1. Reise des Herzogs von Koburg nach Mensa und Bogos.

Da, wo die Terrassen des nördlichsten Distrikts von Abessinien, der

Provinz Hamasién, die natürliche geographische und politische Grenze des

Landes ausmachen, hören die vulkanischen Wackengebilde, die rothen

Eisenthone und ebenen Basaltplateaux auf und die Urgebirge, die Granite,

Gneise, Glimmerschiefer erhalten die Herrschaft. Sie bilden ein Gebirge,

das, nach Osten hin zum Rothen Meere, nach Westen gegen das Tiefland des

Barka abfallend, von zahllosen Wasserrinnen durchflossen ist, welche

während der heißen Jahreszeit vertrocknen. Der namhafteste dieser

Gebirgsbäche ist der Anseba, welcher sich mit dem Barka vereinigt. Noch

vor zwanzig Jahren war dieses Gebiet den Geographen fast gänzlich

unbekannt – jetzt gehört es zu einem derjenigen Theile Afrika’s, dessen

Kenntniß am meisten gefördert ist. Die Völkerschaften, die dort wohnen,

die Bogos mit den Mensa, die Bedschuk, Takul und Marea sind theilweise

Christen, werden aber in nicht allzuferner Zeit dem Islam anheimfallen.

Auch in ihrer Sprache unterscheiden sich die Bogos und Bedschuk von ihren

Nachbarn; erstere ist ein Agau-(Agow)Dialekt, welcher aber mehr und mehr

dem Tigré Platz macht. (Vergl. S. 92.)

Vor Allem aber hat die Natur dies „Alpenland unter den Tropen“ mit dem

herrlichsten landschaftlichen Charakter gesegnet, mit vielfach

gegliederten Hochebenen und kühnen Felsgestalten. Zur Regenzeit entwickelt

sich dort eine höchst mannichfaltige und reiche Vegetation, und das

Thierreich ist so überaus wohl vertreten, daß Bogos sammt Mensa dem

Waidmann als ein Paradies erscheinen müssen.

Die Berichte, welche die deutsche Expedition unter von Heuglin über diese

gesegneten Landstriche in die Heimat sandte, das Interesse welches sie an

und für sich erwecken mußten, endlich die vergleichsweise leichte

Zugänglichkeit, die nahe Lage an der Küste – man kann von Triest aus, wenn

Alles ineinander greift, jetzt in ungefähr vierzehn Tagen nach Mensa

gelangen – machten auch in einem deutschen Souverän den Wunsch rege, jene

Gegenden zu besuchen, um dort der edlen Jagd obzuliegen. In Schottlands

Hochbergen hatte _Herzog Ernst II. von Sachsen-Koburg-Gotha_ schon den

Edelhirsch gejagt, er hatte Gemsen am Fuße der Alpengletscher erlegt und

nun entschied er sich auch dahin, auf Elephanten, Löwen, Leoparden,

Gazellen und Antilopen in ihrer tropischen Heimat zu pürschen. Doch die

Wissenschaft sollte bei diesem Unternehmen keineswegs leer ausgehen, und

so versah sich der Herzog mit einem Stabe tüchtiger Männer, die vollkommen

geeignet waren, das Erlebte und Gesehene in Wort und Zeichnung

aufzubewahren.

Die Reisegesellschaft bestand aus dem Herzoge und seiner Gemahlin, dem

Fürsten Hermann Hohenlohe und dem Prinzen Eduard Leiningen, dem Major von

Reuter nebst Frau, dem Arzte Dr. Hassenstein, dem Maler Robert Kretschmer

– dem wir einen Theil der prächtigen, naturwahren Illustrationen zu diesem

Werke verdanken – dem Naturforscher Dr. Brehm, Friedrich Gerstäcker und

einigen Anderen. Dr. Brehm, der Afrika aus eigener Anschauung bereits

kannte, wurde als Pionier vorausgesandt, um die besten Wege ins

Mensagebirge zu erforschen, und am 28. Februar 1862 verließ die Expedition

selbst Triest. Nach sechstägiger Fahrt wurde Alexandrien erreicht, Kairo

besucht und den Nil stromaufwärts bis zu den Ruinen von Luxor gedampft,

endlich mit einem Extrazug durch die Wüste nach Suez gefahren, wo die

hohen Herrschaften nebst ihrem Gefolge sich am 24. März einschifften. Fünf

Tage dauerte die Fahrt durch das Rothe Meer, und am 29. warf der Dampfer

bei _Massaua_ Anker, wo eine englische Fregatte bereit lag, um der

herzoglichen Expedition während ihres Aufenthalts an der entlegenen Küste

Schutz angedeihen zu lassen.

Jener wichtige Hafenplatz wurde der Ausgangspunkt zur Reise in das

Hochland, welche die Frau Herzogin jedoch nicht mitzumachen gedachte. Sie

blieb vielmehr in dem westlich von Massaua gelegenen Dorfe _Monkullo_

(Umkullu, M’Kullu) zurück, das man als eine Art Vorstadt von Massaua

bezeichnen kann, weil viele Massauer Familien hier ihre Hütten und die

meisten Geschäftsleute eine Frau mit Kindern und Sklavinnen wohnen haben,

von denen sie täglich Milch und Holz sich bringen lassen. Ein besonderer

Vorzug des Ortes sind seine Brunnen mit klarem süßen Wasser, das bis

Massaua geführt wird. Monkullo wird von mehreren Hügeln überragt, von

deren Hochfläche man einen Blick auf das Rothe Meer hat. Man sieht zwei

lange Streifen, welche sich von dem blauen Gewässer abheben; der längere,

zur Hälfte gelb, zur anderen grün, ist die Insel Tan-el-hut, wo Hemprich

begraben liegt; der andere Streifen ist Massaua. Die gelbe Farbe rührt von

Korallen, die grüne von einem dichten Gebüsch her, dessen immergrüne,

fettglänzende Blätter denen des Kirschlorbers ähnlich sind; diese Pflanze,

der _Schorawurzelträger_ (_Avicennia tomentosa_), heißt zu Massaua

Sackerib und wächst nur an solchen Stellen, welche täglich bei der Flut

vom Meereswasser bespült werden. Aus der Ferne gesehen, gewähren die

Wurzelträger einen anmuthigen Eindruck; ihr sanftes Grün thut dem Auge

wohl; sie strecken ihre ziemlich dünnen Aeste in das Meer, und das Ganze

lockt fast unwiderstehlich an, weil es zu dem nackten gelben Strande einen

angenehmen Gegensatz bildet. Aber die Atmosphäre ist hier feucht, man kann

wohl sagen giftig, und die Hitze oft so arg, daß es gewissermaßen als eine

Erquickung erscheint, wenn man aus solch einem Avicenniengewirr

heraustritt und wieder von den glühenden Strahlen der äthiopischen Sonne

beschienen wird.

Schnell eilten die Mitglieder der Gesellschaft aus der ungesunden

Küstenlandschaft dem Innern zu. Im Anfang war die Gegend der Samhara,

welche sie durchritten, sehr öde und arm; die sandigen, aus grobkörnigem

Kies bestehenden Berge glichen ganz jenen der Wüste. Das thierische Leben

der Samhara wird zuerst bei den Regenströmen bemerklich, die nach kurzem

Lauf hier dem Rothen Meere zueilen. Großartig wird die Natur erst da, wo

das _Labathal_ mit frisch sprudelndem Flüßchen aus dem Gebirge

hervortritt. Im hellsten Grün prangten die Gehänge des Thals bis hoch zu

den Bergen hinauf; alle Bäume standen im Blätterschmuck, viele von ihnen

waren gerade mit den köstlichsten Blüten bedeckt und leuchteten von den

Felswänden herunter. Gesicht, Gehör, Geruch schwelgten zu gleicher Zeit.

Der Farbenreichthum blendete das Auge, Wohlgeruch erfüllte das Thal und

wie ein Gruß tönte der Flötenruf des äthiopischen Würgers den Fremdlingen

ins Ohr. Auf den Zweigen wiegten sich Vögel aller Art von den kleinsten

Honigsaugern (_Nectarinia_) bis zum riesigen Ohrengeier. Auch sah man

Leoparden, Gazellen, Antilopen, Rudel von Affen, namentlich

Hamadryaspaviane eilten mit lautem Geschrei die Abhänge hinauf und muntere

Klippschliefer belebten die Felsen, die sogar Spuren des riesigen

Elephanten trugen, der bis in die hohen Berge hinaufsteigt.

Ganz oben verwandelte sich das Thal in eine enge Felsschlucht, und unter

unsagbaren Mühen wurde am 7. April die Hochebene erklommen, welche

wiederum von riesigen Alpen umgeben die Hüttengruppen des Hirtenvolkes der

_Mensa_ trägt. Das Gebirge selbst besteht aus einem sehr grobkörnigen

Granit, welcher jedoch nur an den höchsten Spitzen durchbricht, und aus

Thon- und Glimmerschiefer, der sich wie ein Mantel um den innern

Granitkern gelegt hat. In den tiefern Thälern finden sich steile Wände,

welche jedoch fast überall zugänglich sind und es noch viel leichter sein

würden, wenn nicht die Pflanzenwelt dies verhinderte. Alle Felsen sind

grün bis oben hinauf, und wo nur ein geeignetes Plätzchen sich findet, da

hat die Pflanzenwelt sicher Fuß gefaßt. Doch bestimmt die Armuth an

Dammerde das Gepräge der Vegetation. Große gewaltige Bäume giebt es nur im

Thale, und hier zeigen sich am Bache die charakteristischen Gewächse der

Kollaregion: schirmförmige Mimosen, prächtige Tamarinden, Kigelien mit

ihren großen Früchten, Adansonien, Akazien, Oelbäume, die

Kronleuchter-Euphorbie und eine niedrige Palme.

Der stattliche Gebirgszug, in dessen Gipfel das Plateau von Mensa

gleichsam eingekeilt liegt, mag sich in den Theilen, welche von der

herzoglichen Expedition berührt wurden, zu einer Höhe von 8000 bis 9000

Fuß erheben. Die Hochebene selbst soll gegen 6000 Fuß über der

Meeresfläche liegen und wird durch einen niedrigen Hügelrücken in zwei

Theile geschieden. Der eine bildet eine wilde, mit Büschen bewachsene,

sandige Fläche, die oft von Schluchten durchzogen ist. Der andere zeigt

besseren Boden und wird bebaut.

Das Dorf _Mensa_ bildet zwei Gruppen von Niederlassungen mit zusammen etwa

100 Hütten, die sich an die beiden Ränder der Hochebene anlehnen. Dicht

hinter denselben steigen die bewaldeten Felsgehänge noch kühn empor und

tritt zwischen riesigen Granitblöcken ein klarer Quell hervor, und ringsum

entfaltet das Gebirge seine ganze Pracht. Die Stelle war zu Ausflügen gut

gewählt, aber leider wurde die Freude theuer bezahlt, denn ein großer

Theil der Gesellschaft wurde vom Fieber gepackt. Die Gesunden ließen sich

jedoch dadurch nicht abhalten, tüchtig der ergiebigen Jagd nachzuspüren

und die Sitten der Eingeborenen zu studiren.

Nirgends wol in Afrika trifft man auf so elende Behausungen als in Mensa.

Die _Hütten_ bestehen aus Stangen oder Zweigen, über die man einfach

Reisig wirft, das nicht einmal gegen den strömenden Regen gedichtet wird.

Eine kleine niedrige Thür führt in das Innere des hohlen Reiserhaufens.

Dort gewahrt man dieselbe Unfertigkeit: einige aneinander gereihte Stäbe,

welche auf Querhölzern ruhen und von gegabelten Pfählen getragen werden,

bilden den Schlafplatz. Diese Bettstätte ist außerdem mit einem

laubenähnlichen Bau überdacht, der immer noch den Regen durchläßt. Außer

einigen irdenen Töpfen, dem unentbehrlichen Reibstein, auf dem das

Getreide zerkleinert wird, einem Topfe, in dem man das Korn aufbewahrt,

und einigen Schläuchen sieht man keine Geräthschaften im Innern. Eine

Dornumzäunung schließt die Wohnung ein, und innerhalb derselben liegt der

kleine Tabakgarten, denn das starke Kraut wird von den Männern

leidenschaftlich aus großen Wasserpfeifen geraucht, deren Wasserbehälter

durch einen Kürbiß gebildet wird.

Die Mensa sind schöne, wohlgebaute Menschen von gelblicher bis

dunkelbrauner Hautfarbe. Ihre Sprache ist das Tigré. Das Haar ist

eigenthümlich frisirt, wie es die Abbildungen zeigen, und mit einer Nadel

versehen, welche die Ruhe unter den lästigen Insassen herzustellen hat.

Kurze baumwollene Hosen und weite Umschlagmäntel machen die Kleidung der

Männer aus; eine lederne, in viele Streifen zerspaltene Schürze bildet die

einzige Bekleidung der unverheiratheten Mädchen, welche am Tage der

Verheirathung mit einem Umschlagetuche vertauscht wird. Das Leben des

Volkes hängt von den Herden ab; Getreidebau wird wenig betrieben. Die

Erhaltung und Vermehrung der Herden macht die ganze Wissenschaft ihres

Lebens aus. Der Mensa hält sich um so verständiger, je besser er mit dem

Vieh umzugehen versteht, und er achtet sich um so glücklicher, je

zahlreicher seine Herde von Buckelrindern ist. Manche von den Leuten,

welche in einer der beschriebenen erbärmlichen Hütten leben, nennen 5000

bis 6000 Rinder ihr Eigenthum. Um überall die Weide gut ausnutzen zu

können, wandern die Mensa zweimal im Jahre von der Höhe ihres Gebirges zur

Tiefe der Samhara hinab, wenn dort die Regengüsse ein frisches Grün

hervorgezaubert haben. Die Milch der Kühe ist ihr vornehmstes

Nahrungsmittel, und bei festlichen Gelegenheiten wird ein Ochse

geschlachtet, dessen halbgeröstetes Fleisch gierig verschlungen wird. Als

geistiges Getränk dient der Honigwein. Ganz so schlimm wie die Abessinier

sind die Mensa beim Einnehmen ihrer Nahrung nicht, allein auch nicht sehr

verschieden von diesen.

Das _Christenthum_ der Mensa ist genau so, wie wir es bei ihren Vettern,

den Bogos, weiter unten schildern. Das häusliche und eheliche Leben

unterscheidet sich kaum von dem der Abessinier. Mit Sonnenuntergang

sammeln sich die Mädchen auf den öffentlichen Plätzen und beginnen zu

tanzen, wobei die Zuschauer laut brüllen. Dieses Vergnügen währt bis tief

in die Nacht, jedoch nur wenn der Mond scheint und die Raubthiere nicht zu

fürchten sind. An Festtagen hört man noch eine andere Musik, dann geben

die Flötenbläser ihre Künste zum besten. Die abessinischen Flöten sind

hohle Röhren mit verschiedenen kleinen Schallöchern, welche nach Art der

Mundharmonika geblasen werden. Einzelne Künstler verstehen auch eine Art

Geige zu spielen, d. h. eine Fiedel im Urzustande mit einer Saite von

Pferdehaaren, die mit einem einfachen Bogen gestrichen wird. Eine

Handtrommel mit Schellen unterstützt gewöhnlich dieses Konzert aufs

wirksamste.

Eigenthümlich sind die _Grabhügel_ der Mensa. In weitem Kreise um das Grab

herum baut man eine senkrechte Ringmauer auf; den von ihr umschlossenen

Raum füllt man alsdann mit großen und kleinen Steinen aus. Die Steine

schichtet man in einem Haufen hoch auf und überlegt sie endlich mit

blendenden Quarzstücken, welche weit und breit zusammengetragen werden.

Die tropische Erzeugungsfähigkeit sorgt bald für grüne Umrankung und

Umlaubung, und dann heben sich diese Gräber um so heller von dem dunklen

Hintergrunde ab.

Hier nun, unter diesem Volke, schlug man die Zelte auf und verweilte

einige Zeit. Als die Gewitterregen nachgelassen, trat der Herzog, von

seinen beiden Neffen begleitet, einen Ausflug nach _Keren_ im Bogoslande

an. Am 12. April setzte sich der Zug in Bewegung, durcheilte in

nordwestlicher Richtung die Mensa-Hochebenen und gelangte am nächsten Tage

bereits in eine sehr veränderte Gegend. Die reiche Vegetation des

Mensathales war fast ganz verschwunden, die Bergrücken waren kahl und nur

an den Abhängen zeigten sich Mimosen und verkrüppelte Oelbäume. In den

tiefern Thaleinschnitten wuchsen riesige Adansonien und Euphorbien. Nach

einem Ritt von mehreren Stunden wurde das Dorf Gabei Alabu auf einem

felsigen Plateau erreicht, wo die Einwohner nach einigem Parlamentiren

Milch und eine Kuh zum Geschenke brachten. „In keiner Weise konnten wir,“

erzählt Herzog Ernst, „auf der ganzen Reise zwischen diesen Völkerschaften

auch nur über die geringste Unbill klagen, und ich muß lobend erwähnen,

daß uns überall mit aufrichtiger Freundlichkeit und Gastfreundschaft

begegnet wurde.“ Nachdem man zwei Stunden weiter geritten, gelangte man an

das malerische Ufer des _Anseba_ (Ainsaba). Der Strom hielt noch dritthalb

Fuß Wasser und floß silberhell und reißend dahin. In unendlichen Windungen

sendet er seine klaren Fluten, die unfern von Tzazega in Hamasién

entspringen, durch das Gebirgsland und erquickt mit seinen zweimal im

Jahre austretenden Gewässern die durstige Ebene. Soweit dies der Fall ist,

zeigt auch der Boden die ganze Fülle der Tropenvegetation; wunderbar

geformte Bäume, dicht mit Lianen überzogen, wechseln malerisch mit

haushohem Schilf. Tausende von Vögeln aller Art bevölkern diesen schmalen

Streifen Erde, der gleich einer Oase meilenweit den Strom begrenzt,

welcher später seine Wasser mit denen des Barka vereinigt, also nicht dem

Gebiete des Nil, wol aber jenem des Rothen Meeres angehört.

Die gehoffte Jagd fand leider hier nicht statt, dafür stattete man dem

jenseit des Flusses liegenden Dorfe _Keren_, dem Hauptorte von Bogos,

einen Besuch ab. Der Herzog schildert Keren als ein elendes, auf einer

Hochebene gelegenes Dorf, das außer den Hütten der Eingeborenen nur zwei

größere Gebäude, die Wohnung des weit und breit bekannten Missionärs

_Stella_, aufweist. „Stella ist ein kleiner untersetzter Mann mit

stechenden klugen Augen, aber sonst wohlwollenden Zügen. Er gehört zum

Orden der Lazaristen. Unstreitig ist er, nach Allem, was ich über ihn

gehört und gelesen, zu den wenigen intelligenten Europäern zu rechnen,

welche seit einer Reihe von Jahren das Innere Afrika’s bewohnten. Durch

seinen Charakter, seinen Muth und sein kluges Benehmen ist er zu einer

bedeutenden Person geworden. Er ist nicht nur bei den Bogos höchst

angesehen, sondern steht auch in einer gewissen Verbindung mit dem Kaiser

Theodor und den ganzen politischen Verhältnissen Abessiniens. Die

Ausbreitung der katholischen Religion scheint ihm hier nicht allein am

Herzen zu liegen. Er schien vorzugsweise Rathgeber und Vermittler zwischen

obwaltenden Streitigkeiten der Stämme zu sein. Ein Gehalt, der ihm

regelmäßig ausgezahlt wird, und eine ausgesuchte Herde machen ihm bei

geringen Bedürfnissen ein angenehmes Leben möglich.“

[Illustration: Eingeborene von Mensa vor ihren Hütten.

Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]

Der Boden bei Keren, das 4469 Fuß über dem Meere liegt, ist fruchtbar,

aber nur ab und zu mit Durrah, etwas Tabak und dem gewöhnlichen

Seifenkraut bepflanzt. Nach Osten und Süden steigen rauhe Gebirge in die

Höhe, während sich die im Norden liegenden Ketten mehr und mehr abflachen.

Nach Westen zu sieht man den Bergen deutlich an, daß sie aus einer Ebene

emporsteigen, denn unmittelbar hinter ihnen beginnt die unabsehbare

Barka-Steppe. Wasser enthält die Hochebene so gut wie gar nicht.

Keren war der fernste Punkt, bis zu welchem der hohe Reisende gelangte. Er

zog nach kurzem Aufenthalte von da nach Mensa zurück, wo er am 16. April

wieder anlangte. Schon am zweiten Tage darauf fand eine glückliche

Elephantenjagd statt, und mit nicht geringer Anstrengung gelang es, auf

den 8000 Fuß hohen Felsenhöhen des Beit-Schakhan einen alten und einen

jungen Elephanten zu erlegen.

Mit folgenden Worten schildert der Herzog das Abenteuer selbst: „Es mochte

wol zwischen 2 und 3 Uhr sein, als ein für uns kaum hörbarer Ton das Ohr

des uns begleitenden jungen Eingeborenen traf. Wie eine Schlange schnellte

die schwarze nackte Gestalt aus dem Grase empor, und die heftigste sich in

den wunderlichsten Gesten kundgebende Aufregung bewies uns, daß ein

Zeichen von unten gegeben sei. Wie durch einen Zauberschlag berührt,

sprangen wir jetzt auf die Füße und griffen zu unseren Büchsen. Die

reizende Aussicht war, wie Müdigkeit für uns verschwunden, die

Sonnenstrahlen erschienen nicht mehr heiß, und ohne weiter zu überlegen,

was eigentlich das Zeichen bedeute, trabte die ganze Gesellschaft über

Steinblöcke durch Dick und Dünn der Tiefe zu, aus der in abwechselnden

Zwischenräumen das schon vorher erwähnte Zeichen wiederholt wurde.

„Der junge Mensaner mit Schild und Speer an der Spitze, führte den Zug,

und da ihn weder Kleidung noch Korpulenz am Laufen hinderten, so fiel er

in ein wahrhaft gefährliches Tempo, für das nur die jüngsten Beine

geschaffen schienen. Erst nach anderthalb Stunden trafen wir die beiden

Elephantenjäger. Nur einige hundert Schritt folgten wir ihnen und sahen

schon zum allgemeinen Entzücken, auf der gegenüberliegenden Bergwand,

zwischen dem Gestrüpp und alten Euphorbienbäumen, Elephanten ruhig ihr

Diner verspeisen.

[Illustration: Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha auf der Jagd in

Mensa.

_(Originalzeichnung von R. Kretschmer.)_]

„Hier hätte nun ein Kriegsrath gehalten werden müssen, um, wie vorher

verabredet, die Jagd zu besprechen. Hierzu ließen uns die aufgeregten

Eingeborenen aber keine Zeit. Sagudo ergriff mich beim Arm, schüttelte

mich, als ob es gälte, Aepfel von einem Baume zu schütteln, wies mit

grimmigen Geberden auf die unten äsenden Elephanten und riß mich mit sich

fort. Vorwärts ging es nun wieder in vollem Laufe durch Aloë, Cactus und

Mimosen. Bald waren die ohnehin defekten Hemden und Beinkleider zerrissen,

und die glühende Sonnenhitze badete uns im Schweiß. Mit einem Male hielt

der Jäger an, schnitt mir ein wüthendes Gesicht und klopfte mit dem Laufe

seiner riesigen Muskete auf meine Schuhe. Sein Wunsch war augenscheinlich

der, daß ich von jetzt ab die Pürsche barfuß – wie er ging – fortsetzen

solle. Aus meinen ebenso grimmigen Mienen und bezeichnenden

Gestikulationen mochte er jedoch wol entnehmen, daß die Sohlen unserer

Füße nicht, wie die seinen, für Dornen und scharfe Steine geschaffen

seien, und weiter ging es, eine Lehne hinab, durch einen ausgetrockneten

Sturzbach hindurch und drüben einen steilen Graben hinauf. Wir folgten

genau in dem sonst undurchdringlichen Dickicht den Windungen der kleinen

Pfade, welche die Ungethüme, sich vor uns äsend, erst im Augenblicke

getreten hatten. Noch eine Weile und wiederum ging es einen Strand hinab,

und in langen Sätzen wollten wir eben die Felsen eines zweiten Sturzbaches

überschreiten, als wir auf 50 Schritt vier Elephanten unter uns denselben

Bach kreuzen sahen.

„Athemlos hielt Alles still. Ich riß meine Büchse an den Backen und wollte

eben den größten Elephanten aufs Korn nehmen. Da fiel mir der Jäger in den

Arm und machte solche furchtbare Grimassen, daß ich nicht anders glauben

konnte, als er halte es noch für zu weit. Die Elephanten, welche schlecht

äugen, gingen unter uns vorüber. Kaum waren sie aber auf der

entgegengesetzten Wand verschwunden, als das Rennen unmittelbar auf ihrer

Fährte wieder begann. Hiernach schien es die Absicht des Jägers zu sein,

die Thiere einzuholen und mit den letztern auf wenige Schritte zusammen zu

kommen.

„Die Leidenschaft hatte uns alle erfaßt und jeglicher Ueberlegung der

drohenden Gefahr, in der wir uns befanden, beraubt. Kaum mögen acht

Minuten vergangen gewesen sein, als wir, der vermeintlichen abwärts

führenden Spur in langen Sprüngen von Fels zu Fels folgend, mit dem

vordersten der Elephanten auf drei Schritte zusammentrafen. Die Thiere

hatten einen auf uns zurückführenden Pfad eingeschlagen. Noch einen

Schritt weiter und wir wären sämmtlich verloren und zu Brei getreten

gewesen.

„Mit kühner Geistesgegenwart erfaßte der Jäger den Augenblick, und indem

er einen gellenden Schrei ausstieß, stürzte er sich – gleichwie der

Schwimmer von einem Springbret in das Wasser – von dem erhöhten

Standpunkte etwa zehn Fuß tief in ein wildes Cactusdickicht hinein. Zum

Besinnen hatten wir auch keine Zeit und ahmten, fast instinktmäßig, den

sicheren Tod vor Augen, das Manöver nach. Auf das furchtbarste

zugerichtet, drückten wir uns, wie ein Kitt Hühner unter eine Krautstaude,

hinter einen Granitblock. Die Elephanten hatten, durch die wunderbare

Erscheinung erschreckt, selber eine Bewegung halb rechts gemacht,

dergestalt, daß sie uns schräg abwärts in einer Entfernung von vielleicht

10 bis 15 Schritt, jedoch ohne im geringsten flüchtig zu sein, die Flanken

zeigten.

„Der Augenblick zum Handeln war gekommen. Der Jäger, Hermann (Fürst

Hohenlohe) und ich waren mit einem Sprunge beinahe zu gleicher Zeit auf

dem Felsen, der uns gerettet, die Büchsen flogen in die Höhe und vier

Spitzkugeln bohrten sich hinter das riesige Gehör des Ungethüms. Der

Elephant war tödtlich getroffen. Er hielt an und stieß jenen durch Gordon

Cumming so wohl beschriebenen Schmerzenston aus, und wäre unsere Lage

nicht so mißlich gewesen, so hätten wir ruhig sein Verenden abwarten

können. Hier galt es aber augenblickliche Vernichtung und mit Büchsen _à

la_ Lefaucheux bewaffnet, ward es uns eine Leichtigkeit, in wenigen

Minuten gegen vierzehn Kugeln dem schon wankenden Koloß hinter Blatt und

Gehör zu senden. Ein zweiter Elephant, durch das Schießen beunruhigt,

kreuzte den Verwundeten. Auch er erhielt von Hermann eine Kugel auf das

Blatt, welche ihm jedenfalls jenen Schmerzensschrei entlockte, aber nur

dazu zu dienen schien, seine Flucht zu beschleunigen. Unser erstes Opfer

schwankte noch einige Male, indem es sich langsam umdrehte, hin und her.

Da erhielt er aus der Muskete unsers Jägers den letzten Gnadenschuß durchs

Herz. Das Thier stürzte mit einem furchtbaren Getöse und rollte, wie ein

Hase auf einem gefrorenen Abhang, die Bergwand wol 500 Schritt hinunter,

Bäume und Felsen vor sich her wälzend. Die Straße, die sein Körper

beschrieben hatte, glich einem jener Lawinenstreifen, die man so oft im

Hochgebirge auf der Gemsjagd antrifft. Mit einem Freudengeschrei jagten

wir dem verendeten riesigen Thiere in den Abgrund nach, wo wir es tief

unten, zwischen zwei Granitblöcken eingeklemmt, noch gewaltig mit seinen

Füßen arbeitend, liegen sahen.“

Noch ein zweiter junger Elephant, der gleichsam um die Mutter zu rächen,

wüthend herbeigeschnaubt kam, wurde erlegt, die Jagd war vollendet, und

beleuchtet von den Strahlen der glühend untergehenden Sonne standen die

Sieger auf den kolossalen Leichen ihrer Jagdbeute. Die Landschaft, in

welcher die gefahrvolle Jagd stattfand, schildert der Herzog

folgendermaßen: „Ein Panorama lag vor uns, wie ich es nur an wenigen Orten

Tyrols und der Schweiz getroffen habe. Ein unabsehbares Meer grüner und

brauner Berge, hier in den schönsten und reichsten Formen gelagert, dort

wieder scharfgezeichnete Felsspitzen in pittoresken Gestalten

vorstreckend, bot sich unsern Blicken. In weiter Ferne bezeichnete ein

goldener Streif die Fluten des Rothen Meeres, nach allen übrigen

Himmelsgegenden reihten sich Gebirge an Gebirge. Das schwierige Besteigen

jener Alpen wäre schon hinreichend durch die unbeschreibliche Aussicht

belohnt gewesen, deren wir uns hier zu erfreuen hatten. Die Sonne war

glühend, dennoch erfrischte uns ein kühler Luftzug und ausgestreckt im

hohen Grase schwelgten wir in den Genüssen der Natur.“

Bald darauf brach, nach verschiedenen neuen Jagdabenteuern, die

Gesellschaft auf und langte am 23. April in Monkullu, bei der Frau

Herzogin wieder an. Ueber ihren Aufenthalt daselbst schrieb die hohe Dame

folgende Worte in ihr Tagebuch: „Die Tage, welche wir hier verlebten,

waren keine Idylle in der Weise der lieben Heimat, es war für uns

verwöhnte Kulturkinder Manches recht schwer zu überwinden; aber es war

doch ein Stilleben voll von großen Eindrücken, und die Erinnerung daran

möchte wohl keiner von uns missen. Wer einmal im Schein der tropischen

Sonne auf Himmel, Land und Meer geblickt hat, der wird die Farbenpracht

der Natur und die gehobene Stimmung, welche sie dem Menschen verleiht, nie

mehr vergessen. Was Licht heißt und glühende Farbenschönheit, das erfährt

man erst im Süden. Und die Einwirkung dieser Fülle von Licht und Farbe,

die großen Gegensätze, welche ohne Dämmerung, ohne das Nebelgrau der

Heimat, wie unvermittelt nebeneinander stehen und doch Bilder von der

wundervollen Schönheit geben, werden immer mächtiger, je länger man weilt,

und umgeben das Leben des Tages mit einer Poesie, die märchenhaft und fast

bewältigend ist. Und in diesem Zauberlichte glänzt eine fremde Erdenwelt,

denn Menschen, Thiere, Pflanzenformen, jeder Gegenstand, der an den

Reisenden herantritt, trägt dazu bei, die Stimmung, welche die Landschaft

hervorruft, zu erhöhen. Ungeachtet der Unsicherheit, welche der Europäer

in dieser Wildniß empfindet, ist die Grundstimmung, welche dieses

tropische Leben verleiht, doch eine erhebende Ruhe. Alles sieht

großartiger und einfacher aus, und ohne Mühe kann man sich hier um

Jahrtausende zurückdenken, in denen dasselbe Hirten- und Wanderleben war,

dasselbe Geschrei der Thiere, dieselben Pflanzen an derselben Stelle,

dasselbe Leuchten der Farben, ebenso der Sand mit den Steintrümmern und

dem weißen Gebein der gefallenen Thiere. Der Mensch vermag in der

großartigen Beständigkeit dieser Welt nur wenig.“

Am 26. April sagte endlich die Reisegesellschaft dem abessinischen Gestade

Lebewohl und trat die Fahrt durch das Rothe Meer nach Suez an. Leider

hielten gefährliche Fieber die Reisenden einige Zeit in Kairo zurück, und

erst am 30. Mai wurde in Triest wieder der europäische Boden betreten. Die

fürstliche Reise war auch für die Wissenschaft nicht ohne Ergebnisse, denn

abgesehen von dem Werke des Dr. Brehm, der die zoologischen Resultate

verarbeitete, veröffentlichte der Herzog selbst einen Reisebericht, der

mit den herrlichsten Abbildungen in Farbendruck von Robert Kretschmer’s

Meisterhand geschmückt wurde.

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Der Aufenthalt des Herzogs im Bogoslande war jedoch viel zu flüchtig

gewesen, als daß derselbe unsere Kenntnisse von den Bewohnern desselben

hätte eingehend fördern können. Diese aber, durch Sitten, Abkunft und

Rechtsverhältnisse ein höchst interessantes Volk, lernen wir am besten

durch _Werner Munzinger_ kennen, der sich viele Jahre unter ihnen aufhielt

und gleich Stella eine bedeutende Stellung einnahm.

Ueber das Bogosland sind viele Stürme hinweggebraust. Die ganze Nordgrenze

Abessiniens von Massaua bis zum Mareb war, der Sage zufolge, in alten

Tagen von den _Rom_ bewohnt, einem riesenhaften, übermenschlichen

Geschlechte. Der letzte desselben verfeindete sich mit Gott, schleuderte

eine Lanze gen Himmel und zur Strafe zerfraß ihm ein von Gott gesandter

Adler den Kopf. Die Rom werden noch in Liedern besungen und spitzige

Steinhaufen für ihre Gräber ausgegeben. Nach den Rom kamen die Kelau, ein

äthiopischer Stamm aus Abessinien, von dem nur wenig Reste blieben; dann

wanderten die Barea von Hamasién her ein und schließlich die Bogos.

Ihr Stammvater _Gebre Terke_ ist vom Volke der Lasta-Agows (vgl. S. 90).

Aus Furcht vor der Blutrache verließ er seine Heimat, stieg hinab in die

Kolla und baute zu Mogarech im Bogoslande die Giorgiskirche; das mag 1530

gewesen sein, zur Zeit der muhamedanischen Kämpfe gegen das christliche

Abessinien. Vor dem zu Aschra befindlichen Grabsteine des Stammvaters geht

auch heute noch kein Bogos vorüber, ohne ihn zu küssen.

Bei den Bogos ist das Stammverhältniß stark ausgeprägt und die einzelnen

Abtheilungen sind derart durch Heirathen verschwägert, daß innere Fehden

zur Unmöglichkeit werden. Früher standen sie direkt unter Abessinien und

sandten alljährlich 60 Ochsen als Tribut an den König in Gondar. Sie

bildeten eine _Aristokratie_, die sich selbst nach eigenem Rechte

regierte, eine gewisse Kultur besaß, jedoch durch Kriege und Berührungen

mit den Nachbarn allmälig in Barbarei versank. Abessinier sowol als die

Aegypter von Ostsudan aus machten Verheerungszüge in das Bogosland und es

kam 1854 so weit, daß die Bogos endlich um Frieden flehten und den

Aegyptern versprachen, den Islam anzunehmen. Da erschien bei ihnen der

erwähnte Missionär Johannes _Stella_ und sammelte die Leute wieder, und

der englische Konsul _Plowden_ erwirkte im Namen Großbritanniens, daß das

christliche Gebiet für unverletzlich erklärt wurde. Doch noch immer nicht

hatten die Bogos Ruhe. Neue Raubzüge fanden gegen sie statt, man führte

viele in die Sklaverei. Wie wir aus Graf Krockow’s Reise wissen, erschien

im November 1864 Pater Stella, begleitet von Werner Munzinger, in Kassala,

um beim ägyptischen Gouverneur darüber Klage zu führen, daß die Barea

außer vielem Vieh 104 Weiber und Kinder aus dem Bogoslande entführt

hätten.

Noch immer zahlen die Bogos an Abessinien Tribut. Ihre Gesammtzahl beträgt

etwa 8000 Köpfe, von welchen zwei Drittel Unterthanen, sogenannte _Tigrés_

sind, und ein Drittel aus _Schmagillis_ oder wirklichen Bogos besteht. Das

Gesammtvolk hat nach Munzinger 2100 Häuser und etwa 10,000 Stück Rindvieh.

Von höchstem Interesse sind die durch den genannten Forscher uns bekannt

gewordenen _Rechtsverhältnisse_ des Völkchens. Das Recht ist ein

patriarchalisch-aristokratisches. Die Familie ist Staat, Souverän und

Gesetzgeber, hat Recht über Leben und Tod der einzelnen Glieder. Wer nicht

Schmagilli, echter Bogos ist, wählt sich einen Schutzherrn und wird nun

dessen Dienstmann, Tigré. Eigentlich gilt jeder Fremde als Feind. Der

Patriarch (_Sim_) ist geheiligt; er ist gleichsam König ohne Königsgewalt.

Stirbt der Sim, so folgt ihm der Erstgeborene, nachdem er sich den ganzen

Leib mit dem Wasser gewaschen, in welchem die Leiche des Vaters gewaschen

wurde. Mit verhülltem Kopfe fastet er nun drei Tage; dann wird er, immer

noch mit verbundenen Augen, vor die Hütte geführt und ihm Kuhdünger,

Dornen und Sand vorgelegt. Greift er nach den Dornen, so bedeutet dies

Krieg; Sand läßt auf gesegnete Ernten hoffen, Kuhdünger auf Gedeihen der

Heerden.

Für die kleinere Familie ist der Vater Richter; zweite Instanz bildet der

öffentlich versammelte Dorfrath (Mohäber). Trotz des Christenthums

herrscht unter den Bogos noch viel Barbarei. Niemand kann lesen und

schreiben; ein uneheliches Kind wird erstickt, und die eigenen Kinder

verkaufte man früher oft für weniger als einen Thaler. Unter den vielen

eigenthümlichen Sitten und Bräuchen heben wir folgende hervor. Kein Weib

wird melken oder Getreide schneiden. Kein Schwiegersohn sieht das Antlitz

seiner Schwiegermutter an. Die Frau steht im Allgemeinen niedrig; sie kann

jeden Tag fortgejagt werden und besitzt kein Klagerecht. Es kommt nicht

gerade selten vor, daß ein Mann nach dem Ableben des Vaters die

Stiefmutter heirathet, und Munzinger kennt ein Beispiel, daß ein Mann die

Frau seines gestorbenen Sohnes zum Weibe nahm. Scheidungen sind häufig,

die Vielweiberei ist jedoch ziemlich selten, wenn auch erlaubt.

[Illustration: Hirtenfrau auf der Wanderung. Zeichnung von R.

Kretschmer.]

Früher bauten die Bogos Häuser aus Stein – jetzt Zweighütten wie die

Mensa. Das Innere trennt man durch eine Matte in zwei Hälften. Auch in den

häuslichen Einrichtungen herrscht allerlei Aberglauben. So wird z. B.

Feuer und Wasser nach Sonnenuntergang niemals aus dem Hause gegeben und um

diese Zeit kein verliehenes Beil zurückgenommen. So lange eine Leiche sich

im Hause befindet, wird kein Feuer angezündet, und frische Butter zu

essen, gilt für eine Schande.

Die Bogos haben schöne, regelmäßige Gesichtszüge und nicht das leiseste

Negergepräge. Die Hautfarbe wechselt zwischen Gelb und Schwarz. Die Augen

sind lebendig, schwarz und braun, der Haarwuchs weich und vollständig,

doch grob.

Die Bogos sind mehr Hirten als Ackerbauer. Die Herden ziehen fast das

ganze Jahr hindurch im Freien umher, und wol ein Drittel der Bewohner

wandelt nomadisch mit denselben. Weib und Kind, das nöthige Gepäck wird

aufgeladen und der Weideplatz ausgesucht. Dann wohnt Alles unter

Palmenmatten, die bei einer Platzveränderung leicht abgebrochen und auf

Ochsen geladen werden. Milch ist die beliebteste Nahrung, und jede Kuh hat

ihren Namen. Der Hirt lenkt seine Herde mit guten Worten, ohne Hunde.

Unter diesem Volke gilt, wie im eigentlichen Abessinien, das _Blutrecht_.

Die Nachkommen eines Vaters bis auf sieben Grade bilden die

Blutsverwandtschaft. Dieselbe wird des Bluts theilhaftig, wenn ein

Familienmitglied einen Mord begangen hat, und ist solch ein Glied getödtet

worden, so hat jene gesammte Verwandtschaft das Recht und die Pflicht der

Blutrache (_Merbat_). So lange die im Blut stehenden Familien sich

eigenmächtig untereinander der Rache hingeben, hat das Recht nichts zu

sagen; der Zwist wird den Blutfeinden überlassen. Sobald dieselben aber

zur Versöhnung bereit sind, wenden sie sich an einen Mittelsmann, welcher

jeder ihr Recht giebt; die Parteien zählen ihre Todten, und der Ueberschuß

wird mit dem Blutpreis gesühnt.

Munzinger schildert, wie es mit dem Christenthum stand, als er und der

Lazarist Stella 1855 in das Land kamen. Die Bogos nannten sich _Kostan_,

Christen; zum Beweise, daß sie es seien, berührten sie niemals Fleisch,

das ein Muhamedaner geschlachtet hatte, und aßen weder Elephanten, noch

Hasen oder Strauße. Der Sonntag hieß großer Sabbath, allein die

Sabbathruhe wurde am Sonnabend beobachtet. Die Bogos haben zwei Kirchen;

bei denselben sind eingeborene erbliche Priester angestellt. Ihr Amt

besteht darin, an den Hauptfesten die Schiefersteine, welche die Glocken

vorstellen, anzuschlagen. Von Priesterweihe oder irgend einer religiösen

Kenntniß ist bei ihnen keine Rede. Munzinger kann nicht einmal dafür

einstehen, ob die 1858 lebenden Priester getauft waren. „Der alte

Stammpriester von Keren ist ein vermögender Mann, der sich nie

niedersetzt, ohne die heilige Dreieinigkeit anzurufen, aber er kennt nicht

einmal das Vaterunser.“ Von der Bedeutung der Festtage hat man keine

Vorstellung. Gott, Petrus, Dreieinigkeit sind gleichbedeutende Ausdrücke

für die Gottheit, aber über den besondern Sinn der Wörter ist man sich

nicht klar. Die heilige Jungfrau genießt die größte Verehrung, aber daß

sie Mutter des Heilandes sei, weiß Niemand. „Im Ganzen ist das

Christenthum ein Name, erhalten durch die Anhänglichkeit dieser Völker an

das Althergebrachte. Ueberhaupt ist den Landeskindern Religion die letzte

Sorge, und der Aberglauben überwuchert.“ Daß Munzinger die Befürchtung

ausspricht, der Islam werde auch dieses Völkchen erobern, wurde früher

schon hervorgehoben. Allein was ist an einem solchen Christenthum, das

noch unter jenem Abessiniens steht, gelegen?

Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer · 第 16 / 22 题