Begrenzung. – Englische Gesandtschaft unter Harris. – Tadschurra.
– Zug durch die Adalwüste. – Salzsee. – Mord im Thale Gungunté. –
Versammlung der Eingeborenen. – Sklavenkarawane. – Myrrhen. – Der
Hawasch. – Der Grenzdistrikt. – Alio Amba, ein Marktort. – Empfang
beim Könige Sahela Selassié. – Die Hauptstadt Ankober. – Debra
Berhan, die Sommerresidenz. – Sklavendepot. – Truppenrevue. –
Angollala. – Schlucht der Tschatscha. – Medoko, der Rebell. – Das
Gallavolk. – Kriegszug gegen dasselbe. – Siegesfest. – Abschluß
des Handelsvertrags. – Rückkehr.
Schoa im weiteren Sinne umfaßt den Theil der abessinischen Hochlande,
welcher im Osten von der Adalwüste, im Süden vom Hawaschflusse und im
Westen vom Abai oder Blauen Nil begrenzt wird. Die unbestimmte Nordgrenze
machen muhamedanische Gallastämme aus. Im engeren Sinne versteht man
darunter jedoch nur den westlichen Theil dieser Hochlande, nämlich die
Distrikte Tegulet, Schoa Meda, Morabiétié, Mans und Gesche. Die östliche,
im allgemeinen als Ifat bezeichnete Abtheilung des Berglandes umfaßt
dagegen die Provinzen Bulga, Fatigar, Mentschar im Süden, Argobba im Osten
und Efra im Norden. Beide Theile sind infolge des fruchtbaren Bodens
ziemlich stark bevölkert, wozu noch das gesunde Klima und eine
vergleichsweise politische Ruhe beigetragen haben. Krapf schätzt die
Bevölkerung mit Einschluß der im Süden unterjochten Galla auf eine Million
Seelen. Quellen, Bäche, Flüsse und Seen sind zahlreich im Lande vorhanden,
das in Bezug auf seine Bodenbeschaffenheit mit dem übereinstimmt, was wir
im allgemeinen über Abessinien bemerkten.
In der Zeit, die wir in diesem Abschnitte schildern wollen, herrschte
_Sahela Selassié_ als Negus über Schoa. Er hatte den protestantischen
Missionär Krapf wie dessen Mitarbeiter Isenberg freundlich aufgenommen und
von Beiden viel über Englands Macht und Größe gehört, wodurch sich in ihm
der Wunsch regte, zunächst mit der Ostindischen Compagnie in ein
Freundschaftsverhältniß zu treten, so daß er schon am 6. Juli 1840 einen
Brief an den englischen Gouverneur in Aden sandte, in welchem er um die
Absendung einer Gesandtschaft an seinen Hof bat. Infolge dessen entschloß
sich die ostindische Regierung, seinem Wunsche zu willfahren und eine
ständige Gesandtschaft an ihn zu schicken, an deren Spitze Kapitän _W.
Cornwallis Harris_ stand, ein vorzüglicher Offizier, der sich bereits
durch seine Reisen in Südafrika, wo er bis in das Reich des Mosilikatse
vorgedrungen war, einen Namen gemacht hatte. Als erster Stellvertreter
wurde ihm Kapitän Graham, als Arzt Dr. Kirk, als Naturforscher Dr. Roth,
als Maler der Deutsche Martin Bernatz, außerdem fünf andere Europäer, zwei
Apotheker, ein Zimmermann, ein Schmied, zwei Sergeanten und fünfzehn
freiwillige Soldaten beigegeben. Mit reichen Geschenken für König Sahela
Selassié versehen, worunter sich auch eine Kanone und 300 Flinten
befanden, verließ die zahlreiche Gesandtschaft am 27. April 1841 Bombay,
besuchte zunächst Aden, das Gibraltar des Ostens, in Arabien, und schiffte
dann nach der afrikanischen Küste hinüber, um in der Bucht von
_Tadschurra_ Anker zu werfen. Die Bucht, in welcher die Schiffe lagen,
wurde ihrer Ruhe und Sicherheit wegen Bar el Banatin, der See der zwei
Nymphen, genannt. Sie reicht tief ins Land hinein, ist ziemlich eng und
von hohen Bergen umgeben, die ihr vulkanisches Gepräge deutlich zur Schau
tragen. Zugleich hat diese Bucht ethnographische Bedeutung als Scheide der
Danakil und Somalvölkerschaften. Am 18. Mai landete die Gesandtschaft und
empfing sofort den Besuch des Sultans der Stadt, des alten Muhamed Ibn
Muhamed. Eine häßlichere Erscheinung als diesen alten, magern, schmuzigen
Fürsten kann man sich kaum vorstellen; der Reihe nach bot er einem Jeden
seine mit ekelhaften Klauen versehenen Hände und ließ sich dann zum
Gespräch nieder. Er war in einen groben Baumwollenmantel, der einmal blau
gewesen war, eingehüllt, trug an einem Riemen den Koran um die Schulter
gebunden und war außerdem mit einem Säbel gegen seine leiblichen und mit
Amuleten gegen seine überirdischen Feinde versehen. Sein braunes,
durchfurchtes Gesicht zeigte eine Politur gleich Ebenholz und war von
einem weißen Bart umrahmt. Von ihm wurde zunächst die Erlaubniß erlangt,
nach Schoa vordringen zu dürfen, eine Erlaubniß, die gegenüber den Kanonen
der britischen Kriegsschiffe nicht gut verweigert werden konnte.
Der elende Ort Tadschurra war einige Jahre lang in den Händen der Türken,
nachdem diese Massaua (1527) erobert hatten, und aus ihrer Zeit stammt
auch noch eine zerfallene Moschee am Meeresstrande. Jetzt ist es eine
selbständige Stadt unter einem Sultan, der zeitweilig von den Sultanen der
gegenüberliegenden arabischen Küste abhängig ist. Fanatische Muhamedaner,
meist Danakil, bewohnen den Platz, welcher nur als Sklavenmarkt einige
Bedeutung hat. Ackerbau besteht nirgends in der Umgegend; jedermann ist
Krämer oder Händler und wird mit der Zeit durch den Sklavenhandel
wohlhabend. Der bedeutendste Handel findet mit Südabessinien statt, wohin
jahraus jahrein die Karawanen ziehen. Indische und arabische Manufakturen,
Zink, Kupfer und Messingdraht, Perlen und namentlich viel Salz werden dort
gegen Sklaven, Korn, Elfenbein und einige andere Erzeugnisse ausgetauscht;
allein Menschen und Salz bilden die Hauptartikel. Als Werthmesser gilt
auch hier der Maria-Theresia-Thaler vom Jahre 1780, als Scheidemünze
Lederstreifen, die zu Sandalen benutzt werden können. Außerdem nimmt man
im Handel Schnupf- und Rauchtabak, leere Flaschen, Spiegel, Knöpfe und
Perlen als Scheidegeld an.
Die gewöhnliche Klage der afrikanischen Reisenden, daß bei ihren
Unternehmungen die Abreise das Schwierigste sei, sollte sich auch bei der
britischen Expedition nach Schoa wieder als wahr zeigen. Das Verpacken der
Geschenke für den König, das Engagiren von Kameeltreibern, endlich aber
die Hindernisse, welche der Sultan von Tadschurra in den Weg legte, waren
schwer zu beseitigen und zeitraubend. Als dies jedoch Alles mühselig
überwunden, war das Jahr so vorgeschritten, daß man die Wüste gerade
durchreisen mußte, als in den Monaten Juni und Juli der feurige und
ungesunde Wind über die wasserlose Ebene von Südwesten her den Reisenden
entgegenblies. Unterdessen herrschte im Lager von _Dullul_, wo die
Gesandtschaft ihre Zelte am sandigen Seegestade aufgeschlagen hatte, große
Regsamkeit, um Alles vorzubereiten und das Gepäck zu ordnen und zu
vertheilen. Endlich waren 170 Kameele, welche die Karawane bildeten,
beisammen; Wasserschläuche und Maulthiere wurden für die Europäer gekauft,
und mit den Gefühlen, mit denen man eine Räuberhöhle verläßt, setzte sich
der Zug in Bewegung, um Tadschurra den Rücken zu kehren, dessen Bewohner
Harris die abscheulichsten und niederträchtigsten Menschen nennt, welche
die Erde bewohnen. Als Ras el Kafila oder Karawanenführer fungirte Isaak,
ein Bruder des Sultans von Tadschurra, der sich aber keineswegs als
zuverlässiger und tüchtiger Mann bewies. Der Zug ging anfangs längs dem
Meere bei Dullul hin durch das schroffe, zerrissene und wilde Gebirge,
welches die Bucht auf der Nordwestseite umgiebt. Der gähnende _Paß der
Isa_ war zunächst zu durchschreiten, welcher seinen Namen von dem
räuberischen Somalstamme der Isa empfangen hat, die in seinen Tiefen
manchen Mord ausführten. Ein Zickzackriß, hervorgebracht durch die
plutonischen Aeußerungen des Erdinnern, windet sich hier gleich einem
mythologischen Drachenleib durch die Eingeweide der Erde. Ungeheure
schwarze oder braune, vegetationslose Basaltklippen stehen senkrecht zu
beiden Seiten wie Mauern in die Höhe, bei deren Bau die Cyklopen thätig
waren, und durch diese wilde Scenerie eilte nun in wolkenloser heller
Mondscheinnacht die Karawane hindurch. Kein Ton außer den Zurufen der
Kameeltreiber war zu hören; schauerliches Dunkel lag auf dem Abgrund und
nur die Lanzenspitzen der Eingeborenen, die den Zug begleiteten,
glitzerten hier und da im Scheine des fahlen Mondlichtes – geisterhaft
bewegte sich die Karawane dahin; Schauder lag auf allen Gemüthern, und
erst als die Frühlichtstrahlen die gebrochenen Felsklippen vergoldeten,
wich die Pein von den bangen Gemüthern.
Weiter ging der Zug durch einsame Thäler, deren Boden mit zertrümmertem
basaltischen Gestein bedeckt war und die durch tiefe Schluchten und
Spalten die Gewalt der vulkanischen Kräfte bezeugten, welche hier einst
sich äußerten. Dann kam man zum _Assalsee_, dessen Ufer eine tänzelnde
Fata Morgana umgab. Der erste Blick auf dieses seltsame Phänomen war
keineswegs angenehm. Das elliptische Becken von etwa zwei deutschen Meilen
Länge war zur Hälfte mit ruhigem, tiefblauem Wasser, zur andern Hälfte mit
einer blendendweißen, glitzernden Salzkruste bedeckt, die durch
Verdampfung entstanden war. Von drei Seiten umgürteten hohe, brennendheiße
Berge dieses Seebecken, während auf der vierten Lavatrümmer und tiefe
Schlünde sich hinzogen. Alles Pflanzen- und Thierlebens beraubt, war die
Erscheinung dieser Wildniß von Land und stagnirendem Wasser, über dem ein
dumpfes Schweigen ruhte, ganz dazu geeignet, das Gemüth niederzudrücken.
Nicht ein Laut tönte an das Ohr, keine Welle spielte auf der Wasserfläche,
nur die brennendheiße Sonne setzte am wolkenlosen Himmel ihren Lauf fort
und sandte glühende Strahlen auf das todte vulkanische Land hernieder,
über dem kein kühlendes Lüftchen wehte.
In diesem höllischen Schlunde hatten Mensch und Thier in gleicher Weise zu
leiden. Nicht ein Tropfen Trinkwasser war weit und breit zu entdecken,
während das Thermometer selbst im Schatten der Mäntel und Schirme eine
Temperatur von 126 Grad Fahrenheit, d. i. 52 Grad Celsius oder 42 Grad
Réaumur zeigte! Fünfhundert und siebzig Fuß liegt das Becken des Assalsees
unter dem Spiegel des Meeres; kein Lüftchen weht dort, kein Obdach ist zu
entdecken, nur der weiße Widerschein der Salzkruste blendet das Auge. Die
lechzende Zunge hängt am Gaumen und empfängt keinerlei Labung von dem
warmen Wasser, das die Schläuche darbieten, jeder Schritt vorwärts ermüdet
Mensch und Thier noch mehr und zwölf lange Stunden dauert die Reise durch
das Seebecken – sie müssen zurückgelegt werden, wenn nicht der Tod über
den Wanderer kommen soll.
In einer Bucht des Sees waren Salzgräber damit beschäftigt, ihre Kameele
für die Märkte in Aussa und Abessinien zu beladen, wo das Salz einen
bedeutenden Tauschartikel ausmacht. Die Danakil betrachten die Ausbeutung
dieses Salzlagers als ihr unbestrittenes Monopol und verwehren jedem
andern Volke den Eingriff in dasselbe. In lange, schmale Säcke aus
Dattelpalmblättern verpackt, wird das Salz von hier nach Abessinien
gebracht.
Nachdem die traurige Einöde am Assal durchzogen war, überstieg man einen
aus Gyps bestehenden Hügelzug und gelangte in ein Thal, in dem man sich in
eine ganz andere Welt versetzt fühlte. Allerdings fehlte hier noch
Pflanzen- und Thierleben, aber ein kleiner Bach mit klarem Wasser ließ
diesen Ort wie ein Paradies erscheinen, und mit dankbarem Herzen ruhten
die ermüdeten Wanderer unter überhängenden Basaltklippen aus, die ihnen
Schatten spendeten. Hier am Flüßchen _Gungunté_ endigte der erste
Abschnitt der Wüstenreise. Der Zug durch die Einöde ist im Stande, die
Gesundheit des kräftigsten Europäers zu untergraben; von der herrschenden
Hitze bekommt man jedoch einen Begriff, wenn man hört, daß 50 Pfund gut
verpackte Stearinkerzen auf der kurzen Reise von Tadschurra bis Gungunté
so vollständig aus der sie bergenden Büchse herausgeschmolzen waren, daß
sich in derselben schließlich nur noch Dochte vorfanden! Selbst die
Danakil, welche doch von Jugend auf diese Gegenden kennen und an die
brennendheiße Lava dieser Tehama-Wüste gewohnt sind, bezeichnen die Gegend
am Assal-Salzsee nur als „Feuer“.
Jetzt nahten andere Gefahren, denn man war in dem Gebiete der über alle
Begriffe nichtswürdigen, mörderischen und räuberischen Stämme der Isa und
Mudaïto, deren ganzes Sinnen nur auf Mord und Plünderung geht. So
vorsichtig man auch das Nachtlager im Thale Gungunté eingerichtet hatte,
ein _Mord_ durch jene Scheusale in Menschengestalt konnte nicht verhindert
werden. Eine Stunde vor Mitternacht stellte sich plötzlich ein heftiger
Wüstenwind ein, der Alles mit Sand und Staub überdeckte. Einige schwere
Regentropfen fielen, dann aber war wieder Alles still. Diese Ruhe sollte
jedoch nicht lange anhalten. Ein wilder Schrei ertönte vom äußersten Ende
des Lagers her, panischer Schrecken ergriff die gesammte Mannschaft und in
wilder Flucht stürzten die Männer, die sonst keine Furcht kannten, durch
das Thal nach der Stelle hin, wo die Gesandten schliefen. Nur mit Mühe
gelang es, alle zu sammeln und dann nach der Ursache des Schreckens zu
forschen. Ein trauriger Anblick bot sich nun den Suchenden dar. Ein
Sergeant und ein Korporal von der indischen Armee, welche die Expedition
begleiteten, wälzten sich in Todeszuckungen in ihrem Blute. Dem einen war
die Halspulsader durchschnitten, dem anderen ein Stich in das Herz
versetzt worden, während nicht fern von ihnen ein Portugiese lag, der eine
fürchterliche Wunde quer über den Leib hatte, sodaß die Eingeweide
hervorquollen. Im Augenblick als der Alarm entstanden war, hatte man im
hellen Mondlichte zwei dunkle Gestalten an den das Thal einschließenden
Bergen in die Höhe klimmen und verschwinden sehen; trotz der Verfolgung
konnte man ihrer nicht mehr habhaft werden. Wahrscheinlich waren dieses
Isa-Somal, die das satanische Verbrechen aus reiner Mordlust begangen
hatten. Denn jedes Schlachtopfer, das wachend oder schlafend in die Hände
dieser Teufel in Menschengestalt fällt, giebt diesen das Recht, als
Ehrenzeichen eine weiße Straußenfeder in den fettigen schwarzen Haaren,
einen Kupferring am Arm und einen neuen Silberknopf am Heft des
Säbelmessers zu tragen. Jeder Mord ruft nach dem Gesetze der Blutrache
wieder einen Mord hervor, und so nimmt das Blutvergießen unter den Stämmen
der Danakil und Somal kein Ende.
[Illustration: Schlucht von Gungunté. Nach M. Bernatz.]
Am nächsten Morgen bestattete man unter Gebet und Flintensalven die Opfer
dieses schändlichen Mordes und zog dann auf der gefährlichen Straße
weiter. Drei Jahre lang war schon dieser Weg von Abessinien nach der
Seeküste durch solche Schurken förmlich geschlossen, die jeden
Durchziehenden kaltblütig abschlachteten, bis der junge Häuptling der
Debeni die Banditen ausrottete und die Straße wieder öffnete; jedoch ist
es nicht zu verhindern, daß einzelne Gegenden immer noch unsicher bleiben.
Viele Leute, welche die Karawane begleiteten, zeigten an ihrem Körper
Spuren großer, von den Wegelagerern empfangener Wunden.
Von nun an befestigte man das Lager des Nachts und stellte zahlreiche
Posten aus, die alle Herannahenden zurückweisen mußten. Im Thale Alluli
schien man den vorhergehenden Stationen gegenüber in ein Paradies gelangt
zu sein, denn hier traf man Bäume, Gazellen, Tauben und Ziegenhirten. Die
ersten menschlichen Wohnungen fand man jedoch erst weiter südwestlich in
Suggadera, das zum Lande der Debeni-Danakil gehört. Diese Leute sind
Hirtennomaden, die von Palmwein und der Milch ihrer zahlreichen Ziegen-
und Schafherden leben oder Kameele züchten und mit diesen Salz vom
Assalsee nach Aussa, der Stadt der Mudaïto, führen. Große Architekten sind
sie freilich nicht, aber die auf einer Basis von unbehauenen Steinen aus
Dattelpalmblättern erbauten Hütten erfreuten dennoch das Auge der Wanderer
als die ersten Wohnstätten, die sie seit ihrer Abreise sahen.
Wegen der großen Hitze zog man in der Nacht weiter, immer über schwarze
Lavafelder oder gelbe Sandflächen – ein trauriger Anblick, der noch
melancholischer durch die vielen zerstreuten Steinhügel wird, die über den
kaltblütig ermordeten Opfern der Isa von den Vorüberziehenden aufgethürmt
werden. Tamarisken, Kappersträuche und anderes mit Schmarotzerpflanzen
überzogenes Gestrüpp, in dem Vögel nisteten, unterbrach hier und da die
Einöde; auch Strauße ließen sich sehen; dann kamen Grasflächen,
Wasserplätze, Herden und Hirten, darauf Lavafelder, Bergzüge,
ausgetrocknete Thäler, Herden wilder Esel (_Equus Onager_),
Schwefelquellen als Zeugen der vulkanischen Thätigkeit des Bodens.
Im Thale _Amadu_ machte die Karawane bei einem großen Regenwassersumpfe
Halt, dessen grünes, von einer Legion Esel, Ziegen, Schafe und Rindvieh
verunreinigtes Wasser nichtsdestoweniger recht trinkbar erschien. Hier
hatten Leute vom Mudaïtostamme ihr Lager aufgeschlagen – ganz
nichtswürdige Schurken. Mit finstern Blicken schauten sie die weißen
Eindringlinge an und trieben ihre Fettschwanzschafe in die kühlende Flut,
in der die jungen Damen der Horde, nachdem sie sich selbst gewaschen, ihre
alten Lederschläuche reinigten, während eine alte magere Hexe ihrem Hunde
den Pelz in der Flut wusch. Alle diese Hirten gingen mit Speer und Schild
bewaffnet und kamen zum Zelte der Gesandtschaft heran, wo sie versuchten,
dies oder jenes Ding sich zuzueignen. Durch ihre Ueberzahl kühn gemacht,
begannen sie, den Karawanenführer Isaak zu fragen, mit welchem Rechte er
die Fremdlinge durch dieses Land führe, wo sie „Herren des Bodens“ seien –
doch als sie sahen, wie auf 250 Ellen Entfernung ein Stein von einer
Flintenkugel zersplittert wurde, fingen sie an, bescheiden zu werden.
[Illustration: Versammlung der Somal-Krieger.]
Ueber ein steiniges Tafelland, das mit nie enden wollenden Basaltblöcken
überstreut und mit Rissen durchzogen war, die Wasserpfützen bargen, zog
man weiter ins Land der Woéma, eines Danakilstammes. Wo Wasserläufe die
Einöde unterbrachen, zeigte sich der Klippschliefer (_Hyrax_) und ein
Baum, in der Form der Casuarina ähnlich. Im Killulluthale war der halbe
Weg von der Küste bis nach Abessinien zurückgelegt. Bewaffnete Eingeborene
der verschiedensten Stämme waren hier versammelt, um Berathung darüber zu
halten, ob man einer so großen Anzahl fremder Leute gestatten dürfe, bis
nach Abessinien vorzudringen, und die Mehrzahl war der Meinung, daß man
sie entweder zurückjagen oder umbringen müsse. Zugleich wurde die
Gelegenheit ergriffen, um über alte Streitigkeiten und Fehden zu
unterhandeln. Hunderte dieser Schurken saßen so von Sonnenaufgang bis zum
Untergang und wieder die liebe lange Nacht hindurch in größeren und
kleineren Kreisen beisammen, um zu berathschlagen. Während der langen
Unterhandlungen hockten sie bewaffnet mit aufrecht gehaltenen Speeren da,
senkten diese gemeinsam, wenn ein Entschluß gefaßt war, und schlossen,
nachdem ein Spruch aus dem Koran gebetet war, mit einem Amen die
Versammlung. Noch lebhafter gestaltete sich das Bild durch die Ankunft
einer _Sklavenkarawane_ aus Schoa. Es waren einige hundert Kinder von
verschiedenem Alter, die unter den dünnbelaubten Bäumen oder unter
Felsvorsprüngen Schutz vor den brennenden Strahlen der Sonne suchten.
Jedes hatte eine thönerne Wasserflasche bei sich und obgleich sie meist
bei guter Laune waren, konnten doch die Europäer, welche die heiße Wüste
jetzt durchzogen hatten, sich eine Vorstellung von den Qualen machen,
welche die armen Geschöpfe auf dem vor ihnen liegenden Wege auszustehen
hatten. Da jedoch die Behandlung in ihrer eigenen Heimat eine keineswegs
bessere war, so fanden die Sklaven ihre Lage ganz erträglich und begannen,
nachdem sie sich etwas von der Reise erholt, zu tanzen und zu singen. Die
meisten waren Christenkinder aus Guragué, von wo die so hoch gepriesenen
„rothen Aethiopier“ nach Arabien geliefert werden. Fast alle hatten
bereits, wenigstens der Form nach, den muhamedanischen Glauben angenommen
und schwuren beim Propheten.
Während der Zeit, daß die Expedition hier einen unfreiwilligen Aufenthalt
hatte, stand das Thermometer auf 112 Grad Fahrenheit (35½° R.) und die
zudringlichen, nach ranzigem Fett riechenden Eingeborenen drängten sich
mit großer Unverschämtheit in das Zelt der Gesandten, um dort die Luft
noch unerträglicher zu machen. Muhamedaner von der bigottesten Sorte,
verschmähten sie jedoch weder den Zwieback, noch den Kaffee der
„Christenhunde“ und bettelten bald um diese, bald um jene Kleinigkeit.
Unter den verschiedenen Stämmen, die an diesem vielbesuchten Wasserplatze
versammelt waren, befanden sich die _Adâl_ mit breitspitzigem Speer und
uralten Schilden, die _Küsten-Somal_ mit leichter Lanze und Buckelschild,
nicht viel größer als ein Schiffszwieback, ihre gefürchteten
Stammesbrüder, die mörderischen _Isa_, mit langem starken Bogen von
antiker Form und versehen mit einem Köcher voll vergifteter Pfeile. Sie
waren unter allen die malerischsten Gestalten; kühn hatten sie den
wallenden Mantel umgeworfen und lange rabenschwarze Locken wallten auf die
Schulter herab. Sie können als ein Räuber- und Jägervolk bezeichnet
werden. Viele unter ihnen besitzen gezähmte Strauße, die mit den Herden
zusammen weiden und des Nachts an den Lenden gefesselt werden. Diese
gigantischen Vögel werden mit viel Erfolg bei der Jagd auf wilde Thiere
benutzt; auch reiten die Isa auf Eseln, von denen der Jäger seine mit
Euphorbiasaft vergifteten Pfeile abschießt. Die Schilde, welche die
Danakil tragen, werden von den Isa aus dem Fell der Oryx-Antilope
verfertigt; auch handeln sie mit Straußenfedern. Die Art und Weise, wie
sie die erlegten Vögel zubereiten, ist sehr originell; sie schneiden dem
Vogel die Füße ab, wickeln dann das ganze Thier sammt Eingeweiden und
Federn in feuchten Thon und backen diesen in heißem Feuer; nachdem die
Thondecke entfernt ist, bleibt der saftige Braten zurück.
Nicht ohne große Mühe und Gefahr konnte nach einwöchentlichem Aufenthalt
die Gesandtschaft sich von den barbarischen Nomaden und dem traurigen Orte
losmachen, um ihren Weg fortzusetzen. Ueber kahle, steinige, von
Schluchten zerrissene Berge ging der Weg in südwestlicher Richtung weiter.
Lange Züge von Kameelen, Hornvieh, Schafen und Ziegen begegneten ihnen.
Alle Bürde trugen die Weiber und Kinder der herumziehenden Stämme, während
der faule Ehemann nur leicht mit Speer und Schild bewaffnet dahinschritt.
Der _Myrrhenbaum_ (_Balsamodendron Myrrha_) kam in der Nähe der
bienenkorbförmigen Hütten, auf die man jetzt öfter traf, häufig vor; seine
aromatischen Zweige liefern den Eingeborenen Zahnbürsten, welche sie in
der Säbelscheide tragen. Häufige Regen traten in der Nacht ein und
durchweichten die Reisenden bis auf die Haut; dann brausten wieder
Wüstenwinde daher, waren wasserlose Flächen oder mit vulkanischem,
scharfem Gestein übersäete Ebenen zu durchziehen – mit einem Worte, der
Weg war aufreibend, mühsam und beschwerlich im höchsten Grade. Selten nur
unterbrach eine Oase die Einöde, um dann gleich wieder vulkanischen
Gebilden Platz zu machen. Bei Saltelli traf man auf ein Feld _erloschener
Vulkane_, die, umgeben von Lavafeldern, in kegelförmiger Gestalt hier aus
den Eingeweiden der Erde hervorgebrochen waren. Einer dieser alten
Vulkane, der über 3000 Fuß hohe Aiullo, gilt als die alte Landesgrenze des
nun zerfallenen äthiopischen Reichs. Wüst und traurig war die todte
Umgebung dieser Berge – aber eine freudige Ueberraschung wurde den
Reisenden hier doch zu Theil, denn zum ersten Male erblickten sie an
diesem Orte in weiter, nebelhafter Ferne die blauen Gebirgsketten
Abessiniens. Ihren Weg verfolgend trafen die Gesandten immer mehr auf
_Myrrhenbäume_, und zwar auf zwei Arten. Diejenige, welche das beste Harz
liefert, ist ein zwerghafter Strauch mit dunklen, krausen, sägeförmigen
Blättern, während die andere, welche ein mehr balsamartiges Produkt
liefert, zehn Fuß hoch wird und helle, glänzende Blätter hat. Nach der
geringsten Verletzung fließt der milchige Saft in reicher Menge heraus und
erstarrt an der Oberfläche; wenn die Masse oft vom Stamme entfernt wird,
kann man im Januar und wieder im März große Mengen von einer Pflanze
gewinnen. Mehrere Loth der feinsten Myrrhe erhält man auf diese Art im
Vorbeipassiren leicht; dieselbe wird von den Vorübergehenden in einer
Höhlung im Schilde aufbewahrt und an den ersten besten Sklavenhändler
gegen Tabak vertauscht. Die Danakil geben die Myrrhe auch als Arznei ihren
Pferden ein, wenn diese infolge der Hitze an Erschöpfung leiden. In der
europäischen Medizin findet sie heutzutage nur noch geringe Anwendung; ihr
Ruf aber ist groß und alt; befand sich doch die Myrrhe unter den
Geschenken, welche die Weisen aus dem Morgenlande dem Christkinde
brachten!
Von dem Gipfel eines Hügels herab hatten die Reisenden endlich den
freudigen Anblick des _Hawasch_, des abessinischen Grenzflusses, dessen
Lauf durch einen dichten Baumgürtel bezeichnet wurde. Jenseit desselben
ragten kühn die Hochgebirge von Schoa in die Luft, und nach langen Leiden
winkte nun das Ziel. Das Schlimmste war überwunden.
Der Hawasch ist der zweitgrößte Strom Abessiniens. Er entspringt im Herzen
des Landes in einer Höhe von 8000 Fuß, wird von einer großen Anzahl
kleiner Ströme gespeist und fließt gleich einer belebenden Ader grün und
längs seiner Ufer bewaldet durch die brennend heißen Adâl-Ebenen, bis er
in den Lagunen von Aussa sein Ende findet und versandet. Je näher man dem
Strome kam, desto kräftiger wurde die Vegetation. Gummiausschwitzende
Akazien, Tamarisken zeigten sich und laut schreiende Perlhühner stoben bei
dem Heranziehen der Karawane auseinander; man mußte sich schließlich durch
das Dickicht förmlich durchwinden und stand nun, nachdem man so lange
durch wilde Einöden gezogen, vor einem großen, mächtig dahinrauschenden
Strome, der seine vom Regen getrübten Wasser wild dahinwälzte.
Die Stelle, an welcher die Reisenden den Fluß zu überschreiten hatten,
liegt mehr als 2000 Fuß über dem Ozean. Nach Art einer fliegenden Brücke
wurden zehn Flöße zusammengefügt und auf diesen die Kameele, das große
Gepäck und die zahlreichen Menschen übergesetzt. – Man war nun im
Königreich Schoa, doch immer noch im Lande wilder Muhamedaner, da die
christliche Bevölkerung erst weiter westlich beginnt.
Weil das Wasser des Stromes dick und schlammig aussah, begab man sich zur
Tränke nach einem nahegelegenen Weiher, der von hohen Bäumen umgeben war.
Inmitten desselben trieben Nilpferde ihr unheimliches Wesen; eins
derselben steckte seinen ungeheuren Kopf aus dem Wasser, sperrte den
mächtigen Rachen auf und brüllte, daß man es auf eine halbe Stunde Wegs
hören konnte; zum Lohn wurde ihm eine vier Loth schwere Kugel in den Kopf
gejagt, deren Einschlagen in den Schädel man deutlich vernahm. Das Thier
sank unter, wurde jedoch erst am nächsten Tage aufgefunden und von den
benachbarten Nomaden zerstückelt und verzehrt.
Mit leichtem Herzen sagte man den trüben Fluten des Hawasch Lebewohl und
zog der Hauptstadt entgegen. Diesseit des Flusses war das einzige
vorkommende Schaf das fettschwänzige, wolllose, nur mit Haaren bedeckte
Thier gewesen. Statt dessen traten nun die großen, fetten abessinischen
Schafe auf. Ziegen mit langen gewundenen Hörnern zeigten sich, von kleinen
fuchsartigen Hunden bewacht, in großen Herden. Große Flüge von
Heuschrecken, welche das Land kahl gefressen hatten, nahmen ihre Richtung
gegen Abessinien zu. Sie verdunkelten förmlich den Himmel und zogen gleich
einer finstern Wolke mit großer Schnelligkeit durch die Lüfte hin. In den
Wäldern waren Perl- und Rebhühner häufig, zusammen mit der Zwergantilope,
und die langentbehrte Jagd brachte in die Küche und die Lebensweise der
Europäer einige Abwechselung. Am Abend des zweiten Tages, nachdem der
Hawasch überschritten war, kam ein Reiter in das Lager der Gesandtschaft,
sah sich überall genau um, sprach dabei kein Wort und verschwand wieder
wie er gekommen. Es war ein Spion des Grenzhüters der Provinz Ifat, der
seinem Herrn Nachricht über die Fremdlinge bringen sollte. Diese
Erscheinung versetzte die begleitenden mißtrauischen Danakil in Aufregung,
denn sie argwöhnten sofort, der Herrscher von Schoa werde die Europäer
nicht empfangen.
[Illustration: Rachen des Nilpferdes.]
Ungeachtet ihres Abmahnens setzte man den Weg fort. Der _Mamrat_, „die
Mutter der Gnade“, mit seinem kuppelförmigen mächtigen Berghaupte, das
weit über die Wolken emporragte, erhob sich gleich einem gigantischen
Schlosse aus der Ebene und galt als Ziel, auf das man lossteuerte. Man
befand sich jetzt schon 3000 Fuß über dem Meere und stand am Eingange des
hauptsächlichsten, nach Südabessinien führenden Passes. Eine erfrischende
Brise wehte den Engländern entgegen, der Himmel war mit Wolken bedeckt und
das Klima so beschaffen, daß sie sich eher in der Heimat als unter die
Tropen versetzt glaubten. Berg über Berg, bedeckt mit herrlicher, üppiger
Vegetation erhob sich vor ihnen. Einer thürmte sich unordentlich über dem
andern empor; bis schließlich die letzten, mit einem glänzend weißen
Schneemantel bedeckten Spitzen sich in den azurblauen Lüften zu verlieren
schienen. Dörfer und Weiler schauten aus den grünen Baumgruppen hervor;
reiche Saatfelder erglänzten in der Sonne und zeugten von dem Fleiße eines
Theils der Bewohner.
Später erfuhr man, daß der Negus angeordnet hatte, eine Ehrenwache von
dreihundert Luntengewehrträgern solle die Gäste am westlichen Ufer des
Hawasch empfangen, allein der _Wulasma Muhamed_, d. h. der höchste dem
Grenzdistrikte vorstehende muhamedanische Beamte, der sich so gut wie der
König selbst dünkte, hatte die Garde zurückgeschickt, da ja die Ehre
Ungläubigen erwiesen werden sollte. Auch sonst legte dieser Beamte den
Fremdlingen allerlei Schwierigkeiten in den Weg, um sie vom Vordringen
abzuhalten, konnte schließlich jedoch bei der Festigkeit, mit welcher man
gegen ihn auftrat, nichts erreichen. Zum letzten Male waren die Kameele
beladen, um am 16. Juli 1842 in _Farri_, der Grenzstadt der Provinz Ifat,
einzuziehen. Haufen kegelförmig gedeckter Häuser, welche auf zwei Hügeln
zerstreut lagen, zwischen denen die Zollgebühren erhoben wurden, waren die
ersten permanenten Wohnstätten, welche die Wanderer seit ihrem Abmarsch
von der Küste als ein Zeichen des Fortschrittes begrüßten, denn bisher
waren sie nur auf Nomadenhütten getroffen. Sowol wegen der nun beginnenden
Hochlande, als wegen des kühleren Klimas wird hier das „Schiff der Wüste“,
das für die brennendheißen wasserlosen Ebenen geschaffen ist, als
Lastthier vollkommen unnütz und muß zurückgelassen werden. Damit lag aber
auch die Wüste nun zugleich hinter den Reisenden, und als die Danakil,
welche sie bisher begleitet, umgekehrt waren, waren auch die Leiden und
Schrecken des durchzogenen Terrains verschwunden. Menschen, Klima, Boden,
Thiere, Pflanzen – Alles war anders. Wie wenn ein Zauberer seine Ruthe
ausgestreckt und die Landschaft mit einem Schlage verändert hätte, so sah
man die Hochlande Abessiniens jetzt, überall nur Kultur bedeckte Flächen
statt der brennenden Wüsteneien. Jede fruchtbare Bodenerhebung war mit
einem friedlichen Weiler gekrönt, durch jedes Thal strömte rauschend ein
krystallheller Bach, schwärmten Herden. Die kühlenden Bergwinde wehten den
aromatischen Geruch von Jasminen und wilden Rosen herab, und im
schwellenden Rasen blühten Tausendschönchen und Butterblumen. Das Gepäck
schleppten jetzt 600 kräftige Muhamedaner, die auf königlichen Befehl von
den benachbarten Dörfern gestellt worden waren. Der König, so vernahm man,
war vor Ungeduld außer sich, die Gesandtschaft zu empfangen und die
schönen Geschenke zu besichtigen, welche sie mitbrachte.
Am Morgen des 17. Juli begann der Marsch in den Hochlanden. Frischer,
kühlender Wind wehte von den Bergen herab, die, nur zehn Grade vom
Aequator entfernt, dennoch eine Vegetation tragen, welche an nordische
Klimate erinnert. Steil führte der steinige Pfad bergan über Schlünde,
Thäler und Gipfel, eingefaßt von Farrnkraut, Hagebutten und Geisblatt; am
Abhange der Berge zogen sich Terrassen hin, die mit gut bebauten Feldern
bedeckt waren, und auf jedem Vorsprung stand ein Dörfchen, dessen Bewohner
herbeigestürzt kamen, um die neue Prozession, die Gäste des Königs zu
sehen, denen Freudenrufe entgegentönten. Die Frauen waren hier in rothe
Baumwollmäntel gehüllt, die einen angenehmen Gegensatz zu den ledernen
Schurzfellen der Damen in der Wüste darboten. In der 3000 Fuß über dem
Grenzorte Farri oder 5200 Fuß über dem Meeresspiegel gelegenen Marktstadt
_Alio Amba_, die auf einem scharfen Bergrücken sich erhebt, mußte wieder
ein längerer Halt gemacht werden. Der Ort besteht aus 250 Häusern mit 1000
muhamedanischen Einwohnern, die sich aus sehr verschiedenen Völkerschaften
rekrutirt haben. Der Berg, auf welchem Alio Amba liegt, ist nur einer von
den vielen tausend jähen Erhebungen, in welche das ganze Gebirge nach der
Seite der Ebene hin zerbrochen ist. Gleich schmalen Silberfäden strömen
durch die Schluchten zwischen grünen Gesträuchen und Feldern die Bäche
hin, und wo ein Fleckchen dem Pflug einzugreifen erlaubt, da stehen
Weizen, Gerste, Mais, Bohnen, Erbsen, Baumwollen- und Oelpflanzen
angebaut, ringsum liebliche Weiler, die hoch in die Berge hinaufragen und
sich allmälig am Mamrat, „der Mutter der Gnade“, verlieren. Dieser die
Gegend beherrschende Pik, der noch in Wolken verborgen war, als unten
schon Alles in Sonnenschein lag, ist mit einem dichten Walde von Nutzholz
bedeckt und erhebt sich bis gegen 13,000 Fuß über dem Meeresspiegel. Der
interessanteste Punkt in dieser Landschaft ist jedoch ein kegelförmiger
Berg, der mit dunklen Wachholderbäumen bestanden ist und ganz vereinsamt
sich erhebt. Auf ihm steht die Feste _Gontscho_, die Residenz des Wulasma
Muhamed, in welcher die drei jüngern Brüder des christlichen Königs –
Opfer eines barbarischen Gesetzes – zeitlebens gefangen gehalten wurden.
Die Gesandten waren gezwungen, in Alio Amba einen längeren Aufenthalt zu
nehmen, da der Negus verreist war; doch kam ein sehr liebenswürdiger Brief
von demselben an, welcher verhieß, die Fremden bald zu empfangen.
Unterdessen hatten die Europäer Zeit, den Ort und sein reges Marktleben
kennen zu lernen. An einem bestimmten Tage strömten schon kurz vor
Tagesanbruch scharenweise die Landleute in die Stadt, um Honig, Baumwolle,
Korn und Lebensmittel der verschiedensten Art zum Verkauf oder Tausch zu
bringen. Die Dankali-Kaufleute stellen Perlen, Metalle, gefärbte Garne und
Glaswaaren aus. Der wilde Galla kauert neben den Erzeugnissen seiner
Herde, während der muhamedanische Händler aus dem Innern Straußenfedern
oder andere Artikel bringt, die aus weit entfernten Gegenden stammen.
Baumwollen- und Zeugballen, Kaffeesäcke von Kaffa und Enarea liegen
überall umher. Zahlreiche Pferde und Maulthiere vermehren das Getümmel der
verschiedenen Völkerschaften, die hier durcheinander wogen. Fettig und in
ein schmuziges Baumwollengewand gleich einer ägyptischen Mumie eingehüllt
schreitet der Bauer aus der Umgegend zu dem Marktbeamten hin und bezahlt
sein Marktgeld, das in die königliche Kasse fließt. Hier geht lässig ein
Luntengewehrmann von der königlichen Garde umher; doch die Eifersucht des
Monarchen verbietet ihm, die primitive Waffe mit sich zu führen und sie wo
anders als in der königlichen Gegenwart zu tragen. Der Adal, der Räuber
aus den Küstenstrichen, tritt in die niedrige Hütte des Sklavenhändlers
aus dem Sudan, um dort die zum Verkaufe ausgebotenen Frauen und Mädchen
anzusehen; im rabenschwarzen Haare wogt die weiße Straußenfeder, das
Zeichen eines begangenen Mordes, und das Volk staunt das gekrümmte
Säbelmesser des Mannes an, der so kühn ist, keine sklavische Verehrung für
den großen Monarchen von Schoa zu zeigen. Mit Eiern und Geflügel drängt
sich ein Christenweib durch die Menge. Die Häßlichkeit ihres Antlitzes
wird durch das Ausreißen der Augenbraunen und das fetttriefende Haar noch
gehoben. Die freie, stattliche Miene der Orientalin, wie deren leichtes
graziöses Gewand fehlen ihr gänzlich, denn die Natur scheint sie
absichtlich vernachlässigt zu haben. Die Männer der abessinischen
Grenzprovinzen Argobba und Ifat, Muhamedaner dem Glauben nach,
unterscheiden sich durch verschiedene Sprache von den echten Abessiniern,
denen sie im Aeußern sonst gleichen, während ihre Frauen wie arabische
Zigeunerinnen aussehen; sie sind schöner, schlanker als ihre christlichen
Schwestern aus den Berggegenden und weniger fettig. Die Menge stäubt
auseinander vor einem christlichen Gouverneur, der, umgeben von
zahlreicher Dienerschaft, barfuß durch den dicken Straßenschmuz
dahinschreitet. Der dicke Bauch und das silberbeschlagene Schwert zeigen
zur Genüge seine Würde an, die durch den weißen, mit karminrothen Streifen
eingefaßten Baumwollenmantel überdies kenntlich ist. Die Anordnung seines
Haares hat den ganzen Morgen in Anspruch genommen und der üble Geruch der
ranzigen Butter, welche aus all den kleinen Löckchen hervorglitzert,
verpestet ringsum die Luft. Bis über das Kinn verhüllt, sieht man nur
seine Nase und die blutunterlaufenen, von nächtlichen Orgien zeugenden
Augen, aus denen er einen verwunderten Blick auf die weißen Ankömmlinge
richtet. Im blauen Gewande, mit fliegenden Locken kommt endlich auf
ziegendürrem Klepper der wilde Galla zu Markte; er bringt Honig und Butter
aus den grasreichen Ebenen seiner Heimat in die wild zerklüfteten Berge.
Der Schrecken und der Abscheu, welchen die Abessinier vor den von Mördern
heimgesuchten Küstenstrichen haben, sind die Ursache, daß fast der ganze
Handel von Alio Amba in den Händen der Danakil liegt, die vom Könige mit
aller möglichen Nachsicht behandelt werden. In jedem Monate langen
Karawanen von Aussa und Tadschurra an, die den Handel unterhalten und gute
Geschäfte machen – namentlich auch in Menschenfleisch, denn auch hier im
Süden des christlichen Reiches blüht der Sklavenhandel so gut wie im
Norden, und die Ausfuhr über Tadschurra ist noch bedeutender als jene über
Massaua.
Vierzehn Tage lang mußte die Gesandtschaft in Alio Amba zubringen, dann
war die Erscheinung des Oberkommandanten der königlichen Leibgarde das
erste Zeichen, daß sie weiter vordringen durfte. Die Zusammenkunft mit dem
Könige sollte an einem der nächsten Tage stattfinden, wenn die Kusso- oder
Bandwurmkur Seiner Majestät vorüber sein würde. Denn da gleich allen
Abessiniern auch der König ein Liebhaber von rohem Fleisch war, so litt er
infolge dessen stark an Eingeweidewürmern, von denen er sich durch
regelmäßig wiederholte Kusso-Kuren zu befreien suchte.
Nachdem das zahlreiche Gepäck auf die Träger vertheilt war, konnte man der
Marktstadt den Rücken wenden und die Reise im Hochlande fortsetzen. Die
gütige Natur hatte in verschwenderischer Fülle und Mannichfaltigkeit ihre
Gaben über das Land zerstreut und dadurch den lässigen Bewohnern die
meiste Arbeit abgenommen. Reiche Kornfelder längs des Weges wechselten mit
stillen Dörfern, blumigen Kleewiesen und krystallklaren, in Kaskaden
herabschießenden Bächen.
Das südliche Abessinien beginnt mit dem Distrikte Ifat am Fuße der ersten
Hügelkette, welche allmälig an Fruchtbarkeit und Höhe zunimmt. Heftige
Gewitterstürme, welche in der Regenzeit daherbrausen, werden in diesen
Gegenden oft zur Landplage; doch selbst unter den mächtigen Wasserfluten
lächelt noch das Land, und so entschieden steht es im Gegensatz zu dem
klimatischen und allgemeinen Charakter der heißen Zone, daß der entzückte
Wanderer sich in seine nördliche Heimat versetzt fühlen kann.
Langsam zogen die Reisenden fürbaß, der königlichen Sommerresidenz
_Matschal-wans_ zu, wo der Herrscher sie empfangen wollte. An einer
Stelle, wo der Weg eine Biegung machte, schoß die begleitende Garde
plötzlich ihre Luntenflinten ab, deren Donner ein freudiges Echo in den
Zurufen der erwartungsvoll zusammengeeilten, unten im Thale stehenden
Menge fand. Als der Pulverdampf sich verzog, fiel der Blick der Reisenden
auf die lieblich gelegene königliche Residenz, deren kegelförmige weiße
Dächer ihnen aus dunklen Cypressen und Wachholderbäumen
entgegenleuchteten.
[Illustration: Sahela Selassié, König von Schoa. Nach Harris.]
Durch grüne, blumenbedeckte Auen rauschte ein angeschwollener Strom,
während die majestätischen Bergriesen mit nebelumhüllten Gipfeln den
Hintergrund des prächtigen Bildes ausmachten. Vereinzelte Bauernhäuser
waren über die grüne Landschaft zerstreut, reiche Felder glänzten im
reifen Korn und donnernd, kleine Wasserfälle bildend, stürzten die
geschwollenen Wildbäche von den Felsen herab. Nach Verlauf einer Stunde
war Matschal-wans erreicht, wo eine zahlreiche Menschenmenge die Gäste
erwartete. Wild und ungestüm drängten sie sich heran, Alles war ihnen neu,
und gleich Menageriethieren starrten sie die weißen Leute an, die weit
über das Meer hergekommen waren, um dem großen Könige von Schoa Geschenke
darzubringen. Nachdem noch einige Förmlichkeiten erledigt waren, konnte
die Vorstellung stattfinden.
Endlich stand die britische Gesandtschaft auf der Schwelle des königlichen
Palastes und vor ihr öffnete sich die Empfangshalle. Rund in der Form und
ohne den gewöhnlichen abessinischen Pfeiler in der Mitte erhoben sich die
hohen, massiven Lehmwände des Gemaches, überdeckt mit Silberzierathen,
Doppelgewehren, runden Schilden und Luntenflinten. Persische Teppiche von
den verschiedensten Größen, Farben und Mustern deckten die Flur und
Scharen von Höflingen, Beamten und hohen Würdenträgern standen, bis zum
Gürtel entblößt, in respektvoller Haltung und Feiertagskleidung
ringsumher. In der Wand waren zwei Nischen angebracht: in der einen
loderte ein Feuer, während in der andern auf einer geblümten
Atlasottomane, umgeben von alten Eunuchen und jugendlichen Pagen, gestützt
auf hellfarbige Sammetpolster, Seine christlich-äthiopische Majestät
Sahela Selassié hingelagert war. Der Thürhüter (zugleich
Zeremonienmeister) stand mit einem Büschel Binsen in der Hand vor dem
Könige, um damit die genaue Entfernung anzudeuten, bis zu welcher man sich
der Majestät nahen durfte. Die Gesandtschaft trat ein, machte ihre
Verbeugungen vor dem Throne und ließ sich auf eben hereingebrachten
Stühlen nieder.
Der König war mit einer grünseidenen arabischen Brokatweste bekleidet, die
zum Theil von einem weiten, faltigen abessinischen Baumwollmantel mit
karminrothen Streifen bedeckt war. Vierzig Jahre, von denen achtundzwanzig
unter den Sorgen der Regierung verlebt waren, hatten seine dunkle Stirn
leicht gefurcht und das in hohe Löckchen frisirte reiche Haar etwas
ergrauen gemacht. Obgleich durch den Verlust des einen Auges etwas
entstellt, war der Ausdruck seiner männlichen Gesichtszüge doch offen,
angenehm und gebietend; aus dem ganzen Gesichte leuchtete jedoch jene weit
und breit anerkannte Unparteilichkeit des Herrschers hervor, die ihm
selbst unter den Danakil den Beinamen der „feinen Goldwage“ eingebracht
hatte.
Der Gesandte überreichte nun, in Goldbrokat und Musselin eingewickelt,
sein Beglaubigungsschreiben, worauf, nachdem dieses gelesen und anerkannt
war, die reichen Geschenke der britischen Regierung eines nach dem anderen
hereingetragen und vor dem Könige und den erstaunten Blicken der Höflinge
ausgebreitet wurden. Der schöne Brüsseler Teppich, der die ganze
Empfangshalle deckte, die Kaschmirschals und buntfarbigen gestickten
indischen Schärpen erregten allgemeine Bewunderung und wurden von den
Eunuchen dem König zur näheren Beschauung in den Alkoven gereicht.
Allgemeine Heiterkeit entstand bei der Produzirung einer Gruppe tanzender
chinesischer Figuren, und als dann die europäische Eskorte in voller
Uniform mit einem Sergeanten an der Spitze in der Halle aufmarschirte,
sich vor den Thron stellte, dort ihre Handgriffe machte und die Musikdosen
„_God save the Queen_“ spielten, erreichte die Freude und das Erstaunen
des Königs ihren Höhepunkt und er erklärte, nicht Worte finden zu können,
um seine Dankbarkeit auszudrücken. Hell leuchtete dann sein Gesicht, als
ihm dreihundert mit blitzenden Bajonneten versehene Flinten überreicht
wurden. Vor Verwunderung überfließend sagte er nur: „Euch wird Gott
belohnen – ich kann es nicht.“
Noch waren die Ueberraschungen jedoch nicht zu Ende. Auf einem freien
Platze am Fuße eines Hügels wurde eine große Scheibe aufgestellt und nach
dieser eine der mitgebrachten kleinen Kanonen gerichtet. Das grüne Thal
hallte von dem ungewohnten Artillerie-Kommandorufe wieder, und als nun der
Donner erschallte, als Vollkugeln und Kartätschen die Scheibe und die
Felsen zersplitterten, da brach lauter Jubelruf aus dem Munde des Königs
und tosendes Geschrei aus der Brust der gaffenden Menge hervor.
Schöne Komplimente von Seiten des Königs, Beglückwünschungen durch die
Höflinge und Beamten beschlossen an diesem Abend das ungewohnte
Schauspiel. Eine riesige, starkgepfefferte Fleischpastete, begleitet von
dem Wunsche, daß „des Königs Kinder es sich wohl sein lassen möchten“, war
der nächste Dank. Unerhört große Ehre geschah der Gesandtschaft jedoch
durch einen Besuch des königlichen Beichtvaters, eines Zwerges, so klein,
daß er ohne Schwierigkeit in der Pastete sich hätte verbergen können. In
faltige Gewandung und einen Turban eingehüllt, mit dem silbernen Kreuze
geschmückt, ließ sich der zwerghafte Priester, dessen ganzes Leben darin
bestanden, seinen Nächsten Gutes zu erweisen, in einem Sessel nieder und
hob an folgendermaßen zu reden: „Vierzig Jahre sind verflossen, daß Asfa
Wusen, der Großvater unsres geliebten Monarchen – sein Andenken ruhe in
Frieden – in einem Traume sah, wie rothe Männer aus Ländern von jenseit
der See gar merkwürdige und schöne Dinge in dieses Königreich brachten.
Die Astrologen, denen man befahl, diesen Traum zu deuten, erklärten
einstimmig, daß Fremdlinge aus dem Lande Aegypten während der erhabenen
Regierung Seiner Majestät nach Abessinien kommen würden und daß noch
mächtigere Fremdlinge zur Zeit der Regierung seines Enkels folgen würden.
Gott sei Preis und Dank, die Traumdeutung ist in Erfüllung gegangen. Meine
alten Augen haben nie solche Wunder als am heutigen Tage geschaut, und
während Schoa von sieben Königen regiert wurde, sind niemals solche
Mirakel in das Land gebracht worden.“
Der König verbrachte den größten Theil der folgenden Nacht inmitten seiner
Schätze, die so unerwartet sich vor ihm aufgehäuft hatten. Jeder neue
Gegenstand wurde mit der Wißbegierde eines Kindes untersucht und die
königlichen Schreiber hatten vollauf damit zu thun, auf Pergament ein
Verzeichniß all der schönen Dinge aufzunehmen, das dann im Staatsarchiv
aufbewahrt wurde. Die Gewehre, Munition und Kanonen wurden in das große
Arsenal geschafft, die Teppiche und Kuriositäten mit Inschriften versehen,
auf denen für künftige Geschlechter verzeichnet stand, daß diese Schätze
ein Geschenk rother Männer seien, die man „Gyptzis“ nannte und die „von
ferne“ gekommen seien. Am frühen Morgen erschien ein Hofpage, um
nachzufragen, wie die Gäste geruht hätten. Die Etikette erforderte zu
sagen, daß sie sehr gut geruht hätten; allein leider war das Gegentheil
der Fall, denn der Regen war in Strömen durch das Zeltdach gedrungen und
hatte die Schläfer arg belästigt. Noch schlimmer hatten die 600
requirirten Lastträger geruht. Ohne Nahrung und Obdach war der nasse,
durchweichte Boden ihre Lagerstätte gewesen. Als der Morgen graute,
schrieen sie laut nach Speise und sofort wurden ihnen einige Ochsen
überliefert. In wenigen Minuten waren die Thiere geschlachtet und
abgeledert; die Messer der wilden Menge wühlten in dem blutigen Fleische,
das Streifen auf Streifen verschwand, um nach echt abessinischer Art roh
verschlungen zu werden. Selbst die Eingeweide wurden nicht vergessen, und
in einer Viertelstunde war außer Hörnern, Hufen und Knochen von den Ochsen
nichts mehr übrig, sodaß selbst die Geier nicht einmal mehr einen Bissen
fanden.
Hierauf brach die Gesandtschaft auf, um nach der nahen Hauptstadt Ankober
zu reisen. Zuvor jedoch fand noch eine Audienz beim Könige statt. „Meine
Kinder“, sagte Seine Majestät, „alle meine Flintenträger sollen euch
begleiten, damit ihr in Sicherheit von dannen zieht. Was euer Herz nur
wünschen mag, sollt ihr erhalten; mich ausgenommen habt ihr keinen Freund
in diesem weiten Lande und ihr seid meinetwegen weit gereist. Doch will
ich euch geben, soviel ich kann. Aber auf mein Volk hört nicht, denn das
ist schlecht.“
Froh verließ man das feuchte Lager und zog, von den Soldaten begleitet,
durch lachende Kulturlandschaften dem nur anderthalb Stunden entfernten
Ankober zu. Auf die Felder und Wiesen folgte ein Wald von alten Bäumen,
voller Wachholder, die schon Jahrhunderte gesehen und deren düstere,
cedernartige Kronen mystisch im Winde rauschten. Wie in Europa, so
verstanden es auch die Abessinier, die schönsten Plätze zur Anlage von
Klöstern auszuwählen, und so traf man denn auch hier auf ein dem heiligen
Tekla Haimanot (13. Jahrh.) gewidmetes Kloster. Dreimal im Jahre, an
seinem Geburts-, Sterbe- und Himmelfahrtstage werden hier große
Festlichkeiten unterhalten.
Nachdem der Wald durchschritten war, erblickte man, auf einem grünen Hügel
erbaut, die 8200 Fuß über dem Meere gelegene Hauptstadt Schoa’s.
Unregelmäßig, bald groß, bald klein, wie Heuschober oder wie Scheunen
gestaltet, von grünen Einfassungen oder Staketen umgeben, zogen sich die
Häuser auf dem Scheitel oder am Abhange und in den Spalten des Hügels hin.
Diese Wohnungen beherbergten nach Harris’ Schätzung 12,000–15,000
Menschen. Auf dem höchsten, abgesonderten Theile des Hügels liegt der
unschöne, mit vielen thönernen Schornsteinen versehene und von Palissaden
umgebene Palast des Königs. An ihn schließen sich zahlreiche Hütten für
die Sklaven, Küchen, Keller, Vorrathshäuser und Kornmagazine. Bäume,
Büsche und zerklüftete Felspartien bildeten den Hintergrund, aus dem unter
Wachholderbäumen das Bronzekreuz der Kirche „Unsrer lieben Frau“
hervorleuchtete.
_Anko_ war eine Königin des Gallavolkes, welche diese Berggegenden nach
dem Einfall Granje’s bevölkerte und ihren Namen dem engen gewundenen Pfade
hinterließ, welcher das „_Ber_“ oder Thor zu den Vorstädten bildet. Daher
bedeutet _Ankober „Thor der Anko“_. Am Abgrunde hinziehend und kaum breit
genug für den Fuß des Maulthiers, kann man diesen Paß nur mit dem Gefühle
der Unsicherheit passiren, und wenige Stunden würden genügen, um ihn zu
verrammeln und die Stadt für jeden Feind unzugängig zu machen. Laute
Jubelrufe des versammelten Volkes begrüßten die Gäste, denen nun ein sehr
elendes Haus, das eher einem Heuschober als einer Wohnung für Europäer
glich, als Aufenthaltsort angewiesen wurde. Der Fußboden war so, wie ihn
Mutter Natur geschaffen und vom Regen durchweicht, und es bedurfte erst
vieler Arbeit, um die Hütte, über der man stolz die Flagge Großbritanniens
aufzog, bewohnbar zu machen. Als man die Thüre mit einem Teppich verhangen
hatte und die Nacht hereinbrach, regierte Finsterniß in dem Raume: die
Lichter waren unterwegs zerschmolzen und so bildeten denn die sparsam aus
den königlichen Vorräthen dargereichten, mit Wachs getränkten Dochte das
einzige Beleuchtungsmaterial der Gäste. Und diese elenden Kerzen waren ein
Handelsmonopol des Fürsten, gleich so vielen anderen guten Dingen. Um den
Aufenthalt recht ungemüthlich zu machen, stürzten Tausende von
blutdürstigen Flöhen über die Reisenden, die jetzt, nachdem sie die
Schönheit der Natur bewundert und vom Könige freundlich empfangen worden
waren, auch die Schattenseiten des Lebens in Schoa kennen lernen sollten.
In der Nacht brach unter Donner, Blitz und strömendem Regen ein gewaltiger
Sturm über Ankober los, der die Erde mit einer wahren Sündflut
überschüttete; jeder Fluß stieg, jede Gasse wurde zu einem rauschenden
Bache und tausendfältig hallte der Donner von den nahen Bergen wieder. Als
am nächsten Morgen die Sonne ihre Strahlen auf die Erde niedersandte,
entwickelte sich ein seltsames Schauspiel vor den Augen der Europäer. Tief
unten lag, wie ein Schneeschleier, eine undurchdringliche Dampfwolke in
den Thälern. Man stand über diesen Wasserdämpfen, aus denen nur die
Bergspitzen gleich schwimmenden Inseln hervorragten. Als diese Nebelbank
in die Höhe stieg, bedeckte sie Alles mit Feuchtigkeit und drang durch
Kleider und Mauern hindurch.
Abgesehen von den Unannehmlichkeiten, denen jeder sich aussetzen muß, der
in afrikanischen Landen reist, trafen die Gesandtschaft noch manche
speziell abessinische Uebelstände. Die nothwendigsten Lebensmittel waren
trotz der Fruchtbarkeit des Bodens nur schwierig zu erlangen; die
gemietheten Dienstboten taugten nichts, da jeder, der nur irgend kann,
sich Sklaven hält; Maulthiere waren gleichfalls kaum gegen die höchsten
Preise zu miethen, und für das kleinste Geschäft mußte eine Menge
kostbarer Zeit vergeudet werden, da diese selbst für die Abessinier
keinerlei Werth hat. Mit der Zeit wurde den aus Indien mitgebrachten
muhamedanischen Dienern der Aufenthalt zu langweilig; sie nahmen ihre
Entlassung und kehrten durch das heiße Küstenland nach Tadschurra zurück,
wobei die Hälfte von ihnen das Leben verlor. Die statt ihrer angenommenen
Abessinier zeichneten sich nur dadurch aus, daß sie unermeßliche Portionen
rohen Fleisches (Brundo) verschlangen und alle Monate einen Tag frei
verlangten, um mittels Kusso ihre Bandwurmkuren vollführen zu können.
Außerdem war ein besonderer Afero oder Janitschar ernannt worden, welcher
alle Schritte und Tritte der Fremden ausspioniren und darüber an den Hof
berichten mußte. Am gefährlichsten wurde den Gästen jedoch die Feindschaft
der unduldsamen Geistlichkeit, die mit eiserner Hand das Volk knechtete
und die Briten schlimmer als die Heiden ansah, zumal weil sie die langen
und strengen Fasten nicht hielten. Der Bischof von Schoa zeigte diese
Feindschaft ganz offen. Er sprengte das Gerücht aus, die Engländer seien
als Spione einer großen, jenseit des Meeres wohnenden Frau gekommen,
welche ihre Soldaten nach Schoa schicken wolle, um das Königreich zu
erobern und den abessinischen Glauben zu zerstören.
Während alle Klassen des Volks in Erinnerung an die Himmelfahrt der
Jungfrau Maria die strengen Fasten hielten, blieb inzwischen der König in
seiner Residenz Matschal-wans. Dort verzehrte er rohe Fische, die mit
Pflanzenöl und Pfeffer zubereitet waren, als Fastenspeise. Der Palast in
Ankober dagegen wurde von ihm zur Regenzeit gemieden, weil wegen dessen
hoher isolirter Lage die Blitze dort leicht einschlagen. Kamen die
Engländer mit Sr. Majestät zusammen, so pflegte er zu sagen: „Es giebt in
meinem Lande sehr schöne Dinge, welche in dem eurigen nicht sind, und
wieder umgekehrt habt ihr Dinge, welche wir nicht besitzen.“ Fortwährend
waren die Fremden mit allerlei Aufträgen des Königs beschäftigt: bald
mußten sie Luntenflinten repariren, Spieldosen ausbessern, bald
Kleidungsstücke oder Staatsregenschirme wieder herstellen, und das Alles
wurde zur Zufriedenheit des Hofes ausgeführt. Auch als der König einmal
unwohl war, wurden die Gesandten zu ihm berufen; er erhielt Medizin, doch
mußte diese zuvor in seiner Gegenwart gekostet werden, da er in
beständiger Angst vor Vergiftung schwebte. Obgleich er sich niemals ohne
Waffen zeigte und stets solche unter seinen Kleidern verborgen trug,
fürchtete er sich doch keineswegs vor seinen Gästen, die selbst mit
geladenen Flinten in seiner Nähe stehen durften, auch wenn keine Diener
bei ihm waren; bei diesen Zusammenkünften ließ er Porträts zeichnen, Pläne
zu Bauten entwerfen und Vorbereitungen zu Affenjagden machen. Magazine
wurden mit Granatschüssen in die Luft gesprengt, siebenläufige Pistolen
zuerst bei Hofe eingeführt und ihm ein großer Respekt vor den Windbüchsen
eingeflößt, deren Wirkung er für das Merkwürdigste erklärte, was er all
sein Lebtag gesehen hatte.
Wieder einmal waren die Engländer zum König beschieden, der mit ihnen über
einen Feldzug gegen die wilden Galla sprechen wollte. Schmiede und
Silberarbeiter saßen unter der Veranda der Residenz, Künstler malten
Miniaturen in die auf Pergament geschriebenen Psalmen, Sättel und allerlei
Kriegsgeräth wurden unter den Augen des Fürsten reparirt, Speere und
Flinten gereinigt – doch alle diese Handwerker wurden vom Könige schleunig
entlassen, um mit Harris einen Kriegsplan verabreden zu können, der
schließlich nicht ausgeführt wurde. So schlich der traurige Winter hin.
Unterdessen begannen die Händler, welche sich durch die Ankunft der
Engländer beeinträchtigt glaubten, gegen diese zu konspiriren. Allerlei
abenteuerliche Gerüchte gingen um. Die Gyptzis, so hieß es, verzehrten
Schlangen, Mäuse, Spinnen und ähnliche Thiere, und wären im Begriff, durch
magische Mittel das Land zu erobern. Die astronomischen Instrumente
erregten gleichfalls Argwohn; doch der König hörte nicht auf diese
Verdächtigungen, ja er drohte, den Verleumdern die Zungen ausreißen zu
lassen, und kümmerte sich auch nicht darum, als die Geistlichkeit ihn mit
dem Banne bedrohte. Die Zauberer Schoa’s glaubten dem gegenüber im
vollsten Rechte zu sein, wenn sie verkündigten, Sahela Selassié würde
wegen seiner Freundschaft gegen die Fremden noch Thron und Leben
verlieren.
Als der Winter vorüber war, brach der König nach _Debra Berhan_ auf, einer
Sommerresidenz, die jenseit der Bergkette im Westen liegt. Dorthin folgte
ihm auch die Gesandtschaft nach. Es war eine herrliche Gegend, die man
wieder durchzog, voller Sturzbäche, Klippen und schöner Bäume. An einem
Flüßchen traf man das einzige Maschinenwerk des Königreichs – eine rohe
Wassermühle, die ein durchreisender Albanese erbaut hatte; doch die
Priester erklärten dieselbe für ein Werk des Teufels, und nachdem die
Mühle drei Tage gegangen, wurde der Betrieb untersagt. So verfiel denn die
Teufelsmühle. (Vergl. S. 157.) Hinter derselben wurde der Weg rauher und
steiler; man gelangte auf den Kamm der Tschakaberge, welche die Zuflüsse
des Nil von jenen des Hawasch, das Stromgebiet des Mittelmeers und des
Indischen Ozeans trennen. Noch volle drei- bis viertausend Fuß ragte der
hohe _Mamrat_ über diese Wasserscheide empor; doch Schnee lag auf seinem
13,000 Fuß hohen Gipfel nicht, wie denn ein Wort für denselben südlich von
den kalten Bergen Semiéns in der Sprache der Eingeborenen fehlt. Wie
verschieden ist doch das Schicksal der Gewässer, die von dieser Bergkette
nach Osten und nach Westen zu eilen! Der Regentropfen, welcher auf die
nach Ankober zu gelegene Seite fällt, wendet sich nach kurzem Laufe dem
Hawasch zu, um mit ihm durch die durstige Adalwüste der Aussalagune
zuzurinnen. Ganz anders dagegen gestaltet sich die Pilgerschaft der
Gewässer im Westen. Dort finden viele kleine Bäche ihren Weg zur Dschumma,
die sich in den Abai, den Blauen Nil, ergießt, der, durch den Goldsand von
Fazogl ziehend, bei Chartum sich mit dem Weißen Flusse vereinigt, bei
Meroë, Theben und den stattlichen Pyramiden vorüberfließt und seinen
Beitrag zur Bewässerung Aegyptens oder der blauen Fluten des Mittelmeers
liefert!
Wiesen, auf denen Vieh weidete, kleine Ströme, über deren einen eine rohe
Steinbrücke, das hochgepriesene Werk eines Armeniers führte, folgten nun;
dann kam man in eine unwirthliche Gegend, eine Hochebene, die einst von
Galla bewohnt war. Nicht ein Baum oder Strauch, selten als Ausnahme ein
Kusso, war zu erblicken; doch sind spärliche christliche Ansiedelungen
hier entstanden, die von Hirten bewohnt werden. Dann ging es bergab, die
Gegend wurde wieder etwas freundlicher, und zwischen einigen grünen Bäumen
leuchteten die weißen Gebäude von Debra Berhan hervor. „Willkommen meine
Kinder, wie geht’s euch? Habt ihr eine sichere Reise gehabt?“ so lautete
der Empfangsgruß, und am Abend erquickte Brot, Honigwasser und saures Bier
die Gäste. Beim Schein der Lichter fand Abends Gesang und Tanz statt, und
mancher hohe Beamte legte sich berauscht zur Nachtruhe nieder.
Keine andere fürstliche Residenz kann in jämmerlicherem Zustande sich
befinden als Debra Berhan, „der Hügel des Ruhms“. Es besteht aus elenden
Gebäuden, deren ohne Mörtel zusammengefügte Mauern einzustürzen drohen.
Palissaden umgeben das Ganze und schließen den mit Rasen überzogenen
Audienzraum ein, der jedoch auch zugleich einigem Vieh zum Aufenthalt
dient. Hier hat der König eins seiner bedeutendsten _Sklavendepots_, in
welchem dem Besucher ein wahres Babel von verschiedenen Sprachen
entgegenklingt; auch die Gesichtszüge deuten auf verschiedene Rassen, und
nur die abessinische Kleidung ist allen gemeinsam. Da geht der riesige
heidnische Neger mit aufgeworfenen Lippen und blutunterlaufenen Augen
gleich einem schwarzen Herkules umher. Stark wie drei Gäule, trägt er eine
ungeheure Holzlast, welche zwei Abessinier nur mit Mühe bewältigen
könnten. Fünfzehn Maria-Theresia-Thaler hat der König für dies
ausgezeichnete Exemplar gezahlt, das fern vom Nil hierher verhandelt
wurde. Er hat hier ein ganz gemächliches Leben, vollauf zu essen und dient
als Holzhauer im Walde; in seine Lage hat er sich stumpfsinnig gefunden.
Anders der feurige Galla, der ihm folgt und in dessen Gemüth noch nicht
der Geist der Unabhängigkeit erloschen ist. Seine schlanke Figur und
gekrümmten Beine verrathen den wilden Reiter der grasigen Ebene.
Schwermüthig, mit gebeugtem Sinn, schleppt er seine Bürde und denkt an die
Savannen am Hawasch, seine Heimat. Unter der Aufsicht eines alten Eunuchen
nimmt eine Schar brauner Sklavinnen ihren Weg zum Flusse. Sie tragen
schwere irdene Wasserkrüge auf dem Rücken und singen leise ein trauriges
Lied, das wol von der Heimat erzählt, von Guragué. Es sind Christinnen,
alles schöne, schlanke Mädchen, weit schöner als ihre Tyrannen, das
rabenschwarze Haar ist mit gelben Blumen geschmückt und in den langen
Augenwimpern hängt eine Thräne der Wehmuth. – Hinter ihnen folgen einige
bevorzugte Damen, in Staatsgewändern mit rothem Rande – sie haben längst
das Andenken an ihr Land und ihre Verwandtschaft vergessen. Das sind die
königlichen _Braugesellen_; silberne Knöpfe in den Ohren, zu ungeheurem
Umfang auffrisirte Haare zeichnen sie aus; sie können plappern und
schwatzen soviel sie wollen, aber über einen gewissen Raum dürfen sie
nicht hinaus, das verbietet ihnen der begleitende Eunuch. Der eine
traurig, der andere froh – so leben die Menschen im Sklavenraume des
Königs. –
Ein Monat war in dem kühlen, aber angenehmen Klima zu Debra Berhan
verflossen, als der König beschloß, seine jährliche _Truppenmusterung_
abzuhalten, und zwar am Maskalfeste, dessen Bedeutung wir schon kennen
lernten. (Siehe S. 124.) Viehherden, vor Kälte sich schüttelnde Kameele,
die in das ihnen ungewohnte Bergland versetzt waren, lange Sklavenzüge
waren zusammengetrieben worden, um theils zur Nahrung, theils zur
Bedienung verwendet zu werden. Am Vorabend rückten mit Fackeln in den
Händen die königlichen Garden vor das Zelt Sr. Majestät, um dort zu Ehren
der Gesandtschaft einen Kriegstanz aufzuführen. Prächtig nahmen sich die
mit reichem silberbeschlagenen Reitzeug versehenen Rosse der Offiziere
unter den dunklen wilden Kriegern aus, die den amharischen Kriegsgesang
anstimmten und sich dann zur Ruhe begaben. Sehr unköniglich war das
Aussehen des Palastes beim Tagesanbruch und höchst unfürstlich die bei
Hofe herrschende Verwirrung. Unsauberkeit und knöcheltiefer Schmuz
herrschte ringsum; der Thürhüter zerschlug einen Stock nach dem andern auf
den Köpfen des herbeidrängenden heftigen Volkes, das nicht einmal still
wurde, als Seine Majestät sich in der Thür des Banketsaales niederließ.
Vor dem Throne verrichtete ein Schmied seine Arbeit weiter, ohne darauf zu
achten, daß ein Hagel von Staub und Kohlenasche auf den König niederfiel.
Zwanzig bleiche Eunuchen, die als Zeremonienmeister wirkten, führten die
Scharen der Vasallen, der Priester, Mönche, Weiber, Sklaven und Ackerbauer
zum Fürsten, der von jedem ein Geschenk empfing, sodaß Honig, Butter,
Perlen u. s. w. bald in großer Menge aufgestapelt waren. Die Scenen der
Unordnung wichen der höher steigenden Sonne und vor dem Erscheinen der
britischen Gesandtschaft, die in voller Uniform vor dem Könige aufzog, der
in Staatskleidung, von den Generalen der Reiterei, der Leibgarde und der
höheren Geistlichkeit umgeben, auf einem beweglichen Thronsessel dasaß.
Zunächst rückten nun dreihundert Mann auf den Schauplatz, die hoch über
ihrem Haupte Bündel abgeschälter und mit Binsen zusammengebundener Ruthen
trugen. Sie begrüßten die Rückkehr der Blütenzeit, „wenn die Flöhe
wiederkommen und die Fliegen erscheinen“, mit Gesang, der lauter und
lauter zum Kriegsrufe anschwoll. Die Bündel wurden dann auf einen Haufen
vor dem Throne niedergelegt, während die in Thierfelle gekleideten Führer
dieser Truppe einen Kriegstanz begannen, ihre Leute zum Gefecht
aufforderten und mit einem schrecklichen Geheul diese Exerzitien
schlossen.
[Illustration: Truppenmusterung des Königs von Schoa. Nach M.
Bernatz.]
Hierauf wurden die englischen Gäste zu einem mit bunten Teppichen
ausgekleideten Pavillon geführt, von dem aus der König mit seinen
Würdenträgern der Revue beiwohnen wollte. Im Hintergrunde standen dichte
Reitermassen, während in einer Entfernung von etwa 100 Schritten ein
großer Scheiterhaufen blattloser Weidenruthen auf dem grünen Rasen
aufgestapelt lag. Um denselben hockten unter ihren Schilden, gleich
Schildkröten unter ihrer Schale, lange Reihen Krieger; je drei hatten
große Feldschlangen von ungewöhnlichen Dimensionen mit Zündkraut und Lunte
zu bedienen. Nun begann die _Revue_ mit dem Aufmarsch der Leibgarde zu
Fuß, von der drei Viertel mit den geschenkten englischen Musketen
bewaffnet war. In vier Compagnien marschirte sie unter dem Gebrüll des
Kriegsgesanges auf, nicht wenig stolz auf die blitzenden, bisher in
Abessinien unbekannten Bajonette. Nachdem sie das Feld durchmessen,
kauerten die Krieger auf dem Grunde nieder, als wären sie in Bereitschaft,
anrückende Reiterei zu empfangen, während ein grauköpfiger Veteran tanzend
vor der Front ein Geheul zum Besten gab, das aus einer Wolfsschlucht zu
stammen schien und mit einer Salve beantwortet wurde.
Nachdem diese Truppe abgetreten war, rückte die glänzende Schwadron der
berittenen Lanzenträger, die Blüte der schoanischen Kavallerie, heran.
Kühn sprengte an der Spitze, auf schönem Roß, mit einem rothen Fell über
der Schulter, der Führer und hinter ihm, in einer Linie von fast einer
Viertelstunde Breite, die Schwadron. Nachdem er eine Anrede gehalten,
sprengten die stattlichen Reiter im Galopp vorüber nach dem Scheiterhaufen
zu, wo die großen Kesselpauken ertönten und die Feldschlangen losgebrannt
wurden. Jetzt aber wandte sich das Erstaunen der Versammlung den
Engländern zu, deren Artilleristen den bronzenen Dreipfünder, welcher von
Ochsen hierhergeschleppt worden war, bedienten. Als der Donner desselben
erschallte und weiße Rauchwolken in die Luft stiegen, wie man sie bisher
nur von brennenden Dörfern gesehen – da kannte die Verwunderung der
wilden, hier versammelten Galla keine Grenzen. Dreizehn in Löwen- oder
Leopardenfelle gekleidete Gouverneure führten nach und nach ihre Truppen
vor. Dann war die Revue beendigt und die ausgehungerten Offiziere, Edlen,
Höflinge und Geistlichen begannen mit wahrer Wuth über das rohe
Ochsenfleisch herzufallen und es in unglaublichen Mengen zu vertilgen.
Acht- bis zehntausend Reiter waren versammelt gewesen, und das Schauspiel,
das von Morgens 9 Uhr bis Nachmittags 5 Uhr währte, hinterließ einen
wilden und ungewöhnlichen Eindruck. Die Bewaffnung und das Reiten der
Leute war vorzüglich und unter guter Führung von ihnen Tüchtiges zu
erwarten. Als dann die Nacht herniedersank, da wurde dem Könige wie dem
Volke von Seiten der Engländer noch ein Schauspiel geboten, von dem jene
sich nichts träumen ließen. Prächtige Raketen stiegen zum tiefschwarzen
Himmel empor und zerplatzten, Leuchtkugeln entsendend, mit herrlichem
Lichte. Menschen und Thiere, Alles wurde rebellisch, und die Achtung vor
den Gästen, welche Kometen an den Himmel zaubern konnten, wuchs mehr und
mehr. Schließlich wurde der Scheiterhaufen aus Weidenruthen angezündet,
und die Fackelträger führten zu Ehren der Auffindung des heiligen Kreuzes
einen Tanz auf.
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_Angollala_, an der Gallagrenze, wurde etwa im Jahre 1830 gegründet und
vom Könige zur Hauptstadt des westlichen Theils von Schoa erhoben. Hierhin
begab man sich, nachdem das Maskalfest vorbei war, und 3000 Reiter
bildeten das Geleit des Negus, der auf einem reich gezäumten Maulthiere
ritt. Vier- bis fünfhundert runde Hütten mit rohen Steinmauern und
Strohdächern bedecken die Abhänge einer Anzahl flacher Hügel, die ein
großes Viereck einfassen. Auf der Spitze des höchsten Hügels steht der von
sechs Reihen Palissaden beschützte königliche Palast, aus dessen Mitte ein
zweistöckiges, finstres Gebäude hervorragt, das ein Albanese erbaute und
welches trotz seiner Mangelhaftigkeit in Bezug auf Architektur alle
übrigen Gebäude Schoa’s überragt. Doch hat es von Erdbeben gelitten, und
„Erdbeben“, so meinte Se. Majestät, „sind ein übles Ding, denn sie werfen
Häuser und Menschen um“.
Vor dem Palaste, zu welchem ein steiler Weg hinaufführte, begrüßte eine
dichtgedrängte Menschenmenge den König und seine Gäste mit lautem
Jubelgeschrei. Küchen, Vorrathshäuser und Brauereien lagen rings um das
Gebäude, das mit dem langen Banketsaale, der Audienzhalle, den
Frauengemächern und einzelnen Zellen ein merkwürdiges, aber keineswegs
imponirendes Ganze ausmachte. Der Despot führte seine Gäste in den ersten
Stock, zu welchem man auf einer Leiter gelangte. Auf dem Fußboden, der mit
frischem Gras bestreut war, brannte in einem eisernen Ofen ein Feuer, an
welchem sich behaglich mehrere Katzen wärmten, die in keinem königlichen
Palaste fehlen. Im Alkoven befand sich ein schmuziges Lager, und wenige
Flinten machten den einzigen Schmuck der kahlen, weißgetünchten Wände aus.
„Ich habe euch“, hub der König an, „hierhergeführt, um euch zu zeigen, was
mir fehlt. Diese Gemächer müssen ausgeschmückt werden, und ich wünsche,
daß euer Maler (Herr Bernatz) sie mit Elephanten, Soldaten und sonderbaren
Darstellungen aus eurem Lande verziere. Jetzt können meine Kinder sich
entfernen.“
Die Nächte, welche die Gesandten hier verbrachten, waren keineswegs
angenehm; sie froren ungemein und wußten sich kaum vor der Kälte zu
schützen; in der Frühe hatte regelmäßig weißer Reif die Wiesen überzogen.
Auch am Tage bot sich ihren Augen gerade kein liebliches Bild. Rings um
den Palast lag Schmuz, Asche und Kehricht knöcheltief oder in großen
Haufen. Halbwilde Hunde fallen am Tage die Menschen an und lassen in der
Nacht wegen ihres grauenhaften Gebells Niemand schlafen. Kurz vor
Sonnenaufgang weckt das Gekräh von tausend Hähnen die dennoch etwa sich im
Schlummer Wiegenden, und wer trotzdem noch nicht erwacht sein sollte, wird
durch das Gebrüll des um alle möglichen Dinge petitionirenden Volkes
aufgestört, welches unter dem Rufe „Abiet! Abiet! Meister! Meister!“ mit
dem Frühgrauen sich zum Palaste drängt. Lernten Harris und seine Gefährten
auch in Angollala manches Interessante kennen, so war der Aufenthalt
daselbst doch keineswegs angenehm zu nennen.
In der Umgebung Angollala’s befindet sich das Naturwunder Schoa’s, die
_Schlucht der Tschatscha_, zu welcher der König eines Tags seine Gäste
hinführte, doch war der Monarch an diesem Tage gerade schlechter Laune, da
sein Lieblingsroß, das er in der Schlacht einem mächtigen Galla-Häuptling
abgenommen hatte und das seinen Stall in der königlichen Bettkammer hatte,
durch die Unvorsichtigkeit eines Pagen umgekommen war. „Was denkt ihr von
meinem Galla-Graben? Habt ihr etwas Aehnliches in eurem Lande?“ so redete
der Herrscher seine Gäste an, als er sie an Ort und Stelle geführt hatte,
und in der That ließ sich schwerlich eine großartigere und schauerlichere
Naturscenerie denken, als sie die Schlucht der Tschatscha zeigte. Die
grünen Wiesen des Distriktes Daggi sind hier auf eine seltsame Weise durch
niedrige, kahle Hügelketten durchsetzt, zwischen denen kleine Bäche dem
tief unten gähnenden Erdriß zuströmen, welcher den Boden gleich einem
gewaltigen Spalt durchzieht. Felsig, zerrissen und scharfkantig sinkt
dieser Schlund plötzlich 1000 bis 1500 Fuß tief und über eine
Viertelstunde breit urplötzlich in der Ebene nieder. Seine aus felsigem
Gestein bestehenden Seitenwände sind dünn mit zartem Moose und
süßduftendem Thymian überzogen, und nur wenige armselige Hütten sind auf
einzelnen vorspringenden Terrassen der Wände angebracht, die sonst in
ihren düstern Höhlen den Wölfen und Hyänen Schlupfwinkel darbieten,
während hoch oben über dem gähnenden Abgrunde Geier und Adler ihre Kreise
in weiten Bogen ziehen. Der Aberglaube des Volks bevölkert aber den Spalt
mit allerlei Unholden, während der König nicht mit Unrecht in ihm die
beste Schutzwehr gegen die jenseit desselben wohnenden Galla sieht. Tief
unten auf dem Boden, nur mit Schwindeln anzusehen, murmelt in tausend
kleinen Wasserfällen gleich einem Silberfaden die Tschatscha hin, um ihren
Tribut dem mächtigen Nil darzubringen. Da, wo die Schlucht sich etwas
erweitert, liegen die königlichen Eisenwerke von Gurejo. Hier wird auf
rohe, echt afrikanische Art durch ein einfaches Ausschmelzen ein ziemlich
gutes Eisen gewonnen.
[Illustration: Empfang des Negus beim Einzuge in Angollala. Nach M.
Bernatz.]
In einen dunkelgrünen Wachholderhain eingehüllt, erhebt sich auf einem
Hügel am jenseitigen Ufer das stille Städtchen _Tscherkos_, dessen
Einwohner einst alle, Mann, Weib und Kind, über tausend an der Zahl, in
einer einzigen Nacht von den wilden heidnischen Galla unter Führung des
Rebellen _Medoko_ hingeschlachtet wurden, zur Rache für eine ihm am Hofe
zu Ankober widerfahrene Beleidigung. Der stolze schöne Mann, auf den alle
Frauen des Landes mit nicht geringer Bewunderung schauten, trat einst vor
den König hin, brachte ihm 10 herrliche Streitrosse, 500 Ochsen, 20
Sklaven und zwei große Körbe voll Silberthaler, die gnädig angenommen
wurden. Aber die Hand der Prinzessin Worka Ferri, um die er darauf bat,
wurde ihm abgeschlagen und er selbst schnöde mißhandelt; der Beichtvater
des Königs trat ihm in das Gesicht, daß das Blut herunterlief, und die
Staatsfestung Gontscho nahm ihn auf. Wie durch ein Wunder entkam er wieder
zu seinen Galla, die, seinem Rufe folgend, in hellen Haufen herbeieilten
und Tscherkos nebst seinen Einwohnern verbrannten. Unter der Führung ihres
Königs rückten nun die Schoaner aus, und bei Angollala kam es zur
blutigen, lange schwankenden Schlacht. Medoko unterlag und floh in die
geheiligten Asylräume des Klosters Affaf Woira, wo er sich sicher wähnte.
Da erschien dort eine feierliche Prozession, welche dem Rebellen die
Verzeihung des Königs überbrachte und ihn wieder zu Hofe kommen hieß.
Medoko folgte der Stimme zu seinem Unglück. Neuer Verrath wurde gegen ihn
gesponnen, und eines Nachts traten sechs Verschworene an sein Lager, um
ihn mit ihren Schwertern zu durchbohren. Noch einmal sprang der
verwundete, riesenkräftige Löwe auf, ein Blutbad unter seinen Mördern
anrichtend, dann sank er zusammen. Seinem Volke, das um ihn lange Jahre
trauerte, erschien er aber als Heros und Märtyrer, und die Fehden zwischen
Abessiniern und Galla nahmen mit erneuter Wuth ihren Fortgang.
Die Galla.
Die Galla sind ein schöner Menschenschlag, dessen Physiognomie kaukasisch
ist. Ihre Sprache weicht bedeutend von den echt semitischen Sprachen ab,
aber in Konjugation, den Fürwörtern und vielen anderen Wörtern verräth sie
doch einen semitischen Charakter und bildet mit den Sprachen der Danakil
und Somalen eine eigene Familie des semitischen Sprachstammes. Von ihren
zahlreichen Unterabtheilungen haben Krapf und Isenberg über fünfzig
herausgefunden, welche fast alle voneinander unabhängig sind, hier und da
in Feindschaft miteinander leben, aber dieselbe Sprache reden und
ursprünglich dieselbe heidnische Religion hatten. Ueber ihre Herkunft
bestehen verschiedene Sagen. Die Muhamedaner aus Argobba, östlich von
Schoa, wollen sie aus Arabien herleiten; doch ist dies sehr
unwahrscheinlich. Dagegen bemerkt eine abessinische Schrift, welche Krapf
in Schoa zu sehen bekam, Folgendes: „Eine königliche Prinzessin von
Abessinien heirathete zur Zeit Nebla Denjel’s im 14. Jahrhundert, als die
Königsfamilie noch auf dem Berge Endoto residirte, einen Sklaven, der ein
Hirte war aus dem Süden von Guragué, und gebar ihm sieben Söhne, die alle
das Geschäft ihres Vaters trieben und dessen Sprache redeten. Als sie
erwachsen waren, sammelten sie viel Volks um sich und gaben sich der Raub-
und Plünderungssucht hin, sodaß sie zuletzt die Abessinier beunruhigten.“
Von einer Schlacht, die sie den letzteren in Guragué am Flusse Galla
lieferten, sollen sie den Namen erhalten haben, mit dem die Abessinier und
andere umwohnende Völker sie benennen. Sie selbst aber heißen sich
Ilmorma, Menschenkinder. Später, nachdem Granje mit seinen muhamedanischen
Horden Abessinien verwüstet hatte, ließen sich mehrere Stämme von ihnen in
Schoa nieder. Späterhin wiesen die neuen Könige von Schoa den
Wollo-Stämmen, die entweder damals schon den Muhamedanismus angenommen
hatten oder dasselbe später thaten, die Nordgrenze von Schoa an, wo sie
bis 1856 eine Schranke bildeten, welche die Verbindung zwischen diesem
Lande und Abessinien erschwerte, bis König Theodoros II. Schoa und mit ihm
die Wollo-Galla unterwarf. Diese nördlichen Galla sind fanatische
Muhamedaner geworden, während es den christlichen Abessiniern nicht
gelungen ist, unter ihnen viel Proselyten zu machen. Auch diesen
heidnischen Galla gegenüber bewährt sich wieder die afrikanische Regel:
Der Islam siegt über das Kreuz.
Die ursprüngliche Religion der Galla ist eine Naturreligion. Sie verehren
ein höchstes, unsichtbares Wesen, welches sie _Wak_ (Himmel) nennen. Ihn
betrachten sie als den Urheber aller Dinge und Geber aller Gaben, daher
richten sie ihre Gebete hauptsächlich an ihn. Obgleich sie keine bestimmte
Idee von ihm haben, so schreiben sie ihm doch Persönlichkeit zu und
glauben, daß er sich ihren Priestern im Traume offenbare, daß er zu ihnen
rede im rollenden Donner, sich ihnen zeige im leuchtenden Blitze, daß er
über Krieg und Frieden, Fruchtbarkeit und Theuerung entscheide. Jedoch
steht Wak nicht allein, sondern hat zwei Untergottheiten zu Gehülfen,
deren eine _Oglia_, männlich, deren andere _Atete_, weiblich ist.
Letzteren beiden feiern sie gewisse Feste im Jahre, an welchen sie ihnen
Opferthiere, Ziegen und Hühner schlachten, sich ihre Gunst erbitten und
ihren Willen durch Besichtigung der Eingeweide der Opferthiere zu erfahren
suchen. Die Feste des Oglia werden im Januar und April, das der Atete im
September gefeiert. Dem Wak ist jeder Sonntag geweiht, den sie großen
Sabbat nennen, zum Unterschiede vom Sonnabend, welchen sie den kleinen
Sabbat heißen. Gewisse Bäume sind den Galla heilig; unter diesen opfern
sie und verehren ihre Götter. In besonders großer Achtung steht ein großer
Maulbeerfeigenbaum an den Ufern des Hawasch im südlichen Schoa. Hier
versammeln sich jährlich ihre Priester und Großen von mehreren Stämmen, um
Wak zu verehren und ihre Bitten an ihn zu richten. Dieser Baum heißt
Wadanabe und ist Sammlungsort der Galla von den verschiedensten Stämmen;
nur Weiber dürfen ihm nicht nahen. Ein anderer Baum, unter welchem dem Wak
jährliche Opfer gebracht werden, heißt Riltu. Während sie opfern beten
sie: „O Wak, gieb uns Tabak, Schafe und Ochsen, hilf uns, unsere Feinde zu
tödten. O Wak, führe uns zu dir, führe uns zum Paradiese und führe uns
nicht zum Satan“. Auch der Ahorn und der Wanzabaum werden für heilig
gehalten. Die Besichtigung der Eingeweide der Opferthiere wird namentlich
zur Entscheidung von Krieg und Frieden angewandt. Sie nehmen das Fett aus
der Bauchhöhle, legen es auseinander und bestimmen die eine Seite für die
Galla, die andere für ihre Feinde; die Seite nun, auf welcher das meiste
Blut in den Adern sich befindet, erhält den Sieg. Die beiden
Untergottheiten Oglia und Atete gebieten wieder über eine Menge
unsichtbarer Wesen, die sie Zaren nennen und denen sie gute und böse
Eigenschaften zuschreiben; daher werden auch diesen Verehrung und Opfer
dargebracht. Zur Ausübung des Dienstes haben sie Priester (Kalitscha) und
Zauberer (Luba). Der Priester hat die Leitung der Gottesverehrung, die
Wahrsagung, Segen und Fluch u. s. w. zu besorgen. Er trocknet die zum
Wahrsagen gebrauchten Eingeweide, legt sich dieselben um den Hals und
zieht damit im Lande herum. Merkwürdig ist, daß ein ganzer Stamm der Galla
für heilig gehalten wird, und zwar sind dieses die Watos, die überall frei
umhergehen, segnen oder fluchen dürfen, ohne daß ihnen Jemand ein
Hinderniß in den Weg legte. Dieser Stamm behauptet im Besitze ursprünglich
reiner Galla-Natur zu sein, und seine Angehörigen heirathen nur unter
sich. Sie kennen kein anderes Geschäft als Segnen und Fluchen, und weil
Alles in dem Glauben steht, daß, was sie sagen, eintreffen müsse, so sind
diese Leute sehr respektirt. Kein Galla läßt einen Wato zu sich ins Haus
kommen, aber Lebensmittel in Menge werden ihnen, wo sie sich zeigen, vor
die Häuser gebracht, weil man im Unterlassungsfalle ihren Fluch fürchtet.
Sie lieben, wie die Waitos (vergl. S. 90), das Fleisch des Flußpferdes,
welches in großer Menge im Hawasch vorkommt.
Ueber den Ursprung der Menschheit haben die Galla einen dunklen
entstellten Begriff, jedoch scheinen sie nicht zu glauben, „daß alle von
einem Blute herkommen“. Sie sagen, ihr erster Stammvater habe Wolab
geheißen; Wak habe ihn aus Thon gebildet, ihm dann eine lebende Seele
gegeben und ihn am Hawasch angesiedelt. Ihre Eidschwüre verrichten die
Galla auf eine sonderbare Weise. Eine tiefe, enge Grube wird in den
Erdboden gegraben und in dieselbe steckt man einige Lanzen. Dann wird sie
mit einer Thierhaut bedeckt, und die Betheiligten schwören nun, daß, falls
sie ihr Versprechen nicht hielten, sie in eine solche Grube stürzen, ihre
Leiber mit Lanzen durchbohrt werden und ungerächt und unbegraben liegen
bleiben mögen. Einmal geschlossene Freundschaft soll heilig gehalten
werden, wenn sie auch unter den verschiedenen Stämmen selten zu sein
scheint, da diese sich stets untereinander befehden. Heirathet ein Galla,
so bekommt die Frau ihre Mitgift vom Vater; scheidet sie sich aber von
ihrem Manne, so behält der Mann das Heirathsgeschenk. Gewöhnlich heirathen
sie drei Frauen. Stirbt der Mann, so ist sein Bruder verpflichtet, die
Witwe oder Witwen zu heirathen. Die Sanktion der Heirathen erfolgt allemal
durch den Abadula oder Vorgesetzten mehrerer Dörfer. Tödtet ein Galla
einen Fremden, der nicht von seiner Nation ist, so erwirbt er sich dadurch
viel Ruhm, tödtet er einen Stammverwandten, so hat er, ist der Getödtete
ein Mann, 100 Ochsen, ist es eine Frau, 50 Ochsen zu bezahlen. Da
abessinische Christen nebst den sie umgebenden Muhamedanern keine Mühe,
keine Schlechtigkeiten scheuen, Galla-Söhne und Töchter als profitable
Menschenwaare in den abscheulichen Sklavenhandel zu ziehen, so ist’s
natürlich, daß sie alle Fremden als Feinde betrachten. Abessinische
Fürsten wollten ihnen das elende Christenthum, welches sie selbst hatten,
mit dem Schwerte aufdringen; abessinische Mönche wagten ihr Leben selbst
daran, ihnen den Genuß des Kaffees und Tabaks nebst anderen, von den
Abessiniern für unrein gehaltenen Speisen und Getränken, abzuschneiden,
und dafür nicht das Evangelium, sondern strenge Fastengesetze und andere
Observanzen aufzubürden; kein Wunder, daß sie sich gegen Beides mit aller
Macht wehrten. Sie haben die Idee, daß sie sicher bald sterben müssen,
wenn sie Christen werden, und daher sehen sie auch die ihnen vorgesetzten
Christen mit Abscheu an. Tritt ein solcher Gouverneur seine Stellung an,
dann ruft das Volk einstimmig: „Möge er bald sterben, möge er bald
sterben.“
[Illustration: Eine Galla (die Frau Eduard Zander’s).
Originalzeichnung von E. Zander.]
Die Kriege zwischen Abessiniern und Galla haben eigentlich nie recht
aufgehört. So oft auch letztere unterlagen, so erhoben sie sich doch immer
wieder. Zu Tausenden verkaufen dann die biederen Christen die armen Heiden
und füllen sich die Taschen mit blanken Maria-Theresia-Thalern, welche sie
für die Menschenwaare erhalten.
Ein Hauptsklavenmarkt ist Metemmé, die Hauptstadt des Gebietes Gallabat,
an der Grenze zwischen Abessinien und dem ägyptischen Sudan. Baker
besuchte dort 1862 die Sklavenhändler. Sie wohnten in großen Mattenzelten
und besaßen viele junge Mädchen von außerordentlicher Schönheit, deren
Alter zwischen neun und siebzehn Jahren wechselte. Diese liebenswürdigen
Gefangenen mit einer schönen braunen Farbe, zart geformten Zügen und
Gazellenaugen waren Gallamädchen, welche aus ihrem Vaterlande an den
abessinischen Grenzen von abessinischen Händlern hierher geführt wurden,
um in die türkischen Harems verkauft zu werden. So schön diese Mädchen
sind, taugen sie zu keiner schweren Arbeit und kränkeln und sterben bald,
wenn man sie nicht freundlich behandelt. Man sieht mehr als eine Venus
unter ihnen, und nicht genug, daß ihr Gesicht und ihr Wuchs vollendet
schön sind, beweisen sie denen, welche sie gut behandeln, die größte
Anhänglichkeit und werden sehr brave und treue Frauen. Es liegt etwas
eigenthümlich Gewinnendes in der natürlichen Anmuth und Milde dieser
jungen Schönheiten, deren Herz jenen tieferen Liebesgefühlen, welche unter
rohen und rauhen Stämmen selten bekannt sind, eine rasche Antwort geben.
Ihre Formen sind auffallend elegant und anmuthig, die Hände und Füße
namentlich außerordentlich zart. Die Nase ist gewöhnlich leicht gebogen
und mit großen und schöngeformten Oeffnungen versehen. Das schwarze und
glänzende, aber ziemlich grobe Haar, reicht etwa bis zum halben Nacken
hinunter. Obgleich diese Mädchen aus den Gallaländern sind, bezeichnen sie
sich stets als Abessinierinnen und sind unter diesem Namen allgemein
bekannt. Sie sind außerordentlich stolz und hochgesinnt und lernen
merkwürdig schnell. In Chartum haben sich mehrere der angesehensten
Europäer mit solchen reizenden Damen verheirathet, welche ihren Männern
ohne Ausnahme große Liebe und Ergebenheit bewahren. In Gallabat betrug der
Preis für eine dieser Schönheiten zwischen 25 und 40 Thalern. Einige Jahre
nach Baker’s Aufenthalt (März 1865) scheint aber der Handel mit
Gallamädchen in Metemmé fast erloschen zu sein und der schlechteren Waare
vom Weißen Flusse Platz gemacht zu haben, denn Graf Krockow, welcher
damals dort war, bemerkt: „Die in früheren Zeiten massenhaft für die
Harems der Reichen exportirten jungen, feurigen, abessinischen Mädchen
kommen jetzt nur selten auf den Markt, denn in ihrer Heimat hat das
abscheuliche Treiben fast ganz aufgehört“ (?).
Jedenfalls stehen die Gallamädchen weit über den lasterhaften
Abessinierinnen und vermögen nach Umständen wohl auch einen Europäer zu
beglücken. Lassen wir darüber einen Brief Eduard Zander’s vom 27. Juni
1854 reden: „Seit einem Jahre und einem Monat bin ich auf Befehl des
Regenten Ubié verheirathet, und vor zwei Monaten ist mir unter Gottes
Beistand auch ein Töchterlein geboren worden. Es ist ganz deutschen
Charakters, weiß und blond, sehr wohlgestaltet und schön und erhielt in
der Taufe nach abessinischem Ritus die Namen Maria Sophia. – Zwanzig
Monate sind jetzt verflossen, da veranstaltete Ubié eine großartige
Schmauserei, zu der an einem Tage nicht weniger als 300 Kühe
abgeschlachtet wurden; Alles war guter Dinge und der Honigwein floß in
Strömen. Auch ich war besonders von Ubié eingeladen worden; bei ihm
angelangt, befahl er sofort, daß ich mich neben ihn auf seine Alga setzen
sollte. Das Weilen auf diesem Platze gilt für die größte Auszeichnung bei
Hofe, welche nur den Mitgliedern des höchsten Adels zu Theil wird. Ubié
hatte mich im Laufe der Zeit genau kennen gelernt und sehr lieb gewonnen,
sodaß ich schon vor zwei Jahren in den hohen Adel erhoben wurde und zu
jeder Zeit ungehinderten Eintritt bei ihm hatte. An diesem Tage war er
ganz besonders heiterer Laune, er sprach viel mit mir und fragte mich nach
allen möglichen Dingen, unter anderm, warum ich nicht verheirathet sei?
Offen und rund heraus erklärte ich ihm denn, daß die Töchter seines Landes
mir keineswegs gefielen, da ihnen das, was wir an den Frauen vor Allem
schätzten, fehle, nämlich Ehrbarkeit und Tugend. Du hast Recht, entgegnete
mir Ubié, sie taugen alle nicht für dich, denn du bist ein ordentlicher
Mann. Ich werde selbst für dich sorgen und dir eine passende Frau
aussuchen. Kaum waren fünf Monate vergangen, so erfüllte Ubié bereits sein
Wort. Während dieser Zeit hatte er nach allen Richtungen des Landes Boten
ausgesandt, die für mich eine geeignete Frau suchen sollten; keiner aber
hatte eine schickliche gefunden. Da langten eines Tages muhamedanische
Kaufleute hier an, unter denen sich ein Sklavenhändler befand, welcher
sieben schöne Sklavinnen feil hatte. Ubié ließ sich die Mädchen vorführen
und suchte unter allen sieben die schönste aus, um sie mir zum Weibe zu
schenken. Das Vaterland meiner Frau ist Lima; die Bewohner sind Galla, der
Regent oder Oberhäuptling des Landes heißt Ababokiwo. Meine Frau zählt
jetzt 16 Jahre. Sie hat mich lieb gewonnen, ist mir treu ergeben und von
Charakter sanft, ihr Verstand ist scharf und hell. Was sie aber besonders
auszeichnet, ist Sittsamkeit und Tugend.“
In seiner Heimat, wo das Schwert des abessinischen Eroberers noch nicht
eindrang, ist der Galla ein freier, unabhängiger Mann, dem nur der
Distriktsvorsteher oder Abadula und der oberste Häuptling oder Heiu zu
befehlen hat. Der Heiu regiert nur acht Jahre, alsdann tritt er ins
Privatleben zurück, weil dann ein anderer Heiu, ein Mann von kriegerischem
Muthe und Talent, gewählt wird. Sein Geschäft besteht darin, daß er durch
den ganzen Stamm zieht, alle Hauptangelegenheiten seines Staates
schlichtet und unterstützt und namentlich über Krieg und Frieden
entscheidet. Dabei ist der Ort, in welchem er sich gerade aufhält,
verpflichtet, ihn zu unterhalten.
Stirbt ein Galla, so erhebt sich, wie fast im ganzen Oriente, allgemeine
bittere Klage. Ist der Verstorbene ein Hausvater, so rasiren sich, zum
Zeichen der Trauer, die Kinder am ganzen Leibe. Der Todte wird anständig
begraben, das Grab mit schönen Steinen bedeckt und eine Aloe darauf
gepflanzt; dann wird eine Kuh geschlachtet und von den Verwandten
verzehrt. Sobald die Aloe ausschlägt, glauben sie, die Seele des
Verstorbenen sei zu Wak ins Paradies gekommen. Jedoch meinen sie, daß auch
in jener Welt alle Nationen und Religionen ebenso geschieden sein werden
wie hier. Galla, Muhamedaner und Christen kommen jede Partei an ihren
besonderen Ort, um die guten oder üblen Folgen ihres Verhaltens in dieser
Welt zu genießen. Die Lüge scheint bei ihnen verpönter zu sein als bei
ihren abessinischen Nachbarn. Wird ein Galla als Lügner ertappt, so
verliert er Sitz und Stimme in den öffentlichen Versammlungen und wird der
Verachtung preisgegeben.
Was im Vorstehenden über die Galla mitgetheilt wurde, ist vorzugsweise den
Berichten Krapf’s und Isenberg’s entlehnt. Das Volk erscheint uns nach
diesen Mittheilungen weit liebenswürdiger und besser als seine
abessinischen Bedrücker. Ueber die Art und Weise, wie die letzteren gegen
die Galla verfahren, wie sie Land und Volk dieses Stammes auf das
Schmählichste verwüsten, darüber können wir uns am besten unterrichten,
wenn wir abermals der Erzählung des Major Harris folgen.
Wie die meisten anderen afrikanischen Potentaten, unternahm auch Sahela
Selassié keinen Krieg wegen des nationalen Ruhmes oder wegen der
öffentlichen Wohlfahrt; seine Kriege waren entweder Raubzüge oder auf die
Unterdrückung von Rebellen gerichtet, und das war auch jetzt wieder der
Fall, als er gegen die Galla auszog, wobei er den dringenden Wunsch
aussprach, von der Gesandtschaft begleitet zu werden; die Gegenwart
derselben sollte ihm Kraft, seinen Völkern neuen Muth verleihen. Nur für
20 Tage wurde die Armee mit Lebensmitteln versehen, woraus man schließen
wollte, daß das Ziel des Feldzuges kein allzufernes war. Angollala war in
großer Aufregung und alle Handwerker damit beschäftigt, die Waffen in
Stand zu richten, während im königlichen Arsenale Tag und Nacht große
Thätigkeit herrschte. Bei dem abergläubischen Charakter der Abessinier war
vorauszusehen, daß erst das Schicksal befragt und nach guten oder bösen
Vorzeichen geforscht werden müßte. Priester und Mönche hatten in dieser
Beziehung alle Hände voll zu thun. Das Herabfallen eines Schildes vom
Sattelknopf, die Erscheinung eines weißen Falken sind ungünstige Zeichen,
während ein paar Raben Glück verheißen. Auch das Heulen der Hunde während
der Nacht wurde beobachtet, um daraus Schlüsse zu ziehen. Endlich brach
man auf und zwar in der größten Unordnung, um aber bald wieder Halt zu
machen, damit die zahlreichen Nachzügler sich sammeln konnten. Vor der
Armee wurde unter einem Baldachin von Scharlachtuch die Bibel und die
Bundeslade aus der Michael-Kathedrale in Ankober auf dem Rücken eines
Maulthieres vorangetragen, welche den sicheren Sieg gegen den heidnischen
Feind verleihen sollten; dann folgte auf reich gezäumtem Maulthiere der
König, umgeben von seinen Luntengewehrträgern und den Musikanten mit
Kesselpauken und Trompeten. An ihn schlossen sich an Gouverneure,
Offiziere, Mönche, Priester und zuletzt – das Sonderbarste von allen: 40
Frauen und Fräulein, welche die königliche Küche zu versorgen hatten.
Soweit das königliche Gefolge, dem sich unter einer ungeheuren Staubwolke,
soweit das Auge reichte, Reiter, Krieger zu Fuße, Saumrosse, Esel,
Maulthiere, mit Zelten und Lebensmitteln beladen, sowie große Scharen
Weiber anschlossen, die mächtige Töpfe mit Bier und Honigwein auf dem
Rücken trugen. Alles in Unordnung malerisch durcheinander. Wenn diese
Masse sich niederließ, nahm das Lager einen Raum von anderthalb Stunden im
Durchmesser ein, in dessen Mitte das königliche Zelt und dabei die Küche
stand. Von Vorposten oder sonstigen Sicherheitsmaßregeln war aber, selbst
als man schon des Feindes Land betreten hatte, gar keine Rede. Nicht wenig
Aufsehen erregten die Bajonnetflinten, die bei diesem Zuge zum ersten Male
in praktischen Gebrauch kommen sollten, und die Raketen, welche auf des
Königs Wunsch die Engländer allabendlich steigen ließen, um die Galla
durch den Feuerregen derselben zu schrecken.
Früh am Morgen erschallten die _Nugarits_ oder Trommeln, um die
Mannschaften in den Sattel zu rufen, und in einer halben Stunde war die
Armee, die mittlerweile auf 15,000 Mann angeschwollen war, wieder auf den
Beinen. Das militärische System Schoa’s ist ein rein feudales, da jeder
Gouverneur des Reiches im Verhältniß zu dem ihm unterstehenden Lande ein
Kontingent zu stellen gezwungen ist. Außer den Pferden, Waffen und
Lebensmitteln erhalten die Soldaten nichts und nur 400 Garden des Königs
bekommen Zahlung, nämlich 8 Amolen (Salzstücken) im Jahre, etwa 18
Groschen im Werthe, außer der Beköstigung, wie sie jeder königliche Sklave
auch erhält. Daß in einer so zusammengesetzten Armee wenig Disziplin
herrscht, läßt sich denken. Ohne Rücksicht für die der Reife
entgegengehende Ernte, die niedergetreten wurde, wälzte sich die Schar,
einem Heuschreckenschwarme gleich, Alles vor sich aufzehrend, in
südwestlicher Richtung weiter, ohne daß die Einzelnen wußten, wohin der
Raubzug eigentlich gehe, denn der König bewahrte das Geheimniß seines
Zieles so streng, daß nicht einmal seine höheren Offiziere davon
unterrichtet waren.
Nichts konnte einförmiger sein als der Landstrich, den man zuerst
durchzog. Weite, grasige, wellenförmige, mit Feldern durchsetzte Ebenen,
ohne einen einzigen Baum dehnten sich vor dem Heere aus. Verschiedene
kleine Bäche und Flüsse, die dem Nile zuströmen, wurden überschritten, und
Se. Maj., dem es zu viel wurde, immer zu reiten, wollte zur Abwechselung
einmal gehen, stieg ab und ließ sich ein paar Pantoffeln reichen, die aber
bald im Kothe stecken blieben, sodaß der König schließlich vorzog, gleich
seinen Unterthanen barfuß einherzuschreiten. In der weiten, von Hügeln
umschlossenen Ebene Abai Deggar wurde plötzlich der Befehl ertheilt, das
Lager aufzuschlagen und die Umgebung auszuplündern. Sogleich rückten im
vollen Galopp die Reiterbanden nach allen Richtungen aus, brannten die
Dörfer nieder, zertraten das Getreide und trieben das Vieh ins Lager.
Fortwährend herrschte die größte Unordnung im Heere, das nur in losen
Haufen, weit zerstreut marschirte, und so eher den Anblick einer
geschlagenen als einer vordringenden Armee darbot. In ihren kurzen, weiten
Beinkleidern, den Leib mit der langen Binde umwickelt, mit dem Leoparden-
oder Löwenfell auf der Schulter, mit Speer und Schild bewaffnet, setzten
die Reiter durch den schlammigen Boden, der auch des Nachts ihr einziges
Lager war; viele blieben aber liegen und gingen an den Strapazen zu
Grunde, da es in der Nacht gewöhnlich fror.
An der 1200 Fuß hohen Gebirgskette _Garra Gorfu_ war endlich das Ziel
erreicht. Langsam zog die Armee zum Rücken der Berge hinauf, während
rechts und links Scharen abschwenkten, um den Feind zu umgehen. In einer
Breite von vier bis fünf und einer Länge von etwa zwölf Stunden bilden die
mit Feldern bestandenen Garra-Gorfu-Berge eine Wasserscheide zwischen Nil
und Hawasch; an ihnen wohnen die _Sertie-Galla_, die sich seit langer Zeit
schon in offenem Aufstande gegen den König befanden, d. h. sie hatten die
verlangten Steuern nicht bezahlt und sogar eine zur Eintreibung derselben
abgesandte Reiterschar von 800 Mann erschlagen. Jetzt nahte der Tag der
Rache für den verweigerten Gehorsam.
Gleich einem angeschwollenen Strome ergoß sich das Heer über die
friedliche Landschaft, deren Bewohner nichts Böses ahnten, und nun rückten
15,000 blutgierige Barbaren gegen sie heran. Ruhig bestellte noch der
friedliche Landmann sein Feld, die Weiber gingen ihrer Beschäftigung nach
und auf den blumigen Wiesen weidete das Vieh. „Möge der Gott, welcher der
Gott meiner Väter ist, uns stärken und verzeihen!“ sprach wuthfunkelnden
Blickes der christliche König und gab damit das Zeichen zur Verwüstung.
Dorf auf Dorf wurde niedergebrannt, bis die Luft durch den Rauch
verfinstert war, der Speer des Kriegers durchsuchte jeden Busch nach
Flüchtigen. Weiber und Kinder wurden in hoffnungslose Sklaverei abgeführt;
alte und junge Männer erbarmungslos erschlagen und die Herden
weggetrieben. Jeder Krieger wollte es dem andern an Blutdurst und
Grausamkeit noch zuvorthun. Ganze Familien wurden umringt und
niedergespeert; Unglückliche, die auf die offene Ebene sich flüchteten,
gleich einem Wild verfolgt und zusammengehauen; drei- oder vierjährige
Kinder, welche auf Bäume geklettert waren, herabgeschossen, wie man Vögel
vom Baume schießt. Nach Verlauf von zwei Stunden verließ das Heer wieder,
mit Beute beladen, das verwüstete Thal. Da, wo die Stätte eines
friedlichen Ackerbaus gewesen, wo glückliche Menschen gewohnt, hörte man
nur das Knistern der zusammenbrechenden, niedergebrannten Balken und das
Schreien der Geier, die, vom Leichengeruch angelockt, aus weiter Ferne
herbeigezogen kamen. Das ist der abessinische Krieg, so war er einst, so
war er bis heute unter Theodoros: Ueberfall, Mord, Raub, Schlächterei –
selten eine offene Feldschlacht kennzeichnen ihn.
Das Nachtlager der siegreichen Armee bot einen teuflischen Anblick dar.
Ueberall flammten die Feuer, bluteten die geschlachteten Schafe, wieherten
laut die Rosse, brüllten siegestrunken die Krieger oder weinten leise die
gefangenen Gallamädchen. Die Speere und Schilde der grimmigen Krieger,
welche ihre Hände in das Blut unschuldiger Kinder getaucht hatten,
funkelten durch die Nacht; erst allmälig erstarb der wüste Lärm, und die
Nacht deckte ihren dunklen Schleier über die barbarischen Scenen des
Tages.
Nach dieser blutigen Fehde hielt der König seinen triumphirenden Einzug
erst in Angollala, dann später in der Landeshauptstadt Ankober, welche er
seit der Ankunft der britischen Gesandtschaft in Schoa nicht besucht
hatte. Erwartet von der gesammten Priesterschaft und den Einwohnern, von
den königlichen Pauken und den Staats-Sonnenschirmen, seinen Kriegern,
Generalen und der britischen Gesandtschaft geleitet, zog er in die
jubelnde Stadt ein, deren Dächer, Palissadenzäune und Straßen mit einer
dichten Menschenmasse erfüllt waren. Der Lärm und die Musik dauerten so
lange an, bis der König und sein Gefolge den steilen, gewundenen Pfad zum
Palaste hinaufgestiegen, die neun Thorwege passirt und im innersten
Hofraume Platz genommen hatte. Hier ließ sich Se. Maj. in einem erhöhten
Alkoven, seinem Throne, nieder; dann ertönte wieder die große Pauke und
dreihundert im Hofe sitzende Kebsweiber begannen in die Hände zu
klatschen, während eine Tänzerin vor dem Herrscher ihre Sprünge machte und
ein selbst gedichtetes Lied zu dessen Lobe sang. Wenn sie einen Vers
geendigt und z. B. gesagt, daß der Fürst, der stets über seine Feinde
triumphirt hatte, niemals seine königliche Stirn mit einem schöneren
Siegeskranze geschmückt hätte als gerade jetzt, wandte sie sich nach der
Menge um. Mit lautem Geschrei fiel diese als Chorus in ihren Vers ein. Die
Krieger heulten dann laut vor Freuden, die Großen des Reichs, die
Häuptlinge, Gouverneure und Generale klatschten in die Hände und die vor
dem Palaste versammelte Menge erwiderte mit lautem Jubelgeschrei diesen
Siegesjubel, während, um die Freude voll zu machen, die britischen
Artilleristen ihr Geschütz abbrannten.
[Illustration: Siegesfest in Ankober. Nach M. Bernatz.]
Am Tage des Erzengels Michael, dessen Kirche unmittelbar neben dem Palaste
steht, nahm um Mitternacht Sahela Selassié das heilige Abendmahl und
stattete Gott ein Dankgebet für den errungenen Sieg ab. Die Bundeslade,
die ihm im Kriege Glück gebracht, wurde wieder in feierlicher Prozession
an ihre alte Stelle in der Michaelskirche gesetzt und den Armen reichlich
Almosen gespendet. So schloß das Siegesfest.
Mit Erlaubniß des Königs unternahm die britische Gesandtschaft
verschiedene Streifzüge durch das Land, namentlich in die nördlichen
Galladistrikte. Heimgekehrt nach Angollala kam sie ihrem Ziele, dem
_Abschlusse eines Handelsvertrages_ mit Schoa, immer näher, gegen den der
König sich anfangs sehr gesträubt hatte. Die Artikel wurden sauber auf
Pergament aufgesetzt und ein Tag zu dessen Unterzeichnung bestimmt.
Zur bestimmten Stunde lagerte Se. Maj. im Alkoven, umgeben von den
Würdenträgern seines Reiches. Das künstlerisch ausgestattete Dokument, auf
dem die heilige Dreieinigkeit als Schoa’s Wappen und das königlich
englische Siegel angebracht waren, wurde vor Sahela Selassié in englischer
und amharischer Sprache verlesen. Unter den 16 Artikeln befanden sich auch
solche, welche eine förmliche Umwälzung in vielen der bisher in Schoa
geltenden Anschauungen hervorbrachten. So wurde das Recht der Krone, das
Eigenthum fremder im Lande verstorbener Personen ohne Weiteres sich
aneignen zu können, aufgehoben, viele Monopole beseitigt und den Fremden
gestattet, wieder nach dem Besuche des Landes in ihre Heimat zurückkehren
zu dürfen, was vorher nicht der Fall war. Tekla Mariam, der königliche
Notar, kniete mit dem aufgerollten Dokumente vor dem Lager Sahela
Selassié’s, dem er die Feder zum Unterschreiben der Stelle darreichte,
welche lautet: „So geschehen und beschlossen zu Angollala, der
Galla-Hauptstadt Schoa’s, zum Zeichen dessen wir unsere Unterschrift und
Siegel hier beisetzen, Sahela Selassié, Negus von Schoa, Ifat und der
Galla.“ In Gegenwart hoher Beamten drückte dann der Schreiber noch das
königliche Siegel – ein Kreuz, um welches das Wort Jesus geschrieben ist –
unter den Handelsvertrag, der dem Kapitän Harris vom Könige mit folgenden
Worten eingehändigt wurde: „Ihr habt mich mit köstlichen Geschenken
erfreut. Das Gewand, welches ich trage, der Thron, auf dem ich sitze, die
vielen Merkwürdigkeiten in meinen Magazinen, die Flinten, welche in der
großen Halle hängen, sie stammen alle aus eurem Lande. Was kann ich euch
dagegen bieten? Mein Königreich ist so viel wie Nichts.“
Kurze Zeit darauf wurde der König, dessen Lebenswandel nicht der solideste
war, wieder einmal sehr krank und ließ die englischen Aerzte rufen, um ihn
zu kuriren. Jammer und Elend mochten sein Herz erweichen und er faßte,
gleichsam um die Vorsehung mit sich zu versöhnen, den Entschluß, alle
seine männlichen Verwandten, die er bisher im Staatsgefängniß zu Gontscho
bei Ankober gefangen hielt, zu befreien und auf diese Weise einen Damm zu
durchbrechen, den eine barbarische Sitte seiner Vorfahren um den Thron
errichtet hatte. Die Könige von Schoa nämlich hatten, nach erlangter
Unabhängigkeit von den übrigen Abessiniern, es zur Gewohnheit gemacht, daß
Jeder von ihnen bei seiner Thronbesteigung alle seine Brüder in ein
Staatsgefängniß einsperrte, und nur die Schwestern, von denen keine
Mitbewerbung um den Thron zu fürchten war, behielten ihre Freiheit. Daß in
einem despotischen Staate wie Schoa sich allerdings eine solche Maßregel
empfehlen konnte, geht aus der früheren Regierungsgeschichte des Königs
Sahela Selassié hervor, da einer seiner Brüder, der die Freiheit behalten
und sich dem Klosterleben gewidmet hatte, selbst das Mönchsgewand dazu
benutzte, um hier und da im Lande Revolutionen anzustiften. Die Könige von
Schoa nahmen bei jener barbarischen Sitte nur das Verfahren der
sogenannten salomonischen Dynastie in Abessinien im Allgemeinen sich zum
Muster, und erst im vorigen Jahrhundert wurde diese Sitte in Amhara und
Tigrié abgeschafft. _Seitdem herrschte aber dort auch beständiger
Bürgerkrieg._
Das war das letzte bemerkenswerthe Ereigniß, welches die britische
Gesandtschaft während ihres Aufenthaltes in Schoa niederzuschreiben hatte,
denn bald darauf erfolgte ihre Abberufung.
Durch einen in England eingetretenen Ministerwechsel war die Gesandtschaft
in Schoa unfreundlich berührt worden, indem die neue Tory-Regierung einer
Fortsetzung der Verbindung mit Schoa ungünstig war und die Gesandtschaft
zurückberief. Kapitän Harris hatte jedoch sich gegen die Zurückberufung
gesträubt und sich angeboten, ohne seinen Gehalt als Gesandter mit seiner
bloßen Pension als Kapitän der Artillerie in Ankober zu bleiben. Da keine
Antwort hierauf eintraf und die Gesandtschaft an allen Mitteln Mangel
litt, mußte Kapitän Harris sich endlich im Februar 1843, nachdem er 18
Monate in Schoa verweilt, zur Umkehr entschließen. Erst in der
Grenzstation Farri erhielt er von der Regierung in Bombay Gegenbefehl;
allein es war nun zu spät, da keiner außer Harris selbst Lust zur Umkehr
spürte. In Erwiederung auf jene glänzenden Gaben, die der König von Schoa
von England erhalten, schickte dieser nun der Königin Viktoria ein
hübsches Maulthier, einige naturhistorische Merkwürdigkeiten und einige
Gold- und Silberarbeiten als Industrieerzeugnisse seines Landes zu
Gegengeschenken. Auf Verlangen der Gesandtschaft hatte Sahela Selassié
derselben auch zwei seiner Soldaten als Boten mitgegeben, um die
freundschaftlichen Gesinnungen, die man von ihm erwartete, der britischen
Regierung auszudrücken.
Noch einige Jahre lebte Sahela Selassié, dessen Ruf durch verschiedene
Reisende durch ganz Europa drang; dann segnete er das Zeitliche und
erhielt in Hailu Melekot einen weit weniger energischen Nachfolger. Nicht
allein, daß die Galla gegen diesen mit erneuerter Macht auftraten und
seinen Thron erschütterten – sondern die Selbständigkeit Schoa’s ging
unter ihm zeitweilig verloren, indem im Jahre 1856 die neu aufgegangene
Sonne, Theodoros II., den Staat mit Gesammtabessinien vereinigte. Erst als
dieser in den Krieg mit England verwickelt wurde, gelang es dem Enkel
Sahela Selassié’s, dem jungen Menilek, seine Krone wieder zu erlangen. Der
folgende Abschnitt, welcher die so merkwürdige neueste Geschichtsepoche
Abessiniens behandelt, giebt darüber Auskunft.
[Illustration: Südwestfront des Gemp in Gondar. Nach einer
Originalzeichnung von E. Zander.]