Die Bedeutung des Rothen Meeres. – Der Dahlak-Archipel und die
Perlenfischerei. – Die Stadt Massaua und ihre Bewohner. –
Sklavenhandel. – Die Cisternen. – Der Markt. – Karawanenhandel mit
Abessinien. – Die Bai von Adulis. – Schohos und Danakil. – Die
Samhara. – Eine abessinische Karawane. – Der Tarantapaß und Halai.
Das Rothe Meer, lange Zeit für den großen Verkehr fast ohne Bedeutung, ist
in unsern Tagen aus seiner Abgeschiedenheit hervorgetreten und nimmt
lebhaften Antheil am Welthandel. In einer Länge von fast vierhundert
Meilen erstreckt es sich gleich einem Arm von Suez bis zur Bab-el-Mandeb
zwischen dem nordöstlichen Afrika und der westlichen Küste Arabiens.
Regelmäßig wie bei uns die Eisenbahnen wird es fast tagtäglich von
Riesendampfern seiner ganzen Länge nach durchkreuzt; Telegraphendrähte
sind an seinen korallenreichen Gestaden hingelegt, und der Post- wie
Handelsverkehr von Europa nach Indien nimmt jetzt seinen Weg zumeist über
diese Straße. Noch größere Bedeutung wird das Rothe Meer jedoch erlangen,
wenn einst der Suezkanal vollendet sein sollte, obgleich schon auf der von
Alexandrien über Kairo nach Suez führenden Eisenbahn alljährlich viele
Tausende von Vergnügungsreisenden zu ihm hingezogen kommen. Nach allen
Seiten führen von seinen Küsten wichtige Handelsbahnen in die umliegenden
Länder, die zum Theil, wie das Innere Ostafrika’s, ungemein produktenreich
sind: Gummi und Straußenfedern, Droguen und Elfenbein, Wachs und Honig,
nicht minder aber Sklaven werden in allen Hafenplätzen feil gehalten und
finden regelmäßigen Absatz gegen europäische Produkte.
Sowie aber die kommerzielle Bedeutung des Rothen Meeres sich gehoben hat,
ist auch nicht minder jetzt die politische in den Vordergrund gelangt, und
wie in so vielen andern Weltgegenden sind auch hier England und Frankreich
als eifersüchtige Rivalen aufgetreten, die einander den Rang streitig zu
machen suchen. Beide wissen, daß im Rothen Meere der Schlüssel zu Indien
liegt, und wenn auch Frankreich ein geringeres Interesse als England daran
zeigt, denselben mit in Händen zu haben, so ist es doch schon des
Wettbewerbes wegen bestrebt gewesen, es in Besitzergreifungen den
Engländern gleichzuthun. Der Suezkanal, ein französisches Unternehmen, hat
mindestens in demselben Grade politische Bedeutung, wie kommerzielle; denn
wie die Engländer Aden und die Insel Perim am südöstlichen Ende des Rothen
Meeres besetzten und so die Bab-el-Mandeb beherrschen, trachten die
Franzosen danach, ihre Herrschaft am nordwestlichen Ausgang der
Handelsstraße zu errichten. Und auch noch andere Küstenplätze sind nach
und nach in die Hände der beiden Rivalen gefallen: die Briten haben sich
auf der Insel Kamaran an der arabischen Seite, die Franzosen auf Dessi vor
der wichtigen Bai von Adulis und zu Oboc niedergelassen. Von hier aus
überwachen sie den Handel und spinnen Intriguen mit den unzufriedenen
Elementen der Bevölkerung, um bei guter Gelegenheit sich überall in die
Landesangelegenheiten mischen zu können. Europäische Konsularagenten haben
in den meisten Hafenplätzen schon ihren Sitz, und mit dem arabischen oder
banianischen (indischen) Handelsmann theilen sich jetzt europäische
Kaufherren in den Gewinn des Handels am Rothen Meere. Eine Abschließung
desselben ist jetzt nicht mehr denkbar, es wird mit allen seinen
Gestadeländern – mag es wollen oder nicht – immer mehr in unsere
Beziehungen hineingezwungen.
Freilich ein Hinderniß hat die Natur selbst geschaffen, welches die
Bedeutung dieses Meerarmes für den Verkehr bedeutend abschwächt. Das Rothe
Meer ist für Segelschiffe bei den jetzigen Anforderungen an die
Schnelligkeit des Verkehrs fast so gut wie unbefahrbar, da ziemlich das
halbe Jahr hindurch Windstille herrscht und Mangel an guten Häfen ist.
Zudem machen die Korallenklippen die Fahrt äußerst gefährlich, und auch
die Versorgung der Schiffe mit Wasser, Kohlen oder Lebensmitteln ist eine
äußerst mangelhafte. Nur der Dampfer, der seine Kohlen in Suez oder Aden
liegen hat, beherrscht diesen Meeresarm vollständig und in vier bis fünf
Tagen durchfahren sie denselben von einem Ende bis zum andern, um dann
weiter die Fahrt nach Indien anzutreten.
Während die großen Dampfer der indischen Linie direkt das Rothe Meer
durchkreuzen und nur selten den einen oder andern Hafenplatz an demselben
besuchen, sind für letztere besondere Seitenlinien eingerichtet, die meist
von einer türkischen Gesellschaft schlecht versehen werden. Von _Suez_, wo
die Eisenbahn mündet, steuern wir zunächst nach _Kosseïr_, von wo eine
Karawanenstraße nach Keneh am Nil führt, der in dieser Gegend einen weiten
Bogen nach Osten macht und sich dem Rothen Meere nähert. Von Kosseïr
fahren wir in südöstlicher Richtung nach der arabischen Küste hinüber und
landen in _Jembo_, dem Eingangsthor der heiligen Stadt, nämlich Medina,
für welches dieser Platz den Hafen bildet. Weiter an demselben Gestade
fortsteuernd erreicht der Dampfer _Dschidda_, „die Ebene ohne Wasser“.
Aber dieser Hafenplatz, das Seethor für Mekka, ist in vieler Beziehung
wichtig und namentlich zur Zeit der Pilgerwanderungen sehr belebt. Wir
verlassen auch diesen Ort, der schon Millionen Wallfahrer landen sah, und
durchkreuzen abermals nach Südwesten hin das Rothe Meer, um _Sauakin_ an
der afrikanischen Küste zu erreichen, von wo aus die große Karawanenstraße
nach dem östlichen Sudan und Chartum an der Vereinigung des Weißen und
Blauen Nil führt.
Und nun geht nochmals der Anker in die Höhe, nach Süden ist der Bug des
Dampfers gerichtet, die afrikanische Küste, das Land der nomadisirenden
Beni-Amer und Habab bleibt zur Rechten liegen und die _Dahlak-Inseln_
kommen in Sicht. Auf diesem Archipel erhalten wir durch die Sprache der
Bewohner schon einen Vorgeschmack Abessiniens, vor dessen Küste, gegenüber
dem Hafenplatze Massaua, die Gruppe liegt. Die drei Hauptinseln sind
Groß-Dahlak, Nureh und Nakala. Die Großhandelsfahrzeuge legen dort nicht
an, obwol das erste der genannten Eilande einen sehr guten Hafen hat.
Viele Spuren, namentlich Ruinen, deuten darauf hin, daß einst die
Abessinier und im 16. Jahrhundert die Portugiesen eine Niederlassung auf
demselben hatten. Dahlak hat nur etwa 1600 Einwohner, auf die andern
beiden bewohnten Inseln kommen zusammen nur 200 Köpfe. Alle sind
Muhamedaner, friedliche Menschen, die unter einem Scheich stehen; dieser
erhält seine Belehnung von dem ägyptischen Gouverneur in Massaua, welchem
er jährlich 1000 Maria-Theresia-Thaler zahlt. Wasserläufe giebt es auf den
Inseln nicht, aber das Brunnenwasser ist gesund.
Ueberaus reich ist hier das Meer an Fischen und Fischfang daher eine
Hauptbeschäftigung der Bewohner. Doch noch andere Schätze bietet die
salzige Flut, welchen die Dahlak-Inseln vorzüglich ihre Berühmtheit
verdanken. Namentlich kommt die _Perlenauster_ (_Pintatina_) in großer
Menge, förmliche Bänke bildend, hier vor, und sie ist es, die vom Mai bis
in den August eine große Anzahl der Bewohner mit Tauchen beschäftigt.
Jeder kann sich an der Perlenfischerei nach Belieben betheiligen; Abgaben
werden nicht erhoben und nicht selten kommen auch Taucher und Fischer von
der gegenüberliegenden arabischen Küste. Man bedient sich zum Fange der
gewöhnlichen Barken, der sogenannten Sambuks, welche gerudert werden und
auch Mattensegel haben. Von den zwölf bis vierzehn Köpfen der Mannschaft
sind sechs bis sieben Taucher. Mit einem Bismillah! (Im Namen Gottes!)
stürzt der Mann in die Tiefe, wo er nicht viel länger als eine Minute
bleibt, so viel Austern, als er kann, in einen Korb zusammenrafft und
diesen durch die Gefährten an einem Seil in die Barke ziehen läßt. Mehr
als dreißig, höchstens vierzig Mal kann er an einem und demselben Tage
nicht untertauchen. Eine mit guten, recht erfahrenen Tauchern bemannte
Barke wird im Laufe eines Tages bis 3500 Perlenaustern und etwa 500
Perlmutteraustern erbeuten. Die Muschel, welche man bei den Dahlak-Inseln
fischt, ist im allgemeinen nur klein und beinahe rund; der Durchmesser
beträgt 5 bis 6 Centimeter. Unter 20 bis 30 Austern hat immer nur eine
einzige eine kleine Perle, die man als Samen bezeichnet. Es scheint als ob
eigentliche, völlig ausgebildete Perlen nur in ganz ausgewachsenen
Muscheln gefunden werden. Die Insulaner bezeichnen die Perlenauster als
Bebela oder Bereber. Ihr Fleisch ist weiß und genießbar; man trocknet es
an der Sonne und zieht es auf Fäden, worauf es dann einen Theil des Jahres
hindurch die Hauptnahrung der Leute bildet.
Alljährlich bringen die Fischer ihre Ausbeute an Perlen und Perlmutter
nach dem Dorfe Debeolo, wo vierzehn Tage lang Markt gehalten wird. Dort
legen sie die Erzeugnisse des Meeres zum Verkauf aus. Regelmäßig finden
sich fremde Kaufleute, besonders indische Banianen ein, die gegen Silber
oder Tauschwaaren, Lebensmittel, Holz, Baumwollenstoffe die Perlen zu
ziemlich niedrigem Preise einhandeln. Man schätzt diese nach ihrer Größe,
Gestalt und Reinheit ab. Erstere wird durch ein Haarsieb ermittelt, das
Oeffnungen von verschiedener Größe hat. Je nach den verschiedenen
Gattungen wird der Preis bestimmt. Der Umsatz auf dem Markte von Debeolo
beträgt im Durchschnitt an Geldwerth 50,000 bis 60,000 Thaler, ist also
immerhin bedeutend. Zu den Ausfuhrgegenständen der Dahlak-Inseln gehört
ferner das feine Schildpatt (Baga); das der Schildkrötenweibchen ist
durchgehends schwerer und dicker als das der Männchen, und ein zwei Fuß
langes Rückenschild des ersteren giebt zwei Pfund Schildpatt. Auch die
Kauris oder Geldmuscheln, die in Afrika als Scheidemünze gelten, werden
auf den Dahlak-Inseln in großer Menge gefischt. Seltener aber ist ein
höchst interessantes Meersäugethier, der _Dugong_ (_Halicore Dugong_), das
wegen seiner starken Haut und perlmutterglänzenden Zähne sehr geschätzt
war und ist. Es kommt auch an den arabischen und afrikanischen Küsten vor,
an welcher letzteren es von den Danakil gefangen wird. Die Thiere leben
paarweise und weiden auf den untermeerischen Tangwiesen, die ihre einzige
Nahrung bilden. Das Land besuchen sie selten, meist schwimmen sie wie
Meerjungfern mit erhobenem Oberkörper in der See. Sie sind über 12 Fuß
lang und schwer mit Harpunen zu erreichen. Die dem Walroß ähnlichen
Stoßzähne wurden früher als Handelsartikel gesucht und zu Rosenkränzen
verarbeitet, während die marklosen Knochen Dolch- und Messergriffe von
großer Dauerhaftigkeit liefern. Aus der Haut bereitet man Sandalen.
Merkwürdig erscheint uns der Dugong noch dadurch, daß er dasjenige Thier
ist, aus welchem die alten Juden den Ueberzug ihrer Bundeslade gemacht
haben sollen.
Unsere Fahrt durch das Rothe Meer ist nun beendigt; von Dahlak wendet sich
der Dampfer nach Westen, der abessinischen Küste zu, von der aus die
kühnen und gewaltigen Bergmassen von Hamasién uns entgegenstarren. Wir
nähern uns der Insel _Massaua_, deren Bucht, von Vorgebirgen
eingeschlossen, nun in Sicht kommt.
[Illustration: Ansicht von Massaua. Im Vordergrund Fischerknabe.
Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]
Gleich darauf werden das kleine Vorwerk, die weißgetünchten Doppelthürme
der Moschee, die türkischen Wachtschiffe und fremden hier ankernden
Fahrzeuge sichtbar. Schon ehe man landet, erblickt man weit draußen auf
der See eigenthümlich gestaltete _Fischerflöße_, die aus fünf
zusammengebundenen Baumstämmen bestehen. In der Mitte sitzt ein Knabe, der
mit einer beiderseits schaufelförmigen Ruderstange geschickt und schnell
seine Fähre regiert. Auf diesem gebrechlichen Dinge angelt er an Klippen
und Bänken, fängt eine große Anzahl Fische und tödtet sie jedesmal
sogleich durch einen Nagelstich in den Kopf. Die Stadt _Massaua_ oder
Mesaueh ist der Hauptort für das Aegypten untergeordnete abessinische
Küstenland nebst den Inseln des perlenreichen Dahlak-Archipels, Sitz eines
Kaimakan, der einige Soldaten zur Verfügung hat. Außerdem residiren hier
ägyptische Zollbeamte und verschiedene europäische Konsuln, denn Massaua
ist die Pforte des Handels für fast ganz Abessinien und von größter
politischer Wichtigkeit durch seine Lage gegenüber dem letztgenannten
Reiche, wie durch seinen in jeder Beziehung vorzüglichen Hafen, der sich
auch dadurch vor andern Häfen am Rothen Meere auszeichnet, daß man sich
hier leicht mit Schiffsprovisionen, Wasser, Holz, Schlachtvieh u. s. w.
versehen kann.
[Illustration: Wasserträgerin an den Cisternen. Derwisch von Massaua.
Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]
Der Golf von Arkiko, in welchem die Inselstadt Massaua liegt, ist mit
verschiedenen kleinen Koralleneilanden bedeckt. Auf einem derselben
befindet sich der christliche Friedhof und hier ist es, wo auch die Leiche
unseres Landsmannes, des Reisenden Hemprich, ruht, den am 30. Juni 1825
der Tod ereilte. Auf einem andern Koralleneilande liegt ein Heiliger, Seid
Scheik, begraben, der seinerzeit Massaua verlassen und diese kleine Insel
bezogen haben soll, weil er glaubte, daß der Lebenswandel seiner Mitbürger
allzu irreligiös sei. Vom Festlande sowol als von Massaua machen
zahlreiche Gesellschaften nächtliche Ausflüge nach dem Grabe dieses
Heiligen, wobei weniger religiöse Absichten die Pilger leiten sollen, als
der Schmuggel mit Sklaven. Die Insel Massaua selbst hat eine halbe Meile
Länge und beinahe eine Viertelmeile Breite. Die westliche Hälfte trägt die
Stadt, die östliche halb verfallene, alte Cisternen aus besserer Zeit und
ein kleines, schlecht armirtes Fort. Die Anlage der Stadt ist eine ganz
unregelmäßige, wenig ältere Gebäude bestehen aus Stein, die meisten sind
Strohhütten, die auf Pfählen im seichten Meerwasser ruhen. Unter ersteren
zeichnen sich das Gouvernementsgebäude, eine zweikuppelige Moschee (Diamet
Scheik Hamal) und das Zollhaus aus.
Im Ganzen hat Massaua etwa ein Dutzend religiöser Gebäude; darunter jene
bemerkenswerthe Moschee, die früher eine christliche Kirche gewesen war
und in welcher die Portugiesen 1520 Messe lasen, nachdem sie „Matzua“, so
nannten sie die Stadt, den Muhamedanern abgenommen hatten. Was den Namen
des heutigen Ortes betrifft, der auch Masua, Massawa geschrieben wird, so
leitet ihn Munzinger aus der Tigriésprache ab, in welcher Mesaua den Raum
bedeutet, über welchen hin man den Ruf einer Menschenstimme hören könne,
und das trifft hier allerdings für die Meeresbreite zwischen Insel und
Festland zu. Aber in der Landessprache der Eingeborenen heißt Stadt und
Insel gar nicht Massaua, sondern Basé.
Die Bevölkerung ist fast ganz muhamedanisch; die Ureinwohner gehören der
äthiopischen Rasse an und sprechen eine semitische Sprache. Die übrigen
Bewohner, mit Ausnahme der türkischen Beamten und der Besatzung, sind
Kaufleute aus Arabien, dann Somali, Danakil, Galla, Abessinier und
Banianen (Indier). Die Massauaner selbst sind Fischer, Schiffsleute und
Lastträger, welche das Trinkwasser herbeischleppen. Außer etwas Weberei,
Gerberei und Schiffsbau werden wenig Gewerbe getrieben. Die Stärke der
Bevölkerung schätzte Rüppell 1832 auf 1500, Heuglin 1857 auf 5000 Seelen,
einschließlich des Militärs. Die Einkünfte der Provinz, meist aus den
Zollabgaben des abessinischen Handels bezogen, betrugen nach beiden
Reisenden 40,000–50,000 Thaler.
Die Massauaner sind ein in der Jugend durchweg sehr schöner Menschenschlag
und haben eine kupferfarbige Haut, die mehr oder weniger dunkel ist. Die
Mädchen zeichnen sich durch schlanken Wuchs, regelmäßige Züge des ovalen
Gesichts, große, lebhafte Augen und feinen Mund mit schönen Zähnen aus.
Wenn sich zwei Bewohner nach längerer Zeit wieder begegnen, küssen sie
sich gegenseitig die Hände und erkundigen sich mit vielen Schmeichelworten
nach dem Befinden. Was den Charakter der Massauaner anbetrifft, so lauten
die Urtheile darüber sehr ungünstig. Dem bloßen Schacher ergeben, üben sie
alle möglichen Verstellungskünste und erfüllen selbst die heiligsten
Versprechungen nicht. Dazu kommt, daß der fortwährende Sklavenhandel ihre
moralischen Sitten untergraben und ihr Herz gegen jede edlere Empfindung
verstockt machen mußte. Diebereien und Einbruch sind gewöhnliche
Verbrechen und gelten nicht als Schimpf. Die Anzahl der Bettler ist groß
und die meisten derselben kommen durch Hunger und Elend ums Leben.
Dankbarkeit ist den Massauanern nur dem Namen nach bekannt, und als
Rüppell einst einen Mann von einer gefährlichen Schußwunde geheilt hatte,
drückte dieser seine Freude darüber folgendermaßen aus: „Gott ist groß und
wunderbar! Hat er doch diesen _Hund von Ungläubigen_ hierhergeschickt, um
mich zu heilen!“
Eine Eigenthümlichkeit der Massauaner besteht darin, daß sie Familiennamen
haben, was bekanntlich sonst bei Muhamedanern nicht der Fall ist. So
heißen einige Adulai, und diese stammen aus Adulis; andere Dankeli, Farsi
(aus Persien), Yemeni (aus Yemen in Arabien). Unter den Kaufleuten spielen
die _Banianen_ eine wichtige Rolle. Diese Indier haben einen großen Theil
des Verkehrs auf dem Rothen Meere in ihren Händen und bewohnen in Massaua
ein eigenes Quartier. Dort sitzen die wohlbeleibten Männer nur halb
bekleidet, mit geschorenem Kopfe, kleinem Schnauzbart und prächtigen
schwarzen Augen in dem gelben, etwas weibischen Gesichte. Wer sie so
sieht, glaubt sich in einen Bazar nach Delhi oder Bombay versetzt. Der
Baniane trägt auf der Straße einen rothen, mit Gold oder gelber Seide
verbrämten Turban und eine silberne Kette um den Leib. Diese Inder essen
kein Fleisch und mögen solches nicht einmal anrühren. Beklagten sie sich
doch einmal, wie Lejean berichtet, ernstlich darüber, daß die Hunde der
katholischen Mission einmal in der Nähe ihrer, der Banianen, Cisterne
Knochen abgenagt hätten! Dadurch könne das Wasser verunreinigt werden. Die
Zahl der Europäer ist in Massaua nie beträchtlich gewesen und besteht nur
aus ein paar Konsularagenten, einigen Kaufleuten und Missionären. Unter
den Konsularagenten war der englische, vor wenigen Jahren erst verstorbene
_Raffaele Barroni_ den Türken besonders verhaßt, weil er den Muth hatte,
eine unablässige Fehde gegen die Sklavenhändler zu führen. Um recht mit
Nachdruck auftreten zu können, hatte er sich sogar eine eigene Polizei
eingerichtet. Er wußte allemal, wieviel Sklaven eine im Küstenland aus
Abessinien ankommende Kaflé (Karawane) mit sich führe, zog ihr an der
Spitze seiner wohlbewaffneten Dienerschaft entgegen, nahm, wenn nöthig,
mit offener Gewalt ihr alle Sklaven ab und verschaffte denselben die
Freiheit. Die Kaufleute haßten ihn, sein Leben war oftmals bedroht, aber
er hatte seine Vorkehrungen getroffen und sich eine Art von fester Burg
gebaut, von welcher aus er mit seinen Kanonen und Büchsen die Umgegend
bestreichen konnte. Im Nachlasse dieses muthigen Mannes fand der Reisende
Lejean folgende Aufzeichnung: „Ich habe Sklaven befreit, nachdem der
Konsul Plowden von hier abgereist war, im Jahre 1855: 2 Galla von
Tehuladare, 1 aus Mensa, 158 aus Magatul, 1 von Atti Letta; 160, die man
nach Dschidda schicken wollte, habe ich zurückgehalten. Im Jahre 1856:
240. Ich hielt eine ganze Karawane auf ottomanischem Gebiete an und
schickte sie nach Abessinien zurück. Im Jahre 1857 befreit: 2 von Schoa, 2
von Mensa, 4 von mir unbekannter Herkunft“ u. s. w. Eine andere Notiz
lautet: „Die Bewohner dieser Stadt und namentlich die Sklavenhändler sind
hocherfreut, daß Abdul-Aziz den Thron bestiegen hat; sie hoffen unter ihm
eine Wiederbelebung des Sklavenhandels im Rothen Meere.“ Wie die Engländer
es übrigens mit der Unterdrückung des Sklavenhandels nicht immer ernst
nehmen, dafür bringt Lejean ein Beispiel bei. Barroni stand unter dem
Oberbefehl des englischen Residenten in Aden. Dieser wandte allerdings
gegen das, was Barroni that, nichts ein, gab ihm aber zu bedenken, daß man
es mit dem Einschreiten gegen den Sklavenhandel unter türkischer Flagge
nicht zu ernsthaft nehmen dürfe „damit diese befreundete Flagge im Rothen
Meere in ihrem Ansehen nicht geschwächt werde“.
Was Lejean sonst noch über einzelne Einwohner Massaua’s berichtet, ist zu
charakteristisch für die dortigen Zustände, als daß wir es nicht hierher
setzen sollten. Die türkische Regierung benahm sich gegen die Kapuziner,
welche sich in Monkullo niederlassen wollten, sehr barsch. Ein Mönch
machte aber dem Gouverneur zu schaffen und forderte ihn sogar zum
Zweikampf auf Säbel; dann erklärte er, er werde den Gouverneur aus dem
Fenster werfen und selbst regieren. Zuletzt wurde er Kaufmann und dann in
Florenz Zeitungsredakteur.
Im Jahre 1854 war ein gewisser Ibrahim Pascha Kaimakan von Massaua. Dieser
Würdenträger war stets durch Hanfrauchen benebelt und schwelgte in den
wildesten Phantasien. Nach Konstantinopel berichtete er, daß er alles Land
bis zu den Mondgebirgen erobert habe, während doch wenige Stunden
landeinwärts seine Macht ein Ende hatte. Er wollte die Einwohner am
Festlande besteuern, worauf diese aber keine Lebensmittel mehr nach der
Insel brachten, sodaß in Massaua sich Hungersnoth einstellte. Gegen die
Europäer erlaubte er sich allerlei Grobheiten; dieselben führten Klage,
infolge deren er 1855 von der Pforte kassirt wurde. Er nahm seine
Absetzung gleichmüthig auf, schloß sich in seinen Harem ein und erhing
sich an einer Säbelschnur.
Was das Klima Massaua’s anbetrifft, so ist es nicht ungesunder als das der
andern Hafenplätze am Rothen Meere. Das Sprüchwort sagt, es sei eine
Hölle, wie Pondichery ein heißes Bad und Aden ein Backofen. Am
empfindlichsten macht sich der Mangel an Trinkwasser auf der Insel selbst
bemerkbar. Die _Cisternen_ auf der Ostseite der Insel nehmen etwa ein
Drittel dieser letzteren ein. Der Ueberlieferung zufolge sind sie von den
Farsi (Persern) gebaut worden und das kann richtig sein, denn es ist
wahrscheinlich, daß einige Zeit, bevor Muhamed seine Lehre verkündigte,
der persische König Chosroes diese Küstengegend des Rothen Meeres
beherrschte. Uebrigens bezeichnet man in Massaua alles, was nicht
muselmännisch oder abessinisch ist, als „Farsi“, und so auch die
Cisternen. Sie sind vortrefflich gearbeitet und haben eine Art gewölbten
Deckel, der aus wunderbar fest gekitteten Korallenstücken besteht. Die
inneren Wände der Cisternen sind meistens vollkommen glatt und von
rosenrother Farbe.
Die ägyptische Regierung thut nichts, um diese so höchst nothwendigen und
nützlichen Cisternen in gutem Zustande zu erhalten; was einfällt wird
nicht ausgebessert. Die Türken bekommen ihr Wasser von Monkullo oder
Arkiko, und ob die armen Leute Trinkwasser haben, ist ihnen ganz einerlei.
Massaua selbst hat gar kein eigenes Trinkwasser, wenn nicht etwa einige
dieser Cisternen Regenwasser enthalten. Alltäglich geht dagegen ein
Regierungsschiff nach Arkiko, das viele Brunnen besitzt, deren Wasser
indessen nicht besonders gut ist. Dasselbe wird dort in lederne, stark
gethrante Schläuche gefüllt, dann mittels Lastthieren oder Trägern zum
Gestade gebracht und nach der Stadt verschifft. Im August und September
fallen nicht selten Regen, welche die Brunnen speisen. Das schon erwähnte
Arkiko, das früher Dogen hieß, scheint wenigstens so alt wie Massaua zu
sein, obgleich es keinen Hafen besitzt. Es ist von freundlichen Gärten
umgeben und dient als Militärstation.
Seine Wichtigkeit verdankt Massaua dem abessinischen Zwischenhandel. Alle
dort wohnenden Nationalitäten sind an demselben betheiligt. Es kommen bei
günstigen politischen Verhältnissen im Innern gewöhnlich zweimal im Jahre
große Karawanen (Kaflé) aus den Gallaländern und ganz Abessinien nach der
Küste; der Gesammtwerth der durch sie abgesetzten Waaren wird von Heuglin
auf eine Million Thaler, von Andern jedoch weit höher angegeben. Eine
solche Karawane sammelt sich bei günstiger Jahreszeit und bewegt sich, von
bewaffneter Macht eskortirt und immer wachsend an Mitgliedern, über Adoa
dem Meere zu. Sie steht unter dem Befehle eines Schech el Kaflé und
transportirt die Waaren auf Maulthieren und Eseln bis an den Abfall der
Hochgebirge, wo dann die benachbarten Hirtenvölker, die viele Kameele zu
diesem Zwecke halten, die Weiterbeförderung übernehmen und die Waaren bis
zum Meere bringen. Der größte Theil der Verkaufsgeschäfte ist schon vor
Ankunft der Karawane in Massaua durch Unterhändler abgeschlossen; die
Hauptartikel sind Kaffee aus der Umgebung des Tanasees, Godscham und den
Gallaländern, Elfenbein von den Galla- und Kolaländern, Nashorn, Moschus,
Gold von Damot, Fazogl, Galla u. s. w., Wachs, Honig, Butter,
Schlachtvieh, Häute, Maulthiere, Tabak, Straußenfedern und Sklaven. Der
Schiffahrtsverkehr mit den Häfen am Rothen Meere, sowie mit Aden und
Bombay, ist sehr lebhaft. Noch 1860 schrieb Moritz v. Beurmann: „Unter den
von Massaua ausgeführten Handelsartikeln nehmen die Sklaven noch immer
einen bedeutenden Posten ein, obgleich in der letzten Zeit auch dieser
Handel bedeutend nachgelassen hat und die jährliche Ausfuhr in den letzten
Jahren wol kaum auf 1000 Köpfe kommen möchte. Es war deshalb auch zu der
Zeit, als ich in Massaua war, die Stimmung gegen die Europäer eingenommen,
da man wohl weiß, einen wie schädlichen Einfluß dieselben auf diesen
ergiebigen Handel haben.“ Nach Rüppell führte man 1838 etwa 2000 Sklaven
beiderlei Geschlechts aus, zu einem Durchschnittspreis von je 60
Speziesthalern. _Markt_ wird täglich in der Stadt abgehalten. Außer den
gewöhnlichen Handelswaaren werden auch Lebensbedürfnisse, Fleisch, Brot,
Holz und Trinkwasser, feilgeboten. Die beiden zuletzt genannten
Bedürfnisse machen die Erwerbsquelle für die armen Landleute aus. Mit dem
thönernen Topfe auf dem Haupte kommen die Wasserträgerinnen heran; schon
am frühen Morgen stellen sich Hirten ein, welche kleine, mit Milch
gefüllte Körbchen zum Verkauf bringen; diese Milch schmeckt sehr
unangenehm, indem sie gleich nach dem Melken stark geräuchert wird, was,
um das Gerinnen zu verhüten, unumgänglich nöthig sein soll. Andere
Landleute bringen in der Winterjahreszeit Nabakfrüchte (_Rhamnus Nabac_)
und kleine Citronen, die aus den verwilderten Klostergärten stammen, sowie
frische Hennablätter (_Lawsonia inermis_), welche den Schönen der Stadt
zum Rothfärben der Nägel und Handfläche unentbehrlich sind. Fischerknaben
bringen die reiche Ausbeute des Meeres, und im Frühling verkauft man die
Blütenstengel einer spargelähnlich schmeckenden Aloëart. Fast die ganze
männliche Bevölkerung Massaua’s treibt sich den Tag über faullenzend unter
den Marktbuden umher, wo neben dem feinen Stutzer der zerlumpte Derwisch
und der halbnackte Hirt einherzieht.
Massaua, sowie Sauakin, gehörten einst zum abessinischen Reiche. Die Stadt
wurde 1557 durch eine türkische Flotte erobert und mit einer bosnischen
Besatzung versehen. Unter Mehemed Ali gehörte sie zu Aegypten, kam jedoch
1850 wieder unter türkische Oberhoheit und wurde 1865 abermals, nebst der
ganzen Westküste des Rothen Meeres an Aegypten abgetreten.
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Wendet man sich von Massaua gerade nach Süden, nach dem bis zu 5000 Fuß
ansteigenden Gedemgebirge, so übersieht man von diesem den ganzen
_Meerbusen von Annesley_ oder die _Bai von Adulis_ (jetzt bei den
Eingeborenen Gubet Kafr genannt). Während im Westen das Vorgebirge Gedem
die Bai abschließt, wird diese im Osten von der meist kahlen Halbinsel
Buri begrenzt. Das Westufer, flach und durch Anschwemmungen entstanden,
trägt eine üppige Vegetation von Schorabäumen, zwischen deren Wurzelgewirr
Heuglin hier einen seltsamen Fisch (_Periophthalmus Koehlreuteri_)
entdeckte, der, froschlarvenartig aussehend, im Schlamme, zwischen Steinen
und sogar im Grase lebte und verfolgt in großen Sprüngen sich ins Wasser
rettete. Die Bucht hat eine Länge von 20, bei einer Breite von 8 Meilen,
ist tief genug, um selbst die größten Seeschiffe aufzunehmen, und besitzt
den Vorzug, Trinkwasser wie auch Brennholz liefern zu können. Den Schluß
der Bai bildet die den Franzosen gehörige _Insel Dessi_, welche ohne große
Kosten leicht befestigt werden könnte, doch haben die Franzosen es bei der
einfachen Besitzergreifung bewenden lassen. Sie hat gleichfalls gutes
Wasser und Weide für etwa 600 Stück Rindvieh, die drei Rheden gewähren
guten Schutz und können in vortreffliche Häfen umgeschaffen werden. Im
Jahre 1859, als Agau Negussi Gebieter Tigrié’s und von den Franzosen als
„_Empereur_“ anerkannt war, gab er die Insel dem französischen Agenten
Russel und bot ihm außerdem noch die ganze Bai von Adulis an. Dagegen that
die ottomanische Pforte Einsprache, da sie das ganze Küstenland für sich
in Anspruch nimmt; indessen wurde darauf keine Rücksicht genommen, und der
französische Konsul schloß auf der Halbinsel Buri mit den Häuptlingen der
Hasorta, welchen Dessi gehörte, einen Vertrag. Die Schums (Häuptlinge)
erklärten, daß sie nie der Pforte, sondern nur der abessinischen Krone
unterthan gewesen seien. So ward Dessi französisch und bestimmt, der von
den Engländern besetzten Insel Perim in der Bab-el-Mandeb Konkurrenz zu
machen.
Am westlichen Ufer, doch eine Stunde vom Meere entfernt, liegen an einem
breiten, trockenen Strombette die Ruinen der berühmten Stadt _Adulis_,
Adule, _Zula_ oder Asule. Sie wurde unter Ptolemäus Euergetes gegründet
und war zur Zeit der Ptolemäer ein blühendes Emporium, dessen Bewohner
lebhaften Handel, besonders mit Elfenbein, Rhinozeros, Schildpatt, mit
Affen und Sklaven trieben. Eine zweite Blütezeit erlebte Adulis unter den
Königen von Axum, für deren Staat es Hafenplatz bildete.
[Illustration: Hirt mit Fettschwanzschafen. Zeichnung von Robert
Kretschmer.]
Als im 6. Jahrhundert hier der Indienfahrer Kosmas landete, fand er das
_Monumentum adulitanum_, dessen Inschriften über die alte Geographie jener
Gegenden wichtige Auskunft geben. Jetzt sind von der Stadt nur elende
Ruinen noch übrig, die zwei Meilen im Umfang haben. Schutthaufen von
Wohnungen, die alle von kleinen unbehauenen Lavasteinen erbaut waren, in
der Mitte die Trümmer einer ganz zerfallenen Kirche, dabei Säulenreste und
Kapitäle, alles ziemlich plump aus Lava gearbeitet und mit Buschwerk
überwachsen – das ist, was von Adulis übrig blieb. Keine Inschrift, kein
Relief ist mehr zu sehen, aber die Begräbnißplätze der Muhamedaner haben
sich zwischen diesen alten christlichen Resten angesiedelt, bei denen der
Mangel größerer Gebäude nicht auffallen kann, wenn man bedenkt, daß Adulis
einst dieselbe Rolle spielte, wie heute Massaua, in dem auch alle großen
Gebäude fehlen.
Hier ist der Ort, einen kurzen Blick auf die Bewohner des Küstenlandes zu
werfen. Diejenigen der Samhara, des schönen Thales von Modat, in welchem
die heißen Mineralquellen von Ailet liegen, nennt man zusammenfassend
_Beduan_. Sie sind gleich den Abessiniern Semiten und reden die
Tigrésprache. Alle bekennen sich zum Islam, doch vor einem Menschenalter
waren sie noch Christen, wie es ihre nächsten Nachbarn im Nordwesten, die
Mensa und Bogos, noch heute – wenigstens dem Namen nach – sind. Sie sind
alle Nomaden, die besonders Viehzucht treiben und Kameele, Rindvieh,
Ziegen und Schafe halten. Letztere sind verschieden von den eigentlichen
abessinischen Schafen; sie kommen vielmehr überein mit dem arabischen oder
persischen _Fettschwanzschafe_ und zeichnen sich durch einen schwarzen
Kopf aus.
In der Umgebung des Golfs von Adulis bis zur eigentlichen Grenze
Abessiniens wohnen Hirtenvölker, die Heuglin unter dem Namen _Schoho_
zusammenfaßt und zu denen er auch die _Hasorta_ oder Saorto rechnet. Sie
reden eine eigene Sprache, haben eine eigenthümliche Gesichtsbildung, sind
blos wilde Hirten, haben keine festen Wohnsitze und treiben keinen
Ackerbau. Sie bekennen sich der Form nach allerdings zur muhamedanischen
Religion, kümmern sich im Grunde genommen jedoch wenig darum. Ihre
Lebensweise ist einfach, ja dürftig, ihr Charakter leidenschaftlich.
Rüppell sah in Arkiko Schoho, die sich durch einige Eigenthümlichkeiten
auszeichneten. Ihr Kopfhaar stand rund um den Kopf nach allen Seiten hin
sechs Zoll weit steif ab und hatte durch die Menge des eingekneteten
Hammelfettes eine graugelbe Farbe erhalten; mehrere bejahrte Männer hatten
ihre grauen Bärte ziegelroth gefärbt; andere rochen bis in weite Ferne
nach Zibethmoschus; dabei gingen sie in ganz zerlumpten Kleidern. Von den
ihr Gebiet durchziehenden Fremden versuchen die Schohos auf alle mögliche
Art Geld zu erpressen. So suchten sie Rüppell mehrere Schafe und Milch
aufzudrängen; glücklicherweise hatten ihn aber seine Reisegefährten
gewarnt, von ihnen anders als gegen bestimmte Zahlung etwas zu nehmen, da
solche Schenkungen nur ein Kunstgriff seien, um den zehnfachen Werth dafür
zu erzwingen. Uneingedenk dieser Warnung kostete er von einer freundlich
dargebotenen Schale Milch, wofür er einen halben Maria-Theresia-Thaler
zahlen mußte!
Die Begrüßungsart der Schoho ist das Darreichen der Hand; wenn sie
ausruhen, nehmen sie eine Stellung an, die man unter den ostafrikanischen
Negern (z. B. bei den Bari am Weißen Nil, bei den Leuten im Mondlande
u. s. w.) wiederfindet. Sie setzen nämlich die linke Fußsohle an das
rechte Knie, biegen dann, indem sie sich mit der Achselhöhle der rechten
Schulter auf einen Stab stützen, den Körper auf die rechte Seite und
stehen so oft Viertelstunden lang unbeweglich still, apathisch denselben
Gegenstand anstarrend.
Folgt man in südöstlicher Richtung der Küste des Rothen Meeres, so trifft
man abermals auf ein anderes Volk, auf die ohne ein gesetzliches Band, in
kleinen Familien, ohne politisches Oberhaupt lebenden _Danakil_ (in der
Einzahl Dankali), welche bei den Arabern Tehmi oder Hetem heißen. Sie sind
in den Küstenplätzen am Rothen Meere ansässige Fischer und Schiffer, die
auch mit der gegenüberliegenden arabischen Küste Handel treiben. Obgleich
sie nur kleine offene Schiffe haben, die hinten und vorn in einen Schnabel
auslaufen und gewöhnlich nur durch ein viereckiges, aus Matten
verfertigtes Segel in Bewegung gesetzt werden, so wagten sie sich doch von
je muthig weit in die See hinaus und waren früher auch zuweilen kühne
Seeräuber. In vieler Beziehung gleichen sie den Ostabessiniern, doch sind
sie noch kräftiger und heller als diese, tragen aber deren rothgerändertes
Umhängetuch und verhüllen sich beim Sprechen damit den Mund; andere
bekleiden sich mit der dicken abessinischen Leibbinde, die so breit ist,
daß sie bis fast unter die Arme reicht. Sie tragen lange, krause, von Fett
triefende Haare, gehen stets bewaffnet mit Lanzen, runden Schilden aus
Antilopenfell und einem zweischneidigen Säbelmesser, das aus indischem
Eisen geschmiedet und in einer ledernen Scheide an der rechten Seite
getragen wird. Die Danakil bekennen sich zum Muhamedanismus; sie werden
übrigens von Heuglin, der sie in der Umgebung Ed’s kennen lernte, als
feiges, diebisches Gesindel voll des schamlosesten Eigennutzes, dabei faul
und mißtrauisch im höchsten Grade, beschrieben. In ihrer Sprache heißen
sie Afer. Seit alten Zeiten bewohnen sie Ostafrika und beherrschten sogar
einige Jahrzehnte hindurch unter dem Eroberer Muhamed Granjé ganz
Abessinien. Jetzt sind die Danakil auf ein verhältnißmäßig kleines Terrain
zurückgedrängt, von der Halbinsel Buri im Osten der Bai von Adulis bis
Gubbet-Harab im Süden (11° 30’ nördl. Br.). Ihre Westgrenze bildet der
Abfall der abessinischen Hochlande und ein Salzwüstenland, das sich längs
deren Fuß von Norden nach Süden erstreckt und mit der Samhara oder Samher
theilweise zusammenfällt.
Diese _Samhara_, wie der Araber den schmalen Streifen nennt, welcher
östlich von den abessinischen Gebirgen zwischen diesen und dem Meere
verläuft, ist ein höchst interessantes Wüstenland. Dem Gesetze zufolge,
daß die Wüste überall da, wo es regnet, Wüste zu sein aufhört und Steppe
zu werden anfängt, sollte auch die Ebene zwischen dem Gebirgswall
Abessiniens und dem Rothen Meere Steppe sein, weil es dort regnet – allein
dies ist nicht der Fall. Gerade da, wo man glauben könnte, daß das Wasser
seinen ewigen Kreislauf ununterbrochen ausführen könne, an diesen Küsten
nämlich, zeigt sich diese Samhara als Ausnahme, die höchstens als
Mittelglied zwischen Steppe und Wüste angesehen werden kann. Auf große
Strecken erinnert sie noch durchaus an die Wüste, nur in wenigen Thälern
ähnelt sie der Steppe und blos da, wo das Wasser so recht eigentlich
waltet, beweist sie, daß sie innerhalb des Regengürtels liegt. Aber nicht
die Lage macht die Samhara zu dem, was sie ist, sondern die
Beschaffenheit. Sie ist blos eine Fortsetzung des Gebirgsstockes selbst,
obgleich sie, die Ebene, nur von wenigen und niederen Hügeln unterbrochen
wird.
Sie gleicht gewissermaßen, wie Brehm treffend bemerkt, dem Schlackenfeld
am Fuße eines gewaltigen Vulkans. Eine Menge konischer Hügel, zum guten
Theil aus Lava bestehend, wechselt hier mit schmäleren oder breiteren
Thälern ab und bildet ein Wirrsal von Niederungen, welche, dem Faden eines
Netzes vergleichbar, zwischen den Hügeln und Bergen verlaufen. So niedrig
diese Hügel auch sind, so schroff erheben sie sich, und deshalb verliert
auf ihnen das Wasser seine Bedeutung; denn so schnell es gekommen, rauscht
es wieder zur Tiefe hernieder und nur in der Mitte des Thales gewinnt es
Zeit, das Erdreich zu tränken und ihm die Feuchtigkeit zu gewähren, welche
zum Gedeihen der unter einer scheitelrecht strahlenden Sonne so
wasserbedürftigen Pflanzen unerläßlich ist. Hier nun macht sich auch
gleich ein reiches Leben bemerkbar. An den schwarzen Bergen klettern die
Mimosen, so zu sagen, mühsam empor; an den schroffen Wänden finden sie
kaum Nahrung genug zu ihrem Bestehen und können sich deshalb nur zu
dürftigen Gesträuchen entwickeln. Nur in wenigen Niederungen, die
zeitweilig von Regenbächen durchströmt sind, findet man dunkelgrüne
Euphorbienbüsche, zu denen sich in noch besseren Lagen Tamarisken,
Christusdorn, Balsamsträuche, Asklepiasbüsche, Capparis, Stapelien,
Ricinus gesellen, während der Cissus überall an den Sträuchern
umherklettert und reiche Guirlanden bildet. Hier erhält man einen
Vorgeschmack jener reichen Natur, die im Gebirge herrscht, wo die Pracht
der Tropen mit den Schönheiten der Bergwelt sich vereinigt, wo immer neue
Zauberbilder vor dem Auge auftauchen und sich das Schatzkästlein ganz
Afrika’s eröffnet. Dort im Westen winkt uns der hohe Gebirgswall des
afrikanischen Alpenlandes, nach dem wir nun unsere Schritte lenken.
Massaua ist für die weißen Europäer die natürliche Eingangspforte nach
Abessinien. Gewöhnlich schließen sie sich einer heimkehrenden _Kaflé_ an,
die immer mehr Sicherheit darbietet, als wenn der Reisende allein oder nur
mit geringer Begleitung in das Innere einzudringen versucht. Bei den
gesetzlosen Zuständen des Landes, den fast stets stattfindenden
Bürgerkriegen, der Plünderung und Verheerung, ist ein Reisen in Abessinien
außerordentlich gefährlich, und nur die Karawanen gewähren einige
Sicherheit, wenn sie auch starken Erpressungen, Zollabgaben und den
verschiedensten Plackereien ausgesetzt sind.
Als Lastthiere werden auf den steilen und schwer zugänglichen Wegen
vorzüglich Maulthiere verwendet. Das Verpacken der Effekten nimmt viel
Zeit in Anspruch, da selbige in gleich große und wo möglich gleich schwere
Ballen zusammengeschnürt werden müssen. Eine große Anzahl Diener und
Treiber ist deshalb nöthig, um das Gras für die Thiere, Holz und Wasser
für die Reisenden herbeizuschaffen, ferner um das Gepäck jedesmal durch
gehöriges Zusammenlegen gegen den Regen zu schützen und des Nachts gegen
die Räuber und Raubthiere Wache zu halten. Die Karawane z. B., mit welcher
Rüppell reiste, bestand aus 40 Kameelen, ebenso viel Maulthieren und über
200 Menschen. Man stelle sich vor, was diese allein an Wasser und
Lebensmitteln in den unwegsamen Gebirgen brauchten, und man wird die
Schwierigkeit, nach Abessinien einzudringen, schon hiernach beurtheilen
können.
[Illustration: Landschaftscharakter am Abfall der ostabessinischen
Gebirge. Zeichnung von Robert Kretschmer.]
Nur die angesehensten Reisemitglieder reiten; alle anderen gehen zu Fuß.
Jedes Mitglied der Gesellschaft ist bewaffnet; entweder mit einem langen
krummen Säbelmesser, das stets an der rechten Seite getragen wird, oder
mit einem Speer und runden Schilde. In neuerer Zeit sind die Gewehre mehr
in Aufnahme gekommen. Viele tragen außerdem noch kleine, aus Rohr
geflochtene Sonnenschirme, die äußerst nützlich sind, wenn man nach
abessinischer Sitte keine Kopfbedeckung trägt. Am Abend macht die Karawane
gewöhnlich unter einigen Bäumen in der Nähe von Brunnen Halt. Es ist kein
leichtes Stück Arbeit, nach Abessinien einzudringen, wer es aber erreicht,
der findet in der Natur auch Belohnung für seine Mühe, wenn auch die
Menschen, welche jenes Paradies bewohnen, ihm desselben nicht werth
erscheinen. Steigen auch wir nun hinauf in die Hochlande.
Hinter uns liegt der ungesunde Küstensaum und die Samhara, die wir in
wenigen Tagemärschen durchschritten, vor uns aber, am westlichen Rande
derselben, steigt jäh in einer Höhe von durchschnittlich 8000 Fuß das
_Taranta-Gebirge_, der natürliche östliche Grenzwall Abessiniens an, über
dem zackige Gipfel in die Höhe starren. Im Lichte der südlichen Sonne
spielt es in den prächtigsten Farben, die uns in Entzücken versetzen; ein
ewiger Wechsel von Licht und Schatten, Helle und Dunkel ist bemerkbar. Es
wird Einem wohler in der Seele, wenn man dem Gebirge näher und näher
kommt; man treibt das Maulthier zu schnellerem Laufe an, um bald die Luft
der Gebirgsthäler genießen zu können. Die Pässe und Saumwege sind häufig
so eng, daß nur ein Lastthier hinter dem andern zu gehen vermag; stürzt
eines, so versperrt es den Weg und die Karawane muß Halt machen. Der am
meisten begangene Paß ist jener von Halai, durch den zur Regenzeit ein
wild angeschwollenes Gebirgswasser dem Rothen Meere zustürzt. Schroffe
Bergmassen, welche aus senkrechten Schichten von Schiefer bestehen,
begrenzen den Weg. Das Ganze macht den Eindruck einer wilden Einöde:
Bergwände mit fast ganz nacktem Gestein ohne frischen Graswuchs erheben
sich zu beiden Seiten, während die Thalniederung nur hier und da
Baumgruppen zeigt. In Zickzacklinien führt der Weg weiter; es treten nun
verschiedene Pflanzen auf: man bemerkt die ersten Tamarisken, dann die
Kronleuchter-Euphorbien (Kolqual), die mit der Höhe des Gebirges an
Häufigkeit zunehmen und äußerst charakteristisch sind; vorherrschend ist
jedoch die Mimose. Jetzt sind wir oben in der erfrischenden Bergeshöhe; in
der Nacht ist kalter Tau gefallen und der kühle Wind streicht über die
Gipfel, von denen wir noch einen Blick rückwärts auf das Rothe Meer –
gleichsam zum Abschied – werfen. Der nächste Fluß senkt sich schon
westlich ab – er gehört zum Gebiete des Nil. Abessiniens Grenze, die
allerdings nicht so scharf gezogen erscheint, wie die Grenze eines
europäischen Staates, ist überschritten und das Dorf _Halai_, das erste
des Landes, ist erreicht. Es schmiegt sich terrassenförmig erbaut an die
Kuppe eines Hügels an; die Wohnungen sind kaum mannshoch und mit flachen
Dächern versehen. Diese haben einen bodenlosen Topf in der Mitte, durch
welchen das Tageslicht in die Hütte dringt und der Rauch hinauszieht.
Diese Töpfe – Schornsteine kann man sie nicht nennen – werden mit einem
Steine bedeckt, wodurch dann, da die Hütte außer einer kleinen Thür keine
andere Oeffnung hat, das Innere derselben ganz finster wird. Wir treten
ein, um einen Vorgeschmack abessinischer Behausungen zu erhalten. Um ein
nie verlöschendes Feuer gekauert, dessen Rauch nur mühsam Abzug findet und
die Wände mit dickem Ruß überzieht, lagern die halbnackten Insassen, zu
denen sich Ziegen, Schafe und Esel gesellt haben, welche in einer Ecke des
Gemachs Unterkunft fanden. Ermüdet werfen wir uns auf eine der mit
Ledergeflecht überzogenen Ruhebänke, reiben die thränenden Augen, welche
von dem beißenden Qualm zu leiden haben, und gedenken uns durch einen
Schlaf von der anstrengenden Gebirgswanderung zu erholen – aber auch
dieser wird uns verleidet, denn aus den Rohrmatten, die auf der Ruhebank
liegen, stürzen blutgierig Hunderte von Flöhen über uns her, denen
europäisches Blut ein ganz besonderer Genuß zu sein scheint. Wir möchten
hinaus ins Freie – aber auch das ist uns benommen, denn strömender Regen
gießt auf die Erde herab, und wir sind gezwungen, in dem ekelhaften
Quartier auszuhalten.
So gestaltet sich das Vordringen nach Abessinien von der Seite des Rothen
Meeres her. Anders und mit noch größeren Schwierigkeiten gelangt man längs
dem Nil oder längs dessen Zuflüssen in die Hochlande. Hier ist der
Reisende genöthigt, bis nach der Metropole des östlichen Sudan, Chartum am
Zusammenflusse des Weißen und Blauen Nil, vorzudringen. Von hier aus kann
er entweder am Blauen Fluß stromaufwärts bis nach der zerfallenen Stadt
Sennar reisen und dann nach dem östlich liegenden Sklaven- und Gummimarkte
_El Gedaref_ ziehen, oder er verläßt den Blauen Nil schon früher bei
Abu-Haras und gelangt durch das Gebiet der Schukerié-Araber nach dem
genannten Marktplatze. Von hier aus geht nun in südöstlicher Richtung die
vielbesuchte Karawanenstraße am Elephantengebirge oder Ras el Fil vorbei
in die Negerrepublik _Galabat_. Dieser merkwürdige Grenzstaat, der von
sehr fleißigen Schwarzen – Takruri – bewohnt wird, die aus Darfur und
Wadaï stammen und auf den Mekka-Wallfahrten hier sitzen blieben, hat sich
unter einem Oberhaupte – Schum – eine Art von Selbständigkeit zu bewahren
gewußt, die er allerdings durch gleichzeitige Abgaben an Aegypten und
Abessinien theuer erkauft. Die Hauptstadt Metemmé ist ein bedeutender
Marktort, unfern vom Atbara. Auch haben die Baseler Missionäre hier eine
Station errichtet, die indessen ganz erfolglos blieb.
Metemmé, nur wenige Meilen von der abessinischen Grenze gelegen, ist in
der letzten Zeit ungemein häufig von europäischen Reisenden besucht
worden, so von Baker, Schweinfurth, Graf Krockow, v. Heuglin. Das
Hinaufsteigen in die Hochlande ist hier nicht sehr schwierig, keinenfalls
so mühevoll wie von Massaua aus. Auch wir wollen hier in das Land
eindringen und zwar unter der Führung _G. Lejean’s_, eines französischen
Reisenden, der sich um die Wissenschaft schon bedeutende Verdienste
erworben hat.
[Illustration: G. Lejean.]