„Im Gegenteil! Das Ganze Halt! Ich sage Ihnen, auf diese Weise nähern
die Menschen sich, auch wenn sie ihr ganzes Leben lang so weiter rasen,
nicht um einen Millimeter dem Ziele, während vielleicht ich, ah, glauben
Sie mir ...“
Der Schutzmann hielt, als schwöre er zu Jürgens Worten, die Hand
erhoben, senkte sie: Zeitbesessene Menschengruppen, Straßenbahnen,
überfüllte, dunkelbrüllende Riesenautobusse, springende Häuser, nahmen
das Rennen wieder auf, die Leipziger Straße hinauf, schwemmten Jürgen
mit, der, ein Lächeln unbegreiflicher Zuversicht im Antlitz, mitten auf
dem Fahrdamm schritt.
Autos, von rückwärts und von vorne kommend, sausten auf ihn zu und,
sekündlich ausweichend, in unvermindertem Tempo vorbei, knapp, daß nicht
handbreit Zwischenraum geblieben war. Chauffeure glotzten wütend,
schimpften, waren weg. Passanten staunten.
Das Lächeln der Zuversicht verschwand. „Unverwundbar? Luft? Nicht
vorhanden? Autos fahren durch mich durch!“ Beide Handflächen schnellten
zu den Schläfen, fanden keinen Kopf. Das graue Entsetzen stieß ihn
weiter.
Menschen, einer flüchtenden, schwarzen Tierherde gleich, rannten, von
der Straße weg, eine Treppe hinunter, rissen Jürgen mit, hinab in das
mit Reklamebildern austapezierte Erdmaul, hinein in die verhalten
bebende Maschine.
Eingeklemmt zwischen Passagiere, die, vorausblickend, in Gedanken schon
bei ihrer Zielstation angelangt waren, sauste Jürgen unter der Stadt
durch, flüsterte, die Hand am Munde, in ein Menschenohr: „Alles rennt
und hetzt, hin und her, kreuz und quer, Tag und Jahr. Komisch und
bedeutsam! Denn – denn die Banken schießen auf. Neue Stockwerke werden
aufgesetzt, Kutscherkneipen umgebaut zu Wechselstuben. Dies, ich sage
Ihnen, dies ist das Zeichen.“ Er hob, wie vorhin der Schutzmann, die
Hand, warnend, als wolle er aufmerksam machen auf eine heranrollende
ungeheure Katastrophe.
Die Bahn sauste empor, über eine gespreizte Eisenbrücke. Jürgen wurde
auf den Asphalt gestellt, blickte umher. Trambahnen, Hoch- und
Stadtbahnzüge kreuzten einander, spien Menschenmassen aus, nahmen andere
auf.
Zum beschäftigten Hotelportier sagte er in falscher Gleichgültigkeit, er
sei und heiße Jürgen Kolbenreiher. „Hier, mein Paß! Überzeugen Sie
sich!“ „Gilt schon!“ Füllte den Meldezettel aus.
Und hüpfte in seinem Zimmer vor Vergnügen, den Portier getäuscht zu
haben. „Was die andern können, kann auch ich. Auch ich kann ein
Vorhandensein vortäuschen, das keines ist. Muß mich nur auch
selbstbewußt benehmen, darf niemand merken lassen, daß ich nicht bin.
Denn jemandem, der nicht ist, gibt niemand Auskunft. Und ich werde viele
nach mir fragen, werde lange nach mir suchen müssen, eh ich mich finde.“
Er horchte auf das Brausen der Stadt. Das klang wie das Bellen von
Millionen vor Hunger irrsinnig gewordener Hunde.
Plötzlich sah er deutlich, wie Jürgen langsam durch eine Straße ging,
vorbei an einem Hutgeschäft, und im Gewühle verschwand. Konnte nicht
ermitteln, ob er diese Straße und dieses Hutgeschäft in Paris, Berlin
oder Rom gesehen hatte.
„Es gibt so viele, ach, so viele Straßen und so viele Hutgeschäfte auf
der Welt.“ Mutlos ließ er sich in den Sessel sinken.
„Was mag er jetzt denken? Was fühlte er in dieser Sekunde?“ Jürgen zog
die Uhr. „Wenn ich ihn gefunden habe, frage ich ihn, was er in diesem
Augenblick, um dreiviertel sechs, gedacht hat. Ach, wie wunderbar wäre
es, zu wissen, was ich gegenwärtig denke ... Der Mensch denkt. Welch
unbegreifliches Wunder ist das Denken! ... Daß er aber auch gleich
wieder verschwunden ist! Wird schwer zu finden sein. Ich muß mir ein
System ausdenken. Ein Schema. Ich muß systematisch vorgehen.“
Mit Bedacht setzte er die Maske der Gleichgültigkeit und Sicherheit auf,
schritt zur Klingel. Und kramte dann doch, das Gesicht abgewendet, im
Koffer, als er zum Kellner sagte: „Bitte, bringen Sie mir einen
Stadtplan ... Sie können mir auch ein Schinkenbrot mitbringen, wenn Sie
wollen.“
„Ausgezeichnet! Das habe ich ausgezeichnet gemacht. Denn ein Mensch, der
ein Schinkenbrot verzehren kann, ist vorhanden. Das ist klar. ‚Sie
können mir auch ein Schinkenbrot mitbringen, wenn Sie wollen.‘
Großartig! Dieses ‚Wenn Sie wollen‘ war sehr gut.“
Und als der Kellner den Stadtplan brachte und ein Brot mit Wurst, da
Schinken nicht im Hause sei, tat Jürgen verdrießlich. „Ich hätte lieber
Schinken gegessen. Nun, es kann auch Wurst sein.“ Der Kellner wollte
gehen.
„Einen Augenblick!“ Er schnitt ein Stück ab, steckte es vor des Kellners
Augen in den Mund. „Wieviel Einwohner hat Berlin? Ich suche nämlich
jemand“, sagte er und kaute eifrig für des Kellners Augen. „Deshalb habe
ich mir den Stadtplan bringen lassen. Die Wurst ist übrigens sehr gut.
Sehr gut! ... Und morgen bringen Sie mir zum Frühstück warme Milch und
eine Semmel. Nur etwas warme Milch! Ich habe nämlich einen schwachen
Magen.“
„Sehr gut gemacht! Bewundernswert! Nur etwas warme Milch. Ich habe
nämlich einen schwachen Magen.“ Er hüpfte. „Es wird. Es wird.“
Eifrig studierte er den Stadtplan, zog Blaustiftstriche von
Schmargendorf nach Wilmersdorf, über Charlottenburg weg nach Rixdorf,
bohrte auf das e von Steglitz ein i und kicherte: „Stieglitz“. Trillerte
wie ein Stieglitz. Trillerte noch, als er schon im Bett lag. Und
trillerte sich lustig und hoffnungsvoll in den Schlaf hinein.
Erwachte morgens mit dem Rufe: „Hahaha, einen schwachen Magen! O, hätte
ich nur einen schwachen Magen, ein Magengeschwür, qualvoll und
lebensgefährlich. Wäre doch immerhin ein Magen.“
Trank hastig die warme Milch und stellte, die staunenden Augen
vergrößert, die leere Tasse auf den Tisch. „Aber ich trank ja eben
Milch. Ich! Ich trank. Ein Mensch trank Milch. Also muß dieser Mensch
doch einen Magen haben und muß ein Mensch, muß vorhanden sein.“
Da lächelte er ein schlaues, anerkennendes Lächeln, als habe er einen
besonders fein angelegten Betrug durchschaut. „Ist es mir also
tatsächlich gelungen, sogar mir selbst vorzutäuschen, ich hätte einen
Magen. Wunderbar! Kein Mensch wird merken, daß ich nicht vorhanden bin.“
Langsam und vorsichtig, um nichts zu verschütten, trug er die leere
Tasse zum Kübel, leerte die nicht vorhandene Milch aus, hörte das
Plätschern. Und riß sich zusammen. „Jetzt aber los!“
Es war erst sieben Uhr. Die starke Luft stand noch unverbraucht in den
Straßen. Jürgen hatte große Eile, sprang in Stadtbahnzüge, die schon
angefahren waren, wurde von der Untergrundbahn im Westen abgesetzt, von
der Straßenbahn quer durch die ganze Stadt nach Berlin N getragen, auf
dem Dache eines Autobusses nach Wilmersdorf zurück.
Sein Schema benutzte er nicht. Denn immer, wenn er planvoll vorgehen
wollte, fürchtete er, Jürgen werde zu der Zeit, da er ihn in Berlin O
suche, in Berlin W sein. Er fragte viele Vorübereilende, ob sie wüßten,
wo Jürgen Kolbenreiher sich momentan aufhalte.
„Der Vortragskünstler? Ah, das Weinrestaurant mit der Bar?“
„Nein, ein sehr entfernt Bekannter von mir.“
„Und ich soll wissen, wo der ist?! Sind Sie wahnsinnig!“
„Ja.“
„Frechheit!“ Der Wütende sauste weiter.
Nach vielen verständnislosen Rückfragen des dicken Dienstmannes, der auf
seinem Bänkchen saß, sagte Jürgen: „Vielleicht ist er in Odessa.“
„Na, denn fahren Sie man nach Odessa.“
„Können vielleicht Sie mir sagen ...“
„Keine Zeit!“
„Er hat ... keine ... Zeit.“ Traurig blickte er den Händen nach, die den
Weg hinter sich schaufelten.
Wurde von den Hetzenden da- und dorthin gewiesen, angeschrien,
stehengelassen, von Bummlern ausgelacht. Durchstreifte Restaurants,
Kaffeehäuser, Kirchen, Warenhäuser, Kutscherkneipen, wurde in das
Reichstagsgebäude nicht hineingelassen und aus einem Automatenrestaurant
herausgeworfen, weil er, anstatt in den Schlitz, die Metallmarke dem
verblüfften Kellner in den Mund geschoben hatte.
Als er nach langer Fahrt vor dem Meldeamt ankam, war es schon
geschlossen. Als erster stand er um zwei Uhr wieder vor dem
Schalterfenster, bekam einen Zettel zum Ausfüllen. Sog den Staub- und
Papiergeruch ein. Riecht wie in unserer Buchhaltung, dachte er. Und
reichte, bebend vor Erwartung, den Zettel dem Beamten.
Der unterhielt sich mit seinem Kollegen, schimpfte über die schlechte
Beleuchtung, stand plötzlich reglos und sah aus, als denke er.
‚Alle Menschen denken in jeder Sekunde ihres ganzen Lebens irgend etwas.
Nur ich ...‘ „Was denken Sie momentan?“
„Nichts“, bekannte mechanisch der Beamte. Dann erst staunte er und
begann zu suchen.
„Ist er hier gemeldet?“ fragte Jürgen gierig. „Kolbenreiher mit H!“
Der Beamte gab keine Antwort; er unterhielt sich weiter mit seinem
Kollegen über die Tatsache, daß ein Teppichgeschäft in Berlin N den
Mitgliedern der Beamtenorganisation zehn Prozent Rabatt gewähre, fragte,
ob er diesen Rabatt wohl auch bekäme, wenn er nur zwei ganz einfache
Bettvorleger kaufe. „Wenn nicht, würde ich lieber Strohmatten nehmen.
Kosten kaum die Hälfte.“
„Und halten auch vierzehn Tage!“
„Haben Sie den Personalakt gefunden?“ Jürgen streckte den Oberkörper
durch das Schalterquadrat.
„Man darf eben nicht mit den Schuhen darauftreten ... Nun, wenn man früh
aufsteht ...“
„Ist er hier gemeldet?“
„... hat man ja in Berlin keine Schuhe an ... Nein, ein Jürgen
Kolbenreiher ist bei uns nicht gemeldet.“ Das Schalterfenster klatschte
knapp vor Jürgens Stirn herunter.
‚Vielleicht lebt er einfach unangemeldet. Ich natürlich weiß am
allerwenigsten, ob er dazu fähig ist.‘
Vollkommen gefühl- und empfindungslos geworden, stand er in der
verkehrreichen Straße, gleich einem zu Eis erstarrten Gegenstand, der in
der lebendigen, sengenden Sonne steht und nicht schmilzt.
In allen Menschengesichtern, die an ihm vorbei auf Körpern straßauf,
straßab getragen wurden, stand, ob sie sprachen oder schwiegen, lachten
oder dachten, die selbe eisesstarre Einsamkeit.
So unabänderlich einsam, wie die Fliege, die, mit dem dicken Kopf voran,
im Zickzack durch die Luft zuckt, dachte Jürgen und beugte sich,
durchschüttert plötzlich von wunderbarem Wehgefühl, hinab zu zwei
kleinen Kindern, die im Erdrund eines Baumes hockten und, in den Augen
noch das volle Leben, hingegeben mit Steinchen spielten.
‚Und in zehn Jahren wird die große, lebendige, schmerzliche Sehnsucht
kommen, in weiteren zehn Jahren auch für sie die unlebendige graue
Einsamkeit, da auch sie gleich allen dann die Sehnsucht nicht mehr haben
werden.‘
Ihn trieb die Sehnsucht, wiedererstanden in ihm durch das Erblicken der
zwei noch im Fluß des Lebens spielverbundenen Kinder, weiter straßauf,
straßab.
„Ja, der wohnt dort in dem gelben Haus.“
Das Herz blieb stehen. Klopfte noch immer nicht wieder. Begann in
rasendem Tempo zu hämmern. Die Schläfen, graukalt geworden, stiegen über
den Kopf empor. Todesangst packte und erfüllte ihn bei der Vorstellung,
ihm, den er verraten und verkauft hatte, in die Augen zu blicken.
Der am ganzen Körper Zitternde wußte, daß er auf der Stelle tot
zusammenbrechen werde, angesichts des Andern; dennoch trug letzte
Bereitschaft, die Glieder lösend selig ihn durchströmte, Jürgen auf das
gelbe Haus zu, bis vor das Porzellanschild.
Er sank, sank, sank. Stand endlich, Beine und Füße aus Blei, auf dem
Asphalt und las wieder und wieder den nur ähnlich klingenden Namen.
Alles Leben, das ganze Gewicht seines Körpers schien in den Beinen zu
sein, so schwer waren sie geworden, als er sich weiterschleppte, toten
Blickes.
Die Detektei erreichte Jürgen noch knapp vor Bureauschluß. Mit dem
ersten Blick schätzte der Inhaber den gut gekleideten Kunden auf die
Vermögensverhältnisse hin ein, bemerkte schon nach zehn Sekunden, daß
der vor ihm stand, den er suchen sollte, ließ sich eine Anzahlung geben.
Am Morgen hatte Jürgen zu seiner Verwunderung gegen einen Scheck,
unterschrieben mit dem Namen Jürgen Kolbenreiher, anstandslos eine große
Summe ausbezahlt bekommen. „Haben Sie Hoffnung?“
„Aber gewiß doch! Von der Hoffnung lebt man heutzutage ... Wie wärs mit
einer Extraprämie, Herr ... Pardon, wie ist Ihr Name?“