EINLEITUNG.

Historischer Ueberblick und Geschichte der Erforschung Abessiniens.

Aethiops. – Die Königin von Saba. – Menilek und die salomonische

Dynastie. – Berührungen mit den Völkern des Alterthums. – Die

Königsstadt Axum und ihre Ruinen. – Einführung des Christenthums.

– Wechsel der Dynastie. – Die Invasion der Muhamedaner unter

Granje. – Portugiesen und Jesuiten in Abessinien. – Ihre

Vertreibung. – Zerfall des Reiches und Bürgerkriege. – Die

Verfassung. – Erforschungsgeschichte. – Portugiesische Reisende. –

Hiob Ludolf. – Bruce. – Salt und Pearce. – Hemprich und Ehrenberg.

– Rüppell. – Tamisier und Combes. – v. Katte. – Schimper. – Aubert

und Dufey. – Lefêbvre – Gebrüder d’Abbadie. – Rochet d’Héricourt.

– Beke. – Zander. – Sapeto. – Munzinger. – Lejean. – Die deutsche

Expedition.

„In den ersten Jahrhunderten unserer Aera stand Abessinien auf der Höhe

der damaligen Kultur; das Christenthum, das ununterbrochen von Aegypten

den Nil hinauf bis hierher reichte, schuf einen stetigen Verkehr mit dem

römischen Reiche. In Glauben, Sitte, Recht und Feinheit des Lebens war es

uns ähnlich; doch seit es von dem Abendlande durch die Fortschritte des

Islam abgeschnitten ist, blieb seine Entwicklung stehen, und wie, wer

steht, zurückgeht, so ist auch Abessinien zurückgegangen und ist

verwildert, wenn es auch jetzt noch Europa viel näher steht als dem

nachbarlichen Afrika. Es ist umringt von Feinden, wie die Rose von Dornen;

im Norden, wo das Hochland in Stufen abfällt und endlich in unabsehbare

Tiefebenen sich endet, wohnen muhamedanische Völker, meist rebellische

Kinder des Hochlandes, die hellfarbigen Habab, die Leute von Barka; ihnen

folgen noch nördlicher die altnomadischen fremdredenden Hadendoa. Im

Westen begrenzt Abessinien das Nilland, türkischer Herrschaft unterworfen,

im Süden das halb muhamedanische, halb teufelanbetende Volk der Galla.

Wohl brauchte es Jahrhunderte, das Hochland vor allen diesen Feinden dem

Christenthume zu wahren. Doch jetzt steht Abessinien gegen außen

unabhängig da; es hat nur die inneren Feinde zu fürchten, die Anarchie,

den freiwilligen Verfall seiner Religion und Sitte, den Selbstmord.“

So charakterisirt einer der besten Kenner des Landes, Werner Munzinger,

die Lage der „afrikanischen Schweiz“, die von alters her das Interesse der

europäischen Völker wach zu halten wußte, schon wegen der Gleichartigkeit

der Religion, welche uns mit ihren Bewohnern verbindet. Dorthin verlegte

man den Sitz des schwarzen Erzpriesters Johannes, dorthin zogen

Glaubensboten und wissenschaftliche Forscher in großer Zahl und

übermittelten uns Kunde von den Wundern des so verschiedenartig

gestalteten Landes. Bald sind es die heißfeuchten Niederungen mit

tödtlichem Klima, tropischem Pflanzenwuchs und belebt von den Riesen der

Thierwelt, bald kahle, vom Winde gepeitschte Hochebenen, über denen die

gezackten, kuppel- und domförmigen Bergriesen bis in die Eisregion

hineinragen, dann wieder die verschiedenen Stämme des Landes,

ausgezeichnet vor ihren Nachbarn durch leibliche und geistige Vorzüge,

doch tief gesunken, die uns jene Berichte vorführen. Endlich aber ist es

die mehr als tausendjährige, wol anfangs in den Schleier der Sage gehüllte

Geschichte des Landes, die mit ihrem Dynastienwechsel, ihren blutigen

Bürgerkriegen und Religionskämpfen uns unwillkürlich anzieht. Ja,

_Geschichte auf afrikanischem Boden_! Welche Anomalie! Denn sehen wir ab

von den muhamedanischen Staaten und den alten, vorübergehenden

Kulturreichen im Norden des schwarzen Erdtheils, so bietet uns allein

Abessinien eine Geschichte, ein Reich in Afrika dar. Staatenbildungen,

Historie bei den Negervölkern zu suchen, wäre vergebliche Mühe; Abessinien

aber hat beides, und der Grund dafür liegt in der Abstammung, der Begabung

seiner Bewohner, die gleich uns zur kaukasischen Rasse gehören, denn sie

sind äthiopische Semiten, Verwandte der Araber, Phönizier, Juden.

Nach der Ueberlieferung der Abessinier kam _Kusch_, ein Sohn Ham’s, in ihr

Land, ließ sich dort nieder, gründete die Stadt Axum und bevölkerte weit

und breit die Umgebung. Er hinterließ zwölf Söhne, unter welchen der

älteste, _Aethiops_, dem ganzen Lande den Namen _Aethiopia_ gab. So hieß

es wenigstens bei den Griechen und heißt es heute noch offiziell. Der

allgemein übliche Ausdruck Abessinien jedoch ist aus dem arabischen

Habesch abgeleitet. Nach dieser dunklen Sage schweigt die Tradition

wieder, und nur Erinnerungen an heidnische Gebräuche und Schlangenkultus

füllen den Zeitraum aus, bis die Geschichte Abessiniens – wenn auch immer

noch sagenhaft – mit derjenigen der schönen _Königin Maketa von Scheba_

(Saba) zusammenfällt. Zu Axum hatte sie im 11. Jahrhundert vor Christus

ihren Thron aufgeschlagen; dort herrschte sie, ihr Volk beglückend, voller

Milde und Güte. Eines Tags erschienen Fremdlinge aus einem fernen

nördlichen Lande bei ihr, die viel von dem weisen Könige Salomo zu

Jerusalem berichteten, der alle übrigen Menschen an Klugheit weit

übertraf. Ihn zu sehen, reiste die Königin nach Kanaan, und kaum hatte der

Judenkönig sie erblickt, als er sich in sie verliebte und sie zur Frau

nahm. Nachdem die äthiopische Fürstin dem Könige einen Sohn Namens

_Menilek_ Ebn Hakim, der später den Königsnamen David I. empfing, geboren

hatte, riefen sie die Pflichten der Herrschaft wieder nach Abessinien

zurück, während der Sohn beim Vater blieb, um dort in allen Tugenden

erzogen zu werden. Er wuchs heran und nahm zu an Weisheit und Gnade, sodaß

aller Menschen Augen mit Wohlgefallen auf ihm ruhten. Eines Nachts,

berichtet die Tradition, erschien ihm der Herr im Traume, hieß ihn wieder

in die Heimat zurückkehren und dort den Gottesdienst nach jüdischer Weise

einrichten. Heimlich warb er zwölf Priester, unter denen Asarja obenan

steht, nahm in der Nacht die alte Bundeslade aus dem Tempel zu Jerusalem

und flüchtete mit ihr zu seiner Mutter nach Axum, wo das angebliche

Heiligthum noch jetzt gezeigt wird. Von seinem Vater Salomo wurde Menilek

lange Zeit verfolgt, allein Gottes Wundermacht schützte ihn und sicherte

ihn vor allen Nachstellungen, so daß er 29 Jahre über Aethiopien regierte.

Seit jener Zeit nun regiert nominell eine _salomonische Dynastie_ in

Abessinien, und der Glaube hieran ist unter dem ganzen Volke vom Höchsten

bis zum Niedrigsten so fest gewurzelt und weit verbreitet, daß nichts sie

von dieser Vorstellung abzubringen vermag.

[Illustration: Abessinische Münzen. Nach Rüppell.

1. Kupfermünze des Kaisers Armah (644 bis 658),

2. Goldmünze des Kaisers Aphidas (536 bis 542),

3. Goldmünze des Kaisers Gersemur (603 bis 614).]

Die Bewohner Abessiniens scheinen in der vorchristlichen Zeit auf einer

sehr niedrigen Kulturstufe gestanden zu haben. Mit den durch die Aegypter

civilisirten Stämmen, welche in Aethiopien den Nilstrom entlang wohnten

und das Reich Meroë gegründet hatten, scheinen sie durchaus keinen Verkehr

gehabt zu haben, ja es ist ausgemacht, daß den alten Aegyptern das Land

erst durch die Kriegszüge Alexander’s d. Gr. und durch die von ihm an die

Küste verpflanzte Kolonie von Syrern (wahrscheinlich jüdischer Religion)

bekannt wurde. Die Ptolemäer, welche ihre Handelsverbindungen mit dem

Rothen Meere ausdehnten, errichteten Emporien und Stationen für die

Elephantenjagd längs der „Küste der Troglodyten“ und Aethiopier, und der

zweite Nachkomme des großen Soter gründete Adulis am Golf von Zula, nahe

dem heutigen Massaua. Seine Truppen drangen, nach der von Kosmas

Indikopleustes im 6. Jahrhundert aufgefundenen sogenannten adulitischen

Inschrift, siegreich bis über den Takazziéfluß in die damals schon

erwähnten Schneegebirge Semién’s und verpflanzten griechische Sprache und

Gesittung in das Land. In Tigrié entstand das königliche Axum mit seinen

hohen Obelisken, Inschrifttafeln und Königsgräbern, und die äthiopischen

Fürsten schlugen Gold- und Kupfermünzen. – Doch griff diese Art hoher

Kultur, deren Blüte in das 4. bis 7. Jahrhundert fällt, erst nach der

Einführung des Christenthums um sich.

Laut predigen heute noch von der alten Herrlichkeit die Ruinen der einst

mächtig blühenden Königsstadt in der Provinz Tigrié. Sie sind, wenige

andere zerstreute Reste abgerechnet, das einzige, was an die alte

Glanzzeit Abessiniens erinnert und der Zielpunkt aller Reisenden, welche

das äthiopische Hochland aufsuchen. Noch zu Anfang des 16. Jahrhunderts,

als der Portugiese Alvarez sich dort aufhielt, müssen manche merkwürdige

Bauwerke daselbst vorhanden gewesen sein, die seitdem verschwunden sind.

In einer alten deutschen Uebersetzung seines Reiseberichtes heißt es:

„Chaxuma hat vieler schöner Wohnungen uff der Erde gebavet, da eine jede

seinen springenden Brunnen hat, und das Wasser den Lewen zum Rachen

herausspringet, welche aus gesprenkelten Marmelsteinen zierlich gemacht

sind.... Man findet auch an den Häusern viel alter seltzamer Figuren, in

gar reine und harte Steine gehawen, als Lewen, Hunde, Vogel u. s. w.“ Auch

jetzt enthält Axum noch sehenswerthe Monumente, Obelisken, Stelen,

Königsgräber, Opferaltäre, über die wir durch Salt, Rüppell und Heuglin

genaue Auskunft erhalten haben.

Der Anblick der in einer Niederung zwischen vulkanischen Hügeln

ausgebreiteten Stadt mit ihren zahlreichen Kirchen, Obelisken, Wachholder-

und Feigenbäumen ist überraschend schön. Noch ehe man das Thal betritt,

begegnet man von Osten kommend einem kleinen schlanken Obelisk, um den

mehrere ähnliche umgestürzt in Trümmern liegen; etwas weiter sind

Schutthügel mit Opfersteinen und einer 7 Fuß hohen Stele (Inschriftstein),

deren eine Seite eine äthiopische, die andere eine griechische Inschrift

vom Axumitenkönig Aizanas enthält. Von hier führt ein in den Fels

gehauener Weg oder Wasserleitung in die Stadt. Ueber den geräumigen

Marktplatz gehend, erreicht man bald ein niedriges Plateau mit einem

riesigen Feigenbaum, dessen Stamm an 50 Fuß Umfang hat. Hier ist das

eigentliche Obeliskenfeld. Einen sonderbaren Kontrast bilden diese

schlanken, oft mit einfachen und zierlichen Ornamenten fast überladenen

Monolithe und Stelen zur bescheidenen Bauart der meist runden, mit Stroh

gedeckten Steinhütten der heutigen Axumiten, die oft dicht gedrängt in

einzelnen ummauerten Gehöften zusammenstehen, beschattet von immergrünen

Wanzabäumen, deren dichtes Laubwerk Schneeflocken gleich mit Blüten

übersäet ist. Das heutige Axum hat eine Länge von etwa einer halben

Stunde, aber Häuser, Gehöfte und Gärten stehen nicht dicht beisammen und

sind zuweilen durch Felder und mit Trümmern bedeckte Plätze unterbrochen.

Die Einwohnerzahl veranschlagt Heuglin auf 2–3000. Sie treiben Ackerbau

und Viehzucht und leben in verhältnißmäßig glänzenden Umständen, da die

vielen kirchlichen Feste und Wallfahrten und namentlich das politische

Asyl – ein von Mauern umgebener Platz beim Markte – zahlreiche Fremde nach

Axum ziehen.

[Illustration: Der sogenannte Königssitz zu Axum. Nach Salt.]

Die Obelisken, etwa 60 an der Zahl, bedecken eine niedrige Terrasse fast

vollständig. Die meisten sind jetzt umgestürzt und alle scheinen aus in

der Nähe gebrochenen vulkanischen Gesteinen zu bestehen. Einzelne sind nur

rohe Steinmassen, die vollendetsten dagegen 60–70 Fuß hohe Monolithe, die

schon in der Form von ähnlichen ägyptischen Monumenten abweichen,

namentlich durch den oblongen Querschnitt, sowie durch Mangel der

Inschriften und ganz abweichende Ornamentik. Das Ganze scheint einen

(natürlich nicht hohlen) Thurm mit 8–10 Stockwerken darzustellen, an dem

Fenster und Thor angedeutet sind. Die vor den Obelisken liegenden Platten

umfassen dieselben theilweise; sie haben zwei Stufen, eine kleine Schwelle

und vier runde Vertiefungen (Opferschalen). An verschiedenen Stellen der

Stadt stößt man noch auf alte Baureste, namentlich auf kolossale

Quadersteine. Allerlei Töpfergeschirre, Amphoren, Schalen, Löwenköpfe, die

als Brunnenröhren dienten, sind in Trümmer zerstreut und es könnte hier

sicher noch durch Nachgrabungen manches historisch wichtige Monument zu

Tage gefördert werden. Der Eindruck, welchen die verschiedenen Monumente

auf einzelne Reisende hervorbrachten, war ein sehr ungleicher. Während

z. B. Rüppell, wol mit Recht, deren Kunstwerth nicht hoch schätzt, ist

Salt von den Obelisken ganz entzückt. Ja, von dem 60 Fuß hohen Obelisk,

der sich prächtig an dem alten Sykomorenbaum erhebt, sagt er sogar: „Nach

Vergleichung mit vielen Spitzsäulen von ägyptischer, griechischer und

römischer Arbeit scheint mir dieser Obelisk das bewundernswürdigste und

vollkommenste Werk, wozu man schwerlich ein Gegenstück findet“.

Nahe bei dem Haupteingange der berühmten Kirche des Ortes stößt man auf

elf in einer Reihe dicht nebeneinander stehende _Altäre_ von

eigenthümlicher Bauart, deren einen Salt als „Königssitz“ abbildet. Jeder

derselben besteht aus drei sich auf den vier Seiten verkürzenden Stufen,

von welchen die unterste etwa neun Fuß im Quadrat hat. Auf der zweiten

Stufe befinden sich vier Würfel, die an den Eckkanten der dritten anliegen

und von welchen jeder eine achteckige Säule trägt, aller

Wahrscheinlichkeit nach zur Stütze der verschwundenen Deckplatte.

Eine Stunde nordöstlich von der Stadt liegen die sogenannten „Fuchslöcher“

oder Königsgräber auf einem Hügel mit herrlicher Aussicht. Auf dem

schmalen Gebirgsrücken bemerkt man ein aus großen Quadern und Säulen

bestehendes Fundament einer Art Grabkirche, in dessen Mitte ein Weg zum

Eingange eines Felsengrabes führt, das wie sein einfaches Portal in den

Fels gearbeitet und nachher mit künstlicher Mauerung aus großen Blöcken

ausgekleidet worden ist. Aehnlich den Königsgräbern von Theben führt von

da aus dann ein Gang schräg abwärts; dieser mündet in drei Kammern, deren

mittlere mit einer Thür verschlossen werden konnte.

Erwähnen wir nun noch die aufgefundenen Münzen (eine kupferne des Königs

Armah, der von 644 bis 658 regierte, zwei goldene der Könige Aphidas und

Gersemur aus dem 6. und 7. Jahrhundert, theilt Rüppell mit), so haben wir

so ziemlich alles erwähnt, was von dem königlichen Axum übrig blieb, das

ums Jahr 1535 von dem muhamedanischen Stürmer Granje eingeäschert wurde.

Die Blütezeit der Stadt fällt mit der Einführung des Christenthums

zusammen, das, lange bevor noch in Deutschland der heilige Bonifacius

(725) dem Evangelium Eingang verschaffte, durch einen Zufall an die

äthiopische Küste verpflanzt wurde. Ein christlicher Kaufmann, _Meropius_

mit Namen, machte nämlich mit seinen beiden Gehülfen _Frumentius_ und

_Aedisius_ im Jahre 330 eine Geschäftsreise längs den Küsten des Rothen

Meeres, landete in der Gegend des heutigen Massaua und wurde hier nebst

einem Theile seiner Schiffsmannschaft von den wilden Eingeborenen

erschlagen. Nur den beiden Jünglingen schenkte die wüthende Bande das

Leben. Man brachte sie an den königlichen Hof, wo sie gute Aufnahme fanden

und bald vom Könige Sara-Din mit wichtigen Aemtern betraut wurden. Auf

ihre Veranlassung kamen noch mehrere christliche Kaufleute nach

Abessinien, die nun eine kleine Gemeinde bildeten und auch mehrere

Einheimische bekehrten. Die beiden Jünglinge reisten dann später in ihr

Vaterland zurück, zur Zeit als Athanasius Erzbischof von Alexandria war.

Aedisius wurde Priester in Tyrus; Frumentius aber wandte sich mit der

dringenden Bitte an den Erzbischof, der kleinen christlichen Gemeinde in

Abessinien einen Hirten zu senden, damit sie nicht verwaise. Athanasius

wußte hierzu aber keinen bessern zu finden, als den Bittsteller, gab dem

ehemaligen Handlungsgehülfen die Weihe und sandte ihn nach Abessinien

zurück. Hier angelangt führte er den Namen Abba Salama, Vater des

Friedens, übersetzte das Neue Testament in die äthiopische Sprache und

breitete das Christenthum weit über das Land aus, wenn auch noch ein

großer Theil des Volkes bei der altheidnischen Religion verharrte. Die

fernere Geschichte Abessiniens ist sehr dunkel und nur durch lange Reihen

von Königsnamen ausgefüllt, an welche sich nur hier und da einzelne

historische Thatsachen knüpfen.

Aus diesen entnehmen wir, daß zur Zeit des griechischen Kaisers Justinian

(um 522) eine heftige Christenverfolgung durch die Juden im südlichen

Arabien stattfand. Justinian wandte sich deshalb an den abessinischen

König _Kaleb_; dieser eilte mit einer Armee über das Rothe Meer, schlug

die Juden und unterwarf sich den größeren Theil des südlichen Arabiens, in

dessen Besitz die Abessinier auch blieben, bis sie kurz vor Muhamed’s

Auftreten durch die Blattern, die in ihrem Heere stark wütheten, gezwungen

wurden, sich wieder in ihr Land zurückzuziehen. Im übrigen ist aus der

langen Periode des äthiopischen Reiches bis ins 8. Jahrhundert nicht viel

Erwähnenswerthes überliefert; das Volk vergeudete seine Kräfte in

unfruchtbaren Religionsstreitigkeiten und kam mit seinen Nachbarn nicht

aus dem Kriegszustande heraus.

Unterdessen trat, den ganzen Orient erschütternd, Muhamed mit seiner Lehre

auf. Allein der Islam fand in Abessinien wenig Eingang, jedoch wurde das

damals noch blühende Reich Adal für diese neue Lehre gewonnen, und dieses

gab den zwischen beiden Ländern bestehenden Streitigkeiten bedeutende

Nahrung, indem zu den politischen nun noch religiöse Kämpfe sich

gesellten, welche das Land mit Blut überschwemmten. Doch bevor noch diese

muhamedanischen Invasionen erfolgten, hatte Abessinien eine gewaltige

Revolution durchzukämpfen und es war fraglich, ob die Juden oder die

Christen die Oberhand erhalten sollten. Die ersteren erhoben sich nämlich

unter dem Namen der _Falaschas_ zu einer furchtbaren Macht. Durch

Heirathsverbindung zwischen der Familie ihrer Häuptlinge und der

abessinischen Königsfamilie brachten sie den Königsthron an sich und

suchten nun die salomonische Linie ganz auszurotten. Es sind jetzt etwa

1000 Jahre darüber hingegangen, daß der letzte salomonische König,

_Delnaod_, vom Throne seiner Väter gestoßen wurde, und zwar durch eine

Jüdin aus Lasta Agau, welche die ganze königliche Familie, einen Knaben

ausgenommen, der nach Schoa flüchtete, ermorden ließ. Sie hieß _Judith_,

wie zu vermuthen steht, ein selbstbeigelegter Name mit dem beabsichtigten

Hinweis auf die alttestamentliche Heldin. Drei Jahrhunderte später wurde

die Judendynastie wieder durch einen christlichen Herrscher aus dem Hause

Sagué vertrieben, dessen Nachkommen bis zum Jahre 1268 regierten, also zur

selben Zeit, als in Deutschland die Hohenstaufen kraftvoll das Scepter

führten. Elf Könige soll das Haus Sagué (Zagyé) den Abessiniern geliefert

haben, die für das Christenthum eifrig wirkten, unter denen der später

heilig gesprochene _Lalibela_ durch die vielen kunstvoll in Felsen

ausgehauenen Kirchen, die ägyptische Werkmeister aufführten, berühmt

geworden ist.

Die meisten dieser Felsenkirchen sind zur Zeit der muhamedanischen

Invasion im 16. Jahrhundert zerstört worden, doch haben sich einzelne

derselben bis auf unsere Tage erhalten. Der englische Reisende Pearce

schildert uns die Felsenkirche Dschumada Mariam nördlich von den Quellen

des Takazzié, sein Landsmann Salt jene von Abba os Guma bei Schelicut, v.

Heuglin die Felsenkirche von Tenta in Wollo. Die seltsamste dürfte aber

wol jene sein, welche der Missionär Isenberg im Jahre 1838 bei dem Dorfe

Hauazién in der Provinz Tembién besuchte, als er gerade im Begriff war,

das Land nach dem Scheitern seines Missionswerkes zu verlassen. „Obgleich

ich aus leicht erklärlichen Gründen nicht aufgelegt war, die Kirche dieses

Ortes zu untersuchen, so konnte ich doch nicht umhin, ihre äußere Form

anzustaunen. Sie scheint aus einem einzigen Granitblock zu bestehen, der

zu dem Zwecke ausgehöhlt ist, kann aber, nach dem äußern Umfange des

Steins zu urtheilen, nur sehr wenig Raum im Innern haben. Auch die äußere

Form des Steines ist sehr auffallend. Er ist kaum 20 Fuß hoch und in der

mittleren Höhe, wo er am breitesten ist, da er die Form eines stehenden

Kreuzes anstrebt, mag er auch etwa 20 Fuß breit sein; seine Tiefe aber von

vorn nach hinten ist geringer. Er hat einen engen Eingang, in jedem

Seitenflügel des Kreuzes und über der Thüre eine Fensteröffnung; alles

dieses in den Fels gehauen.“ Gewiß ist zu beklagen, daß Isenberg diese

interessante Felsenkirche nicht auch im Innern untersuchte, da, wie es

scheint, er der einzige europäische Reisende war, welcher sie zu Gesicht

bekam.

Zu Ende des 13. Jahrhunderts lebte in Schoa der achte Nachkomme jenes zur

Zeit der Judenherrschaft nach Schoa geflüchteten letzten Prinzen der

salomonischen Dynastie. Sein Name war Tesfa Jesus oder _Jekuno-Amlak_. In

Abessinien aber herrschte _Nakwetolaab_, der Sagué. Als eigentlicher

Herrscher des Landes mußte aber der mächtige Abuna oder Erzbischof _Tekla

Haimanot_ angesehen werden, heute noch der berühmteste Heilige der

abessinischen Kirche und Gründer des großen Klosters Debra Libanos in

Schoa, durch dessen Eifer und Beistand die Wiedereinsetzung der alten

Dynastie ermöglicht wurde. Aus freiem Willen, wenn auch auf dringendes

Einreden dieses Erzbischofs, leistete Nakwetolaab Verzicht auf die Krone

und stieg vom Throne herab, um jenem Nachkömmling der salomonischen

Dynastie, nach abessinischer Vorstellung dem legitimen Sprossen Menilek’s,

Platz zu machen.

Zum Entgelt für sich und seine Leibeserben wurde Nakwetolaab zum Herrscher

in der Provinz Waag unter der Lehensoberhoheit des Königs bestellt und

dazu der Vorbehalt ausbedungen, daß für den Fall des Aussterbens der Linie

Menilek’s die Krone an die Linie Nakwetolaab’s zurückgelange, ein

Uebereinkommen, welches solche Lebenskraft besitzt, daß es bis in die

jüngste Zeit zurückwirkt. – Von dieser Zeit an bietet die politische

Geschichte des Landes eine Reihe von kriegerischen Expeditionen dar,

welche ihre Könige, zum Theil ausgezeichnete Helden, gegen auswärtige

Völker unternahmen, während die muhamedanische Macht an der Grenze sich

immer drohender entwickelte.

[Illustration: Felsenkirche von Hauazién. Nach Isenberg.]

In dieser Noth fand eine nähere Verbindung zwischen Europa und Abessinien

statt, ja es war die Rede von einer Verschmelzung der Landeskirche mit der

römisch-katholischen, die durch Pilgerfahrten nach Jerusalem angeregt

worden war. Dort hatten die frommen abessinischen Wallfahrer von dem

aufstrebenden Glanze Portugals gehört, und die Berichte derselben erregten

in König _Jakob_, der von 1421 bis 1470 regierte, den Wunsch, mit dem

abendländischen Reiche in Verbindung zu treten. Eine Gesandtschaft wurde

nach Lissabon geschickt, um dort vom Könige Alphons Hülfe gegen die

Ungläubigen zu erbitten. Diesem, der damals mit kriegerischen Plänen gegen

die Mauren Nordafrika’s umging, kam der Wunsch Jakob’s sehr gelegen,

obgleich damals der Weg ums Kap der guten Hoffnung herum noch nicht

entdeckt war; allein er konnte, ohne den mächtigen Papst gefragt zu haben,

auf die Allianz mit Abessinien nicht eingehen, und dieser forderte als

erste Bedingung eines Bündnisses die unbedingte Unterwerfung der

getrennten äthiopischen Kirche unter den Stuhl Petri. Die abessinischen

Gesandten mußten deshalb 1441 auf dem Florentiner Konzil erscheinen, wo

eine vorläufige Ausgleichung zwischen beiden Kirchen stattfand. Schon im

folgenden Jahre erschienen neue Bevollmächtigte auf dem lateranischen

Konzil zu Rom, um den Ausgleich zu bestätigen und dringend aufs neue um

Hülfe zu bitten. Diese jedoch verzögerte sich und an ihre Stelle trat nach

langem Briefwechsel 1490 eine von König Johann II. an König Eskander von

Abessinien geschickte Gesandtschaft, welche mit den größten

Ehrenbezeugungen aufgenommen wurde. Dabei blieb es aber vor der Hand und

die Muhamedaner rückten immer mehr gegen die Abessinier an. Im Jahre 1527

wurde der Hafenplatz Massaua von den Türken eingenommen und von diesen mit

dem an der Küste herrschenden Dankali-Könige _Muhamed Granje_, dem

„Linkshändigen“, ein Bündniß abgeschlossen, welches den Zweck hatte,

Abessinien gänzlich zu unterwerfen und an die Stelle des Evangeliums den

Koran zu setzen. Granje, dessen Väter von den abessinischen Königen mit

dem Schwerte erschlagen worden waren, hatte blutige Rache geschworen und

fiel gleich einem reißenden Strome mit einem zahlreichen Heere in das Land

ein. Durch den gelben Sand der dürren Adalebenen und die glühend heißen

Gestadeländer ziehend, stieg er hinauf in die kühleren, gesegneten

Berglandschaften Schoa’s, alles vor sich niederwerfend, sengend und

brennend. Weit und breit dampfte das Land vom Blute der Erschlagenen;

nicht Weib noch Kind wurde geschont, die Kirchen und Städte, darunter der

Königssitz Axum, wurden niedergebrannt, die königliche Familie aus ihrer

Felsenburg Endoto verjagt und flüchtig von dannen getrieben. Damals war

es, daß die nur mit Schwertern und Lanzen bewaffneten Abessinier zum

ersten male den Feuerwaffen der Muhamedaner begegneten, vor deren

ungewohntem Klange sie davoneilten, wie gescheuchte Rehe des Waldes. Die

Muhamedaner aber ergossen sich über das wehrlose Land, verübten die

größten Greuel und waren eben im Begriffe, sich dauernd dort

niederzulassen, als die längst erwartete Hülfe aus Portugal eintraf.

Don _Christoph da Gama_, ein Verwandter des berühmten Vasco da Gama, kam

mit einer kleinen portugiesischen Flotte in Massaua an und landete mit 400

wohlgerüsteten Kriegern, mit denen er rasch nach Tigrié eilte, sie dort

mit den Resten der geschlagenen abessinischen Armee vereinigte und nun

muthig den Streitern des Islams entgegenführte. Das erste größere Gefecht

der Portugiesen gegen die Muhamedaner verlief unglücklich. Da Gama wurde

verwundet und flüchtete in eine Höhle, wo ihn eine muhamedanische Sklavin

von außerordentlicher Schönheit, welche er als Dienerin mit sich führte,

ihren Glaubensgenossen verrieth. Er wurde vor Granje geführt, welcher ihm

eigenhändig mit der linken Hand den Kopf abschlug, der nach Konstantinopel

gesandt wurde, während die Stücke des geviertheilten Körpers nach

verschiedenen Gegenden Arabiens wanderten. Die Portugiesen, anfangs durch

den Verlust ihres Feldherrn bestürzt gemacht, rafften sich indessen von

neuem auf, schlugen die Muhamedaner, tödteten Muhamed Granje und setzten

den rechtmäßigen König Claudius (Galaudios) wieder in den Besitz seines

Thrones.

Nichts umsonst! So lautete damals schon der Wahlspruch, und die

Portugiesen, die ihr Blut nicht ohne Gewinn verspritzt haben wollten,

traten nun mit zwei Forderungen auf. Zunächst verlangten sie den dritten

Theil des Landes und dann unbedingte Unterwerfung der äthiopischen Kirche

unter den römischen Papst. Die Abessinier sahen ein, daß sie einen Feind

losgeworden, dafür aber einen andern, kaum minder schlimmen, aufs neue

sich zugezogen hatten. Claudius, welcher sich in seinem Glauben nicht irre

machen ließ, auch der Portugiesen jetzt nicht mehr zu bedürfen glaubte,

verweigerte beide Forderungen kurzweg und holte einen neuen Abuna

(Vorstand der äthiopischen Kirche) aus Alexandrien, während er den

römischen Geistlichen, an deren Spitze _Bermudez_ stand, befahl

heimzukehren. Die Portugiesen waren aber weit davon entfernt, so ohne

weiteres die Früchte ihres Sieges aufzugeben. Im Jahre 1555 kam eine

Jesuitenmission in Abessinien an, welcher bald darauf eine zweite unter

dem Bischofe Orviedo folgte, aber alle ihre Anstrengungen waren

vergeblich, indem König Claudius selbst über Glaubenssachen mit Orviedo

disputirte, ihn zu widerlegen suchte und, als dieser darauf die ganze

abessinische Kirche in den Bann that, ihn mit seinen Genossen aus dem

Lande verwies. Nur mit Widerstreben gehorchten die Patres, die nach Japan

versetzt wurden, wo sie, anfangs zu Einfluß gelangend, auch später wieder,

wegen ihrer Einmischung in die Regierung des Landes, vertrieben wurden.

Von Indien aus versuchten es die Jünger Loyola’s nun zu wiederholten

Malen, in Abessinien festen Fuß zu fassen, bis es ihnen endlich zur Zeit

der Regierung des Königs _Sosneos_ (Seltan Seggad) gelang, sich

festzusetzen. Unter diesem Könige, der außerordentlich viel auf eine

Verbindung mit Portugal gab, wurde auf Betreiben der Jesuiten die römische

Kirche für die alleinseligmachende erklärt, die bisherigen abweichenden

Lehren und Gebräuche abgeschafft und die Einführung des römischen

Gottesdienstes und Glaubens im ganzen Reiche eifrig betrieben. Vergeblich

warnten den König seine Freunde, flehten seine Geistlichen mit dem

hundertjährigen Abuna Simeon an der Spitze, den Eingebungen der Jesuiten

nicht zu folgen und treu am Glauben der Väter festzuhalten. Wer nicht

wollte, mußte gehorchen oder des königlichen Mißfallens und schwerer

Strafen gewärtig sein. Allein aufgestachelt von den Priestern ließ das

Volk die Glaubenstyrannei sich nicht gefallen und griff zu den Waffen, um

die alte Religion zu vertheidigen. Der König, durch die fanatischen

Jesuiten immer mehr angefeuert, schickte den Scheftas (Rebellen) ein

mächtiges Heer unter dem Oberbefehl seines Bruders entgegen, dem es auch

bald gelang, die Revolution blutig niederzuwerfen. Dieser Sieg veranlaßte

das Einströmen zahlreicher portugiesischer Geistlichen, die, den

Erzbischof _Mendez_ an der Spitze, nun mit dem größten Eifer für

Ausbreitung des Katholizismus in Abessinien Sorge trugen. In einer

feierlichen Versammlung wurde das alexandrinische Bekenntniß für

abgeschafft erklärt und jeder mit dem Bannfluche belegt, der sich der

neuen Ordnung nicht fügte.

Die Herrschaft der Jesuiten ruhte nun schwer auf dem Lande, und vor ihrem

Fanatismus blieben nicht einmal die Gräber verschont. Einer der

vornehmsten Priester, der sich der neuen Ordnung nicht gefügt hatte, starb

und wurde auf dem Kirchhofe begraben; auf Befehl des Erzbischofs Mendez

grub man jedoch die Leiche aus und warf sie den Hyänen vor. Diese und

ähnliche Handlungen erweckten die Wuth des Volkes aufs neue, und wiederum

brach eine Empörung aus, diesmal mit dem Zwecke, _Melea Christos_, einen

Vetter des Königs, auf den Thron Abessiniens zu erheben. Die zahlreiche

Armee des Sosneos wurde nun geschlagen und dieser zu einer Vermittelung

zwischen dem alten und neuen Glauben gezwungen. Erzbischof Mendez

gestattete, daß die alte Liturgie und die alten Festtage wiedereingeführt,

sowie die Feier des Sonnabends neben dem Sonntage geduldet wurde. Mit

Ausnahme der Einwohner der Provinz Lasta ergaben sich alle Abessinier

hierein; jene aber, die konservativsten unter allen, zogen 20,000 Mann

stark den Königlichen entgegen, wurden aber namentlich durch die aus Galla

bestehende Reiterei des Sosneos geschlagen, sodaß 8000 tapfere Männer von

Lasta mit ihren blutigen Leichen das weite Schlachtfeld deckten. Gegenüber

diesem Anblick, bei den verstümmelten Körpern ihrer dahingeopferten

Brüder, die für den alten Glauben gefallen waren, erweichte das Herz der

Sieger und, den Kronprinzen _Fasilides_ an der Spitze, ging – was wol

einzig in der Kriegsgeschichte dastehen dürfte – der Sieger zu dem

Besiegten über, dessen Sache zur seinigen machend und den König Sosneos

zwingend, zur Religion der Väter zurückzukehren. Nach diesem Siege, der

zur Niederlage des Katholizismus wurde, durchzog ein Herold das Land,

welcher laut verkündigte: „Hört, hört! Früher haben wir euch den römischen

Glauben empfohlen, in der Meinung, daß er der wahre sei. Da aber große

Scharen unserer Unterthanen für den alten Glauben ihrer Väter das Leben

geopfert haben, so soll auch die freie Ausübung desselben wieder gestattet

sein. Eure Priester mögen ihre Kirchen wieder in Besitz nehmen und darin

dem Gott ihrer Väter dienen.“

Damit war der Untergang des Katholizismus besiegelt; laut jubelnd strömten

die Abessinier in die alten Gotteshäuser, und als im Jahre 1632, nach dem

Tode des Königs Sosneos, dessen Sohn Fasilides an die Regierung kam, waren

auch die Stunden der Jesuitenväter gezählt. Sie wurden zunächst in das

Kloster Mai Goga bei Adoa verbannt, flüchteten aber von hier vor den

Verfolgungen des Pöbels. Mendez selbst gerieth auf der Flucht zu Sauakin

in die Sklaverei und statt seiner nahm wieder ein Abuna aus Alexandrien

den höchsten Kirchensitz zu Gondar ein. Ist auch die Invasion der

Portugiesen, die Herrschaft der Jesuiten über das Land nicht ohne Einfluß

in kulturhistorischer Beziehung geblieben, so wurde doch ein guter Theil

des Volks und Reiches in den inneren Zwisten dem Ruin zugeführt.

In der folgenden Periode regierten bis 1753 acht Könige, mehr oder minder

kräftig, die aber alle nicht hindern konnten, daß die Macht der Häuptlinge

wuchs, die Herrscherwürde im Ansehen immer mehr sank und das Reich sich

unaufhaltsam in seine Theile auflöste, sodaß allmälig die drei Staaten

_Amhara_ in der Mitte, _Tigrié_ im Norden, _Schoa_ im Süden sich unter

eigenen Fürsten herausbildeten, die den ohnmächtigen König im Palaste zu

Gondar nur dem Scheine nach anerkannten. Unter König _Joas_ (1753–1769)

hatte der Statthalter von Tigrié, der furchtbare _Ras Michael_, als eine

Art von Major Domus die ganze Macht an sich gerissen, den Kaiser umbringen

lassen und dessen bejahrten Großoheim, Johannes, gleich einer Puppe auf

den Thron erhoben, und als dieser fünf Monate später starb, dessen jungen

Sohn Tekla Haimanot II. zu seinem Nachfolger ernannt. Jene Zeiten, die uns

Bruce mit großer Anschaulichkeit als Augenzeuge schildert, bilden eines

der blutigsten Blätter in der Geschichte Abessiniens.

[Illustration: Krieger von Schoa. Nach Harris.]

Sturz und Erhebung, Bürgerkrieg und Mord wechseln miteinander ab und die

Menge der auftretenden Namen, der unzufriedenen Häuptlinge, der ermordeten

Statthalter ist geradezu verwirrend. Durch stete Treulosigkeit suchten

sich die abessinischen Häuptlinge gegenseitig zu überlisten, wobei ihnen

meist eheliche Verbindungen als Deckmantel dienten, um das unglückliche

Land fortwährenden Verheerungskriegen preiszugeben, welche stets nur zur

Befriedigung des individuellen Ehrgeizes, niemals aber im Interesse des

Reiches geführt wurden. Durch so viele Veränderungen und durch die

beständigen Bürgerkriege war die Herrschermacht so in Verfall gerathen,

daß das Königthum nur noch in dem Palaste des jeweiligen Königs zu Gondar

thatsächlich bestand, außerhalb desselben aber so wenig, daß die meisten

der nominellen Unterthanen _nicht einmal den Namen des Herrschers

kannten_. Die Existenz des Königs war nur eine Aegide für den _Ras_ oder

Protektor des Reiches, der nur durch Erhebung eines Königs auf seinen

Thron und durch Beschützung desselben seine eigene Würde erhielt, sonst

aber ganz nach seinem eigenen und seiner Großen Gutdünken schaltete. Unter

ihm standen die vielen Reichsvasallen, die Provinzial-Gouverneure, deren

Würde erblich ist, die aber ebenfalls so viel Unabhängigkeit zu erstreben

suchten, als sie nur konnten. Jeder Gouverneur war verpflichtet, bei

militärischen Expeditionen seinem Obern mit so vielen Soldaten zu Hülfe zu

eilen, als er selbst unterhalten konnte, und sein bürgerlicher Rang im

abessinischen Staatskörper wurde nach der Stelle bestimmt, die ihm im

Heere, d. h. im königlichen Lager und auf dem Marsche angewiesen wurde.

Vorzüglich aber hatten diese Statthalter das Recht sich angemaßt,

Gegenkaiser zu ernennen und die ihnen mißfälligen Thronbesitzer zur

Abdankung zu zwingen. Da sie überdies noch die Tributzahlungen

einstellten, wurde das Ansehen und die Macht der Könige so herabgewürdigt,

daß sich das Einkommen derselben zu Anfang unseres Jahrhunderts auf

dreihundert Thaler belief. Welche Civilliste für einen Herrscher

Aethiopiens! Um sich aber von der Wandelbarkeit der abessinischen

Königswürde eine rechte Vorstellung machen zu können, sei hier bemerkt,

daß seit dem Abdanken des Königs Tekla Haimanot II. (1778) bis zum Jahre

1833 vierzehn verschiedene Fürsten zweiundzwanzigmal als Könige in Gondar

auf dem Throne gesessen haben. Ein Nebenstück hierzu finden wir allerdings

in den sogenannten Republiken Südamerika’s, wo der Präsidentenstuhl nicht

minder häufig wechselt.

Nachdem der erwähnte Ras Michael durch den Statthalter der Provinz Lasta,

_Wend Bowosen_, am 4. Juni 1771 besiegt und gefangen worden war,

bemächtigte sich der Befehlshaber von Tembién, _Kefla Jesus_, der Provinz

Tigrié. Derselbe bat, um sich in seinem Besitzthum möglichst zu

befestigen, seinen Verbündeten, den Wend Bowosen, ihren gemeinschaftlichen

Gegner, den furchtbaren Ras Michael, der zu Dobuko gefangen saß, aus der

Welt zu schaffen; allein jener that das Gegentheil: er setzte den

Gefangenen in Freiheit und machte ihn mit dem Plane des Kefla Jesus

bekannt. Ergrimmt zog nun der alte tapfere Ras Michael mit wenigem Gefolge

nach Tigrié, und fast die ganze Armee seines Gegners Kefla Jesus ging zu

ihm, ihrem alten General, unter dem sie so oft gesiegt hatte, über. Jener

wurde hierauf gefangen und von Ras Michael 1772 aufs grausamste ums Leben

gebracht, der auch bis zu seinem 1779 erfolgten Tode über Tigrié herrschte

und seinen Sohn _Ras Walda Selassié_ zum Nachfolger erhielt; dieser Fürst,

welcher aus den Erzählungen der englischen Reisenden Salt und Pearce

bekannt geworden ist, regierte, wiewol keineswegs ungestört, bis zum Mai

1816 über Tigrié; nach seinem Tode war das Land sechs Jahre in einem

höchst anarchischen Zustande, indem nicht weniger als vier Häuptlinge

nacheinander um die Obergewalt kämpften. Im Jahre 1822 gelang es

_Sabagadis_, dem Statthalter der Provinz Agamié, sich in der Obergewalt zu

befestigen und über acht Jahre lang in Tigrié zu regieren. Er soll damals

den kühnen Gedanken gefaßt haben, sich die Alleinherrschaft in Abessinien

zu erringen, wozu er wahrscheinlich durch verschiedene bei ihm befindliche

Europäer veranlaßt wurde. Allein auch er theilte das Schicksal seiner

Vorgänger und erhielt in _Ubié_, einem talentvollen, kühnen und grausamen

Manne, einen noch weit bedeutenderen Nachfolger. Ubié war der

Schwiegersohn des Sabagadis und Detschasmatsch der gebirgigen Provinz

Semién; das hinderte aber den Schwiegervater nicht, gegen ihn, dessen

aufstrebende Macht er fürchtete, zu intriguiren. Vereinigt mit Ras Maria,

dem Befehlshaber der Provinzen Begemeder und Dembea, rückte nun Ubié an

den Takazzié, schlug dort am 15. Februar 1831 seinen Schwiegervater

Sabagadis vollständig und ließ ihn am folgenden Tage hinrichten. Während

nun Ubié von den Großen zu Axum als Herr Tigrié’s ausgerufen wurde,

kämpfte der ältere Sohn des Sabagadis, Walda Michael, gegen ihn fort, doch

ohne Erfolg; er wurde gleichfalls getödtet, und auch der zweite Sohn,

Kassai, mußte sich Ubié ergeben. Aber Kassai blieb nicht treu, sondern

versuchte abermals zu rebelliren. Um ihn fester an sich zu knüpfen,

schenkte ihm Ubié im Spätjahre 1836 seine siebenjährige Tochter zur Frau,

sowie ein bedeutendes Gebiet in Tembién zur Mitgift und ließ sich dabei

alle Hauptanhänger Kassai’s nennen, die in Verwahrsam gebracht wurden. Als

darauf Kassai 1838 wieder rebellirte, zog Ubié mit einer bedeutenden Armee

gegen ihn, schlug ihn und setzte ihn in einer Bergveste gefangen, wo seine

Frau nicht von ihm wich. Dann befestigte sich seine Macht immer mehr und

erreichte ihren Gipfel durch den Fall Balgadaraia’s, eines mächtigen

Fürsten in Ost-Tigrié, der zeitweise die Abwesenheit Ubié’s zu raschen

Verheerungs- und Raubzügen bis nach Adoa und zum Takazzié benutzte. Im

Jahre 1850 stellte sich Balgadaraia freiwillig dem Ubié und wurde von

demselben mit Ländereien belehnt.

Im centralen Staate Abessiniens, in Amhara, regierte unterdessen nicht

minder gewaltig, doch mit weniger Glück, _Ras Ali_, welcher die ganze

Herrlichkeit an sich gerissen hatte und den König oder Kaiser _Saglu

Denghel_ noch mehr zur Unbedeutendheit herabdrückte, als dieses bisher mit

den Herrschern geschehen war. Für seinen Lebensunterhalt waren diesem

Herrscher über Abessinien nur 300 Maria-Theresia-Thaler jährlich

geblieben, welche die in Gondar wohnenden Muhamedaner als eine Art

Kopfsteuer zu entrichten hatten. Mit dieser unbedeutenden Summe und dem

Betrage einiger wenigen zufällig eingehenden Strafgelder mußte die ganze

Hofhaltung bestritten werden. Die hierdurch entstehende große finanzielle

Bedrängniß, bei welcher der Titularkönig des Reiches kaum die nöthigsten

Mittel zur Anschaffung seiner Nahrung hatte, war es wol, welche Saglu

Denghel auf den Gedanken brachte, daß, da in Abessinien der Herrscher

zugleich als das höchste Haupt der Landeskirche angesehen wird, er auch

das Recht haben müsse, diejenigen Schenkungen, welche seine Vorfahren in

glücklichen Zeiten der Kirche gemacht hatten, jetzt, da der Thron dieselbe

zu seinem eigenen Bestehen nothwendig habe, wenigstens theilweise

zurückzuverlangen. Er erklärte dieses im Anfange des Jahres 1833 den in

Gondar anwesenden Geistlichen, brachte aber dadurch den ganzen Klerus

gegen sich auf – also genau so wie bei uns, wenn z. B. ein König von

Italien die Kirchengüter zum Besten des Landes einzieht, nur mit anderm

Erfolge. Daß Soldaten sich der Einkünfte vieler Kirchengüter bemeisterten,

hatte man freilich geschehen lassen müssen, weil es nicht verhindert

werden konnte; aber in die Schmälerung der kirchlichen Revenuen als etwas

Gesetzliches von freien Stücken einzuwilligen, dazu war die abessinische

Geistlichkeit ebenso wenig zu bewegen, wie irgend ein Klerus Europa’s.

Sämmtliche Geistliche von Gondar verfügten sich also zum Kaiser und

protestirten energisch gegen die Neuerung, ja, sie fingen sogar an, die

Kirchen zu schließen und jegliche geistliche Funktion einzustellen,

worüber besonders die alten Frauen in Bestürzung geriethen. Am 19. Januar

1833 begab sich die ganze Geistlichkeit in feierlichem Aufzuge zum

Protektor Ras Ali nach Fangia und bat denselben dringend, dem Saglu

Denghel die Königswürde zu nehmen, weil er sich derselben durch die

Einführung ketzerischer Neuerungen in dem zwischen Staat und Kirche

bestehenden Verhältnisse unwürdig gemacht habe. Solche Versuche, fügten

sie hinzu, würden ohne allen Zweifel den Ruin des Reiches nach sich ziehen

und von jeher sei ja auch ein Angriff auf die geistlichen Rechte von allen

Synoden als verdammenswerth anerkannt worden. Indem wir diese uns von

Rüppell, der als Augenzeuge spricht, mitgetheilten Einzelheiten lesen,

kommt es uns vor, als sei hier etwa von Oesterreich und dem Jahre 1867 die

Rede, wo beim Streite über die Aufhebung des Konkordates der Klerus der

Regierung gegenüber die nämliche Sprache, die nämlichen Argumente

gebrauchte. So sehr gleicht sich die Geistlichkeit in allen Theilen

unserer Erde.

Der Klerus erreichte seinen Zweck vollkommen, denn Ras Ali schickte

sogleich einen seiner Offiziere mit dem Befehle nach Gondar, daß der König

augenblicklich das Schloß verlasse und die Krone niederlege, für welche er

bei seiner Rückkehr von einem Kriegszuge einen Würdigeren ernennen werde,

und diesem Befehle wurde ohne die mindeste Widersetzlichkeit Folge

geleistet. So endete die nominelle Herrschaft Saglu Denghel’s nach einer

Dauer von nur vier und einem halben Monate und so gingen damals die

Protektoren mit dem „Könige“ um. Ras Ali wies dem abgesetzten Herrscher

ein kleines Dorf in der Nähe des Tanasees als zukünftigen Wohnsitz und die

geringen Einkünfte desselben zu seinem ferneren Unterhalte an. Lange Zeit

blieb der Thron unbesetzt, und die folgenden Könige sind auch nur von

chronologischem Interesse, da eine Bedeutung ihnen nicht mehr zukam und

das Land in der That aus drei gänzlich getrennten Staaten, aus Schoa unter

König Sahela Selassié, Amhara unter Ras Ali und Tigrié unter Ubié bestand.

Im Verfolge unseres Werkes werden wir noch oft Gelegenheit haben, diese

drei Theilfürsten zu erwähnen, von welchen namentlich der erstere und der

letztere unser Interesse um deswillen in Anspruch nehmen, weil sie mit den

Europäern in nahe Verbindungen traten und von verschiedenen Reisenden

aufgesucht wurden. Ubié, etwa im Jahre 1800 geboren, war, nach Rüppell’s

Bericht, ein Mann von hagerer Statur und mittlerer Größe; in der Kopfform

und Körperhaltung sprach sich ein gewisser Adel aus und seine schönen

lebhaften Augen verriethen Geist und Gewandtheit; seine Gesichtsfarbe war

gelbbraun; sein schöngelocktes Haar kurz verschnitten. Man rühmte ihm

Tapferkeit, Großmuth, Freigebigkeit und Gerechtigkeitsliebe nach. „Die

Art, wie er den Frieden in Tigrié herzustellen und zu befestigen suchte,“

sagt Rüppell, „giebt eine offene und loyale Handlungsweise zu erkennen,

wie sie die jetzigen Abessinier leider nicht verdienen.“ Auch mit Hülfe

der Geistlichkeit suchte er seine Macht zu befestigen. Denn schon seit

vierzehn Jahren war der Sitz des Metropoliten von Abessinien verwaist, als

Ubié im Jahre 1841 mehr aus politischem als kirchlichem Interesse in _Abba

Salama_ einen neuen Abuna (Erzbischof) aus Kairo holen ließ. Er hatte

schon längst darauf gesonnen, Ras Ali zu stürzen und durch Einsetzung

eines neuen Königs auf den Thron von Gondar sich selbst zum Ras oder

Protektor des Reiches, also zum obersten Machthaber des ganzen Landes, zu

erheben. Der Abuna sollte durch seinen Einfluß auf die Kirche seine Macht

verstärken und wol auch den neuen König salben, zu welchem der Prinz Tekla

Georgis bestimmt war, der jedoch bald starb.

Allein keiner von beiden Rivalen, weder Ubié noch Ras Ali, sollte auf den

alten Thron Abessiniens gelangen, – die Herrschaft fiel einem dritten zu,

der, vom Glücke begünstigt, mit Thatkraft ausgerüstet, wenigstens

zeitweilig dem grauenhaften Zustande ein Ende machte, welcher seit langem

das Land zerfleischte und Rüppell die Worte abdrängte: „Ich muß gestehen,

daß bei dem jetzigen gesetzlosen Zustande des ganzen Landes nicht der

geringste Hoffnungsstrahl einer sittlichen Regenerirung der Nation

leuchtet und daß der vollkommene Mangel einer kräftigen Regierung das

Haupthinderniß dabei ist und um so schwerer zu beseitigen sein wird, da

gegenwärtig auch nicht eine einzige Fraktion des Volkes an die Herstellung

einer solchen denkt. Der letzte Schatten eines gemeinsamen politischen

Oberhauptes ist mit der Absetzung des Kaisers Saglu Denghel geschwunden.

Die Geschichte der letzten sechzig Jahre zeigt eine vollkommene politische

Auflösung des Landes und dreht sich blos um die Häuptlinge, welche in den

verschiedenen Provinzen, als gleichsam voneinander unabhängigen Staaten,

sich zu unumschränkten Herrschern aufwarfen, durch List und Kühnheit ihre

Nebenbuhler verdrängten und dann meistens selber wieder durch

Treulosigkeit ihrer Verbündeten gestürzt wurden. So herrschen denn

fortwährend Bürgerkriege, welche in der Regel keinen andern Zweck haben,

als einen durch Versprechungen und Eidschwüre eingeschläferten Gegner zu

verdrängen, und die Bewohner einiger Distrikte, die in einem kurzen

Frieden etwas Eigenthum erlangt haben, auszuplündern. Die nothwendige

Folge davon ist eine stets zunehmende Verarmung; das Grundeigenthum hat

beinahe gar keinen Werth mehr; der Ackerbau wird immer mehr

vernachlässigt; die Viehherden sind ungemein zusammengeschmolzen und der

Verkehr ist wegen der großen Unsicherheit oft ganz unterbrochen.“

Rüppell bezieht diese Worte auf das Jahr 1833; allein sie hatten noch

Geltung in der Mitte dieses Jahrhunderts; der traurige Zustand des armen

Landes und Volkes, das nach Erlösung aus diesen Uebeln jammerte, war bis

dahin und ist auch noch heute derselbe.

Auf eine Hoffnung aber baute seit alten Zeiten jedermann in Abessinien.

Nach der Tradition sollte ein König _Theodoros_ erscheinen, um dem Lande

den ewigen Frieden zu bringen. Dieser Theodoros regierte einst schon im

15. Jahrhundert und ward heilig gesprochen; aber wie unser Barbarossa wird

er, so glaubt der Abessinier, wiederkehren zu seiner Zeit, um das Reich

des ewigen Friedens in Aethiopien einzuführen. An der Spitze seiner

Scharen wird er das heilige Grabmal den Händen der Ungläubigen entreißen,

die Türken aus Europa in ihre ursprüngliche asiatische Wildniß

zurücktreiben, Mekka und Medina zerstören und die ganze muhamedanische

Religion von der Erde vertilgen. Wo er hinkommt, weilt der Friede, und

Jerusalem wird der Hauptsitz der abessinischen Kirche, welche sich dann zu

Glanz und unerhörter Blüte entfalten wird. – –

Wohl kam der Held, der den Thron bestieg, allein der ersehnte Friede blieb

aus. Theodoros II., der Sohn einer armen Frau, vereinigte das Reich wieder

in seiner starken Hand und hob es zu einer Stellung, wie zuvor nie.

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Ueber die Verfassung Abessiniens können wir kurz berichten. Der Herrscher

(Kaiser oder König) führt den Titel _Negus_ oder _Negus Nagast za

Aitiopija_, d. h. König der Könige von Aethiopien. Die Residenz war in der

älteren Zeit zu Axum; gegen Ende des 13. Jahrhunderts, als die alte

salomonische Dynastie wieder zur Regierung kam, eine Zeit lang zu Tegulet

in Schoa, später zu Gondar, wenn auch das ehrwürdige Axum noch immer

Krönungsort blieb. Allein der düstere Palast, den die Jesuiten zur Zeit

des Königs Fasilides in Gondar errichtet hatten, behagte den Herrschern

nicht, die lieber in ihrem rothen Zelte im freien Feldlager residirten und

dort ihre Einkünfte an Herden, Getreide, Gold, Zeugen in Empfang nahmen,

während sie die Zölle und Wegegelder den Verwaltern der Provinzen

überließen. Im Grunde aber war der Negus Herr des ganzen Landes; er konnte

nach Belieben jedem Verwalter seinen Grund und Boden nehmen, um denselben

einem andern zu schenken, und von dieser Macht haben die Könige auch

fortwährend reichlich Gebrauch gemacht. Ihre Macht war in der That

unumschränkt, und nur über gewisse, durch Jahrhunderte alte Sitten und

geheiligte Fundamentalordnungen wagten auch sie sich nicht wegzusetzen.

Ein Adel existirte dem Namen nach; doch nur die Mitglieder des königlichen

Geschlechtes erschienen bevorzugt, wenn auch die Brüder des Herrschers bis

ins vorige Jahrhundert hinein in Staatsgefängnissen gehalten wurden, um

keine Intriguen anzetteln zu können. Ein besonderes Ministerium gab es

nicht, wohl aber zahlreiche Hof- und Staatsämter. Welche Rolle die

Gouverneure und Majordomen (Ras) spielten, zu welchem Ansehen sie

gelangten und wie sie ihre Gewalt an Stelle der Königsmacht setzten, wurde

bereits gezeigt.

Nächst dem Ras war früher der mächtigste Gouverneur der von Tigrié, der

den Titel Lika Kahenat (Hoherpriester) und Nabr Id als Hüter der

Bundeslade in Axum führte. Der höchste Würdenträger ist gegenwärtig der

Herzog oder _Detschasmatsch_ (Dadjazmatsch, Djeaz, Djeatsch, Kasmati). Das

Wort bedeutet eigentlich einen, „der an der Thüre kämpft“, um anzudeuten,

daß im königlichen Heerlager dieser Würdenträger mit seinen Truppen die

Stelle vor der Thüre des königlichen Zeltes hat und sich an die Leibgarde

des Herrschers anschließt. Auf den Detschasmatsch folgt der _Fit Auri_,

der Führer der Avantgarde. Er zieht mit seinen Truppen dem Heere

rekognoscirend voran und lagert sich zwischen diesem und dem Feinde oder,

wenn kein Feind da ist, in der Vorhut des Lagers. Niedere Würdenträger

sind der Kanjasmatsch, der mit seinen Truppen zur Rechten des königlichen

Zeltes lagert, und der Gerasmatsch zur Linken desselben. Neben diesen

kriegerischen Würden gab es auch friedliche. Bei Hofe war eine Anzahl

gelehrter Männer, Lik geheißen, die zusammen eine Art Gerichtshof bildeten

und mit deren Hülfe schwierige Fälle entschieden wurden. Die Justiz war

von der Verwaltung nicht geschieden und das Gesetzbuch _Feta Negust_,

d. h. Richtschnur der Könige, umfaßte das weltliche und kanonische Recht.

[Illustration: König Salomo (abessinische Malerei). Nach Harris.]

Dies ist in kurzen Umrissen die politische Geschichte Abessiniens, die zu

derjenigen der europäischen Staaten nicht in der geringsten Beziehung

stehen würde, wäre das Land nicht ein christliches Reich. Gerade aber dem

Christenthum verdankt es das Interesse, welches für dasselbe stets im

Abendlande wach war und welches eine Reihe ausgezeichneter Forscher und

Missionäre nach jenem bergigen Lande in Nordostafrika wallfahrten ließ, um

uns Kunde von seinen Wundern, seinen Naturschönheiten, seinen Bewohnern

und deren Religion zu bringen.

Sehen wir ab von der schon erwähnten Fahrt des _Kosmas __Indikopleustes_,

eines christlichen Kaufherrn aus Alexandria, welcher im 6. Jahrhundert die

Bai von Adulis besuchte und dort eine wichtige Inschrift kopirte, die er

in seiner „_Topographia christiana_“ veröffentlichte, so treffen wir

zunächst wieder im Dogenpalast zu Venedig in dem Weltbilde des _Fra Mauro_

(15. Jahrhundert) auf ein Gemälde Abessiniens von wunderbarer Treue. Nicht

blos kennt der Venetianer den rechten Nebenfluß des Nil, den Takazzié,

unter seinem wahren Namen, sondern er zeigt uns auch den spiralförmig

gekrümmten Lauf des Blauen Nil, den er mit seinem abessinischen Namen Abai

bezeichnet. Mehrere abessinische Landschaften, wie Gozan, Bagamidre

(Begemeder), Hamara (Amhara) und Saba (Schoa), kommen bereits bei ihm vor.

Auch die Küstenstriche des Osthorns von Afrika waren ihm wohlbekannt. In

die Nähe der Bab el Mandeb verlegt er die Sitze der Danakil, die Stadt

Zeyla und den Landstrich Adal. Er zeichnet uns dann den Lauf des Awasi

(Hawasch), in dessen Nähe er die Stadt Härrär setzt.

Im 13. Jahrhundert unterhielt man von Rom aus einen schriftlichen Verkehr

mit dem christlichen Abessinien und seit 1243 hören wir auch von

Missionen, die dorthin entsendet wurden. _Marino Sanuto_ machte deshalb zu

Beginn des 14. Jahrhunderts die Christen Europa’s aufmerksam, wie nützlich

ein Bündniß mit den Glaubensgenossen in Nubien oder Habesch bei einem

Kreuzzuge gegen Aegypten sein müßte. Seit der Mitte jenes Jahrhunderts

wurde auch auf die abessinischen Könige der Titel des _Erzpriesters

Johannes_ übertragen und die Kunde von einem angeblich mächtigen

Christenreich im Morgenlande vom chinesischen Himmelsgebirge plötzlich

nach den Alpenländern am Blauen Nil verlegt. Botschafter dieser

Erzpriester erreichten nicht blos die römische Kurie, sondern auch andere

europäische Höfe, und die von ihnen eingezogene Kunde wurde getreulich auf

den Karten niedergelegt. Als daher die Portugiesen unter _Prinz Heinrich

dem Seefahrer_ im 15. Jahrhundert ihre afrikanischen Entdeckungsreisen

antraten, war das ferne christliche Reich, das die Geographen jener Zeit

das „dritte Indien“ nannten, das äußerste Ziel, welches sie anfänglich ins

Auge faßten und auf dem Wege des fabelhaften „Goldflusses“, der ganz

Afrika der Quere nach durchströmen sollte, zu erreichen hofften.

Später, als der Seeweg nach Ostindien gefunden war und die Portugiesen

sich dort festgesetzt hatten, beschifften sie auch das Rothe Meer und

gelangten am 16. April 1520 nach Massaua, dem Ausfuhrhafen der Abessinier.

Dort erreichten sie also das ursprüngliche Ziel des Infanten Heinrich, des

Seefahrers, das Reich des afrikanischen Erzpriesters Johannes. Statt einer

mächtigen Herrschaft, wie sie erwartet hatten, fanden sie aber nur ein

beschränktes, in ihren Augen ärmliches Gebiet, rohe Bewohner und ein

verwahrlostes Christenthum.

Die bald darauf folgende portugiesische Invasion und die Bemühungen der

Jesuiten, die Abessinier zur katholischen Kirche zu bekehren, wurden

bereits oben erwähnt. Durch die Berichte der Jesuiten-Missionäre erhielt

man dann die erste ausführliche Kunde von den Glaubensbrüdern im Innern

Afrika’s und ihrem Lande. Viele wichtige Nachrichten gelangten namentlich

durch die Reise des _Alvarez_ (1520–1526) zu uns, der ganz Aethiopien

durchpilgerte und südwärts in ferne, noch jetzt beinahe unerforschte

Gegenden vor mehr als 300 Jahren gedrungen ist. _Bermudez_ hat uns einen

kurzen Bericht über seine Gesandtschaftsreise (1555) hinterlassen;

ausführlicher sind die fast gleichzeitigen _Barreto_ und _A. Orviedo_,

ferner _Paez_ (1618), _Ameida_, _Mendez_ (1625) und endlich _P. Lobo_, der

1640 nach Europa zurückkehrte.

Nun sollten auch die Deutschen ihren Theil an der Erforschung oder

vielmehr Bekanntmachung Abessiniens haben. Im Jahre 1681 erschien zu

Frankfurt am Main ein glänzendes literarisches Meisterstück deutscher

Gelehrsamkeit, _Hiob Leutholf’s_ (Ludolf’s) klassische „_Historia

aethiopica, sive brevis et succincta descriptio regni Habessinorum, quod

vulgo male Presbyteri Joannis vocatur_“, welcher noch mehrere Kommentare

und Anhänge folgten. Die Natur des Landes und seine Einwohner, die

Geschichte, die Religion und kirchlichen Verhältnisse, die Literatur

Abessiniens werden darin ausführlich behandelt. Große Hülfe bei der

Ausarbeitung seiner Werke erhielt Leutholf von dem amharischen Patriarchen

_Abba Gregorius_, der kurze Zeit am Hofe des Herzogs Ernst von

Sachsen-Gotha weilte und dessen Porträt in dem Kommentar mitgetheilt ist.

Die Kleidung der Einwohner, Abbildungen der Pflanzen und Thiere, der

Alterthümer des Landes sind in einer für die damalige Zeit sehr treuen

Wiedergabe in den Werken Leutholf’s enthalten, der uns auch die

Korrespondenz der abessinischen Könige mit den Königen Spaniens, ein

Verzeichniß äthiopischer Manuskripte, Gebete und Liturgien, den

abessinischen Kalender u. s. w. übermittelt hat und dessen Werk fast ein

Jahrhundert lang die vorzüglichste Quelle über Abessinien blieb. Kurz

darauf, nachdem Leutholf seine äthiopische Historie veröffentlicht hatte,

durchzog 1698 der französische Arzt _Poncet_ das ganze Land, indem er, von

Sennar ausgehend, über Amhara und Tigrié bis Massaua gelangte. Gründlicher

als alle seine Vorgänger förderte aber 70 Jahre später, durch Leutholf’s

Geschichte angeregt, der Schotte James Bruce unsere Kenntniß des Landes

durch Sammlung geschichtlicher Urkunden und Quellen, sowie durch genaue

astronomische Ortsbestimmungen.

[Illustration: Hiob Ludolf. Nach dem Kupferstiche in dessen „_Historia

aethiopica_“.]

_James Bruce_, geboren den 14. Dezember 1730 zu Kinnaird in Schottland,

wird für alle Zeiten als einer der bedeutendsten unter den abessinischen

Reisenden dastehen. In Algier, wo er 1763 als englischer Konsul angestellt

worden war, beschäftigte er sich eifrig mit dem Studium der

morgenländischen Sprachen und machte von dort aus Reisen längs der Küste

des Mittelmeers, den Nil aufwärts bis Syene und nach Baalbek und Palmyra

in Asien, wo er die berühmten Alterthümer zeichnete. So vorbereitet trat

er im Jahre 1769 seine große Reise an, auf der er von Massaua unter großen

Mühen und Gefahren bis Gondar gelangte, wo er sich bei der hier

ausgebrochenen Blatternseuche durch Anwendung europäischer Heilmittel

sowol bei Hofe als im Volke großes Ansehen erwarb und Gelegenheit fand, in

alle Einzelheiten des Volkslebens einzudringen, sowie mit dem furchtbaren

Ras Michael freundlich zu verkehren. Er blieb über drei Jahre in

Abessinien, fand die Quelle des Abai oder Blauen Nil im Südwesten des

Tanasees und brachte ein ganzes Jahr damit zu, seine Reise nördlich durch

das Land der wilden Schankela oder Schangalla (Heiden) und Nubien nach

Alexandria fortzusetzen, das er im Mai 1773 glücklich erreichte. Seine

Reisebeschreibung (_Travels into Abyssinia_) gab er in fünf Bänden erst

1790 zu Edinburg heraus, worauf er bald (16. April 1794) durch einen Sturz

von der Treppe sein Leben endete. Er, der so vielen Gefahren getrotzt, so

große Mühen und Beschwerden muthig ertragen, endete auf diese Weise! Die

letzten vier Jahre seines Lebens waren ihm noch außerordentlich verbittert

worden. Als er sein umfangreiches Werk veröffentlichte, fand das Publikum

darin eine solche Menge von ungewöhnlichen Nachrichten, Uebertreibungen

und Ungeheuerlichkeiten, daß man den Reisenden kurzweg für einen Lügner

erklärte. Er wurde mit Zuschriften bestürmt, die weisen Kritiker

behandelten ihn unbarmherzig, und namentlich konnte man sich über die

Angabe, daß die Abessinier rohes Fleisch von lebenden Thieren genössen,

nicht beruhigen, eine Angabe, auf die wir ausführlich zurückkommen. Man

nannte ihn Mr. Mendax, Herr Lügner; aber die Zeit hat ihn gerechtfertigt,

wenn er selbst auch nicht die Genugthuung erlebte, die Zweifler bekehrt zu

sehen.

Drei Jahrzehnte waren seit Veröffentlichung von Bruce’s so oft

angefochtener Beschreibung verflossen, als die englische Regierung den

ersten Entschluß faßte, mit dem merkwürdigen abessinischen Volke in

Verbindung zu treten. _Lord Valentia_ wurde zu Anfang dieses Jahrhunderts

beauftragt, eine Reise ums Kap der guten Hoffnung herum nach dem Rothen

Meere zu machen, die ganze ostafrikanische Küste wissenschaftlich zu

untersuchen, besonders die genauesten Nachrichten über Abessinien

einzuziehen und die geeigneten Schritte zu thun, eine Verbindung mit

diesem Lande anzuknüpfen. Diese Reise war von vielen wichtigen Resultaten

für die genauere Bekanntschaft mit den hervorragendsten Punkten an der

ostafrikanischen Küste, sowie für die Belebung des indischen Handels

begleitet; jedoch hatte sie für Abessinien nicht den Erfolg, den sie hätte

haben können, wenn die Unterhandlungen kräftiger betrieben worden wären.

Valentia selbst blieb in Mocha an der arabischen Küste, während er seinen

wissenschaftlich gebildeten, tüchtigen Sekretär _Henry Salt_ mit der

Sendung nach Abessinien betraute. Dieser machte die Reise über Massaua,

Arkiko, Halai, Dixan nach der Provinz Enderta, wo er, da er nicht zum

Könige selbst in Gondar gelangen konnte, mit dem Ras Walda Selassié

unterhandelte. (Vergl. oben S. 14.) Es gelang dem gewandten Salt durch die

glänzenden Geschenke, welche er dem Ras im Namen Georg’s III. von England

überreichte, denselben vom Wohlwollen der englischen Regierung zu

überzeugen und ihn zu einer Verbindung mit England zu bewegen. Er kehrte

mit ausführlichen Nachrichten über das Land und seine Bewohner und mit der

Ueberzeugung zurück, daß sich hier England für die Erweiterung seines

Handels als auch der Kultur ein weites und günstiges Feld eröffne. Einer

von Salt’s Begleitern, _Pearce_, blieb am Hofe des Ras zurück. Dieser

ersten Reise folgte bald darauf, gegen das Jahr 1814, nachdem Salt’s

Gönner, Lord Valentia, in den Pairsstand erhoben worden war, eine zweite

Gesandtschaft unter Salt’s eigener Führerschaft. Diese hatte den Erfolg,

daß das gute Vernehmen zwischen England und dem alten Ras gestärkt und

durch Pearce’s längeren Aufenthalt die Bekanntschaft mit Abessinien

vermehrt wurde. Wieder traten nun politische Wirren in Tigrié ein, welche

England die Lust benahmen, weiter in die Angelegenheiten des Landes

einzugreifen, bis im Jahre 1841 Kapitän _Harris_ nach Schoa ging und jene

politische Mission ausführte, von welcher wir eine ausführliche

Schilderung weiter unten nach dessen 1844 zu London erschienenem

dreibändigen Werke „_The highlands of Aethiopia_“ mittheilen.

Es konnte nicht fehlen, daß bei den merkwürdigen Sagen, die über

Abessinien umgingen, und bei der Unbekanntschaft, die über dessen Volk und

Natur noch herrschten, auch die Deutschen ihren Antheil an der näheren

Erschließung des Landes nahmen, nachdem Ludolf mit so gutem Beispiele,

wenn auch nur theoretisch, vorangegangen war. Den Reigen eröffneten zwei

der besten deutschen Naturforscher: _W. F. Hemprich_ und _C. G.

Ehrenberg_, welche schon früher Nubien durchzogen hatten und nun, von der

preußischen Regierung unterstützt, das Rothe Meer besuchten. Von Massaua

aus durchwanderte Hemprich die Küstengebirge, während Ehrenberg nach den

heißen Quellen von Eilat zog. Nach Massaua zurückgekehrt, traf ihn der

harte Verlust, am 30. Juni 1825 seinen Begleiter Hemprich dem Fieber

erliegen zu sehen. Trotzdem war die naturgeschichtliche Ausbeute der

Expedition ungemein reich, da nicht nur eine Menge ganz neuer Thierformen

entdeckt, sondern auch in den Oscillatorien, Wesen zwischen Thier und

Pflanzen, die Farbe des Rothen Meeres erkannt worden war.

Die bedeutendste und ergebnißreichste Reise in Abessinien führte nach

Bruce abermals ein Deutscher, _Eduard Rüppell_, geboren 20. November 1794

zu Frankfurt a. M., aus. Reich begütert und vortrefflich in

naturwissenschaftlicher wie astronomischer Beziehung vorbereitet, hatte er

nach einem kleineren Ausflug nach dem Orient, Nubien, Kordofan und das

Peträische Arabien 1823–1825 besucht und sich dann Abessinien als

Hauptziel seiner Forschungsthätigkeit erkoren. Am 17. September 1831

landete er auf Massaua an der abessinischen Küste, wo er den Rest des

Jahres und den nächsten Frühling zu Ausflügen in die Umgebung, nach

Arkiko, dem Thale Modat, den Dahalakinseln und nach den Ruinen von Adulis

benutzte. Am 29. April 1832 trat er dann den Marsch nach dem inneren

Hochlande an, welches vor ihm wissenschaftlich nur von Bruce und Salt

beschrieben worden war. Wurde auch die ganze Reise glücklich zurückgelegt,

so verlief sie doch nicht ohne große Gefahren, denn in Tigrié, wo gerade

Ubié ans Ruder gelangt war, wütheten noch die grausamsten Bürgerkriege.

Für diesen Herrscher hatte Rüppell ein sonderbares Geschenk, nämlich eine

schwere Kirchenglocke bestimmt, deren Transport auf dem Rücken von

Maulthieren viel Mühe verursachte, aber mit großer Freude angenommen

wurde, da Glocken in Abessinien sehr selten sind. Um sich einen Schutz auf

der Reise zu verschaffen, lieh Rüppell einem abessinischen Großhändler 600

Maria-Theresia-Thaler und zog nun durch den Tarantapaß auf Halai, die

abessinische Grenzstation, zu. Schon hatte er sein Gepäck in Massaua zur

Ueberfahrt nach dem Festlande zurechtgelegt, als ihm von einem betrunkenen

türkischen Soldaten, der eine Pistole auf ihn abschoß, fast das Leben

geraubt und die große, wohl vorbereitete Reise verhindert worden wäre. Von

Halai wandte sich Rüppell in südlicher Richtung nach Atigrat am Fuße des

hohen Alequa, kreuzte am 20. Juli das tiefe Thal des reißenden Bergstroms

Takazzié und stieg hierauf in die hohen, oft von Schnee bedeckten, kühn

geformten Alpen der Provinz Semién, wo er den fast 12,000 Fuß hohen Paß am

Selkiberge überschritt und auf den Alpenwiesen in jener Region neben

Ericabüschen jene seltsame, in ihrer Form an die Palmen erinnernde

Pflanze, die Dschibarra, entdeckte, welcher Fresenius den Namen

_Rhynchopetalum montanum_ gegeben hat. Am 12. Oktober hielt er seinen

Einzug in die Königsstadt Gondar, wo er der Absetzung des Königs Saglu

Denghel beiwohnte und bis zum 18. Mai 1833 verweilte. Die Zwischenzeit

benutzte er zu einem Ausfluge in die heißfeuchte Niederung (Kolla) von

Workemeder und Ermetschoho, nördlich von Gondar, wo seine Elephantenjäger

reichliche Beute fanden. Dann zog er dem Ostufer des Tanasees entlang,

dessen Höhe über dem Meere er zum ersten male zu 5732 Fuß bestimmte.

Weiterhin gelangte er dann zu der Stelle, wo unfern der berühmten _Brücke

von Deldei_ der Abai oder Blaue Nil dem Tanasee entströmt.

Am 18. Mai 1833 brach Rüppell von Gondar auf, um über die alte

Krönungsstadt Axum, wo er eine wichtige altäthiopische Inschrift

entdeckte, und über Adoa, die Hauptstadt Tigrié’s, wieder nach Massaua

zurückzukehren, das er am 29. Juni glücklich erreichte. Seine Ausbeute,

die er von dieser Reise mit heimbrachte, war eine ungemein reiche, denn

nicht nur hatte er viele Orts- und Höhenbestimmungen vorgenommen, die der

Karte Abessiniens ein wesentlich anderes Gepräge geben, sondern auch

archäologische, historische und ethnographische Forschungen angestellt,

vor allem aber die zoologische Kenntniß des Landes bereichert, wie seine

„Neue Wirbelthiere zur Fauna Abyssiniens gehörig“ und seine „Uebersicht

der Vögel Nordostafrika’s“ beweisen.

[Illustration: _Rhynchopetalum montanum_. Im Hintergrunde der Bachit,

im Vordergrunde Klippspringer.

Originalzeichnung von Robert Kretschmer.]

Seine „Reise in Abyssinien“ erschien 1840 zu Frankfurt a. M. Für alle

seine Arbeiten wurde ihm denn auch die wohlverdiente Auszeichnung zu

Theil, daß ihm die Londoner geographische Gesellschaft die große goldene

Medaille verlieh. Seine reichen Sammlungen vermachte er seiner Vaterstadt

Frankfurt, wofür diese ihm eine lebenslängliche Pension aussetzte.

Auf Rüppell folgten 1835 zwei Franzosen, die Stiefbrüder _Tamisier_ und

_Combes_, mit dem angeblichen Zwecke des einen, Menschenkenntnisse zu

sammeln, des andern, sich für die Poesie zu begeistern. Sie kamen unter

vielen Gefahren bis Schoa. Beide Herren waren Mitglieder der Sekte der

Saint-Simonisten und haben nach ihrer Rückkehr 1846 zu Paris vier starke

Bände („_Voyage en Egypte, en Nubie etc._“) einer sehr romantischen und

wenig glaubhaften Erzählung ihrer Erlebnisse und Abenteuer veröffentlicht.

Mit nicht viel mehr Glück machte im Jahre 1836 Baron _von Katte_ einen

kurzen Ausflug nach Adoa in Tigrié, kehrte jedoch bald wieder zurück und

beschenkte Deutschland mit einer Reiseschilderung, an deren Genauigkeit

der gewissenhafte Rüppell gar manches auszusetzen hat. („Reise in

Abyssinien im Jahre 1836“. Stuttgart und Tübingen 1838.)

Im Januar 1837 traf dann der deutsche Botaniker Schimper in Adoa, damals

der Hauptstadt Ubié’s, ein. _Wilhelm Schimper_ wurde im Jahre 1804 zu

Mannheim geboren. Zuerst als Drechslerlehrling, dann als Unteroffizier,

fand er keine Befriedigung seines Wissensdranges, weshalb er sich nach

München wandte, um dort Botanik zu studiren. Nachdem er eine tüchtige

Ausbildung erlangt, trat er größere Reisen nach dem Orient an; er

besuchte, vom württembergischen Reiseverein unterstützt, Algerien,

Aegypten, die Sinaihalbinsel und Arabien, von wo er überall reiche

Sammlungen nach Hause brachte. Im Jahre 1835 ging er, um seine durch

Fieber untergrabene Gesundheit wiederherzustellen, über Massaua in die

abessinischen Hochlande, wo er bei Ubié in Adoa eine freundliche Aufnahme

fand und seinen wissenschaftlichen Sammlungen nachgehen konnte. Sein

Einfluß bei diesem Fürsten stieg immer mehr, sodaß Schimper als

Statthalter zuerst einen Distrikt an der Gallagrenze, dann den Distrikt

Antitscho in Tigrié zu verwalten hatte. Mit einem Worte, er wurde die

rechte Hand Ubié’s, als dessen Baumeister und Minister er sich

unentbehrlich zu machen wußte. Schimper war bereits früher in Rom zum

Katholizismus übergetreten, weshalb er die Lazaristenmissionen unter de

Jacobis in Abessinien unterstützte, was er um so leichter mit Einfluß

auszuführen wußte, als er mit einer Tochter des Landes sich vermählt

hatte. Auch begann er für Frankreich zu wirken, von wo aus er

Unterstützungsgelder bezog, um dafür seine Sammlungen an den _Jardin des

plantes_ in Paris einzusenden. Nach dem Sturze Ubié’s hatte Schimper

anfangs viel Ungemach auszustehen, doch kam er später bei Theodoros wieder

in Gnade. Im Jahre 1861 schrieb Theodor von Heuglin über ihn: „Mein alter

Freund Schimper wird bald wieder im Stande sein, seine botanischen und

zoologischen Sammlungen fortzusetzen, die in den letzten fünf bis sechs

Jahren ausschließlich nach Frankreich gegangen sind. Dr. Schimper zählt

jetzt 57 Jahre, ist aber immer noch der alte rüstige und bewegliche Mann,

voll unverwüstlichen Humors, als den ich ihn vor vielen Jahren hier kennen

zu lernen das Vergnügen hatte.“

Bald nachdem Schimper in Abessinien sich niedergelassen hatte, beauftragte

die französische Regierung die Aerzte _Aubert_ und _Dufey_, wieder ein

gutes Vernehmen mit den Eingeborenen herzustellen, das durch das Auftreten

verschiedener französischer Abenteurer gestört worden war. Leider waren

diese beiden Gesandten keineswegs die einer solchen Aufgabe gewachsenen

Männer, denn durch eine Kette von Thorheiten und Schlechtigkeiten setzten

sie den europäischen Charakter in der Achtung des Volks ganz herunter und

vermehrten die Schwierigkeiten, die dem europäischen Verkehr im Lande

schon im Wege standen. Dr. Aubert kehrte im Februar 1838 von Adoa nach

Kairo zurück, während Dufey durch Schoa nach der Küste des Rothen Meeres

ging und als der erste Europäer die gefährliche Straße von Ankober nach

Tadschurra zurücklegte. Die Sendung dieser beiden Männer wurde, da das

französische Interesse an Abessinien sich mehrte, die Vorläuferin einiger

andern politischen und wissenschaftlichen Expeditionen von Frankreich aus,

die vom Jahre 1839 an erfolgten. Zwei derselben waren 1839 und 1841 unter

_Lefêbvre’s_, eine 1840 unter _Combes’_ Anführung (welcher zum zweiten

male Abessinien besuchte) nach Tigrié und auch nach Amhara gegangen. Ubié,

der damals noch in Tigrié herrschte, behandelte namentlich Lefêbvre sehr

verächtlich, musterte die ihm vom Könige Ludwig Philipp übersandten

Geschenke und sagte zu seinem Schatzmeister: „Nimm diesen Unrath in die

Schatzkammer hinüber.“ Der Gesandte wurde trotzdem aufgefordert, am Essen

mit theilzunehmen, wobei reichlich Honigwein kredenzt wurde, der den

Herrscher bald trunken machte. In diesem Zustande forderte er den Herrn

Gesandten auf, vor ihm zu tanzen, was nur durch das muthige Auftreten des

Dolmetschers verhindert werden konnte. In Verbindung mit den französischen

Gesandtschaften stand auch die Reise des belgischen Generalkonsuls in

Kairo _Blodell_, im Jahre 1841, die um deswillen zu erwähnen ist, weil

sie, von Massaua ausgehend, ganz Abessinien von Osten nach Westen

durchkreuzte, indem Blodell über Sennar und Chartum nach Kairo

zurückkehrte. Reiche wissenschaftliche Arbeiten lieferte um dieselbe Zeit

die Expedition des Franzosen _Galinier_ nach Tigrié, Semién und Amhara.

Combes war von Ubié gut aufgenommen worden, aber die freundschaftlichen

Verhandlungen wurden bald abgebrochen durch die Ankunft der Gebrüder

_d’Abbadie_, von denen der eine Ubié beleidigt hatte durch seinen Antheil

an einem Streifzuge gegen seine Truppen. Die d’Abbadie’s wurden mit der

Drohung verwiesen, daß, wenn sie je wieder ihre Füße in Ubié’s Gebiet

tragen sollten, dieselben ihnen abgehauen würden. Ebenso mußten infolge

dieses Vorfalles Combes und Lefêbvre das Land verlassen. Abgesehen von

ihren politischen Intriguen waren die Gebrüder Anton und Michael d’Abbadie

ausgezeichnete, mit tüchtigen Kenntnissen versehene und reich begüterte

Männer, die nicht unwesentlich für die Erweiterung unserer Kunde

Abessiniens thätig waren und sind, wenn sie auch ihr Hauptaugenmerk auf

die Verbreitung des Katholizismus und auf die Förderung der Interessen

Frankreichs gewandt haben mögen. Nach langen Vorbereitungen und einigen

mißglückten Versuchen gelang es 1842 Anton d’Abbadie, über Tigrié in das

Binnenland einzudringen, wo er sich mit der Erforschung Enarea’s, Kaffa’s

und des Quellgebiets des Uma beschäftigte. Nach zehnjähriger Abwesenheit

kehrten beide Brüder 1848 nach Frankreich zurück, wo sie die Resultate

ihrer Arbeiten in einzelnen Abhandlungen veröffentlichten.

Politik und Religions- oder Missionsangelegenheiten begannen überhaupt

allmälig bei den abessinischen Reisenden die Hauptsache, die Wissenschaft

aber die Nebensache zu werden. Englische Reisende und protestantische

Missionäre wirkten im Interesse Großbritanniens, katholische Sendboten und

französische Reisende im Interesse Frankreichs. Kein Wunder also, daß die

abessinischen Fürsten, welche die Plane bald durchschauten, mißtrauisch

wurden und einzelne Reisende schlecht behandelten. Der abenteuerlichste

unter allen war wohl _Rochet d’Héricourt_, nach Isenberg’s Bericht ein

französischer Glücksritter, der sich mehrere Jahre hindurch in Kairo als

Chemiker und Mineralog aufhielt und beständig mit dem Plane umging, nach

Abessinien zu reisen, um sich dort Geld zu machen. Nachdem ihm mehrere

Versuche mißlungen waren, setzte er endlich 1839 sein Vorhaben ins Werk,

indem er den deutschen Missionären nach Schoa folgte. Als er dort jedoch

nicht gleich zu großen Reichthümern gelangte, wurde er ungehalten und von

dem Könige für halb verrückt angesehen. Bald sollte sich die Sache jedoch

wenden und Rochet zu großem Ansehen gelangen. Da der König, dessen erste

Frage an jeden ankommenden Europäer gewöhnlich die war, was er verstehe,

Rochet’s chemische Fertigkeiten in Pulvermachen, Seifensieden,

Zuckerfabriziren und andern Dingen bemerkte, stieg letzterer hoch in

seiner Achtung. Außerdem versprach der Franzose, ihn von einer gewissen

heimlichen Krankheit zu heilen, und als diese Kur zu gelingen schien,

wurde er dem Könige unentbehrlich. Rochet benutzte nun, wie es die

Franzosen gewöhnlich thun, die steigende Gunst beim Könige, sich politisch

mächtig zu machen, indem er Schoa dem französischen Einflusse zu eröffnen

und den Engländern entgegenzuwirken suchte. Als er nach neunmonatlichem

Aufenthalte wieder in sein Vaterland zurückkehren wollte, bestimmte er den

Negus dahin, ihm einen Brief und Geschenke an den König Ludwig Philipp von

Frankreich mitzugeben und auf diese Weise eine politische Verbindung

zwischen Frankreich und Schoa einzuleiten. Dieses einseitige Vorgehen

suchten aber in Englands Interesse die deutschen Missionäre, namentlich

Krapf, zu verhindern, indem sie den König bewogen, eine Botschaft nach

Bombay zu senden, um einen Freundschafts- und Handelsvertrag mit England

abzuschließen. Als Erwiederung dieser Botschaft erschien dann die

glänzende Ambassade unter Kapitän Harris.

Inzwischen war Rochet in Paris angekommen und hatte die dortige Regierung

seinem Wunsche, mit Schoa in Verbindung zu treten, geneigt gefunden.

Nachdem er eine Beschreibung seiner Reise herausgegeben hatte („_M. Rochet

d’Héricourt, Voyage sur la côte occidentale de la Mer Rouge, dans le pays

__d’Adel et le Royaume de Choa._“ Paris 1841), kehrte er im Auftrage

seiner Regierung und der Pariser Akademie der Wissenschaften wieder nach

Schoa zurück. Kaum an der Küste angelangt, wußte er es durchzusetzen, daß

der König von Schoa befahl, keinen andern Europäer, sei er Franzose oder

Engländer, außer ihm nach Schoa kommen zu lassen, bei Verlust des Lebens.

Infolge dessen mußten denn die deutschen Missionäre Krapf, Isenberg und

Mühleisen von Zeyla aus, wohin sie sich 1842 zu einer zweiten Reise nach

Schoa begeben hatten, unverrichteter Dinge umkehren. Rochet bereiste nun

weit und breit das Innere des Landes und gab uns in einem zweiten Werke

(„_Second voyage_“, Paris 1846) neue werthvolle Nachrichten über Schoa.

Nach Isenberg erhielt Rochet nur durch ein listiges Vorgeben die Erlaubniß

des Königs, in das Innere von Schoa vorzudringen. Er behauptete nämlich,

nur dann den König heilen zu können, wenn er ein Präparat von einem

ungeborenen Hippopotamus mache, das er aus einem fernen See holen müsse.

Das nachtheiligste Licht auf Rochet’s Wahrheitsliebe und Glaubwürdigkeit

wirft indessen wol, was der deutsche Missionär Ludwig Krapf über ihn

berichtet. Beide befanden sich im November 1839 im Kriegslager des Königs

Sahela Selassié von Schoa, der auf einem Feldzuge gegen die Galla

begriffen war. Man war in der Nähe der Quellen des Hawaschflusses, allein

beide Europäer bekamen sie nicht zu Gesicht, während Rochet sich in seinem

Reisewerke für deren Entdecker ausgiebt. Der biedere Krapf giebt uns den

nöthigen Kommentar zu dieser wissenschaftlichen Schwindelei. „Rochet“ so

schreibt Krapf, „sagte zu mir im Verlaufe des Feldzuges, daß wir angeben

müßten, die Quellen des Hawasch wirklich gesehen zu haben. Als ich ihm

erwiederte, daß dieses ja nicht der Fall gewesen, antwortete er lächelnd:

Oh, wir müssen Philosophen sein.“ – So erlauben sich gewissenlose Reisende

Geographie zu machen oder vielmehr zu fälschen.

Die Anzahl der Reisenden, welche Abessinien besuchten, beginnt sich nun

ungemein zu häufen, sodaß wir nur die wichtigsten unter ihnen hervorheben

können.

Dr. _Beke_, früher englischer Konsul in Leipzig, reiste 1840 von London

nach Aden, unterstützt von den Freunden Afrika’s, um in Schoa und den

angrenzenden Ländern Nachrichten über das Innere und besonders über den

geistigen Zustand der dasselbe bewohnenden Völker einzusammeln. Glücklich

kam er über Tadschurra in Ankober an, wo der Missionär Krapf ihm Hülfe

leistete und sich in den Verhandlungen zwischen Beke und dem Könige manche

Beschwerden und Unannehmlichkeiten zuzog. Später, nach Ankunft der

englischen Gesandtschaft und von dieser unterstützt, reiste er nach

Godscham, von wo er durch die Provinzen Jedschau, Waag und Enderta nach

Antalo ziehend, Tigrié erreichte. Die Frucht seines langen Aufenthalts

waren verschiedene wissenschaftliche Werke; namentlich widmete er sein

Augenmerk der politischen Rivalität der Franzosen und Engländer im Rothen

Meere, welche die großen Fragen des Suezkanals und des ostindischen

Ueberlandwegs einschließt und über welche er in seinem Werke „_The French

and the English in the Red Sea_“ seine Ansichten niedergelegt hat.

[Illustration: Eduard Zander. Nach einem Gemälde im Besitze Sr. Hoheit

des Herzogs von Anhalt.]

Mit Schimper’s Schicksal im engsten Zusammenhange steht ein anderer

deutscher Landsmann, dem wir bei Abfassung dieses Werkes zu ganz besonderm

Danke verpflichtet sind. _Christoph Eduard Zander_, von dem ein Theil der

charakteristischen Illustrationen dieses Buches herrührt, ward am 22.

Oktober 1813 in der kleinen anhaltischen Stadt Radegast geboren. In seiner

Heimat, wo er noch immer den besten Ruf genießt, wird er als ein Mann von

bescheidenem, anspruchslosem Wesen und tief religiösem Charakter

geschildert, der eine ganz besondere Fertigkeit in den verschiedensten

technischen Dingen besaß. Zander erlernte die Landwirthschaft, wandte sich

dann aber zur Malerei und hielt sich zu seiner Ausbildung längere Zeit in

München auf. Neben seiner Kunst interessirte er sich aber auch lebhaft für

das Artilleriewesen, eine Neigung, die ihm später sehr zu statten kam. Da

es ihm nicht gelang, als Maler und Zeichner seinen Unterhalt hinreichend

zu erwerben, ging er auf den Rath einiger Freunde zu Dr. Schimper. Nach

einer langen Fahrt durch das Rothe Meer, auf welcher er von Krankheit und

Hunger geplagt wurde, warf seine Barke am 12. September 1847 bei Massaua

Anker. Durch den Tarantapaß stieg er in das abessinische Hochland hinauf

und schrieb in Halai einen Brief an Schimper, in welchem er diesen von

seiner Ankunft in Kenntniß setzte. Trotz einer niederschlagenden, ihn

zurückweisenden Antwort beschloß er dennoch, nach Antitscho, Schimper’s

Distrikt, vorzudringen. Da aber ringsum das Land von Rebellen verwüstet

wurde, konnte dies nicht ohne Lebensgefahr geschehen; doch gelangte er

glücklich an sein Ziel, wo er von dem Landsmann gut aufgenommen wurde. Als

Gehülfe Schimper’s bei dessen naturwissenschaftlichen Arbeiten

durchstreifte er weit und breit das Land, sammelnd und zeichnend, bis er

endlich zum Oberhofbaumeister des Regenten Ubié vorrückte, von diesem

Ländereien und Vieh erhielt und den Auftrag bekam, die Kirche von Debr

Eskié in Semién zu bauen, dieselbe, in welcher am 11. Februar 1855 Theodor

II. vom Abuna zum Herrscher über Gesammt-Abessinien gekrönt wurde. In

Ubié’s Gunst immer mehr steigend, wurde Zander in den Adel erhoben; auch

verheirathete ihn dieser Fürst mit einem schönen Gallamädchen. In der

großen Schlacht von Debela am 9. Februar 1855, in welcher der alte Ubié

von dem Emporkömmling Theodor besiegt wurde, kommandirte Zander die

Artillerie des ersteren. Als alles für Ubié verloren war, trat Zander in

die Dienste Theodor’s und wurde Befehlshaber der befestigten Insel Gorgora

im Tanasee, wo er die Schatzkammer und ein Zeughaus des Königs zu hüten

hatte. Dieser, der den tüchtigen, in allen technischen Dingen erfahrenen

Mann zu schätzen wußte, machte ihn zu seinem Vertrauten und höchsten

militärischen Würdenträger. Als solcher stand Zander auch noch 1868 an der

Seite Theodor’s. Seine werthvollen Arbeiten über Abessinien, die uns in

vieler Beziehung neue Gesichtspunkte eröffnen, sind in dem vorliegenden

Buche benutzt worden und gereichen demselben als Originalbeiträge zur

besondern Zierde.

[Illustration: Werner Munzinger.]

In jene Zeit, in welcher Abessinien gleichsam von europäischen Reisenden

durchschwärmt war und ein Missionsversuch dem andern folgte, fallen auch

die geographisch nicht unwichtigen Züge des italienischen Mönches

_Giuseppe Sapeto_ durch die nördlichen Grenzländer der Mensa, Bogos und

Habab. Begleitet von den Brüdern d’Abbadie landete er im Jahre 1838 in

Massaua und erreichte am 3. März desselben Jahres Adoa. Er wußte sich bei

Ubié in Gunst zu setzen und gründete zu Adoa nach Vertreibung der

protestantischen Geistlichen (siehe darüber weiter unten) eine katholische

Mission, besuchte Gondar, sah sich aber nach fünfjährigem Aufenthalt – wie

Isenberg angiebt, infolge liederlichen Lebens – durch Krankheit genöthigt,

nach Aegypten zurückzukehren; aber 1850 begab er sich aufs neue nach

Massaua, indem er längs der Westküste des Rothen Meeres hinaufreiste und

nun mit dem Missionär Stella in die Länder der Bogos, Mensa und Habab

vordrang, über die wir einen ausführlichen Bericht mittheilen werden. Es

war dies gleichsam eine neue Entdeckung, denn in der That kannte man kaum

den Namen der Habab, und die andern beiden Völker existirten bis dahin für

uns nicht. Sapeto’s Werk erschien erst 1857 zu Rom und führt den Titel:

„_Viaggio e missione cattolica fra i Mensa, i Bogos e gli Hahab_.“

Das in Rede stehende Gebiet ist wegen seiner leichten Zugängigkeit dann

häufig das Ziel europäischer Reisenden geworden und uns nun fast so genau

bekannt wie ein Land Europa’s. Am 13. Juli 1857 brach ein österreichischer

Löwenjäger, _Graf Ludwig Thürheim_, nach Mensa auf, besuchte Keren, wo die

katholischen Missionäre sich niedergelassen hatten, und gelangte glücklich

durch Barka und Taka nach Chartum.

Die vorzüglichsten Nachrichten über jene Länder, werthvolle, bleibende

Schätze der geographischen Literatur, verdanken wir indessen dem Schweizer

_Werner Munzinger_. Dieser gelehrte, unternehmende Mann wurde 1832 zu

Olten geboren. Er studirte in Bern und München Geschichte,

Naturwissenschaften und orientalische Sprachen; in den letzteren

vervollkommnete er seine Kenntnisse zu Paris. Schon im Jahre 1852, also im

Alter von zwanzig Jahren, begab er sich nach Kairo, trat dort später in

ein Handelsgeschäft, unternahm dann 1854 eine kaufmännische Reise nach dem

Rothen Meere und benutzte die günstige Gelegenheit zu einem Ausfluge nach

den Bogosländern. Es war schon damals sein Plan, sich dort niederzulassen,

und er führte denselben unverweilt aus. Im Jahre 1855 ging er, mit

Sämereien und Waffen wohl versehen, nach Keren, wo er dann längere Zeit

gewohnt hat. Dort verfaßte er auch sein 1859 zu Winterthur erschienenes

Werk „Ueber die Sitten und das Recht der Bogos“, dessen Vorrede aus Keren

vom 31. November 1858 datirt ist. Er lebte wissenschaftlichen Forschungen,

trieb dabei auch Handelsgeschäfte und machte sich bei dem Volke so

beliebt, daß er oft das Richteramt ausübte und mit Regierungsgeschäften

betraut wurde. Er fand aber auch Muße zur Ausarbeitung seiner Studien und

schrieb nicht nur eine Grammatik des Belem, der Sprache der Bogos, sondern

übersetzte in dieselbe einzelne Abschnitte der Bibel. Die inhaltreiche

Arbeit über die Bogos war jedoch nur die Vorläuferin eines größeren

Werkes: „Ostafrikanische Studien“ (Schaffhausen 1864), in welchem auch das

Land der Marea, der Kunama oder Bazen und deren physikalische Verhältnisse

in mustergiltiger Weise geschildert werden. Auf beide Arbeiten kommen wir

später zurück; ebenso auf die Reise des _Herzogs Ernst von

Sachsen-Koburg-Gotha_ in jenen solchergestalt erschlossenen Gegenden im

Jahre 1862.

Nicht unerwähnt darf hier bleiben, was die verschiedenen Missionäre,

namentlich _Isenberg_ und _Krapf_, für unsere Kenntniß Abessiniens gethan

haben, deren Wirken bei der Schilderung der Missionsversuche die

gebührende Würdigung erhält, während die Reise des vortrefflichen

Franzosen _Wilhelm __Lejean_ im Jahre 1863, der in die Gefangenschaft des

Königs Theodoros II. gerieth, gleich so vielen andern Europäern, in einem

besondern Kapitel besprochen wird.

Hier soll nur noch die _deutsche Expedition_, oder wenigstens der Theil

derselben, welche unter v. Heuglin und Steudner bis Etschebed in

Dschama-Gala vordrang, als würdiger Schluß dieser Aufzählung der Reisen in

Abessinien, ihre Erwähnung finden. Es handelte sich bekanntlich darum, das

Schicksal des in Afrika verschollenen deutschen Reisenden Eduard Vogel aus

Leipzig aufzuhellen, von dem man glaubte, daß ihn der Sultan von Wadaï zu

Wara in Gefangenschaft halte. Zu dem Ende trat auf Anregung des Dr. August

Petermann in Gotha ein Comité zusammen, welches in ganz Deutschland

Sammlungen veranstaltete, eine Instruktion entwarf und mit der Leitung der

Expedition _Theodor v. Heuglin_ betraute. Ihm wurden als Botaniker

beigegeben Dr. _Hermann Steudner_, geboren 1832 zu Greiffenberg in

Schlesien, der Mechaniker _Kinzelbach_ aus Stuttgart, welcher

Positionsbestimmungen vornehmen sollte, _M. L. Hansal_, ein mit den

Gegenden am oberen Weißen Nil schon vertrauter Mann, und endlich _Werner

Munzinger_, der sich in Massaua an die Expedition anschließen sollte.

[Illustration: Theodor von Heuglin]

Theodor v. Heuglin, einer der bedeutendsten Reisenden der Gegenwart,

geboren den 20. März 1824 zu Hirschlanden in Württemberg, unternahm

bereits im Jahre 1850 eine Reise längs dem Rothen Meere, durchzog dann

1853 mit dem österreichischen Konsul Dr. Reitz von Galabat aus einen

bedeutenden Theil Abessiniens, worüber er in seinen „Reisen in

Nordostafrika“ (Gotha 1857) berichtete. Er wurde österreichischer Konsul

in Chartum, erforschte die Somaliküste, sowie abermals das Rothe Meer, und

trat schließlich an die Spitze der deutschen Expedition, die sich Glück zu

wünschen hatte, einen so umsichtigen, thätigen und mit den Verhältnissen

des Landes vertrauten Führer zu erhalten.

Am 17. Juni 1861 landeten die Mitglieder glücklich in Massaua, von wo sie

sich nach Mensa und Keren in Bogos begaben, um sich auf die große Reise

gehörig vorzubereiten. Mit Anfang Oktober, nachdem die eigentliche

Sommerregenzeit zu Ende war, rüstete man sich zum Aufbruch, zog durch die

bergige Provinz Hamasién und trennte sich zu Mai Scheka in Serawié.

Munzinger und Kinzelbach reisten von hier aus am 11. November längs dem

Mareb weiter nach Westen, um Nachrichten über Eduard Vogel einzuziehen,

während Heuglin und Steudner einen höchst beschwerlichen, an Abenteuern,

aber auch an Ausbeute reichen Zug nach Süden unternahmen, der sie bis ins

Gallaland und das Feldlager des Königs Theodoros II. führte. Die Reisenden

besuchten in Adoa den greisen Botaniker Schimper, machten mit ihm einen

Ausflug nach den Ruinen von Axum, kreuzten den Takazzié, überstiegen die

Alpen von Semién und zogen am 23. Januar 1862 in der Hauptstadt Gondar

ein. Ihre Absicht, in westlicher Richtung weiter nach Westen vordringen zu

dürfen, wurde vereitelt, denn aufs strengste hatte der Negus Befehl

ertheilt, die Reisenden vor sich zu führen. Geleitet von deutschen

Missionären begaben sie sich nun, am Nordufer des Tanasees hin, über Gafat

und Magdala, das 15,000 Fuß hohe Kollogebirge durchziehend, in das

Feldlager des Königs zu Etschebed im Lande der Dschama-Gala. Der Empfang

war ein außerordentlich gnädiger, und reich beschenkt durften die

Reisenden am 25. April den Rückweg antreten, auf welchem sie das 13,000

Fuß hohe Gunagebirge passirten, bei Wochni die abessinische Grenze

erreichten und über Metéme und Gedaref nach Chartum gelangten, dessen

Moschee ihnen am 7. Juli 1862 entgegenleuchtete. Die großen Reisen

Heuglin’s und Steudner’s auf dem Weißen Nil und dem Gazellenfluß in

Gemeinschaft mit den Damen Tinné, wobei Steudner im Dschurdorfe Wau am 10.

April 1863 dem Klimafieber erlag, gehören nicht hierher. Außer in

geographischer Beziehung war das Ergebniß der deutschen Expedition, welche

allerdings das ursprüngliche Ziel, die Aufsuchung Eduard Vogel’s, aus den

Augen verlor, namentlich für die Botanik und Zoologie von großem Werthe.

Nachdem die Berichte derselben einzeln in den „Geographischen

Mittheilungen“ und der Berliner „Zeitschrift für Erdkunde“ erfolgt, faßte

sie Heuglin nochmals in seiner „Reise nach Abessinien“ (Jena 1868)

zusammen.

[Illustration: Debra Damo in Tigrié. Nach einer Originalzeichnung von

Zander.]

Abessinien, das Alpenland unter den Tropen und seine Grenzländer · 第 7 / 22 题