Protestantismus, bei dem die mittelalterliche Borniertheit auf diesem
Gebiete etwas früher wich -- wie stolz kann das Christentum sein, daß
es rund vier Jahrhunderte dem Gott der Liebe Unschuldige verbrannte! --
wo er die Möglichkeit dazu besitzt im gottgefälligen Wirken fortfährt,
erhellt aus folgendem: Im Jahre 1860 wurde eine Frau zu Camargo in
Mexiko lebendig verbrannt. Eine Frau mit ihrem Sohne bestieg 1874 zu
St. Juan de Jacobo im Mexikanischen Staate Sinalva den Scheiterhaufen,
und noch im Jahre 1888 soll eine Frau nach mehrmaliger Geißelung auf
dem Marktplatz einer Stadt in Peru als Hexe ihr Leben haben lassen
müssen. Ja, ja, die Religion der Liebe[278]!
*
Heute ist die Aufklärung so unheimlich groß, daß die offizielle
Wissenschaft die sogenannten okkulten Phänomene nicht nur ablehnt,
sondern +noch nicht einmal prüft+! Geister wie Schiaparelli,
Forel, Flammarion, Lombroso, Crookes, Wallace, Richet u. a. m. werden
zwar nicht verbrannt, im übrigen sogar als Ehrenmänner behandelt, aber
+man hält ihre Beobachtungen keiner Widerlegung für wert+. Dogma
und ungeprüfte offizielle Weisheit haben eben immer geherrscht und
herrschen heute noch. Freie Geister, die nicht Tatsachen an Theorien,
sondern Theorien an Tatsachen prüfen, waren immer Outsider. Die
ungeheure Masse der Nachbeter kann wirklich nichts dafür, ob das Dogma,
das sie verficht, klug oder dumm, richtig oder falsch ist. Immer sind
es einige Leithämmel, denen alle anderen nachlaufen. Wie dankenswert
wäre eine Kulturgeschichte, die einmal nicht das herausstreicht, was
die Menschheit den „Autoritäten“ verdankt, sondern nachweist, wie
sie -- nach kurzer Förderung -- auf lange hinaus +den Fortschritt
hemmten+!
Vierzehnter Abschnitt
Reliquien
Seit den ersten Jahrhunderten des Christentums erfreuten sich die
Reliquien der Heiligen überall der größten Beliebtheit. Das ging
so weit, daß Leute auf eigene Faust oder im Auftrage eines fremden
Bischofs die Kirchhöfe durchwühlten, um sich dann mit den Gebeinen der
Märtyrer davon zu machen. Eines Tages entdeckten die bestürzten Römer
griechische Männer, die neben der Basilika St. Pauls Knochen gruben.
Da diese Reliquien neben der ihnen beigelegten schützenden Wirkung
auch das Gute hatten, Pilger aus allen Teilen der Erde anzuziehen, so
wurden sie von den Römern wie ihre Augäpfel gehütet. Gregor der Große
(590-604) schrieb der Kaiserin Constantia auf ihre Bitte um ein Stück
vom Leibe des hl. Paulus einen Brief voll verhaltener Entrüstung. Die
heiligen Leiber zu berühren sei ein todeswürdiges Verbrechen, aber es
genüge bereits ein Stück Tuch, das das Apostelgrab bedeckt hatte, in
eine Büchse gelegt, um Wunderwirkung zu erzielen, ebenso Feilspäne
von den Ketten Petri, die bereits im 6. Jahrhundert vom Papste als
höchstes, der späteren goldenen Rose gleich geachtetes Geschenk
verliehen wurden[279].
*
Astolf, König der Langobarden, belagerte 755 Rom. Zwar plünderten
seine Truppen alle Kirchen und Klöster außerhalb der Stadt, die in
ihrem Machtbereich lagen, mißhandelten auch die Mönche und Nonnen,
verspotteten Heiliges und verbrannten Heiligenbilder, das hinderte
sie aber nicht, zu gleicher Zeit +die Kirchhöfe der Märtyrer zu
durchwühlen+, um sich mit ihren Gebeinen zu beladen. Damals wurden
die bisher unversehrten +Katakomben zerstört+ und die Knochen der
Blutzeugen in +Wagenladungen+ nach der Lombardei geschafft[280].
Im Jahre 1672 wurden aus 3 Katakomben nicht weniger als 428 Leiber
entfernt, um als Geschenk oder um Geld in die katholische Welt zu gehen.
Ein Jahrhundert später blühte der Reliquienhandel Roms üppig. Der
Pilger kaufte dort Reliquien, Knochen aus den Katakomben, wie
der moderne Reisende Kunstgegenstände und Photographien erwirbt.
Infolgedessen +überstieg+ die Nachfrage das Angebot und +Tote
wurden gefälscht+[281].
*
Im Jahre 1635 edierte Bonfante seinen Triumpho de los Sanctos des Reyno
de Cerdeña, eine Sammlung der ältesten Inschriften Sardiniens. Da er
aus Irrtum die Siglen B. M., Bene Merens, für Beatus Martyr erklärte,
+schuf er mit einem Schlage mehr als 300 Heilige+. Der Ruf dieses
Schatzes wurde laut, die Stadt Piacenza bewarb sich um einen Teil davon
und die großmütigen Sarden schenkten ihr 20 „Märtyrer“, die jubelnd
entgegen genommen wurden.
*
Als der hl. Romwald einst Italien zu verlassen drohte, beabsichtigte
man, ihm Mörder nachzuschicken, +um ihn wenigstens als kostbare
Reliquie im Lande zu behalten+[282]!
Der hl. Dionysius existiert in zwei vollständigen Exemplaren zu St.
Denis und in St. Emmeran in Regensburg, ferner rühmen sich Prag und
Bamberg des Besitzes seines Kopfes. Er besaß also zwei vollständige
Körper und vier Köpfe[283].
Im Reliquienschatz der gesamten katholischen Welt befinden sich:
1. Vom hl. Andreas: 5 Körper, 6 Köpfe, 17 Arme, Beine und Hände.
2. Von der hl. Anna: 2 Körper, 8 Köpfe, 6 Arme.
3. Vom hl. Antonius: 4 Körper und 1 Kopf.
4. Vom hl. Blasius: 1 Körper und 5 Köpfe.
5. Vom hl. Lukas: 8 Körper und 9 Köpfe.
6. Vom hl. Sebastian: 4 Körper, 5 Köpfe und 13 Arme. Diesen allen
weit über sind die hl. Georg und Pankraz mit je 30 +Körpern+.
+Nach so langer Zeit!+ Wie viele müssen sie erst bei Lebzeiten
gehabt haben[284]!
*
In Aachen wird heute noch alle sieben Jahre das +Hemd+ der
allerseligsten Jungfrau und Gottesgebärerin Maria ausgestellt,
desgleichen die +Windeln+ Christi!
*
Das Kloster Macon rühmte sich des Besitzes der Haut des hl. Dorotheus.
Die frommen Nonnen stopften die Haut mit Baumwolle aus und stellten
den Heiligen her, als ob er lebte. Da sie aber damit Unfug trieben,
schenkte die Äbtissin die Reliquie, in Unkenntnis ihres Wertes,
den Jesuiten. Diese stifteten ihr zu Ehren die +Brüderschaft vom
hl. Leder+: wodurch sie +viel Geld verdienten+. Die Nonnen
erfuhren das und klagten beim Papst auf Rückgabe des Heiligtums,
das ihnen auch zugesprochen wurde. Aber die Jesuiten hatten die
Reliquie in unverantwortlicher Weise +verstümmelt+. Darob große
Entrüstung und abermalige Reklamation beim Papst auf +Rückgabe des
fehlenden Teiles+. Da dieser aber den Mangel, wenigstens für ein
Nonnenkloster, nicht für erheblich hielt, mußten sich die Nonnen als
Ersatz mit +zwei geweihten Muskatnüssen+ begnügen[285].
*
Der umbilicus (die Nabelschnur) und 13 praeputia Christi gehörten und
gehören zum Teil noch zum Reliquienschatz der Kirche. Eine dieser
hochheiligen Vorhäute wird noch heute in Charroux verehrt und gilt dem
Landvolk als „der heilige Präziputius“. Im 17. und 18. Jahrhundert
pilgerten besonders schwangere Frauen dorthin, um sich mit ihr segnen
zu lassen[286]. Eine andere erquickt noch heute die frommen Pilger in
Calcata, unfern Rom[287].
Dieses hochheilige Präputium hat eine große und glorreiche Geschichte.
Zunächst galt es, das der Verehrung entgegenstehende Dogma von der
unversehrten Auferstehung zu beseitigen. Das war aber gar nicht so
einfach.[288]
Da Christus „in voller Integrität“ auferstanden war, wurde von einigen
Theologen konstatiert, daß das Präputium zur Integrität des Juden
nicht erforderlich sei. Ferner ist Christus nur insofern „ganz“
auferstanden, als dieses „ganz“ zum „Sein“ und „Schönsein“ gehört,
aber „ohne“ findet es der Jude entschieden schöner. Eine andere Schule
-- diese für das Seelenheil so hochwichtige Frage hat natürlich eine
Menge von Schulmeinungen hervorgerufen -- unter Führung des Jesuiten
Raynaldus lehrt, daß Christus doch „mit“ auferstanden sei, trotzdem
sei aber die Reliquie echt, denn er schuf sie aus einer beliebigen
Materie. Mit kaum zu überbietender Poesie spricht der Jesuit Salmeron
in seinem Evangelienkommentar (Köln 1602) von diesem Körperteil als dem
„fleischenen +Verlobungsring+“ für seine Braut, die Kirche. Und
der Bischof Rocca hat für die Vielheit dieser hochheiligen Reliquie die
höchst plausible Erklärung, daß Gott in seiner Allmacht bewirkt habe,
daß +dasselbe+ Präputium +zu gleicher Zeit an verschiedenen
Orten gezeigt werden könne+!!
Diese Schwierigkeit war also zu aller Zufriedenheit aus der Welt
geschafft. Aber nur ein seichter Fant wäre über die andere,
weit wichtigere Frage, die gebieterisch Beantwortung heischt,
hinweggeglitten: +Hat Christus in der Eucharistie ein Präputium
oder nicht+[289]? Da Christus zu Lebzeiten das hl. Abendmahl
einsetzte, damals aber als Jude „ohne“ war, so muß logischerweise auch
in der Hostie dieser zwar nicht umfangreiche, aber desto wichtigere
Körperteil fehlen. Da aber nach der Auferstehung der verklärte Leib
wieder komplett war, hätte er auch in der Hostie es sein können.
Eine unendlich verwickelte Frage, über deren Beantwortung sich die
verschiedenen Schulen nicht einigen konnten.
Noch ein Gewissenszweifel ist zu beseitigen: Ist die Gottheit mit dem
hier auf Erden zurückgebliebenen Präputium noch vereinigt? Muß es
infolgedessen „+angebetet+“ oder braucht es nur „+verehrt+“
zu werden? Auch hierüber konnte man keine rechte Harmonie erzielen,
doch Bischof Rocca, Sakristan Sr. Heiligkeit, entschied sich dahin,
daß das Präputium nach der vierten Modus der Latreia +angebetet
würde+, der es den Haaren und Kleidern Christi gleich setzt,
insofern es ein Körperteil ist, der ihm einst angehörte.
Endlich war noch das Problem zu lösen, was +nach dem Weltuntergang
aus der kostbaren Reliquie würde+. Die verbreitetste Lehrmeinung
entschied dahin, daß es den +Weltuntergang überdauern+ und an
irgend einem Ort des Himmels in saecula saeculorum aufbewahrt würde.
Das in der Sancta Sanctorum Kapelle aufbewahrte Präputium verschwand
zwischen April 1903 und Sommer 1905.
*
Der hl. Camillus de Lellis wurde am 25. Mai 1550 in den Abruzzen
geboren. Seine Mutter war damals bereits 59 Jahre alt. Mit 19 Jahren
wurde Camillus Soldat in venezianischen Diensten, war aber dank seiner
Streit- und Spielsucht und seines Ungehorsams kein Muster eines
solchen. Mit 25 Jahren trat er in den Kapuzinerorden ein und erwarb
sich durch charitative Werke große Verdienste.
Das ist alles in der Ordnung, und wir hätten keinen Grund, vom Heiligen
Notiz zu nehmen, hätte er nicht auch +Wunder gewirkt+, „die
hinreichend verbürgt scheinen.“ So bewirkte er, daß das Weinfäßchen
einer Frau, die täglich eine Flasche Wein in das Kloster des Camillus
sandte, nie leer wurde. Sein Leichnam blieb auch nach seinem Tode
„frisch und biegsam“ und zwar 10 Jahre lang, denn als „der Arzt bei
Erhebung des Leibes einen Schnitt in die Brust machte, floß aus der
Wunde eine Flüssigkeit von außerordentlichem +Wohlgeruch+. Während
der 6 Tage, an denen der Leib des Heiligen ausgesetzt war, ergoß sich
eine Art Öl.“ Auch jetzt wirkte er noch Wunder, ja, jetzt hatte er
damit besonders schöne Erfolge.
Als eine Römerin, die an einem besonders großem, eiterigen Kropf
litt, sich Mörtel aus des Heiligen Zimmer zugleich mit einem Bilde
des Camillus auf den Kropf legte und darüber das Zeichen des Kreuzes
machte, trat die Wirkung gleich ein. „Kaum war dies geschehen, so
verschwand der Schmerz. Die Frau war vollkommen geheilt.“ Dieser Mörtel
hat überhaupt eine erstaunliche Kraft. Er heilte auch eine Frau, die
dem Tode nahe war, als ihr ein Priester etwas davon in einem Löffel
Suppe einflößte. Ein Mädchen, das an einem Nasenpolypen nebst Fieber,
Krämpfen und kaltem Brand litt, wurde durch zwei Fäden aus dem Hemd des
Heiligen kuriert.
An der Authentizität dieser Angaben ist jeder Zweifel unmöglich, da
Athanasius Zimmermann S. J. in einer 1897 bei Herder in Freiburg
erschienenen Schrift über Camillus de Lellis gehandelt hat. Und was
gedruckt ist, ist doch bekanntlich wahr!
*
Das „+Agnus Dei+“ ist ein kleines Medaillon aus weißem Wachs, +noch
heute+ von den Zisterziensermönchen des hl. Kreuzes zu Jerusalem aus
dem Wachs der Osterkerzen der Sixtinischen Kapelle und der anderen
römischen Kirchen angefertigt. Dieses ovale Gebilde trägt auf einer
Seite das Sinnbild des Osterlammes mit der Aufschrift: „Ecce Agnus
Dei qui tollit peccata mundi“, das Wappen und den Namen des Papstes,
der sie mit dem hl. Chrisam geweiht und gesegnet hat, auf der andern
Seite das Bildnis der hl. Jungfrau oder eines Heiligen. Die Weihe der
Agnus, die die Kirche zu den +Sakramentalien+ zählt, findet im ersten
Jahre jedes Pontifikats statt, ferner regelmäßig alle sieben Jahre,
außerdem wenn der Papst es mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der
Gläubigen für angebracht hält. Die Päpste Urban V., Paul II., Julius
III., Sixtus V. und Benedikt XIV. erkennen den Agnus für alle jene,
welche sie mit Andacht und Vertrauen gebrauchen, folgende Eigenschaften
zu: „Sie löschen die läßlichen Sünden aus und tilgen den Fleck, den
die im Bußsakrament bereits vergebene Sünde zurückläßt. Sie schlagen
die bösen Geister in die Flucht, befreien von ihren Versuchungen und
bewahren vor der ewigen Verdammnis. Sie behüten vor plötzlichem und
unvorhergesehenem Tod. Sie verhindern die schreckhaften Einflüsse der
Phantome und beschwichtigen das von bösen Geistern hervorgerufene
Entsetzen. Sie verleihen göttlichen Schutz gegen Feindschaft, sichern
vor Unglück und Verderben, verleihen Wohlstand. Sie beschützen im Kampf
und verhelfen zum Sieg. Sie machen Gifte unschädlich und bewahren
vor den Schlingen des Feindes. Sie sind ausgezeichnete Schutzmittel
gegen Krankheiten und auch ein wirksames Heilmittel. Sie bekämpfen die
Epilepsie. Sie verhindern die Verheerungen der Pest, der Epidemien und
der verseuchten Luft. Sie +beruhigen die Winde+, brechen die +Wucht
der Orkane+ und der +Wirbelwinde+ und +verjagen die Ungewitter+. Sie
retten vor Schiffbruch. Sie +vertreiben die Gewitter+ und bewahren
vor Blitzgefahr. Sie verjagen die Hagelwolken. Sie löschen die
Feuersbrünste und halten deren Verheerung auf. Sie sind wirksam gegen
die Wolkenbrüche, das Übertreten der Flüsse und die +Überschwemmungen+.
Die Agnus behüten endlich Mutter und Kind während der ganzen Zeit der
Schwangerschaft und beseitigen die Gefahren bei der Niederkunft, deren
Schmerzen sie mildern und abkürzen. H. Barbier de Montaut, Kämmerer
Seiner Heiligkeit“[290].
Welcher Segen, daß es im 20. Jahrhundert noch so etwas gibt! Welche
Torheit, daß nicht jedermann ein Agnus, von dem bereits das geringste
Teilchen die gleiche Kraft besitzt wie das Ganze, ständig bei sich
trägt, oder doch in seinem Hause hat! Die Leute wollen eben immer noch
nicht einsehen, wie nahe das Gute liegt!
*
Wie Herr Ingenieur Feldhaus mir mitteilt, sah er noch im
+Frühjahr+ 1909 in der Kirche zu Doberan in Mecklenburg eine
+Flasche mit ägyptischer Finsternis+!!!
*
Die Inquisitions-Kongregation in Rom stellte am 29. Juni 1903 fest,
daß es +kein Aberglaube+ sei, wenn Papierbilder, die die Madonna
darstellen, in Wasser aufgelöst, getrunken oder zu Pillen gedreht
verschluckt werden, um Genesung von Krankheiten zu erlangen[291].
Fünfzehnter Abschnitt
Mission und Kolonien
Der Ausbruch der Chinawirren 1900 war teilweise verursacht durch die
Erbitterung gegen die Missionen. Den frommen Christen daheim schaudert
es beim Gedanken, daß es, wenn auch im fernen China, überhaupt Menschen
von solcher Verworfenheit geben könne, daß sie dem Missionswesen, dem
hingebenden, aufopfernden Liebeswerk abhold sind. Es ist nicht ohne
Interesse zu sehen, in welcher Gestalt die Religion der Liebe dem
hochstehenden uralten Kulturvolke entgegentritt. Daß auch im fernsten
Osten die konfessionelle Zersplitterung und Konkurrenz fortbesteht, daß
jede Sekte behauptet, allein das wahre Christentum zu verkörpern, und
die andere verwirft, ist selbstverständlich.
Es existiert eine Anstalt „Oeuvre de la Sainte-Enfance“, die jährlich
Millionen zur Taufe und Rettung kleiner Chinesenkinder aufwendet. Im
Juniheft ihrer Annalen vom Jahre 1897 heißt es: „Seit 1884 hatten wir
das Glück, 20552 kleine sterbende Kinder zu taufen, davon 3558 in
diesem Jahre. Alle diese kleinen Engel, +werden sie oben nicht wirken,
für die Bekehrung des ungläubigen China+?“
Im selben Hefte wird von der Hungersnot erzählt, die 1893 Yünnan
heimsuchte. Die frommen Mönche des „Oeuvre“ berichten: „Die +Vorsehung+
hat, es ist wahr, unsere +Arbeit sehr vereinfacht+, indem sie eine
große Anzahl unserer kleinen Kinder in den Himmel rief. Diese
vorzeitigen Todesfälle, so betrübend in einem christlichen Lande, sind
ein +Gegenstand der Freude und des Trostes+ in diesen heidnischen
Gegenden.“
Im 21. Heft p. 258 heißt es: „Machen Sie doch einen kleinen Besuch
im Hause der unbefleckten Empfängnis in Peking. Sehen sie diese
bescheidene Eingangstür? Sie ist dieses Jahr für eine große Anzahl
kleiner Brüder und Schwestern die Pforte des Himmels geworden. 873
kleine Kinder wurden uns jedes für 45 Cts. an dieser Pforte gegeben,
und davon sind 843 +gestorben+, nachdem sie +durch das heilige Wasser
der Taufe wiedergeboren waren+.“
Ein anderer Mönch meldet: „Ein Säugling kostet etwa 5 Frs. im Monat.
Gewiß, +ich flehe zu Gott, daß diese lieben kleinen Seelen uns
sobald wie möglich verlassen+ und zum Himmel fliegen mögen. Aber
schließlich, wenn sie schon nicht sterben wollen, muß man sie doch
ernähren und aufziehen.“ Ja, die Engelmacherei ist also gar nicht
so leicht, wie der Laie in seinem Unverstand glauben mag! Immerhin
kann eine dieser Anstalten mit berechtigtem Stolz konstatieren, daß
von +12000 ihr anvertrauten Täuflingen nur 124 oder 125 das erste
Lebensjahr erreicht hätten+!
Der Bischof Quierry beglückwünschte die Missionare dieses „Oeuvre“,
wie die gleichen Annalen erzählen, daß sie jedes Jahr mehr als 40000
Kinder in den Himmel schicken!! Und trotzdem konnten sie die Chinesen
von der Unübertrefflichkeit des Christentums und seiner Liebeswerke
nicht überzeugen. An einem solchen Volke ist allerdings Hopfen und Malz
verloren[292].
*
Ein alter Farmer „Gottlieb Bleibtreu“ schreibt in den Windhuker
Nachrichten einen Aufsatz, in dem er sich über Stolz, Überhebung und
Anmaßung der Herero beklagt: „Gibt es nicht soviel zu essen, daß es für
Mann und Weib ausreicht, dann ist das erste, worüber +geklagt+
wird, die Kost, und da dies ein Grund der Beschwerde ist, kann sich der
Arbeitgeber beim Bezirksamtmann noch einen Nasenstüber holen, falls
er Veranlassung nimmt, Gegenbeschwerde zu führen. -- Wenn sich nun
+jetzt schon+, wo die Hereros noch Kriegsgefangene sind, diese in
alten Sitten und Gebräuchen wurzelnden +Anmaßungen in solch brutaler
Weise fühlbar+ machen, wie soll das werden, wenn sie wieder frei und
ihr eigener Herr sind? Hier gibt es nur ein Mittel zur Abhilfe, und das
heißt in bestimmten Grenzen gehaltener +Arbeitszwang+.“
Wenn Herr Bleibtreu Gefühlsmensch ist, der die Herero dafür, daß sie
für Ausbeutung, die soweit geht, daß sogar die notwendige Nahrung ihnen
nicht verabfolgt wird, kein Verständnis haben, auch noch strafen will,
so ist das seine Privatsache. Wenn aber die Hamburger Nachrichten am
23. September 1906 ihm völlig beipflichten, so stimmt das doch etwas
nachdenklich.
*
Im Jahre 1904 erschien eine von einem Herrn Schlettwein verfaßte
Broschüre mit folgendem Passus: „Wir stehen mit der Kolonialpolitik
am Scheidewege. Nach der einen Seite das Ziel: gesunder Egoismus
und praktisches Kolonisieren, nach der andern Seite übertriebene
Menschlichkeit, vager Idealismus, unvernünftige Gefühlsduselei.
+Die Hereros müssen besitzlos gemacht werden. Das Volk muß nicht
nur als solches unmöglich gemacht werden+, es müssen auch
alle das Nationalgefühl erweckenden Faktoren beseitigt werden.
Man muß die Hereros zur Arbeit zwingen, und zwar +zur Arbeit
ohne Entschädigung+, nur gegen Beköstigung. Eine +jahrelange
Zwangsarbeit+ ist nur eine gerechte Strafe für sie und dabei die
einzig richtige Erziehungsmethode. Die Gefühle des Christentums und der
Nächstenliebe, mit welchen die Missionen arbeiten, müssen zunächst mit
aller Energie zurückgewiesen werden.“
+Den Autor dieses Kulturdokumentes berief das Kolonialamt als
Vertrauensmann in die Budgetkommission+, und man ließ gerade ihn im
Lande herumziehen, um für +diese+ Kolonialpolitik Propaganda zu
machen.
Herr Schlettwein führte seine Theorie praktisch durch. Wie am 6. März
1907 im deutschen Reichstage festgestellt wurde, zahlte er den in
seiner Viehzucht beschäftigten Männern 15 Mark im Monat, den Frauen
gar nichts. Die Männer werden verköstigt -- ob nach Bleibtreus Beispiel
bleibe unentschieden -- die Frauen erhalten +„Feldkost“ bestehend in
Raupen, Fröschen, Heuschrecken, Mäusen und Gras+[293]!
*
Aus dem Tagebuch des Dr. Vallentin, das im Aprilheft 1894 der „Neuen
deutschen Rundschau, Freie Bühne“ veröffentlicht wurde, sei folgendes
entnommen: Am 13. 3. 93. Ich erfahre interessante Einzelheiten
über den Bakokoaufstand. In den Berichten befinden sich zahlreiche
Ungenauigkeiten. Herr Assessor Wehlau, welcher die Expedition führte,
soll beim Niederbrennen der Dörfer faktisch +befohlen haben, einigen
alten Weibern die Hälse abzuschneiden+; Männer konnte er nicht
gefangen nehmen. Statt der im betreffenden Bericht erwähnten 150
Gefangenen sollen es deren nur 12-15 gewesen sein. Matt, verwundet,
halb verschmachtet, zerschlagen und geschunden wurden diese -- meist
alte Frauen, Greise und Kinder -- an Land geschafft und unter Schlägen
und Stößen in Ketten zum Gefängnis geführt. Drei sollen am Fuß des
Flaggenmastes, unter der wehenden, deutschen Reichsfahne, +vor Hunger
gestorben+ sein.
Am 17. 3. 93. Aus dem unter Führung des Assessors Wehlau unternommenen
sogenannten „Bakokofeldzuge“ erfahre ich heute wieder verschiedene
Einzelheiten. Es soll wirklich grauenhaft gewesen sein. Die Gefangenen
sind tagelang in der glühenden Hitze auf dem Schiffe („Soden“) an die
Reelings derart festgeschnürt worden, daß in die +blutrünstigen und
aufgeschwollenen Glieder Würmer sich eingenistet hatten+. Und diese
Qual tagelang in der Tropenhitze und ohne jede Labung! Als dann die
armen Gefangenen dem Verschmachten nahe waren, wurden sie einfach wie
wilde Tiere +niedergeschossen+.
Am 31. 3. 93.... Wahrend meiner Krankheit ist Assessor Wehlau von
seinem neuen Feldzuge heimgekehrt. Gefangene hat er nicht mitgebracht.
Da sie -- so äußerte er beim Essen -- hier doch alle stürben, hätte
er sie auf dem Schiffe +totschlagen lassen+ (wörtlich: „habe
ihnen ’n Paar auf den Kopp geben lassen“). Dann erzählte er weiter:
Die Soldaten, namentlich einer, hätten es +famos ’raus, den Feinden
die Haut über den Schädel zu ziehen+. Am Unterkiefer wurde mit dem
Messer ein Schnitt gemacht, dann mit den Zähnen angepackt, und der
ganze Skalp über Gesicht und Kopf herübergezogen.
Am 4. 5. 93 Gerichtstag, abgehalten von Assessor Wehlau!...
Ein Schwarzer, Aug. Bell, ist beschuldigt, eine Uhr gestohlen zu haben.
Er wird vorgeführt. Das erste, was ihm vorgehalten wird, ist: es gibt
nur zweierlei Wege, entweder er gesteht, er habe den in Frage stehenden
Diebstahl begangen, oder er bekommt 50 Hiebe. Bell sagt aus: „Nein, ich
habe die Uhr nicht gestohlen.“ Sofort wurde er abgeführt und erhält
50 Hiebe mit der Rinozerospeitsche. Wieder vorgeführt gesteht er auf
weiteres Befragen, daß er die Uhr gestohlen habe. Er wird darauf zu
6 Jahren (schreibe und sage +sechs Jahren+) +Gefängnis+,
100 Mk. Geldstrafe und 15 Hieben am ersten Sonnabend jedes Monats
verurteilt.
Aug. Bell soll während jener vorerwähnten Verhandlungen ca. 80 Hiebe
bekommen haben, sowohl dafür, daß er nicht gleich eingestand, daß
er die Uhr gestohlen hätte, als auch wenn er, bei der Niederschrift
des Protokolls, die verlangten Antworten nachsprechend, stotterte.
Was aber 80 Hiebe an einem Nachmittag zu bedeuten haben, das kann
nur der in vollem Umfange ermessen, der jemals einer derartigen
Prozedur beigewohnt hat. +Ein rohes, gehacktes Beefsteak ist nichts
dagegen.+
20. 6. 93... Es sind nach dem Berichte drei Gefangene gehängt worden.
In Wirklichkeit hat Assessor Wehlau dieselben der Wollust der
Soldaten preisgegeben, und diese haben die drei Leute +regelrecht
abgeschlachtet+. Maschinist Gebhardt von der „Nachtigall“ schildert
diesen Vorgang folgendermaßen: „Die Schwarzen wurden mit Messern
zerschnitten, zerhackt und verstümmelt, da Assessor Wehlau den Befehl
gegeben hatte, die Gewehre beim Töten nicht zu gebrauchen.