Wochenlang wußte niemand, wo er war. Phinchen, von neugierigen Nachbarn
befragt über das scheue Verhalten Jürgens in der letzten Zeit,
verweigerte jede Auskunft. Und Herr Wagner, bestrebt, unliebsame
Gerüchte, die das Ansehen der Bank schädigen könnten, nicht aufkommen zu
lassen, sprach von einer wichtigen Geschäftsreise so vorsichtig und
wortkarg, als würde schon ein einziges schlechtgewähltes Wort
Riesenverluste für die Bank bedeuten.
Endlich erzählte ein Kunde, er habe Jürgen in Rom gesehen – nannte Tag
und Stunde – und zwei Tage später noch einmal in der Halle des selben
Hotels, leider nur sehr flüchtig, da Jürgen, offenbar in besonders
dringenden Geschäften, in größter Eile auf das wartende Auto
zugeschritten sei.
Herr Wagner machte ein wissendes Gesicht. Und schwieg auch dann noch,
leise zwinkernd, als ein Pariser Geschäftsfreund ruhig lächelnd
behauptete, das sei nicht gut möglich, denn an dem dazwischenliegenden
Tage habe er selbst in Paris im Direktionsbureau sich mit Jürgen
unterhalten und persönlich ihm eine große Summe gegen einen Scheck des
Hauses Wagner und Kolbenreiher ausbezahlt. „Das war am ...“
„Stimmt!“ unterbrach Herr Wagner. „Beides stimmt. Es gibt Fälle, meine
Herren, wo die Geschäftskonstellation unsereinen zwingt, schneller als
eine Schwalbe zu sein.“
Der Zeigefinger sank. Was aber, wenn jetzt noch einer kommt und
behauptet, er habe ihn um die selbe Zeit in London gesehen? dachte Herr
Wagner,
während Jürgen, in der Droschke ungeduldig vorgebeugt, überdacht von
einem rot- und weißgestreiften Riesensonnenschirm, vom Bahnhof der
südlichen Hafenstadt in das Hotel fuhr, in dem er vor vierzehn Jahren
als Neuvermählter mit Elisabeth gewohnt hatte.
Ein Servierkellner verscheuchte mit der Serviette Fliegen von den
blumengeschmückten, weißgedeckten Tischchen. Gegenüber schliefen zwei
braungebrannte Männer auf den breiten Steinstufen im Schatten des
Palastes.
„Sagen Sie mir, aber aufrichtig: ist Herr Jürgen Kolbenreiher im Hause?“
Zurückweichend drehte der Kellner sich um sich selbst und schlug dabei
mit der Serviette heftig in die Luft nach einer großen Bremse. „Ich
werde sofort nachsehen.“
Der dicke, befrackte Oberkellner blieb, den Zahnstocher noch im Munde,
im kühlen Hausflur stehen, zeigte Jürgen, der draußen im Sonnenbrande
stand, fragend und verneinend beide Handflächen und deutete plötzlich
und schwungvoll mit beiden Händen einladend flurwärts.
„Nicht dagewesen? ... Ist das Zimmer Nummero 7, mit Aussicht auf den
Hafen, frei? ... Dieses Zimmer nämlich hätte er genommen“, sagte er beim
Hinaufgehen. Und erkannte sofort den geblumten Überzug der Ottomane
wieder.
Setzte sich in den Sessel. Plötzlich sah er, wie damals, Jürgen mit
Elisabeth in der Halle eines Pariser Hotels stehen. ‚Das bin ja gar
nicht ich. Das ist ein ganz anderer. Nicht der, den ich suche ... Wenn
ich wenigstens nur den finden würde, der hier in diesem Zimmer gesessen
hatte. Denn auch der wußte, daß der in Paris herumlebende Schuft nicht
Jürgen war. Aber wo, wo ist er, der dies wußte? Wo?‘
„Hier ist er also nicht? In diesem Zimmer wohnt er nicht?“
„Dieses Zimmer ist frei, Herr.“
„Aber es war doch nicht immer frei! Sagen Sie mir – aber denken Sie
scharf nach –: ist Herr Jürgen Kolbenreiher nicht doch hier gewesen in
der letzten Zeit? Dieser selbe Herr Kolbenreiher nämlich, der vor
vierzehn Jahren einige Tage in diesem Zimmer gewohnt hat mit seiner
Frau! Mit einem Fisch! Sie erinnern sich! Unveränderlich in ihrem Wesen.
Kühl! Kühl! Nur in der Nacht, in der Nacht, wenn die Liebe erwacht ...
Er bezahlte damals – ich erinnere mich genau –, da er anderes Geld nicht
hatte, Ihnen persönlich die Rechnung in Mark.“
„Eine blonde Dame? Mark! Ah, Mark! ... Der Herr ist damals gleich
abgereist und seither nicht mehr hier gewesen.“
„Abgereist?“ Jürgen fuhr sofort zum Bahnhof und reiste ab. Mit dem
ersten Zuge, der ausgerufen wurde. Endstation Berlin.
Wurde achtzehn Stunden später von den hastig und zielbewußt
Auseinanderstrebenden mitgerissen durch die Berliner Bahnhofshalle und
hinausgestellt auf den Platz, zwischen brüllende Zeitungsverkäufer,
schnelle Radler, brüllende Autos, hetzende Fußgänger, und verharrte
reglos: eine Achse, um die herum das Leben der flachen Stadt sauste.
Auf dem Potsdamer Platz, dem Mittelstück verkehrreichster Straßen, stand
der Schutzmann, das Blasinstrument am Munde, die Hand dirigierend
erhoben.
„Die Richtung! Bitte! Ich bitte. Die Richtung! Welche Richtung führt zu
mir?“ fragte er den Schutzmann.