ausgegangenen Mithrareligion. In die Mithrareligion wurde man
durch Weihen aufgenommen, die als ein mystisches Sterben und
Wiedergeborenwerden sich darstellen, wodurch die Schuld des alten
Lebens getilgt und ein neues, unsterbliches Leben durch den Geist
erzeugt werde. Die Geweihten nannten sich deshalb „wiedergeboren für
ewig“. Die Verwandtschaft dieser Lehre mit der des Apostels Paulus --
der bekanntlich in Tarsus lebte -- von der christlichen +Taufe+ (Römer
6) ist schlagend. Auch das hl. +Mahl+, bei welchem das +geweihte
Brot+ und der +Kelch+ mit Wasser oder Wein als mystische Symbole zur
Mitteilung des göttlichen Lebens an die Mithragläubigen diente, gehörte
zu den +Sakramenten+ dieser Religion. Auch hier ist die Parallele mit
Pauli Lehre vom hl. +Abendmahl+ schlagend[250].
*
Der +Sühnetod Christi+ hat seine Vorläufer in dem des Adonis,
Attis und Osiris. Bei der Adonisfeier im Frühling wurde zuerst
sein („des Herren“) Tod und die Bestattung seiner durch ein Bild
dargestellten Leiche begangen. Am folgenden -- bei der Osirisfeier
am dritten, bei der Attisfeier am vierten -- Tage erscholl die
Kunde, daß der Gott lebe, und man ließ ihn, d. h. sein Bild, in die
Luft aufsteigen. Letztere Zeremonie hat sich in der Osterfeier der
griechischen Kirche bis heute erhalten. Paulus, der in Antiochia länger
wirkte, hatte dort diesen Kult zweifellos kennen gelernt. Die Rettung
des Gottes (Adonis, Attis, Osiris) aus dem Tode, galt als Rettung
seiner Kultgenossen. In den Mysterien des Attis, der Isis und des
Mithras wurde durch +symbolisches Sterben+ und +in den Hades
hinabsteigen+ angedeutet, daß die Gläubigen zur Teilnahme am Leben
des Gottes gelangen. In einer Mithrasliturgie betet der Geweihte:
„Herr, wiedergeboren verscheide ich, indem ich erhöhet werde, und da
ich erhöhet bin, sterbe ich; durch die Geburt, die das Leben zeugt,
geboren, werde ich in den Tod erlöst und gehe den Weg, wie du gestiftet
hast, wie du zum Gesetz gemacht und geschaffen hast das Sakrament“.
Die Ähnlichkeit dieser Vorstellung mit der mystischen des Paulus vom
Tod und der +Auferstehung Christi+ und vom +Mitsterben und
Mitauferstehen der auf Christum Getauften+ ist schlagend[251].
*
Bereits im Altertum gab es festbesoldete geistliche Orgelspieler, wie
aus einer in Rhodus gefundenen, aus dem 3. nachchristlichen Jahrhundert
stammenden Inschrift hervorgeht. Der Orgelspieler hat zu Ehren des
Dyonisios Bacchios zu spielen und erhielt dafür jährlich 360 Denare.
Die besonderen Festlichkeiten „zur Erweckung des Gottes“, die nach
dem Osirisvorbilde alle zwei Jahre gefeiert wurden, hatten größte
Ähnlichkeit mit der Karsamstagzeremonie vieler katholischer Kirchen.
Bei diesen Festlichkeiten dürfte der Orgelspieler seine Kunst geübt
haben[252].
*
Die römische Kirche nennt sich heute noch die „Katholische“, also
+allgemeine+, wiewohl nur etwa ein Drittel der Erdbewohner
Christen sind, von diesen aber etwa 120 Millionen „orthodox“ und
etwa 170 Millionen protestantisch, während der römisch-katholischen
Kirche nur etwa 260 Millionen, also +nicht einmal die Hälfte
der Christenheit+ angehören und nur +ein Sechstel der ganzen
Menschheit+[253]!
*
Die Kirche lehrt heute noch u. a. folgendes:
„Maria hatte schon den freien Gebrauch des Verstandes, +bevor sie das
Licht der Welt erblickte+, im Schoß ihrer Mutter Anna. Wir dürfen
annehmen, daß sie schon ungeboren weit mehr von Gott wußte und vom
Jenseits, von des Menschen Ziel und Ende, von den Mitteln, das Ziel zu
erreichen, als die größten Geister nach jahrelangem Denken, Studieren
und Beten wissen[254].“
*
Der Kardinal und Fürsterzbischof von Salzburg erließ am 2. Februar
1905 einen Hirtenbrief, in dem folgende Stellen über die Macht des
Priesters vorkommen: „Wo auf der ganzen Erde ist eine Gewalt, welche
dieser Gewalt gleichkommt?“ Die Gewalt der Fürsten und Könige wird
durch sie übertroffen. Aber wo ist selbst im Himmel eine solche
Gewalt?: „Wenn du dort dich umschaust, so siehst du die Schar der
Patriarchen und Propheten, der Märtyrer und Blutzeugen und die Scharen
der hl. Jungfrauen und dann die Engel und Erzengel und die Throne und
Herrschaften -- können sie dich lossprechen von deinen Sünden? Nein...
selbst Maria, die Gottesmutter, die Königin des Himmels, sie kann es
nicht... O unbegreiflich hohe Gewalt! +Der Himmel läßt sich von
der Erde die Art und Weise zu richten vorschreiben+, der Knecht
ist Richter auf der Welt, und der +Herr bestätigt im Himmel das
Urteil+, das jener auf der Erde fällt.“
Der Priester besitzt die Gewalt, Brot und Wein in den +wahren
Leib+ und das +wahre Blut Christi+ zu verwandeln: „Christus,
der eingeborene Sohn Gottes des Vaters, durch den Himmel und Erde
geschaffen sind, der das ganze Weltall trägt, ist dem katholischen
Priester hierin zu Willen.“ +Christus+ hat „dem +katholischen
Priester über Sich+, über Seinen Leib, Sein Fleisch und Blut,
Seine Gottheit und Menschheit +Gewalt gegeben+ und +leistet dem
Priester Gehorsam+[255],“ d. h., er läßt sich von ihm verspeisen.
*
Noch heute steht für die römisch-katholische Kirche die Existenz
eines +wahrhaftigen Teufels+ fest. Am 13. und 14. Juli 1891 hat
der Pater Aurelian vom Wemdinger Kapuzinerkloster nach eingeholter
Erlaubnis der Bischöfe von Augsburg und Eichstätt mit eigener Hand
den Teufel aus einem besessenen Knaben ausgetrieben und einen
„authentischen Bericht“ über den ganzen Vorgang am 15. August 1891
im Klosterarchiv niedergelegt. Darin erklärt Pater Aurelian u. a.
wörtlich: „+Wer die Besessenheit in unsern Tagen leugnen wollte, der
bekennt hiermit, daß er abgeirrt ist von der Lehre der katholischen
Kirche+[256].“
*
In den katholischen und protestantischen Schulen wird heute noch
gelehrt, daß Gott +in sechs Tagen die Erde aus nichts schuf+, daß
+Adam aus Lehm, Eva aus einer Rippe+ gemacht wurde, kurz die ganze
biblische Schöpfungsgeschichte, und zwar nicht etwa als Mythus oder zur
Veranschaulichung für die kindlich naive Art, in der man sich vor 2½
Jahrtausenden diese gewaltigen und restlos wohl nie löslichen Probleme
klarzumachen suchte, sondern alles als +buchstäbliche, geoffenbarte
Wahrheit+. Wer schon etwas geweckter ist und daran zweifelt,
riskiert eine ungenügende Religionsnote, die Versetzung in höhere
Klassen ausschließt. So erziehen Staat und Kirche zu Überzeugungstreue
und Wahrhaftigkeit!
*
Eine erbauliche Geschichte, die heute noch -- neben mancher
gleichwertigen -- in den Volksschulen gelesen wird, ist die von der
+Volkszählung Davids+ (2. Buch Samuelis, 24. Kap.): Gott hat den
König David angereizt, Israel und Juda zu zählen, worauf der König dies
Geschäft seinem Feldherrn Joab übertrug. Trotz der Gegenvorstellungen,
die jener erhob, blieb David -- wie ja mit Rücksicht auf den hohen
Auftraggeber selbstverständlich -- bei seinem Befehl, und so ging die
Volkszählung im ganzen Lande vonstatten. Als sie aber vorüber war,
bekam der König Gewissensbisse und betete zu Gott: „Ich habe schwer
gesündigt, daß ich das getan habe, und nun, o Gott, nimm hinweg die
Missetat deines Knechtes, denn ich habe sehr töricht gehandelt.“ Gott
aber ließ David die Wahl zwischen dreierlei Heimsuchungen: „Willst
du, daß sieben Jahre Hungersnot in dein Land kommen? Oder daß du drei
Monate lang verfolgt von deinen Feinden fliehen müssest? Oder daß drei
Tage Pestilenz in deinem Lande sei?“ Der König, landesväterlich wie er
nun einmal war, wählte die Pestilenz, der 70000 aus dem Volke erlagen.
Dann erlosch die Seuche. Nun dämmerte es David -- der, man bedenke,
die Volkszählung +auf Gottes Befehl+ ausführen läßt und dann sein
Volk, zur Strafe für seinen Gehorsam, aufopfert, weil er selbst die
Konsequenzen nicht tragen will -- daß er doch jedenfalls eher etwas
verschuldet habe als sein Volk, und er sprach zu Gott: „Siehe, ich
habe die Missetat begangen, aber diese Schafe (nämlich das Volk, das
nicht ohne Grund in der Bibel immer so genannt wird), was haben sie
getan? Laß doch deine Hand wider mich und meines Vaters Haus sein.“ Er
wurde aber nicht weiter bestraft, und die Sache war erledigt.
Auf diese Weise wird in den Volksschulen ad oculos die Gerechtigkeit
Gottes demonstriert, desgleichen die Herrschertugenden Davids und die
kulturelle Höhe des „auserwählten“ Volkes, dessen Gesetze uns heute
noch vorgehalten werden. Das Beispiel taugte besser zum Beweise für
die Rückständigkeit und Barbarei des jüdischen Aberglaubens und -- die
Verbohrtheit der modernen religiösen Erziehung[257].
*
Herr Commer, unrühmlich bekannt durch sein Verhalten in der
Schellaffäre, hat die Erdbeben als „Grollen des Satans“ erklärt, steht
auf dem Standpunkt der Bautzschen Höllentheorie, leugnet die Umdrehung
der Erde um die Sonne, spricht dem Foucaultschen Pendelversuch die
Beweiskraft ab, lehrt die Erschaffung der Welt in 6 Tagen à 24 Stunden
und verteidigt die Hexenverbrennung. Trotzdem oder wohl deshalb ist
er päpstlicher Prälat, Doktor der Theologie und Jurisprudenz und
ordentlicher Universitätsprofessor in Wien, und zwar das alles im 20.
Jahrhundert[258].
*
Gegen die Eherechtsreformer in Österreich, die Aufhebung des bisherigen
mittelalterlichen Gesetzes erwirken wollen -- dort ist heute noch die
Ehescheidung (nach deutscher Terminologie) unzulässig, die getrennten
Gatten aber müssen bis zum Tode des anderen ledig bleiben; ein
kostbares Vermächtnis aus der klerikal-feudalen Vergangenheit -- wird
heute noch als gewichtigstes Argument angeführt, daß -- +Gott+
selbst im +Paradiese+ die Ehe zwischen Adam und Eva als unlösliche
Institution eingesetzt habe!!![259]
*
Heute noch wird gelehrt, daß die Menschheit durch den Sündenfall
sich die Strafen der Hölle und des Fegefeuers zugezogen hätte.
„Der allmächtige Gott hat nämlich den Menschen zuerst schwach und
unvollkommen geschaffen und ihn sodann verantwortlich gemacht. Der
allwissende Gott hat Adam und Eva einer Probe unterworfen, von der er
natürlich voraus wußte, daß sie sie nicht bestehen würden. Und als dann
dieser Fall wirklich eingetreten war, hat der allgütige und gerechte
Gott dafür nicht bloß sie selbst, sondern auch alle ihre Nachkommen
mit ewiger Verdammnis bestraft. So entstand die Erbsünde. Und auf eine
gleich klare und überzeugende Weise wurde die Menschheit auch wieder
von ihr erlöst.“[260]
*
Durch den Syllabus Papst Pius IX., der natürlich heute noch zu Recht
besteht, wurden unter anderem folgende „Irrtümer“ +verdammt+:
§ 12. „Die Dekrete des apostolischen Stuhles und der römischen
Kongregationen hindern den freien Fortschritt der Wissenschaft.“
§ 18. „Der Protestantismus ist nichts anderes, als eine verschiedene
Form derselben christlichen Religion, in welcher es ebensogut möglich
ist, Gott zu gefallen, wie in der katholischen Kirche.“ Damit wird also
dem Protestantismus die Qualität einer christlichen Kirche abgesprochen!
§ 45. „Die ganze Leitung der öffentlichen Schulen, in denen die
Jugend eines christlichen Staates erzogen wird, nur die bischöflichen
Seminarien in einiger Beziehung ausgenommen, kann und muß der
Staatsgewalt zugewiesen werden, und zwar so, daß keiner anderen
Autorität irgendein Recht, sich in die Schulzucht, in die Ordnung der
Studien, in die Verleihung der Grade und die Wahl oder Approbation
der Lehrer zu mischen, zuerkannt werden kann.“ Also geistliche
Schulaufsicht und Aufsicht über die Universitäten wird heute noch
gefordert!
§ 53. „... die staatliche Regierung kann sogar allen Hilfe leisten,
welche den gewählten Ordensstand verlassen und die feierlichen Gelübde
brechen wollen.“
§ 74. „Ehesachen und Verlobungen gehören ihrer Natur nach vor das
weltliche Gericht.“
§ 77. „In unserer Zeit ist es nicht mehr nützlich, daß die katholische
Religion unter Ausschluß aller anderen Kulte als einzige Staatsreligion
gelte.“
§ 78. „Es ist daher zu loben, daß in gewissen katholischen Ländern
gesetzlich verordnet ist, daß den Einwanderern die öffentliche Ausübung
ihres Kultus, welcher er auch sei, gestattet sein solle.“ Also heute
noch fordert das Papsttum vom Staate, daß er zwar die Erziehung der
eigenen Jugend nicht leiten darf, +aber allen Andersgläubigen
Religionsfreiheit versagt+[261].
Die Sätze 19, 23, 24 und 27 dieses Syllabus beweisen das Verlangen
auch +heute noch+, die Ketzer zu vernichten. Im kanonischen Recht
besteht noch +Todesstrafe+ für Häresie, wie auch jeder Bischof dem
Papst schwören muß, die Ketzer zu verfolgen.[262]
*
Ein Kulturkuriosum ersten Ranges ist der Syllabus Pius X. vom 4. Juli
1907, ein noch größeres, daß es sogar gebildete Menschen gibt, die
sich darum kümmern! Durch diese zwar nicht „unfehlbare“, aber doch
durch die gewaltige Autorität des Papsttums gestützte Entscheidung wird
+die Kirche als höchste Instanz bei Entscheidung wissenschaftlicher
Fragen, selbst solcher rein profaner Art, proklamiert+. Nach § 7
kann die Kirche, wenn sie „Irrtümer“ verwirft, sogar die +innere
Zustimmung+ von den Gläubigen verlangen, also nicht nur äußeren
Gehorsam. Die ganze moderne Bibelwissenschaft wird verdammt, besonders
aber im § 11 ausdrücklich konstatiert, daß die göttliche Inspiration
sich in der Weise über die gesamte heilige Schrift erstreckt, daß sie
+alle ihre einzelnen Teile vor jedem Irrtum bewahrt+! Der folgende
§ verbietet ausdrücklich, die Bibel so auszulegen wie andere Bücher
menschlichen Ursprungs.
Die §§ 20-26 verurteilen die wissenschaftlich festgestellte Diskrepanz
zwischen den historischen Tatsachen und den kirchlichen Dogmen, die
folgenden die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung über die
Person Christi. Endlich wird die +genetische Entwicklung+ des
Sakramentenwesens +verworfen+, z. B. im § 44 behauptet, daß schon
die +Apostel das Sakrament der Firmung anwandten+, desgleichen
die der kirchlichen Verfassung und Verwaltung, sowie die der Lehre.
Den Schluß aber bildet die Konstatierung, daß +die bisherigen
theologischen Lehren und Anschauungen nicht revisionsbedürftig
seien.+
Wer unbefangen den Syllabus liest, wird mit fast allem einverstanden
sein, bis er erfährt, daß vor jedem ein „verdammt wird die Behauptung“
zu denken ist.
*
Zur Zeit der Kreuzzüge war +bei der Taufe völlige Nacktheit
erforderlich+. Und zwar erstreckte sich diese auch auf die Damen der
„Heiden“ bzw. Mohammedaner, denen beizuwohnen den christlichen Rittern
sicherlich Vergnügen bereitete[263].
*
Der Beichtvater hatte das Recht, sein Beichtkind zu schlagen. Auch die
heilige Elisabeth mußte sich von ihrem Beichtvater Konrad von Marburg
solche Züchtigung gefallen lassen.
*
Die fromme Nonne Juliane, die in dem Kloster auf dem Berge Coreillon
bei Lüttich lebte, hatte einst eine seltsame Erscheinung: beim Beten
sah sie regelmäßig den vollen Mond mit einer kleinen Lücke. Von
autoritativer Seite wurde diese Vision auf die natürlichste Weise
erklärt: der Mond stelle die Kirche, die +Lücke aber den Mangel
eines Festes zur Feier der Einsetzung des heiligen Abendmahles+
vor. Diese Interpretation war so evident, daß sich der Bischof Robert
von Lüttich, von den Archidiakonen Johannes und Jacobus Pantaleon
und anderen Theologen aufgeklärt, ihrer Logik nicht entziehen konnte.
So ordnete er denn 1246 die Feier des so dringend gebotenen Festes in
seinem Bistum an. Als jener Pantaleon 1261 als Urban IV. den Stuhl
Petri bestiegen hatte, verordnete er -- 1264 -- durch eine Bulle die
Feier in der ganzen katholischen Kirche. Noch heute wird bekanntlich
+Fronleichnam+ alljährlich mit größtem Pompe begangen[264].
*
Kaiserin +Barbara+, Gemahlin Sigismunds, starb am 11. Juli
1451 an der Pest. Sie war häufig im Ehebruch von Sigismund ertappt
worden, da dieser selbst aber nichts weniger als treu war, verzieh
er ihr jedesmal. Als Witwe lebte sie in Melnik bei Königgrätz „unter
einem Schwarm von Buhlknaben und Beischläfern“. Messalinen hat es
immer gegeben, deshalb ist dieser Lebenswandel nicht sonderlich
verwunderlich, wenn es auch nichts Alltägliches ist, wenn eine deutsche
Kaiserin verzehrt von unersättlicher Sinnlichkeit -- wie Enneas Sylvius
bezeugt -- den Männern nachläuft. Desto bemerkenswerter ist Barbaras
+krasser Materialismus+. „So weit sank sie in ihrer wahnsinnigen
Verblendung, daß sie heilige Jungfrauen, die für den Glauben an Jesu
den Tod erlitten, öffentlich Törinnen schalt, welche die Freuden der
sinnlichen Lust nicht zu genießen verständen ... Sie leugnete auch, daß
es nach diesem Leben ein anderes gäbe, und behauptete im Ernst, daß die
Seelen mit den Körpern zugrunde gingen“[265].
*
In „Aucussin und Nicolette“ läßt schon einige Jahrhunderte früher die
reizende „Chantefable“ den Helden auf die Mahnung, sein Seelenheil
nicht aufs Spiel zu setzen, antworten: „Was habe ich denn im Paradies
zu tun? Ich will gar nicht ins Paradies, aber meine liebste Nicolette
will ich. Ins Paradies gehören alte Priester und Bettler, die stets vor
dem Altar herumgelegen haben, in häßlich schmutziger Kleidung, halb tot
vor Hunger und Kälte; die gehören ins Paradies! Was hab +ich+ mit
ihnen zu schaffen? -- Aber in die Hölle will ich, wo die Dichter sind
und die Ritter, die im Turnier oder im Kriege starben, wo die schönen
Frauen sind, die zwei Freunde hatten oder drei mit ihrem Eheherrn,
dort glänzt Gold und Silber, dort prangen edle Pelze und Hermeline,
dort sind Harfner und Spielleute und die Könige dieser Welt. Mit
+ihnen+ will ich sein und Nicolette, meine süße Freundin, bei mir
haben[266].“
Heine kleidete bekanntlich denselben Gedanken in die Worte: Den Himmel
überlassen wir den Engeln und den Spatzen.
*
Im Jahre 1905 erschien in zweiter Auflage mit kirchlicher Approbation
in Mainz ein Werk von Dr. Joseph Bautz, a. o. Professor der Theologie
an der kgl. Universität zu Münster, „Die Hölle“ betitelt. In diesem
grundgelehrten von profunder Weisheit strotzenden Buche wird eingehend
Dasein, Ort und Dauer der Hölle ergründet. Er kommt dabei besonders S.
36 ff. zu dem Resultate, daß sie im Innern unserer Erde liege, aber
das genügt dem kühnen Entdecker nicht, er geizt nach höheren Lorbeern.
Und das ist gut so, denn nur durch diese laudum immensa cupido ist
es zu erklären, daß Bautz sich das unsterbliche Verdienst erwirbt,
sogar eine +Topographie der Hölle+ festzustellen. Es gibt vier
unterirdische receptacula, von denen die eigentliche Hölle am untersten
liegt, während der sinus Abrahae „in höherer und würdigerer Lage sich
befindet. Dafür spricht auch der Umstand, daß der reiche Prasser,
um den Lazarus zu schauen, seine Augen +aufhob+. Der limbus
puerorum liegt in der Nähe des sinus Abrahae in einiger Entfernung
von der eigentlichen Hölle und wird wie letzterer von ihren Flammen
nicht berührt. Das Fegefeuer aber befindet sich wohl in unmittelbarer
Nähe der Gehenna, weil viele Theologen mit dem h. Thomas behaupten,
das Feuer des Purgatoriums sei mit dem der Hölle ganz identisch. Dazu
kommt, daß die unmittelbare Nähe der Hölle um so mehr zur Betrübnis,
zur Verdemütigung und Läuterung der armen Seelen gereichen muß. Und
mögen diese Seelen auch durch die Gnade den erbsündigen Kindern an
Würde überlegen sein, für die Zeit ihrer Läuterung gebührt ihnen doch
schärfere Züchtigung und deswegen auch ein niederer Ort.“
Der sinus Abrahae ist zur Zeit unbewohnt, nach der Auferstehung wird es
auch das Fegefeuer sein. Die im limbus puerorum wohnenden Kinder werden
dann eine andere Behausung zugewiesen erhalten.
Daß die Hölle etwa zu klein für unsere sündigen Seelen sein sollte,
braucht uns nicht zu besorgen, denn wenn sie auch zur Zeit -- trotz
Freimaurerei, Liberalismus und Freigeisterei -- wie der gelehrte
Verfasser ermittelte, nur wenig umfangreich ist, so hat doch Lessius
berechnet, „daß ein ganz geringer, verschwindender Teil des Erdinnern
hinreicht, um eine geradezu fabelhafte Anzahl von Menschen aufzunehmen“.
Nicht hoch genug kann das Verdienst des Höllentopographen veranschlagt
werden dafür, daß er für die +Vulkane+ eine überzeugende und
einfache Erklärung gefunden hat. Sie sind -- +Schlote der Hölle+!
So ist auch die Lösung dieses Rätsels dem 20. Jahrhundert gelungen.
Zeppelin und Bautz können sich in berechtigtem Stolze die Hände reichen.
Dieses Buch kann sich, wie der Verfasser im Vorwort zur zweiten Auflage
mit Genugtuung konstatiert, der Zustimmung zahlreicher Theologen, auch
protestantischer, erfreuen. Ja, sogar seinen +Plagiator+ hat Bautz
gefunden!!!
Da es haarsträubenderweise „aufgeklärte Geister gibt, für welche Hölle
und Teufel Märchen sind“, die sogar an Bautz’ Höllentheorie, an den
„grausigen Flammen, die hart unter unseren Füßen drohend lodern“, zu
kritteln wagen, muß er ihnen gegenüber Stellung nehmen. Er tut es
in der vornehmen Sachlichkeit und bescheidenen Würde, die sein als
Kulturkuriosum unschätzbares Werk auch sonst auszeichnen.
„Glücklicherweise gehören derartige Intelligenzen nicht zu den Quellen,
aus denen der katholische Theologe zu schöpfen, auch nicht zu den
Auktoritäten, deren Urteil für ihn irgend einen Wert hat.“ Ja, Bautz
kann auch scharf sein, aber nur um der guten Sache willen.
*
Im Jahre 1902 erließ der preußische evangelische Oberkirchenrat
eine Verordnung, die eine einheitliche Regelung des Lernstoffes
für den evangelischen Schul- und Konfirmandenunterricht
durch die Provinzialkonsistorien unter Vereinbarung mit den
Provinzialschulkollegien und den Regierungen anordnete. Sie ist
jetzt in allen Provinzen durchgeführt worden. Danach müssen die
Kinder folgendes auswendig lernen: 20-40 Sprüche aus dem Alten,
100-110 Sprüche aus dem Neuen Testament, 6 Psalmen, 20 Kirchenlieder
und den Wortlaut der 5 Hauptstücke des lutherischen Kleinen
Katechismus. Das sind in Summa +mindestens+ 180 +Bibelverse+ und 180
+Kirchenliederstrophen+, die die Kinder sich +wörtlich+ einprägen
müssen. Auf dem Lande sind es meistens noch viel mehr, da damit ja nur
das Mindestmaß an geistiger Atzung fixiert ist.
Der religiöse Memorierstoff der Berliner Gemeindeschule fordert laut
Lehrplan 121 Kirchenliederverse, 110 Bibelsprüche, den Wortlaut der
ersten drei Hauptstücke des lutherischen Katechismus, ferner fünf
Psalmen mit zusammen 45 Versen, das alles von 10-11+jährigen Kindern+!
Diese Weisheit wird in sechs Wochenstunden, denen nur zwei Stunden für
Rechnen gegenüber stehen, eingetrichtert. Wer da nicht fromm wird, dem
ist einfach nicht zu helfen[267].
*
Im Jahre 1885 „bekehrte“ sich der in Frankreich sehr bekannte
Schriftsteller und Freidenker +Leo Taxil+. Der päpstliche Nuntius in
Paris nahm ihn sofort unter seine besondere Obhut und forderte ihn auf,
mit seiner Feder hinfort für die Kirche Gottes zu kämpfen.
Das tat er auch und seiner emsigen Feder entströmten eine Reihe von
Werken, die zwar an Wahnwitz und Teufelsspuk das Tollste enthielten,
was die Phantasie aushecken konnte, nichts desto weniger oder
vielleicht auch deshalb den Beifall der katholischen Presse, den der
Geistlichkeit, ja sogar die Zustimmung des Papstes Leo XIII., der alle
las, und enorme Verbreitung fanden. Doch das genügte dem Pfiffikus
nicht, und so vereinigte er sich denn mit einem Dr. Karl Hacks, um
durch etwas noch Großartigeres zu beweisen, was hundert Jahre nach
Kant, im Zeitalter der Naturwissenschaften und der Technik gläubigen
Gemütern alles aufgetischt werden konnte. Unter dem Namen Dr. Bataille
schrieb dieser das Buch „Le Diable au 19. siècle“, dessen erste
Lieferung am 29. September 1892 erschien. Es ist ein in Romanform
geschriebenes Reisewerk, worin Dr. Hacks die verschiedenen Länder, die
er bereist hat, beschreibt unter dem Gesichtspunkt des +Teufelskultus+,
der in ihnen getrieben wird.
So sieht der Verfasser z. B. beim Satanspapst Pike ein teuflisches
Telephon, durch welches er den sieben großen Direktorien, Charleston,
Rom, Berlin, Washington, Montevideo, Neapel und Kalkutta seine
Weisungen übermittelt.