durch die Gespräche, die Schweinichen in seinen Denkwürdigkeiten
verzeichnet. Nach einer kaum wiederzugebenden Unterredung mit dem
Herzog über die Gründe, die ihn verhindern, den Wünschen der Herzogin
von Liegnitz nachzugeben, hat er mit deren Freundin und Schwägerin,
einer Fürstin, folgendes erbauliche Zwiegespräch: „Die Frau Kurzbachin
Wittwe saget wider mich: ‚Ihr und euer Herr könnet nichts, man soll
euch alle beide ausschneiden.‘ Darauf gab ich Antwort: ‚Gnädige Frau,
wie käme ich dazu? Ich weiß nicht, was mein Herr kann, aber das weiß
ich von mir, daß ich es wohl kann, und da EFG. nicht glauben, so
+versuchen Sie’s+. Wann Sie es probieren würden, wollt ich wohl
sicher des Ausschneidens sein.‘ Da fing die Frau Kurzbachin an zu
+lachen+: ‚Wann ihr und euer Herr so thätig seid, +so hättet
ihr uns eines Theiles nächten drunten behalten+, daß wir heute
Brautsuppen gessen hätten; wir mußten aber unbeschnaubert wieder ’rauf
ziehen.‘ Ich gab zur Antwort: ‚Gnädige Frau, ich habe im Tanzen nächten
das meinige gethan, ich wollte im andern auch als ein gut Mann gethan
haben, daß ich ein gut Lob davon gebracht, wann es mir so gut hätte
werden wollen.‘ Die Frau Kurzbachin aber hielt auf dem ihrigen, ich
konnte nichts. Da bot ich ihr Trotz an, es zu versuchen, gab sie mir
die Antwort, +sie wollt mich tummeln, daß ich das Aufstehen vergessen
sollt+; dabei blieb es, Satis.“ (S. 157.)
*
Liselotte von der Pfalz schreibt unterm 25. August 1719: „Ich kann
nicht leiden, daß man mich an den Hintern rührt, denn es macht mich so
toll, daß ich nicht mehr weiß, was ich tue; ich hätte Mr. le Dauphin
schier eine brave Maulschelle gegeben, denn er hatte die schlimme
Gewohnheit, aus Possen, wenn man sich setzte, +einen die Faust mit
ausgestreckten Daumen unter den Hintern zu stellen+. Ich bat ihn,
um Gottes willen die Possen bleiben zu lassen, das Spiel mißfiel mir zu
sehr, und machte mich so bös, daß ich nicht gut dafür sein konnte, ihm
eine brave Maulschelle zu geben, daß ehr gethan als gedacht sein würde;
da hat er mich mit Frieden gelassen.“[182]
Der Dauphin würde kaum diese Flegeleien sich angewöhnt haben, hätten
nicht andere Damen des Hofes daran Gefallen gefunden.
*
Zimperlichkeit kann man überhaupt den damaligen Damen nicht vorwerfen.
Liselotte schreibt u. a. am 21. November 1720: „Wenn Mr. Law wollte,
würden ihm die französischen Damen wohl, mit Verlaub, den Hintern
küssen; sie sehen, wie wenig scrupuleux sie seyn, ihn pissen zu sehen;
er wollte Damen keine Audienz geben, weil ihm gar Noth zu pissen
war, wie er es den Damen endlich sagte, antworteten sie: +cela ne
fait rien, pissés et écoutés nous+, also blieben sie so lange bei
ihm.“[183]
*
Für Zustände und Briefton gleich charakteristisch ist der Brief der
Liselotte an die Kurfürstin von Hannover vom 9. Oktober 1694: „Vous
etes bien heureuse d’aller chier quand vous voulés; chiez donc tout
votre chien de sou. Nous n’en sommes pas de même ici, oû je suis
obligée die garder mon etron pour le soir; il n’y a point de frotoir
aux maisons du coté de la forest. J’ai le malheur d’en habiter une, et
par consequent le chagrin +d’aller chier dehors+, ce qui me fache,
parceque j’aime à chier à mon aise, et je ne chie pas à mon aise, quand
mon cul ne porte sur rien. Item +tout le monde nous voit chier+;
il y passe des Hommes, des femmes, des filles, des garçon, des Abbés
et des Suisses; Vous voiez par là, que nul plaisir sans peine, et que
si on ne chioit point, je serois à Fontainebleau comme le poisson dans
l’eau. Il est trés chagrinant que mes plaisirs soient traversés par des
etrons... Soyez à table avec la meilleure compagnie du monde, qu’il
vous prenne envie de chier, il faut aller chier...“ und so fort[184].
Die Kurfürstin antwortet unter dem 31. Oktober in derselben Tonart:
„.. Enfin vous avez la liberté de chier partout quand l’envie vous en
prend, vous n’avez d’egard pour personne, le plaisir qu’on se procure
en chiant vous chatouille si fort que sans egard au lieu ou Vous vous
trouvez, +Vous chiez dans les rues, Vous chiez dans les allées,
vous chiez dans les places publiques, vous chiez devant la porte
d’autruy+ sans vous mettre en peine, s’il se trouve bon ou non, et
marque que ce plaisir, est pour le chieur moins honteux que pour ceux
qui le voyent chier, c’est qu’en effet la commodité et le plaisir ne
sont que pour le chieur...“
*
Liselotte schrieb am 5. Mai 1716 über den +Dauphin: „Er hatte gern,
daß man ihm auf dem Kackstuhle entretenierte+, aber es ging +gar
modest+, denn man sprach mit ihm, und wandte ihm den Rücken zu;
ich habe ihn oft so entreteniert, in seiner Gemahlin Kabinett, die
lachte von Herzen darüber, schickte mich allzeit hin, ihren Herrn zu
entretenieren“[185].
*
Da Friedrich Wilhelm I. von Preußen mit schwermütigen Anwandlungen
zu kämpfen hatte, bewog ihn seine Umgebung 1728, einen Besuch bei
König August dem Starken zu machen, der wohl den glänzendsten Hof
damals in Europa hielt. Wie die Markgräfin von Bayreuth erzählt,
verabredete Grumkow mit König August, um den sehr sittenstrengen
preußischen König zu erheitern bzw. zu verführen, nach einem opulenten
Diner ein eigenartiges Attentat auf seine Tugend. Die beiden Könige
besuchten im Domino eine Redoute und gingen dort plaudernd von einem
Zimmer ins andere, bis sie in ein schönes und großes Gemach kamen,
„in welchem alles Gerät äußerst prächtig war, mein Vater bewunderte
alle diese Schönheit, als plötzlich eine Tapetenwand niedersank und
das befremdenste Schauspiel sich darstellte. +Ein Mädchen+,
schön wie Venus und die Grazien, lag nachlässig auf einem Ruhebette,
+in dem Zustand unsrer ersten Eltern vor dem Sündenfall+ zeigte
sie einen Körper, wie Elfenbein so weiß und schöner, als der der
mediceischen Venus.“ Die berechnete Wirkung auf Friedrich Wilhelm
blieb aus. Immerhin zeigt dieser Vorfall, was man selbst in relativer
Öffentlichkeit im galanten Jahrhundert wagte. Die ganze Angelegenheit
wird auch nicht harmloser durch die +Gegenwart des sechzehnjährigen
Kronprinzen+, nachmaligen Friedrich des Großen[186]!
Auch die öffentliche Sittlichkeit hat sich wesentlich erst seit der
französischen Revolution gehoben, wenigstens bei uns. In Halbasien ist
es so wie früher geblieben.
Nach Zeitungsmeldungen wurde vor einigen Jahren auf einem von König
Alexander von Serbien gegebenen +Hofballe+ ein +Korsett+
gefunden!
In Deutschland aber gibt es Scharen von Männern, denen
Unsittlichkeitsschnüffelei und Prüderie schon längst Rang und Titel von
Eunuchen honoris causa eingetragen haben sollten. Aber wahres Verdienst
wird eben nicht mehr gebührend anerkannt.
Neunter Abschnitt
Medizinisches
Im Anfang des 13. Jahrhunderts untersagte Papst Honorius III. aus
Mißachtung des ärztlichen Standes allen Geistlichen die Ausübung der
Heilkunde.
Auf der Würzburger Diözesan-Synode vom Jahre 1298 wurde den Geistlichen
nicht nur die Ausübung der Wundarzneikunst, sondern sogar die
+Gegenwart bei chirurgischen Operationen ausdrücklich untersagt+.
Dadurch wurde die Wundheilkunst mit einem Makel befleckt[187].
Noch im Jahre 1416 wies die Wiener Fakultät einen Chirurgen, der
sich zur Doktorwürde meldete, als unverschämten Menschen zurück.
Im Jahre 1456 graduierte sie jedoch einen Doktor der Chirurgie.
Immerhin mußte noch im Jahre 1577 Kaiser Rudolf II. ausdrücklich die
+Ehrlichkeitserklärung der Wundärzte wiederholen+[188].
Bis zum Jahre 1912 hatten in Bayern zwar die aus dem
Unteroffiziersstande hervorgegangenen Feuerwerksoffiziere
+Hofzutritt, nicht aber die Militärärzte, mit Einschluß des
Generalstabsarztes der Armee, der im Range eines Divisionskommandeurs
steht!+
*
Eine Lehre, die noch heute mancher Arzt befolgt, gibt Arnoldus
Villanovanus, der um das Jahr 1300 in Montpellier als medizinischer
Lehrer wirkte: „Weißt du bei Betrachtung des Urins nichts zu finden, so
sage, es sei eine ‚Obstruktion‘ der Leber zugegen. Sagt nun der Kranke,
er leide an Kopfschmerzen, so mußt du sagen, sie stammen aus der Leber.
Besonders aber gebrauche das Wort ‚Obstruktion‘, weil sie es nicht
verstehen, und es kommt viel darauf an, daß sie es nicht wissen, was
man spricht[189].“
*
Gegen Geisteskranke hatte man sehr nachdrückliche Mittel. Wurden sie
lästig, dann legte man sie ins Gefängnis, rasten und tobten sie, an
die Kette. Geisteskranke Fremdlinge aber schaffte man über die Stadt-
oder Landesgrenze, nicht ohne sie gehörig ausgepeitscht zu haben, damit
ihnen die Lust zur Rückkehr verging[190].
*
Der dicke Markgraf Dedo litt sehr unter der Fettsucht. Sein Arzt
bewog ihn dazu, sich den +Leib aufschneiden zu lassen+, um das
überflüssige Fett zu entfernen. Natürlich starb er (1190) an dieser
Prozedur[191].
*
Herzog Leopold von Österreich war am 26. Dezember 1194 bei einer
ritterlichen Übung vom Pferde abgeworfen worden und hatte den
Unterschenkel so unglücklich gebrochen, daß die Knochensplitter
eine Spanne lang aus der Haut hervorragten. Die herbeigerufenen
Ärzte ordneten das Nötige an, amputierten aber den Fuß nicht. Als
er am andern Morgen schwarz geworden war, galt die Amputation als
unerläßlich, aber niemand wagte sie vorzunehmen. +Da setzte der
Herzog selbst das Beil auf sein Schienbein, sein Kämmerer schlug
dreimal mit dem Hammer darauf+, und so wurde das kranke Glied
entfernt. Er starb am 30. Dezember. Nerven hatten diese Herren!
*
Als Kaiser Otto II. an einer der in südlichen Klimaten so häufigen
Verdauungsstörungen litt, nahm er -- natürlich auf ärztliche Anordnung
-- eine Dosis von 17½ +Gramm Aloe+, an der er auch starb. Ein
Bruchteil dieser Menge hätte schon seinen Tod herbeiführen müssen.
Kaiser Otto IV. starb nicht minder unromantisch. Im Frühjahr 1218 nahm
er, wie alljährlich, ein Abführmittel. Er vergriff sich in der Dosis,
ob aus eigenem Verschulden oder aus Schuld des Arztes, entzieht sich
unserer Kenntnis, und ging nach fünf Tagen kläglich zugrunde.
*
Nicht ohne einigen Humor ist das Abenteuer, das Albrecht I. widerfuhr,
als er beim Genuß von Fisch und Wildprett plötzlich von heftigem
Unwohlsein befallen wurde. Der Verdacht, vergiftet zu sein, war
groß und bei den damaligen politischen Methoden a priori auch nicht
unbegründet. Er ließ deshalb sofort Ärzte kommen, die mit Latwergen,
Theriak und Aromaten ihm vergebens zu helfen suchten. Da hing man den
Fürsten bei den Füßen auf, damit das Gift aus Augen, Ohren, Nase und
Mund herausrinnen könne! Begreiflicherweise verlor Albrecht bei dieser
Kur die Besinnung und -- ein Auge, dessen Stern durch die Wirkung des
Giftes oder der Heilmethode dauernd zerstört blieb. Auch behielt er
zeitlebens eine fahle Gesichtsfarbe.
Unterdessen hatten sich die zwei Edelknaben, die den König bei Tisch
bedient hatten, als sie sein Unwohlsein bemerkten, um den Verdacht
der Vergiftung von sich abzuwälzen, auf die inkriminierten Speisen
gestürzt, würgten sie hinunter und -- blieben gesund oder doch
jedenfalls am Leben. Danach gewinnt es den Anschein, als hätten die
Ärzte -- unter denen wir uns hier, wie in den obigen Fällen, nicht etwa
Stümper, sondern die ersten +Koryphäen+ ihrer Zeit zu denken haben
-- ihre Gewaltmittel nicht gegen Gift, sondern gegen ganz harmlose
Leibschmerzen angewandt.
*
Ein Jahrhundert später verfuhr man nicht wesentlich anders. Kaiser
Sigismund erkrankte bei der Belagerung von Znaim im Jahre 1404 heftig
an Gift zugleich mit dem 27jährigen Herzog Albrecht von Österreich,
der dem Anschlag auch erlag. Sigismund wurde von seinem Leibarzt
an den Füßen aufgehängt. so daß die Brust auf einem Kissen auf
dem Boden ruhte, um das Gift aus dem Munde abfließen zu lassen. In
dieser peinlichen Situation mußte der Fürst 24 Stunden aushalten.
Merkwürdigerweise überwand die starke Natur des nachmaligen Kaisers
sowohl Gift wie Heilmethode und er genaß völlig, wie der Arzt mit Stolz
behauptete, lediglich dank seiner genialen Kur.
*
Im ganzen Mittelalter ist die +Ehe mit Wahnsinnigen+ aus
politischen Gründen an der Tagesordnung.
*
Die Gemahlin Kaiser Maximilians I., die schöne Maria von Burgund,
ritt, obwohl bereits mehrere Monate guter Hoffnung, eine Jagd, stürzte
und starb an den Folgen. Ebenso ging Maria, Kaiser Sigmunds Gemahlin,
zugrunde. Die Rücksicht auf die Gesundheit wurde im Mittelalter
so völlig außer acht gelassen, daß man +gar kein Bedenken trug,
schwangere Frauen Jagden reiten zu lassen+.
*
Wie gering bis in die neuere Zeit die Achtung vor dem medizinischen
Wissen war, ergibt sich u. a. aus den Komödien Molières. Als Gil Blas
schwer erkrankt in einem Orte liegen bleibt, dünkt er sich gerettet,
weil dort kein Arzt sei.
*
Die +Leichenöffnung+ wurde vom Papst noch anfangs des 14.
Jahrhunderts untersagt, was allerdings den Senat von Venedig nicht
abhielt 1308 zu bestimmen, daß zum Zweck anatomischer Studien jährlich
eine Leiche geöffnet werde. In Prag wurde auch bereits unter Karl
IV. ein Verbrecher im Gefängnis „abgestochen“ und die Leiche zu
wissenschaftlichen Zwecken zergliedert. In Holland hob erst Philipp II.
im Jahre 1555 das Verbot, Leichen zu sezieren, auf, aber nur die von
Hingerichteten durften zu solchen Zwecken verwandt werden. Noch kurz
vorher war es für den Mediziner mit nicht geringen Gefahren verbunden,
sich in den Besitz von Leichen zu setzen. So erzählt Felix Platter
in seiner Selbstbiographie (S. 232 ff.), daß er 1554 frische Kadaver
heimlich ausgraben mußte. Die Sektionen nahmen nicht nur Ärzte, sondern
auch Maler vor. Die erste Frau wurde erst 1720 in den Niederlanden
seziert[192]. Dagegen hat Kaiser Ferdinand schon 1559 dem Arzt
Thurneyßer in Tirol eine Frau überwiesen, der die Adern geöffnet worden
waren[193].
*
Oswald Croll gab in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts folgende
Beschreibung zur Bereitung der +Mumienlatwerge+: „Man soll den
todten Cörper eines rohen, gantzen, frischen und unmangelhaften
24jährigen Menschen so entweder am Galgen erstickt oder mit dem Rade
justiciert oder durch den Spieß gejagd worden, bei hellem Wetter,
es sei Tag oder Nacht, erwehlen... in Stücke zerschneiden, mit
pulverisierter Mumia und ein wenig Aloë bestreuen, nachmals einige Tage
in einem gebrannten Wein einweichen, auffhenken, wiederumb ein wenig
einbeitzen, endlich die Stück, in der Lufft aufgehänkt, lassen trucken
werden, biß es die Gestalt eines geräucherten Fleisches bekommt und
allen Gestank verliert, und zeugt letzlichen die ganze rothe Tinktur
durch einen gebrannten Wein oder Wacholdergeist nach Art der Kunst
heraus.“ Aus dieser Tinktur wurde dann mit andern Arzneistoffen eine
höllische Latwerge bereitet, die vor der Pestilenz schützen und sie
heilen sollte[194].
*
Noch zu Ende des 18. Jahrhunderts las ein bekannter Arzt ein
+Publikum+(!) an einer deutschen Universität, das im Lektionskatalog
angekündigt war: „+De variis concubitus modis+“. Also sogar in die
intimsten Winkel von Amors Reich drang die Wissenschaft ein, sicherlich
nicht, ohne zahlreiche und begeisterte Jünger zu finden. Über dieselbe
Materie gab es bei den Griechen verschiedene Schriften unter den
Namen der Astyanassa, der Cyrene, Elephantis und Philänis, +lauter
Damen+! Bekannt sind Ovids Anweisungen in seiner Ars amatoria III, 771
ff.[195] und ein indisches Seitenstück, das an Wissenschaftlichkeit
und gründlicher Erschöpfung des Themas seinesgleichen sucht, ist
das Kamasutram des Vatsyayana, das Richard Schmidt aus dem Sanskrit
übersetzte.
*
In den Jahren von 1727-1762 herrschte in Frankreich eine merkwürdige
Massenepidemie, „Konvulsionen“ genannt, die den St. Medarduskirchhof
zu Paris zum Mittelpunkt hatte. Frauen, Mädchen, Kranke jeder Art
füllten den Kirchhof mit den angrenzenden Straßen und konvulsionierten
dort um die Wette. Frauen luden, lang hingestreckt, die Zuschauer ein,
+auf ihren Bauch zu schlagen+, und beruhigten sich nicht eher,
als bis 10-12 +Männer sich mit voller Gewalt über ihnen aufgetürmt
hatten+. Natürlich hatte diese fromme Seuche eine erotische Färbung
und trug nicht wenig bei, die sexuelle Zügellosigkeit zu verbreiten.
Bezeichnend dafür ist, daß die Frauen bei ihren Anfällen niemals andere
Frauen, sondern +stets Männer+ zur Hilfe riefen, und zwar junge
und kräftige Männer. Dazu kleideten sie sich höchst indezent, zeigten
stets Neigung zu adamitischer Entblößung, nahmen laszive Stellungen an,
warfen verlangende Blicke auf die zu Hilfe eilenden Männer, und es kam
vor, daß sie -- natürlich in ihrer Muttersprache -- mit lauter Stimme
riefen: Da liberos, alioquin moriar!
Die Frauen luden die Männer ein, „Bauch, Busen und ihre Schenkel zu
Promenaden zu benutzen“ und mit ihnen zu „kämpfen“. Die Folge waren
zahlreiche Entbindungen dieser sonderbaren Heiligen[196].
*
Daß die Flagellanten ähnlich sich gebärdeten, ist hinlänglich bekannt.
Bei den Geißelungen unterschied man zwei „+Disziplinen+“, die
„+obere+“ und die „+untere+“, letztere fand besonders bei den
Frauen den meisten Beifall.
Eine wesentlich anmutigere Manie herrschte in den deutschen
Nonnenklöstern im 15. Jahrhundert. Damals kam eine Nonne auf den netten
Einfall, eine andere zu +beißen+. Dieser gefiel der Spaß, und sie
biß wieder eine andere, bis schließlich das Beißen zu einer Epidemie
wurde, die sich mit rasender Schnelligkeit von einem Nonnenkloster zum
andern verbreitete; bald bissen sich alle Klosterkätzchen vom Belt bis
nach Rom[197]!
Viele von uns werden sich auch noch der Kußepidemie erinnern, deren
Opfer der Leutnant Hobsen war, der im spanisch-amerikanischen Kriege
sein eigenes Schiff „Merrimac“ in die Luft gesprengt hatte. Nach jedem
Vortrag, den der Arme hielt, stürzten sich die sonst so zurückhaltenden
amerikanischen Damen auf ihn, um ihn zu küssen.
In einem flandrischen Kloster fing plötzlich eine Nonne an in ihrem
Bett höchst befremdliche Bewegungen zu machen. Auch das steckte an,
und bald arbeiteten die Nonnen sämtlich des Nachts so heftig, daß
die Bettstellen knackten. Da sich das sonderbare Übel von Kloster
zu Kloster fortpflanzte, sah sich die Geistlichkeit gezwungen, von
Amts wegen einzuschreiten. Mit Weihwasser und Wedel gelang es auch --
wie ja nicht anders zu erwarten -- den +Teufel+ aus den Nonnen
auszutreiben[198].
*
Vielleicht können wir hier einiger anderer Manien gedenken, die zwar
ganz anderen Motiven entsprangen, auch keinerlei erotischen Einschlag
aufweisen, aber durch die weite Verbreitung und große Heftigkeit ihres
Auftretens den Charakter von Massenwahnsinn annehmen.
Im Byzanz des 5. Jahrhunderts wütete eine das ganze Volk beherrschende
Leidenschaft: die der +dogmatischen Spitzfindigkeiten+. Es ist die
Zeit der Dogmenbildung, eines Nestorius, und dieses Bestreben, eine
möglichst reine Lehre festzusetzen, ließ auch die unteren Volkskreise
nicht zur Ruhe kommen. Die Frage nach der Gottähnlichkeit oder
Gottgleichheit war ein allgemein mit größtem Eifer und Spitzfindigkeit
diskutiertes Thema, das jedes andere Interesse verdrängte[199].
*
Eine ähnliche, allerdings minder trockene Manie hatte die Araber
Spaniens für die +Poesie+ ergriffen. Das ganze Volk war von der
Leidenschaft des Reimens und Versemachens ergriffen, Lied und Spruch
ertönten überall. Dichter waren einflußreiche Ratgeber der Fürsten, mit
Ehren und Reichtum überschüttet; ein glücklich gefundener Reim, ein
feines Bild, eine kunstvolle metrische Wendung vermochten dem Urheber
eine glänzende Laufbahn zu erschließen.
*
Die Kreuzzüge als Massenpsychose zu bezeichnen, ließe sich
sicherlich rechtfertigen. Aber selbst wer davor zurückschreckte,
eine zwei Jahrhunderte anhaltende, mindestens eine Million der
tüchtigsten Krieger vernichtende Periode unserer Geschichte als
pathologische Erscheinung zu bezeichnen, wird nicht anstehen, dies dem
+Kinderkreuzzuge+ des Jahres 1212 in Südfrankreich gegenüber zu
tun. Damals zogen 30000 Kinder unter Führung des Hirtenknaben Etiennes
dem sicheren Untergang entgegen. Von den sieben Schiffen, die die
Kinder in Marseille bestiegen, gingen zwei unter. Die fünf anderen
gelangten nach Ägypten, wo die Kinder als Sklaven verkauft wurden.
*
Daß auch in unserer, anscheinend religiös so aufgeklärten Zeit noch
Massenpsychosen ähnlicher Art, wie Flagellantentum und Veitstanz
im Mittelalter möglich sind, möge aus folgendem hervorgehen: In
Morzine-Savoyen herrschte eine „Besessenheitsepidemie“ von 1857-1862;
im südlichen Baden die „Predigerkrankheiten“ von 1852 auf 53 und
im Jahre 1888 in Nilsiac in Finnland. Tanzseuchen grassierten im
Anfang des 19. Jahrhunderts in Abessinien, 1863/64 in Madagaskar
und 1868-73 bei den Lappen. Noch heute existiert die sich selbst
verstümmelnde Sekte der Skopzen in Rußland, der Duchoborzen in Kanada,
die splitternackt im eisigen Winter ausziehen auf die Suche nach dem
Heiland. Im Jahre 1896 beobachtete man eine Epidemie im Gouvernement
Kiew, die durch die Predigten einer verrückten alten Frau gegen
Vornahme einer Volkszählung hervorgerufen war. Dreißig Personen ließen
sich lebendig begraben und fanden so einen schaudervollen Tod.
Daß aber sogar in der Gegenwart in Deutschland religiöse Epidemien
vorkommen, lehrte uns das Jahr 1907. Damals wurden im „Blauen Kreuz“
in Kassel den ganzen Juli hindurch täglich religiöse Versammlungen
veranstaltet, wobei Verzückungszustände, Erleuchtungen und das
sogenannte Zungenreden eine Rolle spielten. Ein Rausch, eine religiöse
Extase bemächtigte sich der Versammlung. Mit Gesängen, lauten
Sündenbekenntnissen und Bußreden mischten sich unartikulierte Töne,
wildes Stammeln, Stöhnen, Schreien. Man erblickt verzerrte Gesichter,
rasende Gebärden, Menschen, die wie ohnmächtig zu Boden sinken und halb
bewußtlos um sich schlagen. Irgend jemand springt plötzlich auf und
stößt unverständliche Rufe aus, die der Versammlungsleiter dann als
Ausfluß überirdischer Erleuchtung deutet. Ein lauter Jubel erhebt sich,
man wirft sich auf die Knie, umarmt sich, Geständnisse entringen sich
den bebenden Lippen, Frauen behaupten Visionen zu haben, die Erregung
erreicht ihren Höhepunkt.
Schon nach wenigen Wochen hatte sich die Bewegung auf die Nachbarorte
Kassels verbreitet und zwar lieferte die Landbevölkerung das stärkste
Kontingent. Widerspruch oder Versuche der Aufklärung wurden in der
Versammlung dadurch beantwortet, daß man den Teufel hinauswarf. Da es
in den ersten Augusttagen zu schweren Schlägereien kam, wurden diese
religiösen Versammlungen hinfort von der Polizei verboten[200].
*
Der Engländer John Evelyn besuchte im Jahre 1641 die Kirmes von
Rotterdam und erzählt darüber in seinem Tagebuch: „Der jährliche Markt
oder die Kirchweih von Rotterdam war derart mit Bildern ausgestattet,..
daß ich überrascht war... Der Grund für diese Menge von Bildern und
ihre Billigkeit ist darin zu suchen, daß die Leute Mangel an Land
haben, um ihr Geld darin anzulegen, so daß es eine +gewöhnliche
Erscheinung ist, einen simplen Bauern+ 2000-3000 L. St. +auf diese
Weise anlegen zu sehen+. Ihre Häuser sind damit angefüllt, und sie
verkaufen sie auf ihren Jahrmärkten mit großem Gewinn[201].“ Es dürfte
in der Kulturgeschichte ein einzig dastehender Fall sein, daß +Bauern
ihr Vermögen in Kunstwerken anlegen+.
*
Den Türken verdankt Europa die Bekanntschaft mit der Tulpe, deren
erstes blühendes Exemplar der berühmte Conrad Geßner im Jahre 1559
im Garten eines Augsburger Patriziers sah. Wenige Dezennien später
war die schöne Blume in Europa verbreitet, und besonders in Holland
entstand eine solche Leidenschaft, seltene und wunderliche Abarten
und Farbenmischungen zu erzeugen, daß sie in der ersten Hälfte des
17. Jahrhunderts geradezu zu einer nationalen Katastrophe führte.
Man kaufte und verkaufte +Tulpen auf Zeit+ und Entrichtung der
Differenz zwischen dem vereinbarten und am Verfalltage notierten
Preise. Man zahlte für einzelne Zwiebeln bis zu 2000 hol. Gulden und
mehr; das ganze Volk war von diesem Spekulationsfieber ergriffen,
wohl dem ältesten seiner Art im christlichen Abendlande. Als 1637
plötzlich die Ernüchterung eintrat, waren große Verschiebungen in den
Besitzverhältnissen und nachhaltige Verkehrsstockung die Folge[202].
Eine ähnliche Manie knüpfte sich an die von Law im August 1717
gegründete „+Mississippigesellschaft+“. Die Leidenschaft für
deren Aktien war so maßlos, daß binnen eines Jahres statt 500 Livres
pro Stück 18000 angelegt wurden. Die Folge war Staatsbankerott und die
größte Börsenkrisis, die die Welt bisher gesehen hatte[203].
*