Am 18. 8. 93 abends hat der stellvertretende Gouverneur Kanzler Leist

sich aus dem Gefängnis drei Weiber holen lassen (Kassenverwalter

Hering sagte es mir am selben Abend) und dieselben über Nacht bei sich

behalten -- darunter die schöne Ngombe, Tochter des Ekwe Bell. Am

nächsten Morgen sind die Weiber ins Gefängnis zurückgeschickt worden;

Ngombe wurde mit einem Geschenk von 5 Mk. bedacht...

Am 2. 10. 93. Vergangene Nacht wurde ich durch lauten Lärm im Gefängnis

aus dem Schlafe geweckt (ca. ½12 Uhr nachts). Als die Stimmen immer

lauter wurden ging ich hinaus und sah einen Polizeigehilfen im heftigen

Wortwechsel mit drei andern Schwarzen, von denen einer so angezogen

war, wie die Boys des Kanzlers Leist, die an ihren roten Hüfttüchern

erkenntlich sind. Auf mein Befragen wurde mir mitgeteilt, daß der

„+Governor+“ (+Leist+) +ein Weib aus dem Gefängnis holen

ließe+. Ich legte mich ärgerlich zu Bette, konnte aber wegen des

immer mehr anwachsenden Lärmes innerhalb des Gefängnisses, aus dem

es wie Weibergeheul und scheltende männliche Stimmen ertönte, nicht

einschlafen; ich begab mich daher auf die Veranda, wo ich schon den

Kassenverwalter Hering traf. Beide sahen wir jetzt, +wie ein Weib

unter Sträuben und Schreien von drei Schwarzen in der Richtung zum

Kanzlerhause hinweggeschleppt wurde+. Um ca. 4 Uhr nochmals Lärm im

Gefängnis! Am nächsten Morgen stellte ich mich, als ob ich von nichts

wüßte, fragte einige Schwarze über die Ursache des Getöses in der Nacht

aus und erhielt zur Antwort: The Governor want a woman for usw. Der

Schluß läßt sich denken.“

Soweit das Tagebuch Dr. Vallentins in Auszügen.

Wie wurden nun die Kulturträger bestraft? In der Gerichtssitzung vom 7.

Januar 1896 vor der kaiserlichen Disziplinarkammer wurde festgestellt,

daß die Tötung der drei Gefangenen +keine Amtsverletzung+ sei,

da sie im Kriegszustande erfolgte, dagegen sei die grausame Art der

Ausführung als Amtsverletzung anzusehen. Korvettenkapitän Becker hatte

vor Gericht bekundet, daß in Kamerum +allgemein üblich sei, den

Gefangenen die Köpfe abzuschneiden+. Wenn das nicht geschehe, werde

es von den Eingeborenen als Feigheit bezeichnet.

Die Strafe gegen Wehlau lautete auf +Versetzung in ein anderes Amt

von gleichem Range+, auf eine +Geldstrafe von 500 Mk.+ und

Tragung der Gerichtskosten[293]!

*

Paul Rohrbach, von 1903-1906 Ansiedlungskommissar in Südwestafrika,

stellt in seinem Buche „Deutsche Kolonialwirtschaft“ fest, daß man

Herero, die sich auf die +Zusicherung der Straffreiheit stellten,

niederschoß+. Im Kongostaate herrschte nach dieser Quelle noch

im Jahre 1907 die alte Praxis des +Händeabhackens+, des

+Zusammenschießens+ und +Niederbrennens der Dörfer+ wegen

ungenügender Kautschuklieferung. Und zwar +unter direkter Teilnahme

der weißen Beamten+!

Da solche Fälle in den Kolonien aller Nationen, besonders der

Franzosen, Engländer und Niederländer an der Tagesordnung sind und,

wie die Greuel im Kongostaate, wo ein ausdrückliches Reglement

verordnet, daß die aus der Verbindung eines Weißen mit einer Negerin

entspringenden Kinder „Eigentum“ des Staates sind[294], lehren, noch

heute stattfinden, sind sie von +symptomatischer Bedeutung für die

Art, in der die christlichen Völker Europas ihr Amt, den Eingeborenen

Kultur zu vermitteln, handhaben+. Da hier nur Kulturvölker

Berücksichtigung finden, müssen wir über die Greueltaten der Russen

sogar gegen eigene Landsleute hinweggehen.

Die Grausamkeiten und Plünderungen der verbündeten Nationen im

Chinakriege 1900 sind noch in aller Erinnerung[295].

Sechzehnter Abschnitt

Autoritäten und Fortschritt

Als +Kolumbus+ auf seine die +Kugelgestalt+ der Erde

voraussetzende Entdeckungsfahrt auszog, wurde er für einen Ketzer

erklärt, und die +Kirchenversammlung+ von Salamanka gab ihm

in frommer Gesinnung den +Bannstrahl+ mit auf den Weg. Man

konstatierte, daß die Bücher Mosis, die Psalmen, die Propheten,

die Evangelien, die Epistel und die Schriften der Kirchenväter

Chrysostomus, Augustinus, Hieronymus, Gregorius, Basilius und Ambrosius

dagegen zeugten. Als er zurückkam, ja als Magelhaens 1522 von einer

Reise rund um den Erdball zurückkehrte, ließ man sich aber trotzdem

nicht belehren, daß eben alle diese Schriften von Irrtümern strotzen.

*

Bekanntlich verdanken wir die Neuentdeckung des +heliozentrischen

Sonnensystems+ erst Kopernikus (1473-1543). Im Jahre 1616 wurde

aus Anlaß der Aktion gegen Galilei sein Buch auf den Index librorum

prohibitorum gesetzt, von dem man es erst 1754 entfernte. Erst 1822

gestattete die Indexkongregation den Druck von Büchern, welche die

Bewegung der Erde lehren. Bis dahin drehte sich also für den gläubigen

Katholiken die Sonne noch um die Erde, d. h. erst nach 2100 Jahren

durfte er die Lehre Aristarchs annehmen!

Luther verwarf die gewaltige Tat des Kopernikus als Narrheit, und

zwar aus einem zwingenden Grunde: weil in der Bibel Josua die Sonne

stillestehen läßt und nicht die Erde!

Das +1. und 2. Keplersche Gesetz+ wurde (1609 und 1618) von

der Kongregation des Index expurgatorius verboten, weil beide dem

Kopernikanischen System als Stütze dienten, und weil man es nicht für

passend fand, irgendein Gesetz anzuerkennen, das mit Gottes freiem

Willen im Widerspruch stand. Die Macht der Geistlichkeit, die auf

diesen freien Willen Einfluß ausübte, gutes Wetter oder Regen machte

etc., wurde dadurch eingeschränkt. Das Geschäft durfte aber unter

keinen Umständen verdorben werden[296].

*

Da +Giordano Bruno+ unter anderem behauptet hatte, es gebe +mehrere

Welten+, wurde er am 16. Februar 1600 in Rom +verbrannt+. Natürlich war

die Kirche daran, wie an allen Hexenverbrennungen, völlig unschuldig,

hatte sie ihn doch mit der stehenden Formel der weltlichen Behörde

überliefert „so barmherzig als möglich zu sein und ohne Blutvergießen

zu bestrafen“[297].

Für die Dreistigkeit +Galileis+, eine Wahrheit entdeckt zu haben, wurde

er trotz seines Widerrufes vom römischen Inquisitionsgericht durch 3

Jahre Kerker bestraft. Ferner mußte er an einem ihm angewiesenen Orte

leben, und die Beisetzung in geweihter Erde wurde ihm versagt. Mag er

dadurch die kirchliche Unsterblichkeit verloren haben, so kann er doch

mit der andern ganz zufrieden sein[298].

*

Die Kirche war eine heftige Feindin der +Experimentalphysik+ und

das nicht ohne Grund. Die Physiker konnten durch ihre teilweise

verblüffenden Experimente den bisher allein von der Geistlichkeit

geübten „Wundern“ erfolgreich Konkurrenz machen oder doch ihnen das

Geschäft verderben, und das mußte natürlich verhütet werden. Sogar bis

auf die Tiere erstreckte sich dieser Brotneid. Als jemand seinem Pferde

einige Kunststücke beigebracht hatte, wurde es 1601 in Lissabon vor

Gericht gestellt und, weil vom Teufel besessen, +verbrannt+[299].

*

Als 1752 die kgl. Gesellschaft in England den +Gregorianischen

Kalender+ einführte, natürlich gegen eine heftige Opposition von

kirchlicher Seite, wurden einige Mitglieder der Gesellschaft vom

aufgehetzten Pöbel in den Straßen Londons verfolgt, +weil sie ihnen 11

Tage ihres Lebens geraubt haben sollten+[300]!

*

Auch im 19. Jahrhundert ließ sich die Geistlichkeit nicht lumpen, so

wenig wie in der Gegenwart. Als in Amerika +Anästhetika+ bei Geburten

angewandt wurden, um den Frauen die Schmerzen zu erleichtern, trat die

Geistlichkeit mit Heftigkeit dagegen auf. Der Grund war, daß -- Moses

im 1. Buche 3, 16 erzählt, Gott habe zum Weibe gesprochen: „Ich will

dir viele Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit

Schmerzen Kinder gebären..[301]“.

*

Die Schutzpockenimpfung wurde keineswegs durch einen Arzt in die

europäische Medizin eingeführt, sondern durch Lady Wortley Montague,

die als Gattin des britischen Gesandten in Konstantinopel in den

Jahren 1716-1719 die von Indern und Orientalen schon längst geübte

Schutzimpfung von Menschenblattern gegen die Pocken kennen lernte.

Sie verschaffte dieser wichtigen, wenn damals auch noch keineswegs

ungefährlichen und von ärztlicher Seite natürlich hart angegriffenen

Neuerung -- wo hätte je eine Zunft von außen kommende Anregungen

freudig aufgenommen? -- in England Verbreitung. Die +Geistlichkeit

aber sträubte sich dagegen+, da sie in Krankheiten wie auch in

Erdbeben eine unabwendbare Heimsuchung Gottes gegen die Menschheit

um ihrer Sünden willen sah. Die Geistlichkeit ist eben in gewissen

Eigenschaften auf der ganzen Erde sich gleich. Vor dieser Gemeinsamkeit

tritt die Differenz der Religion und Konfession zurück. Auch die

Impfung mit Kuhpockenlymphe ist nicht von einem Arzte entdeckt

worden. Jenner lernte sie vielmehr von +Laien+. Seit dem Jahre

1761 hatte der Pächter Jensen und Schullehrer Plett sie bereits in

Holstein angewandt. Diesmal bemächtigte sich aber die Wissenschaft der

Errungenschaft relativ schnell. Denn schon 38 Jahre(!) später, im Jahre

1799, wurden die ersten Impfungen von deutschen Ärzten in Hannover

vorgenommen, und zwar unter englischem Einfluß[302].

*

In der Gegenwart wüten Katholizismus und orthodoxer Protestantismus aus

gleich triftigen Gründen +gegen die Entwicklungslehre, Darwinismus

und Lamarckismus+. Es gab eben noch nirgend einen Fortschritt oder

eine neuentdeckte Wahrheit, die nicht von Kirche und Geistlichkeit

bekämpft worden wäre. Die Angst dieser Faktoren vor Wahrheit und Wissen

wird köstlich illustriert durch die von der theologischen Fakultät

zu Paris aufgeworfene Frage, +was aus der Religion werden solle,

wenn das Studium der griechischen und hebräischen Sprache erlaubt

sei+[303]. Also nicht nur im Buche der Natur zu blättern ist für

die Gottesstreiter gefährlich, sogar die Nachprüfung der Quellen, aus

denen sie ihre Existenzberechtigung herleiten wird -- nicht ohne Grund

-- von ihnen gefürchtet! Chamberlain nennt die +Bibel+ sogar das

+einzige für Rom wirklich gefährliche Buch+!

*

Als Professor Friedrich Delitzsch 1901 und 1902 seine so

außerordentliches Aufsehen erregenden Vorträge über Babel und Bibel

hielt, konnte man sich um etliche Jahrhunderte zurückversetzt glauben.

Delitzsch hatte darauf hingewiesen, daß dem Bibelstudium durch die

Ausgrabungen von Keilinschriften reiche Förderung in historischer und

realer Hinsicht zuteil würde: die Namen von Örtlichkeiten, historische

Personen treten in helleres Licht. Es zeige sich, daß Kanaan eine

Kulturprovinz Babyloniens sei, das dorthin Handel und Recht und Sitte

und Wissenschaft verpflanzt habe. Der +Sabbat sei babylonisch+,

desgleichen eine ganze Reihe biblischer Erzählungen, wie die von der

+Sintflut, Schöpfung, Sündenfall, Paradies, Leben nach dem Tode,

Engeln+ und +Dämonen, letzten Endes sogar der Monotheismus+.

Dieser bestand bekanntlich bei den Israeliten ursprünglich durchaus

nicht in der Form, wie sie offiziell heute gelehrt wird, und trotz

„Dreieinigkeit“ und Teufel angeblich bei uns besteht, sondern in der

des Henotheismus, daß eben der Judengott stärker und mächtiger war, als

die der benachbarten Völkerschaften[304].

Diese Vorträge riefen bei sehr vielen einen Sturm der Entrüstung

hervor, und es wurde im Ernste von „orthodoxer“ Seite der

leidenschaftliche Versuch gemacht, um der Heiligkeit des Glaubens

willen die Sonderstellung Israels und seine besondere göttliche Mission

zu verteidigen, d. h. sich mit Entschiedenheit gegen die Assyriologie,

als eine exakte und historische Wissenschaft zu wehren, bzw. ihre

Resultate ungeprüft oder mit Scheingründen abzulehnen. Das mußten

sie tun zur +Beruhigung der Gemeinde+[305]! Es gibt also noch

in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts weite Volksschichten,

die sich beunruhigt fühlen, wenn man den Nachweis erbringt, daß die

Juden, dieses Parasitenvolk, das während seiner ganzen selbständigen

Geschichte weder auf politischem noch auf kulturellem Gebiete

Nennenswertes geleistet hat, Schüler der weit bedeutenderen Babylonier

sind[306]! Die im Ernst glauben, Zustände, die im halbbarbarischen

Vorderasien vor 2½ Jahrtausenden herrschten, auf die Gegenwart

übertragen zu können, ja letztere an ersteren zu messen! Und das

alles, weil sie glauben oder zu glauben vorgeben, der liebe Gott habe

seinen auserwählten Juden die Bibel wörtlich in die Feder diktiert!

Tatsächlich steht es bei Kollisionen zwischen historischen oder

naturwissenschaftlichen Ergebnissen mit der Bibel für viele fest, daß

erstere irren, wie es ja auch noch heute Leute geben soll, die an den

Stillstand der Sonne auf Josuas Befehl glauben. +Also heute noch

lassen sich Deutsche in ihrem Denken und Handeln von Anschauungen eines

kleinen, einst in fremdem Erdteil wohnenden Volkes beeinflussen, das

kulturell etwa auf der Stufe stand, die unsere Vorfahren unter den

fränkischen Kaisern einnahmen!+

*

Um das Jahr 1600 wurde ein Webstuhl erfunden, der sogenannte

„Mühlstuhl“, der auf einem Räderwerk und mechanischem Antrieb beruhte,

eine wesentliche Erleichterung der bisherigen Fabrikationsweise. Da

die Arbeiterschaft über Konkurrenz schrie, verfaßte die kaiserliche

Kanzlei in den Jahren 1681, 1685 und 1719 immer neue Verordnungen,

die die Anwendung des Mühlstuhls in der deutschen Industrie

+verboten+. Zuerst wurde er in Sachsen zugelassen und sogar durch

Prämien unterstützt, als es galt, die schweren Wunden zu heilen, die

der Siebenjährige Krieg geschlagen hatte. +Also über anderthalb

Jahrhunderte hatten die Behörden sich dem Gebrauche einer wichtigen

Erfindung widersetzt+[307]!

*

Im Jahre 1306 war in England das Verbrennen der Steinkohle von König

Eduard I. verboten worden wegen des Rauches und des üblen Geruches[308].

*

Als J. von Baader, der Veteran des Eisenbahnbaues, sich im Jahre 1831

an die Ständekammer wandte mit der Bitte um Unterstützung, beschloß

sie zwar in einer noblen Anwandlung „das Anerbieten J. v. Baaders

zur Einführung einer neuerfundenen Bauart von Eisenbahnen und zum

Nachweis des Reellen seiner Erfindung durch Versuche im großen in

der Art anzunehmen, daß ihm aus Staatsmitteln 3000 Gulden gegeben

würden, die er sofort wieder +zurückersetzen müsse+, wenn seine

Versuche den gemachten Zusicherungen nicht entsprächen“, die Kammer

der Reichsräte verweigerte aber ihre Zustimmung! Zwei Jahre später, am

10. Juli 1833, wurde endlich der Beweis erbracht, daß die Regierung

-- wenn schon nicht die Kammern -- die außerordentliche Tragweite des

Projektes mit weitem Blick erkannt hatte und demnach in großherziger

Weise unterstützte. Die Ministerialentschließung lautet: „Die k.

Regierung in Ansbach wird ermächtigt, für den Fall der Realisierung

der Anlage einer Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth durch Bildung

einer Aktiengesellschaft 2 -- +zwei+ -- +Aktien+ au porteur

auf Rechnung des Zentralindustriefonds zu erwerben, um hierdurch

die +lebhafte Teilnahme der Staatsregierung+ an dem wichtigen

Unternehmen zu bewähren.“ Der Preis der Aktie betrug +100 Gulden, von

denen 10% angezahlt wurden. Es war nötig, den König um Unterstützung

anzugehen+, sonst wären die restierenden 180 Gulden noch nicht

am 25. November 1835 bezahlt worden! Das war die von der Regierung

der ersten deutschen Eisenbahn gewährte Unterstützung! Bedenkt man

allerdings, daß es damals Leute gab, die die +Eisenbahn als eine

Teufelserfindung verabscheuten+ und es als eine +Versuchung Gottes

erklärten+, mit Dampf statt mit Pferden und anderen Tieren zu

fahren, die dazu vom Schöpfer dem Menschen gegeben seien, dann kann man

der Regierungsspende von 200 Gulden eine gewisse Großartigkeit nicht

absprechen[309].

*

1806 behauptete das Mitglied des Instituts, Mercier, in einem Werke,

+daß die Erde sich nicht bewege+. Er werde nie zugeben, daß

sie sich „wie ein Kapaun am Bratspieß“ drehe. Bereits die Schule

des Pythagoras hatte die tägliche Bewegung der Erde gelehrt. Weder

Platon noch Aristoteles gaben das zu, und der große Geograph Ptolemäus

bezeichnet die Hypothese als Narretei und „völlig lächerlich[310]“. Das

hl. Offizium hatte s. Z. Galilei gegenüber diese Lehre für „töricht

und absurd vom philosophischen Standpunkt und für teilweise formell

ketzerisch“ erklärt.

*

Als am 11. März 1878 in der Académie des Sciences der Physiker Du

Moucel den versammelten Gelehrten den +Phonographen Edisons+

vorführte, sprang der Akademiker Monsieur Bouillaud, durchdrungen von

klassischer Bildung voll edler Empörung über die Frechheit des Neuerers

dem Vertreter Edisons an die Kehle und schrie: „Sie Schuft! Glauben

Sie, wir lassen uns von einem +Bauchredner+ zum Besten halten?!“

Am 30. September des gleichen Jahres gab Bouillaud nach eingehender

Prüfung des Apparates die Erklärung ab, er sei überzeugt, daß es sich

nur um eine +geschickte Bauchrednerei+ handle. „Man könne doch

unmöglich annehmen, daß ein schäbiges Metall den edlen Klang der

menschlichen Stimme wiedergeben könne.“

*

Als Lavoisier die +Luft+ in ihre Bestandteile zerlegte und

entdeckte, daß sie vornehmlich aus den zwei Gasen Sauerstoff und

Stickstoff bestehe, also +kein Element+ sei, rief diese Entdeckung

einen +Sturm der Entrüstung+ hervor. Der Chemiker Baumé, Erfinder

des Aräometers und Mitglied der Académie des Sciences, wetterte

dagegen: „Die Elemente oder Grundbestandteile der Körper sind von

den Physikern aller Jahrhunderte und aller Nationen anerkannt und

festgestellt worden. Es ist nicht zulässig, daß die seit 2000 Jahren

anerkannten Elemente jetzt heute in die Kategorie der zusammengesetzten

Substanzen eingereiht würden. Man darf das Verfahren, Luft und Wasser

in seine Bestandteile zu zerlegen, ruhig als unsicher hinstellen; ganz

absurdes Geschwätz, um nicht noch mehr zu sagen, ist es aber, die

Existenz von Feuer und Erde als Elemente zu leugnen. Die den Elementen

zugeschriebenen Eigenschaften stimmen mit den bis heute erreichten

chemischen und physischen Kenntnissen überein; sie haben als Basis für

eine Unmenge Entdeckungen und Theorien gedient, eine glänzender als die

andere, und man würde diesen Lehren alle Glaubwürdigkeit nehmen, wenn

Feuer, Wasser, Luft und Erde nicht mehr als Elemente gelten sollten.“

*

Auf einen genau beobachteten +Meteorfall+, bei dem man das

Aufleuchten gesehen, den Knall gehört, den fallenden Meteor bemerkt

und ihn noch ganz glühend aufgefunden und der Akademie zur Prüfung

übersandt hatte, schrieb der berühmte +Lavoisier+ einen sehr

gelehrten Bericht an diese, indem er die +Unmöglichkeit nachwies, daß

Steine vom Himmel fallen+.

Gassendi, einer der selbständigsten und unterrichtetsten Geister des

17. Jahrhunderts, sieht 1627 mit eigenen Augen am hellen Tage einen

Meteor aus der Luft fallen, untersucht den 30 kg schweren Stein und

führt das Phänomen auf ein unbekanntes Erdbeben zurück.

*

Vor wenigen Jahren sprach Verfasser, der selbst diesen und anderen

Fragen völlig neutral gegenüber steht, mit einem berühmten Professor

der Physik über okkulte Phänomene. Von der Ansicht ausgehend, daß man

nicht Beobachtungen und Tatsachen an Theorien, sondern diese an jenen

prüfen müsse und daß jede Theorie täglich neuen Prüfungen standzuhalten

habe, legte er ihm nahe, der Sache nachzugehen. Er erhielt die

Antwort, daß ihm das zu gefährlich sei, denn +wenn er sich von

ihrer Richtigkeit überzeuge, würde er seinen Ruf bei den Fachgenossen

einbüßen+!

Die Beobachtung des großen Physikers +Galvani+, die er 1791

an Froschschenkeln machte und in deren Verfolgung er den nach ihm

benannten Strom entdeckte, wurde -- von einigen wenigen abgesehen --

allgemein +mit ungeheurem Gelächter aufgenommen+. Er schrieb 1792

darüber: „Ich werde von zwei verschiedenen Parteien angegriffen, von

den Weisen und von den Dummen. Den einen wie den andern bin ich ein

Spott, und man nennt mich den Tanzmeister der Frösche. Trotzdem weiß

ich, daß ich eine neue Naturkraft entdeckt habe.“

*

+Harvey, der Entdecker des Blutkreislaufes+, wurde von Guy-Patin

und der gesamten Fakultät mit +beißendem Sarkasmus gequält+.

*

Ignaz +Semmelweis+ (1818-1865), der +Entdecker+ des infektiösen

Charakters des +Kindbettfiebers+, auf dessen Anordnungen hin die

Sterblichkeit an dieser Krankheit in der Wiener geburtshilflichen

Klinik auf ein Viertel sank, wurde von den +Fachgenossen+ solcher

Widerstand entgegengesetzt, daß er sich völlig aufrieb und im

+Irrenhause endete+.

*

Als Fulton 1804 dem großen +Napoleon+ den Vorschlag machte, zum

Kriege gegen England eine Dampfschiffflotte zu bauen, ließ Napoleon das

Projekt durch das Nationalinstitut zu Paris prüfen. Er schrieb unterm

21. Juli des Jahres an den Minister de Champagny: „Sie haben mich viel

zu spät darauf aufmerksam gemacht, +da dieses Projekt imstande ist,

das Aussehen der Welt zu verändern+... Eine großartige Wahrheit,

eine tatsächliche, handgreifliche Wahrheit steht vor meinen Augen.

Sache der betreffenden Herren (der Kommission) wird es sein, dieselbe

zu sehen und sich zu bemühen, sie zu erfassen. Sobald Bericht darüber

erstattet ist und Ihnen zugegangen sein wird, ist er mir zu übersenden.

Sorgen Sie dafür, daß diese Sache in höchstens acht Tagen erledigt ist,

denn ich bin ungeduldig“.

Noch 1816 wurde das Gesuch des Marquis de Joffroy, der bereits 1776

einschlägige Versuche veranstaltet hatte, vom +Pariser Patentamt+

und dessen Leiter Colonne +mit Rücksicht auf den geringen Wert der

Erfindung abgelehnt+[311]!

*

Philippe Lebon, der Erfinder der +Gasbeleuchtung+ (1797) konnte

die Welt nicht davon überzeugen, daß eine +Lampe ohne Docht brennen

könne+. Erst 14 Jahre nach seinem 1804 erfolgten Tode wurde seine

Erfindung in Paris eingeführt, während Birmingham schon 1805 mit der

Gasbeleuchtung vorangegangen war.

*

Als die ersten Proben mit der Eisenbahn gemacht wurden, wiesen die

Ingenieure nach, daß die +Lokomotiven unmöglich von der Stelle kommen

könnten+ und daß ihre Räder sich immer nur um sich selbst drehen

würden. Arago erklärte in der französischen Deputiertenkammer 1838,

daß die Transportkosten in Frankreich, die sich z. Z. auf 2803000

Frs. beliefen, nach Ausbau des Bahnnetzes auf 1052000 Frs. vermindern

würden, so daß das +Land jährlich zwei Drittel der Einnahmen aus den

Transportkosten verlieren würde+.

Thiers meinte: „Ich gebe ja zu, daß die Eisenbahnen die Beförderung

von Reisenden etwas erleichtern werden, wenn der Gebrauch +auf

einige ganz kurze Linien in der Nähe großer Städte+, wie Paris,

+beschränkt bleibt+. Man braucht keine weiten Strecken.“

Das kgl. bayerische Medizinalkollegium erklärte, daß der +Bau der

Eisenbahnen ein großes Verbrechen gegen die öffentliche Gesundheit

wäre+, denn eine so schnelle Bewegung würde bei den Reisenden

Gehirnerschütterung, bei den Zuschauern aber Schwindelanfälle erzeugen.

Das Kollegium empfahl daher dringend, an +beiden Seiten der Schienen

Scheidewände in der Höhe der Wagen aufzurichten+[312].

Die bayerische oberste Baubehörde aber konstatierte die Unmöglichkeit

für Züge, auf einem Damme zu fahren. Es müßten unbedingt +Mauern+

zur Unterlage für die Schienen errichtet werden[313].

*

Als 1853 der Vorschlag gemacht wurde, ein +Unterseekabel+ von

Europa nach Amerika zu legen, schrieb Babinet, einer der größten

Autoritäten in der Physik und Examinator an der Polytechnischen

Schule zu Paris, in der Revue des Deux Mondes: „Ich kann diese

Pläne nicht ernsthaft nehmen; die Theorie des elektrischen Stromes

zeigt unwiderlegbar deutlich die +Unmöglichkeit einer solchen

Übertragung+, selbst wenn man nicht mit dem Strom rechnet, der sich

von selbst auf einer so langen elektrischen Strecke bildet und sich

schon auf der kurzen Reise von Dover nach Calais fühlbar macht. Das

einzige Mittel, die Alte und die Neue Welt zu verbinden, ist, die

Beringstraße zu passieren, vorbei an den Faröerinseln, Island, Grönland

und Labrador.“

*

Unterm 13. Juli 1873 wurde die +Aufnahme Darwins in die Akadémie des

Sciences abgeschlagen+ und dafür ein Herr Loven gewählt.

*

Kultur-Kuriosa, Erster Band · 第 16 / 18 段