Im Jahre 1198 waren in einem Gefecht fünfzehn französische Ritter

gefangen worden. Richard Löwenherz ließ vierzehn +beide Augen

ausstechen+, dem fünfzehnten nur eines. Der Einäugige mußte seine

Unglücksgefährten ins französische Lager geleiten. Philipp August aber

rächte sich, indem er fünfzehn gefangene englische Ritter blenden

ließ[104].

Es war Kriegsgebrauch, die eroberten Städte und Burgen zu +zerstören+,

die Einwohner +nieder zu machen+ oder in die Gefangenschaft zu führen,

Frauen und Jungfrauen aber zu +vergewaltigen+. Mit Vorliebe wurden

+vornehme Frauen Troßknechten und Soldaten preisgegeben+. Und zwar

selbstverständlich auch in Kriegen und Fehden im +eigenen+ Lande und

von +Christen+ unter sich, keineswegs nur in solchen gegen Ungläubige,

die sich stets humaner benahmen, als die Verbreiter des Evangeliums der

Nächstenliebe.

Als Kaiser Sigismund 1412 im Kriege gegen die Venezianer das feste

Schloß Motta erobert hatte, ließ er einhundertundachtzig Männern +die

rechte Hand abhauen+[105].

Wie Benedikt von Weitmil (IV) erzählt, betrugen sich die Soldaten Karls

IV. in Böhmen, dem Lande ihres Herrn, wie folgt: „sie raubten den Armen

seine Habe, sein Vieh, marterten sie zuweilen, um Geld zu erpressen,

rissen den Weibern unbarmherzig die Kleider vom Leibe, taten den

Jungfrauen Gewalt an und verübten unendlich viel Böses[106].“

Im Jahre 1375 machten entlassene englische Söldner ihren zweiten

Einfall ins Elsaß. Wie sie sich benahmen, erzählt die Konstanzer

Chronik. „Item sy gewunnent vil stattly und burg und dorffer und

closter, und erstachent wip und man und kind, und furten die schonen

frowen mit in emoy, was sy dero fundent. stan sy zugent gen Brysach und

nach zu Basel und gen Burgonden und in Uchtland, und wustent, was vor

in was, lut und gut[107].“

Die Speierische Chronik berichtet über die Eroberung von Dinant im

Jahre 1466: „und als balde er die stat ingenam, do dottet er frauͤen,

man und kinder und warff sie über die muͤer uß in daz wasser, heißet

die Maß, und ertranckt ir auch gar vil dar in. er liß auch die stat

plundern und alz daz nemen, das dar inne waz. und dar nach liß er die

stat an stoßen und verbornen und die kirchen und huser und thorn und

muͤern gar zersleiffen, und macht ein eben felt dar uß und liß acker

und wisen dar uß machen.“ Es handelt sich um den Herzog von Charolais,

der auf die Bürgerschaft von Dinant sehr erbost war, weil sie ihn

für einen Bastard des Herzogs von Burgund erklärt hatte. Die Form,

in der diese Beschimpfung in die Erscheinung trat, ist auch überaus

charakteristisch für die mittelalterliche Roheit: Man hatte von ihm ein

Bild malen lassen, dieses an den Füßen aufgehängt und mit Kot beworfen!

Wie in Feindesland gehaust wurde, geht auch aus dem Schreiben der

Eidgenossen an den in Speier versammelten Städtetag hervor. Die

Speierische Chronik schildert die Greueltaten, die sich burgundische

Söldner 1474 im Sundgau zuschulden kommen ließen. Nachdem erzählt

wurde, wie sie Kirchen zerstört, Priester geschmäht und viele Menschen

getötet hatten, heißt es: „und besunder vil junger frawen und dochter

wider iren willen geschendt und gewaltiglich genotzugt, vil sugender

kind iren muttern ab der brust gezerret und die auch vil andern junger

knaben und dochtern, by trien, viern, funff ader mer jaren alt, usser

lant gefurt, den armen luten und mannen umb zytlichs guts willen an

iren heymlichen gemachten onmenschlich pin und groß martir angetan,

erlich frawen gewondet, dochter erstochen, by iren harn und zopffen uff

gehenckt, etlich frauwen +in der kirchen+ ir beyn von einander

gesperret und mit scharffen holczern in irn heymlichen gliddern gelt

gesucht, die deshalb auch gestorben sind, auch mit knaben und frauwen

erschroglich anmenschlich und annaturlich lesterlich sunden, nemlich

+in der kirchen+, uff dem kerner gewaltiglich begangen, derhalb

am gancz land under gen mocht, als auch umb dergleichen sunden ließ

versinken der allmechtig got Sodoma und Gomorra[108].“

Karl der Kühne ließ in Lothringen +alles gefangene Kriegsvolk

aufhängen+. Maximilian tat dasselbe, als er das Blockhaus von Galoo

bei Antwerpen erobert hatte: „und welche nit erschossen und erstochen

waren, dieselben +ließ er alle henken+[109].“

*

Plündern eroberter Städte war durchaus herkömmlich, ebenso war es

mit der ritterlichen Ehre zu vereinbaren, Gefangenen hohes Lösegeld

abzunehmen, dagegen war merkwürdigerweise die Ausplünderung einer

adeligen Dame dem Edelmann vom Ehrenkodex untersagt. Als Wilwolt

von Schaumburg nach dem Fall von Arras das Schloß erobert und den

Hauptmann gefangen hatte, brachte seine Frau freiwillig den Siegern

alle ihre Kostbarkeiten im Werte von 4000 Gulden. Da sagte Wilwolt:

„Wir Teutschen und vor aus von den Oberlanden, ob wir wol stet und

schlos gewinnen, pflegen keiner frauen oder junkfrauen, vom adl

geboren, nichts von irem geschmuck, zu irem leib gehörig, zu nemen, und

wo solichs ein edelman tet, würde er von seinen genossen sein leben

lang dester untreuer und unwerter gehalten. Darumb das jenig, so mir

zu teil wirdet, wil ich mein beut der tugenthaften frauen wider geben

und ir nichts verkern.“ Seinem Beispiel folgten dann auch, allerdings

widerstrebend, die welschen Hauptleute.

*

Nach dem Kriege war es oft schwer, die Soldtruppen wieder los zu

werden, zumal wenn sie den rückständigen Sold nicht bekamen. Aus dieser

Verlegenheit halfen sich die Ungarn 1492 auf sehr einfache Weise: Von

den 8000 ungelohnten Truppen +erschlugen sie+ 6000 und zwangen den

Rest, in Österreich Zuflucht zu nehmen. Da sie dort selbstverständlich

zur Gewinnung ihres Lebensunterhaltes rauben mußten, überfiel sie

Kaiser Friedrich III. 1493 und ließ 1100 Gefangene aufhängen[110].

Unter diesen Umständen kann man es den Söldnern nicht verübeln, wenn

sie höchst ungern ihren Kriegsherren den Lohn stundeten.

*

Die offiziellen Gewalten haben noch in neuerer Zeit an Grausamkeit

nichts zu wünschen übrig gelassen und zwar in Kulturländern, denn in

Rußland war und ist ja alles möglich, wenigstens alles Barbarische und

Viehische.

Oliver Cromwell erstürmte 1649 die irische Hauptfeste Drogheda und

ließ die +ganze Besatzung, über zweitausend Mann, niedermetzeln+.

Später folgte ein +gleiches Blutbad in Wexford+ nach. Nach

Beendigung des Krieges im Jahre 1652 war Irland verödet, fast die

Hälfte der Bevölkerung dem Schwert, Hunger und den Seuchen erlegen.

Andere Tausende waren ausgewandert, verbannt oder, nicht besser als

Sklaven, in die westindischen Plantagen verschickt[111].

*

Beim Rückzug der Jourdanschen Armee 1796 trug sich folgendes zu:

„Die Bauern mit Weibern und Kindern fielen über die zerstreuten

Haufen her, und +schlugen alles, was ihnen unter die Hände kam,

ohne Barmherzigkeit tot+. Jeder hatte ein erlittenes Unrecht zu

rächen. Die Ehemänner und Väter, welche durch die +Schändung ihrer

Weiber und Töchter+, die man oft vor ihren Augen begangen hatte,

aufgebracht waren, +schnitten den armen Franzmännern das Glied, womit

sie gesündigt hatten, lebendig vom Leibe+, und +schlachteten

sie dann, wie man Schweine schlachtet+. Die Wut der Bauern ging

anfänglich über alle Gränzen bis zur unerhörtesten Grausamkeit..“

*

Die +alten Griechen+ hatten bereits im 8. vorchristlichen Jahrhundert

Tempelvereine, Amphyktionien. Die berühmteste Amphyktionie war die

pylische, die im Anfang des 6. Jahrhunderts mit der delphischen

verschmolz. Diese aus mehreren Staaten bestehenden Vereine schworen:

„Ich will +keine amphiktionische Stadt zerstören, noch vom fließenden

Wasser abschneiden+, weder im Kriege noch im Frieden; verletzt eine

Gemeinde diese Bestimmung, so will ich gegen dieselbe zu Felde ziehen

und ihre Städte zerstören[112].“ Daß diese alten „Heiden“ danach

handelten, beweist das Verfahren gegen Athen nach dem furchtbaren

Peloponnesischen Kriege. Erst die Genfer Konvention ist nach fast zwei

Jahrtausenden des Christentums zu den amphyktionischen Grundsätzen

zurückgekehrt.

*

Der große +König Açoka+ von Magadha in Vorderindien (259-226

v. Chr.) erließ an seine Beamten als Richtschnur ihres Verhaltens

gegenüber den „unbesiegten Nachbarn“, also seinen wirklichen oder

möglichen +Feinden+ folgendes Edikt: „Der König wünscht, daß sie

sich nicht vor mir fürchten sollen, daß sie mir vertrauen sollen, daß

sie +durch mich nur Glück, nicht Unglück erlangen mögen+.“

Ferner sollen sie folgendes verstehen: +Der König wird von uns sich

gefallen lassen, was man sich gefallen lassen kann+..... jene

(die Nachbarn) müssen bewogen werden, Vertrauen zu fassen, damit sie

verstehen: „+Wie ein Vater ist der König zu uns -- wie er sich selbst

liebt, liebt er uns -- wir sind dem Könige wie seine Kinder.+“...

„Zu diesem Zwecke habe ich dies Edikt erlassen, damit die Beamten stets

sich bemühen, bei meinen Nachbarn Vertrauen zu erwecken und sie zur

Befolgung des Gesetzes (Buddhas) zu bewegen[112].“

Dieser selbe Açoka, der erst zum Buddhismus übertrat und ihm von ganzem

Herzen zugetan war, blieb so völlig frei von jedem Fanatismus, der

einst u. a. Karl den Großen zur Ehre des Christengottes 4500 Sachsen

bei Verden enthaupten ließ, daß er vor allem +Duldsamkeit+ gegen

Andersdenkende lehrt. Sogar dem Brahmanentum gegenüber wurde Toleranz

befolgt, und feindliche Handlungen unterblieben[113].

Damals konnte der Bauer zwischen kämpfenden Heeren sein Feld bestellen.

*

Als Mohammeds Nachfolger +Abu Bekr+ seine Truppen zur Eroberung

Syriens im 7. Jahrhundert aussandte, d. h. im Begriff war, einen der

in seinen Folgen gewaltigsten Kriege der Weltgeschichte zu führen, gab

er ihnen folgende Instruktionen: „Leute, ich habe zehn Dinge euch zu

empfehlen, die ihr genau beachten müßt. Täuschet niemand und +stehlet

nicht; handelt nicht treulos und verstümmelt niemanden, tötet weder

Kinder noch Greise noch Weiber, beraubt die Palmen nicht ihrer Rinde,

noch verbrennt sie, schlaget nicht die Fruchtbäume ab und zerstöret

nicht die Saatfelder, tötet nicht Schafe, noch Ochsen, noch Kamele+

außer für euren Lebensunterhalt. Ihr werdet Geschorene finden --

schlagt sie mit dem Säbel auf die Tonsur; ihr werdet auch Leute in

Zellen (d. h. Einsiedler) finden -- +laßt sie in Ruhe, damit sie in

der Erfüllung ihrer Gelübde fortfahren+[114].“

Es ist ausdrücklich überliefert, daß diese Instruktionen von den

„fanatischen“ Mohammedanern auch befolgt wurden.

Jedenfalls hätten die christlichen europäischen Truppen im Chinafeldzug

von 1900 sich daran ein Beispiel nehmen können.

*

Daß die weitesten Wanderungen auch bei den schlechten

Verkehrsverhältnissen des Mittelalters dem kühnen Abenteurer möglich

waren, lehrt das Beispiel +Harald Hardraades+, eines Kriegshelden

des 11. Jahrhunderts.

In der Schlacht bei Stiklestad in Skandinavien, in der sein Bruder

Olaf Thron und Leben verlor, verwundet, flüchtet Harald zu den

Stammesbrüdern nach Rußland, dann nach Apulien, ward hierauf

unerkannt in Byzanz Führer der Waräger und vollbrachte ein Jahrzehnt

lang an ihrer Spitze Heldentaten, die ihn bis Sizilien, Nordafrika

und Ägypten führten. Danach ward er in Rußland der Schwiegersohn

des Fürsten Jaroslaw und bestieg schließlich, nach dem Tode seines

Neffen Magnus, den Thron Norwegens. Sein Ende fand er beim Versuche,

das Angelsachsenreich an sich zu bringen, in der Schlacht bei

Stamfordbridge, nur 18 Tage vor dem Siege Wilhelms des Eroberers bei

Hastings (1066).

Er hatte also +ganz Europa+ vom äußersten Norden und Nordwesten

bis in den tiefsten Süden und Südosten, die Küsten Asiens und Afrikas

in seinen Gesichts- und Wirkungskreis gezogen und kann als Verkörperung

der normännischen Ausbreitung gelten, die den Horizont der Kreuzzüge

schuf[115].

*

Es war im frühen Mittelalter durchaus Sitte, daß dem Heere sich

Kaufleute, +leichtfertige Dirnen+ usw. anschlossen. Selbst an den

+Kreuzzügen+ beteiligten sich +Scharen dieser leichtfertigen

Weiber+, die militärisch organisiert, mit Keulen bewaffnet und sogar

mit eigenen Fahnen versehen gewesen sein sollen. Vom 2. Kreuzzuge,

auf den König Ludwig VII. von Frankreich aus guten Gründen seine

etwas flotte Gattin mitgenommen hatte, heißt es: „Dies Beispiel

befolgten viele andere Edelleute und nahmen ihre Gemahlinnen mit,

und weil da Dienerinnen nicht fehlen konnten, so befand sich in dem

christlichen Heere, das keusch sein sollte, eine Menge von Frauen.“

Auch im Heere Konrads III. fehlte es nicht an fahrenden Weibern, was

dem erbaulichen Lebenswandel der christlichen Glaubensstreiter nicht

eben Vorschub leistete. Deshalb wurde, als Heinrich II. und sein Sohn

Richard Löwenherz 1188 den 3. Kreuzzug antreten wollten, bestimmt, daß

„keiner auf die Wallfahrt irgendein Weib mitführen solle, außer einer

+Waschfrau+ zu Fuße, die unverdächtig sei.“ Wie „unverdächtig“

zu verstehen ist, wird nicht gesagt. Das kanonische Alter wird kaum

Bedingung gewesen sein. Genützt hat diese Bestimmung nicht viel, wie

auch der Erfolg der drakonischen Lagergesetze Friedrich Barbarossas

ziemlich problematisch blieb[116].

Noch zur Zeit der Landsknechte nahmen viele Weib und Kind mit ins

Feld und ins Lager. Die Ledigen litten auch nicht Mangel, denn ein

beträchtlicher Troß liederlicher Weiber folgte dem Heere und unterstand

der Disziplinargewalt des Troßweibels. Im Dreißigjährigen Kriege

schleppte z. B. ein Regiment von dreitausend Mann +zweitausend

Weiber+ mit, gegen die die Autorität der Obersten nichts ausrichten

konnte. Im Verlaufe des Krieges +übertraf der Troß die Zahl der

Kombattanten um das Drei- bis Vierfache+. Diese Weiber mußten für

die Soldaten alle Arbeiten verrichten und alle Strapazen teilen, dazu

eine harte und mitleidlose Behandlung erdulden. Die „Lagerkinder“

wurden oft mit den Müttern ins Elend gestoßen. Dann konnten sie

nichts anderes werden als Bettler, Diebe oder Räuber, im besten Falle

Soldaten, was aber damals auf dasselbe herauskam[117].

*

Sehr gemütlich war die +Kriegsführung der Italiener+ im 15.

Jahrhundert. Die Condottieri hatten „aus der Kriegsführung eine

Kunst gemacht, indem sie in solchem Maße temporisierten, daß meist

beide Teile verloren“. In der Schlacht bei Zagonara, „dieser in

ganz Italien berühmt gewordenen Niederlage“ wurde nur ein einziger

Mann getötet, aber nicht etwa durch Waffengewalt, sondern durch

Sturz vom Pferde und Ersticken im Schlamm. In der einen halben Tag

dauernden Schlacht bei Molinella fiel kein einziger. In der Schlacht

bei Anghiari, die von Lionardo in einem berühmten, leider verloren

gegangenem Karton verherrlicht wurde -- Rubens entwarf in Anlehnung

daran seine Reiterschlacht in der Münchner Alten Pinakothek -- soll

ein einziger Mann vom Pferde zertreten worden sein. Diese Machiavellis

„Florentinischer Geschichte“ entnommenen Daten sind zweifellos

übertrieben. Immerhin kennzeichnen sie die damalige Anschauung vom

Kriegswesen, die auf den Grundton gestimmt ist „Wie gewöhnlich

geschieht, siegte die Furcht“. Machiavelli faßt sein Urteil in die

Worte zusammen: „Nie gab es Zeiten, in denen der im fremden Lande

geführte Krieg minder gefährlich gewesen wäre, als in diesen.. Denn da

alle beritten, mit Rüstung bedeckt und vor dem Tode sicher waren, wenn

sie sich ergaben, +so war überhaupt kein Grund vorhanden, weshalb sie

sterben sollten+. Beim Kämpfen schütze sie die Rüstung; konnten sie

nicht mehr kämpfen, so ergaben sie sich“. „So wurde jene kriegerische

Tugend, die anderwärts durch langen Frieden unterzugehen pflegt, in

Italien durch die Lauheit der Kriegsführung unterdrückt.“

Die bei Caldana liegenden florentinischen Truppen hatten den Verlust

von 200 Troßknechten zu beklagen, die ins feindliche, neapolitanische

Lager +desertierten, weil der Wein ausgegangen war+! Aus diesem

triftigen Grunde wurde die +Belagerung auch aufgehoben+[118].

König Friedrich Wilhelm I. von Preußen war bekanntlich ein

leidenschaftlicher Freund und Sammler schöner großer Soldaten. Für

die Art, wie er sie sich zu verschaffen wußte, ist folgende Notiz

vom Jahre 1713 bezeichnend: „Die Werbungen sind sehr scharf vor sich

gegangen, jedoch aber haben S. Kön. Maj. +verboten, die Passagiere

auf den Posten nicht mehr anzuhalten, als wie etlichemal in der ersten

Hitze geschehen+.“ Im übrigen machte man im ganzen Lande förmliche

+Jagd auf Bürger und Bauern+; auf den Straßen, in den Feldern,

sogar +während des Gottesdienstes+ erfolgten die Aushebungen.

Als der Prediger Gottfried Arnold im Jahre 1714 in Perleberg eben

das +Abendmahl+ austeilte, drangen Werber in die Kirche ein und

nahmen junge Leute mitten aus der Kirche fort. Der Prediger alterierte

sich darüber derart, daß er zehn Tage später starb. Noch im Jahre 1720

wurden in der Mark Gemeinden während des Gottesdienstes von den Werbern

des Soldatenkönigs -- der im übrigen viel besser als sein Ruf war --

überfallen. Diese Vergewaltigungen führten endlich zu einem offenen

Aufstand: gerade die Tüchtigsten flohen in Scharen vor den preußischen

Werbewüterichen. Von solchen Flüchtlingen wurden die Industrien von

Elberfeld und Barmen begründet[119].

Mit List, Gewalt und Geld wurde +auch außer Landes+ der

Menschenfang betrieben. Karl Julius Weber, der berühmte Verfasser des

Demokrit, erzählt, daß sein Großonkel, der Theologie studiert hatte und

in Nürnberg als Hauslehrer lebte, bei einem Spaziergang von preußischen

Werbern plötzlich überfallen, geknebelt, in einen Wagen geworfen

und so nach Potsdam entführt worden sei, weil er 6 Fuß und 3 Zoll

maß. Dieser Gewaltstreich +kostete ihn sein ganzes Lebensglück+.

Solche Fälle waren an der Tagesordnung. Man fing sogar einen langen

katholischen Geistlichen, den nachher unter Friedrich dem Großen in

hoher Gunst stehenden gescheiten Abbé Bastiani, aus Welschtirol,

+als er gerade die Messe las+, ein, und selbst ein Mönch aus Rom

blieb nicht verschont und wurde in die blaue Garde gesteckt. Solche

Übergriffe ließen sich die Nachbarn auf die Dauer nicht gefallen. In

Hessen-Cassel wurden z. B. mehrere preußische Werbeoffiziere gehenkt.

*

+Kinder in der Wiege+, die lang zu werden versprachen, erhielten

eine +rote Halsbinde+ und die Eltern das Handgeld. Der Versuch

Friedrich Wilhelms, recht lange Gardisten mit recht großen Frauen

zusammen zu geben, um so recht lange Kinder zu erhalten, mißglückte zu

seinem großen Bedauern.

Die „lieben blauen Kinder“ durften nebenbei ein Gewerbe betreiben,

Bier- und Weinhäuser, Materialläden usw. halten, nur keine öffentlichen

Handarbeiten verrichten. Der König schenkte ihnen Geld und Grundstücke,

sogar +Kanonikate+ und stand bei ihren Kindern Gevatter.

Da die Kompagniechefs der preußischen Truppen verpflichtet waren,

ihre Mannschaften vollzählig zu erhalten, waren alle zu Werbungen

geradezu gezwungen. Die Chefs hoben +ganze Kolonien+ in den

zugewiesenen Werbedistrikten aus, +versetzten sie auf ihre Güter+

als „Ergänzungsmannschaften“, machten die kleinen zu Bedienten, Köchen,

Reitknechten usw., kurz führten in die preußischen Staaten eine Art

von +Faustrecht+ zurück. Erst das Kantonreglement von 1733 räumte

einigermaßen mit diesen unerhörten Zuständen auf[119].

Welcher Brutalitäten die Offiziere noch im 18. Jahrhundert fähig waren,

erhellt aus der Sitte der Garnison von Gaeta aus der +Hirnschale+

des dort als +Mumie+ aufbewahrten Herzogs Karl von Bourbon zu

+trinken+. „nachdem aber etlichemal Verdrüßlichkeiten und Unglücke

darüber und bey solcher Gelegenheit unter ihnen entstanden, so ist

solche Unordnung gänzlich untersaget worden.“ Erzählt Keyßler im Jahre

1730[120].

*

Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel, ein Fürst, der seine Residenz

zu einer der schönsten in Deutschland machte, gebildet, kunstliebend

und der Aufklärung zugetan -- also keineswegs ein mittelalterlicher

Tyrann -- +verkaufte im Jahre 1775 12800 Hessen den Engländern+

zum Gebrauche in ihren Kolonien. Bis zum Jahre 1782 wurden noch weitere

4200 Rekruten nachgeschickt. Dazu gab Hanau noch besonders 2400 Mann.

Da Hessen-Kassel damals 400000 Einwohner hatte, +verschacherte+

der Fürst +fast den zwanzigsten Teil seiner Untertanen+!

Die englischen Kommissarien kamen nach Kassel und besichtigten die

verkauften Menschen auf dem Markte, wie sie die Neger in Amerika zu

besichtigen gewohnt waren. Für jedes +Stück+ dieser armen Kerle

zahlten sie 100 Taler. Sie wurden auf der Weser eingeschifft und

Friedrich der Große erhob bei Minden von ihnen beim Passieren seines

Landes den üblichen +Viehzoll+! Die beste Verurteilung dieses

Systems.

Klagten die Eltern der verschacherten Leute, dann kamen die Väter in

die Eisenarbeit, die Mütter ins Zuchthaus. Wer desertierte, mußte zwei

Tage lang Spießruten laufen -- übrigens ein Kulturgeschenk Rußlands --

zwölfmal täglich, +zuweilen bis zum Tode+. Karl Justus Weber, der das

miterlebte, wurde von den Offizieren belehrt, daß das Gassenlaufen der

Gesundheit weniger nachteilig sei, als die alte Stockprügel!

+Von diesen 19400 Mann+ kehrten im Herbst 1783 und im folgenden

Frühjahr 11900 +zurück+. 7500 +Mann hatte der Krieg weggerafft+!

Merkwürdig ist, daß gleichzeitig -- eine Einwirkung der Aufklärung --

in Hessen die Tortur abgeschafft wurde und die einfache Todesstrafe nur

mehr höchst selten Anwendung fand.

Übrigens hatte sich der Menschenschacher bezahlt gemacht: Als Landgraf

Friedrich II. 1785 starb, soll er trotz seiner vielen Bauten und

Reisen und des großen von ihm betriebenen Luxus 56 Millionen Taler

hinterlassen haben[121].

Die englischen Subsidien, die Georg III. für die hannöversche Armee

gegen Frankreich zahlte, berechneten die Prämie für einen toten oder

drei verwundete Soldaten bei der Infanterie auf 28 Taler, bei der

Kavallerie auf 11 Taler. Dagegen wurden für ein totes Pferd oder drei

verwundete Pferde 90 Taler vergütet. +Ein deutscher Soldat wurde also

am Ende des 18. Jahrhunderts+ auf 11-28 +Taler bewertet, also ein

Achtel bis ein Drittel so hoch wie ein Pferd+. Gleichzeitig schätzte

der englische Nationalökonom William Petty den Wert eines Menschen auf

2888 Taler. Das waren allerdings auch Engländer![122]

*

Eines schönen Tages im Herbste des Jahres 1906 begegnete ein Hauptmann

auf der Landstraße in der Nähe Berlins einer vom Schießen heimkehrenden

Soldatentruppe. Er hielt sie an, hieß sie umkehren und mit ihm nach

Köpenick marschieren, wo er mit Unterstützung der requirierten

Polizei das Rathaus umstellen ließ. Dann begab er sich mit zwei Mann

zum Bürgermeister, nahm auf Grund einer gefälschten allerhöchsten

Kabinettsorder eine Visitation der Stadtkasse vor, ließ sich den Betrag

von 4000 Mark auszahlen, quittierte, verhaftete den Bürgermeister mit

dem Kassenrendanten und ließ sie per Wagen nach Berlin transportieren.

Der Bürgermeister ist veritabler Reserveoffizier, der „Hauptmann“

seines Zeichens Schuster, der lange Jahre seines Lebens hinter

Gefängnismauern zugebracht hatte. Daß eine Militärbehörde gegen

einen Bürgermeister als Zivilbeamten keine Maßregeln ergreifen kann,

bedenkt er nicht. Es hätte auch wenig genützt, denn wie die Soldaten

bei der Gerichtsverhandlung bekunden, hätten sie auf einen Wink des

„Hauptmanns“ hin den Vater der Stadt mit ihren Bajonetten durchbohrt.

Niemandem war es aufgefallen, daß der „Hauptmann“ alt und schäbig

aussah, niemandem, daß er unvorschriftsmäßig gekleidet war und in

Mütze statt im Helm seine Visitation vornahm. Keinem der Soldaten war

es eingefallen, den wildfremden Offizier nach seiner Legitimation zu

befragen. Ganz Europa lachte.

Welches +Ansehen+ muß der Militärstand in einem Lande besitzen,

daß so etwas möglich ist! Daß eine Uniform allein genügt, eine ganze

Stadt mitten im tiefsten Frieden zu alarmieren, die höchsten Behörden

widerstandslos zu verhaften! Daß alle diese Maßnahmen ungesetzlich

waren, wußte man natürlich auch in Köpenick, aber der Zauber der

Uniform brachte jede Regung der Vernunft zum Schweigen.

*

Kultur-Kuriosa, Erster Band · 第 6 / 18 段