Metemmé. – Der Markt Wochni. – Grenzwächter. – Eine abessinische
Festung. – Eine deutsche Familie. – Das Land am Tanasee. –
Schnapphähne. – Missionsstation Gafat. – Gefangennahme Lejean’s
durch König Theodor. – Theodors Löwen. – Gondar und seine Bauten.
– Wasserfall des Reb. – In einem Kloster. – Besuch in Korata. –
Binsenflöße. – Der Tanasee. – Besteigung des hohen Guna. – Fünf
Frauengenerationen. – Befreiung. – Hochebene Woggara. –
Lamalmonpaß. – Reise durch Tigrié nach Massaua.
Guillaume Lejean ist ein vortrefflicher Mann. Er verbindet mit der
Leichtigkeit und Liebenswürdigkeit echt französischen Wesens eine deutsche
Gründlichkeit. Dabei ist er kühn, praktisch und vor keiner Gefahr
zurückschreckend. Diese hervorragenden Eigenschaften machten ihn zum
Forschungsreisenden besonders geeignet, wozu noch sein offizieller
Charakter als französischer Konsul ihm mancherlei Erleichterungen
verschaffte. Bekannter wurde er zuerst durch eine Abhandlung über die
verwickelte Ethnographie der europäischen Türkei, die er nach allen Seiten
hin bereist hatte. Als die große Zeit der Nilquellenentdeckungen war und
Speke, Grant, Baker ihre Erfolge errangen, beschloß auch Lejean sein Theil
zur Lösung des Problems beizutragen; er ging den Weißen Nil hinauf,
untersuchte dessen Nebenfluß, den Gazellenstrom, und kam bis Gondokoro.
Hier warf ihn jedoch das klimatische Fieber dergestalt nieder, daß er
umkehren mußte. Nun wandte er sich nach Nubien, besuchte Kassala, eine der
bedeutendsten Städte im östlichen Sudan, und durchstreifte die
Bogosländer. Von der französischen Regierung zum Konsul in Massaua ernannt
und mit einer Mission an den König Theodor von Abessinien betraut, ging er
abermals nach dem Sudan. Im Dezember 1862 finden wir ihn dann zu Metemmé
in Galabat, um weiter nach Abessinien vorzudringen. Von hier ab lassen wir
ihn seine an persönlichen Abenteuern reiche Reise auszugsweise selbst
erzählen.
Von dem deutschen Missionär _Eperlein_, einem Badenser, wurde ich sehr
freundlich aufgenommen. Bei ihm befand sich ein junger Engländer, Namens
_Dufton_, der, gleichfalls vom Missionseifer getrieben, aus freien Stücken
sich hierher begeben hatte, um ein Noviziat durchzumachen und dann als
Glaubensbote weiter zu ziehen. Er war ein gutes Exemplar jenes frostigen
Enthusiasmus, welcher seine Landsleute in religiösen Dingen auszeichnet
und zu so originellen Thaten treibt. Obgleich er als der Sohn eines
reichen Fabrikanten in Leeds gemüthlich zu Hause hätte leben können,
beschloß er dennoch, gleich Krapf oder Livingstone Missionsreisen
anzutreten. Nur mit acht Guineen in der Tasche wanderte er nach Schwaben,
wo ihm Krapf anrieth, die Galla zum Christenthum zu bekehren. Er ging dann
nach Aegypten, den Nil aufwärts nach Chartum, lud dort sein winziges
Gepäck auf einen Esel, den er vor sich hertrieb, erlitt in Gedaref einen
heftigen Fieberanfall und langte mit drei Thalern in der Tasche in Metemmé
an. Ich schlug ihm vor, sich meiner kleinen Karawane anzuschließen; er
würde so als mein Sekretär angesehen werden und ohne Schwierigkeit die
abessinische Grenze passiren können. Gern ging er auf meinen Vorschlag
ein, und ich gewann einen tüchtigen, sehr gebildeten Reisegefährten,
welcher sich in schwierigen Lagen voller Muthes erzeigte.
Auf dem wohlversorgten Markte von Metemmé kaufte ich zwei abessinische
Maulesel, zu 9 Thaler das Stück, und miethete außerdem ein Kameel, welches
mein Gepäck bis Wochni bringen sollte, wo die steilen Bergabfälle beginnen
und Lastesel an die Stelle des Schiffs der Wüste treten. Nach viertägigem
Aufenthalt in Metemmé sagten wir endlich dem braven Eperlein Lebewohl,
traten die Reise nach Abessinien an und gelangten zunächst in einen
dichten Wald, der sich drei Tagereisen weit bis an den Fluß _Gandova_
(Nebenfluß des Atbara) hin erstreckt. Dies ist der Grenzstreifen oder
Border, wie man in Schottland sagen würde, der von den Aegyptern und
Abessiniern als neutrales Land betrachtet wird, den aber beide Theile
schon häufig mit ihrem Blute getränkt haben. Am dritten Tage passirte ich
die noch stark angeschwollene Gandova, an der Stelle, wo die kleine Insel
_Kaokib_ den Karawanen den Durchgang erleichtert; mitten auf derselben
erhebt sich ein prachtvoller Tamarindenbaum, welcher die Reisenden zur
Rast in seinem kühlen Schatten auffordert.
Gegen Abend gelangten wir an die erste jener stufenförmigen Terrassen,
welche ringsum fast ganz Abessinien begrenzen. Wir erklommen sie mit
einiger Schwierigkeit und fanden auf dem Gipfel ein schönes Plateau, auf
welchem man gerade das dürre Gras und Kraut behufs der Bestellung der
Felder abbrannte. Hier wurde das Nachtlager aufgeschlagen, das Gepäck
abgeladen, schnell zu Abend gegessen und der müde Körper auf dem Boden zum
Schlafe ausgestreckt. Wir hatten nur kurze Zeit geruht, als sich ein
wüster Lärm erhob; die Maulthiere begannen auszuschlagen und eins
derselben riß sich los. Unser Diener schoß aufs Gerathewohl in die
Finsterniß hinein. Wahrscheinlich hatte eine freche Hyäne einen Ueberfall
versucht, war dabei aber gestört worden. Das freigewordene Maulthier lief
nach Metemmé zurück, wo es mit einem tiefen Biß in der Weiche bei Eperlein
ankam.
Schnell erhoben wir uns beim Morgengrauen von diesem unangenehmen Orte und
gelangten nach vierstündigem Marsche in _Wochni_, dem ersten abessinischen
Orte an, der wegen seines Wochenmarktes, wo die Baumwolle von Gallabat und
Sennar verkauft wird, berühmt ist. (Abbildung siehe S. 85.) Ein für
allemal muß ich hier bemerken, daß wir wegen unserer europäischen Kleidung
oder wegen unseres fremdartigen Aussehens von den Eingeborenen keineswegs
belästigt wurden.
Wochni liegt tief in einem dunklen feuchten Walde. Hierher kommen die
südlichen Gallastämme und Leute aus Tigrié, um Goldstaub und Elfenbein
gegen Pulver, Tuch und Leinen einzutauschen; die Beduinen aus Ostsudan
bringen ihre Pferde und aus Chartum langt Salz an, das in dem Reiche des
Negus als Geld unentbehrlich ist. Die Wohnungen bestehen aus runden Hütten
mit kegelförmigem Dache; außer Teppichen und Decken, welche als Divan
dienen, sind darin keine Möbeln vorhanden.
Wir lagerten uns unter einem Baum, und unser Führer ging, um den
_Nagadras_ oder Zollwächter aufzusuchen. Unterdessen blätterte ich in
einem illustrirten Buche, während Dufton die hohe steile Basaltterrasse
des Maschelagebirges zeichnete, die sich nördlich von Wochni mit
senkrechten Rändern 1800 Fuß hoch erhebt. Neugierig, doch ohne uns gerade
zu belästigen, kamen die Leute des Ortes heran. Ein junges Mädchen fragte
mich, ob ich ein Christ sei, und als ich ihre Frage bejahte, zeigte sie
mir ihre blaue seidene Halsschnur und forschte dann weiter, ob ich auch
die Denghel Mariam verehre? „Ja wohl, die _Jungfrau Maria_, die Mutter
Christi!“ lautete meine Antwort. Nichts kommt der Verehrung gleich, mit
welcher die Abessinier der Mutter Maria ergeben sind; hierin liegt einer
der zahlreichen Punkte, in welchen die Religion der Abessinier mit jener
der romanischen Völker übereinstimmt. Die deutschen und englischen
Missionäre mit ihrer kalten und schwerfälligen Logik haben
ungeschickterweise gegen dieses Nationalgefühl, eine der schönsten Formen
des Frauenkultus, geeifert und aus diesem Grunde, glaube ich, sind auch
alle ihre Missionsbestrebungen erfolglos geblieben.
Der Nagadras kam an. Nach einigem Wortwechsel bedeutete er uns, daß er
über unsere Zulassung in das Reich erst mit dem _Bel-Amba-Ras Gilmo_, dem
Markgrafen oder Grenzwächter der vier Grenzprovinzen Tschelga, Sarago,
Dagossa und Ermetschoho unterhandeln müsse. Bel-Amba-Ras Gilmo bestellte
uns nach seinem Aufenthaltsort, dem Dorfe Kamauchela, welches auf dem
Gipfel eines steilen, fast unzugänglichen Berges liegt, einer Amba, wie
derselbe in Abessinien genannt wird. Vier Tage brachten wir noch in Wochni
zu, worauf wir dann auf Gilmo’s Befehl, geführt von einem Diener des
Zollwächters, nach Tschelga aufbrachen.
[Illustration: _Oenanthus multiflorus_. Nach Lejean.]
Der Weg führt durch das Bel-Wocha-Thal, das der Kolla Abessiniens
angehört. An einzelnen Stellen zeigt dasselbe einen breiten Bambusgürtel,
der über die Hügel sich hinzieht und fast alle übrige Baum- und
Strauchvegetation erdrückt hat. Andere Stellen zeigen prächtigen
Blumenflor. Weiße Schwertwurz (_Gladiolus_) und Asphodelusarten, Muscari,
Arum und düster erscheinende Takka; im Grase steht häufig die Kämpferia,
deren breite gelbe Blüte sich mitten zwischen vier großen, platt auf der
Erde liegenden, hellgrünen, rothgesäumten Blättern, die in einigen
Gegenden als Salat genossen werden, erhebt. Dazu gesellen sich Orchideen,
großblütige Amaryllis und Haemanthus mit scharlachrothen Blütenknöpfen.
Prächtig leuchtet vor allen andern Pflanzen der _Oenanthus multiflorus_
uns entgegen. Ueber Gestrüpp und Gestein führt in Zickzacklinien an
steilem Gehänge fort durch enge Tiefthäler der Weg aufwärts; dann folgt
eine Ebene, von der man zum ersten Male einen weiten Blick in das
gesegnete Land Abessinien hat. Von hier aus genießt man eine herrliche
Aussicht auf die Ebene von Tschelga und Dembea, auf den weiten Spiegel des
Tanasees mit seinen Inseln und die hohen Berge jenseit desselben, die Guna
und südöstlich auf die Alpen Godschams.
Unter strömendem Regen langten wir in _Tschelga_ an, und dort wollten die
ungastlichen Eingeborenen, da wir keinen _Mursal_ oder Paß besaßen, uns
zwingen, unter einem Baume zu kampiren, bis unsere Angelegenheit geordnet
sei. Ich miethete jedoch zu dem mäßigen Preise von einem Stück Salz
täglich ein Haus, das zu beziehen unser Führer, der Diener des Nagadras,
uns jedoch verhindern wollte. Dufton, hierüber aufgebracht, stellte sich
in nationale Boxerposition und schrie den Diener an: „Also du willst uns
auch ein trockenes Obdach verwehren? Piff, paff, da hast du eins!“ Nun
drehte sich der Diener im Kreise, aber ein baumstarker Abessinier hielt
Dufton fest, und die Lokalpolizei intervenirte. Nach langem Streiten
erreichten wir dennoch unsern Zweck fürs erste: ein schützendes Gemach.
Ich will die Leser nicht damit langweilen, wie der Bel-Amba-Ras uns volle
19 Tage in Tschelga aufhielt, unter dem Vorwande, erst Befehle vom Negus
Theodor einholen zu müssen. Ich argwöhne nur, daß er mich für einen
Missionär hielt und auspressen wollte. Zuletzt ungeduldig geworden,
beschloß ich, ihn in seiner luftigen Felsenfestung aufzusuchen. Gefolgt
von Dufton, einem Takruri-Dolmetscher und einem Soldaten, der uns als
Wache beigegeben war, machte ich mich nach der Amba auf den Weg, die
nordnordöstlich von Tschelga liegt. Am ersten Abend schliefen wir, vier
Stunden von der Stadt entfernt, in einem muhamedanischen Dorfe, dessen
Einwohner in dem christlichen Abessinien dieselbe gedrückte Stellung
einnehmen, wie die Christen in der muhamedanischen Türkei. Mit dem
Morgengrauen brachen wir wieder auf und erklommen eine Terrasse, von der
aus wir den ersten Blick auf die Amba werfen konnten. Vor Verwunderung
über das herrliche Naturgebilde standen wir beide ganz überrascht still.
Man stelle sich am Ende einer mit grünenden Hügeln überzogenen Terrasse
einen jäh und steil abfallenden Felsenberg von 700 bis 800 Fuß Höhe vor,
also doppelt so hoch als unsere höchsten Thürme und fast ebenso gerade
aufschießend wie diese, begrenzt von den bewaldeten Thälern, die sich nach
dem Goang, wie man hier den Atbara nennt, hinziehen. Ein Felsen, der in
eine Plattform endigt, etwa von der Größe der Place de la Concorde in
Paris, und der weit und breit die umliegende Ebene beherrscht, verbindet
sich wie eine Art von Vorwerk mit der Festung. Ein Felsgrat, so eng, daß
zwei Personen nebeneinander ihn nicht passiren können, führt zu dieser,
und der Fußgänger, welcher auf ihm hingeht, hat keinerlei Schutz zur
Seite, welcher seinen Fall in den gähnenden Schlund rechts oder links
verhinderte. In diesem wilden Gibraltar wohnte der abessinische
Feudalherr, dessen kleiner pomphafter Hof lebhaft an die merovingischen
Herzöge zur Zeit Gregor’s von Tours erinnert. Doch war es hier nicht das
erste Mal, daß ich jene Sitten noch in voller Ausübung fand, welche in
meinem Vaterlande vor acht oder zehn Jahrhunderten herrschten, und manche
dunklen Verhältnisse unsrer Geschichte wurden mir erst durch den
Augenschein im heutigen Abessinien klar vor Augen geführt.
Wir schritten ohne Zögern die schwindlige Brücke entlang, die jener
gleicht, welche in den muhamedanischen Legenden aus dem Paradiese in die
Hölle führt, und nachdem wir ein Thor erreicht hatten, das von halb
entblößten Lanzenträgern bewacht war, kletterten wir langsam einen
abschüssigen Abhang hinan, passirten ein zweites Thor und standen nun auf
einer Plattform, wo uns Gilmo’s Leute in eine Art Wartesaal führten, indem
sie uns bedeuteten, daß der Bel-Amba-Ras gerade mit einem Botschafter des
Negus verhandle, daß wir aber nach dessen Abfertigung sofort eingelassen
werden sollten.
Nach Verlauf von zwei Stunden führte man uns in einen weiten, mit Dienern,
Vasallen und Leibwächtern angefüllten Raum, in welchem der
Festungskommandant auf einer Alga ruhte. Seine dunkeln Gesichtszüge
zeigten zur Genüge an, daß er von Ursprung ein Gamante (vergl. S. 88) sei,
welches Volk in diesen Grenzprovinzen sehr zahlreich wohnt und die großen
Sykomoren verehrt. Er hielt eine „Berille“, weitbauchige Flasche von
antiker Form mit langem Halse in der Hand und war schon angetrunken. Uns
zutrinkend wünschte er nichts sehnlicher, als uns in den gleichen Zustand
versetzt zu sehen. Ich trug ihm meine Bitte vor, das Weihnachtsfest bei
meinen „europäischen Brüdern“ in Dschenda zubringen zu dürfen. So nannte
ich nämlich die dort wohnenden Missionäre, von denen ich in der Folge
manche Unterstützung zu erhalten hoffte, und mit großer Genugthuung
vernahm ich alsdann seinen Ausspruch: „Etsche! Ich willige ein“. Durch
diesen guten Anfang kühner gemacht, bat ich ihn um die Erlaubniß, seine
Festung abzeichnen zu dürfen, die ich für ein Weltwunder erklärte. Er
wurde ernst und sagte: „Hast du in unserm Lande etwas verloren? Hat man
dich bestohlen? Sprich, und ich will dir Gerechtigkeit widerfahren
lassen!“ Nichts dergleichen, antwortete ich. „Dann“, nahm er das Wort,
„hast du auch nichts zu verlangen, und aus welchem Grunde willst du diesen
Ort „abschreiben“, um dich später seiner zu erinnern?“ Sein Mißtrauen lag
klar auf der Hand, ich schwieg weislich still und nahm dankend Abschied.
Kaum in mein Quartier zurückgekehrt, erhielt ich vom Bel-Amba-Ras einen
Hammel, einen Krug mit Honigwein, sowie Brot zugeschickt und hielt mit
Dufton eine köstliche Mahlzeit. So war die Audienz gut abgelaufen und wir
kehrten nach Tschelga zurück, um uns zur Abreise vorzubereiten.
Vor uns leuchtete der herrliche _Tanasee_, wie ein von Smaragden
eingefaßter Saphir. Er ist ein großes vulkanisches Becken von
außerordentlicher Tiefe, auf dem die Stürme heftig hausen. Zwanzig Ströme
und Bäche speisen ihn, führen aber auch zur Zeit der Sommerregengüsse ihm
große Mengen von Schlamm zu und ändern dadurch stets seine Grenzen.
Reizende Inseln, auf welchen Kirchen und Klöster sich im Grün der Bäume
verstecken, unterbrechen anmuthig seine Fläche und verleihen dem
lieblichen Bilde Abwechselung.
Die Reise von Tschelga nach Dschenda wurde in drei Stunden ohne
bemerkenswerthen Vorfall zurückgelegt. Eine halbe Stunde hinter Tschelga
passirten wir den _Goang_, welcher an seiner nahen Quelle, dem Gesetze
aller abessinischen Ströme folgend, eine Spirale um den Berg Anker
herumzieht. Die Braunkohlen, auf welche 1855 bereits Krapf aufmerksam
machte, wurden auch von mir in dieser Gegend gesehen. Später ließ König
Theodor diese Lager durchforschen, um seine Werkstätten in Gafat damit
versehen zu können. In _Dschenda_ wurde ich von einem großen jungen Manne
empfangen, der mit der abessinischen Schama, türkischen Pantoffeln und
einer europäischen Mütze bekleidet erschien. Es war der deutsche Missionär
_Martin Flad_, welcher sich mit der Bekehrung der in dieser Gegend sehr
zahlreichen Juden befassen darf. Er stellte uns seine Frau vor, welche
Diakonissin im Institute des Bischofs Gobat zu Jerusalem gewesen war.
Diese deutsche Familie erschien mir in jeder Beziehung musterhaft und
außerordentlich gastfrei, ein Lob, das ihr alle jene Reisenden ertheilen
müssen, welche auf dem Wege über Dschenda nach Abessinien eindrangen. Ich
blieb vier Tage in Dschenda und unterhielt mich mit Flad viel über den
König Theodor II., der ihm große Gunst bezeugte und ihn ganz anders
behandelte als seine Kollegen Stern und Rosenthal (Flad gehörte jedoch
sammt seiner Frau auch zu den Gefangenen in Magdala). Er erzählte mir, daß
vor der Thronbesteigung Theodor’s in Dschenda kein Markttag verging, ohne
daß einige Mordthaten vorkamen, daß aber unter der neuen kräftigen
Regierung dieselben fast ganz aufgehört hätten.
Am 1. Januar 1863, nachdem ich meinem liebenswürdigen Wirthe ein
glückliches neues Jahr gewünscht, verließ ich ihn und seine drei Kollegen
Steiger, Brandeis und Cornelius, um nach Debra Tabor zum Negus Theodorus
II. zu reisen. Wir durchzogen eine weite, fruchtbare, von vielen Bächen
durchschnittene Ebene, in der zahlreiche Dorfschaften zwischen
Getreidefeldern und Gärten mit rothem Pfeffer zerstreut lagen. Hier ist
das Eden Abessiniens, die Provinz Dembea mit der Hauptstadt Gondar, der
reichste und am besten bebaute Boden des ganzen Kaiserstaates. Ich
passirte die Nordostecke des Tana-Sees und gelangte in die schöne Ebene
_Arno-Garno_, wie sie nach dem vorzüglichsten, sie durchschneidenden
Flusse heißt. Mir zur Rechten lag der glänzende Spiegel des Sees, zur
Linken eine hohe Reihe Berge, die in der Amba Mariam, dem Marienberge, bei
Emfras ihren malerischesten Gipfel zeigten. Anderthalb Meilen von Emfras
erhebt sich auf einem Hügel am Ufer des Arno ein unter der Regierung des
Negus Fasilides von den Portugiesen erbautes Schloß _Qusara Giorgis_,
dessen malerische Ruinen in diesem Lande der Strohhütten plötzlich eine
ganz europäische Staffage hervorzaubern, sodaß man eine alte Burg am Rhein
vor sich zu sehen glaubt.
[Illustration: Der Tanasee bei Sturm. Zeichnung von Lejean.]
Zwei tüchtige Stunden jenseit des Arno führt der Weg durch das wilde und
meist unfruchtbare Hügelland von _Tisba_, das nichtsdestoweniger stark
bevölkert ist; jetzt sind die Einwohner friedliche Leute, vor nicht zu
langer Zeit waren sie jedoch räuberisches Gesindel; aber König Theodor II.
hat ihnen die Lust zum Straßenraube benommen. Als er 1855 den Thron
bestieg, erließ er eine Proklamation, in welcher er sagte, daß Jedermann
wieder zu der Beschäftigung seiner Väter zurückkehren möge; der Soldat zum
Pflug, der Kaufmann zu seinen Waarenballen. Die Leute von Tisba, welchen
dieser Befehl mißfiel, kamen remonstrirend und bis an die Zähne bewaffnet
in das Lager des Königs. „Lang lebe Se. Majestät! riefen sie aus. Wir
erscheinen hier nur, um besondere Erlaubniß zu erhalten, zum Geschäfte
unserer Väter zurückkehren zu dürfen!“
„Und was war dies für ein Geschäft?“
„Schnapphähne und Straßenräuber waren alle, Väter und Kinder.“
„Wollt ihr nicht lieber“, antwortete ihnen der Negus, „friedliche Bürger
werden? Ich will euch die Mittel dazu an die Hand geben. Das Vergangene
ist euch verziehen; ihr erhaltet Grund und Boden, das nöthige Vieh und
Ackerpflüge. Nehmt ihr dieses an?“
„Niemals! Wir berufen uns auf das Edikt...“
„Das ist euer letztes Wort?“
„Ja wohl!“
„Gut; kehrt heim.“
Vergnügt reisten die Schnapphähne nach Tisba zurück, indem sie den Negus
eingeschüchtert zu haben glaubten. Doch sie kannten diesen Mann noch
nicht. Kaum waren sie zurückgekehrt, als ein berittenes Corps in Tisba
anlangte, dessen Kommandant folgendermaßen zu ihnen sprach: „Meine Lieben!
Es ist möglich, daß euch der Kaiser Lalibela die Erlaubniß gab,
Straßenraub zu treiben, aber Kaiser Claudius, der gleichfalls heilig
gesprochen wurde, hat die Gensdarmerie (Neftenja) autorisirt, alle
Strauchdiebe niederzumachen. Neftenjas, gebt Feuer!“
Die Ueberlebenden nahmen sich die ihnen ertheilte Lektion aufrichtig zu
Herzen, und die Leute von Tisba, die heutzutage die Felder bebauen, sind
ganz brave Menschen geworden.
Von Tisba an steigt der Pfad längs den östlichen Vorbergen an und wird
dann eben bis zu dem Marktflecken _Eifag_ an der Kirche _Bada_ oder Bata
(d. h. Empfängniß). Jene ganze Gegend war einst berühmt wegen der vor
Alters eingeführten Weinkultur, die allerdings jetzt gänzlich
darniederliegt. Eifag ist keine eigentliche Stadt, sondern besteht aus
vielen zerstreuten Dörfern und Kirchen. Um die Kirche Bada zieht sich ein
prächtiger Juniperus-Hain. Der Marktplatz ist sehr ausgedehnt; der
Nagadras (Zollbeamte) erhebt von jeder Waare hier eine gewisse Abgabe. An
jedem Mittwoch versammeln sich an diesem wichtigen Stapelplatze, von dem
aus der Handel zwischen dem Süden und Norden Abessiniens von Godscham bis
Massaua vermittelt wird, die Händler von weit und breit mit Vieh, Tabak,
Kaffee, Baumwolle, Baumwollenstoffen, Glasperlen, Wachs, Salz, Honig,
Häuten, Hülsenfrüchten, Getreide, Butter, Schwefel, Salpeter, Honigwein
und Bier.
In Eifag hatte ich eine herrliche Aussicht auf die schöne Ebene von
Fogara, welche sich bis an den Berg Dungurs erstreckt. Der östliche Theil
derselben ist durchaus flach und wird vom Hirtenvolke der Sellan
durchschweift. Im Westen dagegen steigt das Terrain an, dort erheben sich,
bewaldet, mit Dörfern und Kirchen besäet, die Berge von Begemeder. Nach
dreistündigem Marsche langen wir am _Flusse Reb_ an, den wir auf einer
immer mehr zerfallenden Brücke von sieben Bogen passiren, deren Bau noch
unter dem Kaiser Fasilides vor mehr als 200 Jahren stattfand. Die Pfeiler
haben dem Zahne der Zeit gut widerstanden, allein die Bogen werden bald
von der wüthenden Flut hinweggerissen werden, da der Reb in der Regenzeit
große Massen von Schlamm mit sich führt, immer mehr sein Bett erhöht und
so der Wassermenge nur ein geringer Ausweg bleibt. Der Reb, welchen ich im
April vollkommen ausgetrocknet sah, ist zwei Monate später ein prächtiger
Strom, größer als die Seine bei Paris. Die Abessinier, obwol sie
vortreffliche Schwimmer sind, hüten sich dann, ihn zu passiren, da sie
fürchten, daß gewisse Wassergeister sie in den Abgrund ziehen könnten.
Unter den Pflanzen, die ich in dieser Ebene bemerkte, nenne ich die schöne
_Methonica superba_, welche von den Abessiniern Marienkelch genannt wird.
Sie gehört zu den Lilien und gleicht in ihrer Farbenpracht einer Flamme im
dunklen Laubgrün.
Die Nacht brachten wir in einem Dorfe in der Nähe der Brücke zu; am Morgen
brachen wir dann nach Debra Tabor auf. Rechts von uns blieb ein einzelner,
steiler und kahler Felsen, Amora Gedel, d. h. Geierfelsen, liegen, dessen
Spitze ganz mit Raubvögeln bedeckt ist. Durch einen malerischen Schlund
und sumpfige Wiesen führt ein Fußpfad zu dem Plateau von Debra Tabor
hinauf. Als wir oben angelangt waren, blieben wir vor Verwunderung stehen.
Vor uns lag ein leicht wellenförmiges Land, dicht besäet mit Dörfern,
zwischen lachenden Kulturflächen und Weiden, auf denen zahlloses Vieh sich
befand. Als Franzose wurde ich an die Bourgogne erinnert, während Dufton
eine Landschaft Yorkshire’s vor sich zu sehen glaubte, und unwillkürlich
rief ich aus: „Hier ist gut Hütten bauen!“ Rechts von uns blieb der Hügel
von _Debra Tabor_ mit seinen 500 oder 600 Häusern und dem königlichen
Lager liegen. Denn Theodor II. hat hier große Getreidemagazine errichtet,
die seine Armee in Kriegszeiten, d. h. so ziemlich immer, zu versorgen
haben. Gondar, „die Stadt der Pfaffen und Schauspieler“, wie der König
sich ausdrückt, ist ihm zuwider. Endlich erreichte ich den Hügel von
_Gafat_, nordöstlich von Debra Tabor, das provisorische Ziel meiner Reise.
Der deutsche Missionär Waldmeier, an den ich empfohlen war, nahm mich sehr
freundlich auf; auch seine Kollegen, fast lauter Badenser und
Württemberger kamen herbei. Der einzige Franzose der kleinen Kolonie,
Franz Bourgaud aus Saint-Etienne, ist der Waffenschmied des Negus und bei
diesem sehr beliebt. Er giebt vor, sich recht unglücklich zu befinden, und
verlangte schon mehrere Male in seine Heimat zurückkehren zu dürfen, aber
Theodor antwortete ihm auf sein Gesuch: „Mein Sohn Bourgaud, deine Kinder
sind noch zu jung, um die weite Reise überstehen zu können; bleib noch ein
paar Jahre hier.“ Und Bourgaud blieb. Seine Kinder sprechen vorzüglich die
Amharasprache, er selbst und seine Frau haben sich ein Mischmasch aus
dieser und der französischen zurecht gemacht, das nur ihnen verständlich
ist. Eigenthümer Gafats ist ein alter General außer Dienst von noblem
Aussehen. Um sein Haus herum haben sich die Deutschen Waldmeier, Kinzle,
Bender, Mayer, Salmüller und Hall angesiedelt. Alle haben Abessinierinnen
heirathen müssen; Bender eine Tochter Schimper’s. Am zurückhaltendsten war
der junge, hübsche Salmüller, welcher schließlich eine Tochter des
Irländers Bell nahm. (Von letzterem wird weiter unten ausführlich die Rede
sein).
Noch hatte ich den Negus nicht gesehen, als am 25. Januar plötzlich
Waldmeier auf mich zukam und ausrief: „Dort kommt Se. Majestät!“ Ich ging
mit ihm vorwärts und traf bald auf ein großes Gefolge hoher Offiziere,
welche alle den Margef, die bordirte weiße Tunica, trugen. Mitten unter
ihnen stand ein Mann, barhaupt und barfuß, in eine gemeine Soldatenschama
gekleidet, welche keineswegs noch ganz weiß war; in der Hand hielt er eine
Lanze, an der Seite hatte er einen gekrümmten Säbel. Wer mit den
abessinischen Gebräuchen vertraut war, mußte sofort den Rang dieser
Persönlichkeit erkennen; es war der einzige, welcher beide Schultern
bedeckt hatte, und Niemand anders als _König Theodor II._
Gut gelaunt redete er mich mit „Na deratscho (Wie geht es dir?)“ an. Die
Etikette erfordert, daß man hierauf nicht antwortet und sich nur tief
verneigt. So that auch ich. Theodor zog sich darauf zurück, setzte sich
auf einen Teppich und fing an, mit dem kleinen Bourgaud zu spielen. Dieser
sonderbare Mensch, dessen Leben so blutig verlief, beschäftigte sich gern
mit Kindern, für die er eine große Zuneigung besaß. Nachdem er dann einige
Höflichkeitsworte gewechselt, fragte er mich sehr verbindlich, wann ich
offiziell empfangen sein wollte? Ich erwiederte, daß ich ganz zu seinen
Befehlen stehe, worauf er den nächsten Tag zur Audienz in Debra Tabor
bestimmte. Ich ward abermals gut von ihm aufgenommen, machte den ganzen
Feldzug in Godscham mit, der nicht besonders glücklich ausfiel, und kehrte
dann mit ihm in das Lager von Debra Mai in Mietscha zurück. Unterdessen
waren verschiedene Umstände vorgekommen, welche meine Anwesenheit auf dem
Konsulatsposten dringend erforderten; ich begab mich deshalb in voller
Uniform zum Negus, um ihn um eine Abschiedsaudienz zu bitten. Er ließ drei
Europäer herbeirufen, welche die Amharasprache redeten, und fragte dann,
was ich wolle. Ich antwortete: „Ich wünsche, dringender Angelegenheiten
wegen, nach Massaua abzureisen, und dann will ich von dort zwei Kisten mit
Geschenken für Ew. Majestät von meinem Souverän abholen, welche bereits
angelangt sein dürften. Ich möchte auch gern gleich abreisen, damit ich
vor Eintritt der Regenzeit wieder zurück sein kann.“
Um zu verstehen, was nun folgt, muß man wissen, daß Theodor durch den
unglücklichen Feldzug in Godscham gedemüthigt war, daß die Aegypter damals
gerade die Grenzprovinz Galabat besetzt hielten und daß er infolge des
Genusses von schlechtem Cognac betrunken war. Kaum hatten die Dolmetscher
ausgeredet, als der Negus in höchster Wuth rief: „Ich behalte ihn auf
jeden Fall zurück. Nehmt ihn, legt ihn in Ketten, und wenn er entweichen
will, so tödtet ihn!“
Der Oberst, welcher zunächst stand, winkte ein halbes Bataillon herbei.
„Wozu das, fragte Theodor, 500 Mann, um einen Menschen zu fesseln?“
„Ew. Majestät sehen, erwiderte der Oberst, daß er ein merkwürdig
funkelndes Ding unter dem Arme trägt – es war mein goldbesetzter
Konsulatshut –, das vielleicht eine Höllenmaschine ist, die uns alle
tödten kann.“
„Donkoro, Dummkopf! Glaubst du nicht auch, daß er dich mit seinen
Augenbrauen tödten kann. Sechs Mann her und nicht mehr.“
Nun wurde ich, wie mein treuer Diener Achmed, an Händen und Füßen
gefesselt, obgleich ich in großer Uniform war, und in mein Zelt
zurückgeführt, wo ich streng bewacht wurde. Indessen schrieb ich, auf
einen Umschlag der Gemüthsverfassung des Königs bauend, an ihn einen
englischen kurzen Brief, in welchem ich um Erklärungen bat. Am 3. März
schon erschienen die Europäer wieder, welche mir anzeigten, daß ich frei
sei, unter der Bedingung, daß ich in Gafat internirt bliebe. Ich zögerte
anfangs, doch ging ich auf Kinzle’s Zureden, der meinte, es sei besser in
Gafat als in Eisen weilen, auf diesen Vorschlag ein. Ueber den Negus
selbst will ich hier nur wenige Worte sagen.
In den Audienzen, welche er gab, entfaltete er allen möglichen
barbarischen Pomp. So liebte er es, dabei von vier zahmen Löwen umgeben zu
sein, die sehr wild und grimmig drein schauten. Ich hatte Gelegenheit, mit
denselben nähere Bekanntschaft zu machen. An einem hohen Festtage wurden
sie von ihren Wärtern in mein Zimmer geführt, um ihre Aufwartung zu
machen. Ein paar blanke Thaler verfehlten die Wirkung nicht, und ich
konnte meine Gäste ruhig abzeichnen, wobei ich nur durch deren
aufdringliche Zutraulichkeit gestört wurde. Der eine Löwe war von dem
genannten Salmüller abgerichtet und dann an den Kaiser verkauft worden.
Alle vier Löwen hatten ihre Namen; der Liebling des Kaisers hieß Kuara
(der Stürmische). Dieses Halten und Züchten von Löwen steht übrigens bei
den abessinischen Herrschern keineswegs als eine Ausnahme da und kam auch
früher vor, wol deshalb, weil der Löwe als Sinnbild Aethiopiens angesehen
wird. Als Salt 1810 beim Ras Wolda Selassié in Antalo eine Abschiedsvisite
machte, bot dieser ihm zwei Löwen als Geschenk für den König von England
an; „allein der weite Weg machte es unmöglich, sie fortzubringen. Eins
dieser Thiere ward von seinem Wärter bisweilen in das Zimmer gebracht, wo
wir saßen: aber während meines Aufenthaltes wurde es so wild und
unlenkbar, daß man es einsperren mußte.“
Da mir der Negus Gafat zum Aufenthaltsorte angewiesen hatte, mit der
Erlaubniß, im Innern des Reiches Ausflüge nach Belieben machen zu können,
so zögerte ich nicht, dieses auszuführen, und stattete zunächst der
_Hauptstadt __Gondar_ meinen Besuch ab. Von Gafat bis Ferka reiste ich
zunächst den Weg, welchen ich auf meiner ersten Tour bereits beschrieb. Im
genannten Orte trennt sich die Straße; links führt sie nach Tschelga,
rechts nach Gondar. Ungeachtet des königlichen Befehls, daß ich in den
Dörfern, wo ich übernachtete, gut beherbergt werden sollte, hatte ich
mancherlei Verdrießlichkeiten zu bestehen, ja man bedrohte mich einmal
sogar, und meine Leute flüchteten in Angst davon. Auf einer von den
Portugiesen erbauten Brücke passirte ich den Fluß Magetsch, ohne welche
zur Regenzeit die Verbindung zwischen Nord- und Südabessinien auf mehrere
Monate im Jahre vollkommen gestört sein würde.
An Juniperusbäumen vorbei gelangte ich auf einen Hügel, der verschiedene
Häusergruppen trug, zwischen denen sich wüste Plätze hinzogen. Ich war
jetzt schon mitten in Gondar, ohne daß ich eigentlich die Stadt bemerkt
hätte, und war nicht wenig verwundert über diese Kapitale der Kaiser
Sosneos und Fasilides, von der ich mir eine durchaus andere Vorstellung
gemacht hatte. Von welcher Seite aus man sich auch der Stadt nähert,
fallen die vielen hohen Warten und Thürme, Zinnen und Mauern des in
mittelalterlich-portugiesischem Styl erbauten Königspalastes und einzelne
Kirchen mit großen kegelförmigen Dächern unter malerischen Baumgruppen
zuerst in die Augen: ein heimisches Bild für den Wanderer, der sich
plötzlich dem Innern des tropischen Afrika entrückt und in eine
mitteleuropäische Landschaft versetzt glaubt. Ueber üppigen Wiesengrund an
schmalblätterigen Weidenbäumen mit überhängender Krone hin rauschen klare
Gebirgsbäche zu Thal und schlängeln sich, Silberfaden gleich, in der Ferne
durch das grüne, flache Dembra, dem Tanasee zu. Das nördlichste Quartier
der Stadt ist das Abun-Bed mit der Wohnung des Bischofs. Ein nach Westen
fließendes Bächlein, kahle Flächen und Ruinenfelder trennen es von der
politischen Freistelle, dem Etschege-Bed, mit dem Sitze des Vorstandes der
Mönche, Etschege genannt. Auf einem freien, erhabenen Punkt, östlich von
beiden, steht von einer runden Mauer umgeben, unter herrlichen Baumgruppen
eine Kirche mit zwei von den Holländern dem Kaiser Jasu geschenkten
Glocken. Südlich und östlich davon ist der Stadtbezirk Debra Berhan,
Kirche des Lichts, mit gleichnamiger Kirche; westlich daran schließt sich
der Gempscha-Bed oder Schloßbezirk. Von einer weitläufigen, unregelmäßigen
Mauer, mit Zinnen und Wartthürmen und mit verwilderten Gärten und Kiosken
umgeben, erhebt sich der große, leider mehr und mehr zerfallende _Gemp_
oder das Schloß selbst, das neben den armseligen, mit Stroh gedeckten
Häusern einen wahrhaft großartigen Eindruck macht durch seine massive
Bauart, seine vielen Thürme, hohen Bogenfenster und weiten Höfe. Die
Façade des Hauptgebäudes ist gegen Westen gekehrt und drei Thürme mit
großen Thorbogen bilden die Eingänge zu dem einst gepflasterten, jetzt
halb in Schutt und Gestrüpp begrabenen Vorhof. Der Hauptbau ist viereckig,
zweistockig, mit flachem Dach und steinerner Brustwehr; auf jeder Ecke
erhebt sich ein Thurm mit Cement-Kuppel, ein höherer viereckiger steht in
der Mitte. Das Material ist ziemlich roher Basalt, die Einfassungen der
Thore und Fenster bestehen aus rothem Sandstein. An das Hauptgebäude
lehnen sich noch verschiedene Hallen, Galerien, Säle, Kapellen, Brücken
und Thorwege an, Alles jetzt mehr oder weniger zerfallen und mit
Schlingpflanzen überwuchert.
[Illustration: Nordfront des Gemp in Gondar. Originalzeichnung von
Eduard Zander.]
Südwestlich vom Gempscha-Bed breitet sich, von verschiedenen Quartieren
umgeben, der große Marktplatz aus. Am Abhange und Fuße des Hügels liegt
das Quartier der Muhamedaner, Islam-Bed, und südwestlich, jenseit des
Kacha-Flusses, die Judenvorstadt, Falascha-Bed. Die Straßen Gondars sind
eng und krumm, theils mit natürlichen Basaltplatten gedeckt, theils durch
Schmuz und Schutt unwegsam gemacht. Die Einwohnerzahl dürfte 6000–7000
nicht übersteigen; doch war die Stadt einst volkreicher. König Theodor
vernachlässigt sie „als Pfaffenstadt“ gänzlich, ja er hat einmal zur
Strafe sein Heer gegen sie losgelassen, ihr enorme Geldbußen auferlegt und
das Quartier der Muhamedaner zerstören lassen. Nicht weniger als 44
Kirchen, darunter sehr prächtige, bestehen in Gondar, und die Zahl der
darin angestellten Geistlichen beträgt 1200, mithin ist jeder sechste
Mensch ein Priester.
Nach außen hin ist Gondar offen, nur die Freistätte und verschiedene
Kirchen sind mit größeren, halb verfallenen Mauern umgeben. An Trinkwasser
ist großer Mangel, sodaß man in der trockenen Jahreszeit sich oft
genöthigt sieht, aus dem Angrab- oder _Kachaflusse_ das nöthige Wasser zu
holen und das Vieh zur Tränke dahin zu führen. Ueber den letzteren Fluß
führt nicht weit vor der Stadt eine alte, sehr malerische Brücke, die noch
aus der Zeit der Portugiesen stammt, jetzt aber sehr im Verfalle begriffen
ist. Am östlichen Ufer des genannten Flusses liegt nordwestlich von der
Stadt auf einer grünen Wiesenfläche die _Kirche Fasilides_ inmitten eines
herrlichen Juniperuswaldes und umgeben von niedrigen Mauern mit runden
Wartthürmen und Zinnen. Die viereckige steinerne Kirche ruht auf
Schwebebogen in einem tiefen Bassin, über welches eine mit Eckthürmen
befestigte Brücke führt. Eine großartige steinerne Wasserleitung auf
hochgesprengten Rundbogen an der Westseite des Haines versorgte den Platz
mit Wasser, das wahrscheinlich in ein Reservoir im südwestlichen Eckthurme
geleitet wurde und dort Wasserwerke speisen mußte. Seines Zweckes wegen
ist ein dicht bei dieser Kirche gelegener Tempel mit runder Kuppel
merkwürdig. Es ist das Grabmal eines königlichen Streitrosses, man sagt
von Negus Kaleb. Auch an Bädern mit Wasserleitungen und Nischen, sowie an
anderen Zeugen einer ehemals regeren Baukunst und Baulust ist in der
Nachbarschaft kein Mangel; doch die geringe Sorgfalt, die jetzt auf die
verschiedenen Werke gewandt wird, droht sie dem gänzlichen Ruin
zuzuführen.
Geht man von der Kacha weiter westwärts, so gelangt man in ein Seitenthal,
in welchem an einem Bergabhange die malerischen _Ruinen von Koskam_
liegen. Ziemlich gut erhalten ist noch das dortige Lustschloß mit zwei
Thürmen, deren einer ein Kuppeldach trägt, während das des anderen einem
niedrigen, umgelegten halben Cylinder gleicht. Zwischen beiden führt ein
hohes Bogenthor in eine lange steinerne Halle mit großen Bogenfenstern und
Thüren; das Dach fehlt; Balken zeigen noch die Spuren von Altanen oder
Galerien. Das ganze Gebäude besteht wie der Gemp aus ziemlich rohen
Basaltsteinen, die Thür- und Fensterpfeiler aber aus gut gearbeitetem
rothen Sandstein. Zwischen reizenden Baumgruppen ragen die Reste eines
anderen Prachtgebäudes, in dem, wie es scheint, eine Halle mit schön
gearbeiteten Säulen hinführte, Alles ist aber verfallen und mit Gestrüpp
und Schlingpflanzen überwachsen.
[Illustration: Brücke über die Kacha. Originalzeichnung von Eduard
Zander.]
Noch weiter westlich, von hohen Mauern mit Zinnen und Thürmen umschlossen,
ist die Kirche, eine Rotunde mit Strohdach und vielen Wandgemälden, die
namentlich Reiterfiguren darstellen.
So ist das heutige Gondar und seine Umgebung beschaffen; überall auf
Schritt und Tritt begegnet dem Reisenden Verfall, und doch könnte diese
Stadt bei ihrer prächtigen Lage in der gesunden, fruchtbaren Gegend im
Mittelpunkte Amhara’s zu einer großen Blüte gelangen – wenn nur ihre
Bewohner anders beschaffen wären.
Man hatte mir viel von der kleinen Kirche _Towari_ erzählt, die eine
Stunde von meinem Aufenthaltsorte entfernt liegt, in welcher man die
abessinische Malerei am besten studiren könne. Ich begab mich dorthin und
fand auch dieses Gotteshaus, wie alle Landeskirchen, in einem dichten Hain
von Juniperusbäumen versteckt. Die Gemälde, so berühmt in Abessinien,
machten auf mich, der ich sie mit europäischen Augen ansah, im allgemeinen
einen schauderhaften Eindruck. Indessen fesselte ein Bild des Abendmahls
doch sehr meine Aufmerksamkeit, da auf demselben der Künstler hieratische
Traditionen, byzantinische Malerei und Details des abessinischen Lebens
merkwürdig miteinander verschmolzen hatte. Christus, die Jungfrau und die
Abendmahlsgenossen sind nach der Tradition gekleidet und mit großem
Kunstverständniß rings um einen Tisch gruppirt, der nach der feinsten
abessinischen Art gedeckt ist. Vor jeder Person liegen Tiéfbrote, die
zugleich die Schüsseln vertreten, zur Seite derselben die Messer zum
Zerschneiden des Brundo (rohes Fleisch). Ein Major Domus, offenbar aus
guter Familie, bietet zu trinken an; außerdem gehen Jünglinge mit
Honigweinkrügen umher. Ein Theil der Jünger wendet die Gesichter gegen
Christus, ein anderer gegen Maria. Die Züge dieser Hauptpersonen aber sind
verfehlt; namentlich die der Maria. Abgesehen hiervon verdient das Bild
jedoch alles Lob.
Als Begleiter auf meinen Ausflügen in die Umgebung Gafats diente mir ein
junger Priester, der einige Zeit in der Propaganda zu Rom gewesen, dort
aber nicht allzuviel gelernt hatte. Heimgekehrt, wollte er sich die Stelle
eines Aleka bei einer reichen Kirche unrechtmäßig anmaßen; allein König
Theodor nahm die Sache krumm und verurtheilte Michael, so hieß der
civilisirte Geistliche, zu drei Jahren Kettenstrafe. Mir gegenüber wollte
er sich nun als Glaubensmärtyrer darstellen, was mir ziemlich einerlei
war; dagegen war er mir unschätzbar wegen seiner vortrefflichen
Landeskenntniß.
Als er jedoch einige Monate später einen Salzdiebstahl beging, mußte ich
ihn vor die Thüre setzen; anfänglich ging es ihm nun schlecht – dann
begegnete er mir wohlgenährt und gut gekleidet wieder. Gott weiß, wie er
zu Gelde gekommen sein mag; indessen dieser Art von Leuten geht es in
Abessinien wie in Europa: sie fallen wie die Katzen stets wieder auf die
Füße.
Eine meiner Exkursionen führte mich zur Fafatié oder dem _Wasserfall des
Rebflusses_, der seine Quelle am Abhange des hohen Gunagebirges hat. Ich
bestieg mein Maulthier, wandte mich nach Südosten und ließ zur Linken die
große und fruchtbare Ebene von Gafat mit ihrem ausgetrockneten Strome
liegen. Mit einiger Schwierigkeit wand ich mich durch das bewaldete Thal
des Davezout und kam dann, einem schattigen Fußsteige folgend, zum Reb,
der leise über ein mit dunkelblauen Steinen besäetes Bett dahinfloß. Der
Wasserfall war nur fünf Schritt von mir entfernt: ich sah ihn nicht, aber
ein schauderhafter Schlund und ein betäubendes Brüllen zeigten mir seine
Gegenwart zur Genüge an. Um ihn von vorne zu erblicken, mußte ich auf
einem Zickzackstege den Felsen hinabsteigen, der mit Buschwerk überzogen
und von Affen belebt war. Unten angelangt, stand ich vor einem hübschen
grünen See, in den von steiler Felswand eine senkrechte Wassersäule von 24
Fuß Höhe herabfiel. Ringsum zeigen sich die entzückendsten
Landschaftsbilder, welche jeden Maler begeistern können.
[Illustration: Wasserfall des Reb. Nach Lejean.]
Vier Monate später gewahrte ich dann den Wasserfall wieder zur Zeit seines
höchsten Glanzes, als die Fluten hoch geschwollen waren. Er übertraf so
die herrlichsten Kaskaden der Schweiz bedeutend. Die _dreitausend oder
viertausend Wasserfälle Abessiniens_ sind die schönsten, die man sich
denken kann, und ihnen fehlt weiter nichts als der Ruf, den andere
Kaskaden durch Künstler und Touristen sich erringen. Ich habe den zehnten
Theil davon, etwa 300 oder 400 selbst gesehen und etwa zwanzig
abgezeichnet – alle prächtige Naturerscheinungen, von denen eine einzige
hinreichte, eine Gegend in Europa berühmt und zum Ziele der
Touristenschwärme zu machen.
Ich riß mich von den Wundern dieser Fafatié los, um meinen Fuß in
östlicher Richtung weiter zu setzen über eine Ebene, die ganz mit Mimosen
bestanden war. Diese an und für sich langweiligen Bäume erhielten durch
die reichlich von ihnen herabhängenden Schlingpflanzen ein ungemein
malerisches Ansehen; namentlich zeichnete sich ein Loranthus mit schönen
orangefarbenen und rothen Kelchblüten aus. Bald gelangte ich in das
malerische Thal des Makar, eines Nebenflusses des Reb, in dem ich bis zu
den _Atkanafelsen_ vordrang, deren trapezoidale Form man von allen
hochliegenden Punkten des Distrikts Debra Tabor aus zu übersehen vermag.
Dieser Felsen ist eine wirkliche Amba, welche in Kriegszeiten oft genug
als Zufluchtsort gedient hat. Am Fuße derselben fand ich zum ersten Male
die Henset-Banane (vergl. S. 45) mit ihren kolossalen Blättern und rothen
Rippen. Samen der nützlichen Pflanze habe ich der
Akklimatisations-Gesellschaft in Paris überbracht; die Schößlinge, welche
ich gleichfalls eingepackt hatte, wurden mir jedoch in Massaua kurz vor
meiner Rückkehr von den Hühnern vernichtet. Hinter dem Atkana traf ich in
wundervoller Gegend auf das _Kloster Guref_, das mir durch seine
romantische Lage deutlich sagte, wie die Mönche es in Abessinien gleichwie
in Europa verstanden, die schönsten Orte zur Anlage ihrer Klöster
auszuwählen. Nach der Regel des heiligen Tekla Haimanot leben in
prächtiger Einsamkeit diese Mönche inmitten eines schönen Haines, den der
klare Waldbach durchfließt. Freilich der Anblick einer europäischen Abtei
und derjenigen des abessinischen Klosters sind grundverschieden. Man
stelle sich einen weiten Raum, von einer lebendigen Hecke umschlossen,
vor, der wiederum durch Hecken in 12–15 kleinere Abtheilungen geschieden
ist, deren jede eine Mönchshütte enthält und die durch ein Labyrinth von
Straßen verbunden sind, welche schließlich im Mittelpunkte nach der
spitzdachigen runden Kirche führen – und das abessinische Kloster ist
fertig. Dazwischen liegen grüne freundliche Gärtchen, ringsum ein
lachender Hain. Ich fand sogleich den Abt – wenn ich so sagen darf –,
einen ernsten, mageren Mann von 45 Jahren, der die weiße Tunica und
darüber eine Art von gelbem Pallium, das Zeichen seiner Würde, trug.
Gastfreundschaft wurde mir im vollsten Maße zu Theil, allein mein
Maulthier mußte ich außerhalb des Klosters lassen – _weil es eine Stute
war_, wobei ich mich der lächerlichen Sitte erinnerte, daß auch in die
griechischen Klöster auf dem Berge Athos kein weibliches Thier hinein
darf. Ich wohnte dann bei den guten Mönchen und aß mit ihnen die einfache,
aus Hülsenfrüchten bestehende Mahlzeit. In der Nacht erweckte mich
Psalmengesang, jene Melodie, welche der alte Portugiese Alvarez „eine
erbärmliche Harmonie“ nennt; indessen muß ich gestehen, daß dieser
abessinische Gesang mindestens so gut klang, wie das Singen in unseren
Landkirchen. Im Gedem oder geheiligten Asyle stand außerhalb des Klosters
die Gemeindekirche, welche für beide Geschlechter zugänglich war; ihr
Gründer war Ras Ali, der sie jedoch nicht vollenden konnte, da er von
Theodor II. gestürzt wurde. Dieser that nichts weniger als Kirchen bauen;
im Gegentheil er zerstörte und beraubte noch ein- oder zweihundert und
zeigte sich als der echte abessinische „Pfaffenfeind“. Nach dem Besuche
dieser Kirche kehrte ich nach Gafat zurück.
Um gute Samen der Henset-Banane zu erhalten, wollte ich einen Ausflug nach
der Stadt _Korata_ machen, welche Rüppell fälschlich Kiratza nennt. Es ist
eine kleine Stadt am südöstlichen Ufer des Tanasees, die wegen ihres
starken Handels und der zahlreichen Geistlichkeit berühmt geworden ist. Da
die Regen erst im Beginnen waren, so konnte ich darauf rechnen, daß der
Fluß Gomara noch durch irgendeine Furt zu passiren sei, und ich beschloß
deshalb in gerader Linie, an den heißen Quellen von Wanzagié vorbei, nach
Korata vorzudringen. Debra Tabor blieb zur Linken liegen. Das niedrige
Hügelland, durch das mein Weg ging, war im Jahre 1841 der Schauplatz einer
Schlacht zwischen dem Detschas Ubié von Tigrié und dem Ras Ali. Letzterer
wurde glänzend geschlagen und einige seiner Offiziere begaben sich, um
sich zu unterwerfen, zu dem Sieger Ubié, der, in seinem Zelte sitzend,
ruhig sich in Honigwein betrank. Als Ubié die Feinde erblickte, wurde er
ängstlich, da er keine seiner eigenen Soldaten bei sich hatte; erstere
aber benutzten diesen Umstand, banden Ubié und machten ihn zum Gefangenen.
Auf diese Nachricht kehrte der geschlagene Ras Ali zurück; doch mußte er
Ubié, um der Volksstimme zu genügen, wieder freigeben. Die Vegetation auf
dem einst blutigen Schlachtfelde war eine prächtige; namentlich fielen mir
weiße Lilien (_Amaryllis vittata_) von lieblicher Form auf, welche die
daran gewöhnten Abessinier gar nicht beachteten, während ich jede dieser
Blumen bedauerte, welche mein Maulthier niedertrat.
Am Ufer eines frischen Baches wurde Mittagsrast gemacht. Was mich hier am
meisten überraschte, war eine lange, in Ruinen liegende Mauer von
europäischer Konstruktion. Ich folgte derselben und fand, daß sie einst
als Einschließung eines Parkes gedient hatte, welcher der
Lieblingsaufenthalt verschiedener Kaiser gewesen sein soll. Man nannte den
Ort _Arengo_. Seine Lage ist reizend – aber da, wo einst die Erben der
Königin von Saba thronten, findet man nun Ruinen, zwischen denen lärmende
Affen hausen. Theodor II., welcher seine Vorgänger im Kaiseramte gründlich
verachtet und sie „Schauspieler“ nennt, behauptet, daß die jetzigen Gäste
in Arengo, eben jene Affen, mehr werth sind als die alten, die Kaiser! Vor
170 Jahren, zur Zeit des Reisenden Poncet, war das Schloß noch nicht
zerstört, ja nach dem Hörensagen sollte es größer als der Gemp in Gondar
sein! Sicher hatten die Abessinier dem Franzosen gegenüber aufgeschnitten,
denn sie verstehen dieses Geschäft so gut wie die Yankees. Ein
abessinischer Gesandter, welcher 1860 in Paris war und dort sich überall
umgesehen hatte, antwortete seinen Landsleuten, die ihn nach jener Stadt
fragten: „_Paris ist etwa so groß wie Gondar; vielleicht ein klein wenig
größer._“
Im Dorfe Schumagina wurde meiner Reise plötzlich ein Ziel gesetzt.
Die reichen und stark bevölkerten Distrikte Wanzagié, Fogara Dera, Korata
bildeten das Land, welches ich zu durchreisen hatte. In einem dieser
Distrikte hatten sich Rebellen aus Godscham zu verbergen gewußt, indem sie
die Wachsamkeit der am Abaï aufgestellten Leute Theodor’s zu täuschen
wußten. Für dieses Vergehen, an dem doch die ganze Einwohnerschaft der
vier Distrikte keineswegs schuld war, wurden dieselben von Theodor der
Armee zur Plünderung überwiesen, worauf die ruinirten Bauern mit ihrer
Habe in die Berge und Wälder flüchteten. Als der Negus dies sah,
verordnete er, daß nur die Schuldigen bestraft werden, die übrigen aber
frei ausgehen sollten. Kaum hatten die letzteren, den Worten vertrauend,
sich wieder in ihre Quartiere begeben, als ein General hinterlistig über
sie herfiel und ihnen Alles raubte. Die Nachricht von dieser That gelangte
nach Schumagina, gerade als ich von dort aufbrechen wollte, um in die
beraubten Gegenden vorzudringen. Unter so bewandten Umständen weigerten
sich meine Leute ganz entschieden weiter vorzugehen, da auch sie
fürchteten, jenem braven General in die Hände zu fallen. So blieb mir
nichts übrig als umzukehren; doch hielt ich mich keineswegs für besiegt,
und als nach einiger Zeit der Lärm verstummt war, brach ich in den ersten
Tagen des Juli 1863 abermals nach Korata auf. Die Gomara, welche jetzt
hoch angeschwollen war, mußte hier an einer Stelle überschritten werden,
wo sie sich in drei Arme trennt. An demselben Abend erreichte ich noch
Madera Mariam, d. h. Ruheplatz der Maria, eine hübsche kleine Stadt, die
ähnlich wie Emfras an einem Hügel liegt. Derselbe fällt nach drei Seiten
hin senkrecht ab, ist aber von der vierten leicht zugänglich. Das nächste
Nachtquartier war das Dorf Wanzagié, welches seinen Namen von den hier
stehenden schönen Wanzabäumen führt; dann wurde die _Goanta_ erreicht.
Diesen Fluß in einer Furt zu durchwaten, war ganz unmöglich, und ich mußte
deshalb in einem abessinischen Mittel – ich sage nicht Fahrzeug – der
_Hokumada_ übersetzen. Dies ist eine an den Rändern in Nachenform aufwärts
gekrümmte steife Ochsenhaut; ein Mann durchschwimmt den Fluß mit einem
Seile, dessen eines Ende an der Hokumada, dessen anderes am jenseitigen
Ufer befestigt ist. Der Passagier setzt sich in den Lederschlauch, kauert
sich zusammen und hütet sich wohl, nach der einen oder andern Seite sich
überzubeugen. So wird er, während noch ein Schwimmer die Hokumada schiebt,
am Seile an das jenseitige Ufer hinübergezogen. So kam auch ich über die
Goanta, um bald an der geschwollenen _Gomara_ auf ein neues Hinderniß zu
stoßen, das dieses Mal mittels einer Tankoa überwunden wurde.
[Illustration: Lejean passirt in der Hokumada die Goanta. Zeichnung
nach Lejean.]
Die _Tankoa_ ist ein rechteckiges Floß, welches sechs bis acht Personen
tragen kann und aus einer Reihenfolge von dicht aufeinander gelegten
Stroh- oder Binsenschichten besteht, die fest miteinander verbunden sind.
Das Binsen- oder Rohrfloß taucht ziemlich tief unter und kann niemals
untergehen, desto leichter jedoch umschlagen. Da aber die Abessinier fast
alle sehr gute Schwimmer sind, so entstehen selten Unglücksfälle. Das
Gepäck, Kleider, Waffen, ein Ledersack, welcher Mehl enthält, liegen
hinten; vorn sitzt der Lenker des Ganzen, welcher mit einem Ruderstock
versehen ist, denn die Tiefe des Wassers gestattet nicht, das Floß mit
einer Stange durch Stoßen auf den Grund fortzubringen. Die Tankoa ist das
sprechendste Zeichen, wie starr die Abessinier an ihren Gebräuchen hangen.
Dieses Volk mit offenem und hellem Verstande hat nach Verlauf von
Jahrhunderten noch nicht einmal zu schließen gelernt, daß, wenn ein
simpler Stock, durch den Widerstand, welchen seine Oberfläche dem Wasser
darbietet, ein Floß fortzubewegen vermag, eine an das Stockende
angebrachte Schaufel eine vermehrte, zehnfache Oberfläche darbieten und
also auch die Fortbewegungs-Geschwindigkeit verzehnfachen muß, denn der
Abessinier besitzt nicht einmal die Ruderschaufel, welche den Wilden am
Weißen Flusse wohlbekannt ist.
Uebrigens ist nichts ermüdender als eine Reise per Tankoa. Die Maulthiere
wurden ins Wasser gestoßen und von einem Schwimmer durch die reißenden
Fluten gelenkt. So kamen wir wohlbehalten zu einem kleinen, von
Wanderhirten bewohnten Weiler, wo wir übernachteten, um am nächsten
Morgen, quer über die Hügel und das Flüßchen Izuri hinweg, unsere Reise
nach Korata anzutreten, dessen herrlichen Anblick wir bald genießen
sollten. Es ist die hübscheste Stadt Abessiniens und war das äußerste Ziel
meiner Reise.
_Korata_ liegt auf einem basaltischen Landrücken, welcher sich in den
Tanasee vorschiebt. Die spitzdachigen Häuser liegen zerstreut um die
Kirche gruppirt, und bei jedem befindet sich ein baumreicher Garten, der
von der Wohlhabenheit der Bewohner Zeugniß ablegt. Es war gerade Markt,
welcher dicht bei der Stadt abgehalten wird. Besonders wird hier viel rohe
oder zu Zeugen verarbeitete Baumwolle verkauft; letztere kommen sämmtlich
aus der westabessinischen Provinz Koara, woher sie theils auf Eseln,
theils auf dem See gebracht werden. Die rohe Baumwolle wird mit den
Samenkörnern verkauft, meistens gegen das gleiche Gewicht Salz. Das
Ausscheiden der Samenkörner mittels eines eisernen Stäbchens, welches auf
einem flachen Steine mit den Händen hin- und hergerollt wird, ist eine
langsame und ermüdende Arbeit; zum Aufschlagen derselben bedient man sich
eines elastischen Bogens und zum Spinnen der Handspindel. Eine fleißige
Frau kann so viel Gespinnst fertigen, als für zwölf vollständige
Umhängetücher erforderlich ist. Auf dem Marktplatze selbst erregte meine
Erscheinung keinerlei Aufmerksamkeit; etwas Anderes war es jedoch an einer
nur 50 Schritte weiter entfernten Stelle. Ein großer Baum breitete dort
seine gigantischen Aeste über den Weg, unter dem in weißen Gewändern, mit
riesigen Turbanen auf dem Haupte, den heiligen Fliegenwedel in der Hand,
die Geistlichkeit von Korata saß. Als ich mich ihnen näherte, stießen sie
ein unwilliges Geschrei aus und verlangten, daß ich vom Maulthiere
absteigen solle. Ich weigerte mich, und nun entstand auf dem Markte eine
allgemeine, gegen meine Person gerichtete Bewegung, der ich durch
Absteigen auszuweichen mich gemüßigt fand. Hierauf konnte ich ungehindert
zu Fuß in die Stadt gehen. Später erfuhr ich, daß die Pfaffenstadt Korata
das Privilegium besitzt, Niemand zu Pferd oder zu Maulthier durch ihre
Straßen reiten zu lassen.
Nachdem ich mich in der unteren Stadt einquartiert und dem Ortsvorstand
den üblichen Besuch abgestattet, fing ich an, die Straßen oder vielmehr
die Alleen zu durchwandern. Diese Straßen sind in der That nur von Hecken
eingefaßte Fußpfade, hinter denen sich hübsche Gärten hinziehen. Blumen
sieht man in diesen selten, dagegen prächtige Granatbäume, Pfirsiche,
Kaffeesträucher, Bananen, Citronen, aus denen die Strohdächer der Hütten
hervorlugen. Von dem funkelnden Spiegel des Tanasees herüber wehte ein
kühlendes Lüftchen, das mir den Spaziergang in den Straßen zu einer wahren
Erquickung machte. Wie schon der Markt zeigt, ist Korata ein bedeutendes
Handelscentrum. Seine Kaufleute, lauter Christen, stehen mit Basso in
Godscham, mit Gondar und Massaua in Verbindung. Ich habe Korata nur den
Vorwurf zu machen, daß die Küche dort schlecht bestellt ist, denn während
meines viertägigen Aufenthaltes bekam ich nicht 1 Loth Fleisch zu Gesicht,
obgleich in der Umgebung zahlreiche Herden weiden. Die Einwohner leben von
Brot und rother Pfeffersauce, der sie zuweilen einen welsartigen Fisch aus
dem Tanasee beigesellen.
Die Aussicht auf dieses Binnengewässer ist von Korata aus eine prächtige.
Weit in der Ferne, im Norden sieht man die blauen Vorgebirge von Gorgora,
die südlich von Tschelga und Gondar liegen; rechts zieht sich der
Bergabfall von Begemeder hin, während mitten im Seespiegel die dunkle
Masse der Inseln Dek und Daka auftaucht. Eine Eigenthümlichkeit des Sees
aber sind ein Dutzend winziger Eilande, wie Bet-Manso, Kibran, Metraha
u. s. w., die, vom Festland aus betrachtet, gleich schwimmenden
Blumenkörbchen auf der Flut erscheinen. In der Nähe betrachtet, sind diese
Blumenkörbchen jedoch bewaldete Inseln, die in ihrem Innern eine Kirche
oder ein Kloster bergen.
Auch eine Flotte besitzt die Seestadt Korata, die aus einer großen Anzahl
von Tankoa besteht, welche am Ufer trocknen und die Verbindung zwischen
der Stadt und den südlichen und westlichen Ufern, namentlich mit Zegrié,
unterhalten. Sie sind schmäler als die oben beschriebene Tankoa, bis 15
Fuß lang und führen Mattensegel. Ich wollte ein solches Fahrzeug miethen,
um nach Zegrié überzufahren, allein da dieses in der Gewalt der Rebellen
von Godscham war, wurde mir die Erlaubniß verweigert. – Bei Korata wohnen
viele Waito, jene eigenthümlichen Menschen, die sich mit der Flußpferdjagd
beschäftigen (vergl. S. 90). Während dieser Dickhäuter sehr häufig im See
ist, fehlen darin Krokodile gänzlich; dagegen verhält es sich mit dem
Abai, dem Abfluß des Sees, umgekehrt.
Das Flußpferd heißt im Amharaschen Gomari, und hiervon stammen wol auch
die vielen ähnlich klingenden Flußnamen Gomara u. s. w. Nach viertägigem
Aufenthalte verließ ich Korata wieder und kehrte in mein altes
Standquartier Gafat zurück.
Die letzte größere Exkursion, welche ich in der Umgebung meines
Aufenthaltsortes unternahm, war eine Besteigung der 13,000 Fuß hohen
_Guna_. Ich folgte erst dem Reb, kam dann in das schöne Makarthal und
stieg bis zu einem kleinen Dorfe empor, dessen Name lieblich in mein
französisches Ohr tönte. Es heißt Maginta. Hier verbrachte ich die Nacht;
als ich am nächsten Morgen weiter aufbrechen wollte, kamen zwei Reiter im
vollsten Galopp zu mir, mit der Botschaft, daß der Negus mich in Gafat
erwarte. Schon am Nachmittage langte ich wieder in meiner Wohnung an, wo
ich Waldmeier fragte, was vorgefallen sei. Er antwortete ausweichend. Kurz
darauf langte ein Brief in amharischer Sprache vom Könige bei mir an,
welchen mir Kinzle übersetzte. Der Negus befand sich in seinem Lager zu
Isti, drei Tagereisen von Gafat. Da ich bemerkt hatte, daß er guter Laune
war, so wollte ich diese benutzen und bat um seine Erlaubniß zur Heimkehr
nach Massaua. Bei Empfang meines Briefes gerieth er indessen in solche
Wuth, daß zwei Tage lang Niemand mit ihm zu reden wagte. Sofort ließ er
mir einen heftigen Brief schreiben, aus dem ich Folgendes hervorhebe: „Als
du hierher kamst, hast du dich mir als Freund vorgestellt; oder bist du
etwa gekommen, um mit den Scheftas (Rebellen) gegen mich zu konspiriren?
Sind deine Gefühle aber loyal, so schreibe mir; bist du mein Feind, so
schreibe mir auch, damit ich weiß woran ich bin.“ Sogleich antwortete ich
in einem kurzen, aber respektvollen Schreiben, welches die gefährliche
Korrespondenz zu einem guten Ende führte, denn die schleunig darauf
erfolgende Antwort lautete: „Habe nur einige Geduld und durch die Gnade
der Dreieinigkeit wird Alles gut ablaufen. Ich habe dich aus wichtigen
Gründen zurückbehalten müssen; allein wenn mein Agent wieder heimkehrt,
will ich dich mit allen gebührenden Ehren entlassen.“ Ich folgte dem mir
ertheilten weisen Rath, verhielt mich geduldig und nahm zunächst meinen
unterbrochenen Ausflug nach der Guna wieder auf.
In Maginta war ich an die Familie des Irländers Bell empfohlen, der einst
eine große Rolle bei Theodor II. gespielt und für diesen sein Leben
gelassen hatte. Hier traf ich auf ein Beispiel der abessinischen
Langlebigkeit, nämlich auf _fünf Frauengenerationen_ beieinander: die
abessinische Witwe Bell’s, deren Mutter, Großmutter, Tochter (die Frau
Waldmeier’s) und Enkelin! Die Urgroßmutter war die einzige, welche man als
Greisin bezeichnen konnte; denn die Großmutter, eine feine Frau von 55
Jahren war noch sehr lebhaft und thätig in der Hauswirthschaft; die
Mutter, Bell’s Witwe, war 35 Jahre alt, zierlich und hübsch; deren Tochter
war an den Missionär Waldmeier verheirathet, welchen sie wieder mit einem
Töchterchen beschenkt hatte.
Maginta liegt bereits im Gebirge. Von da aus hatte ich, von Plateau zu
Plateau ansteigend, nur vier Stunden bis zum Gipfel zurückzulegen.
[Illustration: Ein Binsenfloß oder Tankoa. Zeichnung von R. Kretschmer
nach Lejean.]
Der Weg führte vorbei an Kosso- und Ericabäumen, Hypericumstämmen,
prächtigen aloeartigen Lilien bis zur Region der seltsamen Dschibarra
(_Rhynchopetalum_).
Letztere gedeiht hier bis zu einer Höhe von fünfzehn Fuß. Der Gipfel der
Guna, Ras-Guna genannt, besteht aus Trachyt. Von da aus umfaßte mein Auge
eine prachtvolle Rundsicht. Zur Rechten brach der Reb aus einem tiefen
Thale hervor; vor mir lag das pittoreske Massiv des Zoramba und weiter hin
die Kollo, das mächtigste abessinische Gebirge. Zur Linken endlich Plateau
an Plateau, durchrieselt von Bächen, die sich zum Tanasee hinzogen, auf
dem die Inseln gleich dunklen Punkten zu schwimmen schienen.
Als ich wieder in Gafat angelangt war, fand ich eine Einladung des Negus
vor, ihn in Gondar, wohin er sich begeben hatte, zu besuchen. Sofort brach
ich auf. Dort angekommen, hatte ich noch einige Schwierigkeiten, empfing
aber am 30. September 1863 den Befehl, Abessinien auf dem kürzesten Wege
zu verlassen. Mit mir ging Dr. Lagarde, der den Aufenthalt in Abessinien
satt bekommen hatte. Nach der feierlichen Abschiedsaudienz bei Theodor
nahmen wir ein Frühstück bei dem englischen Konsul _Cameron_ ein, das von
dessen Koch, einem Elsässer Kind, sehr gut zubereitet war. Dieser, früher
ein französischer Kürassier, hatte sich die Gunst des Königs zu erwerben
gewußt. Als die Missionäre einst einen Wagen für Theodor hergestellt,
fragte dieser den Elsässer, wie ihm die Maschine gefiele. „Pfui! sagte der
Rheinländer, bei uns in Mühlhausen fährt man in solchen Dingen den Mist
aufs Feld!“ (Den berühmten blau angestrichenen Wagen erwähnen auch Heuglin
und Steudner.) Beim Frühstück war auch der Judenmissionär Dr. _Stern_
zugegen, welcher zuerst Photographien in Abessinien aufnahm und in seinem
Werke „Wanderungen unter den Falaschas“ veröffentlichte. Einst schenkte
dieser dem Negus einen Stereoskopenkasten mit einer Ansicht Jerusalems.
„Was ist das für ein Gebäude?“ fragte Theodor.
„Die Moschee Omar’s“, antwortete Stern. – Sogleich warf der König den
Apparat auf die Erde, indem er wüthend ausrief: „Und dieses Europa, das
vorgiebt christlich zu sein, duldet eine Moschee beim heiligen Grabe!“
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Als endlich die Stunde schlug, um Gondar den Rücken zu kehren, kam Achmed,
mein Diener, mit der Nachricht zu mir, daß alle meine Leute sich heimlich
entfernt hätten, aus Furcht, von mir in Massaua als Sklaven verkauft zu
werden!
Mir blieb nichts anderes übrig, als neue Diener und Lastthiere zu miethen,
wobei sich Salmüller besonders gefällig erwies. Ich überschritt den
Angerab, wandte mich dem Magetsch zu, erstieg die Hochebene von Wogara,
auf der Straße, die vor mir Bruce, Lefêbvre, Ferret und Galinier, Rüppell,
Krapf, v. Heuglin u. a. gewandert waren, und gelangte in vier Tagemärschen
bis Dobarek.
Am ersten Tage bivouakirten wir in _Kossogié_, einem Dorfe, welches von
den hier häufigen Kossobäumen seinen Namen führt; durch gut bebaute Ebenen
gelangte ich am zweiten Tage nach Isak-Dews, dem Isakberge, welcher Ort
1420 vom Kaiser Isak zur Erinnerung an einen hier über die Juden
(Falaschas) erfochtenen Sieg gegründet wurde. Die dritte Station Dokoa war
ein reizender Flecken auf einer Anhöhe mit einer dem Heiligen Kitane
Machrit geweihten großen steinernen Kirche, die vom Kaiser von Jasu im
portugiesischen Stile erbaut ist. Hier theilt sich die Straße; rechts,
nach Osten zu, führt sie ins Alpenland von Semién. Links, in nördlicher
Richtung über den Lamalmon-Paß, und die Kolla von Wogara nach Adoa. Am
nächsten Morgen, als ich nach Dobarek aufbrach, zeigte man mir zur
Rechten, schon in Semién gelegen, das Dorf _Debr-Eskié_, in dessen Nähe am
9. Februar 1855 das Schicksal Abessiniens entschieden und Theodor Sieger
über Ubié wurde. Als ich den Abhang erstieg, an welchem _Dobarek_ erbaut
ist, wurde meine Aufmerksamkeit durch eine traurige Erscheinung gefesselt;
der Boden war ringsum mit gebleichten Menschenschädeln besät, die unter
den Füßen meines Maulthiers dahin rollten. Ein Schlachtfeld konnte hier
nicht gewesen sein, denn andere Knochen als eben nur Schädel waren nicht
vorhanden. Aber was war hier geschehen? Eine entsetzliche Katastrophe. Vor
gerade drei Jahren (1860) hatte Theodor über seinen rebellischen Neffen
Garet bei Tschober einen Sieg erfochten und etwa 1700 Gefangene hierher
abgeführt. Man enthauptete sie und warf ihre Schädel aufs Feld.
Am nächsten Tage begann ich den _Lamalmon_ hinabzusteigen. Sein südlicher
Abfall ist eine schöne, kaum wellenförmige Ebene; sein nördlicher dagegen
eine steile, einige tausend Fuß hohe Lehne, von welcher ein steiler
Zickzackfußpfad hinabführt, den wir nicht ohne Lebensgefahr passirten. Auf
einer kleinen Terrasse, die alle Karawanen als Ruhepunkt benutzen, machte
auch ich Halt. Vor mir lag, wie auf einer Reliefkarte ausgebreitet, die
Kolla bis zum Takazzié – eine Aussicht, die sich über dreißig Meilen
erstreckte. Von allen Seiten sah ich die Flüsse durch die grünen Wälder
und gesägten Berge brechen, um sich dem Takazzié zuzuwälzen, hinter dem,
eingehüllt in Nebeldämpfe, das Hochland von Schirié emporstieg. Ich nahm
meinen Weg nach der _Zarima_, einem Nebenflusse des Takazzié, zu, nicht
ohne von meinen Leuten vor dem Rebellen Terso Gobazye gewarnt zu sein, der
diese Gegend unsicher machte. Wie ich später erfuhr, war die Rebellion
dieses Mannes mein Glück, denn Theodor hatte plötzlich drei Tage nach
meiner Abreise aus Gondar eine Kavallerieabtheilung hinter mir
hergeschickt, welche mich zurückbringen sollte. Kurz nach meinem Aufbruche
von Dobarek kam sie dort an, wagte sich aber aus Furcht vor dem Rebellen
nicht weiter und kehrte, ohne ihren Auftrag erfüllt zu haben, zurück. Der
Negus wurde wüthend und rief aus: „_Welches Unglück! Der erste Mensch, der
von hier abreiste, ohne genau zu wissen, ob ich sein Freund oder Feind
bin!_“
Sire! Sie täuschen sich. Ich bin unterrichtet! Aber, ohne Sie zu
beleidigen, füge ich hinzu, daß ich mich lieber Ihrer Gunst in Paris als
in Gondar erfreue!
Meine erste Station jenseit der Zarima war _Tschober_, wo Theodor gegen
die Gebrüder Garet focht und sein Liebling, der Irländer Bell, getödtet
wurde, worauf die Katastrophe folgte, die ich bei Dobarek schilderte. Ich
befand mich nun so recht mitten im abessinischen Kirchenlande, in
_Waldubba_, das förmlich von Mönchen strotzt. Auch die Menschen waren hier
schon andere; die jungen Mädchen sangen in einer Sprache, welche ich noch
nicht gehört hatte und die weit gutturaler als das Amhara klang. Auch
vernahm ich, daß ich mich schon im Gebiete des Volks von _Tigrié_ befand.
Wie die Amharas ernst, schweigsam und würdig auftreten, so erscheinen im
Gegensatz die Leute von Tigrié fröhlich, lustig, mit einem Worte als „gute
Kinder“. Frankreich stand in den Bürgerkriegen 1856–1860 auf Seiten der
letzteren; England begünstigte die Amharas, und ohne gesuchten Vergleich
kann man sagen, daß diese Sympathien dem beiderseitigen Nationalcharakter
entsprachen.
Drei Tage später gelangte ich an das Ufer des Takazzié, den ich bei
niedrigem Wasserstande traf. Sein dunkles, vom abgefallenen Laube
getrübtes Wasser rollte zwischen dicken Wäldern dahin, die an die Urwälder
Südamerika’s erinnerten. Hier war echte, tiefe Kollaregion. Am jenseitigen
Ufer, wo das Land wieder bergig wurde, gelangte ich in die Deka der
reichen und wohlbevölkerten Provinz Schirié, die sich nach dem Mareb hin
erstreckt. Ich verließ nun die nördliche Richtung und wandte mich mehr
nach Nordosten, einer schönen sumpfigen Prärie zu, welche links von
bizarren Bergen begrenzt wurde. Da, wo sie endigt, liegt _Axum_, die alte
heilige Stadt Abessiniens, die jedoch bereits so oft von den
verschiedensten Reisenden geschildert worden ist, daß ich die Leser mit
Aufzählung ihrer Alterthümer hier nicht ermüden will. (Vergl. oben S. 4.)
In vier und einer halben Stunde gelangte ich weiter nach der gegenwärtigen
Hauptstadt Tigrié’s, _Adoa_. Die Stadt liegt zwischen dem südlichen Fuße
des Scholada am linken Ufer eines kleinen Baches, der sich mit dem Asam
vereinigt. Die südlichen, weniger zusammenhängenden Quartiere sind über
mehrere Anhöhen zerstreut und theilweise sehr im Verfall begriffen. Viele
Kirchen, wie gewöhnlich in kleinen Hainen, erheben sich in und um Adoa,
unter denen sich die von Metchimialem auszeichnet. Sie ist von Detschas
Sabagadis erbaut, der eine große Glocke hierher stiftete. Die Straßen sind
eng, krumm und schmuzig, die Häuser meist aus Stein gebaut; viele haben
Dächer von Thonschieferplatten, andere von Stroh; auch solche von zwei
Stockwerken sind keine Seltenheit. Der Hofraum ist immer mit einer hohen
Feldsteinmauer umgeben, in welcher sich Gärtchen hinziehen und Cordiabäume
stehen. An der nordöstlichen Ecke auf einer steinigen Ebene am Bach ist
der Marktplatz, wo an mehreren Tagen der Woche Markt gehalten und
geschlachtet wird. Seit Jahrhunderten und namentlich seit dem Verfall von
Axum ist Adoa die Haupt- und erste Handelsstadt Tigrié’s, deren
Einwohnerzahl, fast lauter Christen, etwa 6000 Seelen beträgt. Die
industriellen Produkte sind von geringer Bedeutung.
Da meine in Gondar gemietheten Leute nicht weiter gehen wollten, mußte ich
hier frische Diener miethen. Dies hielt mich 14 Tage in Adoa auf, und
diese Zeit benutzte ich zu Exkursionen in die Umgegend. Leider versäumte
ich, die Ruinen der _Jesuitenresidenz Fremona_ bei Mai Goga in der Nähe zu
besuchen. Bruce, der sie gesehen hat, giebt an, daß zu seiner Zeit die
Mauern noch 27 Fuß hoch gewesen seien, ein von Thürmen flankirtes Viereck,
das als Festung gedient hatte. Doch das verhinderte die Vertreibung der
Patres nicht, die vor zwei Jahrhunderten eine fürchterliche Qual
Abessiniens waren. Man erzählte mir, daß die Ruinen heute ein Gegenstand
der Furcht bei den Landleuten seien, welche das alte Gemäuer von bösen
Geistern bevölkert glauben.
Am 29. Oktober 1863 verließ ich mit fünf Lastträgern, die ich bis Massaua
zu dem billigen Preise von anderthalb Thaler pro Mann gemiethet hatte,
Adoa. Am Abend kampirte ich schon in dem äußerst ungesunden
Hamedo-Tieflande am Mareb. Diese granitische Ebene bildet für den
Botaniker und Zoologen ein wahres Paradies, sie ist aber, wenige Monate im
Jahre ausgenommen, furchtbar ungesund, ja geradezu tödtlich. Hier mußte
auch mein Landsmann Dr. _Dillon_, der Freund Lefêbvre’s, nach der
Regenzeit sein Leben lassen, als er, ungeachtet der Warnungen seiner Leute
in die Kolla hinabstieg. „Vorwärts, ihr Feiglinge“, rief er ihnen
unklugerweise zu. Die Abessinier zauderten, sagten aber dann: „Dieser
Fremdling geht in den gewissen Tod und wir auch, wenn wir ihm folgen. Ist
es aber recht, denjenigen zu verlassen, dessen Brot wir so lange gegessen?
Vorwärts denn mit Gott!“
[Illustration: Bauer aus Antitscho. Nach Lejean.]
Fünf Tage darauf war Dillon todt und fünf seiner Diener gleichfalls. Ich
könnte noch viele ähnliche Thatsachen anführen. Habe ich nun recht, wenn
ich die Abessinier ein edles Volk nenne? (Man sieht, wie sehr sich die
Urtheile gegenüber stehen, allein dieser eine edelmüthige Zug möchte doch
das lasterhafte Volk nicht rein waschen). Was man jedoch noch weniger
verneinen kann, ist die äußere Schönheit der Abessinier, Beweis dessen ich
hier auf gut Glück das Porträt eines Landmanns aus dem Distrikt Antitscho
in Tigrié hersetze.
Die ungesunde Ebene von Hamedo lag nun hinter mir und ich passirte den
_Mareb_ in einer Furth. Zu meinem Erstaunen fand ich ein sehr klares
breites Wasser, das jedoch nur einen Fuß Tiefe hatte und zwischen
belaubten Abhängen, wie zwischen zwei Hecken hinfloß. Jenseit desselben
stiegen wieder Berge an, auf denen der Marktflecken Gundet liegt und die
gesunde Deka beginnt.
Meine nächste Station war Asmara, die gegenwärtige Residenz des
Baharnegasch oder Beherrscher der Meeresküste. Diesen stolzen Titel führte
ein einfacher Schum (Ortsvorstand), der vom Statthalter der Provinz
Hamasién eingesetzt wird. Der Mann empfing mich mit vieler Freundlichkeit
und schenkte meinen ausgehungerten Leuten einen Hammel, ohne etwas dagegen
zu verlangen. Er war ein vollendeter Gentleman, welcher bei meiner Abreise
mich merken ließ, daß es ihm an Zündhütchen fehle. Da ich leider keine bei
mir hatte, schickte ich ihm nach meiner Ankunft in Massaua eine größere
Partie. Asmara ist keineswegs die Hauptstadt von Hamasién; als solche galt
in alter Zeit Debaroa und heute _Tzazega_, wo der Detschas Hailu, ein
Liebling Theodor’s II., residirte. Der Ort liegt malerisch zerstreut auf
einem Hügel und zählt etwa 2000 Einwohner, die etwas Handel und namentlich
Maulthierzucht treiben.
Das Gebiet des Nils lag schon hinter mir und ich befand mich hier in
demjenigen des _Anseba_, der durch den Barka seine Wasser dem Rothen Meere
zusendet. Bald war auch die Grenze Abessiniens erreicht und die Terrassen
lagen vor mir, die sich nach der kahlen, brennend heißen Samhara
hinabsenken. Erst jetzt fühlte mein Herz eine Erleichterung; das
Damoklesschwert hing nicht mehr über meinem Haupte, ich war der Gewalt
Theodor’s gänzlich entrückt.
Schnell war auch das Küstenland durchzogen, und in Massaua begrüßten mich
nach langer Irrfahrt zuerst wieder die Spuren europäischer Civilisation.
[Illustration: Ansicht des Gemp in Gondar. Nach Rüppell.]
[Illustration: Inneres einer Mensahütte. Originalzeichnung von Robert
Kretschmer.]