Begrenzung. – Das Hochland. – Geologie Abessiniens. – Der
versteinerte Wald. – Heiße Quellen. – Oberflächengestaltung. –
Natürliche Felsenfestungen. – Die Alpen Semiéns. – Charakter der
Flüsse. – Ihr Anschwellen. – Ursachen der Nilüberschwemmungen. –
Der Tanasee und der Abai. – Klimatische Verhältnisse. – Die
Vegetationsgürtel. – Kola. – Woina Deka. – Deka. – Die niederen
Thiere. – Vögel. – Säugethiere. Ihre Lebensweise, Nutzanwendung,
Jagd.
Am südlichen Ende des Rothen Meeres, schroff gegen dessen Gestade
abstürzend, aber langsam und allmälig gegen Ost-Sudan sich abstufend,
liegt zwischen dem 16. und 8. Grade nördlicher Breite das afrikanische
Alpenland Abessinien. Ringsum dehnen sich weite, ungesunde und glühende
Sandwüsten aus, natürliche Grenzen, die den Verkehr erschweren und die
ungeheure Bergfeste gegen feindliche Angriffe von außen zu schützen
scheinen. Im Norden sind die Hochlande von Mensa, Bogos und die von den
Beni-Amer am Barka bewohnten Gegenden die Grenze; im Westen das Gebiet der
heidnischen Bazen, die wild- und steppenreichen, vom Setit und Salam
durchflossenen Theile Ost-Sudans, der Neger-Freistaat Galabat und ein
Gürtel von größtentheils unbewohnten, feuchten, mit Bambus und Waldregion
bedeckten neutralen Gebiets, das sich gegen Ost-Senaar ausdehnt; im Süden
bildet eine Strecke weit der Blaue Nil die Grenze, dann aber fast
unbekannte, von den Gala bewohnte Distrikte; endlich im Osten, wo die
Gebirgsmauern Abessiniens am steilsten abfallen, sind es die wasserlosen,
von räuberischen muhamedanischen Hirtenvölkern bewohnten
Küstenlandschaften, welche die Grenze ausmachen.
Ganz Abessinien ist im wesentlichen ein Hochland, das von allen Seiten mit
steilen Rändern aus dem Flachlande aufsteigt. Wenn der Reisende diesen
jähen Rand mühsam erklommen hat, während seine Füße von den scharfen
Steinen geritzt, seine Kleider von den Stacheln der Mimosen zerrissen
wurden, sieht er ein zweites und bald ein drittes Plateau vor sich, ebenso
jäh wie das erste, ebenso rauh und zerklüftet. Wie an ein zerstörtes
Titanenwerk erinnernd, drängen sich die Berge in den wunderbarsten Formen
durcheinander. Hier Tafelberge gleich zertrümmerten Mauern, dort runde
Massen in Gestalt von Domen, hier gerade oder geneigte, oder umgestürzte
Kegel, spitz wie Kirchthürme, dort Säulenreihen in Gestalt ungeheurer
Orgeln. In der Ferne verschmelzen sie mit Wolken und Himmel, und in der
Dämmerung meint man ein aufgeregtes Meer vor sich zu sehen. Aber dieses
Felsenmeer ist in seinem Innern keineswegs so starr und öde, als es der
äußere Anblick erwarten läßt. Obgleich sich seine Berge in weiten Flächen
oft zu einer Höhe von 10,000 Fuß erheben und ihre höchsten, sich in die
Wolken verlierenden Gipfel über 15,000 Fuß hoch aufragen, birgt sich doch
in seinen Thälern und Klüften manche Abwechselung, manche Landschaft voll
tropischer Fülle.
Der _geologische Charakter_ Abessiniens ist ziemlich einförmig und zeigt
keineswegs große Abwechselung bezüglich der vorkommenden Formationen.
Zander, der sich sehr eingehend mit der Bodenbeschaffenheit des Landes
abgab, nimmt an, daß nur zwei allgemeine vulkanische Revolutionen und
Hebungen des Landes stattfanden, daß dagegen partielle geologische
Oberflächenveränderungen nicht vorhanden sind. Er bemerkt hierüber in dem
erwähnten Manuskripte: „Die Uroberfläche des Landes war fast überall eben,
und nur hier und da wurde dieselbe von Hügelketten durchzogen, deren
höchste Spitzen bis zu 6000 Fuß über dem Meere anstiegen. Die allgemein
herrschende Gebirgsart in jener Periode war Trachyt, dessen größte
Mächtigkeit zwischen 6000 und 7000 Fuß beträgt und der oft von mächtigen
Basalten durchsetzt ist, so in den Ländern Daunt, Woadla und Wollo, wo wir
70–100 Fuß mächtige Basalte antreffen.
„Diese „Uroberfläche“ Abessiniens wurde durch zwei nacheinander folgende
vulkanische Revolutionen zerrissen, zerklüftet, zerspalten; es entstanden
jene unzähligen größeren und kleineren Risse, von denen manche jetzt noch
eine Tiefe von 4000–5000 Fuß haben, andere dagegen im Laufe der Zeit durch
Erdbeben und Zersetzungen aller Art wieder verschüttet oder in sanfte
Thäler umgewandelt wurden.
„Die _erste_ dieser großen Umwälzungen hob das Land allgemein, nur waren
ihre Wirkungen in den verschiedenen Theilen des Landes bald stärker, bald
schwächer. Die höchsten Hebungen fanden statt in Semién, Woggera,
Begemeder, Daunt, Woadla, Lasta, Talanta, Wollo und Schoa, während in
Godscham die Hebungen bereits im Abnehmen sind, um sich in der Nähe des
Nil ganz zu verlieren. Alle obengenannten Länder stehen in einem innigen
Zusammenhange und zeigen durchweg den kräftigsten Verlauf der Hebung von
Südost nach Nordwest. Zwischen der Wasserscheide des Rothen Meeres und des
Nilgebietes im Osten und den Hochlanden von Semién im Westen war ein
großes Becken entstanden, das die heutigen Länder Hamasién, Tigrié und
Enderta umschloß. Hier, eingerahmt von den Hochlanden, breitete sich ein
großer Süßwassersee aus, als dessen Ablagerungsprodukte und Zeugen seines
einstigen Vorhandenseins der rothe Eisenthon, der Sandstein und die
Grauwacke gelten müssen, welche hier in der ruhigen Periode zwischen der
ersten und zweiten vulkanischen Umwälzung abgesetzt wurden. Neben diesen
Flötzformationen treten als eigentliche Bildner des Landes folgende drei
Gebirgsarten in Abessinien auf: zu oberst _Trachyt_, unter diesem
_Urthonschiefer_ von verschiedener, bis zu 1500 Fuß ansteigender
Mächtigkeit, und zu unterst _Granit_, welcher oft mit Porphyr und Syenit
wechselt.
„Die Wirkungen und Bewegungen der _zweiten Umwälzung_ waren jenen der
ersten ziemlich gleich. Die bedeutendsten Hebungen fanden jetzt auf der
heutigen Wasserscheide des Rothen Meeres und Nilgebietes statt; die
niedrigsten in den Ländern Semién, Woggera, Begemeder, Lasta und Wollo.
Der große Süßwassersee im heutigen Tigrié verschwand, und sein horizontal
gelagerter Absatz, das Eisenthongebirge und der Sandstein, erhielt eine
sanfte Schrägung nach Westen hin, infolge der allgemeinen und überall
gleichmäßigen Hebung; und in der That gewahren wir, wie heute _das rothe
Eisenthonplateau_ sich ununterbrochen und allmälig in westlicher Richtung
bis Semién und von da noch nördlich bis Woggera und Wolkait absenkt. Die
Gesammtsenkung beträgt ungefähr 2000 Fuß, denn die Eisenthone liegen an
der Wasserscheide zwischen dem Rothen Meere und Nilgebiete 8000, an der
Grenze von Wolkait und Semién dagegen nur 6000 Fuß hoch. So weit
ausgebreitet dieses Eisenthonplateau auch ist, so wenig mächtig erscheint
seine Lagerung; denn während es an der östlichen Grenze nur einige Zoll
stark auftritt und im Innern Tigrié’s, seinem Centrum, eine Mächtigkeit
von nahe an 12 Fuß erreicht, nimmt es am Fuße der Länder Semién, Woggera
und Wolkait wieder bis zu 1 oder 2 Fuß Mächtigkeit ab.
„Unter diesem rothen Eisenthone folgt der _Sandstein_, dessen Oberfläche
gleichfalls eben wie jene der Eisenthone verläuft, dessen Mächtigkeit aber
von der Gestaltung der Urthonschiefer abhängig ist, welche seine Unterlage
bilden. Risse und Spalten, welche die Eisenthone wie die Sandsteine (oder
Grauwacke) durchziehen, zeigen einen äußerst wilden und romantischen
Charakter, der selbst im Laufe der Jahrtausende, welche seit ihrer Bildung
verflossen, nicht zerstört wurde.
„Auch durch die zweite gewaltsame Umwälzung entstanden viele neue größere
und kleinere Risse, aus denen sich, wie bei der ersten Revolution, große
_Lavaströme_ auf die Oberfläche des Landes ergossen, namentlich auf der
dem Rothen Meere zugekehrten Seite des östlichen Gebirgsabfalles. Wenn der
Reisende von Massaua aus den Weg nach Halai einschlägt, so bieten sich
seinem Auge am Fuße des Tarantagebirges und noch bis zur Hälfte an diesem
hinauf in Rissen und Spalten große Lavaströme dar. So mündet ungefähr zwei
Stunden oberhalb Hamhamo (im Tarantapaß) linker Hand ein Spalt in das
große Thal, aus welchem sich ein etwa 40 Fuß hoher, gut erhaltener
Lavastrom herabstürzt, und in vielen Spalten desselben Thales sind die
Felswände noch hier und da mit Lava überzogen. Die hier stets herrschende
heiße trockene Luft, die geringe Regenmenge waren der Erhaltung dieser
Lavamassen besonders günstig, was vom Innern Abessiniens nicht behauptet
werden kann, wo fortwährend starke Regen und feuchte Luft die Zersetzung
der Laven begünstigen. Im Innern fanden überhaupt auch weniger
Lavaergießungen statt und sind deren Spuren überhaupt äußerst selten.
Einen merkwürdigen Lavaüberrest aus der Zeit der ersten Revolution fand
ich am Flusse Mareb unterhalb der Ortschaft Gundet am Wege nach Hamasién.
Er bildete die Spitze eines abgeplatteten Hügels, war fest auf den Trachyt
gelagert, 2½–3 Fuß mächtig und bestand aus lauter Röhren von ½–1½ Zoll
Durchmesser, die theils hohl, theils mit schmuziggelbem Eisenocker
ausgefüllt waren.“
So viel berichtet Zander über die geologischen Verhältnisse des Landes.
Zur weiteren Erläuterung fügen wir hier noch Rüppell’s kurze Bemerkungen
bei: „Jenseit des flachen Meeresufers und in geringer Entfernung von der
Küste erhebt sich ein mit diesem ziemlich paralleler Gebirgszug von
imposanter Höhe, welcher zehn Stunden landeinwärts bereits
durchschnittlich 8–9000 Fuß über die Fläche des Arabischen Busens
hervorragt. Er besteht durchgehends aus Schiefer- und Gneisfelsen; an
seiner östlichen Basis aber erblickt man mehrere Trachyt-Lava-Ströme;
isolirte vulkanische Kegel tauchen aus der aufgeschwemmten Uferfläche des
Annesleygolfs bei Afté und Zula hervor und das von Salt beobachtete
Vorkommen des Obsidians zu Amphila ist ein Beweis für die Verbreitung
einer früheren vulkanischen Thätigkeit längs der ganzen Küste hin.
Westlich von dieser Küstengebirgskette bildet durchaus das nämliche
Schiefergebilde den Kern der ganzen Landschaft und wird namentlich in
allen tief eingewühlten Strombetten beobachtet. Diese Schieferformation
ist mit einem weitverbreiteten, horizontal geschichteten Sandsteinplateau
überdeckt, das aber durch spätere vulkanische Thätigkeit auf eine
merkwürdige Weise theils senkrecht gespalten und verschoben, theils
verschiedentlich emporgehoben wurde. An mehreren Orten, z. B. vermittelst
der beiden Berge Alequa in den Provinzen Ategerat (Atigrat) und Schirié,
durchbrach die Lavamasse die bereits sehr zerarbeitete Sandsteindecke und
erhob sich, isolirte zugespitzte Kegelberge bildend, über dieselbe;
anderwärts, wie in der Umgebung von Axum, entstanden durch diese
Lavaergießungen zusammenhängende vulkanische Hügelzüge; stellenweise
endlich senkte sich eine weite Strecke entlang die ganze
Sandsteinformation und bildete die auf ihrer einen Seite durch steile
Felswände begrenzte Verflachung der Landschaften von Geralta und Tembién,
deren mittlere Erhebung über die Meeresfläche auf sechstausend Fuß
anzuschlagen ist. Diese allgemeine Einförmigkeit in dem geognostischen
Charakter des ganzen östlichen Abessinien sah ich nur durch zwei andere
Gebirgsformationen unterbrochen. Die eine derselben sind die aus Kreide
und Kalkmergel bestehenden Höhen, welche zu Sanafé (in Agamié) zu Tage
kommen und die ich außerdem noch auf dem Wege von Adoa nach Halai zu
Agometen und Gantuftufié sah. Die andere Ausnahme bilden die Granitmassen,
welche theils als stark verwitterte kolossale Blöcke, theils als plumpe
Massen etwas südlich von Amba Zion und unfern des Städtchens Magab
sichtbar sind und die ich in Schirié, unter einem fast gleichen
Breitengrade, als die Seitenwände der von dem Kamelo durchflossenen
Thalausflötzung wiederfand.“
Spätere Reisende, namentlich Heuglin, haben dann noch einzelne andere
geologische Gebilde angetroffen. So tertiäre Gesteine in Hamazién, und
nach demselben Forscher zeigt sich dolomitischer Kalk überall lose in der
Dammerde; dann, an einzelnen Stellen, wie in Dembea, Gyps und Mergel. Als
Zersetzungsprodukte von Laven und Basalt erscheinen Thone und fette
Dammerde von schwarzer und rother Farbe. Sehr beträchtliche
_Braunkohlenlager_, die jedoch nicht ausgebeutet werden, finden sich im
Goangthal zwischen Dembea und Tschelga; ebensowenig benutzt man andere
mineralische Artikel, mit Ausnahme von Schwefel und Salz. Besonders
hervorzuheben in geologischer Beziehung ist noch die Entdeckung einer
Menge von _versteinerten Baumstämmen_ bei Tenta, zwischen dem Kollogebirge
und dem Beschlofluß durch Steudner und v. Heuglin. Sie sind verkieselt und
zeigen deutlich die Jahresringe, Spuren von Rinde und Gänge von
Insektenlarven. Offenbar sind diese Stämme durch den Einfluß heißer,
kieselerdehaltiger Quellen versteinert worden; sie sollen sich auch auf
den Hochebenen von Woadla, Talanta und im Galaland finden. Nach Professor
Unger, welcher dieses Holz _Nicolia aegyptiaca_ nannte, besteht der
sogenannte „versteinerte Wald“ bei Kairo aus derselben Spezies; die ihn
bildenden Stämme wurden durch Hochwasser aus den oberen Nilgebieten nach
ihrer jetzigen Lagerstätte geführt und unter Verhältnissen begraben, die
ihre Konservirung zur Folge hatten.
Trotz der großen vulkanischen Thätigkeit, welche in Abessinien geherrscht,
zeigt keine der höheren Gebirgskuppen Spuren eines Kraters. Doch ganz
unten im Schoadathale, sowie an einigen Stellen in der Fläche von Woggera
und in Telemt, erheben sich einige isolirte Kegel mit deutlicher
kraterförmiger Vertiefung, welche sicherlich Spätlinge der vulkanischen
Thätigkeit waren. Jedenfalls sind in historischer Zeit nur vereinzelte
Vulkanausbrüche bekannt geworden, zuletzt im Jahre 1861, als der Vulkan
von Ed an der Danakilküste des Rothen Meeres zwei heftige Eruptionen
hatte. Auch führt Rüppell nach den Landeschroniken einen heftigen
Aschenregen an, der für ganz Abessinien ein unerhörtes Ereigniß war.
Erdbeben sind dagegen ziemlich häufig.
Bei der vulkanischen Natur des Landes kann es nicht Wunder nehmen, daß
_heiße Quellen_ in demselben keineswegs selten vorkommen. Die berühmtesten
Quellen sind in Begemeder, bei Ailat (Eilet) in der Nähe Massaua’s im
Küstenlande und zu Filamba im nördlichen Schoa. Letztere, fünf an der
Zahl, in einer lieblichen Gegend der Provinz Giddem gelegen, umgeben von
prächtigen Bäumen, sind der Zufluchtsort aller Kranken und Siechen von
weit und breit, die hier Heilung von den verschiedensten Uebeln suchen.
Die heilkräftigste dieser Quellen führt den Namen Aragawi nach einem der
neun griechischen Sendboten, welche das Christenthum in Abessinien
ausbreiten halfen. Nahe dabei liegt der Quell „Heilige Dreieinigkeit“,
dessen Temperatur 48° C. beträgt. Die Zulassung zu den Bädern muß mit
einem Stück Salz im Werthe von etwa 2½ Groschen erkauft werden. Der
Geschmack des klaren Wassers ist leicht nach Schwefelwasserstoffgas.
_Oberflächengestaltung._ Betrachten wir nun die Oberflächengestaltung des
Landes und seine Gebirgsbildungen. Schroff gegen die Gestade des Rothen
Meeres abstürzend, nur durch wenige Pässe durchbrochen, zieht sich an der
ganzen Westgrenze des Landes eine lange Bergkette hin, die sich
durchschnittlich 8000 bis 9000 Fuß über dem Meere erhebt. Westlich von
dieser treffen wir im Herzen Tigrié’s auf theils isolirte, theils
zusammenhängende Berge, die, namentlich in der Umgebung der Hauptstadt
Adoa, unter dem Namen der _Aukerkette_ zusammengefaßt werden. Alle die
vielen Gipfel derselben gehen wenig über 9000 Fuß hinauf; die meisten
erheben sich nur zwischen 7000 und 8000 Fuß. Der höchste unter ihnen, der
Semajata im Osten Adoa’s, steigt bis zu 9518 Fuß. Von diesem Systeme
verzweigt sich durch die Provinzen Agamié und Haramat eine andere Reihe
von Gebirgen, die in Bezug auf groteske Formen alles hinter sich
zurücklassen, was wir in den Alpen, den Cordilleren Amerika’s oder in den
malerischen Gebilden der Sächsischen Schweiz zu sehen gewohnt sind, und
die in der That einzig auf unsrer Erde dazustehen scheinen als Ausgeburten
einer seltsamen Laune der Natur. Ihre höchste Erhebung finden sie in dem
Tatsén oder Alequa bei Adigrat mit 10,390, und im Sanafé mit 10,242 Fuß.
Die Reisenden, welche diese Gegenden durchwanderten, werden nicht müde,
die seltsamsten Vergleiche heranzuziehen, um dem Leser einen Begriff von
diesen wunderbaren Formen zu machen. Alle übrigen Berggestaltungen unsrer
Erde, die verschiedensten Bauformen – Rüppell spricht sogar von
ägyptischen Tempeln – werden angeführt, doch ist das geschriebene Wort nur
wenig dazu geeignet, in uns eine lebhafte Vorstellung zu erwecken. Hier
tritt der Griffel des Künstlers in sein volles Recht, und die Abbildungen,
die wir glücklicherweise in dieser Beziehung vorführen können, sind
vollkommen geeignet, eine klare Anschauung der betreffenden
Gebirgsformationen herzustellen. Isenberg, der von Adoa aus einen Theil
Haramats auf seinem Zuge in das Lager Ubié’s 1838 berührte, ist ganz
entzückt über jene herrlichen Gestalten und schildert eine dieser _Amben_
– so nennt man jene Bergformen – folgendermaßen: „Wir gelangten in ein
Thal, ringsum von hohen steilen Felsen eingeschlossen, an dessen östlichem
Ende auf der Spitze eines Granitfelsens – aus welchem überhaupt meistens
diese Berge bestehen – über einem Engpasse ein Kloster Namens Debra
Berberi (Pfefferberg) liegt. Dieses Thal durchschritten wir und bestiegen
dann ein wellenförmiges Plateau, welches links von einer majestätischen
von Norden nach Süden ziehenden Felswand begrenzt ist, welche einen
unbeschreiblichen Eindruck auf mich machte. Dieser Amba oder Berg zieht
sich mit meist senkrechten mächtigen Wänden fünf oder sechs Stunden weit
hin und gleicht einem ungeheuren gothischen Naturgebäude in kolossalster
Form und Vollendung.
[Illustration: Amba Zion in Haramat. Originalzeichnung von Eduard
Zander.]
Die in regelmäßigen Dimensionen voneinander stehenden zahlreichen Säulen,
womit die ganze ungeheure Wand besetzt ist, vermehren bedeutend den
Anblick eines Kunstwerkes, und nicht minder einige fensterähnliche
Oeffnungen, durch welche man, weil an diesen Stellen der Fels sehr dünn
ist, hindurchschauen kann. Dieser Berg heißt _Amba Saneïti_. An seinem
südlichen Ende steht ein großer isolirter konischer Fels, der einer höchst
kolossalen alten Ritterburg ähnlich ist.
Diese und ähnliche Berge, an welchen besonders Agamié so reich ist, dienen
häufig, da sie in der Regel von den meisten Stellen unzugänglich, und sehr
häufig oben, wo sie meist platt sind, Wasser haben, Empörern und überhaupt
kriegführenden Haufen als _natürliche Festungen_, wo sie, wenn sie sonst
Vorräthe an Lebensmitteln haben, sich lange gegen den belagernden Feind
vertheidigen und leicht Ausfälle auf ihn machen können.“ Prachtvoll ist
auch der Anblick der _Amba Zion_, welche sich südlich von Atigrat in der
Landschaft Haramat bis zu 9269 Fuß erhebt. Rüppell zog durch wiesenreiche
Gründe am 1. Juni 1832 an dieser märchenhaften Felswand hin. „Die
Sandsteinterrasse bildete zur Rechten unsres heutigen Weges ein schroffes
Vorgebirge, das sich bei 1200 Fuß über die Thalebene erhob und einen
ausgezeichneten Punkt zur geographischen Orientirung darbot; sein Name ist
Amba Zion. Der Boden der Landschaft fing nun an, ziemlich eben zu werden
(nach Süden zu) und bestand in einer nackten, unfruchtbaren und
stellenweise mehrere Fuß breit auseinandergerissenen Sandsteinmasse, deren
Spalten durchaus von emporgehobener Lava ausgefüllt waren.“
Von all den eben angeführten Gebirgen werden die noch höheren und
majestätischeren Berge Semién’s durch den Takazziéstrom, eine der
Hauptwasseradern Abessiniens, getrennt. Der Reisende, welcher auf dem
hohen Plateau, das sich im Osten des Takazzié in Tigrié ausdehnt, dem
Lande _Semién_ zuschreitet, erblickt bald vor sich ein wunderbares
Panorama. Die Thäler von Telemt und Semién liegen noch in Frühnebel
eingehüllt, auf den dunkle Purpurschatten fallen. Wie ein Meer breiten
sich die obern Flächen der Dünste horizontal und leicht vom Winde bewegt
über dem tiefen Bette des Takazzié und andern unzähligen Rissen und
Thälern aus, daraus ragen im Morgensonnengolde Zacken und Kegel wie Inseln
und Burgen aus einem blauen Ozean und dahinter als hohe Mauer der hoch zum
Himmel aufstrebende Gebirgsstock von Semién mit weit vorgeschobenen,
Tausende von Fuß senkrecht abfallenden Massen. Diese Gebirge sind durchaus
vulkanischer Natur, aber längs ihrer vom Takazzié bespülten Basis findet
sich dieselbe Formation wie auf dem östlichen Ufer dieses Stromes,
Schiefer in der Tiefe mit horizontalem Sandstein überdeckt und vulkanische
Lavakegel, die den letztern durchbrochen haben. Die höchsten Spitzen von
Semién reichen bis in die Eisregion und sind namentlich während der
Regenzeit zuweilen auf mehrere tausend Fuß herab mit hagel- oder
firnartigem, sehr körnigem _Schnee_ bedeckt, der jedoch schnell schmilzt,
und nur auf der Nordseite sieht man an sehr vor der Sonne geschützten
Felsbänken und in Schluchten fast das ganze Jahr über Eis, d. h.
gefrorene, in den Bergen entspringende Wasser, oft in ansehnlichen Massen,
theilweise allerdings auch von etwas derber Textur; von Gletschern und
ewigem Schnee kann aber hier nicht die Rede sein.
In der Tigriésprache heißt der Schnee Berit. Bruce, welcher nur über die
niedrige Kette des Lamalmon in Semién gekommen war, glaubte nicht, daß
jemals Schnee auf den Bergen gesehen werde, obgleich die Thatsache in der
frühesten Nachricht vom Lande, in der adulitanischen Inschrift des Kosmas
Indikopleustes, und später von den am besten unterrichteten Jesuiten,
welche in Abessinien reisten, erwähnt wird. Rüppell fand im Juni das obere
Viertheil der ganzen Gebirgskette mit Schnee bedeckt, eine Erscheinung,
die im Kontrast mit dem dunklen Lazur des Himmels und den üppig grünen
Pflanzen des Vordergrundes etwas in Afrika höchst Fremdartiges an sich
hatte. Der durchaus aus vulkanischer Felsmasse bestehende schroffe
Gebirgskamm, welcher die Provinz Semién von Ostsüdost nach Westnordwest zu
begrenzt, umzieht in seinem weiteren Verlaufe in gewissermaßen
ellipsoidischer Form den ganzen ungeheuren Dembeasee wie ein weiter
Kesselrand, und der _Buahat_ (Bachit), welcher die ganze Gruppe überragt,
krönt gleichsam den Gebirgskreis mit seiner erhabenen Kuppe. Hier ist die
echte „afrikanische Schweiz“, die unter die Tropen gerückte Alpenwelt, wie
Munzinger in Erinnerung an seine Heimat Abessinien getauft hat. Und in der
That, der Alpencharakter springt jedem, der es sah, in die Augen. „Unser
Marsch am 26. Juni“, schreibt Rüppell, „brachte uns in eine Landschaft,
welche ganz den Charakter der schöneren europäischen Hochgebirgspartien
hatte. Coulissenartig springen auf den Seiten die Höhen mit Nebenthälern
hervor, welche theils beholzt, theils mit einem grünen Teppich der
schönsten Gerstensaat besäet sind. Das Ganze aber umgiebt
amphitheatralisch ein Kranz von hohen Bergen, deren schneeige Gipfel über
fette Alpenweiden emporragen. Bald erweitert sich das Hauptthal etwas nach
Südwesten zu, und nun zeigt sich in pittoresker Gestalt der weit herab mit
Eis bedeckte Berg _Abba Jaret_, einer der höchsten der ganzen Kette.
Wasserreiche Kaskaden umgeben auf beiden Seiten den Ataba, um ihm den
Tribut der Berge zu bringen, und hier und da schmückt eine ehrwürdige
Baumgruppe die grasreichen Ufer desselben. Ueber der ganzen Landschaft
aber schwebte das herrliche, ganz reine Lasurgewölbe des Himmels
tropischer Hochgebirgsregionen. Kurz, alles vergegenwärtigt hier den
Charakter der Hochalpen Europa’s, und es fehlten nur die malerisch
gelegenen Sennhütten.“
[Illustration: Teiit, Partie vom Totscha in Semién. Originalzeichnung
von E. Zander.]
Der Ataba ist ein sehr wasserreicher, dem Takazzié zuströmender
Gebirgsfluß, dessen Bett mit Felsblöcken gleichsam durchsäet ist. An
seinem Ufer erhebt sich der 11,500 Fuß hohe _Dschinufra_, dessen
trachytische, mit Mandelsteinen und Basalten durchsetzte Gebirgsmassen
hier 3000 Fuß jäh abfallen und namentlich in seinem _Woikall_ genannten
Zweige von Süden her einen imposanten Anblick gewähren. Ueberreich ist
Semién an ähnlichen grotesken Fels- und Berggestaltungen, sodaß es schwer
hält, aus der großen Zahl der herrlichen Partien nur einige der schönsten
auszuwählen, um sie dem Leser vorzuführen. Da ist der _Awirr_, der sich
nach Norden zu mit dem hohen _Selki_ verbindet und der nach Osten zu ins
Takazziéthal abfällt, während sich sein Westabhang ins Appenathal senkt;
ferner treffen wir hier auf die malerische Felspartie _Teiit_, ein Theil
des Totscha.
Unsere schwindelerregenden Alpenpässe mit ihren grausigen Schlünden, sie
reichen in ihrer Gefährlichkeit nicht an die Berge Semiéns hinan. Der Weg
windet sich oft an einer senkrechten Felswand neben furchtbaren Abgründen
hin, sodaß auf ihm kaum ein unbeladenes Maulthier sicher hindurchkommen
kann. An mehreren Stellen würde es sogar für Menschen unmöglich sein,
vorbeizuklettern, wenn nicht an der ganz lothrechten Felsmasse auf
künstlich angelegten Baumstämmen ein Pfad geschaffen wäre; aber auch dies
ist mit so wenig Geschick gemacht, daß man oft in großer Lebensgefahr
schwebt. Dazu gesellt sich das dornige Gesträuch, welches aus jedem
Felsspalt dieser vulkanischen Massen wildwuchernd hervorstarrt und das
Beschwerliche des Marsches im hohen Grade vermehrt. Diese Gefahren werden
besonders von Heuglin in seiner Ueberschreitung des Amba-Ras in
anschaulicher Weise geschildert. „Der Pfad, den kein Maulthier zu
erklimmen im Stande ist, führt über zwei sehr enge, tiefe Schluchten
hinweg von einem Felsgrat zum andern, übrigens häufig durch üppigen
Baumschlag und grünes Gebüsch, an Quellen mit moosigem Gestein und
blumigen Rasenplätzen hin, steiler und immer steiler aufwärts. Ueber
schwindelnder Kluft liegt ein halbmorscher Baumstamm als Brücke, links
erhebt sich eine starre Felswand; rechts herabzublicken in den Abgrund
wagt keiner, ehe er die verhängnißvolle Passage hinter sich hat. An
steilen Geländen windet man sich immer höher, zuweilen über weite
Eisstrecken weg. Da scheint der höchste senkrechte Abfall des Amba-Ras
wirklich jedes weitere Vordringen unmöglich zu machen, doch es öffnet sich
eine Felsspalte von nur zwei bis drei Fuß Weite, wie in einem Schornstein
klettert man vorsichtig, damit kein Stein lose wird, in alle möglichen
Situationen übergehend, von Vorsprung zu Vorsprung und kommt zuletzt mit
wunden Köpfen, Händen und Füßen auf der Plattform zwischen Bachit und
Amba-Ras wieder zu Tage.“ So sind die Wege in Semién beschaffen und doch
haben sie Armeen, aber abessinische Armeen, durchzogen und entscheidende
Schlachten auf den Eisfeldern des Landes geliefert. Die meisten der
angeführten Bergriesen Semiéns, außer denen wir hier noch den Walia-Kant,
den Jotes-Saret, Barotschuha, Taffalesser und Ras-Tetschen nennen,
erreichen eine Höhe von mehr als 14,000 Fuß über dem Meere und werden nur
noch durch das Kollogebirge in den Galaländern übertroffen.
Südwestlich von Semién setzen sich die Gebirge in der _Hochfläche von
Woggera_ fort, einer Art von gestaffelter Terrasse, die in ihrer höchsten
Ebene bis zu 9500 Fuß emporragt, sich allmälig aber nach Südosten
verflacht, unfern von Gondar aber immer noch ziemlich steil nach dem
kesselförmig von Höhen umgebenen großen Becken des _Tanasees_ abfällt.
Woggera und alle Bergzüge in der Umgebung dieses großen Binnensees
bestehen ganz aus vulkanischen Felsmassen und der durch ihre Zersetzung
höchst fruchtbar gewordene Boden bildet eine herrliche Weidelandschaft.
Von Gondar aus wendet sich, an die Abfälle Woggera’s anschließend, ein
schmaler Gebirgszug ohne Unterbrechung nach Südosten, der die Verbindung
mit dem Hochlande Begemeder herstellt und bei Derita seine größte Höhe
zwischen 9000 und 10,000 Fuß erreicht. In Begemeder selbst treffen wir auf
das hohe, von Heuglin erstiegene _Gunagebirge_ (13,000 Fuß). Die Gipfel
bestehen aus kahlen Trachytmassen, die ein milchweißes, feldspathartiges
Gestein einschließen; an einzelnen Stellen der Gehänge sieht man Wacken
und Thone und der ganze Gebirgsstock hat einen ansehnlichen Umfang. Nach
Süden und Osten fällt er steiler ab und verläuft nach Westen nach und nach
gegen den Blauen Nil und den Tanasee. Nach Osten zu schließen sich wieder,
zum Theil mit dem Beschlostrome parallel laufend, hohe Gebirge an die Guna
an, deren eines sich unmittelbar mit den Hochebenen der Länder Woadla,
Talanta, Daunt, Jedschu und Lasta verbindet.
[Illustration: Südansicht des Woikall, eines Zweiges des Dschinufra,
vom Hai aus gesehen.
Originalzeichnung von Eduard Zander.]
Die Plateaux der zuerst genannten Länder steigen bis 9000 Fuß über das
Meer an, während die höchsten Spitzen von Lasta wieder in die Eisregion
hineinragen. Jenseit des Beschlo aber, im Lande der Wollo-Gala, steigt
Abessiniens höchstes Gebirge, die _Kollo_, bis über 15,000 Fuß an, und
auch in dem benachbarten, nach Westen zu gelegenen Gischem treffen wir auf
10,000 Fuß hohe Gipfel.
Jenseit des Nil aber begegnen wir der durchschnittlich 8000 Fuß hohen
Berglandschaft Godscham, die im Talbawaha mit 11,000 Fuß ihre größte
Erhebung findet. Endlich im Süden steigen kühn und malerisch wie die
Gebirge Semiéns die Felsmassen von Schoa auf, die in der „Mutter der
Gnade“, dem _Mamrat_ (13,000 Fuß), einen würdigen Abschluß finden.
_Flüsse._ Die nach Westen und Nordwesten geneigten Hochflächen Abessiniens
werden von zahlreichen Bächen und Strömen durchschnitten, die nach kurzem
Laufe auf dem Plateau plötzlich in tiefeingeschnittene Thäler fallen, in
welchen sie oft sehr schnell eine Tiefe von 3000 bis 4000 Fuß unter der
Fläche des Tafellandes erreichen. So behauptet das Hochland von Semién in
seinem ziemlich gleichförmigen Rande eine Höhe von 10,000 Fuß. Aber das
Bett des Bellegas im Schoadathale liegt nur etwa 5400 Fuß, das des
Takazzié an der Nordostgrenze gar nur 3000 Fuß über dem Meere. Die
größeren Flußthäler, z. B. des Takazzié und des Abai im Süden, sind
ziemlich weit; das letztere hat eine Breite von wenigstens fünf deutschen
Meilen. Deshalb stellen die Abessinier ihr Tafelland stets als eine aus
dem umgebenden Tieflande emporragende Insel dar. Die Thäler sind
außerordentlich wild und unregelmäßig, im ganzen aber von ziemlich
übereinstimmendem Charakter. Die obere Hälfte des Abfalls ist immer
ungemein steil, oft aus vielfach zerrissenen horizontalen Bänken von Lava,
Trachyt und Basalttuff gebildet; dann folgen terrassenförmig übereinander
liegende Plateaux mit sanfteren Abfällen, oft aus fest zusammengebackenen
Brocken vulkanischer Gesteine der Nachbarschaft und Dammerde bestehend.
Auf der Thalsohle dagegen erscheinen wieder die vulkanischen Massen in
ihrer Urgestalt, und die dort hausenden Hochwasser haben sich in denselben
tiefe, rinnenartige Betten mit meist senkrechten Wänden eingerissen. In
der trockenen Jahreszeit sind die Ströme in diesen Thälern theilweise ohne
Wasser, kaum schlammigen Bächen ähnlich; in der Regenzeit überfluten sie
das ganze Flachland. Da, wo die Flüsse das Flachland verlassen, bilden sie
meistens Katarakte von bedeutender Höhe, und in solchen Wasserfällen und
Stromschnellen senkt sich ihr Bett auf eine Strecke von wenigen Meilen um
mehrere tausend Fuß.
Prächtig hat vor allen andern Werner Munzinger dieses Anschwellen der
abessinischen Ströme geschildert. Er führt uns in die tiefe Thalschlucht,
in der es fast den ganzen Tag über dunkel ist, denn nur wenige
Mittagsstunden dringt die Sonne in die schauerliche Tiefe. „Hier wird
selbst der Vogel scheu und stumm und die am spärlichen Wasser sich labende
Gazelle lauscht ängstlich auf bei jedem Geräusch in der fluchtwehrenden
Enge. Da ist fast ewige Stille, nur unterbrochen von dem Murmeln des sich
ins Freie drängenden Baches, selten gestört von dem Geheul der an den
jähen Abgrund sich klammernden Affen.
„Weh dem, der hier weilt in der Regenzeit! Von langer Fahrt müde bettet
sich der Wanderer in dem Thal. Er ist von der Hitze so erschöpft, selbst
diese finstern Gründe laden ihn zur Ruhe. Im heißesten Mittag wiegt er
sich in süße Träume; seiner harret das freundliche Heim – da dröhnt es
dumpf im Hochgebirge; ein Schuß, ein zweiter, dann der schreckliche, den
ganzen Himmel durchrasende Donner.
„Doch fürchtet er noch nichts, das Gewitter ist ja so fern. Er weilt und
träumt, er sei schon bei den Lieben. Da erhebt sich von oben ein Rauschen,
wie wenn der Wind durch die Blätter führe. Es wird lauter, gewaltiger, es
zischt, es prasselt, es toset, es brüllt, als wenn die bösen Geister
anführen – nun naht es, mauergleich, sich schäumend und überstürzend – _es
ist der Waldstrom_. Der Bach, vom Regen angeschwollen, ist ein mächtiger
Strom geworden, doch seines kurzen Lebens gedenk stürzt er wild und feurig
in das Thal hinab. Die tiefgewurzelten Sykomoren sinken unter seiner Wucht
und die grasige Ebene wird von Schutt überrollt; das Wasser füllt das
ganze Thal und langt hoch an die Felsen hinauf. Wehe dir, du armer Mann!
Wo solltest du hin entfliehen? Hast du die Flügel des Adlers, hast du die
Krallen des Affen, der über dir schwebend deiner Noth höhnt? Bist du im
Bunde mit den Geistern, daß sie dich forttrügen? Hier ist sie nicht dein
Knecht die Natur, sie ist dein dich vernichtender Feind. Es sind wenige
Jahre her, daß ein ganzes Zeltlager, in einem breiten, trockenen
Strombette gelagert, die Beduinen mit ihren Herden und Zelten von dem
ungeahnten Waldstrom überfallen und fortgerissen wurden. Hundert Menschen,
Tausende von Ziegen wurden seine Beute.“
Tritt hier der abessinische Strom vernichtend auf, so erfüllt er
andererseits eine hohe Aufgabe. Unser Landsmann Eduard Rüppell war der
erste, welcher 1832 darauf hinwies, daß _diese Ströme die Bildner des
fruchtbaren Erdreichs in Aegypten und die Ursache der Nilüberschwemmungen_
sind. „Die aufgelösten vulkanischen Massen Abessiniens“, sagt er, „sind,
indem sie von den zur Regenzeit anschwellenden Flüssen fortgeflößt werden,
die Elemente jener befruchtenden Erdablagerungen, welche der Nilstrom
längs seinem ganzen Laufe seit Jahrtausenden alljährlich absetzt. Bedenkt
man die ungeheure Erstreckung des von diesem Flusse angeschwemmten Landes
in Nubien und Aegypten, so wird man mit Erstaunen erfüllt über die Masse
der nach und nach durch die Verwitterung zerstörten Vulkane Abessiniens.“
(Reise in Abyssinien, II, 319.)
Erst volle dreißig Jahre später widmete der Engländer Baker dieser
Thätigkeit der abessinischen Ströme sein Augenmerk; ein ganzes Jahr lang
zog er im Gebiete derselben umher und hielt sich dann schließlich für den
Entdecker der schon früher von Rüppell aufgestellten Thatsache, die
allerdings von ihm in vielen Stücken erläutert wurde. Der _Atbara_, der
_Takazzié_ oder _Setit_, der _Salam_, _Angrab_, _Rahad_, _Dender_ und der
_Abai_ oder _Blaue Nil_ sind die großen Entwässerungskanäle Abessiniens;
sie haben alle einen gleichförmigen Lauf von Südost nach Nordwest und
treffen den Hauptnil in zwei Mündungen, durch den Blauen Nil bei Chartum
und durch den Atbara.
Alle die genannten Ströme gehören zum Gebiete des Nil. Als Hauptquelland
des Abai (Blauer Fluß, Bahr el Asrek) muß das Becken des _Tanasees_ (Zana,
Tsana) betrachtet werden. In einem ungeheuren, vom Hochland umlagerten
Becken sammeln sich ungefähr im Mittelpunkte von Amhara die meisten
Gewässer von Godscham, Begemeder und Dembea und bilden in einer Meereshöhe
von 5732 Fuß einen herrlichen Alpensee mit zahlreichen Inseln, eingesäumt
von grünen Matten und reichen Kulturebenen, durch welche in
Schlangenwindungen zahlreiche Bergwasser rinnen. Der Tanasee, welcher in
elliptischer Form einen Raum von etwa einhundertfünfzig Quadratstunden
einnimmt, war einst wol um die Hälfte größer, aber im Laufe der
Jahrtausende haben die fortwährenden Schlammniederschläge von zersetzter
Lava, welche die Gewässer während der Regenzeit von den vulkanischen Höhen
abspülen, eine wagerechte Bodenfläche an vielen Stellen seiner Ufer
gebildet und so nach und nach seinen Umkreis verengt. In einer mehr als 60
Fuß tiefen Felsschlucht, deren senkrecht abstürzende Seitenwände an
mehreren Stellen kaum zwei Klaftern weit voneinander entfernt sind,
rauscht der Nil in einer ununterbrochenen Reihe von Kaskaden aus dem See
hervor. Während der Regenzeit ist nicht allein dieser ganze Felsenspalt
mit Wasser ausgefüllt, sondern der Strom überflutet dann auch eine
beträchtliche Strecke des südlichen Ufers, welche mit stark abgeschwemmten
vulkanischen Geröllen von kolossaler Größe bedeckt ist. Hier wölbt sich
über ihn die _Brücke von Deldei_, welche aus acht Bogen besteht, die alle
untereinander von ungleicher Größe sind und von denen der nördlichste,
über die Felsenschlucht selbst gesprengte und somit allein immer vom Strom
durchflossene, bei weitem der größte von allen ist. Die Länge der Brücke
beträgt neunzig Schritt und ihre Breite fünfzehn Fuß. Sie bildet in ihrer
Längenerstreckung keine gerade Linie, indem sie an den drei nördlichen
Bogen sich etwas nach Westen wendet. Die Wölbung der Bogen ist aus kleinen
behauenen Sandsteinen erbaut, das Uebrige aber aus Lavafels. In der Mitte
der Brücke befindet sich eine Quermauer mit einem Thore und an ihrem
Nordende ist eine Art von Vertheidigungsthurm, der aber jetzt in Trümmern
liegt. Von hier aus umfließt der Blaue Nil in spiralförmigem Laufe, sich
den Grenzen Schoa’s nähernd, Godscham und Damot und nimmt erst in Fasogl
und den Ebenen von Sennar nordwestlichen Lauf an, welchen er beibehält bis
zu seiner Vereinigung mit dem Weißen Nil bei Chartum. Der Abai erhält noch
reichliche Zuflüsse von Osten und Süden her, namentlich den _Beschlo_ und
die _Dschama_, und endlich in Sennar den Dinder und Rahad, welche den
westlichen Rand von Abessinien zum Quellgebiet haben. Der Blaue Nil ist
während der trockenen Jahreszeit so klein, daß er nicht Wasser genug für
kleinere Fahrzeuge hat, die mit dem Transporte von Produkten von Sennar
nach Chartum beschäftigt sind. In dieser Zeit ist das Wasser schön hell,
und da es den wolkenlosen Himmel reflektirt, hat seine Farbe zu dem
wohlbekannten Namen Bahr el Asrek oder Blauer Fluß Anlaß gegeben. Es giebt
kein köstlicheres Wasser als das des Blauen Nil; es sticht ganz ab gegen
das des Weißen Flusses, welches nie hell ist und einen unangenehmen
Vegetationsgeschmack hat. Diese Verschiedenheit in der Beschaffenheit des
Wassers ist ein unterscheidendes Merkmal der beiden Flüsse; der eine, der
Blaue Nil, ist ein reißender Gebirgsstrom, der mit großer Schnelligkeit
steigt und fällt; der andere entspringt im Mwutan Nzige und fließt durch
ungeheure Marschen. Der Lauf des Blauen Nil geht durch fruchtbaren Boden;
er erleidet daher nur einen geringen Verlust durch Absorption, und während
der starken Regen liefern seine Wasser einen mächtigen Beitrag erdigen
Stoffs von rother Farbe zu dem allgemein befruchtenden Niederschlag des
Nil in Unterägypten.
[Illustration: Charakter des Hochgebirges Awirr in Semién. Nach
Originalzeichnung von E. Zander.]
Der _Atbara_ entspringt ganz nahe am Nordrande des Tanasees in Dembea und
ist, obgleich in der Regenzeit ein so bedeutender Strom, doch mehrere
Monate des Jahres hindurch vollkommen trocken oder auf wenige Pfützen
beschränkt, in welche sich Krokodile, Fische, Schildkröten und Flußpferde
zusammendrängen, bis sie der Beginn der Regenzeit wieder in Freiheit
setzt, indem eine frische Wassermasse dem Flusse zuströmt. Die Regenzeit
beginnt in Abessinien im Juni; von da an bis zur Mitte des September sind
die Gewitter furchtbar; jede Schlucht wird ein tobender Gießbach; Bäume
werden von den über ihre Ufer geschwollenen Bergströmen entwurzelt, der
Atbara wird ein ungeheurer Fluß, der mit einer alles überwältigenden
Strömung den ganzen Ablauf von fünf großen Flüssen (des Takazzié, Salam,
Dinder und Angrab nebst seiner eigenen ursprünglichen Wassermasse)
herabbringt. Seine Fluten sind getrübt vom Erdreich, das von den
fruchtbarsten Ländereien weit von seinem Vereinigungspunkte mit dem Nil
abgewaschen wurde. Massen von Treibholz nebst großen Bäumen und häufig die
Leichen von Elephanten und Büffeln werden von seinen schlammigen Wassern
in wilder Verwirrung fortgeschleudert und bringen den an seinen Ufern
wohnenden Arabern eine reiche Ernte an Brenn- und Nutzholz.
Der Blaue Nil und der Atbara, die fast den ganzen Wasserabfluß Abessiniens
aufnehmen, ergießen ihre Hochwasser in der Mitte des Juni gleichzeitig in
den Hauptnil. In dieser Zeit hat auch der Weiße Nil einen beträchtlich
hohen, obwol nicht seinen höchsten Stand, und der plötzliche Wassersturz,
der von Abessinien in den Hauptkanal herabkommt, welcher schon durch den
Weißen Nil auf einen bedeutenden Stand gebracht worden ist, verursacht die
jährliche Ueberschwemmung in Unterägypten.
Als Haupt- und Charakterstrom Abessiniens kann der _Takazzié_ gelten,
wenngleich er nur ein Nebenfluß des Atbara ist. Er entspringt östlich vom
Tanasee zwischen Begemeder und Lasta aus drei kleinen Quellen, die bei den
Eingeborenen Aïn (das Auge des) Takazzié heißen. Diese ergießen sich in
einen Behälter, aus welchem das Wasser zuerst in einem vereinigten Bache
herausfließt. Der Strom, die große Scheide zwischen den Landen Amhara in
seinem Westen und Tigrié in seinem Osten, geht erst in nördlicher Richtung
weiter und rauscht dann in schäumenden Kaskaden an den Alpen Semién’s am
Awirr hin, durch welche er sich sein mit steilen Wänden eingefaßtes Bett
wühlt. Hier, in diesem tiefen, nur 3000 Fuß über dem Meere liegenden
Thale, neben dem sich die Berge bis in die Eisregion erheben, herrscht
eine heiße ungesunde Luft und wohnen wenig Menschen. Selbst die Thiere
meiden diesen Aufenthalt, und nur die unförmigen Köpfe der Nilpferde
erscheinen über dem Spiegel des in Stromschnellen über Kiesgrund
dahinschießenden Flusses. Von Semién an nimmt der Takazzié eine westliche
Richtung an und tritt durch das heiße Land Wolkait auf ägyptisches Gebiet
über, wo er den Rojan auf- und den Namen _Setit_ annimmt. Durch das Land
der Homranaraber und eine überaus wildreiche Gegend, das Paradies der
Jagdfreunde, wälzt er endlich seine Wasser, die nie ganz austrocknen, dem
Atbara zu. Als ein weiterer Zufluß desselben kann der in Hamasién
entspringende, die Provinz Serawié in einem Bogen umfließende _Mareb_
betrachtet werden, welcher durch das Land der wilden Kunama zieht, in der
ägyptischen Provinz Taka den Namen _Chor el Gasch_ erhält und jenseit
Kassala entweder versandet oder bei Hochwasser den Atbara erreicht.
Die Wasser der nördlichen Grenzländer Abessiniens endlich sammelt der
_Barka_, die er bei Tokar südlich von Sauakin dem Rothen Meere zuführt.
Aber alle diese Flüsse, so große Gaben sie sonst für das Land sind,
verlieren dadurch bedeutend an Werth, daß sie nicht als
Kommunikationsmittel dienen können. Es fehlen die Ströme, die sich
schiffbar in das Rothe Meer ergießen; es fehlen auch, um diesen Mangel zu
ersetzen, die allmälig nach Osten sinkenden Ebenen, die, gegen die Küste
auslaufend, den Kameeltransport ermöglichen. Mehr noch als das: die Flüsse
verhindern sogar in der Regenzeit allen Verkehr, denn Brücken baut der
Abessinier nicht und die alten, von den Portugiesen hergestellten
zerfallen.
Schoa schließlich, der südliche Theil Abessiniens, sendet seine nach
Westen gehenden Ströme dem Abai zu, im Osten zieht sich dagegen der aus
Guragué kommende _Hawasch_ um das Land, allein er erreicht das Rothe Meer
nicht und versandet in den Salzebenen und Lagunen der Danakilküste.
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_Klimatische Verhältnisse._ Unter den Tropen gelegen, von der Meeresküste
bis zu 15,000 Fuß Höhe an die Grenze der Eisregion hinaufragend, die
südliche Hitze und nordische Kälte vereinigend, bietet Abessinien auf
seinem verhältnißmäßig beschränkten Raume alle Erscheinungen der
ostafrikanischen Pflanzenwelt von der Flora der Wüste bis zu jener der
Hochlande in seltener Fülle und unendlichem Reichthum dar. Aus dieser so
verschiedenen Höhenlage ergiebt sich auch ein bedeutender Wechsel des
_Klimas_, und in der That kann man an einigen Orten binnen wenigen Stunden
aus der Region der Palmen bis auf die eisigen Hochebenen gelangen, wo die
Vegetation ein Ende nimmt. Schließt man die heißen Küstenstriche, die
tiefgelegenen Niederungen und die nicht minder tief in das Land
eingerissenen Thäler, wie jenes des Takazzié, aus, so kann das Hochland
als ein klimatisch sehr begünstigtes bezeichnet werden. Nach Rüppell sind
die täglichen Abwechselungen in der Lufttemperatur von wenig Belang;
starke Stürme sind eine große Seltenheit; die Feuchtigkeit der Regenzeit
hat gar keinen nachtheiligen Einfluß auf die Gesundheit, ja während dieser
Zeit ist sogar am Vormittag fast stets der Himmel heiter und nur zwischen
zwei bis sechs Uhr bricht ein starkes Gewitter aus, welchem gewöhnlich
eine bewölkte Nacht folgt. Die Witterung der Sommerzeit, d. h. der Monate
November bis Juni, ist im westlichen Abessinien die angenehmste, die man
sich denken kann, da in der Regel alle acht Tage ein leichter Regenschauer
fällt und die Wärme der sonst heiteren Luft wegen der relativen Höhe des
Landes nichts weniger als drückend ist. Welchen Gegensatz bietet dieses
Klima zu demjenigen des größeren Theils von Afrika, das so viele Opfer
fordert!
In dem uns zu Gebote stehenden Manuskripte Zander’s finden sich über den
Wechsel der Temperatur in Abessinien von den höchsten Berggipfeln bis zu
den tiefsten Thälern des Landes herab, also zwischen 14,000 und 3000 Fuß,
folgende mittlere Werthe in Graden nach Réaumur angeführt. Zwischen 14,000
und 13,000 Fuß: früh und Abends im Sommer + 1 bis 3°; in den Wintermonaten
zu derselben Zeit - 3 bis - 6°; des Mittags + 3 bis 4°.
Zwischen 13,000 und 12,000 Fuß: früh und Nachts 0° in den Wintermonaten;
im November, Dezember, Januar, Februar - 1 bis 3°; Mittags + 5 bis 7°.
Zwischen 12,000 und 10,000 Fuß: Morgens und Nachts + 5 bis 7°; Mittags 10
bis 12°.
Zwischen 10,000 und 8000 Fuß: Morgens und Abends + 7 bis 9°; Mittags 12
bis 15°.
Zwischen 8000 und 6000 Fuß: früh und Abends + 14 bis 18°; Mittags 20 bis
23°.
Zwischen 5000 und 3000 Fuß: früh und Abends + 24 bis 28°; Mittags 30 bis
32°.
Nach v. Heuglin unterscheidet der Abessinier in seinem in klimatischer
Beziehung so viele Abwechselung darbietenden Vaterlande zwei Hauptregionen
oder Vegetationsgürtel, die Kola oder Kwola und die Deka, nebst einem
vermittelnden Gliede für beide, Woina-Deka genannt. Hiernach läßt sich,
wenn auch begreiflicherweise diese Regionen ineinander übergehen, die
_Flora des Landes_ in drei Abtheilungen zerlegen.
_Die Kola._ Kola heißt das Tiefland unter 5500 Fuß. Seine Vegetation
zeichnet sich nach dem genannten Forscher dadurch aus, daß sie im
Allgemeinen zur heißen Jahreszeit abfallendes Laub hat. Zu dieser Region
gehören die Provinzen Wochni, Saragao, Ermetschoho, Walkait, Kola-Wogara,
das Takazzié-, Mareb-, Hawasch-, Dschida- und Beschlothal. „Im September
und Oktober herrschen in diesen Flußthälern äußerst gefährliche, meist
todbringende Fieber. Zu dieser Zeit sind die Lüfte verpestet, theils durch
die äußerst üppige Vegetation, welche dann abstirbt und abfault, theils
durch die stagnirenden Gewässer, die nach der Regenzeit in Lachen und
unzähligen Vertiefungen ohne Abfluß verdunsten müssen und in denen sich
oft ungeheure Massen von zusammengeflutetem Laub, Gras und Reisig in hohen
Schichten finden. Viele hundert Abessinier erliegen jährlich dieser
Krankheit, die auch zugleich ansteckend ist, und oft ereignet es sich, daß
der Getreidewächter, welcher dort unten krank wurde, sich in sein hoch und
gesund gelegenes Heimatsdorf zurückbegiebt, wo er das Fieber den Bewohnern
mittheilt, das sich nun von da über die nächsten Ortschaften weiter
verbreitet. So kommt es denn manchmal vor, daß ganze Dörfer rein
aussterben. Die beste Zeit in diesen tiefen Ländern fällt in die Monate
Dezember, Januar, Februar; aber auch dann ist es dort nicht immer
geheuer.“ (Zander’s Manuskript.)
Gern meidet der Europäer diese fieberschwangern Thäler und Niederungen,
oder er eilt, wenn er sie auf seiner Reise unumgänglich berühren muß, wie
z. B. das Takazziéthal, schnell hindurch, und nur wenige Forscher sind in
die Kola eingedrungen, um dort längere Zeit zu weilen; so Munzinger in
jene am Mareb, Rüppell in die von Eremetschoho. Letzterer brach von Gondar
aus am 27. Dezember 1832 nach Norden hin auf und gelangte in einer Höhe
von 8200 Fuß auf die Wasserscheide, welche die nach dem Tanasee und nach
dem Atbara fließenden Gewässer trennt. Hier breitete sich vor seinen
Blicken nach Nord und Nordost zu ein weites Amphitheater aus, gebildet
durch wild zerrissene Berge, isolirte vulkanische Kegel und schroff
aufgethürmte pyramidalische Felsmassen. Die ganze nach Norden zu gelegene
Gegend erniedrigt sich allmälig und wird von mehreren beträchtlichen
Gewässern durchflossen, welche sich insgesammt in einen Hauptstrom, den
Angrab, vereinigen, welcher die Gefilde der Provinz Walkait
durchschlängelt und sich in den Salam (Nebenfluß des Atbara) ergießt. In
der Thalniederung angelangt, marschirte er über eine wellenförmige, mit
schönen Baumgruppen bestandene Ebene, oft überragt von zehn Fuß hohem,
schilfartigem Rohr. Hier war der Tummelplatz der wilden Thiere. Zahlreiche
Herden furchtbarer Büffel, kleine Familien von Elephanten, einige
menschenscheue Rhinozeros, blutdürstige Löwen und Leoparden, verschiedene
Affen und Antilopen tummeln sich hier auf den großen gemeinschaftlichen
Weideplätzen herum. Fast alle zehn Schritt finden sich die vertrockneten
Spuren von Elephantenfußtritten, aber diese weite Thalniederung wird wegen
ihrer verderblichen Luft von den Menschen gänzlich gemieden. Wenn während
der Regenzeit bei abwechselnd heiterm Himmel in diesem Bereich einer üppig
vegetirenden Pflanzenwelt die Feuchtigkeit von der Sonne etwas verdunstet
wird, so verhindert das Rohrdickicht und die ganze Form der Gegend den
Luftzug und somit die Zertheilung der Dünste, und schon derjenige, welcher
nur durch die Landschaft flüchtigen Fußes dahineilt, wird vom bösartigen
Fieber ergriffen. Eine Nacht daselbst zuzubringen, dazu ist in keiner
Jahreszeit Jemand von den Anwohnern zu vermögen. Die in Rede stehende Kola
schätzt Rüppell auf 4700 Fuß Höhe über dem Meeresspiegel.
Betrachten wir nun die einzelnen Repräsentanten der Pflanzenwelt in diesen
Niederungen und den sich ihnen anschließenden bergigen Gegenden bis zur
Höhe von 5500 Fuß. Aus dem heißen ungesunden Tieflande aufwärts steigend,
gewahren wir große gewaltige Bäume nur in den Tiefen des Thales. Die Wände
sind zwar üppig begrünt, doch nur von kleinen Bäumen bestanden; namentlich
wuchert die _Akazie_ empor und nur an den günstigsten Stellen treten
andere Bäume zwischen sie hinein; im Thalgrunde dagegen erheben sich die
_Tamarinden_ mit ihren blaugrünlich schimmernden Kronen; die _Kigelien_
mit dem herrlichen Laubgewölbe, aus welchem die großen, wurstförmigen, an
langen, elastischen Stielen hängenden Früchte hervorschauen; der _Baobab_
(_Adansonia digitata_), die Mimosen, welche hier zu hohen schönen Bäumen
geworden sind, und viele andere herrliche Gewächse. Blumen aller Art,
Gräser, Cacteen und Euphorbien, schmarotzende Loranthusarten und Parasiten
ohne Zahl bemächtigen sich des von den Bäumen selbst nicht in Besitz
genommenen Erdreichs und verleihen den Wänden auf große Strecken hin
schmückende Farben. Je höher man im Thale aufwärts steigt, um so kräftiger
und reicher erscheint die Pflanzenwelt. Von etwa 4000 Fuß über dem Meere
an tritt die Sykomore, bald darauf der Oelbaum und mit ihm die prächtige
Kronleuchter-Euphorbie auf. Gleich diesen tragen die _Oelbäume_ wesentlich
dazu bei, diesem Gürtel einen gewissen Charakter zu verleihen; doch kommen
letztere an und für sich langweilige Pflanzen nie so zur Herrschaft, daß
ihr Anblick unangenehm werden könnte. Ihr ungewisses Graugrün sticht
prächtig ab von den auf große Strecken hin durch die blühende Aloë
rothgelb erscheinenden Felspartien, von den Blättern und Blüten mancher
Schlingpflanzen oder dem dunklen Laube anderer Bäume. Mit dem Wachholder
und der Eibe bildet der Woira oder Oelbaum zwischen 5000 und 5500 Fuß den
vorzüglichsten Waldbaum Abessiniens; ein ganz anderer Gesell, als sein
kleiner südeuropäischer Verwandter, erreicht er eine durchschnittliche
Höhe von sechzig bis achtzig Fuß und einen Durchmesser von vier Fuß. Die
erbsengroßen fleischlosen Früchte werden nicht benutzt, dagegen liefert
der Stamm ausgezeichnetes Zimmer- und Brennholz. Die Tamarinde (_T.
indica_) erreicht eine majestätische Größe, wird aber von den Eingeborenen
wenig beachtet; verschiedene Senna-Arten kommen vor. In den wüsten,
sandigen und vulkanischen Grenzdistrikten werden die Akazien (_A.
eburnea_, _planifrons_ u. s. w.) und andere Kameeldornbäume von großer
Wichtigkeit, da in ihrem Schatten sich Menschen und Vieh sammeln können.
Einige liefern Gummi arabicum und die dornigen Zweige dienen den Kameelen
als Futter.
Eine sehr eigenthümliche Erscheinung in der Kolaregion ist die
papierrindige _Boswellia_ (_B. papyrifera_). Sie ist ein stattlicher Baum
mit großen ahornartigen Blättern und kleinen rothen Blütenbüscheln.
Unmittelbar nach der Regenzeit zeigt der Stamm eine blaßgrüne glatte
Rinde, die in der Trockenheit bald springt und sich in großen papierdünnen
Blättern ablöst. Wo ein Einschnitt gemacht wird, entquillt in reichlicher
Menge ein klebriger Milchsaft, der bald an der Luft erhärtet und klare
Bernsteinfarbe annimmt.
Neben den genannten Pflanzen sind noch die Gattungen Zizyphus, Balanites,
Dahlbergia, Sterculia, Salvadora, das stachelige Pterolobium und die
langfrüchtige Baum-Cassia in der Kola vorzugsweise vertreten. Der
graublätterige Uscher (_Calotropis procera_) überrascht durch seine
ballonartigen, mit atlasglänzender Wolle gefüllten Früchte.
Mehrere Euphorbia-Arten kommen in außerordentlicher Größe vor. Unter
denselben zeichnet sich als Charakterpflanze die schöne,
armleuchterartige, oft bis vierzig Fuß hohe _Kronleuchter-Euphorbie_ (_E.
abessinica_), der _Kolqual_, besonders aus. Er gleicht einem Cactus, der
zum Baum geworden ist, aber seine Regelmäßigkeit, sein eigenthümliches
Wesen, die Fülle seiner Blätter, die gleichartige Verzweigung derselben
beibehalten hat.
[Illustration: Baobab mit Schlingpflanzen, im Vordergrunde
Agaseen-Antilopen. Zeichnung von Robert Kretschmer.]
[Illustration: Landschaft mit Kronleuchter-Euphorbien und Mimosen.
Zeichnung von Robert Kretschmer.]
Licht hebt er sich ab von dem dunklen Gelände und verleiht der Landschaft
einen wunderbaren Schmuck. An dem Milchsafte dieser Pflanze ist schon
mancher erblindet, während er andererseits als Arznei gegen
Hautkrankheiten u. s. w. gebraucht wird. Das Holz des Kolqual wird zum
Hausbau benutzt, um Querbalken zu belegen; aus der Kohle desselben
fabrizirt man Schießpulver. Der Kolqual erreicht seine größte Verbreitung
zwischen 4500 und 5000 Fuß Meereshöhe, allein er kommt selbst bis 11,000
Fuß Höhe vor. In den tiefer liegenden Gegenden ist die _Sykomore_ sein
Begleiter, der ihn aber bald verläßt. Diese Feigenart, welche von den
Abessiniern Worka, die Goldene, genannt wird, steht bei den heidnischen
Gallas in großer Verehrung. Oft hainartig gruppirt ragen die Sykomoren mit
mächtigem Laubdach über ihre Umgebung hervor. Rüppell sah ein Exemplar,
dessen Stamm einen Durchmesser von dreizehn Fuß hatte. Andere Exemplare
von vielleicht tausendjährigem Alter und einer Größe, daß eine ganze
Reisegesellschaft mit Thieren, Zelten und Gepäck in ihrem Schatten bequem
ruhen können, sind gerade keine Seltenheit. Neben ihnen sieht man
Sykomoren, die, eine ganze Welt für sich bildend, so von
Schmarotzerpflanzen überdeckt sind, daß man nur Wände von diesen, selten
aber ein Stückchen Stamm erblicken kann; so wandeln die Schlinger die von
ihnen in Besitz genommenen Bäume in Lauben um, welche der Kunst jedes
Gärtners zu spotten scheinen.
Die Botaniker haben gezeigt, daß _kryptogamische Pflanzen_ in vielen ihrer
Unterabtheilungen über die ganze Erde mit denselben Arten vertreten sind.
Unter gleichen Umständen bedeckt dieselbe Flechte die Felsen in Europa wie
in Abessinien, und derselbe Schwamm ist dort wie hier auf den Baumrinden
zu entdecken. Auch in den heißeren, tiefer gelegenen Gegenden wundert man
sich, daß selbst die ödesten, ärmsten Stellen des Gebirges begrünt und
belebt sind; man begreift kaum, wie in dieser Sonnenglut, ungeachtet der
Regen, eine ziemlich reichhaltige Flechtenwelt sich auf den Gesteinen
festsetzen kann. Jede parasitische Pflanze wird von den Abessiniern mit
einer Art von Mißtrauen betrachtet, namentlich die Gefäß-Kryptogamen,
welche den Zauberern ihre hauptsächlichen Wundermittel liefern. Doch Pilze
und Boviste werden für giftig angesehen und gemieden. Wo das Klima sehr
feucht ist, erscheint der Schimmel, bekanntlich auch eine kryptogamische
Pflanze, als eine wahre Landplage, die große Zerstörungen unter den
Vorräthen anrichtet. Der Feuerschwamm, die phantastisch gleich Gewinden
von den Bäumen herabhängende Bartflechte (_Parmelia_) sind in Abessinien
häufig; selten dagegen die Moose. Unter den _Farrnkräutern_ finden wir
allerdings keine baumartigen, aber viele Gattungen, wie Aspidium,
Polypodium, Asplenium, Adiantum, Scolopendrium, Ophioglossum und Pteris,
die auch in Deutschland ihre Vertreter haben.
Die _Woina-Deka_ oder vermittelnde Region, die von 5500 bis 7500 Fuß
hinaufreicht, führt ihren Namen nach dem Weinstock. In ihr gedeihen die
hauptsächlichsten Kulturpflanzen, die in einem besondern Abschnitte
besprochen werden sollen. Die _Weinrebe_ anlangend, so fand Rüppell noch
1832 eine große Menge Trauben zu äußerst billigen Preisen auf dem Markte
bei der Kirche von Bada, südlich von der Hauptstadt Gondar. Man erhielt
etwa zehn Pfund derselben für ein Stück Salz oder dritthalb Centner für
einen Maria-Theresia-Thaler. Die großbeerigen, blauen und sehr süßen
Trauben (_Woin saf_) wurden in den Distrikten Wochni und Wascha schon seit
uralten Zeiten gezogen. Vermuthlich kam nämlich der Weinstock schon zur
Zeit der axumitischen Könige aus Arabien nach Abessinien, wo ihm
allerdings keine besondere Kultur zu Theil wurde. Von einer Veredelung und
besondern Pflege der Pflanze beim Anbau weiß man nichts. Der größte Theil
der Trauben wird frisch gegessen, und nur wenig verwendet man zur
Gewinnung eines Weins, welcher feurig und kräftig ist. Durch Heuglin
wissen wir, daß im Beginn der fünfziger Jahre diese Weinstöcke durch eine
Traubenkrankheit alle zu Grunde gegangen sind.
Somit kann der Weinstock, obgleich er den Namen für diese Region hergab,
keineswegs als Charakterpflanze für die Woina-Deka gelten. Statt seiner
übernimmt diese Rolle eine Menge anderer Gewächse, die an Zahl, Ueppigkeit
und Reichthum der Entfaltung selbst jene der Kola übertreffen. Dahin
gehört zunächst der _Wanzabaum_ (_Cordia abessinica_), der das beliebteste
Bauholz liefert. Der Wanza wird ein großer, starker Baum, dessen Stamm oft
vier Fuß im Durchmesser erreicht. Seine Früchte stehen in Büscheln und
nehmen zur Zeit der Reife eine hochgelbe durchsichtige Farbe an. Der
Geschmack derselben ist sehr süß und oft sind sie die einzige Nahrung der
Armen, wenn Hungersnoth eintritt.
Der _Kuaraf_ (_Gunnera spec._), eine Artocarpee, gewinnt während der
Fastenzeit an Bedeutung, weil dann die geschälten Blattrippen, die ähnlich
unserm Sauerampher schmecken, gegessen werden. Er wächst in Sümpfen und an
Bächen, ist eine jährige Pflanze, die aus einer perennirenden Wurzel
entspringt und einen laublosen Stengel mit einem Büschel kleiner Blüten
trägt. Auch die häufig bis zu fünf Fuß hoch werdende Nessel wird in der
Fastenzeit als Gemüse verspeist. An diese Pflanzen schließen sich an die
reich vertretenen Polygonum-Arten, ein Ampher (_Rumex arifolius_), dessen
fleischige Wurzel zum Rothfärben der Butter benutzt wird. Als eine
Nutzpflanze dieser Region muß hier ein uns allen bekanntes Gewächs
besonders hervorgehoben werden.
Nach der Tradition sollen die südabessinischen Landschaften Enarea und
Kaffa die Urheimat des _Kaffees_ sein, wie denn auch der Name desselben
mit dem letztgenannten Distrikte sicher in Zusammenhang steht. In Schoa
war der Anbau und Genuß des Kaffees untersagt, weil er das
Lieblingsgetränk der Muhamedaner ist, und auch in Amhara trinken die
Christen denselben in der Regel nicht, wenn er auch bei Korata (Kiratza)
am Tanasee gebaut wird und dort auf basaltischem Boden und gewissermaßen
ohne Pflege gedeiht. Allein dort ist er fast nur Handelswaare. In Kaffa
und Enarea dagegen wächst er wie Unkraut weit und breit im Lande, dessen
Bewohner ihn als Lieblingsgetränk betrachten und fast nur einen nominellen
Preis für ihn zahlen; nur dem Mangel an Verbindungswegen ist es
zuzuschreiben, daß er von dort aus nicht ganz Europa überschwemmt und alle
übrigen Sorten dort durch Güte und Billigkeit vom Markte verdrängt. Der
kurz vor der Regenzeit gepflanzte Samen erscheint bald als Setzling über
der Erde, wird verpflanzt, bewässert und mit Schafmist gedüngt, um nach
sechs Jahren als erwachsenes Bäumchen während der Monate März und April
dreißig bis vierzig Pfund Kaffee zu liefern. Namentlich auf zersetztem
vulkanischen Gestein, in geschützten Thallagen gedeiht der acht bis zehn
Fuß hohe, mit dunkelglänzendem Laube und fruchtbeladenen Zweigen versehene
Baum vortrefflich. Die dunkelgrünen Beeren werden zur Reifezeit roth und
umschließen mit milchweißem Fleische die Samen. Nachdem sie geschüttelt
und gesammelt sind, werden sie in der Sonne getrocknet, worauf der Wind
das Geschäft des Reinigens von den dürren Schalen übernimmt, das
gewöhnlich im Laufe eines Monats vollendet ist. Diejenigen Samen jedoch,
welche zur Fortpflanzung dienen sollen, behalten ihre Schale. Theuer wird
das Produkt nur durch den weiten Transport, die schlechte Beschaffenheit
und Unsicherheit der Straßen, die nach dem Meere führen, und durch die
Abgaben, welche an alle kleinen Häuptlinge im Danakillande gezahlt werden
müssen, ehe die Karawane die Seehäfen Zeyla oder Tadschurra erreicht. Was
den Geschmack des südabessinischen Kaffees anbelangt, so versichern
Kenner, daß er dem feinsten arabischen, selbst dem edlen Mocha, noch
vorzuziehen sei. Aber so wie die Lage Abessiniens jetzt ist und namentlich
wegen der Unsicherheit der Karawanenstraßen ist so leicht nicht daran zu
denken, daß Kaffa-Kaffee die arabischen, ostasiatischen und amerikanischen
Produkte auf unsern Märkten verdrängen wird.
Die _Lilien_, welche weite Gebirgswiesen mit einem lieblichen
Blütenschmuck überziehen, gelten als vorzügliche Charakterpflanzen
Abessiniens. Aber nur die eßbaren Arten werden kultivirt, da Ziergärten
den Eingeborenen ein unbekanntes Ding sind. Während die Spargelarten und
die Aloë trockene, wüste Stellen aufsuchen, erfreuen auf sumpfigen Wiesen
_Commelina africana_ und _Tradescentia_ das Auge, deren „Vogeleier“
genannte Knollen von den Abessiniern gegessen werden. An sie schließen
sich Ixia-, Haemanthus-, Amaryllis- und Gloriosa-Arten an. Mit saftigen,
hellgrünen Blättern und schöngestalteten Blütenähren leuchtet aus den
grünen Wiesen _Obitus abessinica_ hervor, während unter den Spargeln der
kletternde _Asparagus retrofractus_ Erwähnung verdient, dessen in das Haar
des Vorderhauptes gesteckte Zweige anzeigen, daß der Träger ein wildes
Thier erfolgreich bekämpft hat.
_Orchideen_ giebt es nur wenige in Abessinien; ihr hauptsächlichster
Vertreter ist das auf der Rinde des wilden Oelbaums schmarotzende
_Epidendrum capense_. Aus der Gruppe der _Pisange_ sind die gemeine Banane
(_Musa paradisica_) und die kultivirte Ensete, sowie zwei Urania-Arten zu
erwähnen, aus deren Fasern Seile und Matten bereitet werden. Die _Palmen_
haben in Abessinien keinen Boden; sie kommen nur in den Küstenlandschaften
des Danakil und Adal vor und auch dort in keineswegs besonderer
Ausdehnung. Vertreter dieser Familie sind namentlich die Dattel-, Dum- und
Fächerpalme.
[Illustration: _Obitus abessinica_. Nach Lejean.]