„Den wollen Sie nicht sagen, verstehe schon. Das kommt bei uns öfters
vor ... Mit einer besonderen Prämie, die Sie demjenigen meiner Leute
auszubezahlen hätten, der den Aufenthaltsort dieses Schuftes nachweist.“
„Er ist kein Schuft. Im Gegenteil: wir sind Schufte!“
„Erlauben Sie! Gewöhnlich sind meine Auftraggeber sehr achtbare Leute,
die irgendeinen Schuft suchen lassen.“
„Glauben Sie mir, es ist genau umgekehrt.“
„Wie also sieht dieser Herr Jürgen Kolbenreiher denn nun eigentlich aus,
im großen ganzen? ... Sie wohnen doch im Hotel, nicht wahr?“
„Ich habe im Hotel einen falschen Namen angegeben. Den Namen desjenigen,
den ich suche. Sie verstehen?“
„Verstehe schon!“
„Ich bin nämlich ... Ach nein, ich bin nicht. Das heißt, ich wollte
sagen: ich bin inkognito hier, ganz und gar inkognito ... Wie Jürgen
Kolbenreiher jetzt aussieht, das weiß kein Mensch auf der Welt. Denn es
ist ganz unmöglich, zu wissen, wie ich aussehen würde, wenn ich so
geworden wäre, wie ich bin. Das ist ja das Hoffnungslose.“
„Nichts ist hoffnungslos. Ich habe schon schwerere Fälle mit gutem
Erfolge zu Ende geführt. Beruhigen Sie sich. Nur Ruhe! Ich selbst werde
den Fall bearbeiten. Und was die Extraprämie anlangt, so ist sie fällig,
nachdem Sie selbst zugegeben haben werden, daß dieser von Ihnen gesuchte
Jürgen Kolbenreiher gefunden ist. Welche Summe also ...?“
„Jede Summe! Meine Villa, drei Mietkasernen, ein Riesenvermögen in
Wertpapieren. Nehmen Sie alles, was ich habe, und geben Sie mir dafür
Ihn!“
Hinausbegleitet, verließ Jürgen das Bureau, nicht weniger Hoffnung im
Herzen als der Detektiv, der, tief in Grübelei versunken, einen
Bratensaucetropfen von seinem seidenen Rockaufschlag abkratzte, an die
Villa, die Mietkasernen, an das Riesenvermögen dachte und keine Lust
mehr hatte, des Dienstmädchens Alimentationsfall zu bearbeiten.
Jürgen stand schon vor einer Plakatsäule, an der ein roter Zettel
klebte, mit der Aufschrift: ‚Es geschieht alles, was du willst, nur
kehre zurück.‘ Im Auto fuhr er in das Plakatinstitut.
„Mit jedem Tausend mehr, das Sie drucken lassen, steigt die
Wahrscheinlichkeit, daß Sie diesen Herrn Kolbenreiher finden.“ Der
Unternehmer ließ die Augenbrauen fallen. „Das ist doch klar, nich?“
„Fünftausend? ... Zwanzigtausend?“
„Sind besser als zehntausend! Jetzt die genaue Beschreibung.“
„Die gibts nicht.“ Er zog die Jugendphotographie aus der Tasche. „Hier
ist das Bild dieses Menschen. Mein Jugendbild! Aber jetzt kann Jürgen
Kolbenreiher unmöglich so aussehen. Und auch nicht so.“ Er deutete auf
sein Gesicht.
„Sagten Sie vorhin nicht, Sie selbst seien Jürgen Kolbenreiher?“
„War ich! Bin ich wieder, wenn ich ihn gefunden habe.“
„Hören Sie mal, einem Schwachsinnigen nehme ich kein Geld ab. Nee, ich
bin doch keen Schnapphahn. Hab ich nich nötig ... Greifen Sie sich an
den Kopf und sagen Sie sich: Da hab ich mich.“
„Wenn das so einfach wäre! Wenn ich einen Kopf hätte!“
„Na, denn rin in die Gummizelle!“
Die Konkurrenz machte das Geschäft. Und schon am folgenden Tage war an
allen Plakatsäulen zu lesen, welche Summe demjenigen ausbezahlt werde,
der den Aufenthaltsort Jürgen Kolbenreihers angeben könne. Auf den
knallroten Zetteln klebte Jürgens Photographie, die eigens zu diesem
Zwecke aufgenommen worden war. Ein gewisser Anhaltspunkt sei die
Photographie ja doch, hatte der Plakatmann gesagt.
Den ganzen Tag durchquerte Jürgen suchend die Stadt. Niemand erkannte
ihn. Der Detektiv machte den Versuch, das Geld zu verdienen. Einen
Irrenarzt brachte er gleich mit ins Hotel.
Jürgen zeigte den beiden seine Jugendphotographie. „Nehmen Sie an,
dieser Mensch wäre auf dem Wege, den zu gehen er als seine Pflicht
erkannt hatte, weitergeschritten, vierzehn Jahre älter geworden: wie
würde er dann jetzt aussehen? Sicher nicht so wie ich ... Schaffen Sie
mir den richtigen Mann bei, dann bezahle ich.“
„Ich habe den richtigen Mann für Sie mitgebracht. Der wird Ihnen fix
klarmachen, daß Sie selbst der Gesuchte sind“, sagte resolut der
Detektiv. „Nicht wahr, Herr Doktor?“