedichtes

im regelmäßigen Schritt des Rhythmus.

Wenn ich am Nachmittage meine Tagesarbeit beendet und mein Bad genommen

hatte, steckte ich mein Haar auf, erneuerte das rote Stirnzeichen und

legte meinen sorgfältig gefältelten Sari an und dann, nachdem ich mich

körperlich und geistig von allen häuslichen Pflichten freigemacht hatte,

widmete ich mich zu dieser bestimmten festlichen Stunde ganz dem Einen.

Die Zeit mit ihm an jedem Tage war kurz, und doch war sie unendlich.

Mein Gatte pflegte zu sagen, daß Mann und Weib gleich seien in ihrer

Liebe, weil sie gleichen Anspruch aneinander hätten. Ich widersprach ihm

nicht, aber mein Herz sagte mir, daß die Liebe bei zwei Menschen in

Wirklichkeit nie auf gleicher Höhe steht; nur hebt die höhere bei dem

Zusammensein den andern zur gleichen Höhe empor. Daher herrscht dauernd

die Freude der höheren Liebe; sie sinkt nie auf die Stufe der gemeinen

Alltäglichkeit herab.

Mein Geliebter, es war deiner würdig, daß du nie Verehrung von mir

erwartetest. Aber wenn du sie gelitten hättest, so hättest du mir in

Wahrheit einen Dienst erwiesen. Du zeigtest mir deine Liebe, indem du

mich schmücktest, mich ausbildetest, indem du mir alles gabst, um was

ich dich bat und um was ich dich nicht bat. Ich sah die Tiefe deiner

Liebe in deinen Augen, wenn du mich anblicktest. Ich habe den heimlichen

Seufzer des Schmerzes gesehen, den du aus Liebe zu mir unterdrücktest.

Du liebtest meinen Körper, als ob er eine Blume aus dem Paradiese wäre.

Du liebtest mein ganzes Wesen, als ob die Vorsehung es dir als seltene

Gabe anvertraut hätte.

Diese verschwenderische Liebe machte mich stolz und ließ mich glauben,

daß der Reichtum, der dich an meine Tür zog, ganz mir gehörte. Aber

solche Eitelkeit hemmt nur den Strom der freien Hingabe in der Liebe

eines Weibes. Wenn ich als Königin throne und Huldigung fordere, so

wächst diese Forderung beständig, sie ist nie befriedigt. Kann eine Frau

ihr wahres Glück in dem bloßen Bewußtsein finden, daß sie Macht über

einen Mann hat? Das einzige Heil des Weibes ist es, ihren Stolz in Liebe

aufzugeben.

Ich muß heute daran denken, wie damals, in jenen Tagen unseres Glückes,

die Flammen des Neides rings um uns aufsprangen. Dies war nur natürlich;

war ich doch durch bloßen Zufall und ohne mein Verdienst zu meinem Glück

gekommen. Aber die Vorsehung läßt den Born des Glückes nicht endlos

fließen, wenn die Ehrenschuld nicht immer wieder manchen langen Tag

hindurch bezahlt und somit der Besitz des Glückes gesichert wird. Gott

gibt uns wohl Gaben, aber die Kraft, sie recht zu fassen und

festzuhalten, müssen wir selbst haben. Ach um die Gaben, die unwürdigen

Händen entgleiten!

Sowohl die Mutter wie die Großmutter meines Gatten waren wegen ihrer

Schönheit berühmt gewesen. Und auch meine verwitwete Schwägerin war von

seltener Schönheit. Als nun das Schicksal sie dafür so einsam ließ,

gelobte die Großmutter, nie zu verlangen, daß ihr einziger Enkel bei

seiner Heirat auf Schönheit sähe. Nur die glückverheißenden Zeichen

verschafften mir den Eintritt in diese Familie; -- sonst hatte ich

keinen Anspruch darauf, hier zu sein.

In diesem Hause des Luxus war nur wenigen seiner Frauen die ihnen

gebührende Achtung zuteil geworden. Sie hatten sich jedoch an die Art

und Weise der Familie gewöhnt und es fertig gebracht, ihren Kopf über

Wasser zu halten, getragen von ihrer Würde als Fürstinnen eines alten

Hauses, wenn auch ihre Tränen in schäumendem Wein ertränkt und ihr

Weinen vom Geklingel der Fußspangen tanzender Mädchen übertönt wurde.

War es mein Verdienst, daß mein Gatte keine geistigen Getränke anrührte

noch seine Mannheit auf den Weibermärkten vergeudete? Welchen Zauber

wußte ich, der den wilden, unsteten Sinn des Mannes bändigte? Es war

mein Glück, nichts weiter. Denn meiner Schwägerin gegenüber war das

Schicksal sehr gefühllos gewesen. Ihr Festtag war zu Ende, als es noch

früh am Abend war, und das Licht ihrer Schönheit erleuchtete umsonst die

leeren Hallen und brannte herab, nachdem die Musik längst verstummt war.

Meine Schwägerin begegnete den modernen Anschauungen meines Gatten mit

Verachtung. Wie lächerlich, daß er das Familienschiff, das mit dem

ganzen Reichtum seines altehrwürdigen Ruhmes beladen war, unter der

Flagge solch einer unbedeutenden kleinen Frau segeln ließ! Wie oft mußte

ich die Geißel des Spottes fühlen! »Diebin, die sich die Liebe eines

Gatten gestohlen, Heuchlerin, die sich unter der Schamlosigkeit ihres

neumodischen Putzes verbirgt!« Die bunten modernen Gewänder, mit denen

mein Gatte mich zu schmücken liebte, erweckten ihre eifersüchtige Wut.

»Schämt sie sich denn gar nicht, ein Schaufenster aus sich zu machen, --

und noch dazu bei ihrem Äußern!«

Mein Gatte merkte dies alles, aber seine Sanftmut kannte keine Grenzen.

Er bat mich inständig, ihr zu verzeihen.

Ich weiß noch, wie ich einmal zu ihm sagte: »Die Seele der Frau ist so

klein und verkrüppelt.« »Wie die Füße der Chinesinnen«, erwiderte er.

»Hat die Gesellschaft sie nicht so eingezwängt, daß sie klein und

verkrüppelt werden mußten? Sie sind nur Opfer eines launischen

Schicksals. Wie kann man sie dafür verantwortlich machen?«

Es gelang meiner Schwägerin immer, alles, was sie wollte, von meinem

Gatten zu bekommen. Er überlegte nicht erst, ob ihre Bitten berechtigt

oder vernünftig wären. Aber am meisten empörte mich, daß sie ihm gar

nicht dankbar dafür war. Ich hatte meinem Gatten versprochen, auf ihr

Schelten nichts zu erwidern, aber dies brachte mich innerlich nur um so

mehr auf. Ich fühlte, daß Güte eine Grenze hat und, wenn man über diese

hinausgeht, leicht in Schwäche ausartet. Ja, soll ich ganz aufrichtig

sein? Ich habe oft gewünscht, daß mein Gatte die Männlichkeit haben

möchte, etwas weniger gut zu sein.

Meine Schwägerin, die Bara Rani[7], war noch jung und machte keinen

Anspruch auf Heiligkeit. Im Gegenteil, ihre Reden und Späße hatten

leicht etwas Keckes. Auch die jungen Mädchen, die sie um sich hatte,

waren ziemlich unverschämt. Aber niemand verwies ihr ihre Art; war dies

doch der Ton, an den man im Hause gewöhnt war. Was sie mir vor allem

mißgönnte, war, so schien es mir, das Glück, einen so untadelhaften

Gatten zu haben. Er jedoch empfand weniger die Fehler ihres Charakters

als die Traurigkeit ihres Schicksals.

II

Mein Gatte hatte den sehnlichen Wunsch, mich aus der Abgeschlossenheit

meines Frauengemaches hinaus in die Welt zu führen.

Eines Tages sagte ich zu ihm: »Wozu brauche ich die Welt da draußen?«

»Die Welt da draußen braucht dich vielleicht«, erwiderte er.

»Wenn sie so lange ohne mich fertig geworden ist, kann sie es auch noch

etwas länger. Sie wird schon nicht aus Sehnsucht nach mir zugrunde

gehen.«

»Ach, meinetwegen mag sie zugrunde gehen. Darum mache ich mir keine

Sorge. Ich denke an mich selbst.«

»O, wirklich! Was ist es denn mit dir?«

Mein Gatte lächelte schweigend.

Ich kannte seine Art und wehrte mich sogleich dagegen:

»Nein, nein, so entkommst du mir nicht. Ich muß wissen, was es ist.«

»Läßt sich denn alles mit Worten sagen?«

»Bitte, höre auf in Rätseln zu sprechen! Sag' mir...«

»Was ich möchte, ist, daß wir draußen auch in der Welt unser Leben ganz

miteinander teilten. Hier bleiben wir uns beide noch etwas schuldig.«

»Fehlt denn irgend etwas in der Liebe, die wir hier zu Hause einander

geben?«

»Hier gehst du ganz in mir auf. Du weißt weder, was du hast, noch, was

dir fehlt.«

»Ich mag nicht hören, wenn du so redest.«

»Ich möchte, daß du mitten in das Leben und Treiben hinauskämest und

die Wirklichkeit kennenlerntest. Du bist nicht dazu geschaffen, nur Tag

für Tag deine häuslichen Pflichten zu erfüllen und dein ganzes Leben in

der Plackerei des Haushalts zwischen den engen Mauern zuzubringen, die

die Traditionen um die Frau aufgerichtet haben. Erst wenn wir draußen in

der Welt der Wirklichkeit uns sehen und erkennen, wird unsere Liebe

vollkommen und wahr sein.«

»Wenn uns hier irgend etwas daran hindert, uns ganz zu erkennen, kann

ich nichts sagen. Aber ich meinesteils fühle nicht, daß irgend etwas

fehlt.«

»Gut, aber wenn auch das Hindernis nur auf meiner Seite ist, solltest du

da nicht helfen, es zu beseitigen?«

Solche Gespräche wiederholten sich öfters. Eines Tages sagte er: »Der

Mensch, der Verlangen hat nach seinem geschmorten Fisch, hat in seiner

Gier keine Gewissensbisse, wenn er den Fisch nach seinem Bedürfnis

zerschneidet. Aber der, der den Fisch liebt, möchte sich im Wasser an

ihm freuen, und wenn das unmöglich ist, wartet er am Ufer, und selbst

wenn er nach Hause kommt, ohne ihn erblickt zu haben, so hat er den

Trost, zu wissen, daß der Fisch gut aufgehoben ist. Jemanden in seiner

Vollkommenheit besitzen dürfen, ist der höchste Gewinn, aber wenn dies

unmöglich ist, so ist der zweithöchste, auf den Besitz zugunsten der

Vollkommenheit des andern zu verzichten.«

Ich hörte meinen Gatten nicht gern so über diesen Gegenstand sprechen,

aber nicht das war der Grund, weshalb ich mich weigerte, die

Frauengemächer zu verlassen. Seine Großmutter war noch am Leben. Mein

Gatte hatte mehr als neunundneunzig Prozent des Hauses mit dem

zwanzigsten Jahrhundert angefüllt, sehr gegen ihren Geschmack, aber doch

hatte sie es, ohne zu klagen, geduldet. Sie würde es ebenso geduldet

haben, wenn die Gemahlin des Radscha[8] ihre Zurückgezogenheit

aufgegeben hätte. Sie war sogar darauf gefaßt, daß dies geschehen

könnte. Aber mir schien die Sache nicht wichtig genug, um ihr diesen

Schmerz anzutun. Ich habe in Büchern gelesen, daß man uns als »Vögel im

Käfig« bezeichnet. Ich weiß nicht, wie es mit andern ist, aber für mich

umschloß dieser Käfig so viel, daß es in der ganzen Welt nicht Platz

gehabt hätte, -- so empfand ich es wenigstens damals.

Die Großmutter, die schon sehr alt war, hielt sehr viel von mir. Ihrer

Liebe lag wohl der Gedanke zugrunde, daß ich mit Hilfe der mir günstigen

Sterne es vermocht hatte, die Liebe meines Gatten zu gewinnen. Hatten

nicht die Männer von Natur den Hang, in Laster zu versinken? Keine von

den andern war mit all ihrer Schönheit imstande gewesen, ihren Gatten

davon zurückzuhalten, daß er Hals über Kopf dem höllischen Abgrund

zustürzte, der ihn verschlang und vernichtete. Sie glaubte, daß ich das

Mittel gewesen sei, jene Leidenschaften auszulöschen, die den Männern

ihrer Familie so verderblich geworden waren. Daher hütete sie mich wie

ihren größten Schatz und zitterte, sobald mir nur das Geringste fehlte.

Die Großmutter mochte die Kleider und Schmucksachen nicht leiden, die

mein Gatte in europäischen Läden kaufte, um sie mir umzuhängen. Aber

sie überlegte: Die Männer müssen nun einmal irgendein närrisches

Steckenpferd haben, das allemal viel Geld kostet. Es hat keinen Zweck,

zu versuchen, sie daran zu hindern; man kann nur froh sein, wenn sie

sich nicht ganz dabei zugrunde richten. Wenn mein Nikhil nicht immer

damit beschäftigt wäre, seine Frau mit schönen Kleidern zu umhängen, wer

weiß, an wen er sonst sein Geld verschwenden würde. Daher ließ sie,

immer wenn ein neues Kleid für mich ankam, meinen Gatten rufen und

freute sich mit ihm darüber.

Und so kam es, daß sie es war, die ihren Geschmack änderte. Ja, sie

wurde so sehr von dem modernen Geist beeinflußt, daß kein Abend hingehen

durfte, ohne daß ich ihr Geschichten aus englischen Büchern erzählte.

Nach dem Tode seiner Großmutter wollte mein Gatte gern, daß ich mit ihm

nach Kalkutta übersiedelte. Aber ich konnte mich nicht dazu

entschließen. War dies nicht unser Haus, das sie in allen Leiden und

Kümmernissen unter ihrer sorgenden Hut gehabt hatte? Würde nicht ein

Fluch mich treffen, wenn ich es verließe und fortzöge in die Stadt?

Dies war der Gedanke, der mich zurückhielt, als ihr leerer Platz mich

vorwurfsvoll ansah. Diese edle Frau war mit acht Jahren in dies Haus

gekommen, und als sie starb, war sie achtundsiebzig. Sie hatte kein

glückliches Leben gehabt. Das Schicksal hatte Pfeil auf Pfeil gegen ihre

Brust geschleudert und hatte doch nur immer mehr die unzerstörbare Kraft

ihrer Seele hervorströmen lassen. Dies große Haus war durch ihre Tränen

geweiht. Was sollte ich fern von ihm, im Staub von Kalkutta?

Mein Gatte hatte die Vorstellung, daß wir auf diese Weise meiner

Schwägerin den Trost verschaffen könnten, Herrin im Hause zu sein, und

zugleich unserm Leben mehr Raum verschaffen würden, sich auszudehnen.

Aber gerade hierin konnte ich ihm nicht zustimmen. Sie hatte mir das

Leben zur Plage gemacht, sie mißgönnte meinem Gatten sein Glück, und

dafür sollte sie jetzt belohnt werden! Und wenn wir nun eines Tages

hierher zurückkehren wollten? Würde ich da den ersten Platz

wiederbekommen?

»Was willst du mit dem ersten Platz?« pflegte mein Gatte zu sagen. »Gibt

es denn nichts Wertvolleres im Leben?«

Die Männer verstehen solche Dinge nie. Sie haben ihre Nester draußen,

sie kennen nicht die ganze Bedeutung des häuslichen Lebens. In diesen

Dingen sollten sie der weiblichen Führung folgen. -- So dachte ich

damals.

Für mich war der Hauptpunkt der, daß man sein Recht vertreten müsse.

Fortgehen und alles in den Händen des Feindes lassen, das wäre so gut

wie das Eingeständnis einer Niederlage gewesen.

Aber warum zwang mein Gatte mich nicht, mit ihm nach Kalkutta zu gehen?

Ich weiß den Grund. Er machte keinen Gebrauch von seiner Gewalt, gerade

weil er sie hatte.

III

Wenn jemand nach und nach die Kluft zwischen Tag und Nacht ausfüllen

wollte, so würde er eine Ewigkeit dazu brauchen. Aber die Sonne geht

auf, und die Dunkelheit ist verscheucht -- ein Augenblick genügt, einen

unendlichen Abstand zu überwinden.

Eines Tages begann in Bengalen die neue Zeit der Swadeschi-Bewegung[9];

aber wie es dazu kam, davon hatten wir keine klare Vorstellung. Es war

kein allmählicher Übergang von der Vergangenheit zur Gegenwart. Das ist,

glaube ich, der Grund, warum die neue Epoche wie eine Flut über unser

Land kam, die Deiche durchbrechend und all unsre Klugheit und Furcht mit

sich fortreißend. Wir hatten nicht einmal Zeit, darüber nachzudenken

oder zu begreifen, was geschehen war oder was geschehen sollte.

Mein Herz und meine Sinne, meine Hoffnungen und meine Wünsche flammten

auf in der Leidenschaft dieser neuen Zeit. Wenn auch bis jetzt die

Mauern des Heims, das meinem Geiste doch letzten Endes die Welt bedeutet

hatte, noch nicht zerbrochen waren, so blickte ich doch über sie hinaus

in die Weite und hörte vom fernen Horizonte her eine Stimme, deren Worte

ich zwar nicht deutlich verstand, aber deren Ruf mir unmittelbar zum

Herzen ging.

Seit der Zeit, wo mein Gatte auf der Universität studierte, hatte er

versucht, dahin zu wirken, daß unser Volk die Dinge, die es brauchte, im

eigenen Lande erzeugte. Es gibt in unserer Gegend sehr viele

Dattelpalmen. Er versuchte, einen Apparat zu erfinden, womit der Saft

aus den Früchten ausgepreßt und dann zu Zucker und Sirup verkocht würde.

Man sagte mir, der Apparat funktioniere sehr gut, aber er preßte doch

noch mehr Geld aus dem Unternehmer heraus als Saft aus den Datteln. Bald

kam mein Gatte zu dem Schluß, daß unsre Versuche, unsre Industrie wieder

zu beleben, keinen Erfolg haben konnten, solange wir keine eigene Bank

hatten. Er versuchte damals, mich in die Volkswirtschaft einzuführen.

Dies allein hätte nun zwar nicht viel geschadet, aber er hatte es sich

in den Kopf gesetzt, auch seinen Landsleuten seine Ideen beizubringen

und so den Weg für eine Bank zu bahnen; und dann eröffnete er auch

tatsächlich ein kleines Bankgeschäft. Die hohen Zinsen jedoch, die

bewirkten, daß die Dorfleute begeistert herbeiströmten, um ihr Geld

hineinzutun, richteten bald die Bank gänzlich zugrunde.

Die alten Gutsverwalter waren bekümmert und ängstlich. Die Feinde

triumphierten. Von der ganzen Familie blieb nur meines Gatten Großmutter

gelassen und ruhig. Sie schalt mich, indem sie sagte: »Warum quält ihr

ihn alle so? Kümmert ihr euch sonst um das Schicksal des Gutes? Wie oft

habe ich schon erlebt, daß dies Gut dem Steuereinnehmer verpfändet

wurde! Sind die Männer denn wie die Frauen? Die Männer sind geborene

Verschwender und können nur Geld durchbringen. Sieh einmal, mein Kind,

du solltest dich glücklich schätzen, daß dein Gatte nicht auch noch

seine Gesundheit durchbringt!«

Die Liste derer, die von meinem Gatten unterstützt wurden, war sehr

lang. Wer nur einen neuen Webstuhl oder eine neue

Reisenthülsungsmaschine erfinden wollte, dem stand er bei bis zum

gänzlichen Ruin. Aber was mich am meisten ärgerte, war die Art, wie

Sandip Babu ihn ausbeutete, indem er seine Arbeit für die

Swadeschi-Bewegung als Vorwand gebrauchte. Was es auch war, sei es nun,

daß er eine Zeitung gründen oder eine Vortragsreise für die Sache

unternehmen wollte, oder daß er nach Ansicht seines Arztes

Luftveränderung brauchte, mein Gatte gab immer hin, ohne zu fragen. Und

dies gewährte er Sandip Babu noch außer der festgesetzten Summe, die

dieser regelmäßig für seinen Unterhalt von ihm erhielt. Das

Merkwürdigste dabei war, daß mein Gatte und Sandip Babu in ihren

Ansichten gar nicht übereinstimmten.

Sobald der Sturm der Swadeschi-Bewegung auch mir ins Blut gefahren war,

sagte ich zu meinem Gatten: »Ich muß alle meine ausländischen Kleider

verbrennen.«

»Warum willst du sie verbrennen?« sagte er. »Du brauchst sie ja nicht zu

tragen, solange du nicht willst.«

»Solange ich nicht will! Mein ganzes Leben lang...«

»Gut, trage sie denn nicht mehr! Aber wozu gleich feierlich einen

Scheiterhaufen errichten?«

»Wolltest du mich in meinem Entschluß hindern?«

»Was ich dir sagen möchte, ist dies: Warum wollt ihr nicht lieber

versuchen aufzubauen? Ihr solltet auch nicht einmal den zehnten Teil

eurer Kraft in diesem zerstörenden Haß vergeuden.«

»Dieser Haß wird uns die Kraft geben, aufzubauen.«

»Das ist, als ob ihr sagtet, ihr könntet das Haus nicht erleuchten,

ohne es anzuzünden.«

Bald kam ein neuer Verdruß. Als Miß Gilby zuerst in unser Haus gekommen

war, hatte es große Aufregung gegeben, die sich dann allmählich

beruhigte, als man sich an sie gewöhnte. Jetzt wurde die ganze Sache von

neuem aufgerührt. Ich hatte mich vorher nicht darum gekümmert, ob Miß

Gilby Europäerin oder Indierin sei, aber jetzt war es mir nicht mehr

einerlei. Ich sagte zu meinem Gatten: »Wir müssen Miß Gilby aus dem

Hause schaffen.«

Er schwieg.

Ich wurde heftig, und er ging traurig fort.

Nachdem ich mich ausgeweint hatte, war ich des Abends, als wir uns

wiedersahen, etwas ruhiger gestimmt. »Ich kann Miß Gilby nicht durch

einen Nebel von abstrakten Theorien ansehen,« sagte mein Gatte, »nur

weil sie Engländerin ist. Kannst du nach einer so langen Bekanntschaft

nicht über die Schranke eines bloßen Namens wegkommen? Kannst du nicht

daran denken, daß sie dich liebt?«

Ich war ein wenig beschämt und antwortete etwas gereizt: »Meinethalben

laß sie bleiben. Ich bin nicht darauf erpicht, sie fortzuschicken.«

Und Miß Gilby blieb.

Aber eines Tages hörte ich, daß ein junger Bursche sie auf dem Wege zur

Kirche beschimpft hatte. Es war ein Junge, den wir unterstützten. Mein

Gatte wies ihn aus dem Hause. Es gab an jenem Tage niemand, der meinem

Gatten diese Tat verzeihen konnte, -- selbst ich nicht. Diesmal ging Miß

Gilby von selbst. Sie weinte, als sie kam, um uns Lebewohl zu sagen,

aber mein Zorn schmolz nicht. Den armen Jungen so zu verklatschen, --

und dabei war er ein so prächtiger Junge, der über seiner Begeisterung

für die nationale Sache Essen und Trinken vergaß.

Mein Gatte brachte Miß Gilby in seinem eigenen Wagen zur Bahn. Ich fand,

daß er viel zu weit ging. Und als übertriebene Gerüchte von diesem

Vorfall Anlaß zu einem öffentlichen Skandal gaben, über den die

Zeitungen herfielen, fand ich, daß ihm ganz recht geschehen sei.

Ich war durch meines Gatten Tun oft in Unruhe versetzt, aber nie vorher

hatte ich mich seiner geschämt; doch jetzt mußte ich für ihn erröten.

Ich wußte nicht genau, und es war mir auch gleichgültig, welches Unrecht

der arme Noren Miß Gilby getan hatte oder getan haben sollte; aber wie

konnte man in solcher Zeit über so etwas zu Gericht sitzen! Ich hätte

die Gesinnung, die den kleinen Noren antrieb, der Engländerin seine

Verachtung zu zeigen, nicht unterdrücken mögen. Ich konnte nicht anders

als ein Zeichen von Schwäche darin sehen, daß mein Gatte eine so

einfache Sache nicht begriff. Und daher errötete ich für ihn.

Und doch lag es nicht so, daß mein Gatte sich weigerte, die

Swadeschi-Bewegung zu unterstützen oder daß er irgendwie der nationalen

Sache entgegenarbeitete. Er war nur nicht imstande, sich mit ganzem

Herzen dem Geist des »Bande Mataram«[10] hinzugeben.

»Ich will gern meinem Lande dienen,« sagte er, »aber die Gerechtigkeit

steht mir höher als das Vaterland. Wer Götzendienst mit seinem

Vaterlande treibt, ruft einen Fluch darauf herab.«

Fußnoten:

[1] Das Abzeichen des Frauenstandes bei den Hindus und das

Symbol der hingebenden Liebe, die dieser Stand in sich schließt.

[2] Das Hauptgewand der Hindufrauen.

[3] Radscha (Rajah), indischer Fürst.

[4] Dies ist eine äußere Form der Verehrung und geschieht,

indem man mit der Hand die Füße des Betreffenden und dann das eigene

Haupt leicht berührt. Es ist nicht allgemein Sitte, daß die Frau ihrem

Gatten ihre Verehrung in dieser Weise bezeugt. (Der englische Ausdruck

ist: to take the dust of one's feet.)

[5] Titel der islamischen Landesfürsten.

[6] Es würde nicht als schicklich angesehen werden, wenn ein

Mann beständig in dem Frauengemach aus und ein ginge, außer zu den

bestimmten Stunden, die dem Mahl oder der Ruhe gewidmet sind.

[7] Bara = älter; Tschota = jünger. In vornehmen Häusern

behalten die Witwen, obgleich sie nur auf eine lebenslängliche Rente vom

Vermögensanteil ihres Gatten Anspruch haben, doch den Rang nach ihrem

Alter, und die Titel Bara und Tschota bleiben bei den älteren und

jüngeren Zweigen der Familie, wenn auch der jüngere Zweig der

herrschende ist.

[8] Das Ansehen der Gemahlin des Radscha ist von höchster

Wichtigkeit bei den vornehmen Hindus.

[9] Die nationale Bewegung, welche im Anfang mehr

wirtschaftlichen als politischen Charakter hatte, da sie hauptsächlich

auf Ermutigung der einheimischen Industrie gerichtet war.

[10] »Heil dir, Mutter!«, die Anfangsworte eines Liedes von

Bankim Chatterjee, dem berühmten bengalischen Romanschreiber. Das Lied

ist jetzt zur Nationalhymne geworden, und Bande Mataram wurde seit der

Zeit der Swadeschi-Bewegung zum nationalen Losungsruf.

ZWEITES KAPITEL

BIMALAS ERZÄHLUNG

IV

Um diese Zeit geschah es, daß Sandip Babu mit seinen Anhängern in unsere

Gegend kam, um Reden im Dienste der Swadeschi-Bewegung zu halten.

Es soll eine große Versammlung in unsrer Tempelhalle stattfinden. Wir

Frauen sitzen dort auf der einen Seite, hinter einem Vorhang. Das

Triumphgeschrei Bande Mataram kommt näher, und ein Schauer läuft durch

alle meine Adern. Plötzlich strömt eine Schar von barfüßigen Jünglingen

im gelben Asketengewand und Turban in den Tempelhof, wie ein

schlammgeröteter Bach beim ersten Regenguß sich in das ausgetrocknete

Flußbett ergießt. Der ganze Raum ist angefüllt von einer ungeheuren

Menge, durch die man Sandip Babu trägt, auf einem großen Stuhl thronend,

den zehn bis zwölf Jünglinge auf den Schultern tragen.

Bande Mataram! Bande Mataram! Bande Mataram! Es ist, als ob der Himmel

bersten und in tausend Stücke zerreißen wollte.

Ich hatte Sandip Babus Bild schon früher gesehen. Es war etwas in

seinem Gesicht, was ich nicht mochte. Nicht, daß er häßlich war, -- im

Gegenteil, er hatte ein auffallend schönes Gesicht. Doch, ich weiß

nicht, es schien mir, daß trotz all der Schönheit zuviel gemeiner Stoff

hineingearbeitet war. Das Licht in seinen Augen schien mir nicht ganz

echt zu sein. Darum mochte ich nicht, daß mein Gatte unbedenklich allen

seinen Forderungen nachgab. Den Verlust des Geldes konnte ich schon

ertragen, aber es ärgerte mich, daß er meinen Gatten hinterging und

seine Freundschaft ausbeutete. Sein Benehmen war nicht das eines

Asketen, nicht einmal das eines Menschen in beschränkten Verhältnissen,

sondern durchaus stutzerhaft und verriet Liebe zum Luxus... Eine ganze

Reihe solcher Betrachtungen kommen mir heute wieder in den Sinn, aber

genug davon!

Als Sandip Babu jedoch an jenem Nachmittag zu sprechen anfing und die

Herzen der Menge bei seinen Worten wogten und schwollen, als ob sie alle

Schranken durchbrechen wollten, sah ich ihn wunderbar verklärt.

Besonders als seine Züge plötzlich von einem Strahl der untergehenden

Sonne erleuchtet wurden, die langsam unter die Linie des Tempeldaches

sank, da erschien er mir wie ein Gottgesandter.

Von Anfang bis zu Ende war seine Rede ein stürmischer Ausbruch. Sein

Vertrauen auf den Sieg der Sache war felsenfest. Ich weiß nicht, wie es

kam, aber ich merkte plötzlich, daß ich den Vorhang ungeduldig

zurückgeschlagen und den Blick fest auf ihn gerichtet hatte. Aber

niemand unter der Menge beachtete, was ich tat. Nur einmal bemerkte ich,

wie seine Augen mich anfunkelten, wie die Sterne des schicksalsvollen

Orions.

Ich hatte mich ganz vergessen. Ich war nicht mehr die Gemahlin des

Radscha, sondern die einzige Vertreterin von Bengalens Frauen. Und er

war der Streiter für Bengalen. Wie der Himmel sein Licht über ihn

ausgegossen hatte, so mußte auch der Segen einer Frau ihn für seine

Aufgabe weihen...

Es schien mir ganz deutlich, daß, seit er mich erblickt hatte, das Feuer

seiner Rede noch leidenschaftlicher emporgeflammt war. Indras Roß ließ

sich nicht bändigen, und nun kam das Rollen des Donners und das Leuchten

der Blitze. Ich sagte mir, daß seine Rede sich an meinen Augen entzündet

hatte; denn wir Frauen wachen nicht nur über das Feuer des häuslichen

Herdes, sondern über die Flamme der Seele selbst.

Als ich an jenem Abend heimkehrte, strahlte ich von einem neuen Gefühl

des Stolzes und der Freude. Der Sturm in mir hatte mein ganzes Wesen

aufgewühlt und seinen Schwerpunkt verschoben. Wie die Jungfrauen der

alten Griechen hätte ich gern meine langen, glänzenden Flechten

abgeschnitten, um eine Bogensehne für meinen Helden daraus zu machen.

Wenn mein äußerer Schmuck mit meinen Gefühlen in Verbindung gestanden

hätte, so würden Halsband und Armspangen ihren Verschluß gesprengt und

sich wie ein Schauer von Meteoren über die Versammlung ergossen haben.

Ich fühlte, daß ich ein persönliches Opfer bringen mußte, um den Sturm

der leidenschaftlichen Erregung in mir aushalten zu können.

Als mein Gatte später nach Hause kam, zitterte ich vor Angst, er könne

etwas sagen, was mit dem Siegeslied, das noch in meinen Ohren klang, in

Disharmonie wäre; ich fürchtete, sein Wahrheitsfanatismus könne ihn

verleiten, sich über irgend etwas, was am Nachmittag gesagt war,

mißbilligend zu äußern. Denn dann würde ich ihm offen getrotzt und ihn

gedemütigt haben. Aber er sagte kein Wort... und dies war mir auch

nicht recht. Er hätte sagen sollen: »Sandip hat mich zur Vernunft

gebracht. Jetzt sehe ich ein, wie sehr ich mich diese ganze Zeit geirrt

habe.«

Ich hatte das Gefühl, daß er aus Ärger und Bosheit schwieg, daß er sich

eigensinnig der Begeisterung verschloß. Ich fragte ihn, wie lange Sandip

Babu bei uns bleiben würde.

»Er wird morgen in der Frühe nach Rangpur aufbrechen«, sagte mein Gatte.

»Muß es schon morgen sein?«

»Ja, er hat versprochen, dort zu reden.«

Ich schwieg eine Weile, dann fragte ich wieder: »Könnte er es nicht

möglich machen, noch einen Tag zu bleiben?«

»Das wird er schwerlich können. Aber warum möchtest du es?«

»Ich möchte ihn zum Mittagessen einladen und ihn dabei selbst bedienen.«

Mein Gatte war überrascht. Er hatte mich oft gebeten, dabei zu sein,

wenn er nahe Freunde zum Mittagessen bei sich hatte, aber ich hatte mich

nie dazu überreden lassen. Er sah mich einen Augenblick schweigend und

aufmerksam an, mit einem Blick, den ich nicht ganz verstand.

Plötzlich überkam mich ein Gefühl der Scham.

»Nein, nein,« rief ich, »das geht auf keinen Fall.«

»Warum nicht?« sagte er. »Ich will ihn selbst fragen; wenn es irgend

möglich ist, wird er sicher morgen noch bleiben.«

Es erwies sich als durchaus möglich.

Ich will ganz aufrichtig sein. An jenem Tage machte ich meinem Schöpfer

Vorwürfe, daß er mich nicht mit hervorragender Schönheit geschmückt

hatte, -- nicht daß ich damit hätte Herzen stehlen wollen, sondern weil

Schönheit verklärt. An diesem großen Tage sollten die Männer die

Gottheit des Landes im Weibe erkennen. Aber ach, die Augen der Männer

erkennen die Gottheit nicht, wenn es ihr an äußerer Schönheit fehlt.

Würde Sandip Babu die Schakti[11] unseres Landes in mir offenbart sehen?

Oder würde er mich nur für eine gewöhnliche Hausfrau halten?

An jenem Morgen besprengte ich mein herabhängendes Haar mit

wohlriechendem Wasser und band es in einen losen Knoten mit einem

rotseidenen Bande, das ich geschickt hindurchschlang. Das Mittagessen

sollte schon um zwölf sein, da hatte ich begreiflicherweise nicht die

Zeit, es nach meinem Bade noch in der gewohnten Weise in Flechten

hochzustecken. Ich zog einen goldgesäumten weißen Sari an, und auch mein

kurzärmeliges Muslinjäckchen hatte einen Goldsaum.

Ich war der Meinung, daß meine Kleidung eigentlich recht diskret sei und

daß nicht leicht etwas einfacher hätte sein können. Aber meine

Schwägerin, die zufällig vorbeiging, blieb plötzlich vor mir stehen, sah

mich von Kopf zu Fuß an und lächelte mit zusammengepreßten Lippen ein

vielsagendes Lächeln. Als ich sie nach dem Grunde fragte, sagte sie:

»Ich bewundere deinen Aufputz.«

»Was ist daran so Belustigendes?« fragte ich sehr geärgert.

»Er ist prächtig«, sagte sie. »Ich dachte mir eben, daß eine von jenen

tiefausgeschnittenen englischen Taillen ihn vollkommen machen würde.«

Nicht nur ihr Mund und ihre Augen, sondern ihr ganzer Körper schien von

unterdrücktem Lachen zu zucken, als sie das Zimmer verließ.

Ich war sehr, sehr böse und wollte im ersten Augenblick alles ausziehen

und meine Alltagskleider anlegen. Ich kann nicht genau sagen, was mich

hinderte, diesem Impuls zu folgen. Die Frauen sind die Zierde der

Gesellschaft -- so redete ich mir ein -- und mein Gatte würde es nicht

mögen, wenn ich nicht standesgemäß gekleidet vor Sandip Babu erschiene.

Meine Absicht war, erst zu erscheinen, nachdem sie sich schon zum

Mittagessen gesetzt hatten.

Bei der Beaufsichtigung des Bedienens hätte ich die erste Scheu am

besten überwinden können. Aber das Essen war nicht zur rechten Zeit

fertig, und es wurde spät. Inzwischen ließ mein Gatte mich rufen, um mir

den Gast vorzustellen.

Ich war schrecklich verlegen, als ich Sandip Babu ins Gesicht sehen

sollte. Es gelang mir jedoch, mich zu fassen, und ich sagte: »Es tut mir

sehr leid, daß es mit dem Essen so spät wird.«

Er kam ohne jede Verlegenheit auf mich zu und nahm an meiner Seite

Platz. »Ein Mittagessen,« sagte er, »bekomme ich irgendwie jeden Tag,

aber die Göttin des Überflusses bleibt hinter der Szene. Nun, da die

Göttin selbst erschienen ist, macht es wenig, wenn das Essen auf sich

warten läßt.«

Er war im Privatverkehr eben so emphatisch wie in seinen öffentlichen

Reden. Er zögerte nicht und schien daran gewöhnt, unaufgefordert den

Platz einzunehmen, den er sich wählte. Er erhob mit solcher Zuversicht

den Anspruch auf Vertraulichkeit, daß man sich im Unrecht gefühlt hätte,

wenn man sie ihm hätte streitig machen wollen.

Es war mir ein schrecklicher Gedanke, daß Sandip Babu mich für ein

schüchternes, altmodisches Häufchen Unbedeutendheit halten könnte. Aber

ich hätte ihn um mein Leben nicht mit geistreichen Erwiderungen

bezaubern oder blenden können. Wie war ich nur auf den unglücklichen

Einfall gekommen, so fragte ich mich zornig, solche lächerliche Figur

vor ihm zu spielen?

Als das Mittagessen vorüber war, wollte ich mich zurückziehen, aber

Sandip Babu, kühn wie immer, stellte sich mir in den Weg.

»Sie müssen mich nicht für so materiell halten«, sagte er. »Nicht das

Mittagessen veranlaßte mich zu bleiben, sondern Ihre Einladung. Wenn Sie

jetzt die Flucht ergriffen, so würden Sie mit Ihrem Gast kein ehrliches

Spiel treiben.«

Wenn er diese Worte nicht in heiterm und ungezwungenem Ton gesagt hätte,

so hätten sie mich wohl verstimmt. Aber ich mußte mir ja sagen, er stand

meinem Gatten so nahe, daß ich mich als seine Schwester ansehen konnte.

Während ich versuchte, mich innerlich auf diesen vertraulichen Ton

einzustellen, kam mir mein Gatte zu Hilfe, indem er sagte: »Könntest du

denn nicht wiederkommen, wenn du dein Mittagessen gehabt hast?«

»Aber Sie müssen uns Ihr Wort geben, bevor wir Sie fortlassen«, sagte

Sandip Babu.

»Ich verspreche es«, sagte ich mit einem leichten Lächeln.

»Ich will Ihnen sagen, warum ich Ihnen nicht trauen kann«, fuhr Sandip

Babu fort. »Nikhil ist nun schon neun Jahre verheiratet, und diese

ganze Zeit sind Sie mir ausgewichen. Wenn Sie dies nun wieder neun Jahre

lang tun, werden wir uns überhaupt nicht wiedersehen.«

Ich ging auf den Geist seiner Bemerkung ein und fragte leise: »Aber

warum sollten wir uns selbst dann nicht wiedersehen?«

»Mein Horoskop sagt mir, daß ich früh sterben werde. Keiner von meinen

Vorfahren hat sein dreißigstes Jahr überlebt. Ich bin jetzt

siebenundzwanzig.«

Er wußte, daß dies Eindruck machen würde. Und er mußte diesmal einen

leisen Ton von Besorgnis in meiner Stimme hören, als ich flüsternd

sagte: »Der Segen des ganzen Landes wird sicher den bösen Einfluß der

Sterne abwenden.«

»Dann muß die Gottheit des Landes selbst diesem Segen ihre Stimme

leihen. Dies ist der Grund, warum ich so eifrig wünsche, Sie möchten

wiederkommen, damit mein Talisman schon heute anfangen kann zu wirken.«

Sandip Babu hatte eine solche Art, alles im Sturm zu nehmen, daß ich gar

nicht dazu kam, ihm etwas übelzunehmen, was ich einem andern nie erlaubt

haben würde.

»Also«, schloß er lachend, »werde ich Ihren Gatten so lange als Geisel

hierbehalten, bis Sie zurückkommen.«

Als ich im Begriff war zu gehen, rief er: »Darf ich Sie um eine

Kleinigkeit bemühen?«

Ich wandte mich etwas erschrocken um.

»Erschrecken Sie nicht«, sagte er. »Es ist nur ein Glas Wasser. Sie

haben vielleicht bemerkt, daß ich beim Essen kein Wasser trank. Ich

trinke es etwas später.«

Ich mußte hierauf etwas Interesse zeigen und nach dem Grund fragen. Er

erzählte mir, daß er seit länger als einem halben Jahr an

Verdauungsbeschwerden gelitten und nun endlich, nachdem er alle

möglichen allopathischen und homöopathischen Mittel vergeblich versucht

hatte, mit einheimischen Heilmitteln ganz wundervolle Resultate erzielt

hätte.

»Sehen Sie,« fügte er mit einem Lächeln hinzu, »Gott hat selbst meine

Gebrechen so eingerichtet, daß sie nur dem Bombardement mit

Swadeschi-Pillen weichen.«

Hier mischte sich mein Gatte ein. »Du mußt zugeben,« sagte er, »daß du

eine ebenso große Anziehungskraft für ausländische Medizin hast, wie

die Erde für Meteore. Du hast in deinem Wohnzimmer drei Schränke...«

Sandip Babu unterbrach ihn. »Weißt du, was die sind? Die sind die

Strafpolizei. Sie sind da, nicht weil man ihrer bedarf, sondern weil sie

uns durch die moderne Gesellschaftsordnung aufoktroyiert sind, daß sie

uns Geldstrafen auferlegen oder andere Unbill zufügen.«

Mein Gatte kann Übertreibungen nicht leiden, und ich merkte, daß er

verstimmt war. Aber jede Verzierung ist eine Übertreibung. Sie stammt

nicht von Gott, sondern vom Menschen. Ich weiß noch, wie ich einmal mich

meinem Gatten gegenüber verteidigte, als ich eine Unwahrheit gesagt

hatte: »Nur die Bäume und Tiere und Vögel sagen die Wahrheit ganz nackt,

weil es diesen armen Dingern an Erfindungsgabe fehlt. Hierin zeigen die

Menschen ihre Überlegenheit über die niedern Geschöpfe, und die Frauen

sind noch den Männern über. Wie reicher Schmuck der Frau wohl ansteht,

so auch Ausschmückung der Wahrheit.«

Als ich hinaustrat auf den Korridor, der zu den Frauengemächern führte,

sah ich meine Schwägerin an einem Fenster stehen, durch das man ins

Empfangszimmer sehen konnte. Sie versuchte durch die Jalousien zu

spähen.

»Du hier?« fragte ich überrascht.

»Auf dem Lauscherposten«, erwiderte sie.

V

Als ich zurückkam, entschuldigte sich Sandip Babu. »Ich fürchte, ich

habe Ihnen den Appetit verdorben«, sagte er besorgt.

Ich schämte mich sehr. Ich war wirklich unziemlich schnell mit meinem

Essen fertig geworden. Man konnte mir leicht nachrechnen, daß ich in der

Zeit nicht viel hatte essen können. Aber mir war nicht der Gedanke

gekommen, daß jemand nachrechnen würde.

Ich hatte das Gefühl, daß Sandip Babu meine Beschämung merkte, was sie

natürlich noch erhöhte. »Ich wußte wohl,« sagte er, »daß der Impuls des

scheuen Wildes Sie von mir trieb, um so mehr weiß ich es zu würdigen,

daß Sie Ihr Versprechen halten.«

Mir wollte keine passende Antwort einfallen, und so setzte ich mich

errötend und voll Unbehagen auf das eine Ende des Sofas. Die Vision, die

ich von mir selbst gehabt hatte, als die im Weibe verkörperte Gottheit,

die durch ihre bloße Gegenwart Sandip Babu krönte, in stolzer Majestät,

diese Vision war mir ganz entschwunden.

Sandip Babu begann absichtlich eine Diskussion mit meinem Gatten. Er

wußte, daß sein scharfer Verstand in schlagfertigen Entgegnungen am

besten zur Geltung kam. Ich habe seitdem oft beobachtet, daß er sich nie

eine Gelegenheit zum Wortgefecht entgehen ließ, wenn ich zufällig dabei

war.

Er kannte meines Gatten Ansichten über den Bande-Mataram-Kult und begann

in herausforderndem Tone: »Also du gibst nicht zu, daß man bei der

patriotischen Werbearbeit auch versuchen soll, auf die Phantasie zu

wirken?«

»Man darf schon auf sie wirken, Sandip, aber ich halte nichts davon,

wenn man alles damit machen will. Ich möchte mein Vaterland, so sehen,

wie es in Wahrheit ist, und darum würde ich mich scheuen und es für

unwürdig halten, mit hypnotisierenden patriotischen Reden zu arbeiten.«

»Aber was du hypnotisierende Reden nennst, ist für mich Wahrheit. Ich

glaube an mein Vaterland wie an meinen Gott. Mir ist die Menschheit

heilig. Gott offenbart sich sowohl im Menschen wie in seinem

Vaterlande.«

»Wenn du das wirklich glaubst, dann sollte es für dich keinen

Unterschied geben zwischen den verschiedenen Menschen und den

verschiedenen Ländern.«

»Ganz recht. Aber mein Gefühl ist begrenzt und kann nicht die ganze

Menschheit umfassen, daher verehre ich sie hier in meinem Volke.«

»Ich habe nichts gegen diese Verehrung als solche, aber wie willst du

Gott verehren, wenn du andere Völker hassest, in denen er sich

gleichfalls offenbart?«

»Der Haß ist auch ein Diener der Anbetung. Ardschuna gewann Mahadevas

Gnade[12] dadurch, daß er mit ihm rang. Gott wird am Ende mit uns sein,

wenn wir bereit sind, uns ihm im Streite zu stellen.«

»Wenn dem so ist, so sind beides seine Diener, die, welche deinem Volke

dienen, und die, welche ihm schaden. Aber wozu dann noch Patriotismus

predigen?«

»Wenn es sich um das eigene Volk handelt, ist es etwas anderes. Da

spricht das Herz deutlich und verlangt, daß wir ihm dienen.«

»Wenn du die Konsequenz dieser Beweisführung ziehst, so mußt du sagen,

daß, da Gott sich in uns offenbart, wir vor allen Dingen uns selbst

dienen müssen, weil unser natürlicher Instinkt dies fordert.«

»Nun höre einmal, Nikhil, dies ist alles nur dürre Logik. Begreifst du

denn nicht, daß es so etwas wie Gefühl gibt?«

»Ich will dir offen sagen, Sandip,« erwiderte mein Gatte, »gerade mein

Gefühl ist verletzt, wenn ihr Ungerechtigkeit zur Pflicht zu machen

sucht, und Gottlosigkeit zum sittlichen Ideal. Wenn ich nicht imstande

bin zu stehlen, so liegt die Ursache nicht in meinen logischen

Fähigkeiten, sondern in einem gewissen Gefühl von Selbstachtung und

Treue gegen meine Ideale.«

Ich kochte innerlich. Zuletzt konnte ich nicht länger schweigen. »Ist

nicht die Geschichte jedes Landes,« rief ich, »sei es nun England,

Frankreich, Deutschland oder Rußland, die Geschichte von Diebstählen,

die für das Vaterland begangen wurden?«

»Sie müssen für diese Diebstähle zahlen; sie müssen schon jetzt dafür

zahlen; ihre Geschichte ist noch nicht zu Ende.«

»Auf jeden Fall,« fiel Sandip Babu ein, »meine ich, wir sollten es

ebenso machen wie sie. Laß uns nur einstweilen die Koffer unsres Landes

mit gestohlenen Schätzen füllen, und dann mögen, wie bei den andern

Ländern, Jahrhunderte darüber hingehen, ehe wir dafür zahlen, wenn es

überhaupt dazu kommt. Denn ich frage dich, wo findest du für diese

›Zahlen‹ ein Beispiel in der Geschichte?«

»Als Rom für seine Sünde zahlte, wußte es niemand. Die ganze Zeit schien

sein Glück unbegrenzt zu sein. Aber siehst du denn nicht das eine: wie

sie unter der Last ihrer politischen Lügen und Verrätereien

zusammenbrechen?«

Ich hatte nie vorher Gelegenheit gehabt, bei einer Diskussion zwischen

meinem Gatten und seinen Freunden zugegen zu sein. Immer, wenn er mit

mir stritt, konnte ich fühlen, wie ungern er mich in die Enge trieb.

Dies kam daher, daß er mich so liebte. Heute sah ich zum erstenmal seine

Fechtkunst im Wortstreite.

Das Heim und die Welt · 第 1 / 17 段