Bewegte Jugend. – Der Emporkömmling. – Schlacht von Debela und
Königskrönung. – Rebellenkriege. – Reformen. – Abessinische Heere
und Kriegspraxis. – Verwicklungen mit den Missionären. –
Gefangennahme Cameron’s und Streitigkeiten mit England. – Magdala.
– Beginn der englischen Invasion. – Erstürmung von Magdala und Tod
Theodor’s. – Rückzug der Engländer.
Im äußersten Westen Abessiniens, angrenzend an das den Aegyptern
unterthane Gebiet, liegt die Provinz _Koara_, bekannt durch die besondere
Sprache, welche, abweichend von derjenigen des übrigen Landes, ihre
Bewohner reden. Dort sowol als in dem benachbarten Fürstenthum Sana
regierte seit alten Zeiten eine adlige Familie, die im Beginn dieses
Jahrhunderts durch den Detschas Hailu Mariam repräsentirt wurde. Seine
Frau, die sich rühmen konnte, aus noch vornehmerem Geschlechte
abzustammen, da sie mit der „salomonischen Dynastie“ verwandt war, gebar
ihm im Jahre 1820 einen Sohn, der _Kasa_ genannt wurde. Gewiß war es dem
Knaben, der später den Namen Theodor II. führte, nicht an der Wiege
gesungen, daß er einst über ganz Aethiopien als Negus herrschen und seine
Widersacher niederwerfen werde; denn obgleich aus herzoglichem Geschlecht,
bezeichneten seine frühesten Jahre doch das Elend und die Noth. Beim Tode
seines Vaters theilten die Verwandten das Erbtheil Kasa’s unter sich und
zwangen die aus königlichem Blute entsprossene Mutter, sich durch den
Verkauf von Heiltränkchen und Kusso (dem Mittel gegen den Bandwurm) zu
ernähren. Der Knabe aber fand im Kloster Tschankar am Tanasee, südlich von
Gondar, Aufnahme, um sich dort zum Debtera heranzubilden. Daß er dort den
Studien fleißig obgelegen und erlernt hatte, was man in Abessinien
erlernen kann, dafür zeugt seine spätere Laufbahn, in welche der arme
Student der Gottesgelahrtheit durch einen Zufall hineingeführt wurde. Es
war zu Anfang der vierziger Jahre, als wieder einmal ein Rebell die
Provinz Dembea heimsuchte und sengend und brennend von Ort zu Ort zog.
Auch das Kloster Tschankar wurde überfallen und dort ein Blutbad
angerichtet, dem der junge Kasa nur mit Mühe entkam. Mit einem Haufen
Abenteurer durch das Land ziehend, führte er ein Räuberleben und schwang
sich bald zum Befehlshaber derselben empor. Durch glückliche Erfolge kühn
gemacht, beschloß er, sich eine Provinz zu erobern, und fiel zunächst über
Dembea her, wo damals die kluge und grausame Fürstin _Menene_, die Mutter
des Ras Ali, herrschte. An der Spitze ihrer Truppen stellte sich die
beherzte Frau dem jungen Rebellen entgegen; doch das Schicksal entschied
gegen sie. Geschlagen wußte sie doch dem Unheil noch die beste Seite
abzugewinnen und den Kasa an sich zu fesseln, indem sie ihm ihre Enkelin
_Tsubedsche_, die Tochter des Ras Ali, zur Frau gab. Dem Muthigen hilft
das Glück! dachte Kasa, in dessen Kopf nun großartige Pläne sich zu
entwickeln begannen; die Aegypter hatten Galabat erobert und gegen die
Hauptstadt dieser Provinz, Metemmé, richtete er nun seinen ersten Angriff.
Es war gerade Markttag, als er heranrückte und mit seinen Gefährten den
Ort überfiel, ausplünderte und mit großer Beute sich zurückzog. Indessen
die Rache folgte auf dem Fuße. Kasa gerieth am Flusse Rahad zwischen zwei
Compagnien regulärer ägyptischer Infanterie und wurde gründlich
geschlagen. Seine Bande zerstreute sich und er selbst flüchtete mit einer
Kugel in der Schulter in das Innere des Landes. Von Allen verlassen,
hülflos und ohne die geringsten Mittel wandte er sich nun an die Fürstin
Menene; allein diese wies ihn spöttisch zurück und ihr General, der
Detschas Underad, wagte es sogar, ihn wegen seiner Herkunft als Sohn einer
Kussoverkäuferin zu verspotten. Da ergrimmte Kasa, sammelte Anhänger und
schlug Menene sammt ihrem General, die gefangen wurden. Als man sie vor
ihn führte, redete er sie folgendermaßen an: „Liebe Leute! Wie ihr ganz
richtig bemerkt habt, bin ich der Sohn einer Kussoverkäuferin und ihr
erinnert mich, daß meine Mutter heute noch Nichts abgesetzt hat. Macht
diesen Fehler gut und trinkt gefälligst diese Flasche aus.“ Und damit
zwang er sie, das abscheulich schmeckende, kräftig wirkende
Abführungsmittel zu verschlucken.
Nun war Kasa Herr von Dembea und Gondar, wo sein Einfluß von Tag zu Tag
wuchs. Als darauf, um ihn niederzuwerfen, sein eigener Schwiegervater, Ras
Ali, gegen ihn auszog, wurde auch dieser besiegt und mußte 1852 nach Debra
Tabor, später zu den Galla fliehen. Kaum war dieser aus dem Felde
geschlagen, so rückte der Detschasmatsch _Goschu_ aus Godscham gegen Kasa
vor, um den Emporkömmling zu züchtigen. Wieder wandte sich das Geschick
und Kasa, an den Ufern des Tanasees geschlagen, flüchtete in ein Maisfeld.
Ihm nach sprengte Goschu, laut ausrufend: „Wer fängt mir diesen Vagabunden
ein?“ Kaum hatte er die Worte gesprochen, als ein wohlgezielter Schuß
Kasa’s ihn niederstreckte, der nun, aus seinem Verstecke hervorspringend,
Goschu’s Truppen zurief: „Schaut, euer Fürst ist hin, und ihr seid Hunde,
was wollt ihr machen?“ Entmuthigt durch den Tod ihres Führers streckten
die meisten die Waffen und der Rest fiel unter dem Schwerte der wieder
gesammelten Truppen Kasa’s. Mit dem Falle dieses letzten Häuptlings hatte
Kasa das ganze centrale Abessinien sich unterworfen und nur noch Schoa und
Tigrié waren unbesiegt. In ersterem Staate herrschte unabhängig _Hailu
Melekot_, der Sohn Sahela Selassié’s, in letzterem der alte _Ubié_. Der
nächste, welchen das Schicksal betreffen sollte, war Ubié, doch mußte Kasa
mit diesem alten schlauen Greise anders zu Werke gehen, als mit den
übrigen Gegnern. In Adoa, Ubié’s Hauptstadt, spielten damals die
katholischen Missionäre, namentlich de Jacobis, eine große Rolle, welche
den alten Ubié ganz für sich eingenommen hatten und ihm Frankreichs Schutz
zusagten, während sie den Abuna Abba Salama zu verdrängen suchten. Hierauf
baute Kasa seinen Plan. Um den Kirchenfürsten, der durch die Katholiken
seine Macht immer mehr geschmälert sah, auf seiner Seite zu haben, ließ er
ihn von Adoa nach Gondar kommen und versprach ihm, wenn er ihn zum Könige
krönen wolle, die Katholiken zu vertreiben. Der Vertrag wurde geschlossen,
die Katholiken zuerst aus Amhara verjagt und Ubié aufgefordert, sich zu
unterwerfen und Tribut zu bezahlen. Allein dieser, der 25 Jahre lang im
Schoße des Glücks gesessen und an sein Ende nicht glauben mochte, ließ es
auf eine Entscheidung durch die Waffen ankommen.
Groß und bedeutend waren die Vorbereitungen, die von beiden Seiten zum
Feldzuge getroffen wurden, denn der Tag, welcher über Abessiniens Zukunft
entscheiden sollte, war gekommen.
Ueber die Hochebene von Woggara rückte im Januar 1855 das Heer des
Emporkömmlings nach Semién vor; ihm entgegen zog von der Enderta her der
alte Ubié. Immer höher winden sich die Truppen in die Alpenpässe hinauf,
immer schneidender wird die Luft dort oben und der Schnee läßt seine
weißen Flocken auf die braunen, leichtgekleideten Krieger herniederfallen,
die in gedeckter Stellung am Fuße des mächtigen Bachit sich treffen und
zögernd einander beobachten. Hier das Alter, die Erfahrung und eine
erprobte Macht; dort die Jugend, die Thatkraft und die Siegesgewißheit,
welche rasche Erfolge und Glück verliehen haben. Schon zaudert man
wochenlang – da bricht mit einem Male – es war am 9. Februar – Ubié mit
seiner gesammten Streitmacht auf. Beim Dorfe _Debela_ kommt es zur
entscheidenden Schlacht, in der Ubié’s Heer vernichtet, er selbst
gefangen, einer seiner Söhne getödtet wurde. 7000 Flinten und zwei vom
Könige Ludwig Philipp geschenkte Kanonen nebst einem Schatz von 60,000
Thalern fielen mit der kurz darauf folgenden Einnahme der Festung Amba Hai
in die Hände des glücklichen Kasa, der nun am Ziele seiner Wünsche
angelangt war.
Nicht fern von der Wahlstatt steht die von unserm Landsmann Eduard Zander
erbaute Kirche _Debr Eskié_. Dorthin begab sich schon zwei Tage nach der
Schlacht, umringt von seinen Generalen und geführt vom Abuna, der
siegreiche Sohn der armen Kussohändlerin. Sein Stern war glänzend
aufgegangen und dem glücklichen Krieger fuhr der Gedanke durch die Seele,
daß er berufen sei, das große äthiopische Reich wieder aufzurichten. Er
glaubte sich zu hohen Dingen auserkoren. Ging doch unter den abessinischen
Christen die alte Sage, es werde einst ein Kaiser _Tadros_ (Theodoros)
erstehen, um den Glanz Aethiopiens wieder herzustellen, das Land groß, das
Volk frei und glücklich zu machen; er sei vom Himmel dazu bestimmt, die
Muhamedaner zu überwältigen und Mekka sammt Medina zu zerstören. Daran
anknüpfend, ließ sich nun Kasa vom Abuna Salama in der Kirche zu Debr
Eskié am 11. Februar 1855 zum Negus über Aethiopien krönen, wobei er den
Thronnamen Theodor II. annahm. De Jacobis und die Katholiken mußten nun
unter Androhung der Todesstrafe schleunig das Land räumen.
Nachdem Theodor nothdürftig durch Einsetzung eines Statthalters sein
Ansehen in dem noch keineswegs ganz unterworfenen Tigrié hergestellt,
beschloß er, zunächst Schoa zu unterjochen, wozu theologische
Spitzfindigkeiten, nämlich die Frage von den zwei oder drei Geburten
Christi (vergl. S. 112) den Vorwand hergeben mußten. Durch Wollo-Galla zog
er auf Schoa zu, dessen schwacher König, _Hailu Melekot_, an einem
entscheidenden Tage die Krone verlor und bald darauf starb. Nachdem noch
die Provinz Godscham von Rebellen gesäubert war, hielt der siegreiche
Fürst im Mai 1856 seinen feierlichen Einzug in die alte Kaiserburg zu
Gondar. Nominell reichte jetzt sein Land, das den Kern des alten
äthiopischen Reichs umfaßte, vom Hawaschflusse bis zur Samhara. Aber es
hätte nicht Abessinien heißen müssen, um Ruhe zu haben: von allen Seiten
regte es sich, um den König wieder niederzuwerfen, und der Bürgerkrieg
brach mit seiner ganzen Wuth von Neuem in Tigrié aus.
Ein Neffe des entthronten Ubié, _Agau Negusi_, setzte sich im
nordwestlichen Tigrié fest und vertrieb den Statthalter Theodor’s. Negusi
war ein gutmüthiger, löwenherziger Jüngling, dem es nur an festem Willen
fehlte. Fünf Jahre lang war er Herrscher über Tigrié an der Spitze einer
glänzenden Armee, weil Theodor von Ahmed Beschir, der sich an die Spitze
der räuberischen Galla gestellt, nicht loskommen konnte. Unterdessen
knüpfte Negusi mit Frankreich Verbindungen an, stand in nächster Beziehung
zu den französischen Agenten in Massaua und zu dem Bischof de Jacobis,
welchem, wie wir gesehen haben, das Betreten des abessinischen
Territoriums bei Todesstrafe verboten war. Ein Brief Negusi’s an Herrn von
Lesseps, in welchem er anbietet, sich Frankreich unterwerfen zu wollen,
wurde in Massaua verfaßt, und Negusi soll kaum soviel Kunde davon gehabt
haben, als von der Abschickung einer Gesandtschaft nach Frankreich, durch
welche den Franzosen unter der Bedingung, daß sie ihn beim Umsturz der
jetzigen Dynastie begünstigen wollten, die Bai von Adulis und die Insel
Dessi geschenkt wurden. Ein Kapitän Russel mit einigem Gefolge wurde
sofort von Paris nach Massaua geschickt, um mit dem „Empereur Negousi“ zu
verhandeln, der stündlich auf die versprochenen französischen Hülfstruppen
sammt Waffen wartete. Diese erschienen jedoch nicht. Nachdem Russel’s
Ankunft bekannt geworden, ging er nach Halai, dem Grenzorte zwischen
Abessinien und dem Küstenlande, wo Jacobis seit seiner Vertreibung wohnte.
Allein die Anhänger Theodor’s setzten ihn, da mittlerweile Negusi
geschlagen war, gefangen, und nur auf Jacobis’ Garantie wurde er
freigelassen, allein unter der Bedingung, daß er dessen Haus nicht
verlasse. Doch Russel entfloh in der Nacht des 5. Februar 1860, wodurch
Jacobis in große Verlegenheiten gerieth. Dieser blieb einen Monat in
schmählicher Gefangenschaft, mußte ein Lösegeld bezahlen und starb kurz
nach seiner Rückkehr nach Massaua infolge der Strapazen. Damit hatte die
glänzende französische Intervention ihr Ende.
Der Untergang und Fall Negusi’s selbst war ein höchst tragischer. Als
Theodoros Zeit fand, nach Tigrié zurückzukehren, entzog sich Anfangs
Negusi durch eine kühn ausgeführte Bewegung seiner Verfolgung; er nahm den
Rückzug, weil er wußte, daß seine Soldaten sich nie gegen Theodoros
schlagen würden. Im folgenden Jahre, 1861, kam der König abermals über den
Takazzié und diesmal erwartete ihn Negusi mit einem an Tüchtigkeit
überlegenen Heere; er erklärte als ein guter Ritter auf seinem Rosse
siegen oder sterben zu wollen. Aber sein Heer, das fünf Jahre mit ihm
gezecht hatte, ließ ihn im Stich. Ein panischer Schrecken ging durch das
Lager; Theodor erließ eine Proklamation, worin er jedem Soldaten Pardon
anbot. Auf dieses hin zerstreute sich das Heer und Negusi wurde sammt
seinem Bruder Tesama auf der Flucht gefangen genommen. Theodoros ließ sie
vorführen und beiden die linke Hand und den rechten Fuß abhauen, und um
die Schmerzen noch qualvoller zu machen, verbot er, ihren brennenden Durst
zu löschen. Tesama starb noch an demselben Tage. Negusi lebte bis zum
dritten Tage und man machte seinen Leiden durch einen Lanzenstich ein
Ende. Die Kirchen strömten vom Blute der Hingerichteten und als eine
Deputation der Geistlichen in Axum vor Theodor erschien, äußerte dieser:
„Ich habe einen Bund mit Gott abgeschlossen, er hat versprochen mich auf
Erden nicht zu schlagen; ich dagegen habe gelobt, nicht in den Himmel zu
steigen und ihn zu bekämpfen!“
Nachfolger Negusi’s als Gegenkönig und Rebell wurde ein gewisser _Marit_,
der jedoch im Oktober 1861 durch den _alter ego_ des Kaisers Theodor, den
Detschas Salu von Tigrié gefangen und in Ketten gelegt wurde. Die Waffen
erhielten diese Rebellen durch einige Oesterreicher über Aegypten und
Massaua.
Doch diese ganze Empörung ist ein gewöhnliches Stück abessinischer
Geschichte, wobei nur die dem Negusi zugeschriebene Bedeutung auffällt,
während dieses doch nicht der Mann war, um einem Theodor, dessen Namen
allein ein Heer in die Flucht jagte, gegenüber gestellt werden zu dürfen.
Von großer Wichtigkeit und erheblichen Folgen wurden jedoch einige
Episoden dieses Empörungskrieges, der Theodor seiner besten europäischen
Freunde beraubte.
Kurz vor dem Emporkommen Theodor’s errichtete die britische Regierung ein
Konsulat in Massaua, und um den Verkehr mit Abessinien in regelrechten
Gang zu bringen, knüpfte der Konsul _Walther Plowden_ freundschaftliche
Beziehungen mit dem mittlerweile ans Ruder gelangten Theodoros an, wodurch
er hoch in des neuen Herrschers Gunst stieg. Er begab sich an seinen Hof
und trug dazu bei, Theodor’s Vorliebe für europäische Sitten und
europäisch aussehende Reformen zu nähren. Auf vielen seiner zahllosen
Kriegszüge begleitete ihn der englische Konsul ebenso getreu, wie auf
seinen Jagdzügen und bewies sich, sehr verschieden von der reservirten
Haltung britischer Diplomaten an anderen Höfen, als der wärmste und
thätigste Parteigänger des Königs. Fünf Jahre lang war er der intimste
Freund Theodor’s, bis ihn, zum Schmerze des Fürsten, im Beginne des Jahres
1860 die Kugel eines aufständischen Soldaten, der dem Rebellencorps der
Gebrüder Garet angehörte, niederstreckte. Noch näher ging dem Könige der
Tod des Irländers _John Bell_, der ein Jägerleben am Blauen Nil geführt
und eine schwärmerische Zuneigung zu Theodor gefaßt hatte, sodaß er gleich
einem Hunde des Nachts vor dessen Zeltthür schlief. Gern hörte ihn der
Fürst über das Finanzwesen und die Regierungsform der verschiedenen
europäischen Staaten sprechen, um Lehren für sich daraus zu ziehen. Bell
wurde zum Likamankuas, d. h. zum Träger des königlichen Kleides in der
Schlacht gemacht, eine Ehre, die nur vier Offizieren widerfährt, die sich
ganz wie der König kleiden müssen, damit der Feind den wirklichen König
nicht unterscheiden könne. Bei der Verfolgung der Rebellen, welche Plowden
ermordet hatten, befand sich auch Bell an der Seite Theodor’s, der die
feindlichen Gebrüder Garet in der Nähe von _Dobarek_, da, wo die
Hochebenen von Wogara sich an Semién anschließen, einholte.
Garet, der sich auf keine andere Weise zu retten wußte, rief seinen Bruder
und einige Begleiter zu sich und ritt in gestrecktem Galopp auf Theodor
zu, der von Bell und einigen Offizieren umgeben, der Truppe vorausgeeilt
war. Als Garet sich in Schußweite befand, hielt er an, zielte und feuerte.
Der Negus wurde unbedeutend an der Schulter verwundet. In diesem
Augenblick gab Bell Feuer und jagte dem verwegenen Garet eine Kugel durch
den Kopf, erhielt aber gleichzeitig einen Lanzenstich durch die Lunge,
infolge dessen er todt zusammenbrach. Nun gab auch Theodor Feuer und
streckte den jüngeren Garet nieder. Die Wuth und der Schmerz des Königs
über den Verlust seines getreuen Dieners überstieg alle Grenzen und
Garet’s ganzes gegen 1700 Mann starkes Corps, das sofort die Waffen
streckte, wurde enthauptet. Der Reisende, der heute über die Ebene von
Wogara bei Dobarek zieht, sieht dort das Feld noch weit und breit mit
Menschengebeinen übersät, den Zeugnissen der schauderhaften Rache, welche
Theodor an den Mördern seines Lieblings genommen (vergl. oben S. 203). Und
doch war dieser Akt noch weit weniger grausam, als die früher übliche
Bestrafung der Kriegsgefangenen, die man entmannte. Hochverräther wurden
nach Isenberg’s Zeugniß früher öffentlich bei lebendem Leibe geschunden,
das Fleisch dann in kleine Stücken zerhackt und den Hunden vorgeworfen;
die Haut aber gerbte man und machte Trommelfelle daraus. Alle diese
barbarischen Strafen schaffte Theodoros Anfangs ab, aber die fortwährenden
Unruhen zwangen ihn, später wieder darauf zurückzukommen, und das Blut
floß auch unter Theodor in Strömen.
Die inneren Feinde waren so allmälig niedergeworfen, dafür trat jedoch von
außen ein weit mächtigerer Widersacher, _England_, auf. Ehe wir jedoch
hierzu übergehen, ist es nothwendig, noch einen Blick auf Charakter und
Persönlichkeit, wie auf die reformatorischen Bestrebungen des Negus zu
werfen, der jedenfalls _ein ganz bedeutender Mensch_ in seiner Weise war,
eine seltene und großartige Erscheinung in Abessinien, die allerdings mit
europäischem Maßstabe nicht gemessen werden darf.
„Theodoros“, so schrieb 1862 Lejean, „mag etwa 46 Jahre alt sein. Er ist
von mittlerem Wuchs und wohlgestaltet, hat einen offenen sympathischen
Gesichtsausdruck, gut entwickelte Stirn, kleine, lebhafte Augen und eine
fast schwarze Gesichtsfarbe. Nase und Kinn erinnern an den jüdischen
Typus. Er ist aus Koara gebürtig und ich halte ihn für einen Agow oder
Gamanten; für einen Aethiopier von reinem Blute ist Theodoros zu
dunkelfarbig. Seine äußere Erscheinung imponirt, sie zeigt, daß er in der
That ein Mann von großer geistiger Regsamkeit und unermüdlicher
Kraftentwicklung ist, und er bildet sich auch hierauf etwas ein. Er
vertreibt sich gern die Zeit damit, an steilen Hügeln herab- und
heraufzuklimmen und dann erfordert die Etikette, daß seine Umgebung ein
Gleiches thue. Auf dem Pferde bewegt er sich wie ein argentinischer Gaucho
und seine Rosse zittern buchstäblich, wenn sie ihn kommen sehen. Sein
Kriegsruf ist wie bei allen abessinischen Häuptlingen: Abba Senghia, d. h.
Vater der Pferde. Für gewöhnlich trägt er sich höchst nachlässig; als
tüchtiger Soldat verachtet er ein geschniegeltes Wesen, kleidet sich wie
ein gewöhnlicher Offizier, Kopf und Füße sind unbedeckt. Aber auf einen
Schmuck der Krieger legt er Werth; er läßt das Haar in drei lange Flechten
legen, welche auf die Schulter herabfallen, und trägt ein weißes
Stirnband.“ Ausgenommen seine erste Frau, Tsubedsche, hat nie ein Weib
Einfluß auf sein Leben gehabt. Diese aber, die Tochter seines Widersachers
Ras Ali, liebte er leidenschaftlich, und als er sie im Jahre 1858 verlor,
war er kaum zu trösten. Ganz anders ging es seiner zweiten Frau,
_Toronesch_, einer Tochter Ubié’s, die er geheirathet, um sich mit der
Familie dieses einst mächtigen Fürsten auszusöhnen. Er verstieß sie
einmal, und Bell, der interveniren wollte, um Skandal zu verhüten, erhielt
eine gehörige Ohrfeige. Der Fortbestand seiner Dynastie lag dem König
Theodoros nicht minder am Herzen als einem europäischen Fürsten, und er
behauptete, daß wenigstens einer seiner Söhne ans Ruder kommen müsse,
„denn die Propheten hätten nicht gelogen“. Sein älterer Sohn, von der
Tsubedsche, war ein durchaus verkommener, mißrathener Mensch, den der
Vater eines schönen Tages in einen Eselstall sperren ließ, damit er dort
„_en famille_“ sei. Der zweite jedoch, Detschas _Maschescha_, wurde 1862
zum Gouverneur von Dembea ernannt, wo er sich durch sein mildes Wesen so
beliebt machte, daß Theodor es für gerathen hielt, ihn abzuberufen. „Was
soll dies Buhlen um die Volksgunst? fragte er ihn. Willst du die Rolle des
Absalon spielen und den Vater vom Throne verdrängen?“
Das Auftreten Theodor’s war meist theatralisch oder, wie die Abessinier
sagen, fakerer, d. h. ruhmredig. Gesten und Stimme waren berechnet und
Niemand wußte besser als er den Präsidentensitz bei einer Versammlung
auszufüllen. Seine brillante Beredtsamkeit verfehlte selten ihr Ziel und
seine Briefe sind Muster der amharischen Sprache. Die halb klösterliche
Erziehung, die er in Tschankar erhalten, hatte noch Spuren hinterlassen,
und so galt der König für einen sehr gebildeten Mann. Er war in der
Nationalliteratur bewandert und kannte die europäischen Zustände. Als
Probe seines Stils möge folgende von ihm eigenhändig niedergeschriebene
Proklamation gelten: „Von Menilek bis auf die jüngste Zeit herab sind alle
Negus dieses Landes nur Histrionen gewesen, welche Gott weder um Geist
noch um Beistand baten, das Reich wieder aufzurichten. Als Gott mich,
seinen Diener, zum Könige erwählte, sagten meine Landsleute: Der Fluß ist
ausgetrocknet, es giebt kein Wasser mehr in seinem Bett. Und sie
beleidigten mich, weil meine Mutter arm war und nannten mich ein
Bettlerkind. Aber den Ruhm meines Vaters, den kennen die Türken, da er sie
von den Landesgrenzen bis in ihre Städte zurückgejagt. Mein Vater und
meine Mutter stammen von David und Salomo, ja von Abraham, dem Knechte
Gottes, ab. Diejenigen aber, welche mich Bettlerkind schimpften, sie
betteln heute selbst um ihr tägliches Brot. Ohne den Willen Gottes können
weder Kraft noch Weisheit vor dem Untergange schützen. Viele Große dieser
Erde haben Bomben und Kanonen im Ueberflusse und sind doch unterlegen.
Napoleon hatte tausende und er ist besiegt worden. Nikolaus, der Negus der
Moskowiter, ist von Franzosen und Türken besiegt worden; er starb, ohne
daß seines Herzens Wunsch in Erfüllung ging.“
Von der europäischen Civilisation hatte Theodor eine hohe Meinung, von der
Moral der Europäer jedoch nur eine sehr geringe, was auch nicht gut anders
der Fall sein konnte, da die meisten Europäer, mit denen er zu verkehren
hatte, verdorbenes, hochmüthiges Gesindel waren. So wild der König auch im
Kriege war, an sanfteren Regungen fehlte es ihm keineswegs. Er nahm sich
der Waisen an, sorgte für sie durchs ganze Leben, verheirathete sie und
ließ sie niemals aus dem Auge. Er liebte die Kinder außerordentlich und
kehrte sich, wie er sagte, von den falschen Höflingen ab, um sich an der
Unschuld jener zu weiden. Dabei war er freigebig im höchsten Grade,
großmüthig und gerecht, aber auch unerbittlich streng, wo es darauf ankam.
„Ich selbst war Zeuge,“ schreibt Krapf 1856, „wie schon Nachts 2 Uhr
Scharen von Beschwerde führenden Leuten aus allen Theilen Abessiniens das
königliche Lager umstanden und Dschan hoi! (o Majestät) riefen. Ich glaube
kein König in der Welt thut es ihm in dieser Beziehung gleich, und mußte
mich nur wundern, wenn er es bei einer solchen angestrengten Thätigkeit
bei Tag und Nacht, in Sachen des Kriegs sowol, wie des Friedens aushalten
kann. Die Abessinier haben ihn aber auch bereits so lieb, daß sie ihn mit
dem König David im alten Bunde vergleichen, und sie glauben, daß die alte
Weissagung, wonach ein König Theodorus kommen und Abessinien groß und
glücklich machen, auch Mekka und Medina zerstören werde, sich zu erfüllen
anfange.“
Obgleich der Negus sein eigenes Volk verachtete und dessen Fehler recht
wohl kannte, so hat er nichtsdestoweniger redlich an der Verbesserung der
Lage desselben zu arbeiten versucht und, soweit den eingewurzelten
Mißbräuchen gegenüber seine Kraft reichte, eine reformatorische Thätigkeit
entwickelt, die allerdings durch die fortdauernden Rebellionen auf große
Hindernisse stoßen mußte. Durch die lange Anarchie waren alle Gesetze nur
todte Buchstaben geworden und die Kirche in die größten Mißbräuche
gerathen. Alle üblen Folgen der todten Hand lasteten auf den Bauern und
Besitzern der Kirchengüter. Gegen diese Mißbräuche trat nun Theodor mit
eisernem Willen auf; er erklärte die todte Hand als ein nationales Uebel
und annektirte alle Kirchengüter der Krone, indem er der Geistlichkeit ein
gewisses Einkommen und den Klöstern genug Land ließ, um sich zu ernähren.
Auf die Einheit der Kirche hielt er dabei große Stücke; doch war er
Fanatiker und befahl allen Muhamedanern in seinem Reiche, binnen zwei
Jahren Christen zu werden. Mit den Missionären, protestantischen wie
katholischen, die sich doch in die politischen Verhältnisse mischten,
wollte er nichts zu thun haben – er untersagte ihnen jegliche Thätigkeit.
Den Handel zu heben, hatte Theodor gleich nach seinem Regierungsantritte
alle die unzähligen Zollstätten von Gondar bis nach Halai aufgehoben, zwei
Plätze ausgenommen. Auch der Sklavenhandel und die Vielweiberei wurden
verboten, freilich ohne großen praktischen Erfolg. Sein Hauptplan war aber
immer, das große äthiopische Reich phönixartig aus der modernden Asche
wieder erstehen zu lassen. Hierzu brauchte er die Hülfe der Europäer, und
darum verlangte er nach jenen Handwerkern, die ihm auch durch Krapf’s
Vermittlung zugeschickt wurden. Jedenfalls war überall ein Fortschritt,
auch in der Justiz zu erkennen, sodaß 1862 Heuglin aus Abessinien in die
Heimat schreiben konnte:
„Die Zustände in Abessinien im Allgemeinen lassen Manches zu wünschen
übrig. Der König stößt auf tausend Schwierigkeiten bei Einführung seiner
Reformen und muß mit eiserner Strenge verfahren, um nur einigermaßen
Ordnung erhalten zu können, doch ist trotzdem, daß ihm seine Kriegszüge
keine Zeit lassen, viel für Administration zu thun, auch manches sehr
Erfreuliche hier geschehen. Namentlich ist für bessere Kommunikation
wirklich mit Erfolg an Straßenbauten gearbeitet und dem Schreiber- und
Pfaffenunwesen mit einer Kraft Einhalt gethan worden, an der sich mancher
andere Herrscher ein Exempel nehmen dürfte.“
Soviel wie Theodor hatte vor ihm kein abessinischer Herrscher für Land und
Volk gethan, keiner war aber auch mit so außerordentlichen Gaben des
Geistes ausgerüstet, wie dieser bedeutende Mann, an dem andererseits
Jähzorn und Trunksucht sehr zu beklagen sind, da beide ihn oft zu
gewaltsamen, unüberlegten Handlungen hinrissen. Wild und grausam blieb er
auch in seinem Lager- und Kriegsleben, das wir am besten kennen lernen,
wenn wir mit dem deutschen Reisenden _Steudner_, dem Begleiter Heuglin’s,
einen Besuch im Lager des Königs abstatten, der sich auf einem Feldzuge
gegen die Galla im Lande jenseit des hohen Kollogebirges befand.
Spät am Abend des 4. April 1862 erschien ein Bote bei Herrn von Heuglin,
um diesen einzuladen, beim Könige zu erscheinen. Der Geladene warf sich in
eine große Uniform und wanderte, von Steudner begleitet, unter
Fackelschein über Sturzäcker zu dem kaiserlichen Zelte. In dem mit Wachen
umstellten engeren Lagerbezirke wurden die Reisenden aufgehalten, da im
Zelte des Negus erst eine längere Berathung darüber stattfand, ob Heuglin
auch mit dem Säbel an der Seite eintreten dürfe. Nachdem dies bewilligt
war, wurden die Fremden feierlich in das Zelt eingeführt, in welchem sie
Seine schwärzliche Majestät mit halb untergeschlagenen Beinen auf einem
alten auf der Erde ausgebreiteten Teppich sitzend fanden; neben ihm
kauerte sein Beichtvater, der Etschegé. Se. Majestät trug ein weißes
abessinisches Gewand, dem man die Spuren langen Lagerlebens deutlich
ansah; er grüßte sehr artig, besonders Herrn von Heuglin, fand es jedoch
nicht für nöthig, sich zu erheben; dann lud er die Gäste ein, neben ihm
Platz zu nehmen. Das Zelt war von großen Würdenträgern und Eunuchen
überfüllt; zur Linken des Königs saß dessen Sohn Maschescha, und der Sohn
des gestürzten Königs von Schoa, der zugleich mit Maschescha erzogen
wurde, der zweite Ras des Landes, Ras Engeda, und der Lagerkommandant
Bascha Negusi. Vor ihnen stand ein mit rothem Tuch bedeckter Meseb oder
Eßkorb, aus welchem sie mit unvergleichlichem Appetite die Fastenspeise
verzehrten. Se. Majestät ließ durch seinen Af sich erkundigen, was die
Reisenden essen wollten, Brundo (rohes Fleisch), Teps (halbgeröstetes)
oder Fastenspeise. Der Af, d. h. der Mund, ist eine vertraute Person des
Königs, zu welcher dieser spricht, um die Worte den Fremden zu
wiederholen, selbst wenn derjenige, an den sie gerichtet sind, sie
vernimmt. Man stellte es der Weisheit Theodor’s anheim, mit was er seine
Gäste bedienen wolle, und auf ein Zeichen erschien ein Meseb mit schönem
Tiéfbrot gefüllt, um den die beiden Europäer sich lagerten, während zwei
hohe Würdenträger beordert wurden, sie zu füttern, d. h. abgerissene
Stücke Tiéfbrot in die rothe Pfeffersauce zu tauchen und ihnen diese in
den Mund zu praktiziren. Die Leute entledigten sich dieser Pflicht in
höchst liebenswürdiger Weise, indem sie möglichst große Brotballen mit
möglichst viel brennender rother Pfeffersauce den Gästen in den Mund
steckten, welche das abessinische Gericht krampfhaft hinabwürgten. Nach
der Mahlzeit bediente sich Se. Maj. nicht mehr des Af, sondern wandte sich
unmittelbar an die Fremden und zwar in arabischer Sprache. Während der
Unterhaltung wurde Honigwein in schönen Punschgläsern aus einer Bowle
servirt, die vom Gouverneur von Indien geschenkt war.
Theodor war damals sehr mit Regierungsgeschäften überhäuft und ließ sich
mehrmals entschuldigen, daß er die Reisenden nicht gleich offiziell
empfangen könne. Schon vor Sonnenaufgang begann vor dem königlichen Zelte
das Dschan-hoi-Geschrei derjenigen, die Streitsachen vortragen und
Gerechtigkeit erflehen wollten. Hierauf folgten von Sonnenaufgang an die
Gerichtssitzungen, wobei das klatschende Geräusch der großen Knuten und
Stöcke das Ergebniß verkündigte, welches nicht selten in die frische
Morgenluft hinein hallte. Mehre Tage hindurch war der Negus damit
beschäftigt, die im Lager mitgeführten Herden zu zählen. Nachdem dieses
königliche Geschäft, wobei 20,000 Rinder die Revue binnen zwei Tagen
passirten, vollendet war, erhielten die beiden Reisenden eine feierliche
Audienz zur Uebergabe der mitgebrachten Geschenke. Der Negus empfing sie
am Abhange eines Hügels, welcher das Centrum des Lagers bildete. Er saß
auf einer Alga, die mit einem prachtvollen, sehr großen Kaschmir bedeckt
war; darüber lag noch ein mit indischer Goldstickerei überladener Teppich
ausgebreitet. Auf der Sonnenseite, sowie hinter dem Könige standen zwei
Schirmträger, welche beide ungeheuer große bunte Schirme auf 10 Fuß hohen
Stäben über dem Haupte des Erlauchten hielten. Der Negus selbst war in
einen sehr feinen Margef gehüllt und lehnte nachlässig auf der Alga, vor
welcher für die beiden Europäer gute Teppiche zum Niedersitzen
ausgebreitet waren. Diese befanden sich allein mit dem Fürsten und seinen
schirmtragenden Kammerherren, während im Umkreise von 30 Schritt
Halbmesser andere dienstthuende Hofchargen standen, z. B. die
Peitschenträger mit langen Stöcken in der Hand, um das neugierige Publikum
abzuhalten.
Nachdem Se. Maj. sehr bereitwillig Erlaubniß zur Ueberreichung der
Geschenke ertheilt, wurden die Diener der beiden Reisenden herangerufen,
die mit gänzlich entblößtem Oberkörper, die Gewänder um den Leib gegürtet,
mit den Gegenständen erschienen. Jedes einzelne Stück mußte dem Negus
gezeigt und dann vor ihm auf den Boden niedergelegt werden. Die Geschenke
bestanden aus mehreren Sammetteppichen, einem Revolvergewehr, einem sehr
schönen Revolver nach abessinischem Geschmack mit recht großem Kaliber,
zwei sehr guten langen gezogenen Pistolen, welche man mit angeschraubtem
Kolben auch als Pürschbüchsen benutzen konnte, einem Hirschfänger mit
vergoldetem und einem andern mit silbernem Griffe, einigen schön
gearbeiteten Dolchen mit vergoldeten Scheiden u. s. w. Se. Maj. geruhten
hierauf sich dankend über die Geschenke auszusprechen. Im Laufe der
Unterhaltung sprach er seine Verwunderung darüber aus, daß die Türkei
bisher noch nicht von den christlichen Mächten erobert sei, ja daß einige
derselben sie sogar gegen eine andere christliche Macht geschützt hätten,
wobei er bemerkte: „ein Reich, das sich nicht selbst regieren könne, habe
keinen Anspruch darauf, selbständig zu existiren“. Uebrigens erschien der
König sehr ermüdet, war es doch der dritte Tag, an welchem er sich mit dem
anstrengenden Rinderzählen beschäftigt hatte, kein Wunder also, daß seine
Nerven angegriffen waren. Abgesehen von dieser Mattigkeit erschien König
Theodor, ein Mann von etwa 40 Jahren, kräftig, schlank, wenn auch nicht
groß. Seine Gesichtszüge waren frei; in der Tracht unterschied er sich
kaum von seinen Unterthanen; wie diese ging er barhaupt und barfuß in
dieselbe Schama gekleidet. Das Haar trug er als Krieger in mehrere, dicht
am Kopfe anliegende Zöpfe geflochten.
So war der Mann beschaffen, der als Mittelpunkt des ganzen Lagers dastand,
welches sehr leicht aufgeschlagen wird. Will der Negus, der stets an der
Spitze seines Heeres marschirt, Halt machen, so läßt er an einem passenden
Platze ein kleines scharlachrothes Zelt aufstellen, welches dann als
Mittelpunkt für das ganze Lager dient. Dicht vor diesem, auf dem höchsten
Punkte wird das Kirchenzelt, welches niemals fehlen darf, errichtet. In
einiger Entfernung von diesem und stets – angeblich aus Demuth – tiefer
stehend, wird das sehr große, aus dickem dunkelbraunem Mack bestehende
Zelt des Negus aufgebaut; zu beiden Seiten desselben standen zwei ähnliche
für die beiden Königinnen; auf dem linken Flügel dann ein sehr großes Zelt
für den königlichen Marstall und die vier zahmen Löwen, diesem
entsprechend auf dem rechten Flügel gleichfalls ein großes Zelt für die
königliche Küche, dann das Zelt des Abuna Salama, durch eine stets vor der
Zeltthür errichtete Windwand kenntlich. Die Zelte der Anführer sind aus
weißem Baumwollenstoff in verschiedenen Formen gearbeitet; um diese herum
bildet sich ein weiter Kreis kleiner Hütten, _Gotscho_, in welchen die
Leute eng zusammengepreßt liegen, um sich gegenseitig zu erwärmen. Eine
bestimmte und sehr praktische Form haben die Zelte der Schoaner; sie sind
aus starkem braunem Mack gefertigt, haben ein Rechteck zur Basis und zwei
Zeltstangen halten das Ganze an den beiden schmalen Ecken, während kurze
Schlingen am unteren Rande des Zeltes dazu dienen, die Pflöcke
einzuschlagen. Auf diese Weise halten sie sich sehr gut, ohne daß sie die
wegen der vielen herumlaufenden Thiere höchst unangenehmen Zeltstricke
nöthig haben; auch im Innern bieten sie vielen Raum. Ueberall vor den
Zelten lodern Feuer, an denen die Frauen der Soldaten beschäftigt sind,
für diese Tiéfbrote oder rothe Pfefferbrühe zu kochen; zu anderen Zeiten
sieht man die Zeltstricke dicht mit großen Mengen in lange dünne Streifen
geschnittenen Fleisches behangen, welches an der Luft und der Sonne
trocknen soll. Reihen von Mägden und Dienern durchziehen von der
königlichen Küche aus nach allen Richtungen das Lager, um große, mit
rothem Tuch überdeckte Meseb oder Körbe voller Tiéfbrot und mächtige Krüge
voll Honigwein nach den verschiedenen Zelten der Großen zu bringen, die
aus den königlichen Vorräthen mit Trank und Speise versehen werden.
Noch bunter und lebendiger gestaltet sich das Bild, wenn das Lager
aufbricht. Zunächst werden die kleinen Gras- und Reisighütten (Gotscho)
niedergebrannt, und hoch zum Himmel auf strebt der Rauch, die Stätte des
abgebrochenen Lagers bezeichnend. In den meisten Fällen führt der Negus,
von Kavallerie umgeben, den Zug an, dem in mehreren Heersäulen das Gros
der Armee folgt. Lange Reihen von schwer beladenen Pferden, Maulthieren
und Eseln, die in dem futterarmen Hochlande Tag und Nacht der Kälte und
Nässe ausgesetzt sind, ziehen, zu Skeletten abgemagert, dahin. Ohne die
geringste Ordnung schreiten Leute einher, die vorsichtigerweise während
des Tagemarsches eine Last Holz mitschleppen, um sich damit am Abend ein
wärmendes Feuer machen zu können; ihnen folgen Krieger in der einst
weißen, jetzt schmuzigen Schama mit rothem Randstreifen und umwickelt mit
dem dicken abessinischen Leibgurt, in welchem der Schotel, d. h. der große
krumme abessinische Säbel mit Nashorngriff in rother Scheide steckt; in
der Hand führen sie die scharfgeschliffene Lanze oder ein
Luntenflintengewehr mit viereckigem Kolben. Dann ziehen munter plaudernd,
an dem Kochlöffel erkenntlich, mit dem flachen Gilgit oder Proviantkorbe
auf dem Rücken, die Köchinnen, echte Löffelgarde, einher. Die königlichen
Küchendamen sind an dem Messingknopfe kenntlich, der auf dem Kopfwirbel in
das Haar mit eingeflochten ist. Neben ihnen traben Esel, unter der Last
von Grasbündeln völlig begraben. An jedes der langen Ohren dieser
philosophischen Geschöpfe ist eine Ziege oder ein Schaf vorgespannt, damit
das interessante Kleeblatt beisammen bleibe.
Von einer Anzahl Pfaffen mit großen Turbanen umgeben, reitet auf schönem
Maulthiere im violetten Gewande der höchste Kirchenfürst, Abuna Abba
Salama auch im Zuge mit. Neben ihm und seiner wohlgenährten in Gott
vergnügten Schar schleppt sich mühsam auf skelettartig abgemagertem
Maulthiere ein früherer Häuptling hin, dem mit oder ohne Ursache eine Hand
und ein Fuß abgehauen ist. Er hat den Stumpf seines Fußes in ein
Trinkgefäß aus Horn gesteckt, den verstümmelten unbrauchbaren Arm trägt er
im faltigen Gewande verborgen. Dann folgen Gefangene in schweren Ketten,
jeder mit seinem Führer zusammengeschlossen, den der Unglückliche noch für
diese Gefälligkeit ernähren und bezahlen muß. Viele dieser Gefangenen
tragen, um das Entweichen zu verhindern, den fünf bis sieben Fuß langen
Monkos am Halse, dessen dicke Gabel durch ein Querholz geschlossen ist und
der dem Gefangenen selbst beim Schlafen nicht abgenommen wird. Kaum ein
Lumpen deckt diese Unglücklichen. Nicht weit von ihnen trifft der Blick
wieder auf ein anderes Bild, und zwar auf ein heiliges, das mit allem
Aufwande von abessinischem Prunk angezogen kommt. Es ist der Etschegé, das
Oberhaupt der Mönche, zugleich Beichtvater des Königs, dem er als steter
Begleiter und Rathgeber allüberall hinfolgt. Er reitet ein prachtvolles
Maulthier und schützt sein theures, mit einem ungeheuren weißen Turban
umhülltes Haupt durch einen großen buntseidenen Regenschirm, dessen
abwechselnd goldgelbe und violette Fächerfelder weithin sichtbar sind. Ihm
folgt eine große Anzahl schmuziger Mönche in einstens weiß gewesene
Gewänder gehüllt oder in gelbes Leder gekleidet; alle tragen das Zeichen
ihres Standes, den Fliegenwedel oder Kuhschwanz. Unter ihren weißen oder
gelben Kappen erblickt man die niederträchtigsten Gaunerphysiognomien,
sowie die ausdrucklosesten Gesichter, die Abessinien erzeugen kann.
Plötzlich scheut das Maulthier des Etschegé und springt zur Seite: es ist
ein aller Kleider beraubter Todter, der, auf der Straße liegend, das Thier
beunruhigt. Dem Etschegé mit seinen frommen Begleitern folgt eine Reihe
Tabots, für deren wunderthätigsten ein mit rothen Lappen und Lumpen
bedeckter Armsessel aus lackirtem, mit bunten Blumen bemaltem Holz
bestimmt ist. Diese Tabots, deren oft zehn oder zwanzig aufeinander
folgen, sind Holztafeln mit den zehn Geboten oder frommen Sprüchen
beschrieben. Jede dieser Platten ist sorgfältig mit rothem Baumwollstoff
bedeckt und alle werden in einer langen Reihe hintereinander getragen. Dem
ganzen kirchlichen Prachtzuge geht ein schmuziger Mönch voran, welcher
fortwährend eine Glocke schwingt, damit Jeder, der da sitzen sollte, vor
den Heiligthümern aufstehe und ihnen seine Ehrfurcht bezeuge.
[Illustration: Im Lager des Negus. Priester und Krieger. Zeichnung von
H. Leutemann.]
Im vollen Galopp auf guten Maulthieren, die mit klingelnden Glöckchen
behängt sind, kommt ein Trupp Schoaner angesprengt; es sind lauter
kräftige Gestalten, in dunkelbraunen Mack gekleidet, mit dem kurzen, stark
gekrümmten Messer im dicken, die Brust bedeckenden Gürtel und mit der
schön gearbeiteten Lanze auf der Schulter. Wieder andere Bilder! Hier
Lastthiere, schwer bepackt mit Lederschläuchen; dort Weiber, die das
Doppelte ihres eigenen Volumens an leeren oder gefüllten Kürbisschalen
(Gerra) schleppen, welche zum Transport von Butter, Honig, rothem Pfeffer
u. s. w. dienen. Alle schreien und schwatzen, dazwischen klappern die
vielen getrockneten Kürbisschalen. Keiner dieser Schönen fehlt indessen
das nöthige hölzerne Kopfkissen in der Form eines fünf bis sechs Zoll
hohen Leuchters mit einem ausgehöhlten Holzbügel zum Hineinlegen des
Nackens beim Schlafen. Der Fuß dieses Instrumentes ist oft hübsch
gedrechselt.
Neben dieser bunten Gesellschaft reitet eine der zwei Königinnen, denn zu
jener Zeit hatte der christliche Monarch zwei Damen zu Ehegemahlinnen. Die
eine rechtmäßig mit dem Negus verbundene war die schon erwähnte Tochter
des entthronten Detschasmatsch Ubié von Tigrié; die zweite ein Fräulein
aus dem Jedschu-Galla-Lande. Beide jedoch sind gleich gekleidet in blaue
Mäntel, die mit Gold- und Silberglöckchen behangen sind. Beide haben, wie
alle großen Damen, ihr Gesicht verhüllt, nur die schwarzen Augensterne
funkeln und leuchten bei beiden gleichmäßig aus der weißen Umhüllung. Das
einzige Unterscheidungszeichen zwischen beiden war nur stets ein in Silber
gestickter türkischer Halbmond mit daranstehendem Venusgestirn, das auf
dem Gewande der einen Königin auf dem untersten Theile ihres Rückens
erglänzte. Diese jetzt die schlanken Formen zweier Königinnen umhüllenden
Mäntel waren wol einst Schabracken eines ägyptischen Marstalls gewesen.
Beide Majestäten sind von einigen Bewaffneten und Eunuchen begleitet und
reiten stets in der Entfernung einer halben Stunde voneinander, um etwa
möglichen Konflikten vorzubeugen, sowie sie auch zwei gänzlich getrennte
Hofhaltungen in zwei verschiedenen Zelten zu beiden Seiten des königlichen
Zeltes haben.
Oft sitzt oder liegt mitten in dem durch die Hufe der zahlreichen Thiere
aufgewühlten Schmuze ein nur wenige Monate oder ein bis zwei Jahre altes
Kind schreiend im Wege, jeden Augenblick in Gefahr, durch Reit- oder
Lastthiere zertreten zu werden, die sich oft dicht zusammendrängen, um
einer Leiche aus dem Wege zu gehen. Todte Thiere, halbverweste Pferde,
Maulthiere, Esel, Schafe und Ziegen bezeichnen zu tausenden die Straße,
welche das Heer zieht. Dort wird ein Kranker getragen, es muß ein
Vornehmer sein, denn man trägt ihn behutsam auf bequemer Tragbahre, über
welcher aus weißer Schama ein leichtes Zelt errichtet ist; wäre es nur ein
armer Mann, so hätte man ihn einfach auf zwei lange Holzstücke gebunden.
Nahe bei dem Kranken sehen wir einen anderen Zug: eine ganz weiß
gekleidete Dame, die Frau eines Großen, reitet dicht verhüllt dahin; ihr
Maulthier wird sorglich von einem Diener geführt. Gestern erst hat sie die
Welt mit einem neuen Bürger beschenkt, der schreiend und quiekend in einem
weiß bedeckten Brotkorbe von einem Diener auf dem Kopfe nachgetragen wird.
Der kaum einige Tage ältere Sprößling einer anderen Frau giebt ebenfalls
durch Schreien Zeichen einer gesunden, kräftigen Lunge, sein Lager aber
ist nicht so sorgsam gegen Sonne und Kälte geschützt. Mit Riemen ist er
völlig nackt zwischen Körbe und Kürbisflaschen auf den Rücken oder die
Hüfte seiner schwer tragenden Mutter geschnürt oder auf das Gepäck eines
magern Pferdes gebunden. Kleine Kinder von drei bis fünf Jahren, völlig
nackt oder nur mit einem Stückchen Schaf- oder Ziegenfell über den
Schultern, laufen neben ihren schwer bepackten Müttern, ja sie tragen
selbst einen Theil von den Kürbisflaschen, Eisenblechen zum Brotbacken,
hölzernen Schüsseln zum Anrühren des Brotteiges u. s. w. Andere Weiber
rauchen gemüthlich aus einer großen Tabakspfeife, deren Abguß aus einem
kleinen wassergefüllten Kürbis besteht; neben ihnen schleppen sich einige
unbepackte Maulthiere hin, deren aufgedrückter Rücken eine einzige
Wundfläche bildet. Am Wege sitzt ein Künstler von Fach auf einem Bunde
Stroh, aus welchem er sich am Abend einen Gotscho zu bauen gedenkt, und
singt zu dem eintönigen Geklimper seiner Kirra, der abessinischen Lyra,
mit scharfer näselnder Stimme, packt dann Stroh und Lyra auf den Kopf und
wandelt als zweiter Apollo seinen kothigen Weg. Zwischen diesen Scharen
bepackter Menschen und Thiere ziehen brüllend Herden schöner Rinder,
Schafe und Ziegen; auch bricht, Geschrei und Unordnung verursachend,
gelegentlich ein kräftiger Stier durch die Massen.
Die vier _zahmen Löwen_ des Negus (vergl. S. 187), schöne, große Thiere,
laufen völlig frei mitten im Troß, ohne auch nur am Stricke geführt zu
werden. Steudner bemerkte zu seinem Erstaunen, daß in unmittelbarer Nähe
der Löwen das Vieh, Kühe, Schafe, Ziegen, Maulthiere, ruhig graste, ohne
die geringste Furcht vor dem Könige der Wildniß zu haben. Wie Hunde liefen
sie mitten im Gewühl und gehorchten der Stimme ihres Begleiters, hinter
welchem sie oft in geschlossener Phalanx dicht auf den Fersen
hermarschirten.
Mitten zwischen dem Troß reitet ein Großer des Landes stolz durch all das
Gedränge. Vor ihm her schreitet sein Speerträger, ein Diener mit langer,
haarscharfspitziger Lanze, deren von Schoanern gearbeitete Eisenspitze in
rothledernem Futteral geborgen ist. Sein mit Gold und Silber beschlagenes
Büffelhautschild, sein Gewehr und seinen in rothlederner Scheide
steckenden Säbel mit Rhinozerosgriff tragen andere Diener vor und neben
ihm. Vor ihm führt sein Lieblingsknappe ein Staatsmaulthier, auf welchem
der gleich dem Schilde mit Gold- und Silberplatten und Filigranarbeit
bedeckte Staatssattel liegt. Wie der Sattel ist auch das übrige Geschirr
und Zaumzeug des Maulthiers mit Gold und Silber überladen. All dieser
Schmuck aber ist mit rothen Lumpen bedeckt. Unbekümmert reitet der
Häuptling barhaupt durch das Troßgedränge an den Leichen von Menschen und
Thieren oder verwüsteten Saatfeldern vorüber. Seine Thiere sind gegen den
„bösen Blick“ durch Dutzende um den Hals hängender Amulete geschützt.
Männer mit aus Stroh geflochtenen Regendächern aus Begemeder, Sklaven, die
oft nur die Schultern mit einem kleinen ungegerbten Schaffell bedeckt
haben, gehen ihm demüthig aus dem Wege, wenn er, mit dem Sonnenschirme das
Haupt schützend, stolz dahinreitet. Nicht weit von ihm zieht eine andere
Gruppe schwer bepackter Männer. Landleute, zu diesem Frohndienste gepreßt,
tragen den in seine Theile zerlegten Erntewagen, welchen die Missionäre in
Gafat gebaut – weil der Weg zum Fahren nicht geeignet ist. Andere
schleppen die Laffeten schwerer Geschütze und die dazu gehörigen
Vollkugeln – allein die Geschützrohre hat man in Magdala gelassen!
Soldaten, mit den Sätteln ihrer gefallenen Pferde auf dem Kopfe, mit Speer
und Sonnenschirm in der Hand, hoffen bei der nächsten Plünderung eines
Dorfes neue Thiere zu ihren Sätteln zu bekommen. Das Wiehern der Pferde,
das Geschrei und Gebrüll der übrigen Thiere wird nur manchmal von der
dröhnenden, donnerähnlichen Baßstimme des einen oder andern Löwen
unterbrochen.
[Illustration: Ansicht von Gafat. Nach Lejean.]
So wechseln die bunten Bilder, die ein abessinischer Heereszug dicht
nebeneinander gedrängt erkennen läßt – Bilder zum Weinen und Bilder zum
Lachen. Neben dem Kirraspieler, der lustige Weisen singt, sehen wir den
Tod: zahlreiche Leichen, aufgedunsen und von Raubthieren angefressen,
Sterbende und von Müttern verlassene Kinder – neben fröhlich lachenden,
aber gefühllos vorüberziehenden Menschen.
In jene Zeit, als Theodor so verwüstend, Tod und Verderben verbreitend mit
seinem Heere durch das Land zog, fällt auch der Beginn jener
Mißhelligkeiten, die schließlich zum Kriege mit England führten. Wer sich
auf einen vorurtheilsfreien Standpunkt stellt und nicht durch die trübe,
befangene Brille anmaßender Judenmissionäre schaut, dem wird in diesem
Falle das Auftreten des Königs von Abessinien nicht so gar schrecklich
erscheinen, zumal wenn man – was ungerecht wäre – diesen nicht mit
europäischem Maßstabe mißt.
Die deutschen Handwerker und Missionäre (vergl. S. 136) fingen an, im
Lande Straßen zu bauen; sie besorgten die Reparaturen des königlichen
Zeughausmaterials, fertigten Mörser und konstruirten einen Wagen. Letztere
beiden Gegenstände machten dem Könige viel Spaß, namentlich der blau
angestrichene Wagen, der, in Stücke zerlegt, auf den Schultern von
Lastträgern weiter transportirt werden mußte, da es an einer fahrbaren
Straße fehlte. Reibereien und Zerwürfnisse mit den Distriktsbeamten hatten
zur Folge, daß die Handwerker 1861 in _Gafat_, drei Viertelstunden von
Debra Tabor auf einem isolirten Hügel, unter Aufsicht eines Offiziers
internirt wurden. Der König berief einen oder den andern an sein Hoflager
und behandelte sie nach wie vor gut. Sie erhielten Ackerland und vom
Gouverneur in Debra Tabor Getreide, Vieh, Honig. „Diese Europäer“,
schreibt v. Heuglin, „wollen sich in manchen Verhältnissen über gewisse
Formen und Landessitten wegsetzen, was zu vielen Unannehmlichkeiten Anlaß
gegeben hat.“ Daß man aber dergleichen in Abessinien so wenig duldet, wie
in Europa, ist vollkommen in der Ordnung. Noch mehr Anlaß zur
Unzufriedenheit gaben die beiden zum Protestantismus übergetretenen Juden
_Heinrich Stern_ und _Rosenthal_. Beide waren nur unter der Bedingung
zugelassen worden, sich mit der Bekehrung der Falaschas abgeben zu wollen,
allein sie begannen amharische Bibeln unter den Christen zu vertheilen und
diese zum Abfall von der abessinischen Kirche aufzufordern. Wüthend
hierüber ließ der Negus Stern vor sich schleppen, der sich in ziemlich
freier Weise vertheidigte und dabei nachdenklich in den Daumen biß. Diese
unschuldige Geste bedeutet jedoch in Abessinien, daß man ewige Rache gegen
die Person schwört, in deren Gegenwart man sich befindet. Anfangs fiel
dies dem Könige nicht auf, als aber Stern, um sich über eine Mißhandlung
zu beklagen, aufs neue zum Negus kam, die Wachen mit einem Revolver
bedrohend bei Seite schob und den Herrscher aus dem Schlafe störend, mit
Reiterstiefeln und Hetzpeitsche zu diesem eindrang, erinnerte sich Theodor
jener Geste und ließ den Eindringling aufs grausamste in Ketten werfen und
nur mit rohem Fleisch traktiren. Rosenthal hatte sich schon früher durch
das Geschenk eines Teppichs mißliebig gemacht, auf dem der Löwenjäger
Jules Gérard, mit einem Fez auf dem Kopfe, dargestellt ist, wie er einen
Löwen erschießt. Theodor sah in dem feztragenden Jäger einen Aegypter, in
dem Löwen aber das Sinnbild Abessiniens und wähnte sich verspottet. Als
man dann noch Papiere bei Rosenthal fand, in denen das Stückchen von der
Kussohändlerin, der Mutter des Königs, wieder aufgetischt war, wurde auch
Rosenthal in den Kerker geworfen und seine Frau, die ihn vertheidigen
wollte, ihm beigesellt. Der Gerichtshof sprach über sie wegen Hochverraths
das Todesurtheil, das von Theodor jedoch in lebenslänglichen Kerker
verändert wurde. Die Hauptsache aber blieb, daß, gegen die ausdrückliche
Verabredung, jene Missionäre versucht hatten, Proselyten zu machen.
Als diese aufregenden Scenen sich ereigneten, befand sich der englische
Konsul _Cameron_ in Gondar beim Könige; er war nur für Massaua beglaubigt,
keineswegs aber für Abessinien, da seit Plowden’s Tode kein Konsul dort
anerkannt wurde. Cameron sollte sich in keiner Weise, wie Plowden, in die
Landesfehden mit einlassen, sondern nur Handelsbeziehungen anbahnen und
über die politische Lage Bericht erstatten. In Gondar angelangt, nahm ihn
Theodor sehr freundlich und mit großen Ehren auf. Der englischen Allianz
glaubte sich Theodor gerade gegen den Feind, welchen er am meisten
fürchtete, gegen Aegypten, bedienen zu können. Denn dieses blieb seit dem
Kampfe, den er am Rahadflusse – als er noch Kasa hieß – gekämpft, sein
Schreckgespenst und ein Feldzug gegen Aegypten, sowie die Eroberung des
Küstenlandes bei Massaua seine Lebensaufgabe. Denn die Oberherrschaft,
welche der Pascha sich über die Grenzlande, namentlich Galabat, anmaßt,
war der größte Dorn in Theodor’s Augen.
Durch Plowden’s warme Freundschaft verwöhnt, konnte der König sich in
Cameron’s kalte Neutralität nicht finden und wurde um so mißtrauischer
gegen diesen, als er sich erlaubte, zu Gunsten Stern’s und Rosenthal’s
auftreten zu wollen. Die nach europäischem Muster begonnenen Reformen
wurden nun eingestellt und in jedem Europäer ein Spion gewittert. So haben
wir gesehen, daß auch Lejean unter jenem Mißtrauen zu leiden hatte. Als
dieser endlich wieder entlassen wurde, ging er zu seinem Kollegen, dem
Konsul Cameron, zum Frühstück. Unterwegs fanden die beiden Europäer in
einer der engen Gassen Gondar’s einen todten Esel liegen. „Sehen Sie, da
liegt ein krepirter Konsul“, sagte Cameron und schritt über das todte
Thier hinweg. Dieser starke Ausdruck, welcher Lejean Anfangs
unverständlich schien, fand durch Folgendes seine Aufklärung. Kaiser
Theodor hatte vor einigen Tagen in sehr übler Laune gesagt: „Ich weiß
nicht, weshalb mir meine lieben Vettern Napoleon und Victoria solche Leute
geschickt haben. Der Franzose ist ein Narr und der Engländer ein Esel.“
Ganz Unrecht hatte der Fürst nicht und sein Grimm stieg. Entscheidend
wurde jedoch erst ein anderer Umstand.
Oft schon hatte Theodor sich geäußert, daß ein Handelsvertrag mit England
in Kraft treten müsse, und demgemäß schrieb er gegen Ende 1862 einen
eigenhändigen Brief an die Königin Victoria. Ein gleichzeitiges Schreiben
an den Kaiser Napoleon, mit ähnlichen Anträgen, wurde höflich erwidert,
jedoch der Abschluß eines Handelsvertrags abgelehnt. Von England aber, wo
das Schreiben im Auswärtigen Amte verlegt wurde – man ist nie klar darüber
geworden, was mit demselben geschah – kam keine Antwort. In ganz
Abessinien machte der Vorfall großes Aufsehen, da der König sich der
Hoffnung hingegeben hatte, die britische Regierung würde es sich angelegen
sein lassen, die angeknüpften Beziehungen zu fördern, angesichts seiner
Freundschaft gegen Plowden, der guten Aufnahme, welche Krapf gefunden, und
wegen der Abschaffung des Sklavenhandels. Doch keine Antwort kam.
Sicherlich fühlte sich der stolze Halbbarbar durch diese Nichtbeachtung
verletzt; ein europäischer Hof würde dasselbe gethan haben, und dann
rächte er sich eben wie ein Barbar. Cameron mußte zunächst seinen Zorn
fühlen und wurde gefangen gesetzt. Hatte die Königin von England seinen
höflichen Brief, in welchem er seinen Wunsch ausdrückte, mit ihr und ihren
Unterthanen in freundschaftlichem Verkehr zu stehen, unbeantwortet
gelassen, so brauchte er auch, seiner Meinung nach, den Bevollmächtigten
einer so unhöflichen europäischen Monarchin nicht weiter zu respektiren.
Er ließ Cameron mit einem abessinischen Soldaten an einer und derselben
Kette befestigen. Dabei glaubte er, daß die Engländer ihm in seinem Lande
so leicht durch Waffengewalt nicht beikommen würden und ließ sich deshalb
nicht gern auf Unterhandlungen ein.
Schließlich sandte man am 15. Oktober 1865 den Konsularagenten _Rassam_,
einen Armenier, von Massaua, reich mit Geschenken versehen, zum König
Theodoros. Im Januar des folgenden Jahres fand die Zusammenkunft statt und
Rassam wurde freundlich aufgenommen, sodaß der König schon wenige Stunden
nach der ersten Besprechung die Freilassung aller gefangenen Europäer
befahl; er schickte sofort einen Kammerherrn nach Magdala und ließ ihnen
die Ketten abnehmen. Unterdessen ging Rassam mit dem König und dessen
Heere von Daunt nach Korata. Dann wurde am 29. Januar der Befehl zur
Freilassung ertheilt, aber nicht vor dem 24. Februar 1866 ausgeführt. Am
12. März langten die Freigelassenen in Korata an, alle gesund, mit
Ausnahme des Konsuls Cameron, der sich indessen auch bald erholte. Ihre
Zahl betrug 18 Köpfe, und Rassam bekam Erlaubniß, sie nach Aegypten oder
nach Aden führen zu dürfen. Theodor behandelte den Agenten mit großer
Aufmerksamkeit und wollte nicht einmal gestatten, daß Hofleute von
demselben Geschenke annahmen. Die Diener des Negus mußten Rassam
königliche Ehren erweisen, weil er Vertreter der englischen Königin sei;
sie mußten vor ihm knieen und den Boden mit der Stirn berühren. Als er in
Korata ankam, wurde er von 60 Priestern empfangen, die in vollem Ornate
dastanden und Psalmen sangen. Die Freigelassenen wurden noch einmal
verhört, gestanden ein, daß sie Unrecht gethan, und baten, daß der König
Theodor als Christ ihnen, den Christen, vergeben möge. Der König hatte an
Rassam geschrieben: „Wenn ich ihnen Unrecht gethan habe, so lasse es mich
wissen, und ich will es wieder gut machen; findest du aber, daß sie im
Unrechte sind, dann will ich ihnen verzeihen.“ Rassam, dem daran lag, den
König bei guter Laune zu erhalten, hütete sich wohl, dem mächtigen Manne
Anlaß zur Unzufriedenheit zu geben. Dieser ließ dann das Schreiben
verlesen, welches Königin Viktoria an ihn gerichtet hatte. Ein Gleiches
geschah mit der Antwort. In dieser sagte er: „In meiner Niedrigkeit bin
ich nicht würdig, Ew. Majestät anzureden, aber erlauchte Fürsten und der
tiefe Ozean können Alles vertragen. Ich, ein unwissender Aethiopier,
hoffe, daß Ew. Majestät mir meine Fehler nachsehen und meine Vergehen
verzeihen werde.“ Der Schluß lautet: „Rathe mir, aber tadle mich nicht, o
Königin, deren Majestät Gott verherrlicht hat und der er Weisheit im
Ueberfluß gegeben.“
Plötzlich trat nun ein Umschlag in dem unberechenbaren Gemüthe des
Herrschers ein. Rassam’s Plan war, nach dem abessinischen Osterfeste mit
den Freigelassenen abzureisen. Da fiel es dem König auf einmal ein, sie
alle, dieses Mal Rassam mit einbegriffen, wieder in das Gefängniß zu
werfen. Er war so grimmig, daß er sie ohne Ausnahme hinrichten wollte.
Dieses geschah allerdings nicht, dagegen führte man die Europäer wieder
nach der Bergfeste Magdala. Es ist ein Räthsel geblieben, was den König
Theodor bewog, die schon befreiten Gefangenen wieder einzusperren. In der
veröffentlichten amtlichen Korrespondenz betreffs der abessinischen
Angelegenheiten findet sich die Andeutung, daß Theodor’s böser Geist ein
Franzose Namens Bardel gewesen sei, der, früher Sekretär Cameron’s, aus
Rache gegen letzteren den mißtrauischen Theodor gegen alle Europäer
einzunehmen wußte und ihm den Verdacht einflößte: die englische Regierung
stehe im Begriff mit Aegypten ein Bündniß abzuschließen. Die Zahl der
Gefangenen war nach und nach auf 18, darunter 10 Deutsche angewachsen. Die
Beschuldigungen, welche Theodor gegen sie erhob, waren folgende: Cameron
sei zu seinen Feinden, den Türken, gegangen und habe mit ihnen
unterhandelt; ferner habe er auf den Brief an die Königin von England
keine Antwort gebracht; Stern, Rosenthal und Cameron’s Diener hätten sich
durch Verspottung und Verläumdung der Majestätsbeleidigung schuldig
gemacht und die andern hätten mit ihnen konspirirt.
Nochmals wurde von Seiten Englands ein gütlicher Versuch gemacht, um den
König zur Nachgiebigkeit zu veranlassen, dabei jedoch wieder in sehr
ungeschickter Weise vorgegangen. Theodor hatte den Wunsch geäußert,
gewisse Maschinen und einige Arbeiter von England zu erhalten. Diese
wurden mit andern Geschenken nach Massaua geschickt, um die angestrebte
Befreiung der Gefangenen zu unterstützen. Unser Landsmann _Flad_, von dem
früher die Rede war (S. 136, 182), hatte die Unterhandlungen mit dem
Könige übernommen. In einem eigenhändigen Briefe, den er überbrachte,
kündigte die Königin Victoria an, daß die Arbeiter und die Geschenke dem
König zugeschickt werden würden. Dies geschah jedoch nicht. Lord Stanley,
der englische Minister des Auswärtigen, hatte später entschieden, daß die
Geschenke sowol als die Arbeiter, obgleich die letzteren willig waren,
sofort nach Abessinien weiter zu gehen, in Massaua zurückgehalten und erst
dann ausgeliefert werden sollten, wenn Theodor die Gefangenen durch eine
Eskorte nach Massaua geleitet und zur Verfügung des englischen Agenten,
Oberst Merewether’s, gestellt haben würde. Wie zum Hohn schickte dieser
anstatt der erwarteten, von Theodor erbetenen und von der Königin
versprochenen Geschenke, deren Anschaffung dem englischen Staatsschatz
gegen 4000 Pfund Sterling gekostet, ein Teleskop durch Herrn Flad. König
Theodor, der Beherrscher eines Reiches und der Befehlshaber einer Armee
von mindestens 60,000 Mann, der durch ein Fernrohr besänftigt werden
sollte, sagte: „Dieser Mann, welcher mir das Teleskop sendet, wünscht mich
nur zu verhöhnen. Er will mir sagen: Obgleich du ein König bist und ich
dir ein treffliches Teleskop schicke, so vermagst du doch nichts dadurch
zu sehen.“ Das Ausbleiben der versprochenen Geschenke bestärkte den
mißtrauischen König von Abessinien in dem lange gehegten Verdacht, daß es
die Engländer darauf abgesehen, ihn zu betrügen und zu verrathen. Nachdem
Herr Flad Lord Stanley’s Verfügung in Betreff der Geschenke mitgetheilt,
antwortete Theodor: „Ich bat sie um ein Zeichen der Freundschaft, welches
mir verweigert wird. _Wenn sie kommen und fechten wollen, laßt sie kommen;
bei dem allmächtigen Gott, ich werde ihnen nicht ausweichen und nenne mich
ein Weib, wenn ich sie nicht schlage!_“
Und nach weiteren Erörterungen des Herrn Flad: „Ich habe keine Furcht, ich
vertraue auf Gott, der sagt, daß du Berge versetzen kannst, wenn du den
Glauben eines Senfkornes hast. Ihr könnt nicht Alles. Ich weiß, daß, wenn
ich Herrn Rassam nicht in Ketten geschlossen hätte, die Arbeiter mir nie
geschickt worden wären. Nicht nur zur Zeit des Kapitäns Cameron, als sie
keine Antwort auf meinen Brief gaben, in dem ich um ihre Freundschaft bat,
fand ich heraus, daß sie nicht meine aufrichtigen Freunde sein, sondern
ich sah es sogar schon zur Zeit von Plowden und Bell – diese waren meine
Freunde – und aus Freundschaft für sie behandelte ich ihre Landsleute gut.
Ich überlasse es dem Herrn und er soll unterscheiden zwischen uns, wenn
wir uns auf dem Schlachtfelde gegenüberstehen.“ Es ist also klar, daß ein
tiefes Mißtrauen gegen die Pläne Englands, dessen Agenten er im Bunde mit
seinen rebellischen Vasallen und mit seinen auswärtigen Feinden,
namentlich den Aegyptern wähnte, die eigentliche Ursache war, weshalb
Theodor alle Engländer und ihre Schutzbefohlenen, auf die er seine Hand
legen konnte, einkerkern ließ, und daß das Zurückhalten der Geschenke ihn
in diesem Mißtrauen nur bestärkte und die Krisis herbeiführte.
Die vielgenannte Bergfeste _Magdala_ liegt an der Grenze von Wollo-Galla
im Süden des reißenden Beschlo-Flusses, der seine Wasser mit dem Blauen
Nil vereinigt. Sie ist in neuer Zeit (1862) von Heuglin und Steudner auf
ihrem Wege nach Etschebed ins Lager des Königs Theodor besucht und sehr
gut geschildert worden. Von der Hochebene Talanta’s her kommend und nach
Süden vorschreitend, gelangten die Reisenden an den steilen Absturz zum
Beschlo. Die Aussicht von da auf die jenseitigen Galla-Länder ist
großartig. Zu ihren Füßen schlängelte sich das über 3000 Fuß tiefe Thal
des Flusses, als natürliche Grenze zwischen Abessinien und Galla.
[Illustration: Vordringen der Engländer auf Magdala.]
Zur Linken, nach Osten, mündete eine steile Schlucht, und darüber hinaus
lagen die steilen Kuppen der Bergfeste Kahit, dahinter die berühmte
Festung Amba Geschen, die im November 1856 von Theodor erobert wurde. Im
Süden tritt, vom Hochlande Woro-Haimano und Amara Seint durch einen langen
Felsgrat getrennt, die Bergfeste Magdala zwischen tiefen, aber anmuthig
grünen Thälern weit nach Norden vor; links davon die Berge von Tenta,
dahinter die kegelförmigen Schwesterberge Dschifa und etwas mehr im Süden
steigt der majestätische Kollo, ganz mit blendend weißem Firn bedeckt,
hoch in den blauen Aether. Das Strombett des Beschlo ist an der Furt 150
Schritt breit und nimmt so ziemlich die ganze, mit vulkanischem Geschiebe
erfüllte Sohle der tiefen Schlucht ein, die einen reichen Pflanzenwuchs
zeigt. Dieses Thal verließen die Reisenden nach anderthalbstündigem
Marsche und stiegen an einer ziemlich hohen und steilen Terrasse hinauf,
die sich am nordwestlichen Fuße von Magdala ausbreitet. Kleine Dörfer mit
niedlichen Gärtchen und Kaffeeplantagen lagen zerstreut umher.
Ein ziemlich steiler Pfad führt in 1¼ Stunde an buschigen Gehängen und
kahlen Felsen hinan zu dem schmalen Plateau, das die eigentliche Festung
Magdala von einer weiter nach Norden vorspringenden, natürlichen
Bergfestung trennt, die etwas niedriger ist als erstere. Herden von
Erdpavianen bewohnen die steilen Wände des Vorwerks. Das erwähnte Plateau
ist ganz kahl, Gruppen von Hütten befinden sich an der Südostseite, die,
wie der Platz selbst, _Islam Gie_ (Muhamedaner-Dorf) heißen. Hier ist
zugleich der Marktplatz für die Festung.
Die eigentliche Festung Magdala, einst im Besitze der Galla, kann als
Hauptstadt der Provinz Woro-Haimano angesehen werden. Das Land südwärts
bis Schoa war früher von amharischen Christen bewohnt, kam aber nach und
nach in Besitz der sich immer mehr nach Norden ausbreitenden
muhamedanischen Galla, welche von hier aus beständige Einfälle in
Abessinien machten, bis Negus Theodor Land und Festung wieder eroberte.
Magdala selbst nimmt einen Flächenraum von 2 englischen Meilen ein, ragt
100–200 Fuß über das Plateau von Islam Gie hinaus, hängt im Süden mit der
nahen Hochebene zusammen durch einen niedrigen, langen und scharfen
Felsgrat; im Osten und Westen fallen natürliche, mauerartige, senkrechte
Bastionen viele hundert Fuß tief in die Seitenthäler ab, gegen Norden und
Süden führen Felsspalten als natürliche Thore herab, die mit Ausfallthoren
versehen sind. Auch Wasser findet sich auf der Amba und einiger Raum zum
Feldbau. Der Negus, der die Wichtigkeit der Amba wegen seinen Beziehungen
zu Schoa und weil die Galla von hier aus leicht im Zaum gehalten werden
können, wohl erkannte, ließ Magdala restauriren, einige Geschütze
hinaufschaffen, ein wohlversehenes Zeughaus errichten und weitläufige
Getreidemagazine bauen.
So war die Festung beschaffen, nach der Theodor die Gefangenen hatte
schleppen lassen und auf der sich sein Schicksal erfüllen sollte. Als die
letzten Friedensaussichten geschwunden waren, fing man in England an sich
zum Kriege vorzubereiten, dessen offizieller Zweck die Befreiung der
Gefangenen war. Das Parlament wurde zu einer Extrasitzung zusammenberufen
und am 18. November 1867 von der Königin mit einer Thronrede eröffnet, in
welcher es heißt: „Der Herrscher Abessiniens fährt fort, allen
internationalen Rechten Hohn sprechend, mehrere Meiner Unterthanen in
Gefangenschaft zu halten, von welchen einige von Mir besonders accreditirt
waren, und seine hartnäckige Mißachtung gütlicher Vorstellungen hat Mir
keine andere Wahl gelassen, als die Freilassung Meiner Unterthanen durch
eine peremptorische Aufforderung zu verlangen, die zugleich durch eine
entsprechende Truppenmacht unterstützt wird. Ich habe demgemäß die
Absendung einer Expedition zu diesem ausschließlichen Zweck angeordnet,
und ich verlasse Mich voll Vertrauen auf die Unterstützung und Mitwirkung
meines Parlaments in Meinem Bemühen, unsere Landsleute aus einer
ungerechten Gefangenschaft zu befreien und gleichzeitig die Ehre Meiner
Krone zu wahren.“
[Illustration: Innerer Theil der Bergfeste Magdala. Südliche Ansicht.
Originalzeichnung von E. Zander.]
Nach einigem Zögern bewilligte das Parlament die nöthigen Gelder, und die
indische Armee erhielt den Auftrag, den Krieg zu beginnen. Am 4. Oktober
war bereits ein Pioniercorps bei Zula in der Bay von Adulis (Annesley,
S. 169) gelandet. Dieses schlug an der öden, wasserlosen Küste ein Lager
auf und begann eine Straße nach dem Innern zu bauen, ohne dabei belästigt
zu werden. Die Gesammtstärke der aus Indien nach Abessinien beorderten
Truppen betrug 12,000 Mann, darunter 4000 Europäer. Die Infanterie war mit
Hinterladern bewaffnet. Außer diesem Armeecorps folgte ein Troß von 8000
Mann, 35,000 Lastthiere, worunter 24,000 Maulesel und 40 Elephanten,
welche letztere zum Tragen der Armstrong-Geschütze bestimmt waren. Zum
Kommandanten der Armee wurde General _Robert Napier_ ernannt. Auch ein
ganzer Stab von Gelehrten, Künstlern und Zeitungsberichterstattern schloß
sich der Expedition an. Unter den ersteren sind zu nennen Werner
Munzinger, Ludwig Krapf, der Nilquellentdecker Grant und – im Auftrage des
Königs von Preußen – der berühmte Afrikareisende Gerhard Rohlfs. Die beste
Stütze der Armee war jedoch eine ungeheure Summe von
Maria-Theresia-Thalern, die man in Wien hatte prägen lassen.
Ohne Schwierigkeiten war das Eindringen in das Innere keineswegs;
namentlich verursachte der Wassermangel große Gefahren für Menschen und
Thiere, und nur mit den bedeutendsten Kosten konnte man diesem durch
destillirtes Wasser abhelfen. Die Truppe war gesund, verlor aber ziemlich
viele Kameele und Maulthiere, minder durch die Ungunst des Klimas als
durch die schlechte Pflege ihrer Wärter. Dieselben waren ein aus Persien,
Arabien und Indien zusammengelaufenes Gesindel, das nicht arbeiten wollte,
unterwegs nicht selten, um rascher fortzukommen, die Fracht wegwarf und
auf der Straße liegenließ, die Thiere nicht fütterte und tränkte, sodaß
diese erhitzt und halb verdurstet zu den Tränkrinnen kamen, dann übermäßig
tranken und erkrankten. Fällt ein solches Thier, so verursacht die
Wegschaffung des Aases, das man im heißen Klima aus Furcht vor Ansteckung
nicht im Freien liegen lassen kann, neue Schwierigkeiten, und man konnte
sich nur dadurch helfen, daß die Aeser mit dürrem Gesträuche bedeckt und
verbrannt wurden. Oberst Merewether war des langen Liegens an der Küste,
des destillirten Wassers und der Langeweile müde geworden und hatte die
Truppe gegen die Hochplatte von Abessinien, wo er Nahrung und Wasser zu
finden gegründete Hoffnung hatte, vorgeschoben. Drei Wege standen ihm
offen, alle drei durch die trockenen Bette von Bergströmen gekennzeichnet,
denn wie zur Zeit der Völkerwanderung sind in diesem halbwilden Lande
heute noch Bäche und Flüsse die Wegweiser für Wanderer und Völkerschwärme.
Die kürzeste der drei Routen war wol die mittlere, vom Flusse Hadasch
gebildete, aber sie bot die meiste Schwierigkeit, daher wurde die mehr
links liegende, durch den Fluß Kamoyle gebildete Straße gewählt. Unter den
Einwohnern wurde eine Proklamation des kommandirenden Generals verbreitet,
des Inhalts: daß die Engländer nur gekommen seien, die widerrechtlich
gefangen gehaltenen Landsleute zu befreien; Freiheit und Glaube des Volks
werden ebenso wie Eigenthum und Vermögen der Individuen geschützt und
geachtet werden. Am 2. Dezember setzte sich die Kolonne in Bewegung.
Anfangs ging es durch eine sandige, nur spärlich von Akazien und
Steppengewächsen bedeckte Ebene, dann stieg der Weg langsam auf. Nirgends
waren Menschen, nur hier und da das Gerippe verlassener Hütten zu sehen,
bis man Kamoyle erreicht hatte, das im Bergkessel liegt, wo man sich
wieder an dem Genusse frischen Quellwassers labte und einen Wegzeiger mit
der Aufschrift: „Route nach Abessinien“ aufstellte. Jetzt gelangte man ins
Gebirge, wo Felsenmassen den Weg zu sperren schienen, aber stets öffnete
bei jeder Krümmung sich ein Ausweg, oft unter überhangendem Gestein
hinweg, oft an steiler Bergwand entlang; nur vom Regen herabgeschwemmtes
Gestein hemmte den Pfad bis Ober-Suru, das, 2000 Fuß über der Meeresfläche
liegend, freundlich ins Thal hinabschaut. Hier wurde gerastet; Nacht und
Morgen waren kühl; gestärkt von der frischen Luft stieg die Truppe das
Plateau hinauf.
Die Wirkungen der englischen Invasion waren zunächst an der Bai von Adulis
zu bemerken. Zwei Landungsbrücken, Docks und Magazine, eine mehrere Meilen
lange Eisenbahn von der Bai nach dem Lager in Zula, ein für das schwerste
Fuhrwerk fahrbarer Weg von Zula bis zum Fuße des Senafe-Berges, Stationen
auf diesem Wege, um den Transportdienst durch Relais zu beschleunigen,
Telegraphen erhoben sich sofort als Zeugen englischer Thatkraft.
In Senafe, 7500 Fuß über dem Meere, wurde das erste größere Lager
aufgeschlagen und ein förmlicher Stationsplatz errichtet. Die gesammte
Zufuhr, die durch fabelhafte Preise jedoch dorthin gelockt wurde, war
nicht genügend, ein einziges Regiment zu ernähren. Daher mußte Alles durch
eine bedeutende Transportschiffflotte erst in die Annesleybai geschafft
und dann durch Maulthiere und Kameele weiter gebracht werden. Täglich
verließen 20,000 Rationen Zula, von denen aber nur die Hälfte nach Senafe
gelangte, da der andere Theil von den Lastträgern und Treibern verzehrt
wurde. 30,000 bis 40,000 Gallonen Wasser wurden täglich auf den Schiffen
kondensirt und dieser Prozeß kostete allein täglich über 1000 Thaler.
Ehe wir den staunenswerthen Marsch der Engländer in südlicher Richtung
weiter verfolgen, müssen wir uns nach ihrem Gegner und dessen Lage
umsehen. Die drohende Invasion und der den Abessiniern innewohnende
revolutionäre Trieb, die Eifersüchteleien der kleinen Häuptlinge und die
Sucht derselben, sich unabhängig zu machen, war mit erneuter Stärke
ausgebrochen, in je größere Verlegenheiten König Theodor gerieth.
Ueberall, im Norden wie im Süden, entbrannte die Revolution, und mit
Schluß des Jahres 1867 befand sich Abessinien wieder in der Lage, in der
es war, ehe König Theodor seinen ehrgeizigen Traum träumte, ehe er die
zerstreuten Theile zusammenfassen konnte. Ihm blieb schließlich nur der
Landstrich vom Tanasee bis Magdala unterthan, ja zeitweilig nicht einmal
dieser, und seine Macht beschränkte sich nur auf sein Lager, das meistens
in Debra Tabor sich befand. Magdala aber, seine für uneinnehmbar geltende
Feste, hütete er wie seinen Augapfel. Die Gefangenen befanden sich dort
ziemlich wohl und waren so wenig streng bewacht, daß sie mit der größten
Leichtigkeit mit den Engländern korrespondiren und diese von allen
Vorgängen im Lager des Negus in Kenntniß setzen konnten.
Das Reich, das Theodor gebildet hatte, war wieder in eine Anzahl
unabhängiger Fürstenthümer zerfallen, und nicht das ganze stolze
Aethiopien – nein, nur ein einzelner Herzog, der sich noch immer Negus
nannte – stand gegen England im Felde. Das große Reich Tigrié, das unter
Ubié einst selbständig war, hatte unter dem Detschasmatsch Kassai, einem
Sohne Ubié’s, seine Unabhängigkeit wieder erlangt, und dieser Fürst,
welcher fürchtete, daß Theodor ihn doch einst vertreiben könne, schloß
sofort mit den Engländern Freundschaft und empfing Gesandte in seiner
Hauptstadt Adoa. In Lasta und den angrenzenden Distrikten hatte sich
Gobazye, der Schum von Wag, kurzweg der Wagschum genannt, ein tapferer
Krieger und einst einer der besten Generäle Theodor’s, unabhängig gemacht.
Kassai und Gobazye befehdeten einander, doch nicht minder stark war die
Feindschaft beider gegen Theodor, ihren gemeinschaftlichen Gegner.
Mehr als der Abfall dieser Fürsten schmerzte Theodor aber der Verrath des
jungen Menilek. Dieser, der Sohn des 1856 von Theodor besiegten Königs
Hailu Melekot von Schoa, war Theodor’s Schwiegersohn geworden; aber weder
die junge Frau, noch die Gnade des Königs vermochten ihn zu fesseln; er
trachtete nur danach, wieder in den Besitz seines Erbes zu gelangen.
Unterstützt von der Gallafürstin Workit entfloh er mit Zurücklassung
seiner Frau nach Ankober, wo ihn die Schoaner jubelnd als Negus
anerkannten. Theodor selbst wurde durch diesen Abfall und das Mißtrauen,
welches er gegen die Europäer hegte, zur schrecklichsten Wuth getrieben,
die sich in blutigen Greueln äußerte. Der Kerker zu Debra Tabor war, wie
wir aus den Berichten eines Augenzeugen, des deutschen Naturaliensammlers
Karl Schiller, selbst erfuhren, fortwährend mit Unglücklichen überfüllt,
die entweder zum Hungertode oder zur Hinrichtung durch Abschneiden der
Hände und Füße verdammt waren. Dreihundert Soldaten, die im Verdachte
standen, desertiren zu wollen, wurden zum Hungertode verurtheilt.
Gefesselt und bewacht, mit langen Holzgabeln am Halse, saßen sie
zusammengekauert ohne die geringste Bekleidung im Freien. Des Nachts fror
fingerdickes Eis oder strömte der Regen auf die Elenden hernieder, während
am Tage die brennenden Strahlen der tropischen Sonne die nackten Körper
trafen. Nach Verlauf von zwei Wochen starb der letzte; er hatte mit dem
Regen, der seine verdorrenden Lippen netzte, mit dem Grase, auf dem er
saß, sein jammervolles Dasein so lange gefristet. Solche Greuel aber
ereigneten sich fast täglich! Blitzschnell zog Theodor im Lande herum, und
wehe der Gegend, in die sein raublustiges Heer einfiel. Das Volk der Waito
wagte zuerst, dem Gewaltigen Widerstand zu leisten, ja es war so
glücklich, Anfangs einen Theil seines Heeres zu schlagen. Da beschloß
Theodor, mit ihnen kehraus zu machen. Wie der Habicht vom hohen Thurme
herniederfährt zwischen das scheue Geflügel, so stürzte er von Debra Tabor
auf die Waito. Was nicht sogleich vor dem Schwerte der Krieger fiel, wurde
in die Häuser getrieben, und als diese mit Männern, Weibern, Kindern
gefüllt waren, da befahl Theodor, Feuer an die Strohdächer zu legen, und
Hunderte von Unschuldigen fanden ihren qualvollen Tod in den Flammen.
In Gafat, später in Debra Tabor, herrschte währenddem eine große
industrielle Thätigkeit. Dort hatte man Flammenöfen gebaut, dort hämmerte,
schmiedete und formte man Tag und Nacht unter der Leitung der deutschen
Handwerker, an deren Spitze jetzt Dr. Schimper und Eduard Zander standen.
Mit geringen Mitteln war mitten in der abessinischen Wildniß ein ziemlich
bedeutendes industrielles Etablissement entstanden, eine Oase in der
Wüste, in welcher fast nur deutsche Laute wiederklangen. Die erste Kanone,
welche 8 Fuß lang war und eine 6 Zoll weite Seele besaß, wurde von dem
über den Guß hocherfreuten Könige „Theodor“ getauft, während ein 80
Centner schwerer Riesenmörser mit anderthalbfußweiter Oeffnung den stolzen
Namen „Sebastopol“ erhielt.
Als die Gegend um Debra Tabor im Spätsommer vollständig ausgeplündert war
und die Raubzüge in der Umgegend kein Vieh und Getreide mehr einbrachten,
beschloß Theodor, nach Magdala aufzubrechen. Debra Tabor wurde, damit es
keinem Feinde in die Hände fiel, in Brand gesteckt und dann der Marsch mit
einem Heere von etwa 50,000 Menschen angetreten, worunter sich jedoch
höchstens 10,000 Krieger befanden, denn Hinrichtungen und Desertionen
hatten die Armee stark reduzirt. Ueber Hochlande, die theilweise 11,000
Fuß über dem Meere liegen, durch zerrissene Tiefebenen und vom Regen
angeschwollene Ströme führte der Marsch über Tschetscheho nach Woadla.
Mitten im Zuge schritten gebunden die fünf Deutschen: Steiger, Brandeis,
Schiller, Eßler, Makerer, während Cameron, Rassam, Stern, Rosenthal
u. s. w. bereits auf Magdala schmachteten.
Am 31. Oktober 1867 stand das Heer bei dem Flecken Biedehor, der etwa
10,000 Fuß hoch über dem Meere liegt. Von dort hat man einen weiten Blick
in das Land nach Süden, nach Magdala und dem hohen, schneebedeckten
Kollogebirge. Südlich von Biedehor aber durchsetzt eine jener grausigen
Thalschluchten das Land, an denen Abessinien so reich ist. Hier fließt
zwischen senkrechten, fast 3000 Fuß hohen Felsen die rauschende Dschidda
hin. Nur einige Terrassen unterbrechen die jähen mauerartigen Wände. In
diesen Schlund mußte die ganze Armee hinabsteigen und, nachdem sie das
Flußbett überschritten, am jenseitigen Ufer wieder einen ebenso steilen
Felsenwall über nacktes, vulkanisches Gestein nach der fruchtbaren Ebene
von Talanta hinaufklimmen. Dorthinab mußten auch die Kanonen und der
Riesenmörser „Sebastopol“ geschleppt werden. Der letztere wurde auf einem
ungeheuren Wagen von Hunderten von Menschen fortgezogen, so wie die alten
Aegypter einst ihre Kolosse fortbewegten. Aber auf den gewöhnlichen
Maulthierpfaden konnte der Mörser unmöglich durch die Dschiddaschlucht
gelangen, und rasch entschlossen befahl Theodor den deutschen Arbeitern,
die ihn begleiteten, eine Straße zu bauen. Dieses geschah, während die
Engländer schon im Anmarsch waren, und mit Erstaunen vernahm Theodor, was
er für unmöglich gehalten, daß jene in Zula gelandet seien. Zwei Monate
nahm der Bau der Straße in Anspruch, denn erst am 15. Januar 1868 war die
Dschidda glücklich überschritten und die Talanta-Ebene erreicht.
Wohlgefälligen Auges schaute der König auf die fruchtbare Ebene. Die
Weizen- und Gerstenfelder standen in der üppigsten Pracht, überall
wimmelte es von fleißigen Menschen, die den Boden bestellten, von fröhlich
singenden Kindern, denn ein Owatsch (Herold) des Königs war umhergezogen
und hatte in ganz Talanta verkündigt: „Kehrt heim ihr Bauern zu eurer
Arbeit, bestellt die Aecker und flüchtet euch nicht. Der König bringt den
Frieden, kein Haar wird euch gekrümmt, euer Eigenthum ist geachtet.“ Und
friedlich kehrten die, welche schon auf der Flucht waren, in ihre Dörfer
zur gewohnten Beschäftigung zurück. Aber Theodor hielt sein Wort nicht; er
brauchte Proviant für seine Festung Magdala, fiel über die schmählich
betrogenen Leute von Talanta her und zog dann über den Beschlo in seine
Felsenburg ein.
Unterdessen rückten die Engländer mit großer Geschwindigkeit nach Süden
vor. Ihr Marsch war kein leichter. Besonders muß man bedenken, daß eine
Verbindungslinie von 400 englischen Meilen zwischen dem Meere und Magdala
offen zu halten und durch eine Postenkette zum Schutze des Proviants und
der Munition zu befestigen war. Letzteres war um so mehr erforderlich, als
man auf freundschaftliche Gesinnung der Eingeborenen nur so lange mit
Gewißheit rechnen konnte, als Gewalt und Glück auf Seite der Europäer
stand.
Dabei bewegte sich die Truppe mit ihrem riesigen Troß, ihren Elephanten
und Kanonen auf Gebirgen, die unsere höchsten Alpenpässe bei Weitem
überragen, wie aus der folgenden, in Petermann’s Mittheilungen (1868,
S. 180) angegebenen Höhenlage der hauptsächlichsten Stationen hervorgeht.
Senafe, besetzt am 6. Dezember 1867, liegt 7464 Fuß über dem Meere;
Adigerat (Ategerat), besetzt 31. Januar 1868, 8291 Fuß; Tschelikut 6279
Fuß; Antalo (besetzt 15. Februar) 7935 Fuß; Aladschin-Paß 9630 Fuß;
Aschangi-See 7264 Fuß; Lat (besetzt 31. März) 8478 Fuß; Dasat-Berg 9502
Fuß; Quelle des Takazzié 7700 Fuß; Abdikom 10,000 Fuß; Talanta (4. April)
10,700 Fuß; Magdala (erstürmt am 13. April) etwa 11,000 Fuß. In diesem
Verzeichniß ist zugleich die Marschroute des Heeres kurz angegeben, über
die wir hier noch Einiges nachtragen wollen.
Von Senafe zog das Heer über ein hohes, offenes, grasbedecktes Plateau mit
einer reizenden Aussicht auf Gebirgsmassen von allen nur denkbaren Formen,
nach _Adigerat_ zu. Die zwischen den Bergen sich hinwindenden Schluchten,
denen nur Bäche und Wälder zur Vollendung der Schönheit mangeln, schienen
sehr fruchtbar zu sein, sodaß man die schwache Zufuhr an Getreide von
Seite der Eingeborenen kaum begreifen konnte, und selbst die beschränkten
Zufuhren erschöpften die Gegend immer schnell, da keine Idee von
Großhandel herrschte und jeder nur das zu Markte brachte, was er von
seinen eigenen Vorräthen erübrigen konnte. Adigerat selbst, das man am 31.
Januar 1868 besetzte, war allen bisher gesehenen abessinischen Städten
überlegen, da außer den gewöhnlichen schmuzigen Hütten und einer hübschen
Kirche noch ein Palast und ein befestigter Thurm sich dort befanden.
Hinter diesem Hauptorte der Provinz Haramat führt ein gangbarer Weg nach
_Mai Wihis_, durch weite, offene, grasbewachsene Ebenen, die häufig von
Dörfern unterbrochen und ziemlich kultivirt waren. Für den kriegerischen
Charakter der Bevölkerung zeugten genugsam die vielen auf fast
unerreichbaren Felsspitzen erbauten Festungen, die selbst europäischer
Artillerie zu trotzen vermögen. So namentlich _Amba Zion_ (siehe Abbildung
S. 41), das ehemalige Staatsgefängniß Theodor’s, welches jetzt leer stand,
da bei dem Abfall Kassai’s auch der mit der Beaufsichtigung dieser Festung
betraute Häuptling revoltirte und die Gefangenen in Freiheit setzte. _Ad
Abagin_, 7849 Fuß über dem Meeresspiegel, war die nächste Station. Hier
waren die Nächte so kalt, daß man kaum schlafen konnte, wozu sich die
lieblichen Töne eines Schakal- und Hyänen-Konzerts gesellten. Allein die
Thiere waren weniger gefährlich, als man denken sollte, da sie sich
genügend an den todten Maulthieren sättigen konnten. Bei Agala, 6300 Fuß
über dem Meere, zeigte sich eine merkliche Veränderung der Vegetation.
Duftende Kräuter versüßten die Luft, die Straße war wunderbar gut und nur
auf eine kurze Strecke abschüssig. Hier in dieser Gegend erhielt man
wieder Briefe von den Gefangenen in Magdala, woraus hervorging, daß sie
sich Alle wohl befanden und daß Theodor im Januar Magdala noch nicht
erreicht hatte, aber entschlossen sei, es mit den Engländern aufzunehmen.
Da man die Abessinier für keine zu verachtenden Feinde hielt, wurde die
Straße, die nach Magdala führt, durch mehrere Positionen befestigt. So
erhielt Adigerat Wall und Graben, die von 200 Mann und einigen
Armstrongkanonen vertheidigt wurden. Die Flüsse, welche man auf dem
ferneren Wege nach _Antalo_ zu traf, eilen der Geba, einem Nebenflusse des
Takazzié, zu und senden durch diesen Kanal ihren Tribut zum Anschwellen
des Nil. Die Armee hatte daher über eine Reihe von Wasserscheiden im
rauhen Gebirgslande zu setzen. Hier traf man auch auf die Salzkarawanen,
welche, von Taltal kommend, die Salzstücke in das Innere des Landes
verführen.
Während die Armee solchergestalt vordrang, suchte der Oberbefehlshaber
sich mit den Häuptlingen des Landes in freundschaftliches Einvernehmen zu
setzen und begann mit einem Besuche Kassai’s, des Fürsten von Tigrié. Als
Ort der Zusammenkunft diente eine Stelle am Flüßchen Diab, unweit der
herrlichen Amba Zion; als Tag war der 25. Februar bestimmt. Kassai
erschien mit 4000 Mann am Ufer des Baches. Sir Robert Napier ritt auf
einem Elephanten, gefolgt von seinem ganzen Stabe, ihm entgegen, verließ
aber seinen hohen Sitz auf dem Rüsselträger, damit der Anblick des Thieres
unter der Kavallerie der Abessinier keine Verwirrung anrichte. Nun
öffneten sich auch die Reihen der Abessinier und mitten durch sie kam der
etwa 35 Jahre alte Kassai auf einem weißen Maulthiere angeritten. Die
Briten empfingen ihn mit allen militärischen Ehren, ihr Oberkommandant
schüttelte ihm die Hand und führte ihn ins Zelt, wo Kassai reich beschenkt
wurde und ein Freundschaftsbündniß mit England schloß. Er bewunderte
vorzüglich die Waffen der Europäer und lud hierauf Napier ein, seine
eigenen Truppen zu inspiziren. Mit wenigen Ausnahmen trugen diese alle
Feuerwaffen. Der größte Theil von ihnen besaß doppelläufige
Perkussionsgewehre englischen oder belgischen Fabrikats. Viele führten
Pistolen und kein einziger fand sich, der nicht das lange krumme Schwert
an der rechten Seite getragen hätte. Die wenigen, die ohne Gewehre
erschienen, waren mit Speer, Schwert und Schild bewaffnet. Die Mannszucht
schien gut, ihre Manövrirfähigkeit war nicht zu verachten. Gleichfalls
beschenkt mit silbernen Armringen, einer Löwenhaut, dem Abzeichen tapferer
Krieger, mit Speer und Schild, kehrte der englische Oberkommandant in sein
Lager zurück. Er hatte nun im Rücken nichts mehr zu besorgen, und der
Vormarsch auf Antalo begann auf schwierigen Wegen.
Das Land zeigte überall Spuren der vielen Kämpfe, denen es durch seine
unruhigen Häuptlinge ausgesetzt war. Die Dörfer lagen verwüstet, die
Unsicherheit der Zustände hinderte eine geregelte Bodenkultur und statt
den Engländern für die Verbesserung der Straßen und Wegbarmachung der
Pässe zu danken, grollten ihnen die Eingeborenen, weil hierdurch den
Häuptlingen der Nachbarländer später feindliche Einfälle erleichtert
würden.
_Antalo_ unterschied sich nicht von Adigerat als Stadt, war aber bedeutend
als Marktplatz. Brot, Mehl, Butter, Honig, Schlachtvieh wurden in reichem
Maße zugeführt, doch stellte sich eine Schwierigkeit ein: Napier hatte
einen Augenblick lang Ebbe in der Kasse, denn Gold nahmen die Eingeborenen
nicht und Maria-Theresia-Thaler waren in ungenügender Menge zugeführt
worden. In ihren Thalern hatten die Engländer das beste Mittel, die
Allianz der Einwohner zu erzielen; aber ihre Kopfzahl erschien diesen
immer noch zu gering, um den fürchterlichen Theodor anzugreifen, welcher
sich, den angelangten Nachrichten zufolge, auf der Hochebene von Talanta,
zwischen den Strömen Dschidda und Beschlo befestigte.
Der Zug der Engländer ging nunmehr durch Wodscherat und _Doba_ zum
_Aschangi-See_, der östlich liegen blieb, und durch Wofila nach dem 8478
Fuß hoch gelegenen _Lat_, wo das ganze Expeditionscorps in zwei Divisionen
getheilt wurde, von denen die erste unter General Stavely, 4600 Mann und
600 Pioniere zählend, zum aktiven Vorgehen, die zweite unter General
Malcolm zur Reserve und Besatzung der Zwischenstationen bestimmt war.
Alles unnöthige Gepäck blieb zurück; für je 12 Offiziere wurde nur ein
Zelt und für 20 Gemeine eins bewilligt, die ersteren durften nur 30 Pfund,
die letzteren nur 25 Pfund Gepäck mitführen.
Nachdem der 10,662 Fuß hohe Emano-Amba-Paß durchschritten war, stieg die
Armee hernieder zu den Quellen des Takazziéstromes. Dann wurde die Ebene
von Woadla (Wadela) durchschritten, und am 30. März standen die Engländer
in Biedehor am höchsten Rande des _Dschidda-Thals_, 10,000 Fuß über dem
Meere, auf der Kunststraße, die Theodoros mühsam durch die Deutschen hatte
herstellen lassen. Durch den Bau dieser Straße hatte der Negus den
Engländern ein gutes Theil an Zeit und Mühe erspart, allein es blieben
noch Hindernisse genug übrig. Der Uebergang über die Dschidda, welcher am
4. April bewerkstelligt wurde, war nicht das geringste derselben. Die
abschüssigen, felsigen Ufer hinab und wieder hinauf zu steigen, war kein
leichtes Unternehmen; die Lastthiere rutschten die ganze Strecke hinunter
und mehrere erlagen den Strapazen. Das Aufsteigen auf der anderen Seite
war womöglich noch schwieriger für Menschen und Thiere, die sich mit
leerem Magen und unter schwerem Gepäck hinaufzuwinden hatten. Hier wurde
es allmälig zur Gewißheit, daß Theodor sich auch von der Hochebene
Talanta, die man jetzt betrat, zurückgezogen und nach Magdala geworfen
habe, daß man ihn daher hinter dem Beschlo aufsuchen müsse. Die
vorausgeschickten Rekognoszirungstruppen hatten bereits die Nachhut von
Theodor’s Heer erblickt, und nun war es klar, daß in den nächsten Tagen
ein Zusammenstoß stattfinden könne. Was die Einwohner von Talanta betraf,
so bezeigten sie sich den Engländern freundlich, da sie kurz vorher von
Theodor’s Truppen nach Maßgabe der altabessinischen Praxis ausgeplündert
waren und nun in den Fremdlingen ihre Rächer erblickten. Gefährlich schien
für die Engländer einen Augenblick das Auftreten des Rebellen Wolda Jesus
in ihrem Rücken, der die Transporte, welche durch Lasta gingen, zu stören
versuchte, aber von dem ihnen verbündeten Kassai von Tigrié zur Ruhe
verwiesen wurde. Von den Gefangenen hatte man die Nachricht, daß sie sich
wohl befänden und milder als früher behandelt würden.
Ueber das Verhalten Theodor’s kurz vor dem Zusammentreffen mit den
Engländern giebt ein Brief des gefangenen Gesandten Rassam interessante
Auskunft. Hiernach hatte sich der König schon am 18. März über den Beschlo
zurückgezogen und an diesem Tage einen Brief an Rassam geschickt, in
welchem er bedauerte, daß dieser in Fesseln gelegt worden sei, denn ohne
sein Wissen hätten dieses die Behörden gethan; gleichzeitig gab er den
Befehl, Rassam die Ketten abzunehmen, was auch geschah.
Am 27. März zog Theodor mit seinen sehr zusammengeschmolzenen Getreuen in
Magdala ein, wo die größte Verwirrung herrschte. Ein hoher militärischer
Würdenträger war desertirt und zwei andere Häuptlinge wurden angeklagt,
Menilek, den König von Schoa, eingeladen zu haben, die Festung in Besitz
zu nehmen. Dieses Alles setzte den stolzen Herrscher, der bisher nur die
unbedingteste Unterwerfung unter seinen Willen gekannt, derart in Wuth,
daß er zuerst beschloß, die alte Garnison aus der Festung zu entfernen und
durch eine neue zu ersetzen; am nächsten Tage jedoch gab er Gegenbefehl,
beschränkte sich darauf, den Kommandanten abzusetzen und die Besatzung
durch 1000 Mann zu verstärken. Am 29. März schickte Theodor zu Rassam, den
er in einem seidenen Zelt empfing. Er theilte ihm höflich und in seiner
unberechenbaren Weise mit, daß er ihn nur darum übel behandelt habe, weil
er wünschte, die Engländer möchten gegen ihn zu Felde ziehen. Darauf
drückte er den Wunsch aus, er möge Rassam in der englischen Uniform sehen,
was dieser natürlich zugestehen mußte. Umgeben von 400 Offizieren und den
deutschen Handwerkern empfing er den ehemaligen Abgesandten der Königin
Victoria, welcher die Ehre hatte, dem königlichen Prinzen vorgestellt zu
werden. Alles schien dem Könige daran gelegen, den Gefangenen möglichst zu
imponiren, und um diesen Zweck zu erreichen, wurde der berühmte
Riesenmörser Theodor’s herbeigeschleppt, den dieser „Sebastopol“ getauft
hatte. Freudenschüsse begleiteten die Ankunft des Ungethüms, das sich
später als sehr ungefährlich erwies. Theodor selbst beaufsichtigte die
Befestigungs- und Wegarbeiten und war darüber, daß er Magdala vor den
Engländern erreicht, so erfreut, daß er sämmtlichen Gefangenen die Fesseln
abnehmen ließ. Nachdem alle Kanonen und Mörser an Ort und Stelle waren,
erkundigte er sich bei Rassam aufs genaueste nach der Zahl der gegen ihn
ausgesandten englischen Truppen. Letzterer erwiderte: man spreche von
10,000 Mann; er glaube aber nicht, daß mehr denn 6000 bis Magdala kommen
würden. Darauf hin setzte der Negus auseinander: wenn er noch so mächtig
wäre, wie ehedem, hätte er die Engländer bei ihrer Landung erwartet und
sie gefragt, was sie denn eigentlich wollten; aber jetzt habe er mit
Ausnahme Magdala’s das ganze Land verloren und müsse sich damit begnügen,
sie hier zu erwarten. Dann befahl er, die Gefangenen in seiner
unmittelbaren Nähe zu halten, während er von seiner luftigen Burg
unablässig mit dem Fernrohr nach Norden hin schaute, von wo der Feind
kommen mußte. Endlich am 7. April sah Theodor die ersten Engländer am
Beschlo anlangen.
Am 10. April überschritt auch Sir Robert Napier diesen Fluß und hatte nun
die Feste Magdala in ihrer ganzen Fürchterlichkeit vor sich liegen. Kühn
ragten die steilen Felsen gen Himmel, und oben befand sich Theodor mit
seinem Heere. Obgleich die Engländer keineswegs die Absicht hatten,
sogleich zum Angriff überzugehen, sondern außerhalb Schußweite von Fala,
einer Vorburg Magdala’s, kampiren wollten, so wurden die Truppen Theodor’s
doch durch die englischen leichten Reiter, welche nahe an die Festung
heranritten, hervorgelockt. Theodor, der selbst in Fala bei seinen großen
Kanonen sich aufhielt, gab Befehl, diese dreisten Leute gefangen zu
nehmen. Aber er hatte nicht gewußt, daß inzwischen die ganze Brigade unter
Sir Stavely auf einem verdeckten Wege ebenso nahe war. Die leichten Reiter
zogen sich, als etwa 1200 Fußgänger von der Amba herunterkamen, so schnell
sie konnten, zurück. Statt ihrer rückten nun ein Regiment Beludschen, ein
englisches Infanterieregiment, eine Batterie Berggeschütze und eine
Raketenbatterie vor. Theodor that aus seinem schweren Geschütze in Fala
einige gutgezielte Schüsse und seine Leute liefen in Unordnung, aber
tapfer vor, bis sie auf 150 Schritt an die Engländer herangekommen waren.
Dann aber hatte es ein Ende: Die Wirkung der Geschütze und das auf die
Abessinier einströmende Feuer der Raketen machte, daß an keinen Halt mehr
zu denken war; Hunderte deckten, mit dem Anführer (Fit Auri, S. 19) an der
Spitze, die Wahlstatt; der Rest stob auseinander und flüchtete nach der
Burg zurück.
Theodor, welcher seines Sieges sicher war, hatte unterdessen geschickt
eine andere Abtheilung in den Rücken der englischen Bagage gesandt; aber
auch dieser ging es schlecht. Von einer Bergbatterie unterstützt, richtete
die Bagagemannschaft ein entsetzliches Blutbad unter den Abessiniern an,
die immer in dem Glauben gelebt hatten, wehrlose Leute vor sich zu haben.
Von diesen 600 Mann kehrte keiner in die Amba heim; die Ueberlebenden
konnten nicht in die Burg zurück, da ihnen der Rückzug abgeschnitten war,
und, ins Land fliehend, wurden sie ein Opfer der erbitterten Bevölkerung.
Der Kampf dauerte bis 6½ Uhr Abends, wo Dunkelheit und Regen die Engländer
nöthigten, die Verfolgung, die bis an die Felsenwälle Magdala’s selbst
führte, einzustellen. Während des ganzen Gefechts, das die Engländer als
„Schlacht von Arodsche“ bezeichnen, fand ein furchtbares Gewitter statt,
sodaß Donner und Kanonengebrüll sich miteinander mischten. Die Zahl der
abessinischen Todten betrug viele hundert, die Engländer dagegen hatten
keinen Todten und nur zwanzig Verwundete.
[Illustration: Auffindung der Leiche des Königs Theodoros. Nach
englischen Zeichnungen.]
Theodor war über den Mißerfolg seiner Waffen außer sich. Zum ersten Male,
seit er die Krone trug, war er ordentlich geschlagen worden, und zwar von
den verachteten „rothen Barbaren“. Seine Wuth kannte keine Grenzen, und
das Damoklesschwert schwebte fortwährend über dem Haupte der europäischen
Gefangenen. Indessen kühlte er seinen Zorn nur an den abessinischen
Gefangenen, von denen er über 300 vor den Augen der Europäer hinrichten
und über die Felswälle Magdala’s hinabstürzen ließ. Aber soviel sah er
ein, daß er auf die Dauer den Engländern nicht zu widerstehen vermöge. Am
nächsten Morgen sandte er daher den Missionär Flad, von zwei abessinischen
Häuptlingen begleitet, in das englische Lager, um zu unterhandeln. Die
einzige Antwort, die Sir Robert Napier durch diese dem König geben konnte,
war: bedingungslose Kapitulation.
Noch einmal schickte Theodor die Parlamentäre ins Lager, doch Sir Robert
Napier gab ihnen dieselbe Antwort, und traurig waren sie im Begriff, in
die Gefangenschaft zurückzukehren, als sie auf dem Wege die plötzlich
freigegebenen Europäer Cameron, Rassam und einige der Handwerker antrafen.
Am nächsten Morgen wurden alle übrigen Gefangenen freigelassen, der
Franzose Bardel, den man für den schlechten Rathgeber Theodor’s hielt,
ausgenommen. Bardel fanden die Truppen später, bei der Einnahme von
Islam-Gie, hinter einem Felsen liegend, krank vor Hunger und Fieber.
Theodor hatte ihn aus Magdala hinausgejagt. Dieser selbst aber war
entschlossen, sich nicht zu unterwerfen und bis zum letzten Augenblicke
auszuhalten. Lieber wollte er muthig untergehen, als feige sich ergeben.
So blieb denn den Engländern nichts übrig, als zum Sturm auf Magdala zu
schreiten, welches immer noch von einigen tausend Mann besetzt war.
Die Festung, von steilen Felsen beschützt, so erzählt ein englischer
Bericht, bot nur zwei Zugänge, an der Nord- und der Südseite, die so enge
waren, daß nur ein Maulthier sie jedesmal passiren konnte, und die jeder
zu einem stark verrammelten Thore führten. Das nördliche Thor war es,
durch welches der Eingang erzwungen wurde. Gegen halb drei Uhr Nachmittags
am 13. April, dem Ostermontag, begann das Bombardement, und nach einer
zweistündigen Kanonade wurde der Befehl zum Sturm gegeben. Die Truppen
erkletterten den zum Thore führenden Pfad, fanden aber dieses, wie das
umgebende Pfahlwerk, von den Kugeln nur wenig verletzt. Die Palissaden
mußten daher mit Hülfe einer Strickleiter überstiegen werden, um das
Festungsthor von beiden Seiten angreifen und die Vertheidiger
zurücktreiben zu können. Den Zugang bildeten zwei etwa zehn Fuß
voneinander entfernte Thore; der Raum zwischen denselben war mit schweren
Steinen angefüllt. Hatte die Kanonade auch keinen direkten Vortheil
erzielt, so trieb sie doch die Vertheidiger zurück. Nur sechs Offiziere
stellten sich mit Todesverachtung den Angreifern entgegen, doch waren
ihrer zu wenige, um die Position halten zu können.
Als die Engländer über die Leichen dieser Tapferen vordrangen, fanden sie
auf einer etwas entfernten Anhöhe den entseelten Körper des Königs
Theodoros liegen – er hatte die Schande nicht überstehen können und sich,
um einer schmachvollen Gefangenschaft zu entgehen, durch den Mund
erschossen, und zwar mit einem jener Revolver, welche ihm „die Königin
Victoria zum Zeichen ihrer Dankbarkeit für die Güte geschenkt hatte, die
er ihrem Diener Plowden erwiesen.“ So sagte die Inschrift des
sechsläufigen Revolvers. Theodor’s Waffenträger gab die Einzelheiten an
über das Verhalten seines Herrn in den letzten Stunden während des
Angriffs der Engländer, gegen welchen der sonst so gefürchtete Tyrann nur
mit wenigen Getreuen Stand hielt. Zweimal brach unter den hervorragendsten
Häuptlingen und deren Gefolge Meuterei aus. Sie weigerten sich, an seiner
Seite zu kämpfen, und beschlossen, ihn dem Feind auszuliefern, doch hatten
sie noch immer nicht genug Muth, ihr Vorhaben auszuführen. Als so Alles
verloren war, erschoß sich Theodor selbst, gleichsam um seine Feinde
dadurch zu beschämen, daß er wie ein König sterbe. Das Gesicht des Todten
ließ allerdings nicht auf seine früheren Züge schließen, zumal da das Auge
das Feuer und den Ausdruck verloren, die als sein Charakteristicum
bezeichnet wurden. Die Stirn zeugte von Intelligenz, der Mund von
Entschlossenheit und Grausamkeit. Eine Anzahl englischer Truppen hielt bei
dem königlichen Leichnam Wache, bis er, am Abend des 14. April, in der
Kirche von Magdala begraben wurde.
[Illustration: Königskrone Theodor’s.]
Der englische Oberbefehlshaber bot das eroberte Magdala dem Gobazye, Schum
von Waag, an; dieser lehnte jedoch das Geschenk ab, weil er es nicht gegen
die Angriffe der Wollo-Galla vertheidigen könne und es überdies noch
jedem, der dort geherrscht, den Untergang bereitet habe. Deshalb beschloß
Napier, Magdala zu zerstören. Am Nachmittag des 17. April wurde der Ort in
Brand gesteckt, die hochaufwirbelnden Feuer- und Rauchsäulen verkündeten
den erstaunten Eingeborenen, daß Theodor gefallen, seine Zwingburg
zerstört sei. Mit der Kirche, die man vor den Flammen nicht retten konnte,
verbrannte auch der Leichnam des Königs. Damit war jedoch nur der Ort
Magdala vernichtet, die natürliche Felsenfeste aber war unzerstörbar. Die
Stadt an und für sich war uninteressant, sie bestand aus den gewöhnlichen
Hütten mit kegelförmigen Strohdächern. Nur die keineswegs schöne Kirche
und die Wohnung Theodor’s stachen von den übrigen Häusern ab. Letztere
bestand aus zwei Stockwerken und war mit einem flachen Dache gedeckt. In
ihr fand sich eine Anzahl europäischer Luxusartikel vor, Klaviere,
Harmoniums, Spieldosen, Patronen für Hinterlader und ein Gemenge anderer
Gegenstände. Sonst fanden sich Zeichen der Civilisation nur in den
Werkstätten der von Theodor gefangen gehaltenen Handwerker. Einige Kronen,
Becher, die Mörser Theodor’s, Speere, Säbel, Kreuze, amharische Bibeln
u. s. w. wurden als Trophäen mit nach England genommen. Unter den
Gefangenen befand sich auch ein Sohn Theodor’s, welchen der Obergeneral
mit nach England zu nehmen beschloß. Auch die beiden Königinnen fielen den
Engländern in die Hände. Die rechtmäßige Gattin Toronesch, die Tochter
Ubié’s, erschien als eine vornehm aussehende Frau von 26 Jahren, mit
heller Hautfarbe, lebhaften Augen, hübscher Hand und wunderschönem Haar,
das in dichten Locken auf die Schultern herabfiel. Sie vermochte das Ende
ihres Gemahles nicht zu überleben und starb auf dem Wege nach der Küste.
Sofort begannen die Engländer den Rückmarsch; um den Besitz der kahlen
Felsenwände Magdala’s, das zur Berühmtheit geworden, stritten sich nun
wieder die Galla – für die Abessinier war das Land am Kollogebirge,
welches sie von ihren Stammesgenossen in Schoa trennt, verloren, und der
muhamedanische Keil, den einst Theodor beseitigt, war wieder zwischen die
christlichen Reiche eingeschoben. Auf der Talanta-Hochebene sammelte Sir
R. Napier sein kleines tapferes Heer, hielt über dasselbe Revue und dankte
ihm für die bewiesene Aufopferung. Dann wurde die Dschidda überschritten
und auf demselben Wege, den man gekommen, die Heimkehr vollzogen.
Die befreiten Gefangenen und die Beute brachten die Engländer triumphirend
nach Zula, von wo sie nach England eingeschifft wurden. Auch die deutschen
Handwerker kehrten heim und nur Schimper und Zander zogen es vor, sich
nach Adoa in Tigrié zu begeben, wo sie ihre Tage beschließen wollen. Die
Expedition selbst war ein großer Erfolg, für den England aber theuer
bezahlen mußte. Wenn der Brief, den Theodor Ende 1862 an die Königin
Victoria schrieb, im Auswärtigen Amte nicht vergessen und nicht
unbeantwortet geblieben wäre, so würde kein Grund vorhanden gewesen sein,
die Expedition überhaupt zu unternehmen, 6 Millionen Pfund Sterling zu
opfern und einige Tausend schlecht bewaffneter Abessinier mit
Armstrongkanonen und Hinterladern niederzuschießen.
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Selten wurde wol ein Kriegszug mit solchem Widerstreben unternommen, mit
solcher Genauigkeit entworfen und so rasch und vollständig ausgeführt, wie
die englische Expedition gegen Abessinien. Sir Robert Napier konnte mit
Cäsar schreiben: _Veni, vidi, vici!_ Der König todt, Magdala erstürmt, die
Gefangenen frei! Das waren die nächsten Resultate. Die Schnelligkeit und
Entschiedenheit des Erfolges, die vollständige Vernichtung Theodor’s und
seiner Macht kann uns kaum Wunder nehmen. Der Kampf zwischen einem
englischen Heere mit englischen Waffen und einer Streitmacht wenig
geschulter, wenn auch tapferer Abessinier war für letztere von vornherein
ein hoffnungsloser. Das eigenthümliche Verdienst der Engländer bestand
aber nicht darin, daß sie die Abessinier, sondern daß sie das Land
besiegten. Die Natur kämpfte gegen sie, aber die Wissenschaft und die
Organisation überwanden diesen gefährlichsten der Gegner. Napier mußte
sich fast Zoll für Zoll erst den Weg bahnen, und dieser mühsame und
gefahrvolle Marsch ging über jäh abstürzende Klippen und an schwindelnden
Abgründen vorbei; dazu gesellte sich die Kälte auf den Alpenhöhen von
12,000 Fuß über der Meeresfläche. Man begreift die ängstliche Spannung der
englischen Armee, indem sie sich Magdala näherte, Theodor möchte sich
zurückziehen und sie in endloser Verfolgung seiner Person und seiner
Gefangenen zu ermüden suchen – aber der Negus hatte geschworen: „wenn auch
alle seine Truppen flöhen, allein den Briten Stand zu halten“. Und er hat
Wort gehalten, und in der That kann man im Hinblick auf die früheren
Großthaten und die letzte Stunde sein Mitgefühl dem Manne nicht versagen,
der selbst die Engländer zwang, ihn zu zermalmen. Er war aus dem Stoffe
vieler orientalischer Eroberer gemacht, ein willensstarker, bedeutender
Mensch, aber ohne Selbstbeherrschung und unfähig, die Kraft einer der
seinigen überlegenen Civilisation zu begreifen. Selbst die Engländer
ließen dem überwundenen Feinde schließlich Gerechtigkeit widerfahren und
eines ihrer Blätter ruft aus: „Schade um den Mann! Der wahnsinnige Barbar,
das feige Ungeheuer, als welchen ihn die schreibseligen Judenmissionäre in
ihren Episteln aus der Gefangenschaft schilderten, war vielleicht der
einzige wirkliche Held in diesem romantischen Drama. Schade um den Mann!
Ein Mann von wilder Genialität, durchdringendem Scharfsinn und eiserner
Willenskraft, mit all den Eigenschaften ausgerüstet, welche nöthig sind,
um Afrikanern zu imponiren und Barbaren für die Civilisation zu gewinnen,
so erschien er unsern Kriegern und er hat ihr Urtheil durch sein Herzblut
besiegelt.“
In Abessinien sind von Zeit zu Zeit große Männer aufgetreten, welche ihr
daniederliegendes Vaterland aus dem Staube zu heben suchten – der Abuna
Tekla Haimanot stellte zu Ende des 13. Jahrhunderts das Reich unter der
salomonischen Dynastie wieder her; Kaiser Fasilides verjagte die Jesuiten
und unterwarf alle Rebellen – aber größer und gewaltiger erscheint der
Sohn der armen Kussohändlerin aus Koara, Theodor II. – Und Abessinien?
wird man fragen. Ohne kräftige Regierung steht es wieder da, zerklüftet
und zerfallen, als das Land, das es von je gewesen, „das Land der
Verwirrung“.
[Illustration: Siegel des Königs Theodor. Nach Lejean.]
_Ende._
[Illustration: Uebersichtskarte von Abessinien.]
_Verlag von __Otto Spamer__ in Leipzig._
Das Buch der Reisen und Entdeckungen.
_Neue illustrirte_
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Jeder Band von 18–30 Bogen ist einzeln zu haben und kostet:
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