Der Detektiv wurde energisch: „Sie müssen sich untersuchen lassen.“ Und
der Doktor zog die Uhr. „Also, erst mal Ihren Puls, bitte.“
„Was Puls! Meinen Puls? Sind Sie nicht bei Sinnen! Puls? Wenn ich einen
Puls hätte!“
„Nur los!“ rief der Detektiv, ging zu auf Jürgen, der zurückwich, die
Bronzefigur vom Schreibtisch nahm.
Als der Psychiater eine halbe Stunde später mit zwei Wärtern und einem
Schutzmann zurückkam, war Jürgen schon in ein anderes Hotel
übergesiedelt.
Auf das Protokoll des Arztes hin wurde eine Anzahl Schutzleute
ausgeschickt auf einen Streifzug durch die Hotels, Pensionen,
Absteigquartiere, den Irren zu suchen, während dieser hoffnungsfroh die
Stadt durchquerte, sich selbst zu suchen.
„Kennen Sie einen Herrn Jürgen Kolbenreiher? Möglicherweise trägt er –
ich, selbstverständlich, weiß das nicht – einen Schnurrbart.“
Der Angeredete fragte zurück: „Verzeihung, sind Sie Schutzmann? In
meinem Hotel waren nämlich heute Schutzleute, die einen entsprungenen
Irren namens Kolbenreiher suchten. Viele Schutzleute durchsuchen ganz
Berlin nach diesem Verrückten.“
„Viele? ... Wunderbar! Sie werden mich sicher finden.“
Getragen von Zuversicht, schritt er federnd und pfeifend auf das kleine
Hotel zu, in dem er die letzte Nacht geschlafen hatte. Die
Vorüberhetzenden, die Schutzleute, Chauffeure, alle blickenden
Menschenaugen, alle Menschen auf der Erde suchten ihn.
Da sah er wieder diese von einer unsichtbaren Last erdrückte Frau, der
er schon am Morgen und noch einmal gegen Abend des selben Tages beinahe
an der selben Stelle begegnet war, und die anzusprechen und nach sich zu
fragen er nicht gewagt hatte, wegen der erstarrten Hoffnungslosigkeit in
ihrem Antlitz.
Die Frau, deren Lebensgefährte vor zwei Tagen gestorben war, trug, in
Blick und Gang schon wie körperlos geworden, seit zwei Tagen die Last
der hoffnungslosen Vereinsamung ziellos im Kreise immer um den selben
Häuserblock herum.
Das bange Gefühl, diese Frau sei in ihrem armen Herzen so ertötet, daß
sie nicht mehr geben und nicht mehr empfangen könne, verhinderte ihn
auch jetzt wieder daran, einmal bei der Hoffnungslosigkeit anzufragen,
nachdem alle von Hoffnungen und Zielen noch Erfüllten ihm nicht hatten
helfen können.
Nur den Bruchteil einer Sekunde sah sie Jürgens bangen Blick auf sich
gerichtet. Ein stöhnendes Schluchzen brach aus. Drei Töne. Dann trug
sie, wieder starren Gesichtes, weiter langsam durch die Straße ihre
hoffnungslose Vereinsamung.
Vor dem Hotel sprach der Portier mit einem Schutzmann. Zurückweichend
blieb Jürgen stehen, bewegte den Zeigefinger vor der Brust verneinend
hin und her, pfiff, die Brauen hochgezogen, einen Ton und kehrte um.
„Die suchen ja mich, den Falschen, den Scheinjürgen, den Scheckfälscher,
den, der im Hotel den Namen Kolbenreiher auf den Meldezettel schrieb.
Sie suchen das Nichts, das sich anmaßte, zu sein.“
Die Angst, festgenommen und eingesperrt zu werden und sich dann nicht
mehr suchen zu können, jagte ihn fort. In ein anderes Hotel zu gehen
wagte er nicht. Er wagte nicht mehr, sich sehen zu lassen. Ganz
plötzlich sah er keine Möglichkeit mehr, sich zu finden.
„Eingekreist! ... Im Freien schlafen! Eingekreist!“
Ein letzter Rest von Hoffnung, Hilfe zu finden bei der Hoffnungslosen,
trieb ihn ihr nach, die Straße hinunter, die in den Tiergarten mündete.
Sein Gesicht war in Abwehr verzerrt. Die Zähne bleckten.
Sein Körper fiel auf die erste Bank, die am Spreekanal stand. Die
Vereinsamte neben ihm hatte sich nicht gerührt. Sie ängstigte sich
nicht. Sie blickte blicklosstarr auf das Leben, das weiter ging, hinweg
über ihr Leben: Zwei Stadtbahnzüge, leuchtende Lineale, schoben sich
aneinander vorbei, durch die Nacht.
Sah das Sterbezimmer, wo der, mit dem zusammen sie in Kampf und Leid des
Lebens ein Leben gelebt hatte, noch auf dem Bette lag, weiß zugedeckt,
bis zum Kinn.
Am Tone schon des ersten Wortes, das sie sprach, fühlte Jürgen, daß
neben ihm das Schicksal saß.
Zu Füßen der beiden regte sich leise das Leben: streifte das Wasser die
Mauer.
Sie hob die kraftlose Hand. Sie sagte, verzuckenden, tränenrauhen,
warnenden Tones, als warne sie jeden einzelnen dieser Erde: „Kein hartes
Wort kann mehr zurückgenommen werden.“
Erschlossen plötzlich und schmerzlich berührt von der erhabenen Größe
dieses schicksalhaften Leids der Hoffnungslosigkeit, berührte er die
Schulter der Vereinsamten.
Sofort brach sie in stöhnendes Weinen aus. „So früh gestorben, weil er
für diese Zeit zu gütig war. Zu gütig war.“ Stand schwer auf. „Zu viel,
zu viel ist mir geschehen.“ Und ging. Das Dunkel nahm sie.
Vor dem reglos Sitzenden, der schmerzlich bewegt den verklingenden
Schritten lauschte, ankerte neben der kleinen Eisenbrücke im Kanal ein
Frachtschiff, auf dessen äußerster Spitze unter dem roten Signallicht
ein junger Hund stand, der aufmerksam blickte. Und wie damals, da er,
kommend aus Katharinas Zimmer, zusammen mit den neun Bezirksführern
stadtwärts marschiert war, wehte auch jetzt kühler Teergeruch, und durch
die Baumkronen schimmerten die Lichter der Stadt.
Entbunden durch seine tiefempfundene Hilfsbereitschaft, die ihm
verstattet hatte, das eigene Leid zurückzustellen, und verstärkt noch
durch das erinnerungsträchtige Landschaftsbild, war in Jürgen plötzlich
Sehnsucht nach Katharina und zugleich mit dieser brennenden Sehnsucht
das Gefühl, körperlich vorhanden zu sein, mit solch blitzhafter
Schnelligkeit entstanden, als ob es ihm nie entschwunden gewesen wäre.
So gewaltig war die Freude, daß ihm nicht Kraft blieb, den Freudeschrei
auszustoßen. Weichheit tat sich milde in ihm auf. Tränen drangen durch
die Lider. Machtvoll zog die Hoffnung in ihn ein.
„Schnauzl“, flüsterte er zärtlich und lockte mit Daumen und Zeigefinger.
Der Hund erhob sich, wedelte mit dem Schwanzstumpf, lief, zutraulich
wimmernd, auf dem Bordrand hin und her, stand, blickte, bellte
verlangend einen Ton. Stille ringsum.
„Ein Hund und am Himmel die Sterne. Das ist zu viel und zu wenig für den
Menschen. Zu wenig und zu viel. Der Mensch leidet ... Er erkenne im
Leide und kämpfe!“ sagte Jürgen. Das war wie ein Gelübde.
Ohne Eile, ohne Weile schritt er stadtwärts, zum Bahnhofe. Und fuhr mit
dem nächsten Zuge zurück in die Heimatstadt. Seine Haare waren ergraut,
Gesicht und Körper ganz vom Fleische gefallen.
Einige Tage nach seiner Rückkehr – Herr Wagner und drei Ärzte waren bei
Jürgen gewesen – stand in der Zeitung, Herr Kolbenreiher, Teilhaber der
bekannten Bankfirma (deren Stammhaus übrigens schon in den nächsten
Tagen in neuer, verschönerter und bedeutend vergrößerter Gestalt dem
Parteienverkehre übergeben werden würde), habe sich durch seine
unermüdliche und hingebungsvolle Arbeit eine Nervenentzündung zugezogen,
die zwar sehr schmerzhaft, aber bei der kräftigen Konstitution des
Patienten nach Ansicht der Ärzte allein schon durch Ruhe und den
Aufenthalt in frischer Luft rasch zu beheben sei, so daß Herr
Kolbenreiher seine bewährte Arbeitskraft bald wieder in den Dienst der
Firma werde stellen können.
Auch Jürgen las diese Notiz. Ihn interessierte nur das Wort
‚Konstitution‘. Er fragte Phinchen, ob sie glaube, daß er ein
konstitutioneller Schuft oder ein Schuft aus freier Entscheidung, also
ein für seinen Verrat verantwortlicher Schuft sei, der die Kraft gehabt
hätte, keiner zu werden. Er stand unter dem Türrahmen der Küche und
blickte gespannt in das fassungslos zurückfragende Gesicht. „Was meinst
du, Phinchen?“
Unabgewendeten Blickes ließ Phinchen den Spüllappen fallen, trocknete,
wie immer, wenn Jürgen die Küche betrat, gewohnheitsmäßig die violetten
Hände an der Schürze ab. Der Jammer um ihren abgezehrten Herrn gab ihr
die Worte, Jürgen sei immer der beste Mensch von der Welt gewesen;
sicher habe er niemals absichtlich Böses getan.
Da geriet er in Erregung. „Dann wäre ja alles hoffnungslos. Denn wie
könnte ich aus diesem Wuste menschlicher Niedertracht herausfinden, wenn
ich ohne Schuld, ganz ohne eigenes Zutun hineingeraten wäre ... Aber du
kannst das ja nicht wissen. Sechzehn – und jetzt bist du vierzig. Hast
dein Leben in dieser Küche verbracht.“
Wochenlang verließ Jürgen das Haus nicht. Er kleidete sich gar nicht
mehr an, aß und schlief außer jeder Regel. Manchmal wandte er sich mit
einer Frage an Phinchen, deren Herz die Antwort gab.
Sehnsucht und Grübelei kreisten immer um den selben Punkt. Auf der Welt
war nichts als er und der Panzerplattenturm, vor dem er grübelnd saß und
stand und lag und kniete, dieses Panzerplattengewölbe in ihm selbst,
zudem er Einlaß suchte und nicht fand.
Zäh, gequält und unverdrossen machte er sich jeden Tag und jede Nacht
von neuem an die Aufgabe. Jeden Gedanken dachte, jeden Schritt machte
der Wahnsinn mit. Und auf dem Tisch lag der Revolver.
Schon hatte er die Fähigkeit erworben, sich im Wachtraum und auch im
tiefsten Schlaftraum zu beobachten. In der Finsternis unterirdischer
Gewölbe, durch die er traumsicher schritt, traf er den Andern, den er
suchte, führte mit ihm traurig geflüsterte Wechselreden. Im Blick des
Andern stand sehnsuchtslose Bereitschaft. „Geh und miß!“
„Ja, messen! Ich werde messen. Dies ist das Mittel.“ Da saß er aufrecht
im Bett: blickte die Schranktür an. „Messen?“
So ausschließlich lebte er seiner Aufgabe, daß es ihm trotz
Unterbrechung des Traumes auch diesmal gelang, die Fortsetzung des
Traumes zu träumen, in das Gewölbe, das tief unter dem Leben lag,
zurückzugelangen, vor die Augen des Andern, die sehnsuchtslos und
unerbittlich ihn anblickten.
Jürgen wußte, daß er nicht fragen dürfe, was er messen solle. Und als er
flüsternd dennoch fragte, verschwand das Gesicht. Logikferne Gebilde
zuckten auf, verzuckten in Finsternis. Lichtbündel verzischten in
Finsternis, aus der sekündlich wieder Licht aufspritzte.
Da schoß eine dicke, schmerzhaft weiße Lichtfontäne auf, in deren Mitte
unirdisch weiß das Wesentliche lebte, das, im Tiefsten ihn
durchschauernd, plötzlich sein eigen wurde.
Inbrünstig bemühte er sich, das Wissen vom Wesentlichen aus dem
Halbschlafe heraus in das Wachsein herüberzuretten, öffnete mit großer
Vorsicht wiederholt die Lider, nur einen Millimeter: Immer war das
Wesentliche weg und nur die Schranktür da.
Und als er ganz erwacht aufrecht im Bette saß, wußte er nicht mehr, wann
und wie und durch wen ihm der Rat zuteil geworden war, noch einmal, wie
in der Jugend, eine Wanderung durch die Menschheit zu machen,
unverstellten Blickes.
„Dann werde ich wieder dorthin gelangen, wo ich schon war. O,
Bewußtsein!“ Sein sehnsuchtsvoller Freudeschrei riß ihn aus dem Bett.
Bereit, jedes Leid und selbst den Tod zu erleiden, verließ er das Haus,
in der Tasche den entsicherten Revolver.
Der Sonntagmorgen tat sich vor ihm auf. Glocken läuteten. Ein roter
Sonnenschirm überquerte die Straße. An Jürgen vorbei marschierte eine
Knabenklasse, in Viererreihen streng geordnet und geführt vom Lehrer,
der kommandierte: „Links! Rechts! Links! Rechts!“
„Wenn die Schwerter blitzen und die Kugeln fliegen ...“ „Links! Rechts!“
An dem Lehrer sah Jürgen das erstemal dieses Gebilde, das im Rücken
hing, verkümmert, eingeschrumpft, vertrocknet. „Das ist, mitgeboren,
aber ganz verödet, das Eigene, das in gar keiner Wechselwirkung mehr zu
seinem Träger steht“, flüsterte er und ließ sich auf den Lehrer zugehen.
„Auch Sie machen sich mitschuldig an einem furchtbaren Verbrechen, und
ich kann Ihnen sagen, weshalb.“
Erst als er den Lehrer schüttelte und in das empörte Gesicht sagte: „An
einem entsetzlichen Verbrechen! Denn Sie lassen sich als Seelenmörder
gebrauchen“, stutzte der Lehrer, riß sich los, eilte der Klasse nach und
richtete die in Unordnung geratenen Viererreihen wieder aus mit dem
Kommando: „Links! Rechts!“
Von einem visionären Blitz erleuchtet, sah Jürgen sämtliche
Knabenklassen Europas, die, kommandiert von den Lehrern, auf einer
Riesenebene in linearer Ordnung kreuz und quer umhermarschierten und
unter Geschützesbrüllen unversehens Infanterieregimenter wurden.
Ununterbrochen stiegen die erstickten Seelen aus den strenggeschlossenen
Schülerquadraten in die Höhe und verschwanden mit klagendem Gesange.
„Wohin?“ fragte Jürgen. „Wohin sind sie verschwunden?“ Er stand, noch
durchzogen von der Vision, reglos und entrückt, bis drei alte Herren ihm
in das Blickfeld hineinspazierten. Der eine erzählte etwas, verteidigte
sein ablehnendes Verhalten. „Da kam es darauf an, ein Charakter zu
sein.“
„Sie aber haben keinen Charakter. Denn was würde geschehen, wenn Sie Ihr
Vermögen, Ihre Stellung, Ihre Privilegien und die Achtung der geachteten
Männer verlören? Wo bliebe dann Ihr Charakter? Sie, meine Herren, sind
Charaktermasken.“ Und er deutete auf die eingetrockneten Gebilde, die
sich mit den dreien fortbewegten.
Als habe eine Hand ihn durch die vielen Straßen hin geführt, stand
plötzlich, die düsteren Fensterlöcher quadratiert mit dicken
Eisenstäben, vor ihm das Gefängnis, ein steingewordener Schrei.
Dunklen Druck in der Brust, blickte Jürgen die zufriedenen
Sonntagsspaziergänger an. „Sie gehen vorüber, unberührten Gemütes.“ In
seiner Brust stand das ganze wuchtende Gebäude.
Und er schritt, stehend vor der Mauer, wieder durch die Gänge, Gänge,
die in seinem Herzen waren, durch den Saal, in dem die engmaschigen
Drahtgitterkäfige standen, jeder ein menschliches Wesen trennend von den
menschlichen Wesen.
‚Schnauzl!‘ lockt mit Zeigefinger und Daumen die verwüstete
Siebzehnjährige. Katharinas Schnauz wedelt kläglich mit dem
Schwanzstumpf.
Qualvolle Machtlosigkeit, wie damals, preßte Jürgens Herz zusammen.
Die Zellentür tut sich auf. Vor ihm steht Katharina im grauen
Gefängniskleid, das verschönt ist durch den ordnungswidrigen Einschlag
beim Halse. Der kleine, feste Mund lächelt froh.
Stürmische Liebe, wie damals, brach in Jürgen los. Da blickt Katharina
gleichgültig und kalt ihn an. (‚Auch kann ich ein Mädchen sein, das im
Kampfe gegen die Umwelt steht und durch ihr verächtliches Abweisen ...‘)
Mit beiden Händen griff Jürgen in die Luft und taumelte gegen die
Gefängnismauer, blickte flehend Katharinas Blick an, der lautlos sprach:
‚Nimm erst von neuem auf dich alle Qualen!‘
Zwei paar Arme, an denen Spazierstöcke baumelten, breiteten sich aus,
fielen schenkelwärts. Schultern zuckten. Jürgen betrachtete die
eingeschrumpften Gebilde. „Auch ganz und gar entselbstet!“ Und folgte,
berührt von dem Interesse des Leidensgenossen für die Leidensgenossen,
den zwei Männern.
„Da bin ich ganz deiner Meinung, Vorstand“, wiederholte der zweite
Vorstand und ließ den ersten Vorstand vorangehen, hinein in das
Gesangvereinslokal, in dem die Tenor- und Baßtische schon voll besetzt
waren.
Unbemerkt stand Jürgen hinter dem großen Kachelofen. Aus dem Gastzimmer
klangen, durch die geschlossene Tür durch, die Klüpfelschläge des
Wirtes, der den Hahn in das Bierfaß schlug.
Er habe die außerordentliche Singprobe einberufen, weil das
hochverehrliche Gründungsmitglied, Herr Simon Ott, im Sterben liege. „Er
liegt in den letzten Zügen.“
In diesem Moment wurde Jürgen von einer Möwe besucht. Lautlos. Sie stand
vor ihm, glich einer nordischen Frau – groß, hellblond – und hatte ein
gefühlsentferntes, vollkommen seelenloses Gesicht.
Jenseits aller Verwunderung sagte Jürgen zu ihr: „Nur wußte ich bis
jetzt nicht, daß Möwen schöne, kühle Frauen sind.“
Die Möwe antwortete nicht, blickte auf das weite, kalte Meer hinaus.
Auch Jürgen blickte auf das Meer hinaus.
„Deshalb müssen wir rechtzeitig das Trauerlied einstudieren, das am
Grabe gesungen werden soll, damit wir uns nicht wieder blamieren.“
„Er ist ja noch gar nicht tot!“
Ein kleiner, dürrer, bebrillter Schuhmachermeister schoß vom Stuhle
empor und forderte etwas mehr Pietät. Er war der Schriftführer.
„Wenn er doch noch lebt!“
„Aber es kann nicht mehr lange dauern. Ich bitte also den Herrn
Dirigenten, das Trauerlied vorzunehmen.“ Der Vorstand breitete die Arme
aus: „Oder sollen wir uns wieder blamieren?“
Der zweite Vorstand erhob sich, klopfte ans Bierglas: „Ich bin ganz der
Meinung unseres ersten Herrn Vorstandes ... Wenn ein altes Mitglied, ein
Veteran des Männergesanges, stirbt, kann er verlangen, daß das Lied, das
wir an seinem Grabe singen, vorher ordentlich geprobt wird. Und die Ehre
unseres Vereins steht auch nicht so bombenfest, daß wir uns wieder
blamieren dürften, wie das letztemal.“
Die Möwenfrau trug in den reglosen Augen einen Blick, als schaue sie das
unabänderliche Schicksal.
Der Brillenschuster verteilte schon die Gesangbücher. Die zehn Bässe
gruppierten sich um das Klavier herum. „Dort unten ist Friede“,
intonierte der Dirigent. Und die Bässe setzten ein: „Im kühlen Haus.“
„Nur die Bässe singen, bitte ich mir aus. Warten Sie, bis Sie daran
kommen.“ Der Brillenschuster hatte mitgesummt. Er sang den ersten Tenor.
„Es ruhet der Schläfer vom Leben aus.“
Gabelförmige Schwingen kamen fühlergleich und steif vorne aus der
Körpermitte der Möwenfrau heraus, verschwanden wieder. Sie bewegte sich
wie ein Vogel, der zum Fluge anhebt, sah mit inhaltslosen, blauen Augen
Jürgen an, der dachte: Will sie fort?
„Und über dem Hügel: sum, sum, sum, sum.“
„Mehr piano! Nicht: sum, sum, sum, sum; sondern: sum, sum, sum, sum ...
Sie, meine Herren, sind doch keine Schmeißfliegen; Bienen summen viel
zarter.“
Plötzlich sah Jürgen vierzig zur Decke gerichtete Augenpaare, vierzig
eirund geöffnete Münder und an den Rücken der Sänger, die jetzt im
Halbkreise alle um das Klavier herumstanden, die vierzig eingetrockneten
Gebilde.
Die Schwingen kamen gabelförmig vorne aus der Leibesmitte der Möwenfrau
heraus; Jürgen setzte sich darauf und schwebte, den Kopf an die
nebelumflorte, schöne Brust der Frau gelehnt, über das kalte, weite
Meer, ruhend in der Überzeugung, daß er zu dem unbekannten Orte gelangen
werde, wo sein Bewußtsein auf ihn warte.
Die Möwenfrau selbst darf, da sie erstickte Seelen fortträgt, natürlich
keine Seele haben, dachte Jürgen während des lautlosen Fluges. Und sagte
zu ihr: „Wenn ich nun dem Arzte erklären würde, daß auch diese Sänger
ganz und gar entselbstet sind, und daß ihre Seelen, von dir und deinen
Schwestern hingebracht, irgendwo im Weltenraume schmerzlich warten, in
ungeheuerer Einsamkeit, würde er mir nicht glauben, sondern behaupten,
mein Zustand habe sich verschlimmert ... Die Psychiater sind doch zu
dumm. Glauben Sie das nicht auch?“
Die Möwenfrau antwortete nicht, flog weiter, leicht vorgebeugt. Ihre
Augen hatten sich während der ganzen Zeit nicht bewegt. Ihr
Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert.
Weil sie eben keinen Gesichtsausdruck hat, dachte Jürgen und drehte das
Gesicht nach oben, blickte ihr in die Augen.
Ringsum war nur noch Wasser und Nebel.
Jürgen wußte nicht und dachte auch nicht darüber nach, wie er
hierhergelangt war. Er saß auf der Bank in der Anlage, gegenüber dem
grünen Bretterzaune, in den er vor vierzehn Jahren als erstrebenswertes
Ziel den Frackherrnjürgen hineingesehen hatte.
Ein Lächeln tiefinnerster Sicherheit erhellte sein Antlitz, als er,
jeden Willen ausschaltend, alle Muskeln entspannte, in dem Bestreben,
wie damals wieder nur die Begierden, nur den Menschen in sich sprechen
zu lassen, um zu erfahren, was der Mensch in ihm ersehne.
Der Bretterzaun blieb Bretterzaun und leer. „Dieses nicht! Dieses
wenigstens begehrt er nicht mehr“, flüsterte Jürgen. „Was aber ersehnt
es, mein Herz?“
Er schloß die Augen und lauschte und wartete und fühlte nichts. Die
Lider der inneren Augen blieben geschlossen. Da saß er, reglos, leid-
und freudlos, leblos.
Leiser Wind bewegte die Baumkronen. Schläfriges Zwitschern eines Vogels
im Sonnenbrand. In der Ferne brauste die Stadt.
„Das ist die weiße Sekunde“, flüsterte Jürgen in plötzlicher Erregung.
Denn er sah sich schreiten. Und die Straßen wurden enger, dunkler, die
Häuser kleiner. Unbebaute Stellen. Der verfaulende Bretterzaun. Das
kleine Fenster hing nah der Erde rotleuchtend in der Finsternis.
„Die Haustür, sie ist nur angelehnt. O, einzutreten, heimzufinden,
zurück zu mir!“
Ein Knall riß ihn empor. Zwei Soldaten warfen die Köpfe nach links und
grüßten, Hand an der Mütze, die starr glotzenden Augen herausgedrückt,
den Offizier.
„Geh mit!“ Er ging mit. Folgte dem Offizier in den Stadtpark, wo die
Militärkapelle spielte und die geputzte Menschenmenge promenierte in dem
sonndurchwirkten Laubgang alter Bäume.
Jürgen wurde oft und achtungsvoll gegrüßt und dankte nie. Lange
beobachtete er einen Jüngling, der, im Blick noch die große Frage an das
Leben, die eleganten Kaufleute, Studenten, Offiziere und Beamten
betrachtete, schüchtern und ganz erfüllt von der Sehnsucht, ebenso
elegant, fertig und sicher, Blume im Knopfloch, hier spazieren zu
können.
„Spucken Sie auf dieses Ziel“, sagte er lächelnd und deutete auf die
Promenierenden. „Vielleicht werden Sie dann nicht in der Leere ersterben
sondern in Qualen leben.“
Vorbei promenierte eine Gruppe Studenten, welche, Armmuskeln gespannt,
Ellbogen weggestreckt, ihre roten Mützen knapp an der Brust langsam
herunter bis zum Knie und ebenso krampfhaft-feierlich wieder kopfwärts
führten, während die Gegrüßten das selbe mit ihren grünen Mützen taten,
die zerhauenen Biergesichter starr ins Profil zu den Rotmützen gestellt.
„Kampf und Vernichtung dieser Ordnung, die solche Söhne hervorbringt!
Wehe, sie sind die Söhne ihrer Väter! Wehe, sie werden zu Staatsanwälten
und zu Richtern werden! Ihrem Kopf und Herz sind Kultur und Fortschritt
der Menschheit anheimgegeben? Nie! Nie! Niemals! Sie alle werden Jürgens
werden. Bestenfalls!“ Er lachte in Hohn und Ekel vor sich selbst.
Da schritten, in dem Tempo von Menschen, die woher kommen und einem
Ziele zustreben, Katharina, der Agitator, der Metallarbeiter mit der
verstümmelten Hand und der Holzarbeiter, dessen verhutzeltes Gesicht
nicht mehr viel größer war als eine Faust, wie ein Fremdkörper durch die
gespreizt promenierende Menge.
Ein riesengroßes, sammetschwarzes Tuch verhing den ganzen Himmel. Und
als es wieder dämmerhell wurde und Laubgang, Blumenrondells,
Musikkapelle und Spaziergänger sich drehend ineinander türmten, wußte
Jürgen nicht mehr, wen er gesehen hatte.
Knapp vor ihm begegneten sich wieder die Studenten, die erst kurz vorher
einander gegrüßt hatten, und führten, da vielleicht ein noch nicht
gegrüßter Student zu der einen oder der andern Gruppe gekommen sein
konnte, wieder die Mützen hart an der Brust herunter, die Gesichter ins
Profil gestellt.
Mit einem jähen Satz sprang Jürgen dazwischen, faßte mit großer
Handbewegung die ganze Menge zusammen in Eine Person und begann zu
brüllen, in maßloser Wut.
Erst viel später – er stand schon, ohne zu wissen, wie er dorthin
gelangt war, vor der Kirche, brausende Orgeltöne drückten die
Kirchgänger aus dem Portal heraus und um ihn herum – erinnerte er sich
der Einzelheiten des Tumultes, den er verursacht hatte durch seine
Ansprache.
Seine Zähne bleckten in Haß und Abwehr beim Erblicken der Kirchgänger.
„Ein- und das selbe Gesicht, dort wie hier, weltenweit entfernt von dem
Bewußtsein, das zum Schwanz verkümmert ist.“
Die Mitglieder sämtlicher Gesangvereine Europas standen und sangen
in seinem Gehirn; die Verwandlung aller Knabenklassen in
geschützdurchdonnerte Infanterieregimenter vollzog sich schmerzhaft
hinter seiner Stirn; Studenten soffen und fochten und zogen die Mützen
in seinem Hinterkopf; Millionen Bürger zuckten, begleitet von
Militärmusik und Orgelspiel, ablehnend die Schultern, breiteten
bedauernd die Arme aus, daß Jürgens Schläfen zu platzen drohten.
Er wühlte sich durch die Menge, sprang durch ein Durchhaus und stand,
zuckend in allen Nerven, in einer menschenleeren, immer sonnelosen, vor
Feuchtigkeit grünen Gasse.
„Nieder!“ zischte er, beide Fäuste an die Schläfen gepreßt. „Nieder!
Nieder mit dem Ganzen!“
In der feuchten Gasse war es still wie in einem Abgrund. „Aber wie?
Durch welche Macht? Durch welches Mittel?“
Plötzlich glaubte er, starrend auf den Streifen irisierenden Schaumes,
der aus der feuchten Mauer quoll, das einzige Mittel werde ihm in der
nächsten Sekunde einfallen. Beide Arme ausgebreitet, Hände gegen die
Mauer gepreßt, stand er wie ein Gekreuzigter, lauschend und wartend. Der
menschengefüllte Stadtpark tat sich auf. Sofort war das ganze Bild
wieder mit dem sammetschwarzen Tuch verhangen. Erinnerungsqual versank
in Schwindelgefühl, aus dem, so unentrinnbar wie damals, als er bei der
Straßenkreuzung Abschied genommen hatte von Katharina, der Zwang
emporwuchs, genau gezählte zehnmal durch die feuchte Gasse zu gehen.
Hin, her, hin.
„Achtmal“, zählte er, blickte hinaus, wo die Sonne schien, ballte die
Fäuste, in dem Bemühen, die Gasse vorher verlassen zu können. Da riß es
ihn herum. Geduckt marschierte er weiter.
In der Kellerwohnung schlug ein Mann seine Frau. Wildes Geschrei. Das
fahle Gesicht des weinenden Söhnchens erschien am eisenvergitterten
Fensterquadrat knapp über dem Pflaster.
„Und in zwanzig Jahren schlägt das Söhnchen seine Frau, und deren
Söhnchen weint“, flüsterte Jürgen und durchwanderte zum zehnten Male die
schimmelgrüne Gasse. „Welche Macht könnte das verhindern?“
„Wissen Sie es? ... Alles hat seine Ursache. Glauben Sie nicht auch, daß
alles seine Ursache hat?“ fragte er auf dem sonnigen Kirchplatz einen
schnurrbärtigen Rentier, in dessen Mund eine sorgfältig angerauchte,
dicke Meerschaumspitze steckte.
„Man muß die Ursachen erkennen, dann findet man auch das Mittel. Glauben
Sie nicht auch?“ Und als der Rentier den Kopf schüttelte:
„Sie sind ein Raucher, nicht wahr? Nichts als ein Raucher! Sie kann man
mit der Bezeichnung ‚Raucher‘ benennen. Sie sind harmlos. Tun niemandem
etwas.“
Der Rentier ging weiter. Ein Dampfwölkchen stieg empor, zerflatterte.
Noch ein Dampfwölkchen stieg empor.
„Oder sind er und die Millionen seinesgleichen vielleicht doch
Raubtierchen? Selbstgerechte, zufriedene, ihres Raubes sichere
Raubtierchen?“
Ein uraltes Männchen, das auf dem speckigen Rockaufschlag am speckigen
Bändchen einen Kriegsorden trug, überquerte trippelnd die Straße. Das
vertrocknete Gebilde machte jedes Schrittchen des Alten mit.
„Wie konnten Sie es ertragen, achtzig Jahre nicht eine Sekunde Sie zu
sein, nicht einen Atemzug lang Ihr eigenes Leben zu leben? ... Nur in
der Kindheit, in der Kindheit! Erinnern Sie sich noch?“
Das Männchen hob mühsam den schweren Kopf: „Oj, oj, ein schlimmes
Leben!“ und trippelte weiter.
Täglich, vom frühen Morgen, bis in die späte Nacht hinein, beobachtete
und erlitt Jürgen das Leben, suchte er – begleitet von Wahnsinn und
Revolver und immer bereit zum Schusse in das Herz – Bewußtsein und Weg.
Wurde in seinem Kampfe, der in zweifachem Sinn ein Kampf um Sein oder
Nichtsein war, noch wochenlang beständig hin und her geschleudert
zwischen Hoffnung und Verzweiflung.
„Wo ist das Herz?“ hatte er einen Arzt gefragt.
„Zwischen der vierten und fünften Rippe, von oben gezählt.“
Und hatte, zuhause angelangt, an seinem abgezehrten Brustkorb die
Einschußstelle abgetastet, entschlossen, nicht eine Sekunde länger zu
leben, wenn keine Hoffnung mehr sei.
Beobachtend lauschte er dem Leben und dabei immer in sich selbst hinein,
folgte, ein zum Tode und zum Leben Entschlossener, jedem Fingerzeig, den
die Umwelt gab, sprach mit Kindern und mit Greisen, mit Soldaten und mit
Pferden. Das Erblicken eines Hundes, der, von einer Frau fortgezerrt,
auf Jürgen zugestrebt war, veranlaßte ihn, sofort zum Hundehändler zu
gehen.
„Haben Sie einen Schnauz, der alles erträgt, nur nicht die Trennung von
dem, dem seine Sympathie gehört?“
Im sonnigen Hofe stand reglos ein junger, schwarzer Dackel, der, mit
allen Vieren gleichzeitig, plötzlich hochflog, in der Luft herum, und
wieder reglos stand, die verdrehten Augen auf Jürgen gerichtet.
„Einen Schnauz nicht. Aber das Mistvieh können Sie billig haben, mitsamt
der Leine.“
„Er hat gute Augen. Wird er mit mir gehen?“ Der reglose Dackel starrte
auf eine Fliege, hüpfte auf sie zu, starrte in den Himmel.
„Der geht mit jedem.“
Freudig bellend zerrte der Dackel, die Schnauze am Boden, Jürgen hinter
sich her, aus dem Hofe hinaus.
Von dieser Stunde an unternahm Jürgen täglich weite Fußtouren. Er
beachtete nicht Sonnenbrand, nicht Regen und hatte keine örtlichen
Ziele. Für ihn gab es Tag und Nacht, ob er wanderte und sann oder
schlief und träumte, nur das eine Ziel. Alles und nichts war ihm
Wegweiser. Er existierte zwischen dem Ziele, das, ein farbloses,
winziges Pünktchen in immer gleicher Entfernung am Horizont: seine große
Hoffnung, und dem Schuß ins Herz, der die Erlösung von dem Wahnsinn:
seine letzte Freiheit war.
Der alte Landarbeiter, krummgebogen von der Lebensarbeit, rückte die
Mütze und deutete: „Ihr Hund jagt. Wenn ihn der Forstaufseher vor den
Lauf bekommt, schießt er ihn.“
Aus dem hochstehenden Kleefeld tauchten, wie bei einem flüchtenden
Känguruh, abwechselnd Kopf und Hinterteil des Dackels empor, der die
Kleespitzen übersprang und bei jedem Satze mit den Vorderpfoten tief
einfiel. Jürgen horchte auf das scharfe, verzweifelte Bellen.
Und da geschah es, daß Jürgen, dem jede Sekunde Zeit unschätzbar teuer
war, der um keinen Preis, den dieses Leben zu bieten hatte, eine Sekunde
lang das Suchen nach sich selbst unterbrochen hätte, dieses große Suchen
auf Leben und Tod unterbrach, um erst den gefährdeten Hund zu suchen.
„Was ist der Mensch und was der Sinn, der ihn bewegt? Wer vermöchte zu
sagen, weshalb im Opfer der tiefste Sinn des Menschendaseins ruht?“
flüsterte Jürgen, als er wieder auf dem Wege war, und begann zu weinen,
laut und schrankenlos, in plötzlicher, wunderbarer Befreiung.
Der Hund dackelte neben dem Schluchzenden her, hügelan, zum Waldrand.
Vor Jürgen lag die Tiefebene, unübersehbar weit und breit.
Zahllose junge Menschen, Mädchen, gebunden fragenden Blickes,
Gymnasiasten, Studenten aller Nationen, standen dichtgedrängt, wartend
auf das Wort. Immer neue Züge, endlos, traten aus den Wäldern heraus,
tauchten hinter den fernen und fernsten Hügelketten auf. Millionen
füllten die Tiefebene. Auf der Schulter eines jeden Einzelnen kauerte
ein unheimlich und böse blickendes Tier. Aller Augen waren auf Jürgen
gerichtet.
„Folgt euren Vätern nicht, den alten Verdienern!“
Da bäumten sich die Tiere, bleckten die Zähne, sträubten die
Rückenhaare, schlugen ihre Krallen in die Schultern der stöhnenden
Jugend, stießen grauenvolle Töne aus, die Schreck und Machtlosigkeit
verursachten im Blick und im Gesichte der Jugend.
„Stoßt sie herunter von euren Schultern! Reißt sie heraus aus eurem
Gefühle! ... Macht euren guten Müttern Sorge! Erkennt eure Aufgabe, und
dann erfüllet sie! Tut ihr das nicht, dann geht ihr zugrunde, so oder
so“, begann Jürgen die große Rede an die Jugend, die zu einer
Darstellung seines Lebens wurde und immer wieder von neuem in der
Warnung gipfelte, nicht so zu tun, wie er getan habe.
Stunden später blickte Jürgen, sitzend am Fensterplatz des kleinen Cafés
und vor sich schon das Glas voll dampfenden Glühweines, dunkel fragend
hinüber auf das Knopfexporthaus und wußte nicht, wie und wann und
weshalb er hierher gekommen war.
Nach seiner Rückkehr in die Heimatstadt war das immer wieder geschehen,
daß Jürgen bei den Wanderungen in und außerhalb der Stadt unversehens
sich an Stellen befunden hatte, die durch Erlebnisse in der
Vergangenheit für ihn bedeutsam geworden waren.
Da steht ein Mensch plötzlich vor einem schwarzen Tunnelloch, ganz
erfüllt von dem Gefühle, vor diesem Tunnelloch schon einmal gestanden zu
haben in einem früheren Dasein. Er sitzt auf einem Kilometerstein,
sinnend und tief im Leben, und Strauch und Baum, der stille Waldsaum und
die schnurgerade Landstraße, die wie ein weißer Pfeil sich in den fernen
Horizont verliert, sind rätselhaft vertraut dem unruhvollen Herzen.
Die Wand, die Jürgens Blick in das Gewesene verstellte, rückt lautlos
weg, und auf ihn brechen die Erinnerungen ein, so plötzlich und mit so
lebendiger Gewalt, daß Jürgen in Abwehr schreit und bebt, gepackt von
Angst, erdrückt zu werden von dieser Fülle, von des Bewußtseins
blitzesschneller Wiederkehr.
Um nicht Schaden zu nehmen an der Seele, bemüht sich der von Glück und
Sein Durchblitzte und Durchstürmte, das wiederkehrende Bewußtsein bewußt
nur stückweise in sich einzulassen, lenkt sich ab, zählt, entlang dem
Waldsaum, genau dreihundert Tannenstämme. Zählt und zählt, bebt und
schluchzt und zählt, bedrängt von dem anstürmenden, von Stamm zu Stamm
nachdrängenden Bewußtsein, das eine Sturmflut schmerzhaft lebendiger
Erinnerungen mitführt, die ihm zum großen Rückblick werden, tief zurück
in das Gewesene.
Viele Tage und in Maß und Abwehr durchwachte Nächte waren vergangen, ehe
Jürgen sich bereitet und stark genug gefühlt hatte, bewußt
Erinnerungsorte aufzusuchen. Wieder sitzt er eine ganze Nacht in der
Verbrecherkneipe und liest von den verwüsteten Gesichtern das schon
Gewußte und das Bewußtsein des Verrates, den er begangen hat, sich von
neuem in die Seele und weiß, schweren Herzens, wieder: ‚Wer in diesem
Leben nicht tief im Leide und im Kampfe steht, steht tief in Schuld.‘
Die Straßenkreuzung, wo er Abschied genommen hatte von Katharina, glüht
und brennt. Lange steht er, zögert er. Und plötzlich überquert er sie
doch, in fliegender Eile, Schauer im Rückenmark.
In dem Maße, wie er das Bewußtsein wiedergewinnt, bricht auch das Leben
in seiner Milliardenfältigkeit, die zu empfangen und zu begreifen der
Mensch ein Menschenalter zur Verfügung hat, wieder in ihn ein, stoßweise
und mit solcher Wucht, daß er, bebend wie der Auferstandene, vor Sonne,
Blau und Lärm steht, vor dem kleinen Leben der Straße, den schweren
Pferden, die arbeitstreu das Backsteinfuhrwerk bauwärts ziehen, vor dem
Sperling, der auf dem Pflaster hüpft und in die Ritzen pickt.
Den Dackel an der Leine, schritt Jürgen aus der Stadt hinaus, auf der
Quaimauer flußentlang, vorüber an einer Reihe Proletarierfrauen, die,
kniend am Ufer, farbige Wäsche wuschen, an durchnäßten Kindern vorbei,
die Hafenanlagen bauten aus Sand und Dreck.
Die letzten Häuser blieben zurück. Der Fluß glitt blau und grün entlang
der sanften Hügelkette. Am Ende der Quaimauer stand ein Angler. Jürgen
schritt wie im Traume auf ihn zu. Er wunderte sich nicht. „Sind Sie Herr
Knipp?“
„Das ist mein Name.“ Hinter Herrn Knipp lag auf dem Damm ein besonders
langer Reserveangelstock modernster Konstruktion. Auch einen neuen
Rucksack aus braunem Segeltuch mit Lederbesatz hatte er sich angeschafft
und einen Feldstuhl. Der Angler war erst achtundfünfzig Jahre alt und
sah, wie er so dastand, zufrieden mit sich und der Welt, ganz
unverändert aus, als ob seither kein Tag vergangen wäre.
Wie damals saß Jürgen auf der Quaimauer, Beine flußwärts gestreckt.
Millionen kleiner Mücken standen in der drückenden Schwüle knapp über
der Wasserfläche. In der Nähe pochte die Stadt. Die Zeit stand still und
glitt zurück.
„Erinnern Sie sich noch des arbeitslosen Schwindsüchtigen, mit dem ich
hier gesessen hatte?“
Ruhevoll hob Herr Knipp die Angelschnur heraus und senkte sie in schönem
Schwunge wieder in das glucksende Wasser. „Heute beißen sie gut an, weil
ein Wetter im Anzuge ist ... Der Bursch lebt schon lange nicht mehr. Der
war ein Unzufriedener. Den hat die Unruhe aufgezehrt, die
Unzufriedenheit mit dem Gang der Welt. Schließlich hat er noch geklaut,
kam ins Gefängnis und ist auch drin gestorben.“
Ein Mensch, überschlafen, träge, nimmt sich ein dutzendmal vor, endlich
aus dem Bett zu steigen, und bleibt immer wieder liegen. Unversehens
sind seine Beine außerhalb des Bettes. Wie in diesem Trägen vielerlei
zusammen das plötzliche Aufstehen bewirkt hat, ohne daß das treibende
Vielerlei ihm ganz bewußt geworden wäre, tauchten auch in Jürgen die
Fahrt mit dem Agitator zur Arbeiterversammlung im ‚Paradies‘, die
fünftausend Arbeitergesichter, das fahle Gesicht des Schwindsüchtigen,
Katharinas Rufe: ‚Die Befreiung!‘ und seine Empfindungen und Gedanken an
jenem Abend nur schemenhaft und unkontrolliert auf; dennoch verursachte
all dies zusammen, in Verbindung mit des Anglers Worten, in Jürgen, der
sich sofort erhob, plötzlich das feste Gefühl, er habe sich nun lange
genug ausschließlich mit sich beschäftigt.
Und aus einer ganz andersartigen Unruhe als der, die ihn veranlaßt
hatte, den erinnerungsträchtigen Angelplatz aufzusuchen, löste sich
sofort der Gedanke, Bewußtsein und Erkenntnis dürften nicht um ihrer
selbst willen erstrebt und gepflegt werden.
„Es ist erfüllt. Nun ist es Zeit“, sagte Jürgen, freudigen und schweren
Herzens zugleich, als er zielbewußt weiter schritt.
Der wolken- und sonnenlose Himmel sah krank aus. Die Landschaft glich
einem schlechten, leblosen Riesengemälde. Der Dackel zögerte, blieb
stehen, legte sich in die Straßenmitte. Die Vögel waren verschwunden.
Kein Ton. Jürgen betrachtete das meterhohe Getreidefeld. Die völlige
Reglosigkeit der Halme und Ähren machte auf ihn den Eindruck der
Unnatürlichkeit und Schaurigkeit. Erst als Jürgen schon weit voraus war,
erhob sich der Hund.
Vereinzelte Tropfen fielen schwer in die Wind- und Luftlosigkeit. Als
wäre der Himmel zu spannungslos und matt, den Sturm zu entfesseln,
endete der Regen wieder. In der Nähe schrie ein Tier angstvoll dreimal.
Und eine Sekunde später durchzuckte der trockene Blitz das ganze Tal.
Wie auf ein Zeichen mit dem Taktstock bewegten sich alle Ähren
gleichzeitig. Das Tal begann zu singen. Blitze aus weiter Ferne zogen
schwachen Donner nach. Der Apfelbaum fröstelte. Ein alter Lappen machte
einen Sprung quer über die Straße, blieb einen Windstoß lang
ausgebreitet in halber Höhe gegen das Getreidefeld gepreßt und fegte,
knapp über den Ähren, davon.
Jürgen hatte die Feldhütte noch nicht erreicht, da krachte der erste
Donnerschlag, begleitet von schräg herabplatzenden Wassermassen. Der
Dackel saß zu Füßen Jürgens und bellte hinaus in den Wolkenbruch.
Als Felder, Wald und Fluß, das ganze Tal, im Wetter verschwunden
gewesen, wie aus dem Nichts wieder entstanden, ging Jürgen auf eine
weiße, unübersteigbar hohe Mauer zu, schnellen Schrittes, im Antlitz das
Lächeln der Befreiung.
Das schwere Bohlentor öffnete sich, eine Droschke fuhr heraus. Jürgen
lief ein paar Schritte, sprang durch das Tor, hinein in die
Irrenanstalt. Das Tor schlug zu. „Führen Sie mich zum Arzt.“
Der stand noch in der Freihalle, kam schon geeilt.
„Sie warten wohl schon lange auf mich?“
„Aber nein! Das heißt, ich freue mich natürlich sehr, Sie zu sehen, Herr
Kolbenreiher ... Beruhigen Sie sich! Bleiben Sie hier! Nur Ruhe!“ rief
er beschwörend Jürgen zu, der ruhig lächelnd zurückblickte.
Der patschnasse Dackel kam, die Leine hinter sich herschleifend,
angerast, bellte vorwurfsvoll an dem geschlossenen Tor hinauf und
drückte sich, auf der Hinterbacke sitzend, Vorderpfoten aufgestellt,
gegen die Mauer, blinzelte unzufrieden in den noch mit schwarzblauen
Wolken verhängten Himmel. Rasch hintereinander krachten zwei
Donnerschläge.
„Was kostet jetzt der Aufenthalt in Ihrem Hause, mit voller
Verpflegung?“
„Das richtet sich nach der Lage und Einrichtung des Zimmers. Sozusagen
nach der Klasse. Dreierlei Preise!“
„Wie bei der Eisenbahn!“
„Wir berechnen Ihnen den Aufenthalt und selbstverständlich auch die
Behandlung so kulant wie möglich. Sie wollen und werden ja auch wieder
gesund werden.“ Der Arzt nannte die Summen.
„Und lebenslänglich?“
„Das verbilligt die Sache allerdings noch erheblich.“
„Dann am besten lebenslänglich, was?“
„Sehr vernünftig!“
„Nicht wahr! ... Sind viele Kranke hier?“
„O, ganz besetzt! Sehr interessante Patienten!“
„Und alle nicht bei sich?“
„Dies allerdings dürfte für alle so ziemlich zutreffen, im großen ganzen
... So kommen Sie doch schon her!“ rief er dem Oberwärter zu.
„Ich wollte, Herr Doktor, ich wollte diese Mauer, diese hohe Mauer, mir
nur einmal von innen ansehen. Ich danke schön. Guten Tag, Herr Doktor“,
sagte Jürgen, kehrte um und schritt zum Tore hinaus.
„Entronnen!“ Auf der Brücke zog er den Revolver und ließ ihn senkrecht
hinunterfallen in das Wasser. „Entronnen!“ In den Schultern fühlte er
das Leben und die Kraft zu neuem Anfang.
Jürgen fuhr mit der Straßenbahn bis zur Endstation, erreichte Minuten
später die Haustür. Sie war nur angelehnt.
„Ja, was denken Sie! Die ist nie zuhaus“, sagte Katharinas Wirtin.
„Jetzt ist das nicht mehr so wie früher. Jeden Tag Versammlungen! Und
dann noch in die Redaktion. Jetzt erscheint die Zeitung ja täglich. Und
wenn sie ja einmal da ist, sitzt sie gleich die halbe Nacht an der
Schreibmaschine. Jetzt gibts viel Arbeit. Ein Buch schreibt sie auch. So
dick! Das soll gedruckt werden.“
Ein volles Bücherregal nahm die ganze Längswand ein. Auch ein Teppich
verschönte das Zimmer. Auf dem Tische lag ein gedruckter Handzettel: Die
Aufforderung zum Besuche der heutigen Massenversammlung im ‚Paradies‘.
Gegenüber dem ‚Paradies‘ standen zwei Schutzleute, unter dem Eingangstor
drei Arbeiter, die sich lebhaft unterhielten, und neben einem Stoße
Broschüren ein vierzehnjähriger Knabe, der sicheren Blickes auf Jürgen
zuschritt: „Der Kampf um den Sozialismus!“