aushelfende Frauen, die es zu allen Zeiten gab -- existierten bereits
an der medizinischen Schule in Salerno. Besonders berühmt ist Trottula,
die im 11. Jahrhundert alle an Ruf überstrahlte. Im 12. Jahrhundert
gab es dort eine ganze Reihe, die viele medizinische Rezepte erfanden
und anwandten. Eine von ihnen, Mercuriade, soll sogar in der Chirurgie
Hervorragendes geleistet haben. Vom 10. September 1321 hat sich ein
Dokument erhalten, in der Francisca, Gemahlin des Matthäus de Romana,
die Erlaubnis erhält, in Salerno +chirurgische Praxis+ auszuüben,
da sie „nach wohlbestandenem Examen“ ein Zeugnis der Universität
Salerno besitze. Der Herzog Karl von Kalabrien sagt ausdrücklich,
daß das Gesetz den Frauen die Ausübung der Medizin gestatte. Daß man
im Mittelalter männliche Ärzte möglichst vom weiblichen Geschlechte
fernzuhalten suchte, war dem Aufkommen der Ärztinnen günstig. Den
Ärzten war es nach einem westgotischen Gesetz des 6. Jahrhunderts
ausdrücklich verboten, Frauen in Abwesenheit ihrer Verwandten die Ader
zu schlagen.
Bereits 1351 gab es in München eine Augenärztin. Während nach langer
Pause 1807 eine Dame, Regina Josepha von Siebold, in Würzburg studieren
durfte, hat man noch bis 1910, ja in einigen Staaten bis heute, trotz
gleicher Vorbildung und gleicher Examina wie sie die männliche Jugend
absolviert, +den Frauen+, mit Ausnahme von Bayern und Baden, die
+Immatrikulation auf den deutschen Universitäten versagt+[204].
*
Im ancien régime herrschte der Glaube, die Hand des Königs könne von
Skrofeln befreien. Deshalb wurde 6-7 mal im Jahre in den Kirchen
bekannt gegeben, daß der König „berühren“ würde. Dann fanden sich
in Versailles 700-800, auch noch mehr, Kranke ein, die mit den
nötigen Abständen in Reihen aufgestellt und ausgerichtet wurden.
Die königlichen Ärzte untersuchten sie, ob sie auch wirklich krank
waren, was nötig war, da viele Simulanten sich einschmuggelten.
Da nämlich der König jedem Skrofulösen zwei Sous, den von auswärts
zugereisten sogar fünf Sous einhändigen ließ, versuchte mancher ein
Geschäft aus dieser heiligen Handlung zu machen. Nach der Untersuchung
erschien der König, dem ein Hauptmann der Garden voranschritt, mit dem
Großalmosenier und einigen Herren vom Dienst. Die Ärzte hielten dem
sich auf die Knie niederlassenden Kranken, von beiden Seiten hinter ihm
stehend, den Kopf, während der Gardehauptmann die Hände des Knienden
zwischen die seinigen nahm, um ein Attentat zu verhüten. Dann trat
der König an den Kranken heran und machte ihm mit der bloßen Hand vom
Kopf zum Kinn und vom einen Ohr zum andern streichend das Zeichen des
Kreuzes mit den Worten: „Der König berührt, Gott heilt dich.“ Dann
wurde der Patient mit seinen Sous abgeführt, um nicht nochmals die
Zeremonie und vor allem die königliche Freigebigkeit in Anspruch nehmen
zu können[205].
Ob der König mit seiner appetitlichen Tätigkeit viele Heilerfolge
erzielte, wird nicht berichtet.
*
Der berühmte Arzt, Dr. Thomas +Dover+, der Erfinder der nach ihm
benannten, heute noch gebräuchlichen Pulver, war ein +erfolgreicher
Seeräuber+! Um 1660 geboren ließ er sich nach Beendigung seiner
Studien in Bristol nieder, erwarb sich einiges Geld und unternahm
hierauf mit einigen Kaufleuten eine privilegierte Kaperexpedition. Auf
der Insel Juan Fernandez entdeckte Dover 1709 als einzigen Bewohner
den schottischen Matrosen Alexander Selkirk, der hier vier Jahre und
vier Monate zugebracht hatte. Bekanntlich ist dieser Selkirk der Urtyp
der Robinson Crusoe-Geschichte geworden. Hierauf erstürmte Dover die
beiden Städte von Guayaquil und kehrte mit seiner Expedition der
peruanischen Küste entlang über Kalifornien und den Stillen Ozean im
Jahre 1711 mit einer Beute von etwa 3½ Millionen Mark, von denen
Dover einen beträchtlichen Anteil erhielt, nach England zurück. Nach
einigen weiteren Reisen ließ sich Dover in London nieder, wo er
u. a. „Des alten Arztes Erbe“ (The Ancient Physicans Legacy), das 1733
erschien, schrieb. Es war eine populär-medizinische Abhandlung,
verfaßt, um dem Autor Praxis zu verschaffen[206].
*
Georges Mareschal, ursprünglich Barbier, dann Leibchirurg Ludwigs XIV.
wurde ein so gewandter Operateur von Blasensteinen, daß er einmal
acht Patienten in wenig mehr als einer halben Stunde von ihrem Leiden
befreite. Er brachte es auf ein Jahreseinkommen von 300000 Frank!
Allerdings erhielt er für einen Aderlaß jedesmal 2500 Frank[207]!
*
Bezeichnend für den Unfug, der damals mit der Klistierspritze, einer
Erfindung des holländischen Arztes Reynier de Graaff, getrieben wurde,
ist die aus einem Prozeß bekannte Tatsache, daß dem französischen
Prälaten, François Bourgois 2190 Klistiere verabreicht wurden, für die
er den geforderten Preis nicht bezahlen wollte. Die Pariser Spitäler
brauchten damals in einem einzigen Jahre für mehr als 700000 Frank
Blutegel[208]!
*
Der Wein gehörte bei unsern Altvordern so zur unentbehrlichen
Nahrung, daß in allen Sitzungen der Ratsausschüsse sowie bei allen
außergewöhnlichen Geschäften des Rates im späteren Mittelalter Wein
getrunken wurde. Man rechnete täglich eine Maß Wein pro Mann als
normales Deputat, nicht nur im städtischen Dienst als Stärkung für die
Ratsglieder und Zunftgenossen, die bei außerordentlichen Gelegenheiten
die Torwachen verstärkten, oder mit den Bürgermeistern in den Straßen
umherritten, auch beim Militär. Der kaiserliche Kommandant verlangte
z. B. 1552 während der Belagerung Frankfurts eine Maß täglich für jeden
Soldat.
Als 1411 ein Teil der deutschen Fürsten wegen der Königswahl auf kurze
Zeit in Frankfurt anwesend war, wurden 14½ Fuder Wein konsumiert!
Fast genau so viel ließ der Rat angesichts des Reichstages, der 1485
in Frankfurt gehalten werden sollte, für die Fürsten und Herren
anschaffen[209].
Der schlesische Ritter Hans von Schweinichen, wie seine fürstlichen
Herren ein berühmter Trinker, der gewissenhaft seine Räusche
bucht -- fast auf jeder Seite so und so oft -- schreibt in seinen
„Denkwürdigkeiten“ (S. 77) von der „feinen Kurzweil“, die in den
Augsburger Trinkstuben war. „Wann man Gäste einlädt und giebt von der
Person 18 Wssgr., so wird man mit zwanzig Essen gespeiset und dabei
den besten Rheinfall und Rheinwein, so zu bekommen ist, getrunken, und
dessen so lang, +bis man alle voll ist+. Wie ich denn etliches Mal
dergestalt Gäste auf der Trinkstuben zu mir einlud. Wann man aber einen
Thaler von der Person giebt, so wird man Fürstlich tractiret. Ich hätte
mir wollen wünschen, daß solches Leben lange und viel Jahr gewähret
hätte.“
*
Bei Hof war es nicht besser; sogar auf Reichstagen war die
+Betrunkenheit der Fürsten eine ständige Erscheinung+. Graf Lynar,
ein Ausländer, nahm 1590 an der Berliner Hoftafel ungern teil, „wegen
des Trinkens“. An den sächsischen Höfen war „+das stetig Vollsein+
ein alt eingewurzelt Uebung und Gewohnheit“. Besonders berüchtigt waren
die „pommerischen Trünke“. Die geistlichen Fürsten konnten auch den
Humpen schwingen, nicht minder die Damen. Manchem modernen Studenten
hätten +diese+ Leistungen die Schamröte ins Gesicht getrieben![210]
Das Merkwürdigste ist nun, daß die Ärzte solche Trinkexzesse für
+gesund+ erklärten![211]
Zehnter Abschnitt
Hygiene
Leute, die sich eines gottgefälligen Lebenswandels befleißigten,
badeten im frühen Mittelalter nicht. Die hl. Elisabeth verbreitete
durch völligen Verzicht auf diesen Genuß in Bälde einen solchen Geruch
der Heiligkeit um sich, daß ihre Umgebung es nicht mehr aushielt
und sie veranlaßte, ein Bad zu nehmen. Der Erfolg war allerdings
gering, denn sie hatte kaum das Wasser berührt, als sie auch schon
hinaussprang, um dafür Buße zu tun.[212]
Desto reinlicher waren die weltlicher Gesinnten. Sie, auch die Bauern,
badeten sehr häufig. Die Ritter, die natürlich nackt waren, wurden
dabei von zarten Damenhänden bedient, wie z. B. auf einer Miniatur der
Manesseschen Handschrift in der Heidelberger Universitätsbibliothek
zu sehen ist. Übrigens wird heute noch in Skandinavien dieser Dienst
der Weiblichkeit reserviert. Sonst scheint sich aber das Waschen auf
Gesicht und Hände beschränkt zu haben. Keinesfalls waren Waschtische
bekannt. Noch das Frauenzimmerlexikon von 1729 kennt zwar das
Gießbecken und die Gießkanne, mit der man etwas Wasser auf die Hände
goß und dann das Gesicht notdürftig benetzte, aber weder Waschtisch,
noch Waschbecken.[213] Daher steht es fest, daß die Reinlichkeit,
seitdem im beginnenden 16. Jahrhundert die auftretende Syphilis das
Schließen der öffentlichen Badestuben veranlaßt hatte, sehr gering war.
Die Italiener der Renaissance, damals den Völkern Nordeuropas an
Reinlichkeit überlegen, befolgten keineswegs allgemein die Sitte, sich
täglich gründlich zu waschen. Trotzdem galt ihnen der Deutsche als
Inbegriff alles Schmutzes[214].
*
Wie selten die Tugend der Reinlichkeit selbst beim deutschen Adel war,
lehrt der Nachruf, den Johann von Wedel seiner 1606 verstorbenen Frau
schrieb: „Nichts desto weniger (d. h. wiewohl sie dem Kleiderluxus
abhold war) hat sie sich der Reinlichkeit und Wartung ihres Leibes mit
ehrlicher Kleidung und gebührlichem Schmuck beflissen, welches eine
feine äußerliche Tugend ist, die Jungfrauen und Frauen wohl zieret, daß
sie nicht wie Schlammüttere herein ziehen, dafür dem Teufel oftmals
grauen möchte, sondern sich waschen, zieren, schmücken, reinlich
halten, dessen die Schrift ehrlich gedenket (Ecclesiastes IX)“[215].
*
Wie es zur Zeit des Konstanzer Konzils in einem deutschen Badeorte
zuging, beschreibt der berühmte Humanist Poggio Bracciolini in einem
bekannten Brief an seinen Freund Niccoli vom Jahre 1417. Es handelt
sich um Baden in der Schweiz. Nachstehend einige Stellen nach der
Übersetzung von Alwin Schultz in seinem Deutschen Leben im 14. und 15.
Jahrhundert:
„Es ist dort so ausgelassen, daß ich zuweilen meine, Venus sei mit
allen Vergnüglichkeiten von Cypern nach diesem Bade übersiedelt,
so werden ihre Gesetze beobachtet, so aufs Haar ihre Sitte und
Leichtfertigkeit wiedergegeben, so daß sie, wenn sie auch die Rede des
Heliogabal nicht gelesen, doch von Natur gelehrt und unterrichtet genug
erschienen...
Öffentliche Bäder sind nur zwei vorhanden, offen (palam) zu beiden
Seiten, Badestätten des Volkes und des gemeinen Haufens, zu denen
Weiber, Männer, Knaben, unverheiratete Mädchen, die Hefe der ganzen
Umgebung zusammenströmt. In ihnen scheidet eine Mauer die Männer von
den Frauen. Es ist lächerlich zu sehen, wie abgelebte alte Weiber
und jüngere Frauen +nackt vor den Augen der Männer ins Wasser
steigen+. Ich habe oft über dies prächtige Schauspiel gelacht, dabei
an die Spiele der Flora gedacht und bei mir die Einfalt dieser Leute
bewundert, die weder auf so etwas hinsehen, noch irgend etwas Böses
davon denken oder reden. Die Bäder in den Privathäusern (etwa dreißig)
sind aber sehr fein (perpolita); Männer und Frauen gemeinsam, aber
durch eine Holzwand geschieden. In ihr sind mehrere Fenster angebracht,
so daß man zusammen trinken und sich unterhalten kann, +nach beiden
Seiten hin zu sehen und sich zu berühren vermag, wie dies ihrer
Gewohnheit nach oft geschieht+. Über dem Bassin sind Korridore, auf
denen Männer stehen, zuzusehen, um sich zu unterhalten, denn ein jeder
darf in andere Bäder gehen und sich dort aufhalten, zuzuschauen, zu
plaudern, zu scherzen und sich zu erheitern, so daß man die Frauen,
wenn sie ins Wasser steigen oder aus demselben herauskommen, sieht.
Keiner wehrt die Tür, keiner argwöhnt etwas Unsittliches. Männer tragen
nur eine Schambinde (campestribus utuntur), die Frauen ziehen leinene
Hemden an, von oben bis zum Schenkel, oder an der Seite offen, so daß
sie weder den Hals, noch die Brust oder die Arme bedecken. Im Wasser
selbst speisen sie auf gemeinsame Kosten, ein geschmückter Tisch
schwimmt auf dem Wasser, und auch Männer pflegen teil zu nehmen...
Es ist merkwürdig, zu sehen, in welcher Unschuld sie leben, mit welchem
Vertrauen Männer es ansahen, daß ihre Frauen von Fremden berührt
wurden. Sie wurden nicht gereizt, achteten nicht darauf, nahmen alles
von der besten Seite. Nichts ist so schwer, das bei ihren Sitten nicht
leicht wurde. Sie hätten ganz in den Staat Platos gepaßt, wo alles
gemeinsam ist, da sie schon ohne seine Lehre so eifrig in seiner Schule
erfunden werden. In einigen Bädern sind Männer unter den Frauen, denen
sie entweder verwandt sind, oder es wird ihnen aus Wohlwollen
gestattet...
Ich glaube nicht, daß es auf der Welt ein wirksameres Bad für die
Fruchtbarkeit der Frauen gibt; da recht viele der Unfruchtbarkeit wegen
hierher kommen, so erfahren sie seine merkwürdige Kraft. Sie beobachten
genau die Vorschriften, und es brauchen Mittel die, welche nicht
empfangen können. Unter diesen ist besonders folgendes bemerkenswert:
eine unzählige Menge von Adeligen und Nichtadeligen kommt hier
zusammen; zweihundert Meilen weit her, nicht eben der Gesundheit,
sondern der Lust wegen, alles Liebhaber, alles Freier, alle, denen an
einem genußreichen Leben gelegen ist. So siehst du unzählige schöne
Frauen, ohne Männer, ohne Verwandte, mit zwei Dienerinnen und einem
Knechte oder einer alten Angehörigen, die leichter zu täuschen als
zu ernähren ist... +Da leben Äbte, Mönche, Brüder und Priester in
größerer Freiheit, als die andern, baden zuweilen mit den Frauen+
und schmücken die Haare mit Kränzen, alle Religion beiseite lassend...“
Es kann sein, daß Poggio übertrieben hat. Immerhin gibt es auch heute
noch Bäder, etwa Franzensbad, die nicht ohne guten Grund im Rufe
stehen, die Unfruchtbarkeit zu beseitigen, keinesfalls stets allein
durch ihr Wasser.
Bezeichnend für die Volkstümlichkeit des Badens bei unsern Altvordern
ist, daß man statt Trinkgeld „Badgeld“ sagte. Die Folgerung aber, daß
man sich mit der äußeren Feuchtigkeit begnügte, wäre übereilt[216].
*
Die Badestuben vertraten etwa die Stelle der heutigen Kaffeehäuser, wo
man sich traf, plauderte und einen großen Teil des Tages zubrachte. Im
Bade selbst verweilte man mitunter vier Stunden, und in Ems erforderte
die Kur, jeden Tag eine Stunde länger, bis zu zehn Stunden im Wasser zu
sitzen. Man trank und sang gemeinsam, wie es auf zahlreichen Bildern
dargestellt ist.
*
Daß Gatte und Gattin in derselben Wanne saßen, war ganz gewöhnlich,
aber es war auch an vielen Orten Sitte, daß in +größerer Gesellschaft
Männlein und Weiblein zusammen badeten+. Zu Baden in der Schweiz
waren dabei die unteren Volksklassen ganz nackt, die Männer der
höheren Stände aber waren mit einem Schurz, die Frauen mit einem
weitausgeschnittenen Badelaken bekleidet. Viele Badestuben hatten
auch nur ein einziges Auskleidezimmer, das von beiden Geschlechtern
gleichzeitig benutzt wurde. In der Badeordnung für das Glottertal
wurde -- allerdings erst 1550 -- vorgeschrieben, daß jeder Mann sein
Beinkleid und Hemd, jede Frau oder Jungfrau ihr Hemd nicht eher
als in der Badewanne selbst ablegen solle. Man scheint also diese
Anstandsregel wohl nicht immer beobachtet zu haben.
Ein Blitzlicht auf die Sittlichkeit des 16. Jahrhunderts wirft auch
folgende Verfügung aus der Badeordnung des Glottertals: „Item soll
ain jedt wederer Bader, es seyen Manns- oder Weybspersonen, ire
Heimlichkeiten zuedecken.“
*
Fromme Leute errichteten häufig eine Stiftung, um sich meldenden Armen
davon gratis Bäder verabreichen zu lassen, sogenannte „Seelenbäder“.
Schmeller versicherte, daß noch im Jahre 1827 einige Zünfte zu
Quatember und zu anderen Zeiten solche Bäder für das Seelenheil
ihrer verstorbenen Mitglieder spendeten. Hoffen wir zum Besten der
im Fegefeuer schmorenden, daß es dabei sittsamer zuging, als im
Deutschland des 15. und 16. Jahrhunderts.
*
Hans von Schweinichen erzählt zum Jahre 1551 in seinen
„Denkwürdigkeiten“: „Allhier erinner ich mich, daß ich wenig Tage zu
Hofe war, badete die alte Herzogin, allda mußte ich aufwarten als ein
Junge. Es währt nicht lange, kommt ein +Jungfrau+, Unte Riemen
genannt, +stabenackend raus+, heißt mich ihr kalt Wasser geben,
welches mir seltsam vorkam, weil ich zuvor kein nacket Weibesperson
gesehen, weiß nicht, wie ich es versehe, begieße sie mit kaltem Wasser.
Schreit sie laut und rufet ihren Namen an und saget der Herzogin,
was ich ihr mitgespielt; die Herzogin aber lachet und saget: ‚Mein
Schweinichen wird gut werden.‘ Inmittels habe ich gewußt, was nacket
Leut sind, warum sie sich aber mir also erzeiget, wußte ich nicht für
was vor ein Ende.“
Wie Guarinonius erzählt, ging es noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts
in kleineren Städten, wie Hall in Tirol, recht paradiesisch zu. Es war
Brauch, halb oder ganz nackte Mädchen von 10-18 Jahren über die Straße
ins Bad zu schicken und sie von ganz nackten Burschen von 10-16 Jahren
begleiten zu lassen. Daß auch erwachsene Männer und Frauen sich ebenso
benahmen, ändert nichts an der Sache[217].
*
Eines Tages im Jahre 1185 stand König Philipp August von Frankreich
am Fenster seines Palais, als einige vorüberfahrende Wagen den
Straßenschmutz aufwühlten. Der sich dabei entwickelnde Gestank war so
furchtbar, daß der König, wiewohl doch an die Ausdünstungen seiner
Residenz Paris gewöhnt, +ohnmächtig wurde+. Er befahl darauf
Pflasterung einiger Straßen. Infolge vieler Verordnungen legte man
sich zwar im Verlauf der Jahrhunderte einigen Zwang auf im ferneren
Verunreinigen der Straßen, fuhr auch den Unrat fort, aber nur bis zur
Place Maubert, dem Marktplatz, der völlig verpestet wurde. Erst 1531
mußten die Bewohner von Paris zwangsweise Aborte und Senkgruben in
ihren Häusern anlegen. Bisher hatte man sich zumeist mit der Straße
beholfen, wie das im 17. Jahrhundert noch vielerorts in Deutschland,
z. B. in Hall in Tirol, Sitte war.
*
Als Kaiser Friedrich III. Tuttlingen besuchen wollte, ging es
nicht, weil die Stadt zu schmutzig war. Am 28. August 1485 ist er
in Reutlingen um ein Haar mitsamt seinem Pferde im Straßenschmutz
versunken. Schweine wurden überall in den deutschen Städten gehalten,
nicht nur daß man sie frei in den Straßen herumlaufen ließ, man brachte
ihre Kober auch nach der Straßenfront hin an. In Berlin wurde das erst
1641 verboten, erst 1681 aber wurde das Mästen der Borstentiere dort
überhaupt untersagt. Seit 1671 mußte jeder Bauer, der nach Berlin kam,
eine Fuhre Unrat mit aus der Stadt nehmen.
Die Verordnung des Nürnberger Magistrates von 1490, daß täglich ein
Knecht die toten Schweine, Hunde, Katzen, Hühner und Ratten auf der
Straße zu sammeln und vor das Tor zu bringen habe, begeisterte ein
poetisches Gemüt zu einem Jubelhymnus[218].
*
Im Jahre 1666 wurde eine Reinigung der Straßen von Paris vorgenommen.
Das war ein solches Ereignis, daß es nicht nur angedichtet wurde,
sondern man sogar +zwei Medaillen+ zu dauerndem Gedächtnis
schlug[219].
Noch im Jahre 1697 wurde polizeilich festgestellt, daß die Bewohner Tag
und Nacht aus ihren Fenstern alles schmutzige Wasser, Urin und Unrat
jeglicher Art auf die Straßen warfen. Wer das nicht tat, sondern sich
im glücklichen Besitze eines Abortes befand, bediente sich zu diesem
Zwecke einer allen gemeinsamen Grube, deren Inhalt von Zeit zu Zeit
in den Hausgarten entleert wurde! Das war im glänzenden Paris eines
Ludwigs XIV.[220]!
In Sicherheit vor Güssen war man nur in den breiten Straßen, wenn man
sich in ihrer Mitte hielt, wo ein schlammiger Rinnsal floß. Jeden
Augenblick öffnete sich ein Fenster, und wer das Unglück hatte, den
geheiligten Warnungsruf „gare l’eau“ zu überhören, über den ergoß sich
erbarmungslos der Inhalt eines Nachttopfes oder eines Schmutzeimers.
Es gab in der ganzen Stadt kein Fleckchen, wo man sicher vor solchen
Überraschungen war, noch wo man dem entsetzlichen Gestank hätte
entfliehen können. In Ermangelung von Aborten benutzte man alle
Straßenecken, die Umgebung der Kirchen, ja die Paläste, wie man heute
noch in Neapel ähnliches sehen kann. Im Palais de Justice stieß man
z. B. überall auf Exkremente, sogar der Louvre wurde nicht verschont:
in den Höfen, auf Treppen und Balkonen, hinter den Türen, überall wo
jemand gerade ein Bedürfnis fühlte, entledigte er sich am hellichten
Tage seiner Bürde, ohne daß die Palastbewohner sich darum kümmerten.
Heinrich III. war darin allerdings kitzlig: durch Verordnung vom
August 1578 befahl er, daß jeden Morgen, bevor er sich erhoben hatte,
die Fäkalien aus den Höfen und seinen Sälen gekehrt werden mußten! Er
hielt eben auf Reinlichkeit. Im übrigen roch es aber in den spanischen
und französischen Palästen noch zu Ludwigs XIV. Zeit zwar stärker wie
Rosen, aber nicht besser[221]. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts schlug
deshalb ein Bürger die Einführung von Nachtstühlen in den königlichen
Palästen vor.
*
Der Zustand der öffentlichen Hygiene hob sich auch im 18. Jahrhundert
in Paris nur sehr allmählich. Es kam vor, daß die schlecht angelegten
Abtrittgruben sich in die benachbarten +Brunnen+ leerten! Da
kleine Bedürfnisse noch das ganze Jahrhundert, ja bis tief ins 19.
hinein überall auf den Straßen verrichtet wurden, auch nach wie vor
Nachttöpfe ahnungslose Passanten mit ihrem Inhalt bekannt machten, gab
deren Aroma dem der Vergangenheit nicht viel nach. Noch 1780 mußte
unter Protest der Bewohnerschaft von der Polizei die Ausleerung von
Nachttöpfen usw. aus den Fenstern verboten werden!
*
Im Jahre 1701 fand man beim Leeren einer Abortgrube die Leiche der
Gattin eines Chirurgen, was aber kein Aufsehen erregte[222].
*
Noch im Jahre 1780 wurden die Straßen von Paris nicht selten durch
die stark angeschwollenen furchtbar stinkenden Gossen in zwei Hälften
geteilt, so daß man nur durch schwankende Laufbrücken die Kommunikation
von der einen Straßenseite zur andern bewerkstelligen konnte. Der
Inhalt dieser Gossen aber bestand aus einer schwarzen, übelriechenden
und scharfen Brühe, die Stoffe, mit denen sie in Berührung kam,
verbrannte. Daher das schöne Sprichwort: „Il tient comme boue de
Paris[223]“.
Bei Regen spien die Dachrinnen von jedem Hause herab ihr Wasser auf
Passanten und Straße, so daß man erst nach seinem Aufhören durch
über die Gossen gelegte Bretter den Übergang von einer Seite zur
andern ermöglichen mußte. Erst 1764 wurden diese freien Dachrinnen
verboten[224].
*
Zur Ritterzeit waren Nachttöpfe unbekannt. Wie man sich behalf,
geht aus einem Gedicht hervor: „Do quam der vrouwen eine Gegangen
alters eine Vür der +kemenâten tür+ Und wolte gerne da vür Sich
des wazzers erlâzen.“ Zu Aborten verwendete man offene Erker, die
zweifellos herrliche Aussicht gewährten, im übrigen aber recht luftig
waren. Um die in den Burggraben fallenden Fäkalien kümmerte sich kein
Mensch. Im Erfurter Schloß befand sich aber sogar eine Kloake, und
zwar gerade unter einem Saale. Das war entschieden nicht angenehm,
besonders nicht für Kaiser Friedrich Barbarossa und seine Paladine.
Denn als er dort im Jahre 1183 einen Reichstag hielt, brachen die
Balken des Saales, und eine Menge Leute stürzten hinein. Acht Fürsten,
viele Edele und über hundert Ritter fanden dabei ihren Tod, während der
Kaiser sich durch einen Sprung aus dem Fenster rettete.
Überhaupt stürzten Häuser oder Balkone außerordentlich häufig ein.
Nicht weniger als drei deutsche Kaiser, Ludwig der Fromme, Ludwig
der Deutsche und Arnulf, sind allein im 9. Jahrhundert bei dieser
Gelegenheit verletzt worden. Ebenso Heinrich III. im 11. und Heinrich
VI. im 12. Jahrhundert[225].
*
J. J. Rousseau brachte Stunden auf dem Nachtstuhle zu. Der Herzog von
Orléans erteilte hier, umgeben von seiner Dienerschaft, dem Herzog von
Noailles +Audienz+!
*
Als gelegentlich der Krönung Ludwigs XVI. in der Kathedrale von Reims
der Königin ein Appartement eingerichtet wurde, das man mit Closet
„à l’angloise“ ausstattete, also mit einer Art Wasserspülung, die
noch 1807 äußerst selten war, hielt man das für eine nicht mehr zu
überbietende Kriecherei[226]! Übrigens wurde das Wasserklosett bereits
im 17. Jahrhundert in England erfunden[227]!