2. Werner Munzinger bei den Barea und Kunama.

Es wurde früher bei Erwähnung der deutschen Expedition gesagt, daß W.

Munzinger sich in Mai Scheka von Heuglin trennte und eine mehr westliche

Route einschlug, während Heuglin nach Süden in das eigentliche Abessinien

eindrang. Die Reise des ersteren, welche in die Tage vom 16. November bis

22. Dezember 1861 fällt, führte ihn längs des Marebflusses in Regionen und

zu Völkern, die bisher noch kein Europäer kennen zu lernen Gelegenheit

hatte. Das in Rede stehende Gebiet liegt jenseit des Barkaflusses im

Südwesten des Bogoslandes an der abessinischen Grenze und wird vom Mareb

durchströmt.

Dieser Strom ist vermöge seines Charakters einer der eigenthümlichsten der

ganzen Erde. Seine Quelle liegt oberhalb des Dorfes Ad Gebrai in Hamasién,

dann bildet er, südlich fließend, eine Spirale, die von Gundet ab nach

Westen sich wendet und in die Kolla von Serawié eintritt. Bis hierher

gehörte er zu Abessinien, jetzt aber, wo er sich dem Lande der Kunama

nähert, verändert er seinen Gebirgscharakter; er sucht das Niederland und

heißt nun _Sona_. Hier ist er kein Waldstrom mehr und auch kein _Torrent_.

Wo nämlich der Boden das Wasser nicht an der Oberfläche halten kann, wo es

durchsickernd erst später auf einer festen Schicht Widerstand findet, da

zeigt sich der Strom als Torrent, d. h. es erscheint ein Sandbett, welches

nur zur Regenzeit überflutet wird und das ganze übrige Jahr scheinbar

trocken daliegt, weil der Wasserstrom _unterirdisch_ sich fortzieht. Der

Mareb nun erscheint als Mittelding zwischen Fluß und Torrent und verliert

diesen Charakter erst im Unterlauf. In der Regenzeit, Juli bis September,

wird er regelmäßiger Fluß; in den übrigen Monaten zeigt er sich als

Torrent, aber so, daß sein Sandbett hier und da von Teichen unterbrochen

wird, wo das Wasser für kurze Zeit an die Oberfläche hervortritt. In der

Ebene von Takka, bei der Stadt Kassala, heißt der Fluß _Gasch_ oder Chor

el Gasch. Hier, im Gebiete der Hadendoa-Araber, wird er zur Bewässerung

des Landes benutzt und hat eine Menge künstlicher Stromwehren, vermittelst

deren man ihn aufstaut und die Felder überschwemmt. So verliert er sich

meistens, aber in Jahren, wo sehr viel Regen fällt, wird es ihm möglich,

sich bis zum Atbara Bahn zu brechen, den er dann bei Gasch-Da, d. h. Mund

des Gasch, erreicht.

Die Völker nun, am unmittelbaren Lauf des Stromes, unterscheiden sich von

den Bogos, einem aristokratischen Volke, durch ihr ganz _demokratisches_

Wesen. „Die Natur,“ sagt Munzinger, „ist hier einförmig, kein Berg ragt

empor, keine scharfe Form zeichnet sich aus, kein entschiedener Gebirgszug

und keine großartige Ebene giebt dem Ganzen Charakter und Einheit; selbst

der Baumwuchs ist nur mittelmäßig; Gesträuch ist vorherrschend – und so

der Mensch und seine Verfassung; nichts strebt, nichts beherrscht; lose

zusammengeworfene Gemeinden entbehren der staatlichen Einheit und der

bürgerlichen Verschiedenheiten.“

Die _Kunama_ oder _Bazen_ und die _Barea_, welche hier wohnen, sind sich

ihrer Sprache und Tradition nach durchaus nicht verwandt und dennoch

stimmen ihre Rechtsbegriffe miteinander überein. Die Bazen bewohnten

früher Tigrié, bis sie von den Geézvölkern hinausgedrängt wurden. Die

Barea entsinnen sich nicht ihres Ursprungs, doch ist das Land der Bogos

voller Zeugnisse ihrer früheren Anwesenheit. Die _Religion_ beider Völker

ist ein gleichgiltiger Deismus, eine Idee von Gott, aber ohne Kultus oder

christliche Reminiscenz. Wochen und Tage verlaufen ohne Festtage; religiös

ist die Sorgfalt, die man auf die Gräber wendet, die aus Höhlen bestehen,

in welche der Leichnam beigesetzt wird; religiös die unbegrenzte Ehrfurcht

vor dem Alter, das allein regiert. Aberglauben hat das erbliche Amt des

Regenmachers gestiftet, des Alfai, der allein wohnt, Regen bringt und,

fehlt dieser, hingerichtet wird. Beschneidung war von jeher üblich, und

der Islam hat unter ihnen große Fortschritte gemacht.

Beide Völker charakterisirt die radikale _Gleichheit der Individuen_, die

Abwesenheit des Staates; so leben die Dörfer zusammen friedlich und ruhig,

Verbrechen sind selten. Dem Auslande gegenüber aber fehlt der staatliche

Zusammenhang, die gegenseitige Hülfe. Beiden eigenthümlich ist die

Bevorzugung des Schwestersohnes, der Blut und Habe von seinem Onkel erbt

mit Ausschluß der Kinder; _eine Familie in unserem Sinne existirt also

nicht_, der Begriff von Vater und Sohn fehlt, dagegen hängen Neffe und

mütterlicher Onkel eng zusammen. Recht sprechen die Aeltesten des Dorfes,

und keine Aristokratie lehnt sich gegen die Beschlüsse der Gemeinde auf.

Selbst der Fremde wird nach kurzem Aufenthalt den alten Insassen gleich.

Die Leute leben von heute auf morgen und dafür genügt der Ackerbau, den

sie fleißig treiben. Grund und Boden kann bei der Ausdehnung des Landes

nur wenig Werth haben, eine konsequente Viehzucht verbietet das Klima.

_Blutrache_ ist natürlich überall nothwendig, wo der Staat sie nicht

besorgt, doch hat sie bei den Barea und Bazen nicht den ausgebildeten

Charakter, wie bei den Abessiniern. Der Mörder muß sich dem Tode durch ein

mehrjähriges freiwilliges Exil entziehen, wonach er um ein geringes

Blutgeld ausgesöhnt wird.

Das Land der Bazen ist reich an wildem Honig, den sie stark genießen,

während die Barea sich vorzugsweise von Bier nähren. Dieser Lebensweise

schreibt Munzinger es zu, daß die Bazen volle muskulöse Gestalten haben,

während die Barea klein und hager sind. Die Wohnungen beider Völker sind

runde, glockenförmige, bis zum Boden mit Stroh sehr zierlich bedeckte

Hütten; ihre Kleidung ist der Lederschurz, der erst allmälig den

eingeführten Baumwollenzeugen Platz macht. Das Haupthaar tragen sie wie

alle uns schon bekannten Völker von Nordabessinien; der Bart ist meist

sehr dünn. Die Nase haben sie selten sehr stumpf, oft aber, besonders bei

den Barea, adlerartig gebogen. Der Mund ist groß, jedoch nicht

aufgeworfen. Was die Farbe anbelangt, so findet man alle Abstufungen von

Gelb bis Schwarz, doch herrscht die dunkle Farbe vor.

Die Bazen und die Barea unterscheiden sich im Temperament; die ersteren

sind ruhig, gesetzt und reden leise; die letzteren sind lebhaft lärmend,

schnell aufbrausend. Die Eheverhältnisse bei den Bazen scheinen sehr lose

zu sein, während die Bareafrauen wegen ihrer Treue auch im Auslande

berühmt sind. Beide Völker sind zu Hause sehr friedfertig, während mit dem

Auslande ein ewiger Krieg geführt wird. Barea und Bazen stehen nicht in

völkerrechtlicher Verbindung und heirathen selten untereinander.

Die Bazen müssen ein sehr zahlreiches Volk sein. Ihre Hauptsitze ziehen

sich den großen Strömen Mareb und Takazzié nach; ersterer heißt bei ihnen

Sona, letzterer Dika. Alle treiben Ackerbau mit dem Pflug und nur

theilweise Viehzucht. Ihre Waffe ist die Lanze. Als Typus kann der Zither

spielende „Schangalla“ vom Mareb nach Zander’s Zeichnung angesehen werden

(S. 89).

Die Wohnsitze der Barea liegen im Norden der Bazen. Die Thäler, welche sie

bewohnen, gehören schon dem Hochlande des Barka an, wie ihre Wasser und

ihre Vegetation; die sie begleitenden Berge sind die letzten Ausläufer des

Hochlandes der Bazen und werden zur Weide benutzt, Fieber sind häufig und

die Regen fallen dort meist in der Nacht.

So sind die Völker beschaffen, welche die nördlichen Vorlande Abessiniens

bewohnen. Aber auch im Süden, zwischen Amhara und Schoa und wieder über

Schoa hinaus, treffen wir auf ein eigenes höchst interessantes Volk, das

der _Galla_. Mit ihm werden wir uns im folgenden Abschnitte beschäftigen,

der uns das Königreich Schoa vorführt, welches von Amhara sich seit langem

unabhängig zu machen wünscht und nur zeitweilig mit ihm zusammenfiel;

schon daß der Herrscher daselbst den Titel „Negus“ führt, deutet darauf

hin, daß wir es hier mit einem besonderen Staate zu thun haben.

[Illustration: Fettschwanzschaf]

[Illustration: Dullul an der Bucht von Tadschurra. Nach M. Bernatz.]

Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer · 第 17 / 22 题